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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#16

RE: Henry Miller

in Die schöne Welt der Bücher 21.04.2009 11:58
von Martinus • 3.194 Beiträge

Der große Abschnitt über Epidauros bildet ohne Zweifel den Höhepunkt des ersten Teils. Hier legt Henry Miller noch etwas ausführlicher dar, worauf es ihm ankommt.

Henry Miller bekennt:

In Antwort auf:
Ich hatte jede Freude, jede Verzweiflung gekostet, aber ich hatte nie gewußt, was Friede ist. Alle meine Feinde, einen um den anderen, habe ich unterwegs besiegt, aber den größten Feind von allen hatte ich nicht einmal erkannt – mich selbst


Henry Miller bringt seine Lebensanschauung auf einen Punkt:

In Antwort auf:
Ich weiß, wo das Heil liegt: entsagen muß man, verzichten muß man, sich aufopfern, auf das unsere kleine Herzen im Gleichklang mit dem großen Herzen der Welt schlagen.


oder auch hier:

In Antwort auf:
Es ist früher Morgen, am ersten Tag des großen Friedens, des Friedens des Herzens, der nur durch Entsagung entsteht.
Also Askese.

Das Henry Miller aber nun keine Religion verkündigen will, zeigt sich dort, wenn er sagt:
In Antwort auf:

Alles woran wir uns klammern, selbst Hoffnung oder Glaube, kann die Krankheit sein, die uns zur Strecke bringt. Verzicht Selbsthingabe ist etwas Absolutes.wenn man sich nur an den winzigen Krümel klammert nährt man den Keim, der uns verschlingt.


Da ergibt sich die Frage, wie kann so eine heile Welt konkret geschaffen werden. Das es nicht einfach ist, weiß er auch. Jeder Mensch als ein Teil der Welt ist mit für den Weltfrieden verantwortlich. Solange nicht Hass und Mord aus den Herzen verschwunden ist, wird es keinen Frieden geben. Wir Menschen sollen nicht egoistisch denken, sondern das Bewusstsein des Weltganzen in unserem Herzen tragen.

In Antwort auf:
Solange wir uns weigern, in Ausdrücken wie Weltgüte und Weltgüter, Weltordnung und Weltfriede zu denken, werden wir einander verraten und morden.


Ich habe mich manchmal gefragt, ob Henry Miller mit dem Buddhismus anbändelt. Er selber sagt natürlich, man solle sich auch von jeder Ideologie befreien. Trotzdem, wovon Miller hier träumt, kann man aber völlig unreligiös betrachten, schließlich ist die Befreiung von unserem mikrigen Egos, aus dem unser Unfrieden kommt, nicht an eine Religion gebunden. Das Religionen im Grunde genommen natürlich gutherzige Gedanken verkündigen wollen, ist klar, aber aus menschlicher Intoleranz haben Religionen auch zu kriegerischen Auseinandersetzungen geführt. Darum hilft auch hier nur die Entsagung von Ideologien, Religion u.ä.

- Entsagung auf allen Ebenen. Ein kleine Übung: Man verschenke ein paar Bücher, man verschenke ein paar Euros, und dann sich selbst beobachten, wie man sich dabei fühlt.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#17

RE: Henry Miller

in Die schöne Welt der Bücher 22.04.2009 02:10
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Vielleicht geht es sogar um noch mehr: Nicht nur verschenken und sehen, wie man sich fühlt, sondern gar nicht erst darüber nachdenken, gar nicht erst hinterfragen, einfach machen und geben, ohne zu erwarten oder sich selbst darüber besser oder schlechter zu fühlen. Auch das ist eine Form des Loslassens.

Ich denke, es ist nicht einmal so sehr die Askese, von der Miller redet, es führt viel weiter, von einer Selbstbefreiung zu einem Erkennen der Notwendigkeit der Selbstbefreiung.

