Nietzsche und seine Zeit
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #15
Ich kann mich gar nicht erinnern, dass der Name im entsprechenden Nietzsche-Kommentar oder in der Rezension von Hermann Josef Schmidt fiel. Aber seien wir ehrlich, so heißen doch nur Romanfiguren.
Der Hinweis auf Spir erfolgt in der Chronik mehrmals bei den Zwischenangaben der Bibliotheksausleihen, die Nietzsche getätigt hat. Mir fiel das auch nur wegen dem eigenartigen Namen auf und eben weil der Zusatz "erneut ausgeliehen" drei- oder viermal erwähnt wird.
Ich würde gerne einmal wissen, wie so ein Name zustandekommt. Im Roman würde man ihn wahrscheinlich sogar übertrieben finden. Auch die Abstammung Spirs ist außergewöhnlich mit deutschen, jüdischen, russischen und griechischen Wurzeln. Beim Online-Archiv kann man sich die Schrift als Band 1 und Band 2 als Epub-Version herunterladen. Für das Kindle wäre dann nur eine Umwandlung nötig. Ich werde sicherlich einmal hineinblättern, wie ich auch einen Blick auf die "Zwölf Briefe eines Ketzers" von Hillebrand werfen möchte, zumal Nietzsche sich hier begeistert zeigte. Hillbrand wiederum hat es ihm kaum gedankt und mit Unverständnis auf seine "Unzeitgemäßen Betrachtungen" reagiert.
#17
Zitat von Taxine im Beitrag #16
Ich würde gerne einmal wissen, wie so ein Name zustandekommt. Im Roman würde man ihn wahrscheinlich sogar übertrieben finden. Auch die Abstammung Spirs ist außergewöhnlich mit deutschen, jüdischen, russischen und griechischen Wurzeln.
Ja, das würde ich auch gerne. Immerhin erinnert mich das auch wieder mal an Arno Schmidt in "Was soll ich tun?", die Fettung von mir:
Zitat
Das muß Vielen so gehen! Morgens, in der Straßenbahn, sieht man deutlich die Verheerungen, die die Schriftsteller unter uns anrichten; wie sie uns ihre Gedankengänge, die verruchtesten Gebärden, aufzwingen. Gestern hob der junge Mensch mir gegenüber – er ist Student an der Technischen Hochschule, und las einen mir übrigens unbekannten ‹Tennessee Williams› (so hießen in meiner Jugend allenfalls die exotischen Verbrechertypen, ‹Alaska=Jim› und ‹Palisaden=Emil›!) – also der hob den Kopf, und besah mich mit so unverhüllter Mordgier, daß ich mir davor bebend den Hut tiefer in die Stirn zog; auch eine Station früher ausstieg (beinah wär ich zu spät ins Geschäft gekommen. Wahrscheinlich hatte er mich langsam von unten herauf in Scheiben geschnitten; oder in einen Sack gebunden, und mich von tobsüchtigen Irren mit Bleischuhen zertanzen lassen!).




Ich liebe seinen Humor!!!
* Die Gutmütigkeit Nietzsches haben die Wagners immer wieder ausgenutzt, sich auf den „Adepten“ verlassend. Als dieser aufgrund seiner schmerzhaften Leiden nicht mehr nach Bayreuth kommen konnte, nahm man ihm das übel und sah es als „Verrat“. Unverschämt sind auch immer wieder die Forderungen Cosimas an Nietzsche, der ihr als Bote und Laufbursche zu dienen schien. Die Anfragen im Sinne „Besorgen Sie mir…“ sind umso drastischer in den Zeiten, in denen ihn die eigenen Beschwerden stark zusetzten. Sie schrieb an ihn u. a. „… ersuche ich Sie, mir durch Strassburg Bonbons zu verschaffen…“, gefolgt von einer Liste an einigen Pfund verschiedener Sorten, während Nietzsche aufgrund seines Magenkatarrhs (heute Gastritis), begleitet von schlimmen Kopfschmerzen und einem Augenleiden, nicht einmal normales leichtes Essen genießen konnte und ständig das Bett hüten musste.
