Stefan Zweig

Heute 06:07 (zuletzt bearbeitet: Heute 06:09)
#1
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Stefan Zweig gehört mit Hermann Hesse zu den Autoren meiner spätesten Jugend, von denen ich fiebernd jede Zeile las; die mich unglaublich beeinflusst, gelenkt und geführt haben; zu Schriftstellern wie Balzac, Dostojewski, Romain Rolland; in die Tiefen der deutschen und europäischen Literatur- und Kulturgeschichte. Beide konnte ich im Erwachsenenalter nicht mehr lesen; Hesse bis heute nicht; aber Stefan Zweig erlebt mittlerweile eine kleine Renaissance bei mir, weil er als Mensch und Dichter so kultiviert, so zivilisiert und bürgerlich-dekadent ist in vornehmer Eleganz; leidend an einem Leben in einer so furchtbaren grausamen Welt. Sein Freitod mit Frau Lotte (Wer kann den Film "Vor der Morgenröte [2016] von Maria Schrader sehen ohne zu weinen?!) in Petrópolis geht mir noch immer nahe; sein Abschiedsbrief lässt mich jedes Mal aufs Neue schlucken.



"Ehe ich aus freiem Willen und mit klaren Sinnen aus dem Leben scheide, drängt es mich eine letzte Pflicht zu erfüllen: diesem wundervollen Lande Brasilien innig zu danken, das mir und meiner Arbeit so gute und gastliche Rast gegeben. Mit jedem Tage habe ich dies Land mehr lieben gelernt und nirgends hätte ich mir mein Leben lieber vom Grunde aus neu aufgebaut, nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und [Streichung] meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet.

Aber nach dem sechzigsten Jahre bedürfte es besonderer Kräfte um noch einmal völlig neu zu beginnen. Und die meinen sind durch die [Streichung] langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschliessen, dem geistige Arbeit immer die lauterste Freude und persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen.

Ich grüsse alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus.
"

Wenn ich etwa dieses herrliche Kapitel seines Essays über Kleist, hier als Erzähler, lese, dann weiß ich natürlich; was mich in der Jugend begeistert hat und als Erwachsenen skeptisch werden ließ; dieses Hypertrophe, Emphatische, Ekstatische hat so gar nichts Nüchternes der Analyse und ist doch auf den zweiten Blick vielleicht wahrer als jede Dissertation. Welcher Schrifsteller konnte Passagen wie diese hier mit derartigen Vergleichen schreiben ...

"Wie ein Zwang, wie ein Laster liegt von nun ab die Kunst auf ihm. Daher auch das merkwürdige Zwanghafte, das explosiv Losgerissene seiner Dramen. Sie sind alle – mit Ausnahme des »Zerbrochenen Krugs«, der spielhaft, einer Wette zuliebe, aus freilich nervigstem Handgelenk produziert war – Ausbrüche seines innersten Gefühls, Flucht aus der Hölle seines Herzens; sie haben alle einen überreizten Schreiton, gleichsam den gellen Ton eines Erstickenden, der plötzlich Luft findet, sie sind knallhaft weggeschnellt von überstraff gespannten Nerven, sie sind – man verzeihe das Bild, ich weiß kein wahreres – herausgespritzt aus innerster Erhitzung und Bedrängnis, wie der Same des Mannes heiß vom Blute aus dem Geschlecht fährt."

... ohne als perverser Pornograph gebrandmarkt zu werden?! In der Welt von gestern spürt man die Heimatlosigkeit und Zerrissenheit des Abendländers und Europäers, der seiner Wurzeln verlustig ging:

"Ich bin mir der ungünstigen, aber für unsere Zeit höchst charakteristischen Umstände bewußt, unter denen ich diese meine Erinnerungen zu gestalten suche. Ich schreibe sie mitten im Kriege, ich schreibe sie in der Fremde und ohne den mindesten Gedächtnisbehelf. Kein Exemplar meiner Bücher, keine Aufzeichnungen, keine Freundesbriefe sind mir in meinem Hotelzimmer zur Hand. Nirgends kann ich mir Auskunft holen, denn in der ganzen Welt ist die Post von Land zu Land abgerissen oder durch die Zensur gehemmt. Wir leben jeder so abgesondert wie vor Hunderten Jahren, ehe Dampfschiffe und Bahn und Flugzeuge und Post erfunden waren. Von all meiner Vergangenheit habe ich also nichts mit mir, als was ich hinter der Stirne trage. Alles andere ist für mich in diesem Augenblick unerreichbar oder verloren."

Man stelle sich so eine Lage einmal ernsthaft vor, soweit das eben möglich ist. Da sitzt ein großer Dichter im fernen Land unter tropischer Sonne; die Heimat ist fern und unerreichbar und zwar nicht nur geografisch; man ist allem beraubt, was einem wichtig ist an persönlichen Realien; fern der eigenen Sprache und Kultur; weg die Bücher, die eigenen und die anderen; vergessen ist all der Ruhm und vorbei das schöne Sein und Weilen. Wie soll da ein Mensch am Leben bleiben wollen? Nicht jeder ist so ein Egomane, dass er glaubt, die Welt existiere nicht ohne ihn; nicht jeder ist ein Thomas Mann. Sei's drum; lesen wir Stefan Zweig, und wenn es "nur" seine unglaublich raffiniert konstruierten Novellen sind; die einen nicht mehr loslassen und die man sein Leseleben lang nicht mehr vergisst.

P.S. Gerade lese ich Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen


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Heute 08:42
#2
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Wenn ich mich übrigens recht erinnere, war das hier meine Erstbegegnung:



Diese tragischen Geschichten, besonders auch die inzwischen leider massenmedial verbrannte "Schachnovelle", können einen jungen Menschen schon mitnehmen.

So richtig reingehauen hat dann aber erst:



Ich kann heute mit Bezug auf Henne und Ei gar nicht sagen, ob ich Hölderlin und Nietzsche dadurch erst kennenlernte; oder ob ich die Essays las, weil ich sie schon kannte. Jedenfalls hat es mich unglaublich beeindruckt, auch so rein inhaltlich; während ich die Texte heute eher als eine musikalische Variation auf ein Thema sehen würde.


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Heute 09:23
#3
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Und ein letztes noch: Stefan Zweig gehört neben Thomas Mann und dessen Sohn Klaus Mann und einigen anderen zu den Menschen, deren großbürgerlicher oder bohèmehafter Lebensstil immer wieder mal meine Ressentiments nähren, die mir peinlich sind, gegen die ich aber wenig ausrichten kann. Ich, der ich viele Jahrzente später geboren bin; hatte nie die Möglichkeiten dieser Herren, konnte mich nicht meinen Interessen widmen, musste einen Brotberuf ergreifen, habe im Vergleich wenig von der Welt gesehen; konnte nicht mondän durch Europa reisen oder mal ein Jahr in einer anderen Kultur verbringen; habe immer malocht, keinen einzigen Tag ohne Arbeitsvertrag zugebracht. Ich weiß, das klingt albern; ich bin ja auch kein großer Schriftsteller und ich musste auch (noch) nicht ins Exil; aber zuweilen dringen eben die jakobinischen Wurzeln meiner Jugend aus der Krume.


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