Preis verdächtig?
#1
Wir der Literatur Beflissenen müssen uns nichts vormachen: Literaturpreise gibt es in der Regel nicht für literarische Qualität, sie sind Teil des Literaturbetriebs, des Buchmarkts, der Kulturindustrie; mithin Ausfluss spätkapitalistischer Marktmechanismen, bei denen es um kommerziellen Erfolg geht, um Geld, Rendite, Auflagenhöhe, Quoten, Vermarktungschancen. Der künstlerische Erfolg wird so zum wirtschaftlichen, weshalb der künstlerische Wert keine nennenswerte Rolle mehr spielen kann. Zudem sind immer außerliterarische Kriterien ausschlaggebend: Politik, Ideologie, Zeitgeist, Moral; die damit natürlich auch den inhaltlichen Aspekt jedes Buches verabsolutieren.
Arno Schmidt hat seinerzeit bezüglich des Nobelpreises einen schönen Text geschrieben mit dem Titel „Stigma der Mittelmäßigkeit“, man kann die Liste selbst durchgehen und fortwährend nicken. Der „Solipsist in der Heide“ hat ihn genauso wenig bekommen wie Proust oder Joyce, aber immerhin hat ihm Jan Philipp Reemtsma die Summe, die dem Wert eines Literatur-Nobelpreises entsprach, überlassen. Ich habe ihm deshalb hier um die Ecke auf dem Gut Oßmannstedt zu Füßen gelegen, den Saum seiner Kleider geküsst und den Staub angebetet, auf dem er wandelte. Die Dozentin für Anglistik freilich, der ich vor genau 35 Jahren im breitesten Thüringischen Schulenglisch erklärte, dass Nadine Gordimer den Nobelpreis nicht aus literarisch-ästhetischen, sondern politischen Gründen erhalten habe, zürnte mir sehr und hätte mich gerne widerlegt.
Wer heute einen Preis gewinnen will im besten und buntesten Deutschland, das es jemals gab; sollte auf der Hut sein bei der Themenwahl und vor allem mit seinen Meinungen. Da lasse ich einmal die Bankenrettung, das Gerede von alternativloser Politik, den Griechenlandrettungsschirm und den Atomausstieg beiseite und konzentriere mich nur auf die Narrative der letzten reichlich zehn Jahre, also die Klimakrise, die widerrechtliche Grenzöffnung, das undifferenzierte AfD-Bashing, das Trump-Bashing, die Coronamaßnahmen, den Ukrainekrieg. Wer also in seinen Bücher versuchte, sich über die Klimaapokalyptiker und Endzeitfanatiker, also die modernen Eschatologen lustig zu machen; wer an Einzelschicksalen den Widerspruch von ungebremster Einwanderung und Sozialstaat darstellen möchte; wer differenziert aus einer ostdeutschen Gemeinde heraus analysiert, dass parteiengeschichtlich kein Zweifel mehr daran bestehen kann, dass die AfD mit ihrer kritischen Masse in das Vakuum gerückt ist, das die CDU bei ihrer Wanderung über die bürgerliche Mitte nach links unter Angela Merkel hinterlassen hat; wer aus Sicht eines hispanischen Trump-Wählers die US-amerikanische Gegenwart schildert; das einsame Sterben von alten kranken Menschen, die nicht einmal von ihren Lieben besucht werden durften während Corona; als Historiker auf die lange Vorgeschichte des Ukrainekrieges (2014, 1990, 1945, 1917 etc.) verweist und die Mitverantwortung der westlichen Welt thematisiert; der wird ganz sicher und mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit niemals einen Literaturpreis erhalten in diesem Land. Dabei muss er das nicht einmal in einem Buch künstlerisch zu verarbeiten suchen; es reicht, wenn er als Mensch und Bürger solche Ansichten in der Öffentlichkeit äußert oder Social-Media-Beiträge von anderen likt, die Derartiges äußern. Dieser Schriftsteller könnte besser schreiben als Homer, Shakespeare und Thomas Mann zusammen; er wäre verbrannt und letztlich tot für jeden gesellschaftlichen Zweig, der mit Büchern und Literatur zu tun hat. Und jeder Germanist, Journalist, Juror, Kritiker, Rezensent; der ihm zur Seite spränge, verbrennte sich die Finger und würde mit in den Abgrund der Bedeutungslosigkeit gerissen.