* Von Goethe stammt die Aussage, es gäbe zu viele Echos und zu wenige Stimmen.
* Die Schwester schreibt 1875 über mehrere gemeinsame Musik-Abende, bevor Nietzsche das Komponieren ganz einstellte: „Wie seltsam nun, daß diese letzte Musik, die er komponiert hat, daß die Phantasie, die fast jeden Abend erklang, der Hymnus an die Einsamkeit war.“ (S. 350, 2. Sp.) Da lebten beide Geschwister bereits im gemeinsamen Haushalt im Spalentorweg 48. Nietzsche bewohnte dort sechs Zimmer auf der ersten Etage und einem Teil der zweiten. Sein Arbeit- und Studierzimmer ging auf Gärten hinaus, das Wohnzimmer auf die Straße.
* Nietzsche schreibt in einem Brief folgende lateinische Floskel: „Mihi scribo. Aliis vivo.“ So muss er es tatsächlich tief empfunden haben, wo ihm die Arbeit am Pädagogium immer mehr zur Belastung wurde und oft keine Zeit für eigene Arbeiten blieb. Und wenn das der Fall war, unterschieden diese sich erheblich vom eigentlichen Stoff.
* Die Schrift „Richard Wagner in Bayreuth“ hielt Nietzsche zunächst für zu persönlich und daher ungeeignet für eine Veröffentlichung. Sein Schüler Heinrich Köselitz bedauerte, dass sie nur Torso bleiben sollte, sodass er sie für Nietzsche abschrieb, der das Ergebnis zunächst nur Wagner schenken wollte, dann aber doch für die Veröffentlichung als vierte der „Unzeitgemäßen Betrachtungen“ vorbereitete.
* Nietzsches Lieblingslektüre 1875 ist Walter Scott, dessen künstlerische Ruhe er schätzt und den er, mit Schopenhauer, zu den "Unsterblichen" zählt.
* Zu dieser Zeit (Dezember 1875) liest er auch das "Sutta Nipáta" und münzt auf sich das Schlusswort: „… so wandle ich einsam wie das Rhinoceros“. Er empfindet die „Unwerthe des Lebens“ und den „Truge aller Ziele“ besonders stark in seinen Krankheitsphasen, während er sich gegen die jüdisch-christlichen Redensarten „einen Ekel angegessen habe“. Die Wirkung lässt nicht auf sich warten. Das buddhistische Denken sickert in ihn ein, so schreibt er: „Gesundheit erlange ich nicht eher, bis ich sie auch verdiene, bis ich den Zustand meiner Seele gefunden habe, der der mir gleichsam verheißende ist, der Gesundheits-Zustand derselben, wo sie nur noch den Einen Trieb, das Erkennen-Wollen, übrig behalten hat und sonst von Trieben und Begehrungen frei geworden ist.“
Das von Nietzsche gelesene Sutta Nipāta (übersetzt etwa: Sammlung wohlgesprochener Reden) ist eines der ältesten Werke des Pāli-Kanons und das fünfte Buch der Khuddaka Nikāya („kleinere Sammlung“). Es gilt als eine der frühesten buddhistischen Textsammlungen und enthält viele uralte Verse, die teilweise noch vor der endgültigen Systematisierung der Lehre entstanden sind. Es besteht aus 71 kurzen Suttas, die in fünf Vaggas (Kapitel) unterteilt sind, in das Uragavagga (Schlangen-Kapitel), das Cūḷavagga (kleines Kapitel), das Mahāvagga (großes Kapitel), das Aṭṭhakavagga (Kapitel der Achtergruppen) und das Pārāyanavagga (Kapitel über das Hinübergehen/den Weg ans andere Ufer).
