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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#1

Projektionen

in An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken 12.11.2007 10:27
von Moulin • 395 Beiträge
Es ist ja in der Vergangenheit des Öfteren durch die Diskussionen im Forum hervorgegangen, dass der begehrende Mensch nicht sein Gegenüber als aussagende Person liebt, sondern seine ihm eigene, innere Vorstellung, die er auf die andere Person projiziert. Etwa wie der Scanner eines Roboter, der die aufgenommenen Bilder mit den auf seiner Festplatte gespeicherten Formen vergleicht.
Deckt sich dieses, durch menschliche Wahrnehmung eingescannte Bild mit dem inneren, geliebt Gewollten, entsteht schließlich ein wohliges Gefühl.
Auch an Hunden, als Beispiel für Ursprünglichkeit im Sozialverhalten kann man beobachten, dass sie das Treffen anderer Artgenossen positiv empfinden, bei Hunden gleicher Rasse und gleichen Aussehens aber deutlich stärker reagieren, was die Vermutung zulässt, dass es sich hierbei um eine Eigenschaft handelt, die nicht steuerbar den Erhalt der unterschiedlichen Arten schützt, und durch Ausschüttung positiv wirkender Hormone gesichert wird.
Was mich nun besonders erstaunt ist die Feststellung, dass ich kürzlich offensichtlich begann einige Faktoren, die ich an einer virtuellen Freundin sehr zu schätzen gelernt habe wie Intelligenz, Disziplin, Weitsicht, Interessen, Aussehen, Herkunft, auf eine analoge Person aus meinem Bekanntenkreis, die mir bislang gar nicht so wichtig war projiziert habe, weil sich manche Faktoren deckten, und es entstand dabei eine Sympathie die ihr möglicherweise gar nicht zusteht!?
Wenn das alles so stimmt, wo bleibt dabei die Eigenständigkeit, wenn andere Menschen nur einen bestimmten Teil einer gesamten Person prioritätsgebunden wahrnehmen, reduziert hier die Natur selbst das Individuum auf einige Wünsche Anderer? Kann man wirklich von sich behaupten einen Anderen zu lieben oder müsste man sich vor Augen halten, dass man Dinge an sich selbst liebt und der gemochte Mensch nur die Funktion eines notwendiges Mediums besitzt? Ist das Leben ein täglicher Scann um sich selbst gerecht zu werden?

___________________________________________________________________________________


Ich hoffe, die Fragen regen ein bischen zur Diskussion, und auch, dass ich endlich Zeit finde daran teil zu nehmen.
zuletzt bearbeitet 12.11.2007 10:34 | nach oben springen

#2

RE: Projektionen

in An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken 12.11.2007 15:47
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Das, was wir in den anderen hineininterpretieren, also in ihm sehen wollen, ist unsere Wahrnehmung und Vorstellung vom anderen Menschen, das stimmt, aber nur, solange wir ihn nicht oder nur annähernd kennen. Wir lieben am Anfang uns selbst im anderen Menschen, weil wir ein Ideal in ihm errichten, nicht, weil wir uns selbst in ihm suchen. Und, dabei bleibt es auch nicht. Beziehungen scheitern oft daran, dass sich der Mensch, den man verherrlicht hat, doch als anders entpuppt, und zumeist ist das dann auch die brennende Enttäuschung, wenn der Mensch, den man liebt, schließlich nicht der Wunschvorstellung entspricht.
Hier taucht ja häufig das fatale Begehren nach Verändern-Wollen auf, ersetzt nicht selten sogar die eigentliche Leidenschaft, als ob ein Mensch an den anderen angepasst werden muss.
Wenn du nun dein Ideal in die Bekanntschaft legst, dann ist die Sympathie nicht unberechtigt, denn du entdeckst ja Ähnlichkeiten, Verbindungen, die nicht ausgelöst werden würden, wäre in der Bekanntschaft nicht wenigstens ein Kern davon enthalten. Der Mensch ist ja kein Klumpen Lehm, der sich erst durch unsere Vorstellung formt, sondern wir sehen in ihm eine eigene Vorstellung, die dann entweder bestätigt oder negiert wird. Und er ist auch nicht bloße Oberfläche, auf den wir unsere Projektionen spiegeln. Du machst es dir eben selbst einfach nur schmackhafter, indem du das, was du an einem anderen Menschen magst, auch in diesen Menschen projizierst. Jetzt musst du nur noch abwarten, ob es sich weiter bestätigt.