Und dabei wäre es so wichtig, den Autoren zu signalisieren, dass sie die heißen Eisen nicht nur anpacken dürfen, sondern sogar müssen; und dass wie beim Turmspringen die Bewertungen und Erfolgsaussichten besser werden, je höher der Schwierigkeitsgrad ist und das Eintauchen Fontänen provoziert. Belohnt und prämiert wird aber das Mittelmäßige, das Gewöhnliche, das Angepasste, Konformistische, nichts Wagende, nichts Riskierende, nicht Eckige, nicht Gefährliche. Aber vielleicht war das zu allen Zeiten bei allen Schriftvölkern so. Und bei uns stößt es nur saurer auf, weil wir uns eine offene, demokratische, pluralistische Gesellschaft nennen.
#2
Ich muss zugeben, dass ich mich im Frühjahr 2025 anlässlich der Verleihung des Deutschen Buchpreises köstlich über Clemens Meyer amüsiert habe, als er wutenbrannt rief, die Entscheidung für Martina Hefters Werk "Hey guten Morgen" sei „eine Schande für die Literatur“ und die Jury als „Wichser“ bezeichnete. Er habe so viele Jahre an seinem Roman gearbeitet und hätte mit dem hochverdienten Preisgeld seine Scheidung finanzieren können und seine angehäuften 35.000 Euro Steuerschulden begleichen. Ich schlug mir auf die Schenkel, weil nur ein Künstler auf so eine Idee kommen kann; dass im kapitalistischen Kulturbetrieb die Arbeitszeit zählen könnte und Juroren nicht nach außerliterarischen Maßstäben richteten. Und schließlich ist er für das Scheitern seiner Ehe selbst verantwortlich, ganz zu schweigen von den Steuerschulden. Wie weltfremd und egomanisch muss man sein, um derart aufzutreten?!
Nun habe ich seinen Roman "Die Projektoren" zweimal gelesen, jede der über 1000 Seiten. Ich hatte bislang die Bücher von dem mir flüchtig persönlich bekannten Clemens Meyer freundlich zur Kenntnis genommen, aber bestenfalls als durchschnittlich empfunden; seine Drehbücher dagegen waren erste Qualität. Dieser Roman nun aber sprengt alles bisher Dagewesene, das ist so große Literatur, dass man tausende Seiten bräuchte, um das einem anderen darzustellen. Ansatzweise mag man auf Uwe Tellkamps "Laudatio auf einen kommenden Klassiker" bei "Tichys Einblick" verweisen, der Meyer einen Beitrag zur Weltliteratur bestätigt und ihn unter anderem mit William T. Vollmanns „Europe Central“, David Foster Wallace’ „Unendlicher Spaß“, Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“, Günter Grass’ „Blechtrommel“, Uwe Johnsons „Jahrestage“; Brigitte Reimanns „Franziska Linkerhand“, Werner Bräunigs „Rummelplatz“, Thomas Manns„Zauberberg“, Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, Heimito von Doderers „Dämonen“ vergleicht. Das klingt gewaltig und auch anmaßend, ist aber wahr.
Liest man dagegen die 230 Seiten der Gewinnerin über Liebesgeflüster im Internetzeitalter, dann versteht man weiß Gott die literarische Welt nicht mehr. Ein bestenfalls durchschnittliches Buch, selbst ohne die Prokjektoren kaum preisverdächtig; aber mit diesen nicht einmal ansatzweise in Betracht kommend. Wie ist es möglich, dass ein im Vergleich so seichtes und oberflächliches Buch, nahe am Kitsch, ohne jede kompositorische und sprachliche Feinheit, der Vorzug gegeben wurde beim wichtigsten und bedeutendsten deutschen Buchpreis?! Mir fallen aus dem Stehgreif gar keine Vergleiche ein, die den Niveauunterschied beider Romane versinnbildlichen könnten: Das eine ist allumfassendes, nichts aussparendes Welt-Theater, existenziell, außergewöhnlich, genial, eckig, kantig, klobig, fein, zart; verwobene und verschachtelte Wort-Welten; das andere ist gefällig, banal, risikolos, kunstlos, medioker, Allerweltsware. Der Himalaya neben einem sanften Hügel, ein Mamut neben einer Spitzmaus, Goethe neben Christian August Vulpius, Real Madrid neben dem TSV 1913 Pfronten, Mozart neben einem Stadpfeifer, Pfälzer Saumagen neben einem Tofuvollkornknäckebrot.