Im Vorwort der deutschen Übertragung aus dem Jahr 1889 von Arthur Pfungst, die immer noch die einzige ist, heißt es:
„Der indische Geist fängt ja allmählig an, durch tausende kleiner Kanäle in das Denken und Empfinden unseres Volkes einzufliessen. Der gewaltige Anstoss, den Schopenhauer gegeben, hat die Wellen in einer Weise in Bewegung gesetzt, welche ahnen lässt, dass das Interesse an indischem Denken und Glauben immer weitere Kreise erfassen und festhalten wird und dass die Freunde indischer Weisheit gern auf die ältesten Denkmäler des Buddhismus zurückgreifen werden. Das SUTTA-NIPÂTA ist eines der herrlichsten dieser Denkmäler.“
Im Vergleich zum deutlich häufiger übersetzten Dhammapada merkt Pfungst an, dass beide Sammlungen ähnlich sind, der Hauptunterschied aber darin läge, dass „das DHAMMAPADA durchaus metrisch, dagegen das SUTTA NIPATA theils in prosaischer und theils in metrischer Form abgefasst ist“. Vor allem die beiden letzten Kapitel gelten als die archaischen, radikalen. Nietzsche wiederum bezieht sich auf das erste Kapitel Uragavagga, in dem das Khaggavisana Sutta vorkommt, dessen Schlusssätze immer mit dem einsamen Gehen des Rhinozerosses enden. Es reflektiert über den Wert des Wanderlebens und über die Einsamkeit des Asketen.
Ein kleiner Auszug aus dem Text:
"3. K H A G G A V I S Ä N A - S U T T A .
Familienleben und V e r k e h r mit Anderen ist zu meiden, denn Gesellschaft hat alle Laster im G e f o l g e ; darum sollte man das verderbnissvolle L e b e n mit Anderen verlassen und ein L e b e n der E i n s a m k e i t führen.
1. Wer gegen jegliches Geschöpf das Uebelwollen
Hat abgelegt und keinem Böses thut,
Nicht wünscht er einen Sohn sich noch Gefährten,
Er geh' allein, wie das Rhinozeros.
2. In ihm, der Umgang mit den Andern pflegt,
Erblüht die Liebe, und der Schmerz alsdann,
Der stets der Liebe folgt. Doch wer beachtet
Das Ungemach, da Liebe ihm gebiert,
Der geht allein, wie das Rhinozeros.
3. Wer Mitleid hegt für Freunde und Vertraute,
Verliert, was ihm zum Heil, weil seinen Geist
In Ketten er geschmiedet. Wenn er sieht,
Was in der Freundschaft für Gefahr verborgen,
Geh' er allein, wie das Rhinozeros.
4. Es gleichet einem grossen Bambusbaum,
Dess' Zweige in einander sind verflochten,
Die Sorge, die man hat mit Weib und Kind.
Doch gleich dem Schössling eines Bambusbaumes,
Der nirgends fest sich rankt und nirgends klammert,
Geh' man allein, wie das Rhinozeros.
5. Gleich einem Thier, das ungebunden streift
Im Wald umher und nach Belieben sich
Sein Futter sucht, so geh' der weise Mann,
Beachtend seinen eig'nen Willen nur,
Allein einher, wie das Rhinozeros.
6. Wenn Du mit Anderen zusammenlebst,
Bist Du das Opfer stetiger Ermahnung
Beim Sitzen, Stehen, Geh'n und auch beim Fortgeh'n.
Doch suchst Du nur Befreiung von Begierde
Und willst ein Leben Deinen Wünschen nach,
Dann geh' allein, wie das Rhinozeros.
7. Inmitten der Gesellschaft Kurzweil und
Vergnügen wird gefunden und den Kindern
Ist man mit grosser Liebe zugethan.
Wem Trennung von den Freunden schmerzlich ist,
Der geh' allein, 'wie das Rhinozeros.
8. Wer heimisch ist in den vier Tugendsphären,
Wer Keinem feindlich ist und stets zufrieden,
Wer furchtlos die Gefahren überwindet,
Der geh' allein, wie das Rhinozeros.
(…)
16. Fürwahr die sinnlichen Vergnügungen,
Die mannigfaltig, süss und lieblich sind,
In mancherlei Gestalt den Geist erregen.
Beachtet man jedoch das Leid, das aus
Den sinnlichen Vergnügen stammt, geh' man
Allein einher, wie das Rhinozeros.
