Stefan Zweig
#1
Stefan Zweig gehört mit Hermann Hesse zu den Autoren meiner spätesten Jugend, von denen ich fiebernd jede Zeile las; die mich unglaublich beeinflusst, gelenkt und geführt haben; zu Schriftstellern wie Balzac, Dostojewski, Romain Rolland; in die Tiefen der deutschen und europäischen Literatur- und Kulturgeschichte. Beide konnte ich im Erwachsenenalter nicht mehr lesen; Hesse bis heute nicht; aber Stefan Zweig erlebt mittlerweile eine kleine Renaissance bei mir, weil er als Mensch und Dichter so kultiviert, so zivilisiert und bürgerlich-dekadent ist in vornehmer Eleganz; leidend an einem Leben in einer so furchtbaren grausamen Welt. Sein Freitod mit Frau Lotte (Wer kann den Film "Vor der Morgenröte [2016] von Maria Schrader sehen ohne zu weinen?!) in Petrópolis geht mir noch immer nahe; sein Abschiedsbrief lässt mich jedes Mal aufs Neue schlucken.
"Ehe ich aus freiem Willen und mit klaren Sinnen aus dem Leben scheide, drängt es mich eine letzte Pflicht zu erfüllen: diesem wundervollen Lande Brasilien innig zu danken, das mir und meiner Arbeit so gute und gastliche Rast gegeben. Mit jedem Tage habe ich dies Land mehr lieben gelernt und nirgends hätte ich mir mein Leben lieber vom Grunde aus neu aufgebaut, nachdem die Welt meiner eigenen Sprache für mich untergegangen ist und [Streichung] meine geistige Heimat Europa sich selber vernichtet.
Aber nach dem sechzigsten Jahre bedürfte es besonderer Kräfte um noch einmal völlig neu zu beginnen. Und die meinen sind durch die [Streichung] langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschliessen, dem geistige Arbeit immer die lauterste Freude und persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen.
Ich grüsse alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus. "
Wenn ich etwa dieses herrliche Kapitel seines Essays über Kleist, hier als Erzähler, lese, dann weiß ich natürlich; was mich in der Jugend begeistert hat und als Erwachsenen skeptisch werden ließ; dieses Hypertrophe, Emphatische, Ekstatische hat so gar nichts Nüchternes der Analyse und ist doch auf den zweiten Blick vielleicht wahrer als jede Dissertation. Welcher Schrifsteller konnte Passagen wie diese hier mit derartigen Vergleichen schreiben ...
"Wie ein Zwang, wie ein Laster liegt von nun ab die Kunst auf ihm. Daher auch das merkwürdige Zwanghafte, das explosiv Losgerissene seiner Dramen. Sie sind alle – mit Ausnahme des »Zerbrochenen Krugs«, der spielhaft, einer Wette zuliebe, aus freilich nervigstem Handgelenk produziert war – Ausbrüche seines innersten Gefühls, Flucht aus der Hölle seines Herzens; sie haben alle einen überreizten Schreiton, gleichsam den gellen Ton eines Erstickenden, der plötzlich Luft findet, sie sind knallhaft weggeschnellt von überstraff gespannten Nerven, sie sind – man verzeihe das Bild, ich weiß kein wahreres – herausgespritzt aus innerster Erhitzung und Bedrängnis, wie der Same des Mannes heiß vom Blute aus dem Geschlecht fährt."
... ohne als perverser Pornograph gebrandmarkt zu werden?! In der Welt von gestern spürt man die Heimatlosigkeit und Zerrissenheit des Abendländers und Europäers, der seiner Wurzeln verlustig ging:
"Ich bin mir der ungünstigen, aber für unsere Zeit höchst charakteristischen Umstände bewußt, unter denen ich diese meine Erinnerungen zu gestalten suche. Ich schreibe sie mitten im Kriege, ich schreibe sie in der Fremde und ohne den mindesten Gedächtnisbehelf. Kein Exemplar meiner Bücher, keine Aufzeichnungen, keine Freundesbriefe sind mir in meinem Hotelzimmer zur Hand. Nirgends kann ich mir Auskunft holen, denn in der ganzen Welt ist die Post von Land zu Land abgerissen oder durch die Zensur gehemmt. Wir leben jeder so abgesondert wie vor Hunderten Jahren, ehe Dampfschiffe und Bahn und Flugzeuge und Post erfunden waren. Von all meiner Vergangenheit habe ich also nichts mit mir, als was ich hinter der Stirne trage. Alles andere ist für mich in diesem Augenblick unerreichbar oder verloren."