Der Verzicht, von dem Miller redet, diese Selbstaufgabe erfasst er in einer „absoluten Landschaft“, in der kein Künstler etwas finden könnte, das nicht schön ist. Er erahnt die Welt aus einer neuen Perspektive, und diese Welt führt wiederum auf ihn selbst zurück, denn er ist nicht nur Teil dieser Welt, sondern eine eigene Welt. Hier findet er auf einmal einen neuen Frieden vor, der nichts mit dem Frieden zu tun hat, den man kennt.
In Antwort auf:
Ich spreche natürlich von einem Frieden, der höher ist denn alle Vernunft. Es gibt keinen andern. Der Friede, den die meisten von uns kennen, ist nichts als eine Einstellung der Feindseligkeiten, ein Waffenstillstand, ein Interregnum, eine Windstille, eine Atempause; aber all das ist negativ. Der Friede des Herzens ist positiv und unbesiegbar, er stellt keine Bedingungen, er benötigt keinen Schutz. Er ist.

Er findet seinen inneren Frieden, durch den er erkennt, dass er völlig frei ist, dass alles, worauf es ankommt, in ihm selbst liegt. Er benötigt nicht mehr das „in der Welt sein“, sondern nur noch das „sein“ selbst, ein alles umfassender Verzicht.
Das ist herrlich. Das ist das, was man anstreben sollte. Das hat mich mal wieder sehr bewegt.

All das wurde durch die vorangegangenen Erlebnisse eingeleitet, die Erzählkunst verschiedener Menschen, insbesondere die von Katsimbalis, den Miller voller Bewunderung für sein Wesen verschlingt.
Beeindruckend fand ich den Satz von Ypsilon:
„Man muss regelmäßige Gewohnheiten haben, sonst kommt man auf den Hund. Ich wandere viel, damit ich nachts schlafen kann. Die Nächte sind lang, wenn man nicht frei ist.“

Oder, als Miller ihn fragt, warum er seine herrlichen Geschichten nicht aufschreibt und er ablehnt ein Schriftsteller sein zu wollen:
In Antwort auf:
Um eine gute Geschichte erzählen zu können, muss man einen guten Zuhörer haben.
(…) Wenn man einen Hintergedanken hat, ist die Geschichte schon verdorben. Sie muss ein Geschenk sein, weiter nichts…


Die Andeutung der Geschichte über Yannopoulos fand ich auch interessant. Dieser Dichter, der die Felsen besingt, der Felsen erfindet, um sie zu besingen, der wahnsinnig, nicht verrückt ist, der vor Liebe stirbt.
Was mich etwas stört, und was Miller selbst einräumt, ist die Unfähigkeit, die Erzählungen der Leute, denen er begegnet, ins Wort zu fassen. Er umreißt sie höchstens oder deutet an, dass etwas Einmaliges erzählt wurde, „weil ihm die Geduld und die Feinheit eines Thomas Mann“ fehlen. So wirkt es auf mich oft wie Auslassungen, wie unfertige Steine, die vielleicht hätten geschliffen werden können. Ich frage mich, wie viel größer das Buch wohl geworden wäre. Natürlich nimmt es Miller in seinen Überlegungen und Beschreibungen trotz allem nichts weg. Er ist einfach, so, wie sein besungener Frieden.