17. Es sind mir die Vergnügungen nur Unheil,
Geschwüre sind sie, Leiden, Ungemach,
Und heft'ge Schmerzen und sind Klippen nur.
Wer die Gefahr der Sinnenlust erkennt,
Der geh' allein, wie das Rhinozeros.
(…)
20. Für den, der die Befried'gung findet im
Verkehr mit Ander'n, ist selbst lästig, was
Zeitweilig zur Befreiung führt. Erwägend
Die Worte Buddhas aus Adikka-Stamm,
Geh' man allein, wie das Rhinozeros.
(…)
39. Wer Güte pflegt zur rechten Zeit und Gleichmuth,
Reinheit von Sünde, Mitleid, wer mit Andern
Zu freu'n sich weiss, nicht durch die Welt gehindert,
Der geh' allein, wie das Rhinozeros.
40. Wer Leidenschaft und Hass verliess und Thorheit,
Nachdem die Banden er zerriss, wer nicht
Erzittert, wenn das Leben er giebt preis,
Der geht allein, wie das Rhinozeros.
41 . Die Menschen pflegen die Gesellschaft And'rer
Und dienen ihnen um des Vortheils willen;
Wie schwer ist's Freunde zu erlangen jetzt,
Die nicht ihr Vortheil zu uns führt; es kennen
Die Menschen ihren Nutzen und sind unrein.
— Geh' denn allein, wie das Rhinozeros!"
(Zitiert nach der von 1889 erschienenen Ausgabe: Das Sutta Nipata – Eine Sammlung von Gesprächen welche zu den kanonischen Büchern der Buddhisten gehört, herausgegeben und ins Deutsche übertragen von Arthur Pfungst)
* Auch 1876 nehmen die Beschwerden weiter zu. Nietzsche resümiert: „… ich darf nicht mehr zweifeln, dass ich an einem ernsthaften Gehirnleiden mich zu quälen habe (…). Mein Vater starb 36 Jahr an Gehirnentzündung, es ist möglich, dass es bei mir noch schneller geht.“ (Chr. S. 256, 1. Sp., u.)
* Seine Entscheidung, die Vorlesungen zu beenden, hat sich Nietzsche wahrlich nicht leicht gemacht. Tatsächlich litt er sogar an einem schlechten Gewissen und erholte sich davon erst, als er auf Reisen war. Dort verlor er den Hang, „gegen mich selbst ungerecht zu sein“ und fand sein „gutes Gewissen“ wieder. Er liest Manzonis Roman „Die Verlobten“ in nur vier (!!!) Tagen. (Ich glaube, ich habe, obwohl ich eher schnell lese, fast zwei Wochen gebraucht.)
* Beim Aufenthalt in Genf, als Gast in der Villa Diodati, dem einstigen Domizil von Lord Byron, gefiel es Nietzsche in der Gesellschaft der dort Anwesenden so gut, dass er in überschwänglicher Stimmung Mathilde Trampedach (eine Klavierschülerin von Hugo von Senger) einen Heiratsantrag machte, den sie freundlich ablehnte. Der Brief an sie mutet tatsächlich ein wenig exaltiert an, ebenso wie die Entschuldigung danach. Später erklärt Nietzsche:
„Geheirathet wird nicht, zuletzt hasse ich die Beschränkung und die Einflechtung in die ganze „civilisirte“ Ordnung der Dinge so sehr, dass schwerlich irgend ein Weib freisinnig genug ist, um mir zu folgen.“ (S. 367, 2. Sp.)
* Die ersten Unstimmigkeiten zwischen Nietzsche und Wagner treten ausgerechnet durch die geteilte Meinung zu Brahms auf, dessen Musik Nietzsche Wagner vorstellen möchte, der das jedoch mehrfach ablehnt. Als Nietzsche bald darauf noch einmal nach Bayreuth geht, zeigt er sich wiederum enttäuscht von der Götterdämmerung, die bei ihm dann später zur Götzendämmerung wird.
