Übersetzungen - Glanz und Elend kultureller Vermittlung

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15.02.2026 17:31 (zuletzt bearbeitet: 15.02.2026 17:42)
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#16
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"obwohl ich viel zu Heavy-Metal-Konzerten reiste"

Ich würde sagen, dass es auf die Art des Heavy-Metals ankam. Da gab es Bands, die auch im Radio liefen oder gar ein Plattenvertrag hatten, und andere, die bestenfalls vom Staat geduldet waren.
Nehmen wir Macbeth aus Thüringen, denen 1986 bei einem Konzert im Erfurter Stadtgarten von der Polizei verboten wurde, eine Zugabe zu spielen, worauf Teile der Zuschauer etwas ungehalten reagierten und Macbeth ein generelles Auftrittsverbot erhielt. Teile der alten Band durften ab 1987 unter dem Namen Caiman auftreten. Diese spielten damals u. a. an einem Abend im Bad Blankenburger Kulturhaus nach Pasch. Schon während des ersten Songs (von Pasch) wurde die komplette Saalbeleuchtung eingeschaltet und oben in der Galerie standen ringsum dutzende Polizisten, ebenso am Ausgang. So bleib es bis zum Schluss. Echte Konzertstimmung wurde so unmöglich gemacht, doch von Angst trotzdem nichts zu spüren. Meine Begleitung war selber Gitarrist und gründete später eine eigene Band. Wie dienten damals in der Armee und wurden ein halbes Jahr in einem Großbetrieb eingesetzt. Die Zivilklamotten hatten wir illegal dabei und wurden für den Ausgang im Privat-Fahrzeug gewechselt.
Pasch spielte Bluesrock, trat jedoch oft mit Metal-Bands zusammen auf. Auch das gemischte Publikum kam ins Gespräch, selbst mit kurzen Haaren. Ich denke, diese Szenen waren sich meist näher als die Fans von Macbeth/Caiman denen von Metropol, Berluc oder Formel 1.

Der Sänger von Macbeth und Caiman, Detlef Wittenburg, wurde im Frühjahr 1988 zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt, wegen § 214. "Beeinträchtigung staatlicher oder gesellschaftlicher Tätigkeit", einer jener Gummiparagrafen, die auch heute wieder an Bedeutung gewinnen. Nach der Haft war er kaputt und hat sich Ende '89 im Steigerwald erhängt.


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16.02.2026 08:23 (zuletzt bearbeitet: 16.02.2026 08:40)
#17
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Zitat von Salin im Beitrag #16

Ich würde sagen, dass es auf die Art des Heavy-Metals ankam. Da gab es Bands, die auch im Radio liefen oder gar ein Plattenvertrag hatten, und andere, die bestenfalls vom Staat geduldet waren.
[...]
Pasch spielte Bluesrock, trat jedoch oft mit Metal-Bands zusammen auf. Auch das gemischte Publikum kam ins Gespräch, selbst mit kurzen Haaren. Ich denke, diese Szenen waren sich meist näher als die Fans von Macbeth/Caiman denen von Metropol, Berluc oder Formel 1.

Das wird ganz sicher so sein; offensichtlich bist du ein paar Jahre älter als ich, wenn ich deine Zeit bei der NVA richtig einordne. Diesen Ein- und Überblick hatte ich altersbedingt persönlich nicht, ich bin meist einfach mit Kumpels mitgefahren. Dass sich dort jemand über Bücher unterhalten hätte, wäre mir aber aufgefallen; dem war ganz sicher nicht so. Man darf nie vergessen, dass fünf Jahre in der DDR Welten an Erfahrung und Weisheit ausmachten unter Umständen. Dennoch frage ich mich, wenn ich alle deine Erfahrungen summiere; warum du das nicht aufschreibst; das alles geht sonst verloren.

Und ich lege gleich einmal auf:


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22.02.2026 20:07
#18
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Früher als Knabe dachte ich, Flaubert hätte mehrere Romane geschrieben über einen in der Großstadt scheiternden jungen Mann, bis ich begriff, dass die unterschiedlichen deutschen Versionen des französischen Titels L’Éducation sentimentale mich verwirrten:

Die Erziehung der Gefühle
Die Erziehung des Herzens
Die Erziehung des Gefühls
Lehrjahre des Gefühls
Lehrjahre des Herzens
Die Schule der Empfindsamkeit
Der Roman eines jungen Mannes
Lehrjahre der Männlichkeit. Geschichte einer Jugend

Ich will mir als des Welschen Unkundiger nichts anmaßen, aber es muss doch möglich sein, eine Entsprechung zu finden, die auch die Ironie mitteilt.


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