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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#16

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 21:53
von Martinus
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@ Taxine

In Antwort auf:
Dr. Narin ist mir sehr sympathisch, gerade, weil er ein dreiblättriges Kleeblatt finden und sich darüber unendlich freuen kann.
.......
Osman soll Dr. Narins Sohn werden, sein „Erbe“, seinen Kampf übernehmen. Vielleicht, jetzt wieder ein anderer Verdacht, wurde Mehmet genau das Gleiche angeboten, so dass er an Nahits Stelle getreten und dann doch dem Buch verfallen ist. (???)

Dr. Narin, der an die beseelten Dinge glaubt, steht im krassen Gegensatz zu Osman, der an die Weisheit (Lehren) des Buches glaubt. Narin schimpft gegen die gedruckten Bücher, die aus dem Westen kommen, und Osman verehrt diese und folgt deren Lehren. Osman glaubt, die Lehren des Buches könne die Welt verändern und vertritt die Doktrin des geschriebenen Buches.

Hier treten sich zwei Fundamentalisten gegenüber, und wenn Narin sagt, Osman solle sein Sohn werden, will Narin ihn zu seinem Verbündeten machen, was Osman nicht ist.

Da die beiden so lieb nebeneinander spazieren gehen und Narin so verzückt über ein Kleeblatt ist, ist Ironie. Mehmet, Narins Sohn (und Osmans Doppelgänger) hat sich in die andere Richtung verschlagen:
In Antwort auf:
Nicht nur jenes Buch, das meinen Sohn verführt hat. Alle aus dem Druck kommenden Bücher sind die Feinde unserer Zeit und unseres Lebens.
sagt Nasrin, der seinen abtrünnigen Sohn Mehmet beschatten lässt (ausspionieren). Es ist eine große Verschwörung gegen die Weltanschauung von Narins Leuten im Gange.

Narin wendet sich gegen Bücher
In Antwort auf:
die ihre Ausstrahlung, ihre Echtheit, ihre Redlichkeit eingebüßt hätten, und nur so taten, als besäßen sie Ausstrahlung, Echtheit und Redlichkeit. Jene Bücher, deren Behauptung zufolge wir das Geheimnis und den Frieden des Paradieses in den Mauern dieser engbegrenzten Welt finden könnten....


Pamuk meint sicher verschiedene Strömungen in der Türkei, die gegeneinander operieren. Es dürfte sich um ein messianisches Buch handeln, dessen Botschaft unbedingt durchgesetzt werden soll.

Vom Sufismus zum Fundamentalismus - der Autor treibt ein großartiges Spiel mit uns. Trotz sehr ernster Thematik schreibt er mit zwinkerndem Auge. Er führt unseren Geist in großartige Fantasien, und lässt uns in tiefe Schichten des Romans dringen. Einfach wunderbar.

Übrigens glaubt Narin nicht, seinen Sohn Mehmet/Osman vor sich zu sehen, denn Canan und Osman haben im sechsten Kapitel Namen von einem verstorbenen Paar angenommen.

Liebe Grüße
Martinus

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#17

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 21:54
von Taxine
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Da kannst du mal sehen, wie man sich täuschen lässt. Mir fiel schon dieses ganze Illusionäre auf, doch bei Dr. Narin war ích noch unschlüssig. Jetzt, wo ich weitergelesen habe, sehe ich, dass er, nachdem Nahit bei dem Busunfall scheinbar ums Leben kam, weil er auf Platz 27 saß, und als Mehmet auf Platz 28 dann doch überlebt hat, hier also der Wechsel (nichts Mystisches, nur ein simpler Platztausch und das Annehmen einer neuen Persönlichkeit), weiter Jugendliche beschatten und sogar ermorden ließ.
Nur, was mir nicht klar ist, worin liegt die Ironie bei dem Kleeblatt?
Die beseelten Dinge, das Lauschen auf die Natur habe ich ganz anders aufgefasst, später sicher wird dann klar, dass es mit diesem fanatischen Glauben zu tun hat. Narin steht für die alten Traditionen und lehnt alles Moderne, alle westlichen Einflüsse konsequent ab, dass er sogar Tonerde nicht gegen ein Stück Seife eintauschen würde.
Der Duft, der vom Rasierwasser OPA ausgeht, ist mir auch noch nicht so klar. Steht er für das Moderne, das Narin ablehnt oder ist er etwas Altbewährtes, das Narin durchsetzen möchte?

Narin steht also für diese fanatischen Kämpfer, die eine Kultur so bissig verteidigen würden, auch wenn sie dafür Menschen opfern, nur, damit diese nicht stirbt oder sich verändert.
Das Mitleidlose fällt Osman ja öfter auf.

Canan scheint immer wie eine kleine Warnung zu sein, sobald Osman sie sieht, taucht er wieder aus dem Bann Narins.

Liebe Grüße
Taxine

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#18

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 21:54
von Martinus
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Hallo,

Narin steht für das Alte und Traditionelle, glaube ich, denn im siebten Kapitel wird Osman und Canan vorgeworfen, sie beschimpfen das, was dem Staat heilig ist.

Die Sache mit dem Kleeblatt ist vielleicht doch eher zynisch (als ironisch): Gegenstände, Dinge achten, weil sie belebt sind, aber seine Gegner lässt er umbringen. Narin verfolgt sogar die Absicht, einen neuen Staat zu gründen, heißt es.

Liebe Grüße
Martinus

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#19

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 21:54
von Taxine
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Osman erfährt, dass er selbst beschattet wurde, dass das ganze Kennenlernen Canans und die Entdeckung des Buches eine Inszenierung von Mehmet und Canan war, während alle drei dabei von den "Uhren" Dr. Narins ausspioniert wurden.

In Antwort auf:
Der Zufall, den ich für das Leben selbst hielt, dem ich beglückt und von Liebe erfüllt entgegenging, war also ganz allein die Inszenierung eines anderen, sagte der betrogene Held (… )


Das ist interessant, denn hier löst sich langsam der ganze Zauber auf, das ganze Mystische, das Schicksalshafte. Aller Schimmer des Zufalls wird entkleidet, und nackt bleibt die Realität zurück. Die Macht des Buches schwindet ein bisschen.

