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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#16

RE: Haruki Murakami

in Die schöne Welt der Bücher 13.08.2013 20:22
von Taxine • Admin | 5.902 Beiträge

Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt


„Genau genommen ist das hier nicht einmal eine Stadt, sondern etwas Fließendes, ein ganzer Kosmos. Die Stadt bietet alle Möglichkeiten, ändert unaufhörlich ihr Aussehen und erhält sich damit die Vollkommenheit. Das heißt, Vollendung bedeutet in dieser Welt hier keinen starren Zustand, sondern einen allmählichen Prozess, Bewegung. Wenn ich mir also einen Fluchtweg wünsche, gibt es auch einen!“


Hier hat Murakami ein wahres Glanzstück seines Könnens vorgelegt. Wie in einigen anderen seiner Romane, trifft der Leser auch in diesem Werk auf zwei sich unterscheidende und zunächst in den jeweilig aufeinander folgenden Kapiteln getrennt voneinander verlaufende Welten, die irgendwann nahtlos ineinander fließen, ohne jedoch die Verschiedenheit einzubüßen. Die eine weist eher alltäglich realistische, leicht futuristische Züge auf, die andere Welt wirkt wie ein Traum, ein poetisches Bild, eine Fantasie voller schimmernder Worte, Fabelwesen und Metaphern.

Jeweils erzählt eine Ich-Stimme die Begebenheiten. Während in der ersten Welt, im so genannten „Hard-boiled Wonderland“ dem Berichtenden die Arbeit als Kalkulator zum Verhängnis wird, zwei verschiedene Machtinteressen („das System“ und „die Fabrik“) auf Datenklau aus sind, dabei im Grunde ein und dasselbe bleiben, ein Professor ihn als Versuchskaninchen für die Erforschung des Unterbewusstseins benutzt und damit erst die verhängnisvolle Teilung in zwei Welten ermöglicht, bekommt der Erzähler in der anderen Welt seinen Schatten abgenommen (man ist sofort an Chamissos Schlemihl erinnert, der seinen Schatten verkauft) und soll als Traumleser in einer Bibliothek arbeiten, wobei alte Träume (die sich später als Identitäten herausstellen) in schimmernd weißen Einhornschädeln lagern.
Für diese Arbeit verliert er einen Teil seines wertvollen Augenlichts, mit dem Verlust seines Schattens gleichzeitig seine Erinnerungen, und mit dem langsamen Dahinsiechen seines losgelösten Schattens würde er unweigerlich seine Seele, damit sich selbst verlieren. Der Schatten darf also nicht sterben, daher gilt es, die Flucht vorzubereiten. Die Seele muss in jedem Fall gerettet werden.

Das alles wird so fein ausgesponnen und einfach erzählt, dass das Buch neben der sich erst nach und nach entfaltenden Tiefe äußerst unterhaltsam wirkt. Man möchte einfach herausfinden, was geschehen wird, ist gespannt, worauf alles hinausläuft, wie diese Welten sich nach und nach miteinander verbinden und endlich die Zusammenhänge aufweisen, die ein Verständnis möglich machen. Nichtsdestotrotz deutet der Leser von vorne herein, zieht eigene Schlüsse, schafft Verbindungen. Murakami, wie immer ein Meister darin, lässt offene Bereiche und schafft dennoch die notwendigen Andeutungen, um die Zusammenhänge deutlicher werden zu lassen, in diesem Roman fast einfacher als in seinen anderen, wo er sich so mancher tieferen Erklärung entzieht und es dem Leser überlässt, sich „seine Sicht“ der Idee zusammenzureimen.


Was sich zunächst als eine Art „Vorher“ und „Nachher“, ein "Hard-boiled Wonderland" und das "Ende der Welt", ein Außen und Innen andeutet, wird schließlich zu einer ausgewogenen Gleichzeitigkeit, einem faszinierenden „Nebeneinander“ in Übereinstimmung eines zurückbleibenden Charakters, der eben nicht über seinen eigenen Schatten springt und die innere Welt der äußeren vorzieht.

