Nietzsche und seine Zeit

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01.03.2026 16:46
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#1
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Eines der besten Bücher über Nietzsche ist neben Werner Ross' Biografie "Der ängstliche Adler" die "Chronik in Bildern und Texten" vom dtv, in die ich gerade wieder völlig eingetaucht bin. Dieses dicke Buch ist wie ein Lexikon aufgebaut und enthält etliche Briefe, Tagebucheinträge, Originaldokumente, Notizen und Zeitzeugenaussagen aus den Nietzsche-Archiv, durch die das Leben Nietzsches unglaublich lebendig wird und täglich verfolgt werden kann. Texte und Fotos zeugen von der Entwicklung des Schnauzbarts, der als Kind schon eine Zeichnung anfertigte, die den Transport eines Sarges darstellte, wohl nach dem Tod des Vaters und einer seiner Brüder entstanden. Dazu erfährt man viel Zeitgeschehen und Details über den damaligen Schulalltag an der Pforta. Vor allem sein Freund Deussen macht unterhaltsame Aussagen, die den Charakter Nietzsches perfekt einfangen, während seine Schwester häufig übertrieben hat, teilweise sogar widerlegt durch die eigene Mutter. Und als sich einer der Lehrer an ihn als 17-Jährigen erinnert und seine große Begabung lobt, vergisst er nicht zu erwähnen, dass der "in sich gekehrte, junge Mensch" auch durch seine "lange Haartracht" auffiel.

Deussen wiederum berichtet u. a.:
"Nietzsche war von Haus aus eine tiefernste Natur, alles Schauspielerhafte im tadelnden wie im lobenden Sinne lag ihm gänzlich fern; ich habe viele geistvolle Bemerkungen, aber selten einen guten Witz von ihm zu hören bekommen."

Hier erscheint der Mensch Nietzsche, der hinter dem Philosophen oft verborgen bleibt. Auch ist es eigenartig von ihm als jungen Menschen zu lesen, mit seinen Wünschen und Träumen, wenn man im Hinterkopf jene Bilder hat, wo er in geistiger Umnachtung im Bett liegt. Die Chronik ist eine echte Empfehlung für alle Nietzscheaner.


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01.03.2026 17:27
#2
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Diese Chronik liegt bei mir, wenn ich nicht gerade mal wieder in "Zettel’s Traum" schmökere, aufgeschlagen auf meinem Lesepult im Wintergarten. Ich würde beinahe soweit gehen und sagen, dass sie meine Bibel ist; ich lese jeden Tag darin. Wir beide scheinen verschwistert und ich dachte, meine Ahnenforschung sei längst abgeschlossen.


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01.03.2026 17:36
#3
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Zitat von Taxine im Beitrag #81

Auch ist es eigenartig von ihm als jungen Menschen zu lesen, mit seinen Wünschen und Träumen, wenn man im Hinterkopf jene Bilder hat, wo er in geistiger Umnachtung im Bett liegt.






Ich muss zugeben, ich denke Nietzsche oft vom Ende her; vielleicht weil ich derzeit hier im Dreieck zwischen Weimar, Naumburg und Jena lebe.


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01.03.2026 17:49
#4
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Zitat von Taxine im Beitrag #81
Eines der besten Bücher über Nietzsche ist neben Werner Ross' Biografie "Der ängstliche Adler" die "Chronik in Bildern und Texten" vom dtv, in die ich gerade wieder völlig eingetaucht bin.

Damit machst du natürlich ein gewaltiges Fass auf! Ich stimme auf jeden Fall zu und ergänze nur als sattsam bekannte Bücher die dreibändige Biografie von Janz, Safranskis "Biographie seines Denkens" und die vierbändige Großtat von Hermann Josef Schmidt "Nietzsche absconditus oder Spurenlesen bei Nietzsche"; dazu des letzteren umfangreiche Rezensionen der Bände des Nietzsche-Kommentars der Heidelberger Akademie der Wissenschaften bei de Gruyter.