In Antwort auf:
… das furchtbarste sei die Zeit, wir seien zu dieser Reise aufgebrochen, um uns von ihr zu befreien, und hätten nichts davon gewusst. Deshalb fuhren wir, deshalb suchten wir nach einem Augenblick, an dem sie stillstand.

Wenn man wieder ein bisschen abschweift, dann steht hier jenes trostlose Leben vor Augen, das ein "Alltagsmensch", der "Gewohnheitsmensch", der "Vergangenheitsklammerer" führt, während das Buch eine neue Welt öffnet, hinaus ins Abenteuer führt.

Osman irrt nun durchs Land, immer auf der Suche nach Mehmet, und fürchtet dabei die stillen Beobachter, die „Uhren“. So wirkt er auf mich wie Mehmet, der das Gleiche zuvor erlebt hat. Ob dieser auch wusste, dass er verfolgt wurde?

Das Buch weist Richtung Tod, doch durch alle Ereignisse, durch seine unerwiderte Liebe zu Canan, fürchtet ihn Osman allmählich. Immer bewusster nimmt er seine Suche wahr.
Auch wird das Buch unterschiedlich gedeutet. So viele Mehmets sind abzuklappern, alle sind im gleichen Alter, alle haben das Buch gelesen. Während Osman hier durch das Buch in ein rastloses Leben taucht, auf die schiefe Bahn gerät, finden andere darin einen Frieden, mit dem sie leben können.

Irgendwann bricht Osman schließlich zusammen, die Erschöpfung, das Erkennen seiner selbst, dass er hier mit einer Waffe unterwegs war (einziger Halt im Moment) und Mehmet suchte, den er töten wollte.
Er weint bittere Tränen und denkt:
In Antwort auf:
Für nichts und wieder nichts sollte ich zum Mörder werden und bis an das Ende meines Daseins mit diesem Kummer auf meiner Seele weiterleben müssen.

Danach tut es ihm gut einen Helfenden zu belügen, was wieder eine kleine Rebellion ist, denn wie manche Handlung Osmans aus Filmen übernommen wird, so kann er auch im realen Leben nicht glauben, dass hier jemand ernsthaft helfen möchte. Der Film zeigt Gewalt, und da der Mann helfen möchte, muss Osman hier die Welt des Filmes ein bisschen aufrechterhalten.
Der Fernseher und die Filme erscheinen mir immer mehr wie eine kleine Rechtfertigung zur Skrupellosigkeit, eine Bestärkung, die ja von überall zu kommen scheint.

Für mich schimmert hier immer wieder diese Veränderung durch, die das Buch bewirkt hat. Das Laufen und Leben und irgendwann Sterben wurde unterbrochen, durch einen neuen Blick in die Welt, der zu einer Suche auffordert. Das schöne, leichte Leben gibt es nicht mehr. Der Blick hat sich verschärft. Eine leichte Verbitterung legt sich auf alles.

So trifft Osman schließlich auf einen künstlichen Engel, ein Trugbild, ein Schein, ein Schauspiel, jeden Abend auf gleicher Bühne. Ein immer wieder gleicher Gewinner, der von Glück und Allah und Liebe faselt, der Engel dann in Licht getaucht verkündet das Irgendwann des Glückes, und in den Pausen erlischt der Zauber zu einer nackten Glühbirne.
Hier findet Osman Mehmet endlich, der sich als Osman ausgibt.

Das Hotel "Sicherheit" mal wieder als schöne Ironie, in das sich Osman zurückzieht, nachdem er seine Waffe nicht rechtzeitig entsichern konnte. Erinnert mich schlagartig an John Lennon und dem lauernden "Fänger im Roggen".

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#20

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 21:55
von Taxine
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Mehmet hat zu einem inneren Frieden gefunden, während Osman bitter an seine eigene Unruhe denkt. Mehmet schreibt das Buch in einer Sisyphusarbeit ab, aber kopiert es nicht, schreibt es vielmehr aus seinem Inneren. Das ist nun seine Lebensaufgabe, die ihm Zufriedenheit verschafft. Hier hat er gefunden, nach was er gesucht hat, und Osman stellt fest, dass das Umbringen ihn nichts mehr anhaben konnte. (Nicht, das er sein Vorhaben hier verwerfen würde, er stellt es nur fest.) Mehmet würde sein Leben fortsetzen, wenn auch auf eine andere Art und Weise.
Dieser erwartet nichts mehr vom Leben und hat es somit geschafft, die Zeit anzuhalten. Er hat den Augenblick gefunden, an dem sie stillsteht, so erklärt er so herrlich:

In Antwort auf:
Eins zum Beispiel sei eine reizvolle Sache, die Welt zu betrachten, im wahren Sinne des Wortes sehend zu betrachten.


Osman dagegen glaubt, seinen Frieden in der Erschießung Mehmets zu finden.
In Antwort auf:
Er lächelte mir auf eine so tolerante Weise zu, dass sogar jenes Gefühl unserer Ebenbürtigkeit gänzlich zerstob, das ich doch nur der Tatsache verdankte ,dass ich die Walther an meiner Hüfte spürte.

Bei ihm herrscht keine innere Selbstsicherheit, nur übernommene Götzen des Dr. Narins und Fehlinterpretation des Buches, das auf Osman eine negative Wirkung hat, darum verspürt er auch den Wunsch, aus der Begegnung mit Mehmet so viel Nutzen und Wissen zu ziehen, wie möglich, bevor er ihn erschießt, und erkennt sich selbst:
In Antwort auf:
Dadurch packte den unglücklichen Reisenden, der im Lauf seiner Fahrten nicht zum Herzen des Lebens, sondern nur bis an die Grenzen seines eigenen Elends vordringen konnte, der Ehrgeiz, den weisen Scheich, dem er an dieser Grenze begegnet war, nach dem Sinn des Lebens, des Buches, der Zeit, des Schreibens, des Engels und aller Dinge zu fragen.