Aber vielmehr als die Geschichte ist die Philosophie dieses Romans ein Meisterwerk an einfacher Darstellung. Die Zeit, die Seele, das Ego, der Verlust beider, der Tod, die Unsterblichkeit, die Welt, wie wir sie kennen und nicht kennen, Traum und Wirklichkeit, all das wird einfach subtil genial umrundet. Und im Schatten liegen die Erinnerungen …

Man könnte es auch anders formulieren:
Hat der Mensch nur noch wenige Zeit zu leben, wird er sich der Details bewusst. Der Tod ist hier gleichbedeutend mit einem Wechsel in eine andere Welt, mit der Unsterblichkeit. Ein Widerspruch, der für das Paradox steht, für Zenons fliegenden Pfeil, und genau darum möglich wird. Alles gewinnt neue Bedeutung. Der Lärm, den die Welt ansonsten auf den Menschen ausübt und ihn vom Wesentlichen ablenkt, wird auf einmal nostalgisch vermisst und darum umso intensiver gelebt. Kleinigkeiten, Alltag, Küchen, all das gewinnt höhere Bedeutung, als würde Murakami darauf verweisen wollen, dass alleine zählt, das Jetzt zu leben, dass es aber gleichzeitig auch wichtig ist, bei diesem Versuch, die reine Gegenwart zu erfassen, nicht zu sehr nach Höherem zu streben, weil das nur Zeitverschwendung ist, der Mensch sich auf sich selbst zu besinnen hat, auf das, was ihn umgibt, was er begreifen kann.

Zitat von Murakami
„Die Seele eines Menschen würde sich sowieso nie gänzlich „auslesen“ lassen, da könnte man sich noch so anstrengen. Ihre Seele ist da, hier und jetzt, und ich kann sei fühlen, erfassen. Was will ich mehr?“



Beide hier dargestellten Welten enthalten jeweils viel von dieser Suche, in denen der Protagonist zu sich selbst zu finden hat. Es gilt, wie bei der Schnecke, aus dem Gehäuse zu kriechen und die Dunkelheit durch Licht und Erkenntnis zu überwinden.


Man könnte hier weiter deuten, dass ZEN eher Sinn für Murakami macht als z. B. der Mahayana Buddhismus mit seiner ewigen Suche nach Vollkommenheit, Erkenntnis und dem Erreichen des Nirwanas. Er verweist auf den Verlust des Egos und den Gleichklang des Lebens ohne Höhen und Tiefen, bei dem die Menschen allerdings auch ihre Seele verlieren und damit unsterblich, also tot sind. Diese Welt ist in sich geschlossen perfekt, jedoch ergibt sie keinen Sinn, ist kein Leben. Murakami gesteht dennoch selbst unter diesen Bedingungen einen gewissen „Bereich“ zu, der Alltag und Sinnsuche miteinander verbindet, nämlich den Wald, als Sinnbild des Lebens, stehend für harte Arbeit, Ausgrenzung und Miteinander, Überlebenskampf und Selbst-Fühlung).

Wichtig bleibt demnach, achtsam zu leben, selbst wenn das „Ende der Welt“ noch nicht so schnell naht, denn es ist grundsätzlich jederzeit vorhanden und gleichzeitig nie das, was man erwartet. Leben heißt, das Leben spüren. Murakami verweist nicht umsonst auf einen Satz aus den „Brüdern Karamasow“, der von Aljoscha an Kolja Krasotkin gerichtet ist:

„Hören Sie, Kolja, unter anderem werden sie im Leben auch ein sehr unglücklicher Mensch sein. Aber im Ganzen werden Sie dennoch das Leben preisen.“

Natürlich bedeutet das nichts anderes, als dass das Leben immer seiner Höhen und Tiefen bedarf, philosophisch sind wir so klug zu wissen, dass erst die Gegensätze das eine dem anderen gegenüber wertvoll macht und dass im Leben mehr möglich ist, als der Mensch sich eingesteht, wenn er danach streben würde, seine Träume zu verwirklichen, dass er aber gleichzeitig auch immer zur Flucht neigt, sich in seinen Träumen zu verkapseln.

Einfache Wahrheiten, die in diesem Roman noch einmal großartig dargestellt werden. Für mich nach „Kafka am Strand“ der zweitbeste Murakami.




Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 13.08.2013 20:29 | nach oben springen


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