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01.03.2026 17:55
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#5
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Zitat von Yorick-Ruthenus

Ich muss zugeben, ich denke Nietzsche oft vom Ende her; vielleicht weil ich derzeit hier im Dreieck zwischen Weimar, Naumburg und Jena lebe.



Ja, diese Bilder sind immer sehr bedrückend. Vielen Dank für das Video. Da hat sie ihn ordentlich vorgeführt, diese unsägliche Schwester, wie ein Ausstellungsstück. Ohne das wäre Nietzsche vielleicht anders in den Köpfen verblieben. Auch ihre Zusammenstellung von „Der Wille zur Macht“ trug ja mit dazu bei, dass der Philosoph umso häufiger missverstanden wurde. Andererseits muss man nur seine Bücher aufschlagen und hat ihn auf geistig höchstem Niveau wieder vor Augen. Ich hatte mir damals sogar seine Kompositionen angehört, um sein Wesen noch besser zu erfassen.


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02.03.2026 17:30
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#6
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Weiter in der Nietzsche-Chronik, bei der Zeit des Studiums in Bonn (S. 113, zweite Spalte, zweiter Eintrag). Deussen erzählt, wie viel Geld ihnen zur Verfügung steht, ihm 20 Thaler, dem 20-jährigen Nietzsche durch das väterliche Erbe knapp 25 Thaler. Das reichte vorne und hinten nicht, woraufhin sich Nietzsche in den Briefen an die Mutter bitterlich beklagte, dass „das Geld weglaufe, wahrscheinlich, weil es so rund sei“. Und da sagt Deussen, er hätte keinen Humor.


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Gestern 18:47
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#7
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Die Chronik enthält auch eine große Anzahl an Bildern und Holzstichen, die die Menschen, mit denen Nietzsche verkehrte, aber auch die vielen Orte der damaligen Zeit zeigen, darunter Bahnhöfe, vor denen statt Autos noch Kutschen standen, Bergmassive, Landschaften, alte Gasthöfe und Häuser. Diese begleiten den Text wunderbar. Nun habe ich die Zeit erreicht, als Nietzsche aufgrund seiner Schrift "Die Geburt der Tragödie" in Basel keine Studenten mehr bekommt. All das muss ihn sehr belastet haben, wo andere zuvor bezeugten, wie gut er in seinen Vorlesungen war, erkenntlich auch an seinen immer häufiger auftretenden Beschwerden. In der kritischen Ausgabe sämtlicher Briefe lässt sich parallel gut nachvollziehen, wie er das alles erlebt und verarbeitet hat, samt seiner inneren Kämpfe, die zwischen den Zeilen sichtbar werden. Nach den Verrissen und Kritiken hatte er im Grunde Narrenfreiheit und musste sich an keine Regeln mehr halten. Das war dann auch die Geburt des eigentlichen Philosophen.


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Heute 06:41
#8
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Zitat von Taxine im Beitrag Januar, Februar, März 2026

Bei der Nietzsche Chronik sind auch die vielen Bilder herrlich, die die Orte zur damaligen Zeit zeigen, Bahnhöfe, vor denen statt Autos noch Kutschen standen, Bergmassive, alte Gasthöfe und Häuser. Diese begleiten den Text wunderbar. Nun habe ich die Zeit erreicht, als Nietzsche aufgrund seiner Schrift "Die Geburt der Tragödie" in Basel keine Studenten mehr bekommt. All das muss ihn sehr belastet haben, wo andere zuvor bezeugten, wie gut er in seinen Vorlesungen war, erkenntlich auch an seinen immer häufiger auftretenden Beschwerden. In der kritischen Ausgabe sämtlicher Briefe lässt sich parallel gut nachvollziehen, wie er das alles erlebt und verarbeitet hat, samt seiner inneren Kämpfe, die zwischen den Zeilen sichtbar werden. Nach den Verrissen und Kritiken hatte er im Grunde Narrenfreiheit und musste sich an keine Regeln mehr halten. Das war dann auch die Geburt des eigentlichen Philosophen.