Und Mehmet ist bereit, ihm zu antworten, wenn er denn Fragen hätte, die beantwortbar wären.
In Antwort auf:
Ich fragte ihn nach der Bedeutung all dieser Dinge, und er wiederum fragte, was ich mit „all diesen Dingen“ meinte. Daraufhin wollte ich von ihm wissen, wie die Frage lautete, die der Ursprung aller Dinge sein könnte, damit ich imstande sei, ihm diese Frage zu stellen. Er sagte mir, es müsse einen Ort geben, wo die Dinge, die ich dort finden würde, keinen Anfang und kein Ende hätten. Das hieß also, es gab nicht einmal so eine Frage, die ich ihm vielleicht hätte stellen können. Es gab keine.

Der Ursprung der Dinge erinnert mich einerseits an die Ausführungen des Dr. Narins und andererseits an die ständige Suche nach dem Grund, warum das Buch hier so viel Wandel bewirkt hat, wozu das alles führen soll, wo Osman ankommen würde. Kein Anfang, kein Ende, einfach das Ist, ein Mittendrin. Verständlich, dass Mehmet hier keine Antwort parat hat, die Osman befriedigen würde. Auch erklärt dieser:
In Antwort auf:
Ich bin dem im Buch erwähnten Engel nie begegnet (... ). Vielleicht vermag ihn der Mensch im Sterben vor dem Fenster eines Omnibusses zu erkennen.

Wenn also das Buch hier bewirkt, dass man den Engel sucht, ein schöner Anreiz, so hat Mehmet schon vorher das gefunden, wonach er gesucht hat.

Ich muss wirklich sagen, dass das Buch von Pamuk ein wunderbar offenes Werk ist.
Ich erlebe mich hier in allen möglichen Interpretationen, Überlegungen, Widerrufen, Verwirrungen, Mußmaßungen, Spekulationen, Phantasien, Deutungen und Hinterfragungen.
Pamuk schafft es ganz herrlich seine Leser auf falsche Spuren zu locken, ohne sich selbst dabei zu widersprechen. Das ganze Buch birgt eine ganz unfassbare Weite, einen großen Deutungsrahmen, wobei man aber auch wieder dorthin zurückfindet, wohin Pamuk den Leser führen möchte.

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#21

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 21:55
von Taxine
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Das Fernsehen ist hier Wegweiser für Osman. In seinem Hotelzimmer sinnt er über seine bevorstehende Tat, sein Leben als Mörder nach und erträgt diesen Zustand nur mit laufendem Fernseher.

In Antwort auf:
Warum zeigen uns diese Filme niemals den Kummer der traurigen Mörder, die in ihren Hotelzimmern der eigenen Armseligkeit erliegen?

Würde ihn das denn abbringen?
Vielleicht!
Denn die ganze dargestellte Macht eines Mörders, die ganze innere Wut und Verzweiflung birgt ja eine Art "Bestätigung", während der Kummer danach, das Verlorene, die Schuld einfach vernachlässigt wird.

Nur, mal so ganz still geflüstert: Dann kennt Osman nur die falschen Filme. Es gibt schon ein paar, die sich mit dem Kummer und dem Schuldbewusstsein des Mörders auseinandersetzen.

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#22

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 21:55
von Martinus
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Ich bin auch gerade auf diesen Seiten.

In Antwort auf:
Wie sehr er sich doch gefreut hatte, mich zu sehen! Wie sehr ich ihn doch haßte! Nein, na gut, ich mochte ihn. Nein, warum sollte ich ihn mögen? Ich würde ihn nicht töten.
Ein herrliches Gedankenspiel mit seinem Doppelgänger. Osman kann ihn nicht umbringen, weil Mehmet sich in einer Welt befindet, in der Zeit keine Rolle mehr spielt:

In Antwort auf:
Er würde seinen Weg innerhalb der gleichen reglosen Zeitspanne fortsetzen, wenn auch auf etwas andere Weise.
Scheint so, er befinde sich im neuen Leben. Osman aber ist unruhig und vom Mordgedanken beseelt. Osman habe ein Loch in seiner Seele, heißt es, hat Canan wieder verloren.

Ich hege den Verdacht, dass innerseelische Kämpfe ausgefochten werden, und der Autor setzt diese in Bilder.

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#23

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 21:56
von Taxine
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Ja, dieses kleine Zerwürfnis fand ich auch belustigend. Osman gesteht Mehmet (gequält) Größe zu.
Oder hier:

In Antwort auf:
Zwar stimmte sein Gesicht nicht ganz mit dem überein, an das ich mich erinnerte und was ihm meine Phantasie an Gedankentiefe zugeschrieben hatte, doch ja, es war gut geschnitten, na schön, er sah gut aus!

In solchen Sätzen steckt so viel Lebendigkeit, dieses bockige Zugeständnis. Na gut, er ist in Ordnung, ja eigentlich ist er großartig...

Die inneren Kämpfe nehme ich auch wahr. Hier ist Osman, der mit sich selbst ringt und mit seinem Vorhaben, das ihm nicht in aller Klarheit einleuchtet. Er will es für Canan und weiß doch insgeheim, dass ihre Liebe zu ihm durch den Tod des Geliebten niemals stärker werden kann. Eher bewirkt er durch so ein Vorhaben das Gegenteil.
Glaubt er wirklich, dass der Tod Mehmets gleichzeitig bewirkt, dass Canan auf einmal ihre Gefühle verlagert, auf ihn richtet?
Das ist absurd!
Aber, ich glaube, er sucht hier noch viel mehr. Er sieht Mehmet, der das Buch anders verarbeitet hat, der gefunden hat. Er selbst ist immernoch im Wirrwarr seiner Gefühle und in seiner Suche gefangen. Hier pocht auch der Neid.

Was für ein schöner Satz aus dem Munde Mehmets (von dem ich hoffe, dass Osman ihn nicht umbringt):
In Antwort auf:
Da ich kein einziges Wort ohne Gefühl schreiben möchte, ohne dessen Kraft zu spüren, warte ich geduldig auf die Inspiration.


Schön, die unterschiedliche Erfahrung des Lesens zwischen Mehmet und Canan zu erfahren. Er hatte es schon aufgegeben, dieses unter den Menschen zu verbreiten, sie dagegen „las es, las es immer wieder und wieder.“
In Antwort auf:
Ihre Hingabe an das Buch, ihr starkes Verlangen nach der Welt, die sie darin entdeckt hatte,

brachten ihn zum Nachgeben.