Man stelle sich so eine Lage einmal ernsthaft vor, soweit das eben möglich ist. Da sitzt ein großer Dichter im fernen Land unter tropischer Sonne; die Heimat ist fern und unerreichbar und zwar nicht nur geografisch; man ist allem beraubt, was einem wichtig ist an persönlichen Realien; fern der eigenen Sprache und Kultur; weg die Bücher, die eigenen und die anderen; vergessen ist all der Ruhm und vorbei das schöne Sein und Weilen. Wie soll da ein Mensch am Leben bleiben wollen? Nicht jeder ist so ein Egomane, dass er glaubt, die Welt existiere nicht ohne ihn; nicht jeder ist ein Thomas Mann. Sei's drum; lesen wir Stefan Zweig, und wenn es "nur" seine unglaublich raffiniert konstruierten Novellen sind; die einen nicht mehr loslassen und die man sein Leseleben lang nicht mehr vergisst.
P.S. Gerade lese ich Joseph Fouché. Bildnis eines politischen Menschen
#2
Wenn ich mich übrigens recht erinnere, war das hier meine Erstbegegnung:
Diese tragischen Geschichten, besonders auch die inzwischen leider massenmedial verbrannte "Schachnovelle", können einen jungen Menschen schon mitnehmen.
So richtig reingehauen hat dann aber erst:
Ich kann heute mit Bezug auf Henne und Ei gar nicht sagen, ob ich Hölderlin und Nietzsche dadurch erst kennenlernte; oder ob ich die Essays las, weil ich sie schon kannte. Jedenfalls hat es mich unglaublich beeindruckt, auch so rein inhaltlich; während ich die Texte heute eher als eine musikalische Variation auf ein Thema sehen würde.
#3
Und ein letztes noch: Stefan Zweig gehört neben Thomas Mann und dessen Sohn Klaus Mann und einigen anderen zu den Menschen, deren großbürgerlicher oder bohèmehafter Lebensstil immer wieder mal meine Ressentiments nähren, die mir peinlich sind, gegen die ich aber wenig ausrichten kann. Ich, der ich viele Jahrzente später geboren bin; hatte nie die Möglichkeiten dieser Herren, konnte mich nicht meinen Interessen widmen, musste einen Brotberuf ergreifen, habe im Vergleich wenig von der Welt gesehen; konnte nicht mondän durch Europa reisen oder mal ein Jahr in einer anderen Kultur verbringen; habe immer malocht, keinen einzigen Tag ohne Arbeitsvertrag zugebracht. Ich weiß, das klingt albern; ich bin ja auch kein großer Schriftsteller und ich musste auch (noch) nicht ins Exil; aber zuweilen dringen eben die jakobinischen Wurzeln meiner Jugend aus der Krume.
Zweig war womöglich auch von einer Altersangst besessen, was erklärt, dass er dieser, in Verbindung mit der Verzweiflung, Desillusion und Leere, mit seinem Freitod zuvorkommen wollte. Gleichzeitig erwähnt der Psychoanalytiker Heinrich Meng in seinen Memoiren Zweigs Furcht, früh sterben zu müssen. Solche Überlieferungen sind natürlich rar und, in Anbetracht des Ausgangs, umso tragischer. Seine „Schachnovelle“ mag ich immer noch, und von Hesse könnte ich vielleicht irgendwann noch einmal „Das Glasperlenspiel“ lesen, der ja auch ein sehr eigenwilliger Mensch war, wobei er den Selbstmord natürlich eher versuchte als schaffte und ihn später als poetischen Ausweg sah, um das Leben mehr schätzen zu können.
