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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#31

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 22:06
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Hallo Martinus.

Das hast du schön zusammengefasst.
In Griechenland esse ich immer Auberginensalat, ist auch eine Art Paste, die man auf das Brot schmieren kann.

Hoffmann... das wird wohl bald auch auf mich zukommen.

Jetzt tauche ich den Kopf kurz in Leichtigkeit (Julian Barnes, und zwar ein früherer Roman (mal sehen, ob er da auch schon so gut geschrieben hat)) und danach vielleicht Laurence Sterne "Tristram Shandy".

Es hat viel Spaß gemacht, das Gespräch mit dir. Das mag ich so an Leserunden, dass man durch mehrere Meinungen auch mehr sieht und erfährt, als wenn man alleine liest, weil jeder auf andere Dinge achtet.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
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#32

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 22:06
von Martinus
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Hallo Taxine,

Ja, diesen Salat meinte ich.

Leserunden mag ich auch sehr gerne, habe schon so viele gemacht. Eine große Bereicherung und macht mir immer Freude.

Ich tauche ins "Gelächter im Dunkel", denn morgen währt der dreißigste Todestag des Großen. Heute vormittag war mein Kopf noch so voll von unserem Pamuk, dass ich kein Buch in die Hand nehmen konnte-

und dann folgt Novalis...

Liebe Grüße
Martinus


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#33

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 22:07
von Ferro
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Muss sagen, ihr macht mich neugierig. Werde das Buch wohl auch lesen, bei diesem Verwirrspiel!

Nabokov! Mein Lieblingsbuch von ihm ist "Einladung zur Enthauptung".

Gruß
Ferro

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#34

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 24.09.2007 18:24
von Martinus • 3.194 Beiträge
In Orhan Pamuks Essay „Eine private Lektüre von André Gides öffentlichem Tagebuch“ erfahren wir von türkenunfreundlichen Passagen aus André Gides Tagebuch. Mit Istanbul, wie auch schon mit Venedig, konnte Gide nichts anfangen.

Zitat von Gide
Diese Erde hat nichts hervorgebracht, denn unter dem dichten Schaum, den das Zusammentreffen so vieler Völker, historischer Entwicklungen, religiöser Überzeugungen und Kulturen aufgespült hat, gibt es nichts Bodenständiges.


Zitat von Gide
Die Kleidung der Türken ist unvorstellbar häßlich, und um die Wahrheit zu sagen, dieses Volk hat nichts anderes verdient.


André Gide bekam den Nobelpreis, weil seine Werke „von einer leidenschaftlichen Wahrheitsliebe“(Nobelkomitee) erfüllt seien. Die Wahrheitsliebe, so Pamuk, führt aber „nicht immer zu einem politisch korrekten Ergebnis.“ So kann der Leser nur staunen, wenn Gide über den europäischen Gedanken erzählt, er glaube

Zitat von Gide
daß unsere westliche Zivilisation – beinahe hätte ich die >französische< gesagt – nicht nur die schönste, sondern auch die einzigste Zivilisation ist.


Der große türkische Romancier, Dichter und Essayist Ahmet Hamdi Tanpinar verehrte Gide außerordentlich. Es ist sogar so, das André Gide in der Türkei in seiner Zeit sehr verehrt wurde. Teile aus dem Tagebuch wurden veröffentlicht. Das türkische Erziehungsministerium ließ die türkenfeindlichen Passagen weg. Man kannte sie, verschwieg sie aber. Tanpinar hat darauf hingewiesen, das Gides Buch „Uns nährt die Erde“ auf die türkische Lyrik einen großen Einfluss hatte.

Über Valéry und Gide sagt Tanpinar:

Zitat von Tanpinar
Diese beiden Schriftsteller verkörperten für mich – ich will mich gar nicht Leser, Schriftsteller nennen, denn neben ihnen wäre ich ganz klein – das Denken und Fühlen Europas...


Tanpinar, der sich über die türkenfeindlichen Passagen ausschweigt, lobt das „aufrechte Denken“ und das „Gerechtigkeitsgefühl“ Gides. Ebenso schweigt Tanpinars Lehrer, der Lyriker Yahya Kemal.

Pamuk bekennt sich wie Tanpinar zu Gide. In seiner Kindheit und Jugend waren die Werke des Franzosen sehr beliebt. Seine Werke standen im Bücherschrank des Vaters.

Orhan Pamuk erzählt von einer Stelle aus Dostojewskis „Tagebuch eines Schriftstellers“, in dem Dostojewskis von der Scheinheiligkeit Frankreichs

Zitat von Pamuk
und davon, daß die großen Werte dieses Landes dem Geld gegenüber an Bedeutung verlieren und verschwinden.