Für Mehmet herrschte auch Stille darin.
Doch nicht nur:
In Antwort auf:
Ein gutes Buch ist etwas, was uns an die ganze Welt denken lässt. (… ) Vielleicht ist jedes Buch so. (… )


Was wiederum sehr interessant ist, sind die Ausführungen Mehmets im Bericht um das Gespräch mit Onkel Rifki, in dem er von ihm das Geheimnis des Buches wissen möchte.
Er sagt:
In Antwort auf:
Jetzt weiß ich, es gab kein Geheimnis, das er mir hätte verraten können.

Jeder zieht etwas Eigenes daraus, der Leser spiegelt sich nur darin?

Und ein wenig später wieder Pamuk'sche politische Kritik:
In Antwort auf:
Gemächlich und vornehm tranken sie Raki, und in der Gewißheit, die Republik der mit dem Trinken beschäftigten Wirtshausmenge anvertraut zu haben, lächelte Atatürk zwischen den Eisenbahnbildern, Landschaften und Künstlerporträts an den Wänden aus seiner gerahmten Fotografie auf sie alle herab.

Der Mann, der hier in der Türkei die "westlichen Einflüsse" geltend gemacht hat, lächelt über den Einbruch dieser "Normalität". Erinnert ein bisschen an die Indianer, die auf einmal die Bekanntschaft mit dem "Feuerwasser" gemacht haben.
Was mich verwirrt:
Der traditionelle Mensch wird hier als "Natur - liebend" dargestellt, der die "Dinge" achtet, während er vor Mord nicht zurückschreckt, um seine Werte zu verteidigen. Trotzdem steht dem allen gegenüber der moderne Mensch, der durch Atatürk beeinflusste Freiheiten wahrnimmt, der aber dadurch auf erschreckende Art und Weise verkommt, sich von den Medien beeinflussen lässt und gleichzeitig dem Kapitalismus als "normal" erachtet.
Hier legt Pamuk sich in keiner Weise fest.
Aber, so gesehen, gibt es ja auch kein richtiges "Gut" oder "Böse", ein nur "Richtiges" und nur "Falsches". Mir haben die Eindrücke Dr. Narins von Welt und Natur sehr gefallen, natürlich nicht der Mensch, der über Leichen geht.

Im Gedanken an Atatürk, der ja in Thessaloniki (von den Türken Saloniki genannt) geboren ist, muss ich direkt an den "Weißen Turm" denken, den ich unzählige Male in Thessaloniki besucht und bewundert habe. Als Thessaloniki unter osmanischer Herrschaft stand, wurde hier auf recht grausame Art den Griechen von den Osmanen präsentiert, was sie erwartete, wenn sie sich auflehnten. Um die Zinnen hangen abgeschlagene Köpfe von Griechen, die sich widersetzt hatten. Am weißen Turm rannen dann die Spuren des Blutes herab, was gerade durch die Farbe des Turms in seiner "Unschuld" einen grausigen Eindruck vermittelte.
Heute ist das freilich nicht mehr zu sehen, aber der Schauer dieser Gewaltherrschaft steckt noch irgendwie im Gemäuer.

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#24

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 21:56
von Martinus
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Hallo Taxine,
Ich möchte noch mal kurz zurückschweifen.

Taxine sagte:
In Antwort auf:
Osman irrt nun durchs Land, immer auf der Suche nach Mehmet


Dieser Teil der Geschichte kommt mir sehr geisterhaft vor:
In Antwort auf:
..machte sich eines der rührigen Gespenster wiegenden Schrittes an mich heran...

In Antwort auf:
...einer dunstigen Kleinstadt , kaum mehr als ein Dorf und mehr der Phantasie als der Wirklichkeit...


Er trifft verschiedene Mehmets an, bevor er den richtigen findet, der in das Buch vertieft ist. Da fiel mir doch ein Zitat aus Hesses Steppenwolf ein, es schlagen nicht nur zwei (Goethe), sondern 1000 Seelen in der Brust. Um seinen Frieden zu finden, muss Osman diesen Anteil der Seele finden, der in dem Buch Frieden gefunden hat (vielleicht ist er auch erst dann glücklich, wenn er Canan wiedergefunden hat, wer weiß?).
Es gibt wirklich eine Anspielung auf Goethe:

In Antwort auf:
Das Leiden der jungen Walter

Wie wir oben bereits gesehen haben, hat Osman seinen Double Mehmet bereits gefunden.
Liebe Grüße
Martinus
zuletzt bearbeitet 15.08.2007 21:58 | nach oben springen

#25

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 21:57
von Taxine
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Die 1000 Seelen - das hast du schön interpretiert. Er geistert herum, um sich von seinem Schatten zu lösen, um das Herz seiner Geliebten dem anderen zu entreißen, indem er ihn töten möchte. Zum Glück kam er nicht auf die Idee, das Herz seiner Geliebten zu essen, um es für immer mit sich zu tragen.
Die vielen Mehmets stehen auch für die verschiedenen Leser und ihre verschiedenen Auffassungen. So viel hat das Buch ausgelöst. Hass, Schuldzuweisung, Todessehnsucht, Liebe, Frieden, Suche nach dem Engel. Mord!
So viele sind dafür gestorben.
Osman erscheint mir fast selbst wie ein Geist, ein Herumirrender, der seinen Halt verlorenen hat. Er ist nur noch Abbild seiner selbst mit einem grausigen Vorhaben.

In der Unterhaltung zwischen Mehmet und Osman kommen schließlich die Bonbons "Neues Leben" ins Spiel, die, wie ich verstanden habe, einerseits Sinnbild für Kindheitserinnerung, alter Traditionen sind und auch ebenso für die Suche nach dem Ursprung der Dinge stehen.

Osman ist immer noch auf der Suche nach diesem, und Mehmet sagt ihm:
In Antwort auf:
Du willst zum Ursprung aller Dinge, zur ersten Ursache, zur Wurzel vordringen, nicht wahr? (… ) Du willst zum Reinen, Unverdorbenen, Wahren gelangen. Doch einen solchen Anfang gibt es nicht. Es ist sinnlos, nach einem Original, einem Schlüssel, einem Wort, einer Wurzel zu suchen.