Neben dem mondänen Leben war Zweig ein passionierter Autographenjäger, der eine bedeutsame Sammlung zusammentrug, die u. a. Stendhals Testament oder Manuskripte von Verlaine enthielt (da wachsen die Ressentiments noch einmal an), und natürlich war er ein Anbeter des Eros. Seine Liebschaften, die seine erste Ehefrau Friderike zunächst tolerierte und dann, man weiß warum, allmählich kritischer sah, sind vielfach in seinen Tagebüchern festgehalten. Als er bereits ein Verhältnis mit Friderike hatte, war er in Paris keinem Abenteuer abgeneigt und hatte auch eine Geliebte (sie hieß Marcelle), die eine Abtreibung vornehmen musste und von der er sich nur trennte, weil der Krieg dazwischen kam, nicht, weil er in den Hafen der Ehe einkehrte. In der Biografie von Ulrich Weinzierl erfährt man in dieser Hinsicht so einiges. Gerne führte Zweig auch mit Hermann Bahr „lange und gute Debatten über das Erotische“. In den Tagebüchern spricht er oft von einer „inneren Unruhe, die zu sänftigen ich nachtmittags mir zwei Freundinnen nach Hause nehme, deren schöne Körper mich freuen, aber ich bin nicht mehr im Stande, die manierlose Erstauntheit dieser Gattung lange zu ertragen.“ Auch erklärte er offen, dass die Erotik ihn kontrollierte und nicht er sie, elegant in Worte gefasst durch: „Ich schaudere vor meiner eigenen Virtuosität.“ 
#5
Du meinst also, dem Zeugnis der Biografik und Sekundärliteratur nach wäre der Selbstmord durch eine komplexere Gemengenlage verursacht und die übliche Betonung des unbehausten Dichters in der Fremde eine Projektion? Leider kenne ich Heinrich Mengs Schriften nicht und von Ulrich Weinzierl nur die Bücher über Polgar und Schnitzler.
"Das Glasperlenspiel" habe ich mir vor zwei Jahren von Hanns Zischler und Mark Waschke vorlesen lassen, mein Eindruck war zumindest ohral nicht zwiespältig, sondern eher wehmütig, wie ein Blick in die Sommer der Kindheit, zwischen Märchen, Adoleszenz und antizipierender Resignation.
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #5
Du meinst also, dem Zeugnis der Biografik und Sekundärliteratur nach wäre der Selbstmord durch eine komplexere Gemengenlage verursacht und die übliche Betonung des unbehausten Dichters in der Fremde eine Projektion? Leider kenne ich Heinrich Mengs Schriften nicht und von Ulrich Weinzierl nur die Bücher über Polgar und Schnitzler.
Weinzierl ist wirklich gut zu lesen, allerdings beschäftigt er sich zu einem großen Anteil mit der häufig geäußerten Vermutung einer latenten Homosexualität bei Zweig. Interessant war in diesem Buch für mich jedoch die Frage, ob Zweig mit seiner Frau Friderike, die sich später durch den Suizid Lottes als Witwe aufspielte und in ihren Aufzeichnungen das Leben Zweigs zu ihren Gunsten verfälschte, ebenfalls den Weg gegangen oder von ihr davon abgebracht worden wäre. Einige äußerten den Verdacht, dass Lotte zu labil war und ihm willig folgte, dass Friderike in diesen Dingen aber anders gehandelt hätte. Er mied ihre Gesellschaft ja wie die Pest, hatte aber auch eine erstaunlich tolerante Frau an seiner Seite, die seine Abenteuer von vornherein kannte und in Kauf nahm. Nach ihrer Trennung pflegten sie einen freundschaftlichen Briefwechsel. Andererseits war sie wohl niemand, mit dem er sich tatsächlich austauschen konnte, ihre Werke waren eher trivial, obwohl er sie förderte und lobte, wobei er in diesen als ein aufs Podest gestellter Gott fungierte, was ihm wahrscheinlich schmeichelte.
Ich denke, die Emigration und die Lustlosigkeit, etwas Neues aufzubauen, können es nicht alleine gewesen sein. Es gab viele, die das Land verlassen mussten und trotzdem auf jene Morgenröte vertrauten, davon viele, die auch finanziell ruiniert waren, ganz im Gegenteil zu Zweig. An Ebermayer schrieb dieser noch zuvor: „Manchmal habe ich das Gefühl, man könne nur gut arbeiten in einem fremden Sprachgebiet und in der unsichtbaren Isolation vom Betrieb.“ Warum ist ihm das nicht gelungen? Er war häufiger außer Landes, nicht nur auf Reisen, auch mit längerem Aufenthalt, vermisste aber vielleicht besonders Europa. Thomas Mann hielt ihn für keinen politischen Menschen, dass ihn die Ereignisse hätten umhauen können. Er vermutete eher einen Skandal, für den er Zweig für anfällig hielt, wobei das wahrscheinlich reine Mutmaßung war. Der Baseler Selbstmord-Forscher Dr. Thomas Haenel hat eine Studie zu Zweigs Seelenleben verfasst, der z. B. Manns Verdacht, Zweig wäre Exhibitionist, als unsinnig abtat. Andere, wie der Biograf Matuschek, berufen sich auf Benno Geigers Aussage, Zweig hätte von Freud, der das bestätigt haben soll, eine Erklärung mitgeführt, Patient bei Freud zu sein, um sich vor einsamen jungen Mädchen zu entblößen und so einer Verhaftung zu entziehen. Dem steht aber auch Matuschek kritisch gegenüber, der Geiger als fantasievollen Übertreiber betrachtet. Freud hätte wohl kaum einen Freibrief an einen seiner Patienten ausgestellt, wenn diese Gefahr bestand. Zudem hatte Geiger ein sehr ambivalentes Verhältnis zu Zweig, ein Auf und Ab der Freundschaft, bei der Zweig in seinem Verständnis und in seiner Güte oft besser wegkommt. Weinzierl allerdings verweist auf Tagebucheintragungen, die auf den Bestand hindeuten, der zu Zweigs Inspiration gehörte.