* Die beste Beschreibung von Nietzsches Schnurrbart gibt Michael Georg Conrad. Er sagt, Nietzsche hätte ...
„… in dem sorgfältig rasierten bleichen Gesicht einen phänomenal üppigen pechschwarzen Schnurrbart, buschig überhängend, an den Enden nach Tatarenart abwärts gedreht.“ (1877, Chr. S. 399)
* In der Chronik gibt es, wie schon erwähnt, wunderbare Holzstiche und Lithographien, oftmals, da sie nur Beiwerk sind, auch von unbekannteren Künstlern und Illustratoren. Deren Bilder findet man im Internet selten bis gar nicht. Ein Beispiel hierfür ist Knut Ekwall, mit seinem Bild "Auf hoher See":
* Toll finde ich, dass zu den Erstdrucken der Nietzsche-Werke viele Angaben gemacht werden, darunter auch, wie viele verkauft wurden, was sie zu damaligen Zeiten kosteten und was sie im 20. Jahrhundert bei Versteigerungen wert waren.
* Über das Neue Testament, speziell das Matthäus Evangelium sagte Nietzsche in einem Brief: „Das Neue Testament hat wohl selten Ungläubigen so viel Freude und Erbauung gegeben.“ (Chr., S. 397)
* Immer, wenn ich von der Begeisterung der Zeitzeugen lese, über das musikalische Improvisieren Nietzsches am Klavier, überlege ich, was er wohl heute wäre, ein zweiter Keith Jarreth? In Massa, in der Nähe von Sorrent, wo er sich mehrere Monate aufhielt (mit Ausflügen nach Capri und Pompeij), den Vesuv und das Meer vor der Nase, ereignete sich folgender Vorfall. Er „schlich sich in die Kirche zur Orgel und spielte, dass dem Pfaffen ein Schauer über den Rücken ging, - denn so gewaltige Tonsprache hatte der Gute weder gehört noch für möglich gehalten…“ (Reinhart Freiherr von Seylitz)
* Nietzsche hielt nun häufiger diverse Aphorismen fest. Seine Ansicht dazu war: „Fünf Gedanken sollte man doch jeden Tag haben können.“ In der Nacht wiederum, wenn er an Schlaflosigkeit litt, griff er nach einer Schiefertafel neben seinem Bett und notierte darauf Gedanken in der Finsternis.
* Ein Unding ist, dass der Arzt Otto Eiser mit so vielen Menschen über Nietzsches Erkrankung spricht, darunter mit Wagner, Overbeck und anderen, während er mit Wagner gar erörtert, was der Grund der Beschwerden sein kann. Wagner bezichtigt Nietzsche der Onanie und Ausschweifungen, wahrscheinlich, weil er selbst dazu neigt. Eiser zeigt sich skeptisch, möchte dem großen Meister aber auch gerne nach dem Mund reden und überlässt, was ich besonders unverfroren finde, Wagner die Entscheidung, ob er Nietzsche ihr Gespräch mitteilen soll oder nicht. Wieso hat sich Eiser hier nicht an den Eid des Hippokrates, an das Patientengeheimnis gehalten? Auch ist er der Erste, der den Inhalt von „Menschliches, Allzumenschliches“ einer beginnenden Hirnzerrüttung Nietzsches zuschreibt.