..., denn man kann nichts zurückdrehen oder ein völlig neues Leben beginnen. Man kann das "Ding an sich" nicht erfassen, nur ahnen, man sieht nur das, was man sehen möchte. Darum wirkt das Buch auch so unterschiedlich auf die Menschen, weil sie eben alle unterschiedlich leben und denken. Osman verzweifelt an der unerwiderten Liebe zu Canan, die Mehmet liebt. Darum findet er seinen Frieden nicht. Das ändert auch nicht der Mord, den er dann doch begeht (trotz seines Hin- und Hergerissenseins zwischen Sympathie und Hassgefühlen.) Ich fand Mehmet sehr sympathisch.


In Antwort auf:
Niemand wird mir glauben, wenn ich sage, der Mensch, den ich im Spiegel sah, ähnelte weniger dem Mörder als dem Gespenst des Ermordeten.

Der Doppelgänger hat auch ein Stück seiner selbst getötet. (Schuld lastet...)

Und Dr. Narin ahnt seinen Einfluss auf Osman und die Dinge, die er mit dem Geschenk der Waffe in Gang gesetzt hat, wenn er hier sagt:
In Antwort auf:
Du solltest aber, ehe du zu deiner lieben Frau zurückgehst, dich von diesem purpurnen Jackett trennen, in dem du mehr einem Mörder als einem Helden ähnelst, nicht wahr?

Zuvor noch die Unterhaltung um das Recht auf das Verteidigen aller alten Traditionen und Gewohnheiten:
In Antwort auf:
Wie leidenschaftlich sie sich daran hängen, wenn ihnen jemand gleich mir die Hoffnung auf eine gerechte Welt gibt, damit sie mit den geliebten Dingen leben können, an die sie gewöhnt sind, die zu ihrem Dasein gehören. Und wie gnadenlos sind die äußeren Kräfte, die unser Leben, unsere Erinnerungen zerstören wollen.

... sagt Dr. Narin, fühlt sich im Recht, steht hinter seinen Taten, und Osman überlegt kurz, ob er dieser Illusion folgt, einfach das Denken abschaltet, um für immer mit Canan bei diesem Menschen zu leben, die Augen für immer für alles andere zu verschließen. Doch, er besinnt sich.
zuletzt bearbeitet 15.08.2007 21:59 | nach oben springen

#26

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 22:00
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Nach all dem spult Pamuk das Leben seiner Figur vor. Canan ist entschwunden, Osman wird sie nie wieder finden, er wird älter und ist doch schon so sehr alter Mann, beendet sein Studium, geht zum Militär, heiratet, bekommt Kinder, geht ab und zu auf die Suche nach Canan und erfährt schließlich, dass sie den Arzt geheiratet hat, einer der vielen Mehmets, der aus dem Buch seinen Frieden gezogen hat, nachdem er zuvor seinen Glauben verloren hatte. Das Buch hatte hier eine Lücke gefüllt.
Dass Canan nun gerade ihn geheiratet hat, erscheint mir suspekt, vielleicht ist es nur eine böse Vorstellung Osmans, der vor sich hinvegetiert und dem Alkohol verfällt. Dabei liest er unzählige Bücher, und wo er zuvor noch gehofft hat, aus dem besagten Buch ein neues Licht, eine neue Aufregung zu ziehen, schweigt dieses, und er gibt die Hoffnung auf, weil er erkennt:

In Antwort auf:
Ich las nicht etwa, weil ich Herr über die andere Seele sein wollte, die sich jeweils in den frühen Abendstunden in mir wand und krümmte, …

Nichts an Vergangenheit ist wieder entfachbar.
So bleibt das Buch nur noch Buch, denn ich denke, hier war Canan und die Suche nach dem Engel, nach dem Ursprung doch Antrieb, der nun erloschen ist.

Die Verehrung für Canan schimmert trotzdem durch all sein Denken hindurch, und in Reminiszenzen denkt Osman an Szenen, die er mit ihr in all den Busfahrten erlebt hat, wie sie ihr Haar zurückgestrichen hat:
In Antwort auf:
… und jedesmal schmolz ein Teil meines Verstandes, meines Herzens und meiner Seele dahin und verlor sich in der dunklen Nacht.

Er versucht jetzt nur noch "mit den Resten seiner Seele, seines Verstandes und seines Herzens auszukommen" und denkt dabei:
In Antwort auf:
Doch ich wagte mich während des Lesens niemals daran, meinem zerbrochenen Leben einen tieferen Sinn zu geben, nach einem Trost oder gar nach der schönen, ehrenwerten Seite der Traurigkeit zu suchen.


Aus den vielen anderen Büchern zieht Osman folgende Schlüsse:
In Antwort auf:
Ich bedaure allerdings jene Leser, die ihr zweckloses, enttäuschendes Leben mit einer sogenannten Tschechowschen Sensibilität ästhetisieren, die Misere ihres Lebens aufblasen und daraus eine Schönheit und Größe herausspüren, und ich hasse auch jene wissenden Schriftsteller, die auf der Befriedigung des Trostbedürfnisses solcher Leser eine Karriere aufbauen.


Selbst an Don Quijote findet Osman keinen Gefallen. Er sagt:
In Antwort auf:
Im Grunde genommen wollen uns diese Autoren, die uns jene ständig ihre Wunden und Leiden zur Schau stellenden, grob nach Tschechow gestalteten Helden in veränderten Landschaften und Klimata vorstellen, alle nur eins sagen: Seht uns an, seht unsere Leiden und Verletzungen, wie sensibel wir sind, wie edel, wie besonders! Die Schmerzen haben uns viel feinfühliger und fragiler werden lassen, als ihr es seid. Ihr wollt doch wie wir sein, wollt eure Misere in einen Sieg oder sogar in ein Überlegenheitsgefühl verwandeln, nicht wahr? Dann glaubt uns, glaubt daran, dass unsere Schmerzen lustvoller sind als irgendeiner der normalen Lebensgenüsse, das ist genug.