Ja, die Geburt des Philosophen aus dem Geist der Ignoranz. Wenn ich überlege, wie sehr es einen Normalo wie mich schon schmerzt, wenn man keinerlei Resonanz erfährt in der großen weiten Welt und sich dann imaginiert, dass ein großer Geist wie Nietzsche in 18 Jahren einen Geniestreich nach dem anderen der Welt schenkt und es gibt praktisch keinerlei Reaktion, keine Rezeption, kein Lob; aber auch keinen Widerspruch. Seit Wilamowitz-Moellendorff gibt es ja nicht einmal eine ablehnende Auseinandersetzung, Nietzsche schreibt wirklich ins Blaue, in die Gebirge, in die Zukunft hinein. Kein Wunder also, dass die Stimme auch schriller wird, "größenwahnsinniger", Ich-bezogener; radikaler. Aber es ist und bleibt ein Signum des Extraordinären; dass man keine Familie haben darf, keine Freunde, kein Vaterland, keine Religion etc., wenn man ganz frei und unabhängig sich in neue Sphären vorwagt.


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Heute 15:14
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#9
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Nietzsche hält später Folgendes fest:
„Es gehört zu den schauerlichen Erinnerungen aus meiner Studentenzeit, dass ich eine Nacht mit einer Cholera-Leiche zugebracht habe.“

Mich faszinieren solche Details, durch die man so viel aus der damaligen Zeit erfährt. Darunter z. B. auch der Verweis auf jene großen Bibliotheken, in denen man sich noch über eine Leiter von Buch zu Buch schwingen konnte, ebenso von dieser fallen, wie es Ritschl, dem Professor Nietzsches, erging.

Weiter in der Chronik-Lektüre:
Bericht der Schwester: (S. 338/Professor in Basel, 1875)
„Einmal saßen wir in den Parkanlagen, und während Fritz lebhaft derartige Gedanken erörterte, bemerkte ich plötzlich, daß jenseits des Busches ein Herr saß, der das Gesicht aufgestützt, sehr aufmerksam zuhörte. Es war Turgenjew, dessen Photographie ich am Morgen in einem Schaufenster genau betrachtet hatte. Als er sah, daß sein Lauschen von uns bemerkt worden war, stand er auf und gieng höflich grüßend an uns vorüber. Es interessierte uns nun außerordentlich zu wissen, ob Turgenjew genug Deutsch verstehe, einem solchen Gespräch folgen zu können.“

Tatsächlich beherrschte Turgenjew die deutsche Sprache fließend. Er galt nicht umsonst in Russland als der „Europäer“ und war ein bedeutender Vermittler zwischen der russischen und der westlichen Kultur. Die deutsche Sprache lernte er als Kind von Privatlehrern, perfektionierte sie später bei seinem Studium in Berlin, das von 1838 bis 1841 dauerte, und vervollkommnete sie bei der Übersetzungstätigkeit und während der Zeit seines Lebens in Baden-Baden. Er hat, so möchte man den beiden Geschwistern zurufen, daher tatsächlich alles verstanden und wohl mit Interesse verfolgt.

Allerdings ist hier den Aussagen der Schwester nicht unbedingt zu trauen, denn 1875 müsste Turgenjew in Baden-Baden dann lediglich zu Besuch gewesen sein. Zu dieser Zeit lebte er bereits in Paris, hatte dort in der Nähe auch ein Landgut in Bougival. Nietzsches Schwester kann ihn daher auch verwechselt haben, und neben ihnen lauschte ein anderer Mann mit weißem Bart. Es ist zumindest nicht bekannt, dass Turgenjew noch einmal nach Baden-Baden zurückkehrte. Die Verbindung war mit dem Deutsch-Französischen Krieg gekappt. Eher reiste er nach Russland oder suchte Kurorte in Frankreich auf. Trotzdem sind solche Notizen und Details für uns herrlich zu lesen.