Dass man dennoch gegen Meyer entschied, fällt in die gleiche Kategorie wie die Nichtverleihung des Literatur-Nobelpreises an Marcel Proust und James Joyce. Der Deutsche Buchpreis ist damit für immer beschädigt. In dieser Sicht fällt Meyers Reaktion eigentlich noch human aus.
#3
Die von mir hochgeschätzte Lyrikerin Daniela Danz kenne ich seit einigen Jahren persönlich; wir beide kamen vor allem über Hölderlin ins Gespräch, dessen Vorbildwirkung ich ihr auf den Kopf zugesagt hatte. Sie schrieb mir daher einige von dessen Zeilen als Widmung in ihre Bücher; diese Bändchen nehmen einen Ehrenplatz in meiner Bibliothek ein.
Inzwischen hat sie schon wieder zwei Preise abgeräumt in den letzten beiden Jahren, zwanzig sind es jetzt insgesamt. Bei aller Liebe und Freundschaft und bei aller Anerkennung ihrer Begabung und Kunstfertigkeit; diese Häufung von Auszeichnungen spiegelt die Wirklichkeit unserer deutschen Gegenwartsliteratur und besonders auch die der Lyrik nicht im Mindesten wider. Daniela Danz ist eine bemerkenswerte Dichterin, sie ist attraktiv, charmant, weltläufig, sympathisch und redegewandt; sie eckt trotz Themen wie Heimat und Identität nicht an, ist nicht streitbar, sondern konsensfähig mit einem Alibi-Stich in den Hohen Ton und die bildungsbürgerliche Tradition – markttechnisch gesehen verkörpert sie geradezu idealtypisch das Gesamtpaket; das sich gut vermarkten und verkaufen lässt; auch wenn letzteres bei moderner Lyrik eher zu vernachlässigen ist.
Aber wer sich nur ein wenig auskennt in der Literaturszene, weiß zum Beispiel, wie viele sich auf dem Gebiet der Lyrik versuchen; und natürlich sind 90 Prozent davon als mediokre bis peinlich schlechte Erzeugnisse irgendwo zwischen Banalität und Schrott zu charakterisieren. Aber es gibt genug Ausnahmen; genug selbstständig veröffentlichte Gedichtbände oder solche in Auswahl und als Anthologie; genug Veröffentlichungen auf diversen Internetplattformen; die man für eine Auszeichnung und Preisverleihung ins Auge fassen könnte.
Aber ich sag es ganz bewusst ohne jede Bemäntelung und frei heraus: Die Verantwortlichen in den Redaktionsstuben, den Kultur- und Literaturteilen der großen Blätter, den entsprechenden Abteilungen im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk und natürlich in Politik und Gesellschaft überhaupt sind dumm, bequem, faul, ignorant, arrogant und feige; sodass den Stiftern und Vergebern der jeweiligen Preise meist wenig Spielraum bleibt an vorzeigbaren Kandidaten. Man konzentriert sich auf das, was man schon kennt; was niemandem wehtut; wo man immer wieder dasselbe von anderen abschreiben kann und sich nicht in Gefahr begibt mit noch unbekannten Dichtern oder heiklen Themen. Es gibt nur eine Handvoll Autoren, die seit Jahrzehnten alle Preise abräumen; auf Wikipedia sind diese Listen oft länger als die Beschreibungen zu Inhalt und künstlerisch-ästhetischem Wert der Texte.
Ich betone noch einmal, dass ich jeden Preis für Daniela Danz an sich für berechtigt halte; aber ich bin sicher, sie selbst würde es auch lieber sehen, wenn der eine oder andere ihrer Kollegen, der Qualität hat und bislang übersehen wurde, auch einmal profitieren könnte, um sich weiterzuentwickeln. Zwar neidet der eine Schriftsteller dem anderen nur eines wirklich; nämlich den Erfolg; aber als bereits saturierte Dichterin mit breiterer Rezeption stimmte sie mir sicher zu. Ich traue mich nur nicht, sie zu fragen.
P.S. Das schrieb ich 2023, nun hat sie die Tage noch den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung erhalten.