Ich denke, Miller hat seinen eigenen Weg gefunden, die Welt zu erkennen, das, was für ihn "Freiheit", "Frieden", "Ich-Sein", das Ablegen des "Ichs" bedeutet ("Um freudvoll zu sein, muss man das Ich zum höchstens Gipfel tragen und es dort triumphierend niederlegen." sagt er. Möchte man eine bildgewaltige Vorstellung davon gewinnen, dann empfehle ich unbedingt den Film "Der heilige Berg" von Jodorowsky ), ein Weg, der parallel in die gleiche Richtung wie der Buddhismus führt. Er erfährt seine Befreiung aufgrund seiner Loslösung von Besitz und Land und inmitten dieser herrlichen, stillen, weiten Landschaft. Was bedeutet darin schon ein kleiner Mensch? Was sind seine Probleme, sein Ego inmitten mächtiger Schönheit? Warum nicht einfach davor verharren und sich daran erfreuen, all das Kleinliche des Selbst, den Gedanken, dass die Welt sich um einen einzigen Menschen dreht, von sich werfen? Er erfährt diese Erkenntnis natürlich auch aufgrund seiner anderen, nicht so schönen Erfahrungen. All das hat schon religiösen Charakter, der aus sich selbst erwächst. Miller ist ein Reisender, ein Findender, ein Mensch, der an nichts gebunden oder gekettet ist. Wer diesen Zustand erreicht (völlig egal, wo man sich befindet und wie man ihn letztendlich erreicht), der, so denke ich, hat eine ganz andere und neue Möglichkeit, die Dinge zu betrachten, sie für sich zu entdecken, auch mehr über das eigene Wesen zu erfahren und benötigt dafür nicht unbedingt Buch, Glaube und Hinweise. Er versteht aus eigener Erfahrung, was sicherlich prägender ist, als sich über Texte zu beugen, die man nur mit dem Geist, vielleicht noch mit dem Herz erfassen kann. Er sieht. Und aus diesem Blick entdeckt er für sich eine Möglichkeit, in einer Welt leben zu können, die viele Ecken und Kanten und Schattenseiten hat. Sein Leben hat gezeigt, dass er es für sich begriffen hat, leben zu können. Seine Form, die Welt zu verbessern, zeigt sich in der Offenbarung seiner Gedanken, um anderen Menschen einen Weg aufzuweisen, ohne das "klägliche Winseln im Dunkeln, dieses ständige, klägliche Flehen um Frieden".

Liebe Grüße
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 22.04.2009 04:02 | nach oben springen

#18

RE: Henry Miller

in Die schöne Welt der Bücher 22.04.2009 17:09
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Und weiter geht's...


Eine Milliarde Menschen, die Frieden anstreben, können nicht versklavt werden.
Wir haben uns selbst versklavt durch unsere kleinliche, beschränkte Lebensanschauung.


Zitat von Miller
Das Leben heischt, dass man ihm mehr darbietet – Geist, Seele, Intelligenz, guter Willen. Die Natur ist stets bereit, die durch den Tod geschaffenen Lücken zu füllen, aber die Natur vermag nicht die Intelligenz, den Willen, die Phantasie zu liefern, um die Macht des Todes zu besiegen. Die Natur ersetzt und erneuert, das ist alles. Es ist die Aufgabe des Menschen, den Mordinstinkt auszurotten, der in seinen Verflechtungen und Äußerungen grenzenlos ist. Es ist nutzlos, Gott anzurufen, so wie es zwecklos ist, Gewalt mit Gewalt zu beantworten. Jede Schlacht ist ein in Blut und Qual ersonnener Bund, jeder Krieg ist eine Niederlage des menschlichen Geistes. Der Krieg ist nichts als eine große Manifestation in dramatischem Stil der trügerischen lächerlichen Streitigkeiten, die sich täglich und überall abspielen, sogar in den sogenannten Friedenszeiten. Jeder Mensch trägt sein Teilchen dazu bei, die Metzelei im Gange zu halten, selbst jene Menschen, die abseits zu stehen scheinen. Wir alle sind hineinverwickelt, wir alle nehmen daran teil, nolens volens. Die Erde ist unsere Schöpfung, und wir müssen die Früchte unserer Schöpfung hinnehmen. Solange wir uns weigern, in Ausdrücken wie Weltgüte und Weltgüter, Weltordnung und Weltfriede zu denken, werden wir einander verraten und morden. Das kann weitergehen bis zum Jüngsten Gericht, wenn wir es so wollen. Nur unser eigener Wunsch kann uns eine neure und bessere Welt bescheren. Der Mensch tötet aus Furcht, und die Furcht ist eine Hydra. Fangen wir erst an zu morden, gibt es kein Ende, eine Ewigkeit würde nicht genügen, die Dämonen zu besiegen, die uns quälen. Wer war es, der die Dämonen einführte? Das ist eine Frage, die sich jeder selbst stellen muss. Jeder von uns erforsche sein Gewissen. Weder Gott noch der Teufel sind dafür verantwortlich, und bestimmt nicht so kümmerliche Ungeheuer wie Hitler, Mussolini, Stalin und Kumpane, und auch bestimmt nicht solche Schreckgespenster wie Katholizismus, Kapitalismus, Kommunismus. Wer hat die Dämonen in unser Herz versenkt, um uns zu quälen?