Eine tiefe Depression und Desillusion kann man sich allerdings heute umso besser vorstellen, da wir mittlerweile ähnliche Vorzeiten durchmachen. Die Europäer spintisieren sich einen möglichen Krieg zusammen, wobei ich denke, dass Deutschland eher versucht, die eigens verursachte Wirtschaftskrise durch Kriegsindustrie wieder aufzupeppen. Wie viele Jahre sie auch immer für die Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit einplanen, sie fantasieren sich etwas Unmögliches zusammen, nach all den vielen Jahren, in denen Frieden das höchste Gut war. Woher wollen sie die „Freiwilligen“ nehmen, wo viele von ihnen selbst zu den Verweigerern gehörten? Propaganda alleine genügt nicht, um die Masse ins Gemetzel zu treiben, und das Feindbild Russland ist als angekündigter Angreifer ja nun auch nahezu lächerlich.
Schön sind aber die Sprünge zurück in die einstigen Vorkriegs- und Kriegszeiten, wenn man sich wieder mit Zweig, den Manns usw. beschäftigt, um zu sehen, dass die Abläufe immer gleich sind und auch die Menschen zunächst nie von einer tatsächlich drohenden Gefahr ausgehen, so sehr die politische Entwicklung auch darauf hindeutet. Noch schwieriger wird es für musische und sensible Menschen, die sich kaum mit Politik und Geschichte beschäftigen. Ich habe mich auch immer gewundert, warum Thomas Mann sich in den chaotischen Zeiten des Zweiten Weltkriegs weiter an den biblischen Stoff der Joseph-Brüder klammerte, kann aber, seit der Pandemie, genau verstehen, dass man das Abschalten von der Wirklichkeit benötigt, sich ganz auf etwas völlig anderes konzentrieren muss, um nicht zu resignieren. Auch als Schöpfender steht man immer wieder vor den beiden Alternativen. Einmal denkt man, wie unwichtig in schweren Zeiten Kunst und Bücher sind, zum anderen, und das stammt von Kehlmann: „Kunst ist immer unpassend. Immer unnötig, wenn sie entsteht. Und später, wenn man zurückblickt, ist sie das Einzige, was wichtig war.“ („Lichtspiel“) Aber ringen tut man mit beiden Bedingungen trotzdem. Ich hatte teilweise das Gefühl eines dekadenten Handelns, was meine Sachen und das Zeigen dieser betraf, wo andere jeden Tag auf dem Schlachtfeld sterben oder die Lüge zum schlagenden Argument wird. Allerdings ist es dann in bestimmten Zeiten auch nicht mehr möglich, das Geschehen auszugrenzen oder unbeachtet zu lassen oder sich nicht kritisch zu äußern. Das geht ja auch mit Wort und Kunst. Ich bin natürlich froh, dass ich fernab des kulturellen Zerfalls Deutschlands und des medialen Kampfgeschreis bin, von Politikern und Generälen, die sich vor allem durch ihre Prognosen lächerlich machen. Griechenland hält sich in diesem Sinne etwas bedeckter. Aber auch das ist nichts Neues in dieser Welt. Da kann man dann auch gleich wieder zu den Sachen Musils oder Karl Kraus‘ greifen. Da hat man die ganze Blödigkeit hautnah vor Augen.
#7
Zitat von Taxine im Beitrag #6
Weinzierl ist wirklich gut zu lesen, allerdings beschäftigt er sich zu einem großen Anteil mit der häufig geäußerten Vermutung einer latenten Homosexualität bei Zweig.