Wohl, weil hier Osman ständig auf sein eigenes Leid gestoßen wird und nicht gelernt hat, es hinter sich zu lassen und zu verarbeiten. Und doch ist es auch richtig, dieses nicht zum Lebensinhalt werden zu lassen. Erinnert auch ein bisschen an Soares, der sich in seinem selbst erschaffenen Leid suhlt und sich daran erfreut und eine Art Lebendigkeit verspürt, um sich gleichzeitig dadurch verwirren zu lassen.

In Antwort auf:
Überdruss, der nichts anderes bewirkt als das Vorgefühl noch größeren Überdrusses; die Qual, sich heute gequält zu haben – wie wirr, ohne Nutzen noch Wahrheit, wie wirr…
(Das Buch der Unruhe)

All jene, die hier Leid kultivieren, die sich freiwillig in ihrem eigenen Abgrund wälzen, damit sie Grund zum Jammern haben…

Dostojewski dazu:
In Antwort auf:
Es gibt im Volk ein stummes und geduldiges Leid: es zieht sich in sich zurück und schweigt. Aber es gibt auch ein gewaltsam hervorbrechendes Leid: äußert es sich einmal in Tränen, so verwandelt es sich in ununterbrochenes Jammern. Dies kommt besonders bei Frauen vor. Doch ist es nicht leichter als das stumme Leid. Das Jammern lindert das Herz nur dadurch, dass dieses noch mehr aufgewühlt und krank gemacht wird. Ein solches Leid wünscht nicht einmal Trost und nährt sich vom Gefühl seiner Unstillbarkeit. Das Jammern ist nur das Bedürfnis, die Wunde ununterbrochen zu reizen.

Dieses meint Osman sicher, auch wenn er den armen Tschechow dabei angreift.

Ich merke übrigens auch, dass ich das Ende des Buches schon wieder hinauszögere, wie ich es immer tue, wenn ich nicht will, dass eine Geschichte einfach endet...
(Auch eine Art des Leidens...
)




Surreale Vorstellungen
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#27

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 22:01
von Martinus
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Hallo Taxine,

du hast das alles so schön gesagt, dass ich im Moment nur sprachlos und glücklich sein kann. Ich befinde mich zu Beginn des letzten Kapitels.

Liebe Grüße
Martinus

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#28

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 22:01
von Taxine
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Oh... danke, Martinus. habe das alles noch ein bisschen ordnen müssen. Da sind jetzt so viele Gedanken in meinem Kopf. Bin genauso weit wie du.
Dann: Auf in die letzte Runde!

Liebe Grüße
Taxine

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#29

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 22:03
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Hier sitze ich jetzt und grüble und grüble, lasse alles auf mich wirken, noch einmal Revue passieren.
Unfassbar...
All diese Vermutungen und falschen Fährten.
Loslassen will ich's noch nicht, dieses Buch, das jetzt längst ausgelesen ist. Das kreist im Hirn, bis der Kopf dampft.

Der ganze Rausch des Lesens kommt mir vor, als wäre ich durch das ganze Buch geirrlichtert. , als hätte ich selbst das Buch gelesen, das Osman hier so verändert hat.

Dann also nochmal zurück gesprungen:

Osman ist also ein Wrack, ein Abbild seiner selbst. Doch, noch liegt ein Funken "Buch" in seinem Inneren.
Schön die Worte, nachdem er über die Liebe gesprochen hat:

In Antwort auf:
Sie sehen, ich konnte nichts Neues sagen. Trotz allem habe ich etwas gesagt! (… ) Ganz anders, als so mancher dumme Nachahmer glaubt, sind ein, zwei Worte besser, als zu schweigen. Was nützt es denn, um Himmels willen, den Mund nicht aufzumachen und kein einziges Wort zu sagen, während das Leben in seiner ganzen Erbarmungslosigkeit wie ein langsamer Zug an uns vorbeifährt und unsere Seele und unser Körper unterdessen zerfallen?


Osman sucht in einem letzten Hoffnungsschimmer die Wohnung seines Onkels Rifki auf und will hier des Rätsels Lösung finden.

Baustein für Baustein ist das Buch von Rifki wie auch Pamuks Buch zu dieser Geschichte gestaltet worden, aus wunderbaren Bucheinflüssen kreiert (Dante – Das neue Leben, Rilke – Duineser Elegien, Ibn Arabi, Jules Vernes).

„Ich werde deine Geschichte schreiben…“ hat Onkel Rifki zu Osman gesagt und damit die Spuren für den Vergesslichen gelegt, der ganz langsam wieder dorthin zurückkehrt, um sich seiner selbst bewusst zu werden. Da lief mir ein Schauer über den Rücken, so gut fand ich die Idee. Sein eigenes Selbst lesen - darum bleibt Osman auch zerstört zurück, findet nicht mehr hinaus. Alles setzt sich jetzt zusammen, wie ein Puzzle, das man nach und nach zusammenbaut, mit allen Fehlentscheidungen und falschen Fährten, richtigen Ahnungen und Verwirrungen.
Und, was sollte auch anderes passieren, als dass Osman in seiner Suche nur auf sich selbst trifft.
Der Weg ist das Ziel. Die Erkenntnis ist, dass man den Weg gehen musste, um zu erkennen.


Eine letzte Reise macht Osman, um hinter das Geheimnis der Bonbons „Neues Leben“ zu kommen. Verwirrt stellt er fest, dass die Modernität allen Zauber solch eines Abenteuer verändert hat.
In Antwort auf:
Die Fernseher zeigten alle naselang die Werbung für die Fahrzeuge des Reiseunternehmens, das uns in das asphaltierte Herz der Steppe beförderte, so dass der Busreisende beim schläfrigen Blick auf den Bildschirm dort x-mal sehen konnte, wie schön es war, schläfrig im Omnibus zu reisen und au den Bildschirm zu blicken.

Nichts mehr mit ruhigen Fernsehfilmen.