#4
Die Verlagsinformation zur Vita des Deutschen Buchpreisträgers 2022:
"KIM DE L’HORIZON, geboren 2666 auf Gethen. In der Spielzeit 21/22 war Kim Hausautorj an den Bühnen Bern. Vor dem Debüt ›Blutbuch‹ versuchte Kim mit Nachwuchspreisen attention zu erringen – u. a. mit dem Textstreich-Wettbewerb für ungeschriebene Lyrik, dem Treibhaus-Wettkampf für exotische Gewächse und dem Damenprozessor. Heute hat Kim aber genug vom »ICH«, studiert Hexerei bei Starhawk, Transdisziplinarität an der ZHdK und textet kollektiv im Magazin DELIRIUM. ›Blutbuch‹ wurde mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung ausgezeichnet und ist nominiert für den Deutschen Buchpreis 2022."
Zum Buch heißt es:
"Eine Lektüre, die an der Körperwahrnehmung und an den eigenen Gewissheiten rüttelt
Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2022 und dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung. Nominiert für den Schweizer Buchpreis 2022.
Die Erzählfigur in ›Blutbuch‹ identifiziert sich weder als Mann noch als Frau. Aufgewachsen in einem schäbigen Schweizer Vorort, lebt sie mittlerweile in Zürich, ist den engen Strukturen der Herkunft entkommen und fühlt sich im nonbinären Körper und in der eigenen Sexualität wohl. Doch dann erkrankt die Großmutter an Demenz, und das Ich beginnt, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen: Warum sind da nur bruchstückhafte Erinnerungen an die eigene Kindheit? Wieso vermag sich die Großmutter kaum von ihrer früh verstorbenen Schwester abzugrenzen? Und was geschah mit der Großtante, die als junge Frau verschwand? Die Erzählfigur stemmt sich gegen die Schweigekultur der Mütter und forscht nach der nicht tradierten weiblichen Blutslinie.
Dieser Roman ist ein stilistisch und formal einzigartiger Befreiungsakt von den Dingen, die wir ungefragt weitertragen: Geschlechter, Traumata, Klassenzugehörigkeiten. Kim de l’Horizon macht sich auf die Suche nach anderen Arten von Wissen und Überlieferung, Erzählen und Ichwerdung, unterspült dabei die linearen Formen der Familienerzählung und nähert sich einer flüssigen und strömenden Art des Schreibens, die nicht festlegt, sondern öffnet."
Leseproben:
"Ich spüre meinen Körper nur, wenn ich ihn fortgebe, wenn ich ihn anderen anbiete, jemensch in mich eindringt, die selbst errichteten Grenzen meines Körpers durchdringt und sich dahinter hinterlässt. Ich habe nicht primär das Bedürfnis, Schwänze in mir zu spüren, ich habe das Bedürfnis, mich zu spüren, jenen pulsierenden Mantel um die Schwänze."
„Wie unglaublich sanft und lebendig sich ein penetrierter Arsch anfühlt. Als wäre mensch ganz aus Seide gezimmert“
"Ich bin ein*e Zeug*in für diese Zeit, für diesen Körper’"
"Ich wurde ein Werwolf, ein Wenwolf, ein Wenfickeichheute-wuff.”
Die Medien sind voll des Lobes.
Dazu zwei Vorbemerkungen: Literatur hat neben anderen auch die Aufgabe; den Randgruppen, Minderheiten, Außenseitern, Deklassierten, Ausgegrenzten, Ausgebeuteten, Entrechteten, Unterdrückten, Glücklosen, Benachteiligten, Unterprivilegierten, Kranken, Behinderten, Versehrten, Siechenden, Sterbenden eine Stimme zu geben; vielleicht ist das sogar ihre wichtigste; den "Normalen" und "Gesunden" einen Spiegel vorzuhalten, wie sie mit diesen Menschen als Individuen und als Gruppen umgehen. Und Literatur kann und muss immer wieder sogar auch formal innovativ sein; was den Aufbau eines Textes angeht; die Sprache und die Erzählweise: Experimentelle Prosa haben wir im Deutschen von Fischart bis Arno Schmidt und beide gehören zu den bedeutendsten und größten Schrifstellern, die wir je hatten. Ein grammatisch unbestimmbares Subjekt im Mittelpunkt; Wechsel der Personalpronomen; der Zeitformen; Neologismen; Reime, Reihungen, Handlungsfetzen, Sprünge - gegen all das ist per se überhaupt nichts zu sagen; wenn es im Ganzen einen innerlogischen Sinn ergibt, es sich organisch einfügt in ein nachvollziehbares Konzept.