Obwohl wohl Gide diese Zeilen gelesen hat, bewunderte er, so Pamuk, Dostojewskij sehr und schrieb ein wunderbares Buch über ihn. Später verallgemeinerte Dostojewski, sprach nicht mehr von den Franzosen, sondern von den Westeuropäern. Orhan Pamuk schlussfolgert daraus, es liege kein Widerspruch darin, einen Schriftsteller zu bewundern, der seine Kultur, Zivilisation und Nation herabwürdigt und Tanipars Begeisterung für Gides Nobelpreis versteht er so:
Zitat von Pamuk

Der Intellektuelle, der die Annäherung an den Westen vetrat, bedurfte weniger Europas selnbst als eines Idealbilds Europas. Ein Intellektueller dieser Verwestlichung konnte...., solange er sich eine Ideale, märchenhafte Vorstellung von Europa bewahren konnte, seine eigene Kultur sehr eingehend kritisieren und vom konservativen Nationalismus zu kreativem Modernismus wechseln.


So ist es verwunderlich, dass Kemal Atatürk ein Jahr nach Veröffentlichung von Gides Tagebüchern(1925) eine Anderung der Kleiderordnung vorschrieb:
Zitat von Atatürk

So sehe ich zum Beispiel hier in der Menge vor mir einen Menschen, der hat einen Fes auf dem Kopf, um den er einen grünen Turban gewunden hat. Erträgt ein Hemd ohne Kragen und darüber ein Jackett, wie ich es anhabe. Was der Mensch weiter unten anhat, kann ich nicht sehen. Was ist denn das für ein Aufzug? Zieht denn ein zivilisierter Mensch diese seltsame Kleidung an, damit die Welt über ihn lacht?


Pamuk schreibt, wir wissen nicht ob Atatürk die Tagebücher Gides gelesen hat, aber wir wissen, Yahya Kemal hat es in diesen Tagen getan und beschwerte sich darüber. Er war im Stabe Atatürks.

Mustafa Kemal Atatürk, der in die Türkei dem Westen annähern wollte, setzte Europa mit der Zivilisation gleich, so Orhan Pamuk.
Zitat von Pamuk

Atatürk trennt die Kleidung, die (wie auch Gide) ablehnt, von den Menschen, die sie tragen. Ihre Kleidung betrachtet er nicht als Teil einer Kultur, die die Nation begründet, sondern als ein Schandfleck, der das Volk mit Schlamm beschmutzt hat.


Orhan Pamuk schließt sein Essay , indem er von der Scham desjenigen spricht, der sich verwestlichen will: von der Scham, kein Europäer zu sein, von der Scham für seine Bemühungen, ein Europäer zu sein, von der Scham, seine Identität zu verlieren, und und und.

Für Gides Veröffentlichung seiner Tagebücher kann einerseits Bewunderung ausgesprochen werden, so Pamuk, andererseits wird die stattliche Einmischung in die Kleiderordnung legimitiert, was wiederrum Belange privater Natur sind.

Liebe Grüße
Martinus

FINE

PS: Alle Zitate sind dem o.g. Essay entnommen. Das Essay findet man in Orhan Pamuk: Der Blick aus meinem Fenster, München, 2006



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 24.09.2007 18:29 | nach oben springen

#35

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 24.09.2007 18:58
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
O wai, man kann auch jedes Wort auf die Goldwaage legen.
Was mich besonders an Pamuks "Ausbruch" stört, ist der Titel: "Eine private Lektüre von André Gides öffentlichem Tagebuch". Das wirkt fast schon arrogant. Da kann man wirklich nur sagen: Schade, dass sie nicht privat geblieben ist.
Den Bezug zu Dostojewski, den Pamuk hier aufstellt, indem er diesen zitiert und dann scheinbar betont, dass Gide den Schriftsteller TROTZDEM weiterhin verehrt hat, wirkt auf mich, als hätte er sich hier unabsichtlich im vorher so angeprangerten Wesenzug von André Gide selbst widersprochen. (Als ob Gide seine Begeisterung für Dostojewski an einer Aussage, an einer ungleichen Meinung festmacht, wo er ihn und sein Werk fast ein Leben lang studiert hat.)
Und mal ehrlich: Es gibt so viele Schriftsteller, die stolz auf ihr Vaterland waren. Die Franzosen sind von einem immernoch ganz erstaunlichen Patriotismus beseelt, aber auch die Russen lieben ihr Vaterland, wie auch der Deutsche immer stolz auf die großen Denker seines Landes ist. Das muss man wahrlich nicht überspitzen oder ins grelle Licht rücken.
Scheinbar sieht Pamuk es so verbittert, weil er selbst ständig mit seinem Land zu kämpfen hatte.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 24.09.2007 19:57 | nach oben springen

#36

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 24.09.2007 20:17
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo Taxine,

"trotzdem" sagt Pamuk nicht. Er schreibt, es habe Gide überhaupt nicht gehindert, nachdem er Dostojewskis Text später gelesen habe, Dostojewski zu bewundern. Pamuk meint, Tanpinar und Gide hätten eine "europäische Haltung" angenommen, sie beharrten nicht auf einen "engstirnigen Nationalismus". Darum habe Tanipinar Gide bewundern können, der die Türken herabgesetzt habe, Gide habe Dostojewski bewundern können.

In dem Essay geht es doch um Europa, wie auch Atatürk sich dem Westen nähern wollte, dabei auf manch nationalistische Eigenheit (wie die erwähnte Kleidung) gerne verzichtete.