Und:
In Antwort auf:
Die herrenlose wilde Steppe aber, die wir, Canan und ich, früher einmal durch die Fenster betrachtet hatten, war mit Zigaretten- und Reifenreklamen durchlöchert und vermenschlicht worden…


Auch die Städte hatten sich verändert:
In Antwort auf:
Ich konnte nicht begreifen, wie es möglich war, dass sich all diese naiven Städtchen und diese Gässchen wie aus einer Miniaturmalerei, durch die wir, Canan und ich, einmal in spielerischer Verzauberung wie durch den für uns geöffneten Garten eines gutmütigen Weibleins gewandelt waren, jetzt in ein furchterregendes Bühnendekor verwandelt hatten, das von gefährlichen Zeichen und Interjektionen wimmelte, die sich alle gegenseitig imitierten.


Die Gegenverschwörung des Dr. Narins war gescheitert, der westliche Einfluss hat sich überall verbreitet. Der Mann, der die Dinge geschätzt hat, konnte sich nicht gegen die westlichen Einflüsse wehren, und ganz langsam verschwinden diese Dinge mit den so bezeichnend lebendigen Namen nach und nach von der Bildfläche.

Auch zitiert Osman hier Jules Vernes „Die namenlose Familie“, eines der Bücher, aus denen Onkel Rifki sein Buch der Bücher geschaffen hat, gerade dann, als er die Familie Narin aufsuchen möchte, von der keine Spur mehr existiert.
In Antwort auf:
Doch in dieser Gegend gab es kein Haus war nichts außer Trümmer zu sehen. Es schien, als habe nicht die Zeit diese Ruinen geschaffen, sondern eine Reihe von Katastrophen.


Die namenlose Familie – nur ein Hauch, eine Erinnerung, eine Auflehnung gegen die graue, sich Schwindel erregend schnell entwickelnde Modernität des „Grauens“, die ohne weitere Bedeutung auch wieder untergeht.
Narin, der versteckte "Feind", der sich überall verbreitende "Mörderfürsten" zurücklässt.
Dazwischen die
In Antwort auf:
Berge, die, in sich selbst zurückgezogen, gegen die jahrhundertelang miterlebten Grausamkeiten taub geworden waren.


Pamuk stellt seinen Leser auf die Probe. Unter anderem:
Welche Hinweise er bemerkt hätte, die Osman später in seinem Glauben bestärkten, dass Mehmet, als er ihn erschoß, an Canan dachte.

Spielt der Film eine Rolle? "Endlose Nächte" im Kino "Neue Welt"?

Vielleicht, weil Mehmet am Tag davor im Theater saß, um sich den falschen Engel anzusehen. Er glaubte ja seinen eigenen Worten zufolge nicht an die Wirkung und Existenz des Engels (winkte auch ab, als Osman ihm sagte, dass die Frau wie ein Engel wirkte und zog sie sofort von diesem kleinen Podest, um zu erwähnen, mit wem sie schlief. Vielleicht ein versteckter Vorwurf auf Canan, die Osman geküsst hatte?) Vielleicht suchte er im Abbild dieses vergänglichen Zaubers seine zurückgelassene Liebe? Vorausgesetzt natürlich, die Liebe Mehmets war hier ähnlich gestaltet wie die Liebe Osman, und er sah Canan als Engel.
(Aber, da auch andere Menschen in Canan den "Engel" sahen, ist das gar nicht so abwegig.)


Oder:
Vielleicht geht Osman von sich selbst aus, denn im Nachhinein heiratet er und kann Canan trotzdem nicht vergessen. So setzt er vielleicht auch bei Mehmet voraus, dass dieser Canan nicht vergessen konnte.

Andere Vermutung:
Mehmet spricht, als Osman ihn nach den langen Reisen endlich findet, von seinem neuen (zufriedenen) Alltag und den Vorgang über das Schreiben des Buches. Er behauptet dabei zunächst:
In Antwort auf:
Ich schreibe das Buch immer wieder von neuem, ohne ein einziges Komma zu überspringen, ohne einen Buchstaben oder einen Punkt an die falsche Stelle zu setzen. Alles soll bis auf Punkt und Komma übereinstimmen.

Und jetzt ganz wichtig:
In Antwort auf:
Das kann man nur mit der gleichen Intuition, mit dem gleichen Willen erreichen.

Später, als Osman ihn dann in der eigenen Wohnung aufsucht, um ihn zu erschießen, findet er das aufgeschlagene Heft neben dem Buch und liest darin. Mehmet sagt darauf:
In Antwort auf:
Manchmal überspringe ich ein Komma. (… )Ich schreibe ein falsches Wort, einen falschen Buchstaben.

Hier ließe sich vermuten, dass der starke Wille nicht ausreicht, um konsequent zu bleiben, ebenso könnte es sich in Bezug auf Canan verhalten.
Allerdings spricht Mehmet danach davon, dass er dann aufhört, weil er merkt, dass er ohne Gefühl schreiben würde.
Das wiederum bringt mich darauf, dass ein Mensch, der sich mit so viel Gefühl einem Buch verschreibt, dieses Gefühl auch für einen Menschen hegen könnte.
Aber, diese Lösung ist nicht befriedigend, wahrscheinlich gibt es hier nicht einmal eine.

Weitere Möglichkeit:
Mehmet sagt, er habe Canan verlassen, weil er wusste, dass sie das Wunschland nicht finden können, trotz alldem hält er an dem Zauber des Buches fest.
Vielleicht schreibt er es in dieser Weise ständig ab, um trotzdem weiterzusuchen und auf eine Lösung zu hoffen, um dann zu Canan zurückzukehren?
Denn, hätte er seinen Frieden im Leben gefunden, hätte er wohl das Buch nicht mehr nötig. Er aber hat sich ihm unterworfen, fällt mir jetzt auf, ist im Bann des Buches, erfasst es immer und immer wieder aus seinem Inneren. Dadurch ist er immernoch auf der Suche.

Auch schickt er Menschen los, um seine handschriftlichen Fassungen an den Mann zu bringen und bezahlt diese dafür. Wenn er sich ganz dem Buchschreiben gewidmet und hier seinen Frieden gemacht hätte, dann würde er daraus kein Kapital schlagen, sondern nur für sich schreiben. Daraus lässt sich schließen, dass er mit Hintergedanken schreibt.
Auch geht Mehmet nach ihrem Gespräch ins Kino, was dafür spricht, dass sein geregelter Alltag, wie er ihn zuvor in Exaktheit beschrieben hat, nicht der Wirklichkeit entspricht.
Man kann ihm also nicht trauen.
Aber, warum hat er beim Erschießen an Canan gedacht?
Weißt du es, Martinus?