Nun sind bislang eher die sozial Schwachen in den Focus der Schriftsteller geraten; die Farbigen aller Couleur; die Schwulen und Lesben, Dissidenten und Oppositionelle; Kinder und Jugendliche; Alte und Kranke; geistig und körperlich behinderte Menschen; Querulanten und Querdenker; Einsame und Verlassene. Dort, wo Leid und Elend stärker zu greifen sind, finden sich immer auch engagierte Künstler; die sich der Themen und Menschen annehmen; einen Stoff, eine Geschichte und Figuren daraus machen und so zum Vermittler werden zwischen Kunst und Leben. Allen genannten Gruppen gemeinsam ist ihre zahlenmäßig, also statistisch verhältnismäßig relevante Größe; jeder fünfte bis zehnte Mensch ist zum Beispiel homosexuell. Wie ich andernorts schon schrieb; haben etwa in Deutschland 0,2 % der Bevölkerung oder 0,007 % der Neugeborenen Probleme mit ihrer geschlechtlichen Identität. Natürlich will ich damit nicht sagen, dass Außenseiter beinahe irrelevanter Größenordnung sich nicht äußern dürften, zumal sich jedes Außenvorsein übersetzen lässt in andere Erfahrungen und Erlebnisse in der realen Welt mit realen Menschen. Literatur ist keine Statistik. Aber wenn das im wie im vorliegenden Fall auch Auswirkungen auf die Sprache hat und 99, 8 Prozent der Menschen inhaltlich nicht angesprochen und ihre sprachlichen Gewohnheiten unterminiert werden mit einer Gender-Zeichen-Sprache; dann wird es schwierig.
Der Verdacht; dass wieder einmal politische und ideologische Motive bei der Preisvergabe wichtiger waren als literarisch-ästhetische Aspekte, wird schwer zu entkräften sein. Das wäre nicht weiter der Rede wert; weil das vom Nobelpreis, dem Stigma der Mittelmäßigkeit, wie Arno Schmidt sagt; angefangen, schon immer so war; und auch der wichtigste deutsche Buchpreis da seit Jahren nicht anders verfährt; aber es ist wie gesagt für mich jedenfalls noch ein Unterschied; ob jemand über Ostdeutsche schreibt, über unterdrückte Frauen, diskriminierte Migranten etc.; oder ob man gesamtgesellschaftlich ein Thema, das praktisch niemanden betrifft, so in den Focus stellt, dass es zum Leitthema wird. Dass der/ die/ das Autor nun von Schwänzen, Penetrationen und überhaupt Körpererfahrungen schreibt, halte ich nicht für schlimm; ganz im Gegenteil; entscheidend ist, wie das gemacht ist künstlerisch und ob es im Ganzen wie im Detail literarisch standhält. Immerhin haben mit Arno Geiger, Katharina Hacker, Julia Franck, Uwe Tellkamp, Eugen Ruge, Ursula Krechel,Terézia Mora, Lutz Seiler, Frank Witzel und Bodo Kirchhoff die Richtigen und ganz Großen diesen Preis erhalten. Das Urteil der Jury stellt den jungen Autor, die junge Autorin, das junge Autor; d** jung** Autor*** in diese Reihe; eine Gesamtlektüre muss weisen, ob das berechtigt ist.
Das Obige schrieb ich vor drei Jahren VOR der Lektüre. Und das danach:
Fertig gelesen und für gut; ja sehr gut befunden. Wir erleben hier den umgekehrten Prozess politisch-medialer Manipulation, denn beinahe hätte ich das Buch nicht gekauft angesichts des Spektakels drumherum. Aber das ist richtig gut geschrieben; sogar ganz in der Art, die ich mag; überbordend mit vielen sprachlichen Einfällen fern des ganzen Geschlechtergedöns; und wo es experimentell wird, hat es immer eine Funktion. Dazu die Perspektive, das Sujet, die Stoffbehandlung; für einen Erstling bemerkenswert. Ob das den Preis rechfertigt, würde ich zwar immer noch bestreiten wollen; aber es wäre schade, wenn der Autor künftig nicht über seine Literatur, sondern nur über sein pfauenhaftes Auftreten als DAS definiert würde.