* Währenddessen verschenkt Nietzsche nach und nach eine Büste Wagners und zwei seiner ihm gewidmeten Partituren. Die Anbetung ist vorbei und wird mit dem Werk „Menschliches, Allzumenschliches“ zum vollständigen Bruch. Danach ist Nietzsche nicht mehr gewillt, den „Wagner‘schen Ärger-Geifer“ einzuatmen. Die Wagners wiederum schreiben dem jüdischen Freund Paul Rée einen zu großen Einfluss auf Nietzsche zu, wobei sich der Antisemitismus in vielen Äußerungen bemerkbar macht, der Nietzsche ganz fremd ist, auch wenn er in jungen Jahren ab und an die Anwesenheit eines Juden beklagt, wohl zeitbedingt und der allgemeinen Stimmung entsprechend. Seine Einstellung verändert sich mit der Loslösung von alten Denkweisen. An Karl Hillebrand schreibt er in einem Brief über dessen Schrift „Zeiten, Völker und Menschen“: „O Bücher, aus denen eine europäische Luft weht, und nicht der liebe nationale Stickstoff!“
* Eine Zeitlang soll Nietzsche verkuppelt werden, vor allem darum, damit er versorgt ist. Dahinter stecken selbstredend die Frauen, so seine Mutter, die Freundin Malwida von Meysenbug und bedingt auch seine Schwester. Nietzsche denkt darüber nach, möchte aber auch keine unvermögende Gattin. Der Bruch mit den Traditionen ist ihm eine Befreiung und wird zur eigenen Sichtweise. Später schreibt er dazu:
„Die größte Trivialität in der Welt ist der Tod, die zweitgrößte das Geborenwerden, dann aber kommt zu dritt das Heirathen. Überlegt man, wie viele Menschen fortwährend heirathen, so muß man über die kindliche Wichtigthuerei aller dieser Liebenden lachen.“ (Chr. S. 419/420)
* „Menschliches Allzumenschliches“ ist sein erstes persönliches Werk: „In Zeiten, welche voller Paroxismus und Qualen waren, war dies Buch mein Trostmittel, welches nicht versagte, wo alle anderen Trostmittel versagten. Vielleicht lebe ich noch, weil ich seiner fähig war.“ (Brief an Wagner, Chr. S. 421) Zunächst hofft er, es unter einem Pseudonym herausbringen zu können, wogegen sich der Verleger, der sowohl ihn als auch die Bayreuther Blätter herausgibt, querstellt. Immer mehr muss der Verleger zwischen den Fronten vermitteln, erhofft sich aber durch die Konfrontation beider Seiten auch mehr Absatz.
* Wenn man sich vorstellt, was Nietzsche bis zu seinem 34. Lebensjahr schon alles durchgemacht hat (das „Joch der Krankheit“) und wie er sein Leben umgestalten und einschränken musste, ist es wirklich bewundernswert, dass er nicht aufgab oder resignierte. Auch die Loslösung von der Norm und Hinwendung zum „freien Geist“ gehörten nicht nur zur inneren Wandlung dazu, sondern waren vielmehr der einzige Ausweg. Liest man im Kontext noch einmal "Menschliches, Allzumenschliches", lassen sich viele Verbindungen zu seinem damaligen Leben und seinen Erkenntnissen feststellen.
* Das Veröffentlichen seiner Briefe war Nietzsche eine schreckliche Vorstellung. Seinem Verleger Schmeitzner schrieb er, dass er den Abdruck als gröbsten Vertrauensmissbrauch betrachtete, den er zu den „großen Vergehungen“ zählte und der ihn tief verletzen würde. (Chr. S. 445)
* Die Cut-up-Technik, die der Beat-Generation zugeschrieben wird, ist gar nicht so neu. Ein Vorreiter dürfte tatsächlich auch Nietzsche gewesen sein. Er ließ seine Aufzeichnungen ins Reine schreiben, zerschnitt sie und ordnete sie in einzelnen Zetteln wieder neu. (S. 446)
* Als der Haushalt von Nietzsche in Basel aufgelöst wurde, nachdem er seine Stellung aufgegeben hatte, verlangte er von seiner Schwester Elisabeth, seine Schreibhefte zu verbrennen. Sie überredete ihn, das Ganze noch einmal zu durchdenken und sicherte die Hefte, die später im neunten und zehnten Buch der Gesamtausgabe erschienen und, laut ihr, zu den wahren Perlen seiner Philosophie gehörten. Mit der Abmeldung galt Nietzsche als Person ohne Wohnsitz. Durch seine Beschwerden überlegte er, sich als Gärtner zu verdingen. Natürlich unterschätzte er dabei, wie anstrengend diese Arbeit war.