Viranbag ist die Stadt, wo Osman Mehmet tötet, und gleichzeitig die Stadt, an die er sich als Kind nicht erinnern konnte, als sein Onkel Rifki ihn befragte. Als dieser ihm einen Bonbon „Neues Leben“ gab, erinnerte er sich dann und sein Onkel lobte ihn, sagte: „Bravo!“ Vielleicht ist dieses Lob ein Nachhall auf den Schuldbewussten, weil der Onkel nichts dem Zufall überlassen hat. Es war also abzusehen, dass Osman hier etwas Grausames macht, damit er diese Stadt nicht vergessen würde.
So wurde hier auch Zeit angehalten, denn die Erinnerung an die Tat in dieser Stadt stirbt erst mit dem Menschen.

Darüber werde ich sicherlich noch länger nachgrübeln. Es ist unglaublich, es lässt einen nicht los. Zu guter Letzt dann das Ende, erwartet, irgendwo, in meinen Augen starb Osman ja schon früher, starb mehrmals, auch als er nur noch Abbild war.

Wenn der Sinn des Lebens die Suche nach dem Sinn des Lebens ist, dann muss, sobald der Sinn begriffen ist, etwas enden.
Und wo Osman endlich losgelassen hat, sein Leben als das akzeptiert hat, was es ist, mit all seinen kleinen Freuden, hat er das "Gesamte" verstanden:
Was ist Zeit? Ein Unfall! Was ist Leben? Eine Zeit! Was ist der Unfall? Ein Leben, ein neues Leben!

Und weil er es endlich begriffen hat, muss sein Leben dann auch enden.

Zurück bleibt ein Lächeln, neue Eindrücke über "fremde Länder",keine Melodie, sondern das Zitat von Dante:
In Antwort auf:
Ich habe meinen Fuß auf jenen Lebensabschnitt gesetzt, von dem es keine Rückkehr mehr gibt!

Denn jeden Schritt, den wir tun, führt uns letztendlich in diese Richtung.

Wer beim Lesen denken und phantasieren, das Buch fast selbst schreiben, es für sich interpretieren, neu entwerfen, wieder verwerfen, anders zusammensetzen, umwälzen, erfahren, durchforschen, sich irritieren lassen, wer sein eigenes Denken und Mutmaßen auf die Probe stellen und Bedeutungen durch alle Überlegung am Ende als selbst erschaffen betrachten möchte, dem empfehle ich von ganzem Herzen "Das neue Leben".




Surreale Vorstellungen
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#30

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 22:04
von Martinus
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Mein Schlussplädoyer:

Der Spiegel als Symbol der Seele, in die man hinneinschaut. In E. Th. Hoffmanns Erzählung „Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild“ aus der Sammlung "Phantasiestücke in Callots Manier" verkauft Erasmus Spikher das Spiegelbild Giulettas, die mit dem Teufel im Bunde steht.
In Antwort auf:
Ich ....betrachtete mich in dem zersprungenen Spiegel..

In Osmans Seele ist ein Loch, heißt es irgendwo. Solange dieses Loch nicht geschlossen wird, solange ist der Mensch auf der Suche (oder sollte man sich bescheiden in den Sessel setzen und dankbar hinnehmen, wie es ist?)
In Antwort auf:
Er hatte verstanden, was das Leben bedeutete, Aber er konnte diese Bedeutung nicht erklären.

Nicht so bei Osman: Ihm entschwindet Canan, seine Seele zersprungen, er wird sein ganzes Leben lang getrieben. Die Suche verliert sich irgendwo in seiner Kindheit. Man denke an die Psychoanalyse, die verschüttete Seelenbereiche aufdecken will. Man könnte sich sogar, so hat mir eine Psychologin erzählt, sich an seine Geburt erinnern. Aber hilft das weiter? Den Ursprung der Dingen nachzujagen, wird nie zu einem Ergebnis führen. Mir scheint hier eine Besessenheit vorzuliegen, die Osman durch das Leben treibt.
In Antwort auf:
Ich habe Canan verlassen, denn ich wußte, wir würden das Wunschland nicht finden können, und hatte auch begriffen, daß sie mit mir zusammen durch das aus dem Buch sprühende Todeslicht getroffen werden könnte.


In dem Roman kommt die romantische Idee der belebten Dinge zu Tage. Im Ofterdingen heißt es:
In Antwort auf:
Ich hörte einst von alten Zeiten reden; wie da die Tiere und Bäume und Felsen mit den Menschen gesprochen hätten. Mir ist gerade so, als wollten sie augenblicklich anfangen, und als könnte ich ihnen ansehen, was sie mir sagen wollten (Novalis).

Im Roman:
In Antwort auf:
Also schienen auch die Dinge eine Sprache zu besitzen, und dank der vorübergehenden Lautlosigkeit, in die mich das Buch hineingezogen hatte, begann ich jetzt, diese Sprache zumindest ein wenig zu verstehen.

Die Frage nach den letzten Dingen, nach der Bedeutung und den Sinn des mystischen Buches, die Frage nach dem neuen Leben, darauf kann unser Roman natürlich keine Antwort finden, deswegen zieht Orhan Pamuk, und darin liegt u.a. auch die Bedeutung des Romans, den Leser selber in sein Verwirrspiel mit ein. Der Roman besticht durch die vielen Deutungsmöglichkeiten, trotzdem denke ich, daß wir diese Diskussion sehr schön bewältigt haben. Die Spannung hielt mich bis zum Schluß.

Und was bleibt? Ein Glas Raki mit Auberginenpaste und Fladen, in der Hand den Novalis, den Gespensterhoffmann....ein Sufibüchlein und die Hoffnung auf ein neues Leben.

Ein Wahnsinnsroman
Martinus
zuletzt bearbeitet 15.08.2007 22:04 | nach oben springen


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