Ja, das ist heutzutage eine Seuche, dieses Insistieren auf den sexuellen "Besonderheiten". Auch die von Daniel Kehlmann gepriesene neue Thomas-Mann-Biografie von Tilmann Lahme krankt daran, sich an der Homosexualität Manns abzuarbeiten und wirklich alles in Leben und Werk aus dieser Perspektive zu betrachten und zu deuten. Ich bin der letzte, der die ungeheure Bedeutung des Sexus leugnen wollte, als "elementare Lebensäußerung" (wie das Netz weiß; wahrscheinlich hat es Freud gelesen) durchdringt er alle Bereiche des Persönlichen, Privaten, Gesellschaftlichen und Künstlerischen. Aber man kann es auch übertreiben. Ich wundere mich immer wieder, dass in Zeiten, in denen noch die abseitigste Neigung als Normalität ausgeschrien wird, sich große Künstlerpersönlichkeiten schlimmer als in Zeiten des grassierenden Biografismus des 19. Jahrhunderts mit Penis und Hypothalamus unter voyeuristische Miskroskope legen müssen, um die speichelfließende Neugier des Stutzers zu befriedigen.
Zitat von Taxine im Beitrag #6
Ich denke, die Emigration und die Lustlosigkeit, etwas Neues aufzubauen, können es nicht alleine gewesen sein.
Das ist wie das Folgende sehr materialreich und kritisch analysiert, mir fehlen diese Kenntnisse bezüglich Zweig. Ich weiß nur, dass man sich wie bei den Emigranten und Flüchtigen später auch das oft zu leicht vorstellt. Was es bedeutet, von heute auf morgen einfach alles hinter sich lassen zu müssen, Beruf, Heimat, Sprache und Freunde, aber eben auch die eigene Wohnstatt samt Hausrat, Büchern, Briefen und so weiter. Hier die deutschen Dichter auf der Flucht vor den Nationalsozialisten, später die Flüchtlinge aus den Ostgebieten. Das kann einem das Herz brechen. Wenn ich bis morgen weg müsste und nichts mitnehmen dürfte, als was in zwei Koffer passt; ich hinge womöglich beim avisierten Aufbruch im Gebälk.
Zitat von Taxine im Beitrag #6
Eine tiefe Depression und Desillusion kann man sich allerdings heute umso besser vorstellen, da wir mittlerweile ähnliche Vorzeiten durchmachen. Die Europäer spintisieren sich einen möglichen Krieg zusammen, wobei ich denke, dass Deutschland eher versucht, die eigens verursachte Wirtschaftskrise durch Kriegsindustrie wieder aufzupeppen. Wie viele Jahre sie auch immer für die Aufrüstung und Kriegstüchtigkeit einplanen, sie fantasieren sich etwas Unmögliches zusammen, nach all den vielen Jahren, in denen Frieden das höchste Gut war. Woher wollen sie die „Freiwilligen“ nehmen, wo viele von ihnen selbst zu den Verweigerern gehörten? Propaganda alleine genügt nicht, um die Masse ins Gemetzel zu treiben, und das Feindbild Russland ist als angekündigter Angreifer ja nun auch nahezu lächerlich.
Hier wird mir vom vielen Nicken schwindlig, aber ich darf nicht näher darauf eingehen, sonst muss ich die Dosis der Betablocker erhöhen.

Zitat von Taxine im Beitrag #6
Schön sind aber die Sprünge zurück in die einstigen Vorkriegs- und Kriegszeiten, wenn man sich wieder mit Zweig, den Manns usw. beschäftigt, um zu sehen, dass die Abläufe immer gleich sind und auch die Menschen zunächst nie von einer tatsächlich drohenden Gefahr ausgehen, so sehr die politische Entwicklung auch darauf hindeutet. Noch schwieriger wird es für musische und sensible Menschen, die sich kaum mit Politik und Geschichte beschäftigen. Ich habe mich auch immer gewundert, warum Thomas Mann sich in den chaotischen Zeiten des Zweiten Weltkriegs weiter an den biblischen Stoff der Joseph-Brüder klammerte, kann aber, seit der Pandemie, genau verstehen, dass man das Abschalten von der Wirklichkeit benötigt, sich ganz auf etwas völlig anderes konzentrieren muss, um nicht zu resignieren. Auch als Schöpfender steht man immer wieder vor den beiden Alternativen. Einmal denkt man, wie unwichtig in schweren Zeiten Kunst und Bücher sind, zum anderen, und das stammt von Kehlmann: „Kunst ist immer unpassend. Immer unnötig, wenn sie entsteht. Und später, wenn man zurückblickt, ist sie das Einzige, was wichtig war.“ („Lichtspiel“) Aber ringen tut man mit beiden Bedingungen trotzdem. Ich hatte teilweise das Gefühl eines dekadenten Handelns, was meine Sachen und das Zeigen dieser betraf, wo andere jeden Tag auf dem Schlachtfeld sterben oder die Lüge zum schlagenden Argument wird. Allerdings ist es dann in bestimmten Zeiten auch nicht mehr möglich, das Geschehen auszugrenzen oder unbeachtet zu lassen oder sich nicht kritisch zu äußern. Das geht ja auch mit Wort und Kunst.