Ein Abschnitt, der ganz zitiert gehört, wie ich finde.
So oft ruhen sich die Menschen darauf aus, zu sagen, wie schlecht Hitler, der ganze Wahn, Stalin und andere waren, wie viel Leid dadurch entstanden ist, wie verloren die Menschheit an bestimmten Punkten der Zeit bereits war. Immer herrschte irgendein Krieg, schon lange vor dem Jahr Null. Wenn ich mir unsere ganze Geschichtsschreibung ansehe, dann scheint die Menschheit eine blutrünstige Seite in sich zu tragen, gegen die eine erschrockene Seite ankämpft. Krieg ist nie ein Kampf um das Überleben gewesen, sondern ein Opfern vieler Menschen für spitzpyramidige Machtansprüche. Die Vergangenheit ist ein Loch des Schreckens, egal, in welche Richtung man blickt. Im Hier und Jetzt wird immernoch darauf beharrt, um neue Kriege und Maßnahmen in die Wege zu leiten. Verteilung von Schuld und Schuldfrage, der Ankläger hebt die Faust, der Angeklagte bleckt die Zähne. Keine besonders guten Voraussetzungen, um den Dämon zu erkennen, von dem Miller spricht. Der Krieg im Rohzustand scheint ewig, ist unendlich, wird auch immer geführt werden, aus welchen Anlässen oder Notwendigkeiten auch immer, weil es immer einen gibt, der sich im Recht glaubt, und einen anderen, der dagegen angeht; und solange sich Krieg für bestimmte Systeme lohnt, wird hier nahezu verhindert, dass der Mensch auf sich selbst blickt und erkennt, wo die Dämonen entstehen, denn genau das wäre fatal für die „Geldwirtschaft“, dass jeder in und auf sich selbst blickt, auf sein Herz hört und jeden auch noch so winzigen Gedanken der Gier, des Neides, des Hasses, der Eitelkeit, des Egoismus (eine etliche Liste an Emotionen – wobei wir uns auch fragen müssen, warum sie so lang ist, warum es so schwer ist, diese Gefühle ganz und gar aus dem eigenen Denken und Handeln zu verbannen. Denn: in welche Welt werden wir hineingeboren? Wir schwierig ist es, in dieser Welt eine eigene Ansicht zu gewinnen? Wie viel Kraft kostet der Ausbruch aus dem vorgefertigten Denken?) herausschneidet, dass all das gar nicht mehr erst entstehen kann.
Für mich ist es immer traurig zu sehen, dass zwar ich die Möglichkeit habe, auf Herz und Dämon zu blicken, aber so viele daran gehindert werden oder – schlimmer – kein Interesse daran haben. Was bewirkt schon, wie Miller auch sagt, das Erkennen einiger, wenn der Rest im gleichen Trott weitermacht? Nur, wenn alle in ihr Herz blicken, wäre eine Änderung möglich. Und, das beginnt in so vielen kleinen Details. Die Bedrohung von Tod und Krankheit erscheint wichtiger in der Betrachtung, als der Blick auf Leben und Sinn des Lebens. Miller schreit wie Jewtuschenko auf:
Zitat von Miller
Wir müssen unsere ganze Lebensart ändern. Wir brauchen keine besseren chirurgischen Instrumente, wir brauchen ein besseres Leben.

