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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#31

RE: Andrej Tarkowskij

in An der Kunst orientierte Gedanken 15.08.2007 18:08
von Taxine
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Nein, Wertester, nie kann das eine Ego in das andere hineinempfinden, nur in Andeutungen und nur aus dem Vergleich mit sich selbst. Aneinander gereihte Welten. Darin lauert dann so erstaunlich der gleiche Trieb nach Stumpfsinn und Selbstsucht, der wohl von außen gesteuert bleibt. Da frage ich mich dann, wer steuert? Diese Gesellschaft, die nicht den altruistischen Menschen erträgt, die den Massenlauf im Egoismus fördert? Den Kopf in den Beton versenkt, um nicht hören zu müssen? Triebe!
Doch schlägt sich die Aufoperung nicht immer in Kreativität? Steht man nicht irgendwo nackt, in der Entblößung seiner Seele?

Es gibt da sicherlich auch die, die ein Bild erstehen, weil es farblich zu ihrer Couchgarnitur passt. Und von denen gar nicht wenige...

Die Esoteriker bedrängen nun aus ihrer Sicht, wie ein Wirbel um sich selbst mit der künstlich erzeugten Flamme an Freude.

Grundsätzlich bleibt das Wesen Künstler aber unergründlich.

Gehalten in Balance,
um wiederum auch Sui in den Halt zu treiben.
Taxine

zuletzt bearbeitet 21.03.2012 22:08 | nach oben springen

#32

RE: Andrej Tarkowskij

in An der Kunst orientierte Gedanken 15.08.2007 18:09
von kein Name angegeben • ( Gast )
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In Antwort auf:
"Grundsätzlich bleibt das Wesen Künstler aber unergründlich."


Wo wür wieder in der Ahnung anhaften,gell!


Sey schmunzelnd gegrüßt,
ein A

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#33

RE: Andrej Tarkowskij

in An der Kunst orientierte Gedanken 15.08.2007 18:09
von Taxine
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Sui sagen es!

Aber, ich denke, Tarkowskij wollte eben dieses Wesen in seiner Unergründlichkeit aufzeigen, oder?

Augenzwinkernd
Taxine

zuletzt bearbeitet 21.03.2012 22:08 | nach oben springen

#34

RE: Andrej Tarkowskij

in An der Kunst orientierte Gedanken 15.08.2007 18:10
von ascolto
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Sui...doch ich denke leider auch in diese Richtung. Angehaftet, sozusagen verwurzelt zum SchüttundzuBeton!


Gutes Nächtle,
ergebenst,
ein A

zuletzt bearbeitet 21.03.2012 22:09 | nach oben springen

#35

RE: Andrej Tarkowskij

in An der Kunst orientierte Gedanken 15.08.2007 18:14
von Taxine
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Tarkowskij schreibt in "Die versiegelte Zeit" :

Zitat
Der Dichter ist ein Mensch mit der Vorstellungskraft und der Psychologie eines Kindes. Sein Eindruck von der Welt bleibt unvermittelt, von welch großen Weltideen er sich auch immer leiten lässt. Das heißt, er "beschreibt" die Welt nicht - die Welt ist sein.




Man kann hier recht frei den Dichter gegen den Künstler ersetzen, denn ist doch im Künstler auch der Dichter enthalten.

Auch darin der Tanz auf allen Grenzlinien, der völlig unvoreingenommene Blick in die Welt. Kein Urteilen, sondern ein Sehen und erfassen, ganz eigen, um dann im "Denken abstellen" für sich zu begreifen und festzuhalten.

Und was bleibt dem Betrachter? Dem Künstler zu glauben, sich führen zu lassen, ohne zu zweifeln und zu analysieren...

Meistens aber, bleibt der Betrachter taub für das Leiden,


Zitat
... das ein Künstler durchmacht, um anderen die dadurch gewonnene Wahrheit mitzuteilen.



Darum sieht er nur die Oberfläche, nur den winzigen Teil des eigenen Bewusstseins. In die Tiefe eines Werkes zu blicken, verlangt bedingungsloses Vertrauen zum Künstler, und viele lassen sich hier nicht einfach fallen, ohne sich kurz vor dem Sturz wieder aufzurappeln.


Wie auch Pessoa, der in seinen Briefen sagt, er könne die Welt nicht mehr einfach an sich vorbei gehen lassen, er könne nicht mehr Kunst schaffen, von Kunst reden, ohne weiter zu denken, ohne sich dieser immensen Verantwortung der Welt gegenüber bewusst zu sein, so sagt auch Tarkowskij:

Zitat
Doch der Künstler kann und darf nicht taub bleiben gegenüber dem Ruf der Wahrheit, die einzig und allein seinen schöpferischen Willen zu bestimmen und zu disziplinieren vermag. Nur so gewinnt er die Fähigkeit, seinen Glauben auch anderen weiterzugeben. Ein Künstler ohne diesen Glauben ist wie ein Maler, der blind geboren wurde.



Da drängt sich mir sogleich dieses "Plebejertum" mancher Künstler in den Sinn, die Kunst schaffen, um aufzufallen, um sich selbst eine Bedeutung zuzuweisen.
Pessoa formulierte sein Unverständnis folgerndermaßen:

Zitat
Es ist, wie schon gesagt, keine heftige Unverträglichkeit; doch es ist eine Ungeduld gegenüber allen, die zu niedrigeren Zwecken Kunstwerke schaffen, zum Spiel oder zum Vergnügen oder wie jemand ein Zimmer geschmackvoll ausstattet - eine Kunstart, die gut wiedergibt, was ich ausdrücken will, weil sie kein Darüber-hinaus oder eine andere Absicht verfolgt außer der künstlerisch-dekorativen.