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Heute 15:25
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#10
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Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #8
Seit Wilamowitz-Moellendorff gibt es ja nicht einmal eine ablehnende Auseinandersetzung, Nietzsche schreibt wirklich ins Blaue, in die Gebirge, in die Zukunft hinein. Kein Wunder also, dass die Stimme auch schriller wird, "größenwahnsinniger", Ich-bezogener; radikaler. Aber es ist und bleibt ein Signum des Extraordinären; dass man keine Familie haben darf, keine Freunde, kein Vaterland, keine Religion etc., wenn man ganz frei und unabhängig sich in neue Sphären vorwagt.


Diese Freiheit entsteht notgedrungen aus solchen Situationen und wird durch die eigene Selbstreflexion und Auseinandersetzung gestärkt. Entweder man gibt auf oder man betont den eigenen Weg umso mehr, und zum Glück tat es der Schnauzbart. Oft schreibt Nietzsche, dass die Wut ihm vieles diktiert hat. Erstaunlich ist sein Wesen schon, welches in der Begegnung mit Menschen immer unglaublich sanft, höflich und zuvorkommend ist, während seine Schriften das Gegenteil sind. Auch wundere ich mich, dass ihn die Frauen, außer die, die ihm sowieso mit Sympathie begegneten, nicht als möglichen Ehegatten sahen, zumal er eine Zeitlang tatsächlich über das Heiraten nachdachte. Er erscheint mir, im Gegensatz zu Wagner oder Rilke, deutlich angenehmer im Wesen, wenn man ihn nun als Mensch erlebt und nicht zwingend die Schriften vor Augen hat. Dahinter bleibt natürlich der Gedanke, wie Nietzsche die Frauen sah, wobei auch das zeitbedingt typisch war. Schon früh, während der Pforta-Zeit, sprach er davon, dass ihm eine Frau eher dazu da wäre, ausschließlich für sein Wohl zu sorgen, sodass er wohl in kurzer Zeit drei verschleißen würde (natürlich mit Humor berichtet). 1875 sieht er die Heirat schon anders und rät hier zu allergrößten Vorsicht:

"Es ist furchtbar, wie die Männer, an ein inferiores Geschöpf gebunden, herunterkommen, und mitunter kommt es mir so vor als ob wir bessere Aufgaben hätten als dem ganzen Ehe-capitel unsre Aufmerksamkeit zu schenken."

(Brief Nr. 443, in der kritischen Ausgabe Sämtlicher Briefe, zitiert aus der Chronik, S. 337, zweite Spalte, dritter Text)


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Heute 15:41
#11
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Übrigens: Für ganze 99 Cent (sic!!!) gibt es bei Amazon Kindle die Kritische Gesamtausgabe von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, das ist kaum zu glauben; bedenkt man, dass sie analog viele hundert Euro kostet, wenn man sie überhaupt bekommt.


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Heute 15:42
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#12
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Die habe ich, und sie enthält auch die Briefe.


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Heute 16:06
#13
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Ich habe in Verbindung mit den beiden Hörbüchern von Axel Grube und Sven Görtz mal wieder die "Götzen-Dämmerung oder Wie man mit dem Hammer philosophirt" (1889) gelesen und wurde dabei stets erneuert an Peter Sloterdijks frühes Werk "Der Denker auf der Bühne. Nietzsches Materialismus" (1986) gemahnt, in dem er von der "fast unmenschlichen Brillianz seiner späteren Prosa" (S. 17) spricht.


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Heute 16:14
avatar  Taxine
#14
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Ich wiederum fand bei Nietzsche den Hinweis auf Afrikan Spir, einen Philosophen, den ich zuvor noch nicht kannte und dessen Buch "Denken und Wirklichkeit" Nietzsche immer wieder auslieh, in der Zeit seiner "Unzeitgemäßen Betrachtungen".


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Heute 16:35
#15
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Ich kann mich gar nicht erinnern, dass der Name im entsprechenden Nietzsche-Kommentar oder in der Rezension von Hermann Josef Schmidt fiel. Aber seien wir ehrlich, so heißen doch nur Romanfiguren.


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