* Eine schöne Aussage von Nietzsche ist folgende, mit einem fast buddhistischen Anklang:
„… ich leide an Gedankenlosigkeit und bin im Grunde mit diesem Leiden zufrieden.“
* Die „Morgenröte“ ist größtenteils in Venedig entstanden. Sie trug zuerst den Titel „Hombra di Venezia“ und hieß bald darauf „Die Pflugschar“, bis Köselitz (auch unter seinem Pseudonym Peter Gast bekannt) der Schrift ein Motto voranstellte, durch das sich Nietzsche zum neuen Titel inspiriert fühlte. Hierbei handelte es sich um einen Vers aus dem indischen Rigveda: „Es gibt so viele Morgenröten, die noch nicht geleuchtet haben.“
* Immer mehr zog sich Nietzsche in seine eigene Welt zurück. Die Kontakte zu Menschen verringerten sich. Er erwartete keinerlei Verständnis mehr und versuchte eigene Diäten und Diagnosen, um sein Leiden zu mildern. Eine große Rolle spielten in dieser Hinsicht die Orte, an denen er sich aufhielt und wo er die „Elektrizität in der Luft“ weniger stark spürte. Dazu gehörten u. a. Venedig, Genua, Messina und natürlich Sils Maria, wo heute das Nietzsche-Haus besichtigt werden kann. Gar nicht mochte er bekannte Heil- und Luxusstätten wie Marienbad oder St. Moritz. Ein Zeuge berichtet, er hätte ihm dazu geraten, sich an die größte Bedürfnislosigkeit zu gewöhnen, um auf diesem Weg allen unerwarteten Ereignissen begegnen zu können. Das wäre auch für den heutigen Menschen eine gute Empfehlung.
* Nietzsche erkannte in Wagners „Parsifal“ viel von sich selbst, sagte, er hätte als junger Knabe ähnliches komponiert. Seine Abneigung gegen Wagner vertiefte sich immer mehr: „Ich bin sehr zufrieden, […] die Parsifal-Musik nicht hören zu müssen. Abgesehen von 2 Stücken […] mag ich diesen „Stil“ (Dieses mühselige und beladene Stückchen-Werk) nicht: das ist Hegelei in Musik: und überdies ebenso sehr ein Beweis großer Armut an Erfindung als ein Beweis ungeheurer Prätension und Cagliostrictität ihres Urhebers.“ (Chr. S. 522) Mit jener Cagliostrictität bezieht er sich auf Graf Cagliostro, der im 18. Jahrhundert als Inbegriff des Scharlatans galt und bekanntlich auch Goethe und Schiller inspirierte. Später erhob Nietzsche in „Der Fall Wagner“ den Vorwurf gegen den „Meister“, er würde den Zuhörer durch hypnotische Effekte und künstliche Ekstase verführen und darüber hinwegtäuschen, dass er im Grunde kein echter Komponist und Musiker wäre. Auch in dem zitierten Brief an Mysenbug ist die mystische Maskerade gemeint, die versucht, eine Tiefe vorzutäuschen, wo keine ist.
* Mit der Freundschaft zu Lou Andreas-Salomé wird für uns schon sichtbarer, warum Nietzsche nie das Glück hatte, eine Frau zu finden, mit der er sein Leben teilen konnte. Die damals Zwanzigjähre war für ihn eine Offenbarung. Der Kontakt mit ihr machte ihn, zumindest in der Anfangszeit, nahezu gesund. Aber für eine mögliche Ehe wurde der Frau abverlangt, sich um Nietzsche zu kümmern, ihm vorzulesen und seine Gedanken aufzuschreiben, wie es oft genug Köselitz tat. Das bedeutete eine völlige Aufgabe des eigenen Selbst, wozu Lou kaum bereit war und was auch schade gewesen wäre, hätten wir vieler ihrer eigenen Schriften dann wohl nie zu Gesicht bekommen. Sie nannte Nietzsche in einem Streit mit der Schwester Elisabeth einen der „größten Egoisten“. Zwischen den beiden Frauen entbrannte eine Rivalität, die bei Elisabeth in lebenslangen Hass umschlug. Lou tat ihre Auseinandersetzung dagegen als „Kleinmädchensache“ ab.
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