Und Pessoa geht in seinem Widerwillen noch weiter:

Zitat
So erscheint meinem allemal tieferen Empfindungsvermögen und meinem allemal größeren Bewusstsein von der schrecklichen, religiösen (Anmerkung: nicht im Sinne des Christentums gemeint, denn dieses lehnte Pessoa ab) Mission, die jeder geniale Mensch mit seinem Genius von Gott empfängt, alles, was literarische Belanglosigkeit, was bloße Kunst ist, stufenweise immer hohler und abstoßender.



Der Künstler weiß um seine Verantwortung, auch um das kleine Feuer, das er in so manchem Menschen, der es zulässt, entfacht.

Tarkowskij sagt:

Zitat
Es wäre falsch zu sagen, ein Künstler "suche" sein Thema. Das Thema reift in ihm wie eine Frucht heran und drängt auf Gestaltung.



Es bleibt Atmung.
Dazwischen sind die Momente, die man verbringt, indem man die Momente verbringt. Die Findung.

Noch besser bei Tarkowskij:

Zitat
Kreativität ist für ihn die einzige mögliche Existenzform, und jeds seiner Werke bedeutet einen Akt, den er freiwillig nicht verweigern kann.



Und hier nun das perfekte Korrelat zwischen Künstler und Werk und auch Betrachter und Werk (und somit Künstler, denn hier wurde der Zweck der Kunst erreicht):

Zitat
Begegnet der Mensch einem Meisterwerk, so beginnt er in sich jene Stimme zu vernehmen, die auch den Künstler inspirierte.


(Tarkowskij)
Wenn man sich diese Macht der Gefühle und Möglichkeit mal bewusst macht, dann dehnt sich einem die Seele.
Weiter heißt es:

Zitat
Im Kontakt mit einem solchen Kunstwerk erfährt der Betrachter eine tiefe und reinigende Erschütterung. In jenem besonderen Spannungsfeld, das zwischen einem künstlerischen Meisterwerk und denjenigen, die es aufnehmen, entsteht, werden sich die Menschen der besten Seiten ihres Wesens bewusst, die nunmehr auf Freisetzung drängen.



In der Kunst sich selbst zu erkennen und einen Blick in sich selbst zu erhalten, einen kurzen Eindruck über das Warme an Innerem, die besten Gefühle, die hier aufgedeckt und erhaben für einen kurzen Moment (bis sich die Welt wieder über all das legt) leuchten, ist das Geschenk des Künstlers an den Menschen. Es ist, als ob man durch den kurzen Riss im Raum eine Ahnung erhält, von dem, was alles machbar wäre, wie einen Einblick in das Alles, das wir sind und uns umgibt.


Tarkowskij zieht hier das Beispiel Bunuel und Tolstoi heran. Beide vereinen politische Gedanken mit der eigenen Philosophie, was immer bedenklich ist in der Kunst. Bei Bunuel schimmert in jedem filmischen Einblick das spanische Feuer und die Empörung über die Unterdrückungen hindurch. Bei Tolstoi gelten gerade seine philosophischen Überlegungen als misslungen. Wie auch Tarkowskij sehe ich gerade in ihnen einen wunderbaren Einblick in den Menschen Tolstoi und seine Weltsicht. Tarkowskij sagt:

Zitat
Ein Genie manifestiert sich schließlich nicht in der absoluten Vollkommenheit eines Werkes, sondern in der absoluten Treue zu sich selbst, in der Konsequenz gegenüber der eigenen Leidenschaft.


Auch im Vorwort zu den Tagebüchern von Sofia spricht die Herausgeberin ein Lob darauf aus, dass Sofia ihren Mann überzeugen konnte, die philosophischen Überlegungen zu kürzen und an den Schluss zu packen. Was soll daran lobenswert sein? Diese Menschen, die lediglich eine gute Geschichte lesen wollen, werde ich nie verstehen, denn hier liegt für mich ein bisschen Zeitverlust. Ich will aus den Zeilen etwas mitnehmen, was mich bis ins Innere bewegt (völlig egal auf welche Art und Weise).
Kunst sollte vielleicht weniger mit Philosophie gewürzt werden, aber doch die eigene enthalten. Man kann keine Weltfragen beantworten, wenn man zum Beispiel nur eine Leinwand zur Verfügung hat oder eine Geschichte, die man erzählen möchte. Das ist schon klar. Zu deutlich ist immer unangenehm. Doch manchmal ist man machtlos.
Der Künstler wird eben durch sein Inneres geleitet, dann rutscht schon mal die eine oder andere Weltsicht dazwischen, darum ist er in dem Sinne auch nicht frei, sondern von seinem inneren "Ruf" abhängig.
Thomas Mann schrieb ganz richtig:

Zitat
Frei ist nur das Gleichgültige. Das, was Charakter hat, ist nicht frei, sondern vom eigenen Stempel geprägt, bedingt und befangen…

zuletzt bearbeitet 21.03.2012 22:08 | nach oben springen


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