Diese Phantasie, dieses Erschaffen an Ideal ist in meinen Augen etwas sehr Wertvolles. Man erwächst hier jedesmal zum Künstler, erschafft im Geist aus den Anhaltspunkten, die man bereits gewonnen hat, eine Skulptur der Sinne. Dabei kann es dann aber auch durchaus vorkommen, dass man über seine eigene Vorstellung hinaus überrascht wird, weil der Mensch auch im positiven Sinne anders reagiert, neue Gedanken, Handlungen, Vorstellungen dem eigenen Denken offenbart und hinzufügt, aus denen heraus sich das eigene Gefühl erneut verändert.
Die Bedingungen der Zuneigung hängen also nicht nur von der eigenen Vorstellung ab, auch wenn man zunächst bestimmte Eigenschaften und Wünsche selbst erschafft. Viel eher wird einfach durch diese Idealerschaffung und Eigenliebe (das was man im anderen sieht, was aus dem Selbst entfacht wurde und somit nur anfänglich die Liebe zu sich selbst ist) das Gefühl noch einmal verstärkt (wächst zum Gedankenspiel, zur Euphorie, zum eigenen Wohlgefühl heran), als wenn man dem anderen Menschen ohne eigenen Gedanken gegenübertreten würde (was unmöglich ist). Darum liegt auch so viel Leidenschaft und Reibung in diesen Begegnungen, weil sie zweimal entfacht werden. Einmal durch das Selbst und zum anderen vom Gegenüber in Bestätigung und neuer Entdeckung.

Liebe Grüße
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 12.11.2007 16:54 | nach oben springen

#3

RE: Projektionen

in An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken 12.11.2007 18:23
von Moulin • 395 Beiträge

In Antwort auf:
Zitat Taxine
Diese Phantasie, dieses Erschaffen an Ideal ist in meinen Augen etwas sehr Wertvolles. Man erwächst hier jedesmal zum Künstler, erschafft im Geist aus den Anhaltspunkten, die man bereits gewonnen hat, eine Skulptur der Sinne.


Ein schöner Satz. Aus dieser Sichtweise heraus habe ich das gar nicht betrachtet. Ich merke gerade, dass sich die inneren Anhaltspunkte für spiegelnde Ideale in stetem Wandel befinden, sich durch Erfahrungen weiterentwickeln, sich durch neu entdeckte steigern.
Möglicherweise habe ich gar nicht die Gesichtspunkte von der einen Person auf eine andere übertragen sondern durch neu erlernen erst auf eine andere Person 'anwenden' können.

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#4

RE: Projektionen

in An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken 12.11.2007 18:45
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Zitat von Moulin
Möglicherweise habe ich gar nicht die Gesichtspunkte von der einen Person auf eine andere übertragen sondern durch neu erlernen erst auf eine andere Person 'anwenden' können.

Mensch ist doch nicht gleich Wissen, das man anwenden kann. Man erfährt doch nicht etwas Neues und wendet es dann auf etwas Altbekanntes an? Die Erfahrung mehrt sich doch eher durch immer neue Eindrücke, die sich auch jeweils aus den kennengelernten Menschen zusammensetzt ... Oder doch nicht?

Werter Moulin, bitte verdeutlichen!



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 12.11.2007 19:23 | nach oben springen

#5

RE: Projektionen

in An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken 12.11.2007 19:16
von Moulin • 395 Beiträge
Ich gebe zu, dass das Wort`'Anwenden' nicht gerade sehr glücklich gewählt ist. Ich hatte vorher etwas über Anwendersoftware gelesen und da hat sich das Wort vermutlich manifestiert.