Neben den etlichen Menschen, die es längst begriffen haben, gibt es immer noch die gleiche Anzahl, die sich nicht verpflichtet fühlt, über das Selbst und die Welt nachzudenken, die immer weiter voranschreitet, weil andere es auch tun, die, in der Hinterfragung, warum sie so handelt, auf all die anderen deutet, die auch so handeln, statt auf sich selbst zu blicken. Solange es auch nur einen Rest anders Handelnder gibt, gibt es auch immer Menschen, die sich diese dann zur Rechtfertigung zurechtformen. Warum? Was hat ein anderer mit dem eigenen Denken und Handeln zu tun? Da stehen so viele anderen Menschen mit Rat und Tat zur Seite und sind doch nicht fähig, sich selbst zu betrachten oder zu retten (schön, wie Miller hier auf die drei Psychoanalytiker anspielt, denen er drei Karten aus Epidauros schreibt (hast du dir eigentlich das Amphitheater angesehen, Martinus? Ich meine, Miller sitzt dort und blickt in die Weite, da bekommt man natürlich eine gute Vorstellung von dem, was er empfindet), von denen zwei aus Verzweiflung sterben und ein dritter nie den Mut für eine Reise aufbringt oder das, was er tut, hinter sich zu lassen. Und genau das ist ja auch so schwer: das, was man hat, an Sicherheit und Gewohnheit, für eine neue und ungewisse Erfahrung einzutauschen. Was man hat, hat man, denken sich die Menschen, und alles andere scheint weit und entfernt in einer fremden Zukunft zu liegen.

Liebe Grüße
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 22.04.2009 17:34 | nach oben springen

#19

RE: Henry Miller

in Die schöne Welt der Bücher 22.04.2009 18:45
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo,

es ist völlig in Ordnung, dass du das lange Zitat geschrieben hast. Das ist ja schon essentiell.
Zitat von Taxine

Vielleicht geht es sogar um noch mehr: Nicht nur verschenken und sehen, wie man sich fühlt, sondern gar nicht erst darüber nachdenken, gar nicht erst hinterfragen, einfach machen und geben, ohne zu erwarten oder sich selbst darüber besser oder schlechter zu fühlen. Auch das ist eine Form des Loslassens.


Ja Taxine, das ist eine, sagen wir, noch höhere Stufe des Loslassens. Sich loslösen von allem. Ich glaube in einer Szene aus dem NT auch so etwas zu sehen:

Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das macht zusammen einen Pfennig. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte. (Mk 12,41-44) 

Die Frau lässt in aller Selbstverständlichkeit und Selbstlosigkeit ihren letzten Pfennig sausen. Natürlich, die Raffgierigen und Reichen behalten doch noch ihr Hab und Gut und wollen daran auch festhalten. Nicht aber diese arme Frau.
Zitat von Taxine

Was bewirkt schon, wie Miller auch sagt, das Erkennen einiger, wenn der Rest im gleichen Trott weitermacht? Nur, wenn alle in ihr Herz blicken, wäre eine Änderung möglich. Und, das beginnt in so vielen kleinen Details. Die Bedrohung von Tod und Krankheit erscheint wichtiger in der Betrachtung, als der Blick auf Leben und Sinn des Lebens.


Das ist das Dilemma. Ja. Ich denke. Man kann hier wirklich ersteinmal nur auf sein eigenes Leben schauen, sich selber vielleicht aus dem eigenen Trott entgleisen. Einige Menschen wird man mit seinem eigenen Herzlächeln begeistern. Es ist unser großes Glück, das Miller solche Bücher hinterlassen hat. Aber es gibt viele Menschen, die Vorurteile gegenüber Miller haben (er schreibe nur Sexbücher usw). Es hat ja auch reichlich gedauert, bis ich (durch Taxine und ascolto) auf Henry Miller aufmerksam geworden bin, sonst hätte ich Miller schon gleich nach Hermann Hesse und Erich Fromm gelesen (dass er das Griechenlandbuch geschrieben hatte, wußte ich schon, habs bloß nicht gelesen).