Zitat von Yorick Ruthenus
„Wie ist es möglich, dass ein im Vergleich so seichtes und oberflächliches Buch, nahe am Kitsch, ohne jede kompositorische und sprachliche Feinheit, der Vorzug gegeben wurde beim wichtigsten und bedeutendsten deutschen Buchpreis?!“
Mir ging es, besonders bei diesem Buchpreis-Debakel, ähnlich. Ich habe mir sofort das Buch besorgt, das mich inhaltlich deutlich mehr ansprach, bei dem ich die Empörung des Autors nachvollziehen konnte, der so viel Arbeit und Herzblut in ein Werk gesteckt hat, das das Gewohnte zertrümmert, und wurde nicht enttäuscht, wohingegen sowohl der Titel als auch das Thema der Preisträgerin schon dermaßen banal klangen, dass ich keinerlei Lust verspürte, überhaupt hineinzulesen. Darum habe ich auch nur zögerlich zu den, von dir erwähnten „Holländerinnen“ gegriffen, die mich dann tatsächlich doch wieder überrascht haben (Bezug Herzog und anderes), zumal die Auswahl der Kandidaten einmal wieder nahezu typisch war, begleitet durch die immer lockenden bekannteren Namen.
Dieses Phänomen des geförderten niedrigen Niveaus ist überall zu beobachten, wie es auch in vielen Blogs und Foren gängig ist, wo, statt über Literatur zu sprechen, nur zählt, dass die Mitglieder angeben, wie viele Romane/E-Books sie lesen und kaufen, oder wo sie, statt dem Inhalt zu frönen oder diesen wenigstens in eigener Ansicht darzustellen, lieblose und dem Klapptext angepasste Rezensionen schreiben, sodass sich auf allen Lese-Blogs nicht nur die Zusammenfassungen gleichen, sondern auch ausschließlich die Romane vorgestellt werden, die von den Verlagen digital für Rezensenten und Blogger bereitgestellt werden. Ähnlich ist es mit den diversen Auszeichnungen und Preisen, wie ja schon von dir so feinsinnig benannt und ausgeführt. Teilweise finden sich, wie beim Literaturnobelpreis zu beobachten, ganz gute Zwischenlösungen, wo sich die Politik mit der Qualität die Hand reicht. Ansonsten bin ich bei allen Preisvergaben vorsichtig und lese tatsächlich lieber, was mich auf anderen Wegen erreicht, sei es Empfehlung, Buchhinweis oder ähnliches.
Zitat von Yorick Ruthenus
… und die Mitverantwortung der westlichen Welt thematisiert; der wird ganz sicher und mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit niemals einen Literaturpreis erhalten in diesem Land.
Was heißt, Preis. Ich glaube nicht einmal, dass solche Autoren überhaupt einen angesehenen Verlag finden. Die Bequemlichkeit dieser, was das Bewährte und Verkäufliche angeht, ist nicht zu schlagen. Solche Verleger wie Unseld gibt es schon lange nicht mehr, und ich habe erlebt, dass gute Ideen von Verlagen lieber an Hausautoren weitergereicht werden, statt das Wagnis einzugehen, einen unbekannten Autor zu fördern. Wichtig wäre es sicherlich, aus Kunst- und Menschensicht, kritisch denkende und kreative Schreiberlinge dem Mainstream entgegenzustellen, jedoch nicht aus gesellschaftlich-politischer Sicht, denn, machen wir uns nichts vor, die Zensur ist mittlerweile wieder gang und gäbe, nur muss man heute keine Bücher verbrennen, sondern lehnt sie von vorneherein ab oder nimmt ihnen die Möglichkeit, eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. So ist es in den letzten Jahren vielen ergangen, nicht nur in Deutschland, in ganz Europa.
"Blutbuch" habe ich mir jetzt einmal vorgemerkt. Ich lehne nicht grundsätzlich die von dir benannten Trendthemen ab, wenn die kreative Umsetzung oder der Stil stimmen, sondern die explizit uns aufgedrängten, die sich im Kanon des Immergleichen um sich selbst drehen und ein Jahr später dann meistens auch schon vergessen sind, wenn andere Belange die Gesellschaft beschäftigen. Ich hatte schon einmal überlegt, einen Ordner aufzumachen, mit dem Titel "Bücher, die die Welt nicht braucht".
#6
Gerade einmal hineingelesen. Ich glaube, das ist dann doch nichts für mich.
Aber vielen Dank für das Angebot. 
#8
Zitat von Taxine im Beitrag #5
Teilweise finden sich, wie beim Literaturnobelpreis zu beobachten, ganz gute Zwischenlösungen, wo sich die Politik mit der Qualität die Hand reicht.
Absolut. Und es gibt genügend verdiente Preisträger. Von Olga Tokarczuk hatte ich vorher noch nie gehört, nun rangiert sie bei mir mit ganz oben, ich habe alles von ihr gelesen. Seit 1990 würden mir bestimmt ein halbes Dutzend weitere gute Schriftsteller einfallen, die zu Recht prämiert wurden.
Zitat von Taxine im Beitrag #5
Was heißt, Preis. Ich glaube nicht einmal, dass solche Autoren überhaupt einen angesehenen Verlag finden. Die Bequemlichkeit dieser, was das Bewährte und Verkäufliche angeht, ist nicht zu schlagen. Solche Verleger wie Unseld gibt es schon lange nicht mehr, und ich habe erlebt, dass gute Ideen von Verlagen lieber an Hausautoren weitergereicht werden, statt das Wagnis einzugehen, einen unbekannten Autor zu fördern. Wichtig wäre es sicherlich, aus Kunst- und Menschensicht, kritisch denkende und kreative Schreiberlinge dem Mainstream entgegenzustellen, jedoch nicht aus gesellschaftlich-politischer Sicht, denn, machen wir uns nichts vor, die Zensur ist mittlerweile wieder gang und gäbe, nur muss man heute keine Bücher verbrennen, sondern lehnt sie von vorneherein ab oder nimmt ihnen die Möglichkeit, eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. So ist es in den letzten Jahren vielen ergangen, nicht nur in Deutschland, in ganz Europa.
Auch hier absolute Zustimmung! Art 5 GG:
"(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt."
Dem Wortlaut tut man Genüge. Woran man wieder die Krux der Sprache erkennt, die ohne Kontext wenig vermag.
Zitat von Taxine im Beitrag #5
Dieses Phänomen des geförderten niedrigen Niveaus ist überall zu beobachten, wie es auch in vielen Blogs und Foren gängig ist, wo, statt über Literatur zu sprechen, nur zählt, dass die Mitglieder angeben, wie viele Romane/E-Books sie lesen und kaufen, oder wo sie, statt dem Inhalt zu frönen oder diesen wenigstens in eigener Ansicht darzustellen, lieblose und dem Klapptext angepasste Rezensionen schreiben, sodass sich auf allen Lese-Blogs nicht nur die Zusammenfassungen gleichen, sondern auch ausschließlich die Romane vorgestellt werden, die von den Verlagen digital für Rezensenten und Blogger bereitgestellt werden.
Ja, ich verlange auf solchen Plattformen keine literaturwissenschaftlichen Abhandlungen oder professionelle Rezensionen. Auch nicht, dass man neben dem Inhalt auch Form und Sprache so analysiert, wie ich das sonst für notwendig hielte. Aber ich möchte eine eigene Meinung hören, nichts Abgeschriebenes oder Nachgebetetes. Das habe ich auch immer von meinen Schülern verlangt und sie auf den Film "Der Mann ohne Gesicht" (1993) von Mel Gibson verwiesen, als der Lehrer von seinem Eleven nichts über unverstandene hehre große Themen hören will, sondern lieber den Vergleich von Comic-Helden lesen, die den Buben interessieren und im Alltag beschäftigen. Das Niveau stellt sich auf diese Weise irgendwann vielleicht ein. Andernfalls aber nie.
Aus literarischer Sicht ist am Bedauerlichsten, dass die, für die all jene Preise gedacht sind, in den letzten Jahrzehnten ihr Schreiben zunehmend den Kriterien der Preisverleiher anpassen, auch wenn sie dies nur selten eingestehen. Selbst jene, die es besser könnten, landen so beim Mittelmaß.
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