In Antwort auf:
Zitat Taxine
Die Erfahrung mehrt sich doch eher durch immer neue Eindrücke, die sich auch jeweils aus den kennengelernten Menschen zusammensetzt ...


...und damit auch auf andere überträgt.

Auch die innere Vorstellung kann sich doch durch Erfahrung verändern. So meinte ich es in Etwa. Vielleicht bin ich aber auch mit meinen Gedanken zu dem Thema noch immer in .
zuletzt bearbeitet 12.11.2007 19:18 | nach oben springen

#6

RE: Projektionen

in An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken 12.11.2007 19:20
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Das ist interessant. Ich überlege gerade, ob ich schon einmal jemanden kennengelernt habe und über den Eindruck, den ich von dieser Person gewonnen habe, an einen anderen Menschen erinnert wurde. Das bestimmt.
Aber, dass ich einen neuen Menschen kennenlerne, und mir über das, was ich in ihm entdecke einen anderen Menschen, den ich längst kenne, erst erklären, deuten kann, kommt eher seltener vor.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 12.11.2007 19:22 | nach oben springen

#7

RE: Projektionen

in An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken 12.11.2007 19:29
von Moulin • 395 Beiträge

Stell Dir einfach vor, Du kennst eine Person, die Dich durch ihre Art sehr beeindruckt hat, und von der Du sehr viel hältst. Durch das Kennen ergeben sich ganz neue Erfahrungen in Bezug auf Menschen die dann unter Umständen auf andere Personen übertragen werden, die einem selbst vorher gar nicht aufgefallen sind.

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#8

RE: Projektionen

in An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken 12.11.2007 19:35
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Ja, so wird es erfassbarer.
Das Thema, lieber Moulin, ist schön gewählt. Es ruft eigene Hinterfragungen hervor. Die Menschen, die mir begegnet sind und mich beeindruckt haben, tragen durchaus dazu bei, dass ein mir fremder Mensch, in ähnlichem Auftritt, also in ähnlicher (aus mir selbst interpretierter) Verbindung, in interessanterem Licht erstrahlt.
Dann können wir uns eigentlich freuen, wenn wir dann langsam in die Äonen an Zeit eingehen , dass das, was wir in anderen Menschen zu erkennen vermögen, durchaus durch die Phantasie und Erfahrung belebt, immer reicher wird.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 12.11.2007 19:45 | nach oben springen

#9

RE: Projektionen

in An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken 12.11.2007 19:38
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine
Das ist interessant. Ich überlege gerade, ob ich schon einmal jemanden kennengelernt habe und über den Eindruck, den ich von dieser Person gewonnen habe, an einen anderen Menschen erinnert wurde. Das bestimmt.


ja, auf jedenfall. Das gibt es. Manchmal werde ich in der Stadt an andere erinnert, wenn ich Gesichter sehe. Kommt nicht so oft vor, aber das gibt es. Wenn man frisch verliebt ist und man sieht schwarze Haare oder so, dann denkt man automatisch an die eine. Wir scheinen bestimmte Merkmale zu speichern auf die wir dann reagieren. Es gibt ja Frauen, die immer auf denselben Typ Mann hereinfallen, gibt es ja auch (allerdings ein neurotischer Teufelskreis).

Denn Begriff der Projektion gibt es auch in der Psychotherapie. Dort kann man Emotionen, die man als Kind zu seiner Mutter hatte, auf die Therapeutin projezieren. Oder, wenn ein Mann nur auf Blondinen abfährt, ist das auch irgendwo gespeichert. Warum nur? So etwas gibt es.

Liebe Grüße
Martinus






„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#10

RE: Projektionen

in An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken 12.11.2007 19:39
von Moulin • 395 Beiträge

In Antwort auf:
Zitat Taxine
Die Menschen, die mir begegnet sind und mich beeindruckt haben, tragen durchaus dazu bei, dass ein mir fremder Mensch, in ähnlichem Auftritt, ähnlicher (aus mir selbst interpretierter) Verbindung in interessanterem Licht erstrahlt.


Da saß ich heute morgen und schrieb 19 Zeilen und Du erfasst das in einem Satz.