Fortsetzung folgt



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 22.04.2009 18:50 | nach oben springen

#20

RE: Henry Miller

in Die schöne Welt der Bücher 22.04.2009 19:27
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Hallo lieber Martinus, ja, ich dachte, dieser ganze Abschnitt ist so herrlich (bin gestrig darüber richtig ins Grübeln, Reflektieren, Denken gekommen), dass er hier zwischen unserem Gespräch ruhig in aller Ausführlichkeit glänzen darf.

Zitat von Martinus
Aber es gibt viele Menschen, die Vorurteile gegenüber Miller haben (er schreibe nur Sexbücher usw).

Dann denke ich wieder: Was haben die Leute nur gegen Sex? Gegen Sex in der Literatur? Meine Güte, das gibt es schon so lange, wie es Bücher gibt, und was alles davor war, kann man sich nun auch an zehn Fingern abzählen (ich sage nur: erzählte Geschichten auf irgendeinem Privatschloss, während einer erzählt und der Rest sich der Stimmung ergibt oder das anrüchige Getuschel in irgendeinem Salon, wo es, soll man der Geschichtsschreibung und Detailgetreue anderer Zeiten trauen, nichts anderes als schlüpfrige Bemerkungen gab ). Ich habe ein ganzes Buch voller erotischer Geschichten aus allen Zeiten. Selbst Diderot und co haben sich da schon ausschweifende Gedanken gemacht. Oder kennt jemand etwa nicht die „Persischen Briefe“ von Montesquieu? Sind das aufgrund der erotischen Nuance im Text etwa Sexbücher oder nicht doch eher Literatur? Und dann in der heutigen Zeit, wo sie noch hecheln, wenn Houellebecq mal „F…“ sagt. Alleine in Léautauds, Prousts und anderen Tagebüchern und Briefen würden die Ohren nicht aus dem Glühen herauskommen, wenn es danach ginge.
Miller gegen sein Image des Sex-Schreibers zu verteidigen (nur weil er die etwas "dreckige Seite" daran auftut, was auch bei Houellebecq die kleinen Empörungen auslöst), bin ich mittlerweile auch überdrüssig. Ich meine, selbst in Sexus, Plexus und Nexus, selbst in seinen Romanen, die sich um das Thema drängen, kommt doch zwischen den Situationen immernoch eine millersche Erkenntnis durch, eine philosophische Überlegung? „Der Wendekreis des Krebses“ steht bei mir natürlich über allen anderen Büchern und beinhaltet in meinen Augen den Sex nur nebenbei, vielleicht, weil mein Augenmerk eher auf die mächtigen Perlen dazwischen fällt, doch in jedem seiner Romane wird die Frage nach dem „Warum?, nach dem „Wie?“ laut, nach dem Sinn des Lebens, dem Wunsch nach dem Leben-Wollen . Wenn ich an Miller denke, dann denke ich an Freiheit. Wer den Schimmer nicht wahrnimmt, der versteht scheinbar nicht, über den Sex hinauszusehen, dann ist nicht der Schriftsteller der Sex-Buch-Schreiber, sondern der Leser der Sex-Buch-Reduzierer.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 22.04.2009 19:40 | nach oben springen

#21

RE: Henry Miller

in Die schöne Welt der Bücher 22.04.2009 19:46
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine
der versteht scheinbar nicht, über den Sex hinauszusehen, dann ist nicht der Schriftsteller der Sex-Buch-Schreiber, sondern der Leser der Sex-Buch-Reduzierer.


das ist sehr schön gesagt, sogar lustig

Ich bin ja schon Menschen im Internet begegnet, die schon bei Philipp Roth nur das eine sehen (wollen). Aber solche Leut', haben auch nichts von ihm gelesen und plappern nur nach. Schon der Homerübersetzer Johan Heinrich Voß hat frivoles gedichtet.