Ja, als jemand, dem die Buddenbrooks, der Zauberberg und Dr. Faustus mehr bedeuten als die meisten anderen Bücher, bin ich auch immer wieder erstaunt, dass allein rein von der Masse her das Hauptwerk Thomas Manns die Tetralogie ist, die ich erst spät und zuweilen mit Mühe las. Aber wie ich der festen Überzeugung bin, dass nur das wirklich und wahrhaftig Nutz- und Zwecklose die große Kunst ausmacht; so ist dieses Festbeißen an vordergründig "unwichtigen", "uninteressanten", "abseitigen" Sujets wirklich ein Signal für üble Zeiten.
Zitat von Taxine im Beitrag #6
Ich bin natürlich froh, dass ich fernab des kulturellen Zerfalls Deutschlands und des medialen Kampfgeschreis bin, von Politikern und Generälen, die sich vor allem durch ihre Prognosen lächerlich machen. Griechenland hält sich in diesem Sinne etwas bedeckter. Aber auch das ist nichts Neues in dieser Welt. Da kann man dann auch gleich wieder zu den Sachen Musils oder Karl Kraus‘ greifen. Da hat man die ganze Blödigkeit hautnah vor Augen.
Wobei auch in Griechenland die Folgen eines Krieges spürbar wären. In der Welt ist es längst zu eng geworden.
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #7
Ja, das ist heutzutage eine Seuche, dieses Insistieren auf den sexuellen "Besonderheiten". Auch die von Daniel Kehlmann gepriesene neue Thomas-Mann-Biografie von Tilmann Lahme krankt daran, sich an der Homosexualität Manns abzuarbeiten und wirklich alles in Leben und Werk aus dieser Perspektive zu betrachten und zu deuten. Ich bin der letzte, der die ungeheure Bedeutung des Sexus leugnen wollte, als "elementare Lebensäußerung" (wie das Netz weiß; wahrscheinlich hat es Freud gelesen) durchdringt er alle Bereiche des Persönlichen, Privaten, Gesellschaftlichen und Künstlerischen. Aber man kann es auch übertreiben. Ich wundere mich immer wieder, dass in Zeiten, in denen noch die abseitigste Neigung als Normalität ausgeschrien wird, sich große Künstlerpersönlichkeiten schlimmer als in Zeiten des grassierenden Biografismus des 19. Jahrhunderts mit Penis und Hypothalamus unter voyeuristische Miskroskope legen müssen, um die speichelfließende Neugier des Stutzers zu befriedigen.
Ein gutes Stichwort. Mir ist auch aufgefallen, dass heutige Biografen oft nicht mehr aus Sympathie für jemanden schreiben, sondern mit der Lupe im Dreck wühlen, um ihr Buch interessanter zu machen. Da wird, statt eine neutrale Position einzunehmen, lieber mit Meinung, Urteil und Mutmaßung gearbeitet. Wenn dann noch das politische Heute einfließt, um eine Handlung in der Vergangenheit zu bewerten und abzutun, ist das Ganze für mich nicht mehr lesbar. Überhaupt sich vorzustellen, dass jemand nach dem Tod eines Menschen dann sein ganzes Leben auseinandernimmt, jeden Brief, jeden Satz, jedes gesagte Wort umdreht, jede Begegnung analysiert, jede Laune und jeden Fehltritt hinterfragt, dann wird einem schon schwindlig. Und trotzdem kann ich nicht abstreiten, dass ich Biografien, Briefe, Tagebücher sehr gerne lese, da sie oftmals viel über einen Menschen preisgeben und noch mehr das Denken der damaligen Zeit vermitteln. Allerdings mag ich auch nicht, wenn sich Biografen bei bestimmten Anwandlungen festbeißen oder gar Rufmord begehen. Wenn der Biograf seine Vermutungen allerdings belegen kann, hinterfragt man den Gezeigten doch noch einmal ganz neu.