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#11

RE: Projektionen

in An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken 12.11.2007 19:52
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Ich bin mir auch sicher, dass der Geschmack, das, was einen dann an Mensch und Begegnung anzieht, gesteuert wird und somit in der Entwicklung wandelbar ist. Diese Frauen, die immer auf ähnliche Männer hereinfallen, haben diese Steuerung unterbewusst längst festgelegt (sind also blockiert). Das kann teilweise in der Erwartungshaltung geschehen, im Sinne: Ach, ich werde ja sowieso wieder verletzt!, oder auch in einem noch tieferen Drang nach der Verletzung (vielleicht durch das verachtete Selbst, durch kindliche Eindrücke).
Solche Bedingungen sind aber eigentlich nur möglich, wenn die Frau auf oberflächliche Dinge schaut, wie Aussehen, Verhalten. Wer aber die Empfindung erst entwickelt, wenn bestimmte, projizierte Voraussetzungen, die sich aus einer gewissen Zuneigung, Erotisierung ergeben, erfüllt sind, fällt schon weniger herein. Im Klartext: Wer seine Ansprüche höher stellt und ohne die Erfüllung dieser auch keine Angst vor dem Alleinsein hat, wird auf den Menschen treffen, den er sich für die körperlich/geistigen/seelischen Erfüllungen vorstellt.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 12.11.2007 19:57 | nach oben springen

#12

RE: Projektionen

in An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken 12.11.2007 19:58
von Moulin • 395 Beiträge

Bestimmte Eindrücke können sicher zu einer Selbstbeeinflussung führen.
Du meist also, man sollte dieser Beeinflussung entgehen, indem man sie überprüft?

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#13

RE: Projektionen

in An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken 12.11.2007 19:58
von Martinus • 3.194 Beiträge
Zitat von Taxine
Im Klartext: Wer seine Ansprüche höher stellt und ohne die Erfüllung dieser auch keine Angst vor dem Alleinsein hat, wird auf den Menschen treffen, den er sich für die körperlich/geistigen/seelischen Erfüllungen vorstellt.


Ja so ist es. Was soll ich noch dazu sagen?

@ Moulin: Von den Merkmalen sollte man sich trotzdem nicht abhängig machen. Wenn man innerlich frei bleibt, ist man für einen Korb gut gerüstet (Das hätte ich dreißig Jahre früher wissen müssen)



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 12.11.2007 20:01 | nach oben springen

#14

RE: Projektionen

in An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken 12.11.2007 20:02
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Ich glaube, man kann diesen Beeinflussungen entgehen, indem man sie selbst lenkt in bewusster Betrachtung. Man muss sich hier auch vor Augen halten: Viele wissen gar nicht, was sie wollen oder von einem anderen Menschen erwarten. Oder, wenn sie Erwartungen haben, sind diese an materielle/äußerliche Bedingungen geknüpft.
Wenn man aber seine eigenen Vorstellungen in der Betrachtung anderer Menschen kennt, in ihnen also dieses eigene "Mehr" in die Phantasie erhebt, wird man hier nicht so leicht gelockt, wenn es nicht so ist. Zudem projiziert man seine Vorstellung zumeist "angepasst" auf Menschen, dass heißt, in ihnen ist eine gewisse Voraussetzung, dass die Phantasie überhaupt lossprudelt...



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 12.11.2007 20:04 | nach oben springen

#15

RE: Projektionen

in An der Gesellschaft/dem Alltag orientierte Gedanken 12.11.2007 20:07
von Moulin • 395 Beiträge
Hallo Martinus.
Gut Ding braucht Weile, sagt man.

@ Taxine
Die inneren Vorstellungen und Erwartungen unterscheiden sich natürlich. Wer dort rein materiellen Vorstellungen unterworfen ist, hat sicher Pech gehabt. Vielleicht sind diese Vorstellungen aber auch am einfachsten zu befriedigen. Geld kann jeder haben, Geist nicht.
zuletzt bearbeitet 12.11.2007 20:08 | nach oben springen


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