Liebe Grüße
mArtinus




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#22

RE: Henry Miller

in Die schöne Welt der Bücher 22.04.2009 20:06
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Ah... danke für den Link, Martinus.
Ja, Roth genau... Selbst bei Palols "Dämmerungen" gibt es eine wirklich heftige Szene, mehr als nur pornographisch, während ich da überlegt habe, ob es der Handlung nun dient oder nicht. Aber, ist das nun meine Entscheidung? Muss ich mich darüber empören? Und macht es das Buch nun schlechter? Ich denke, nicht.
Ich meine, es gibt schließlich auch wirkliche Schundromane, die in schwülstigen Worten irgendetwas umschreiben, was Roth, Miller, Houellebecq und andere mit weniger Worten genauer und wesentlich besser gesagt haben.
So, das musste ja auch mal gesagt werden.

Liebe Grüße
tAxine




Surreale Vorstellungen
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#23

RE: Henry Miller

in Die schöne Welt der Bücher 22.04.2009 20:19
von Martinus • 3.194 Beiträge
Um wieder auf unser Buch zurückzukommen, Miller entwickelt so manch schöne Umschreibungen, wenn er Menschen betrachtet, so die Szene (bei mitr auf Seite 83, rororo, 1965) mit dem kleinen rothaarigen Mädchen, welche er unterhalb der Akropolis beobachtet. Der Blick nicht einfach begrenz fixiert, sondern Miller erkennt die Einzigartigkeit des Mädchens, die alles vereint ("Kind, Jungfrau, Engel, Verführerin, Pristerin Hure Prophetin in einem.")

Ähnlich weit ist Millers Blick, als er eine hässlichen alten Frau erblickt, die im Schlamm steht und am Brunnen Wäsche wäscht. Hier ist nicht hässlich einfach hässlich, sondern
In Antwort auf:

..es gibt verschiedene Arten von Hässlichkeit, und die ihre war anziehend.
Selbst in diesem "Monstrum" erkennt Miller

In Antwort auf:
diese unersättliche Lust nach Schönheit, Leidenschaft, Liebe.


In jedem Anblick, etwas schönes einzigartiges zu sehen, und sich freuen, das ist der Blick aus dem Herzen

Liebe Grüße
mArtinus



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zuletzt bearbeitet 22.04.2009 20:20 | nach oben springen

#24

RE: Henry Miller

in Die schöne Welt der Bücher 22.04.2009 20:35
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Auch schön die Szene mit dem weinenden Jungen auf dem blutdurchtränkten Boden von Mykenä, der nicht in das Bild passt, der wegen drei Drachmen weint, die ihm seine Schwester gestohlen hat, wobei Miller bemerkt:
Das Wort Geld war mir noch nie so unsinnig erschienen.
An so einem Ort wirkt die moderne Welt unecht.
Der Boden vereint auf sich alle Zeiten und im Stein bleibt die Zeit erhalten. (Darum berühre ich ihn immer, weil ich es auch nicht fassen kann, wie alt manche Ausgrabungen sind.)
Seine Beschreibungen all dieser Stätten überschneiden sich stark mit meinen eigenen Erfahrungen. Diese Weite der Landschaft, diese Stille, dieser staubige Boden, über den ab und an Eidechsen dahinflitzen, die noch stehenden Säulen, die riesigen Steine, wo man sich wirklich wie Miller fragt:
"Welch kolossale Mauern, um eine Handvoll Menschen zu schützen."
... diese ganze Atmosphäre scheint bis heute Griechenland auszumachen, zumindest an all den Orten, an denen ich bereits war. Werde wohl bald mal einen Abstecher nach Epidauros machen müssen.