Liebe Grüße
Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 24.09.2007 20:18 | nach oben springen

#37

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 24.09.2007 20:31
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Hallo Martinus.

In Antwort auf:
Er schreibt, es habe Gide überhaupt nicht gehindert, nachdem er Dostojewskis Text später gelesen habe, Dostojewski zu bewundern.

Ja eben!!! Warum sollte Gide, der Dostojewskis wunderbares Werk bewunderte, auch seine Einstellung durch solch eine Aussage ändern?
Gide war Patriot (im Sinne des Wortes), aber doch kein verbohrter "Frankreich über alles - Stellender", dass Pamuk hier so großzügig erwähnen müsste, dass er nicht auf einen "engstirnigen Nationalismus" beharrte. Das wirkt, als würde Pamuk Gide hier erst "positiv zurechtschneidern". Und das finde ich übertrieben.

Ich glaube nicht, dass man hier die verschiedenen Einstellungen vergleichen kann, denn Tanipinar in seiner Bewunderung für Gide, und dieser in seiner Bewunderung für Dostojewski sind trotzdem verschiedene Welten.

Lieben Gruß
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 24.09.2007 21:11 | nach oben springen

#38

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 26.09.2007 06:02
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo Taxine,

ich danke dir herzlich für deine Einwürfe. Ich vermute und hoffe, dass Pamuk nur den europäischen Gedanken sehen wollte, weil er sich ja auch für den EU-Beitritt einsetzt. Diese verquere Situation habe ich nicht gesehen, dass man aufgrund des Essays Gide möglicherweise in eine falsches Licht von Engstirnigkeit rücken könnte, bzw. dass dem Pamuk eine Kleingeisterei aus dem Kopf geschlüpft ist. Natürlich gehe ich davon aus, Orhan Pamuk wollte das so nicht.

Dich stört, und das kann ich gut nachvollziehen, dass sich Orhan Pamuk überhaupt auf so ein Zitat stürzt und einen Essay daraus macht, obwohl dieses Zitat, Pamuk sagt es selber, keinen negativen Einfluss auf türkische Intellektuelle in Bezug auf das Werk des Franzosen hatte. Der Ausgangspunkt des Essays scheint hier fagwürdig zu werden. Ich habe bei der Lektüre diese Problematik nicht gesehen, weil ich nur auf die Ziele von Pamuk geschaut habe, insofern hast du meinen Geist zum Weiterdenken aufgefordert. Ungerecht natürlich, wenn man versuchen wollte, Gide in Gesellschaft mit nationalem Engdenken in Verbindung zu bringen.

Hat der Kopf des Autors zu sehr geraucht?

Liebe Grüße
Martinus





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#39

RE: Orhan Pamuk

in Die schöne Welt der Bücher 26.09.2007 13:04
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Ja Martinus, das meinte ich. Gide hat Dostojewski, wie aus seinen Tagebüchern ersichtlich wird, weil er sich sehr viele Notizen gemacht hat, ein Leben lang bewundert. Bei Pamuk kam es so herüber, dass André Gide, weil Dostojewski einmal etwas gegen die Franzosen sagt, sofort seine ganze Bewunderung über den Haufen schmeißen könnte, weil seine Vaterlandsliebe sein ganzes Wesen und Denken ja scheinbar überwiegt, was ungerecht ist. Pamuk lässt es sicherlich zweideutig durchschimmern, indem er es sagt und sofort zurücknimmt. Aber, auch das ist die Kunst der "Anklage".
André Gide spricht, wenn er über die Franzosen redet, oft aus der Sicht des Schriftstellers. Zum Beispiel meint er es eher so, wie hier in Verbindung mit den Aussagen Dostojewskis, wo er
dessen Gedanken einfach in diesem Sinne teilt:
Zitat von Dostojewski
Es gibt keinen Schriftsteller, der zugleich in einem strengeren Sinne Russe und in einem weiteren Sinne Europäer gewesen wäre. Gerade indem er in so besonderer Weise russisch ist, kann er so allgemein menschlich sein und jeden von uns auf so besondere Weise berühren.

Das kann man auf Franzosen, Deutsche, Italiener, Spanier, usw. übertragen.

Und noch mehr:
Zitat von Dostojewski
... jeder Franzose kann nicht nur seinem Vaterlande, sondern sogar der gesamten Menschheit Dienste leisten, jedoch nur unter der Voraussetzung, dass er so viel wie möglich Franzose bleibt, - genau so ist es mit dem Engländer und dem Deutschen.


Ich meine, die Franzosen haben es nun einmal leichter in ihrer Vaterlandsliebe, als zum Beispiel wir Deutschen (oder ein schnaubender Henry Miller und seine Abneigung gegen Amerika) oder sowieso die Türken, denn Pamuk muss sich ja oft gegen die eigenen Bedingungen in seinem Land erheben, so wird ihm die Liebe Gides zu seinem Land einfach wie ein Dorn ins Auge stechen, fast unbegreiflich erscheinen.

Liebe Grüße
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 26.09.2007 13:16 | nach oben springen


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