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #7
Das ist wie das Folgende sehr materialreich und kritisch analysiert, mir fehlen diese Kenntnisse bezüglich Zweig. Ich weiß nur, dass man sich wie bei den Emigranten und Flüchtigen später auch das oft zu leicht vorstellt. Was es bedeutet, von heute auf morgen einfach alles hinter sich lassen zu müssen, Beruf, Heimat, Sprache und Freunde, aber eben auch die eigene Wohnstatt samt Hausrat, Büchern, Briefen und so weiter. Hier die deutschen Dichter auf der Flucht vor den Nationalsozialisten, später die Flüchtlinge aus den Ostgebieten. Das kann einem das Herz brechen. Wenn ich bis morgen weg müsste und nichts mitnehmen dürfte, als was in zwei Koffer passt; ich hinge womöglich beim avisierten Aufbruch im Gebälk.
Das Paschinger Schlössl, das Zweig 15 Jahre lang bewohnte, war ihm nach einer Hausdurchsuchung bereits befremdlich geworden. Er hatte den unumstößlichen Wunsch, auszuziehen, wollte sich, so ich mich erinnere, zuerst nach London begeben. Es war also kein allzu plötzlicher Aufbruch, zumal er sowieso immer viel unterwegs war. Natürlich ist es noch einmal etwas ganz anderes, wenn man alles hinter sich lassen muss und überhaupt die Bedrohung im Nacken spürt.
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #7
Wobei auch in Griechenland die Folgen eines Krieges spürbar wären. In der Welt ist es längst zu eng geworden.
Das ist keine Frage. Nur das Kampfgeschrei ist hier weniger medial vertreten. Dem belgischen Diktat ist auch Mitsotakis unterworfen, der aber auch gerne Trump in den Allerwertesten kriecht. Hinzu kommen seine eigenen korrupten Machenschaften. Griechenland wird zudem ständig offen von der Türkei bedroht. Nicht nur schickt Erdogan jeden Tag tausende an Illegalen herüber, er möchte auch die ganze Ägäis für sich beanspruchen. Aber dieser Typ ist sowieso größenwahnsinnig, wie auf einmal so einige ihre Machtposition neu definieren und offen demonstrieren.
Stefan Zweig in einem Brief an Ivan Šajkovič:
"Mein Gefühl in dieser Zeit ist, daß jede Unvernunft im Weltall[,] unter der wir alle so maßlos leiden, irgend einen metaphysischen Sinn haben muß. Es kann kein Zufall sein, daß wie auf Verabredung bei allen Staatsmännern die gleiche Verblendung herrscht. Etwas will sich aus diesem furchtbaren Krampf gebären, eine neue andere Welt und darum hat es fast keinen Sinn, sich den noch undurchsichtigen Ereignissen entgegenzustellen."
(Stefan Zweig," Briefe 1932 - 1942", S. Fischer Verlag)
#10
Zitat von Taxine im Beitrag #8
Und trotzdem kann ich nicht abstreiten, dass ich Biografien, Briefe, Tagebücher sehr gerne lese, da sie oftmals viel über einen Menschen preisgeben und noch mehr das Denken der damaligen Zeit vermitteln.
Das geht mir ähnlich: Biografien und Autobiografien nehmen bei mir einen eigenen Raum ein. Und ich könnte sicher noch einen füllen mit noch ausstehenden und mich interessierenden. Der Mensch im Künstler spricht sich hier naturgemäß doch auch aus, selbst wenn er sich verstellte, und wer wollte da seine Neugier zügeln, ob nicht vielleicht doch das eine oder andere Werk mit den einen oder anderen Interna zu tun hat?
Überdies: Bei fast allen Schriftstellern von Rang mit hinlänglicher Lebensspanne und räumlichen wie beziehungsrelevanten Voraussetzungen für reichlich Postsendungen ist neben den Tagebüchern auch das oft genug sehr umfangreiche Briefkonvolut mehr oder weniger integraler Bestandteil des Gesamtwerks. Von Goethe bis Thomas Mann möchte man nichts anderes mehr lesen, spezialisierte man sich darauf. Ich überlege eben, ob ich die 100 Euro für die vierbändigen "Memoiren von Paul Barras, Mitglied des Direktoriums" ausgebe, die Ende des 19. Jahrhunderts erschienen sind; denn auch wenn diese sicher wenig Selbstkritisches enthalten, sind sie ein unschätzbares Dokument der Zeit zwischen Revolution und Napoleon. Und was gäbe ich für die Tagebücher Thomas Manns aus der Zeit vor 1933.

Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #10
Ich überlege eben, ob ich die 100 Euro für die vierbändigen "Memoiren von Paul Barras, Mitglied des Direktoriums" ausgebe, die Ende des 19. Jahrhunderts erschienen sind; denn auch wenn diese sicher wenig Selbstkritisches enthalten, sind sie ein unschätzbares Dokument der Zeit zwischen Revolution und Napoleon.
Na du kannst ja erst einmal online hineinlesen, ob es sich lohnt.

Neben den Briefen habe ich auch einen Blick in der Biografie von Prochnik „Das unmögliche Exil“ geworfen. Dieser teilt die allgemeine Ansicht des Unbehausten. Zweig musste dabei auch erkennen, dass das Exil kein statischer Zustand, sondern ein Prozess war. An Carl Zuckmayer stellte er die Frage, welchen Sinn es hätte, als sein eigener Schatten weiterzuleben. Er empfand die Welt als etwas, das sich dem Verbannten nach und nach verweigert. Bei einem Freund gab er die Selbstbeschreibung an: „Vormals Schriftsteller, jetzt Experte für Visa“.
Zudem muss man natürlich auch noch bedenken, dass Zweig sich im Exil von seiner umfangreichen Autographen-Sammlung und Bibliothek trennen musste. Letztere umfasste etwa 10.000 Bücher. Mitnehmen konnte er nur seine Musikalien, darunter Originalpartituren von Mozart, Beethoven, Händel, Schubert und anderen. Gegenüber Alfred Kubin erklärte Zweig die "Kunst als sein Erdreich" und meinte damit das Medium Musik. Prochnik weist auf eine Aussage der Musikwissenschaftlerin Gisella Selden-Goth hin, die davon ausging, dass Zweig, hätte er die Musik auch in Brasilien um sich gehabt, wie er es von Wien her gewohnt war, den Weg der Verzweiflung nicht gegangen wäre. Da ist viel Wahres dran.
#12
Ich konnte mich nicht beherrschen und nahm mir Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers (1942 postum) (wunderbar eingelesen übrigens von Peter Vilnai) erneut vor, weshalb es nun zu denen zählt, die ich häufiger als zweimal gelesen habe. Die Wehmut, mit der er von der alten Welt der untergehenden k.u.k. Monarchie und vor allem der Wiener Hochkultur seiner Jugend berichtet, zeigt ja, dass er den Verlust seiner geistigen Heimat schon sehr zeitig erlitten hat.
Stefan Zweigs Bibliothek ist auch ein Kunstwerk für sich. Auf der Seite Stefan Zweig digital hat man seine einstige Sammlung aufwendig zusammengetragen und katalogisiert. Da wird sicherlich der eine oder andere ein Buch entdecken, das er noch nicht kennt oder vielleicht einmal lesen möchte.
#14



Immer, wenn ich mal wieder rumnörgeln will am Internet wegen Social Media, Porno, Dummheit, Mainstream, Konsumrausch etc., halte ich inne und denke an die segensreichen Innovationen wie eben diese digitalen Bibliotheken. Die Bibliothek Arno Schmidts kann man ja auch am PC nachvollziehen. Ohne Stefan Zweig hätte ich übrigens niemals Romain Rolland gelesen, die dreibändige Edition Das Gewissen Europas. Tagebuch der Kriegsjahre 1914-1919 bei Rütten & Loening habe ich 1990 von der Müllhalde ebenso gerettet wie Arno Schmidts Ausgewählte Werke in 3 Bänden bei Volk & Welt. Später las ich dann auch Johann Christof, Meister Breugnon und Clérambault, auch alle bei Rütten & Loening, ebenfalls alle gerettet aus den Grüften.
#15
Bei der erneuten Lektüre der "Welt von gestern" ist mir aufgefallen, dass junge Menschen sicher ohne Kommentar nicht mehr so selbstverständlich diese leichten Seiten durchpeitschen können. Ich selbst habe ja lediglich wie wahrscheinlich die meisten meiner Generation die gelben Taschenbuchbände (Gesammelte Werke in Einzelbänden) bei Fischer, ich sehe aber gerade, dass es inzwischen eine Salzburger Werkausgabe (Kritische Edition) beim Paul Zsolnay Verlag gibt, sieben Bände für Das erzählerische Werk. Wollen wir hoffen, es folgen die biografischen Essays und anderen Prosaarbeiten nach; so richtig schlau werde ich aus der Seite nicht.
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