Na gut, dann lese ich mich mal weiter zu dir vor.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 22.04.2009 20:41 | nach oben springen

#25

RE: Henry Miller

in Die schöne Welt der Bücher 23.04.2009 16:07
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Diese Wut, die Miller auf all die empfindet, die zurück auf ihre umzäunten Grundstücke und in ihre zivilisierten Obstgärten wollen, ist nachvollziehbar, wo er seine innere Friedens-Erfahrung gemacht hat. Das karge Land, die staubigen Straßen, die Troglodyten, die Amerika bewundern, die ihn auslachen, weil er arm ist und in einem armen Land glücklich, führen ihn in eine heftige Debatte mit sich selbst, die durch die Zeilen durchschimmert. Es war nur eine Frage der Zeit, nachdem er zwischen den dumpfen Gesprächen, den Krampf des Intellektuellenkreises, dem Zwang, ein Amerikaner zu sein und als solch einer auch zu gelten, ständig inmitten des Lobs auf dieses Land sitzt, dem er so unabdingbar entkommen will, bis das Fass zum Überlaufen voll war, dass er explodiert und seinen ganzen ohnmächtigen Schmerz über die Blindheit der Menschen an Madame auslädt, ein Aufschrei: Seht ihr nicht, wonach ihr euch sehnt? Nach dem handgebleichten Himmel und den vertrauten Friedhofsmauern. Ihr seid Gefangene, lebendige Tote, blind für alle Schönheit, für das Sein. Ihr verschwendet eure Gedanken an das oberflächliche Schmücken eurer Leichname, sehnt euch nach dem Durchschnitt an Lebensqualität, wo alles für euch offen liegen könnte.

Und, er hat es auf den Punkt gebracht, als er sagt:
Zitat von Miller
Denken ist höchstens eine geistige Spekulation, ein Zeitvertreib, so wie die Maschine es genießt, wenn sie Funken sprüht. Gott hat alles im voraus bedacht. Wir brauchen keine Probleme zu lösen, es ist alles für uns gelöst worden. Wir müssen nur zerschmelzen, uns auflösen, um in der Lösung zu baden.

Na gut, lassen wir Gott aus dem Spiel, vertrauen wir einfach auf das Leben, aber das ist wahr: in Griechenland denkt man wenig. Es ergibt weniger Sinn, der Denkprozess erstarrt in einer gewissen Art und Weise.

Miller erwähnt sehr oft seinen Freund Durrell. Da fällt mir ein, gibt es einen schönen Briefwechsel zwischen den beiden.
Ich muss sagen, ich bin wieder richtig gierig nach Miller-Lesestoff. Werde danach sofort in "Big Sur" tauchen.

Liebe Grüße
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 23.04.2009 16:09 | nach oben springen

#26

RE: Henry Miller

in Die schöne Welt der Bücher 23.04.2009 18:14
von Martinus • 3.194 Beiträge
Zitat von Taxine
...die Troglodyten, die Amerika bewundern, die ihn auslachen, weil er arm ist und in einem armen Land glücklich, führen ihn in eine heftige Debatte mit sich selbst, die durch die Zeilen durchschimmert.


auch hier merkt, dass er von dem Gerede um des Reichseins überdrüssig ist:
In Antwort auf:

Er lachte. "Griechenland sehr armes Land, wie? Kein Geld. Amerika reich. jeder haben Geld dort, wie?" Um ihm eine Freude zu machen, sagte ich ja. Er wandte sich nun den anderen zu und erklärte, daß ich einer Meinung mit ihm sei: Amerika sei ein reiches Land, jedermann sei reich, habe haufenweise Geld. "Wie lange du bleiben in Griechenland?" fragte er. "Ein bis zwei Jahre" antwortete ich. Wieder lachte er, als sei ich ein Idiot. "Was dein Geschäft?" Ich erklärte ihm, ich habe kein Geschäft. "Du Millionär?" Ich antwortete, ich sei sehr arm. