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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst

#1

Waldeinsamkeit

in Prosa 19.09.2012 08:45
von Martinus • 3.194 Beiträge

Ein Experiment aus meiner Schreibgruppe. Innerhalb von 20 Minuten soll ein Text zum Thema "Single" geschrieben werden. Herausgekommen ist folgendes. Damit die Spontanität des Geschriebenen erhalten bleibt, habe ich nur das nötigste korrigiert:

Waldeinsamkeit


Raschelndes Laub unter meinen Füßen. Der Herbst gießt Nebel in den Wald. Baumkronen verschwinden ins Nichts. Ich bin allein unter Bäumen. Ich rieche ihre Rinde und fühle mich der Natur verbunden, wenn ich Stämme umarme, Moosgeruch meine Nase umweht, wenn ich auf dem Blätterteppich liege.

Vor einigen Wochen lag ich noch mit Susanne auf dem Wohnzimmerteppich, aber sie meinte, irgendwie hält sie es mit mir nicht länger aus. Zu viele Gegensätze, und dann die Streitereien um das Essen. Ich bin Vegetarier. So ist sie mir entschwunden, hat wohl schon länger darauf gewartet, bis ein anderer Mann seine Angel auswirft. Jedenfalls sagte sie mir ganz plötzlich „Ich gehe jetzt“. Sie kam nie wieder. Ihr Bruder holte noch die Zahnbürste.

Viel lieber wäre mir daran gelegen, ich läge mit Susanne unter den Buchen. Ein wenig herum knutschen und so. Allerdings, das muss ich zugeben, ein wenig habe ich mich an mein alleiniges Dasein gewöhnt. Tatsache ist, mit Susanne bin ich nie in die Waldeinsamkeit gegangen. Immer wollte sie einen drauf machen. Mit mir durch die Kneipen ziehen, auf irgendwelchen Parties schunkeln. Die Waldgerüche, das zarte Laub unter meinem Kopf, der klopfende Specht, das eindringliche krächzen einer Krähe – das erlebe ich erst jetzt und möchte es nicht mehr missen. Ja, gut. Es ist wortkarg im Wald. Doch wie sollte ich mit Bäumen reden? Schweigen im Wald ist herrlich. Das Lauschen. Irgendwo raschelt ein Käfer. Worte brauche ich nicht. Die Natur hat ihre eigene Sprache und tröstet auf ihre Art. Ob ich nun aber mein Leben lang nur in der Waldeinsamkeit verbringen möchte, überlege ich mir noch.

mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 20.09.2012 00:33 | nach oben springen

#2

RE: Waldeinsamkeit

in Prosa 19.09.2012 12:20
von Krümel • 499 Beiträge

Es ist immer dieser melancholische Abschiedston in deinen Werken, der mich ganz traurig stimmt, und mich immer schreiben lässt "Martin!".
Mein Mann hängt auch in irgendeiner Art in dieser "Waldeinsamkeit", doch seit ich ihn lasse und nicht mehr dauernd das Gefühl habe, ihn mit auf eine Party zu nehmen , treffen wir uns schon mal auf einer Lichtung - wir Zwei, so wie damals, Zweisamkeit. Lad doch Susanne mal auf einen Lichtungstag ein

Schöne 20 Minuten!

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#3

RE: Waldeinsamkeit

in Prosa 19.09.2012 12:54
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo Krümel

Mir fällt diese melancholische Schreiberei wohl leichter als dieses Quietschfidele. Aber dieses Herausheben der Schönheit der Natur halte ich durchaus für erbauend. Dieser Ansatz von Einsiedelei in dem Text ist durchaus positiv, ist auch nichts entgültiges. Ich glaube Klopstock war es, der den Begriff der Waldeinsamkeit in die deutsche Literatur eingeführt hat. Bei Heine kommt das auch vor. Es gibt auch quietschfidele Texte von mir, allerdings sind die (vielleicht) verständlicherweise in der Minderzahl. Eine drollige Geschichte habe ich bisher auch zurückgehalten, weil ich mit sexistischen Vorurteilen spiele. Könnte man vielleicht auch falsch verstehen, darum meine Vorsicht. Sonst hätte ich noch diverse drollige Gedichte auf Lager, durchaus. Also, dadd mit dem Humör, dadd vejeht muir nich, gelle?

Fast die ganze Weltliteratur ist melanchoilisch, mörderisch, zumindest problembezogen. An sich nichts besonderes. Hihi

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 20.09.2012 00:37 | nach oben springen

#4

RE: Waldeinsamkeit

in Prosa 20.09.2012 18:53
von Taxine • Admin | 5.950 Beiträge

Apropos Melancholie. Kennt ihr die Filme von Aki Kaurismäki? "Lichter der Vorstadt", "Die Proletarische Trilogie" usw. Lohnt, einen Blick auf solche Filme zu werfen, um die Melancholie in ihrer schönsten Kunstform zu erblicken.




Surreale Vorstellungen
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#5

RE: Waldeinsamkeit

in Prosa 20.09.2012 23:57
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine im Beitrag #4
Apropos Melancholie. Kennt ihr die Filme von Aki Kaurismäki? "Lichter der Vorstadt", "Die Proletarische Trilogie" usw. Lohnt, einen Blick auf solche Filme zu werfen, um die Melancholie in ihrer schönsten Kunstform zu erblicken.

Vom Namen nach kenne ich den Regisseur. Danke für den Erinnerungsstupser. ich kümmere mich darum.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 20.09.2012 23:57 | nach oben springen


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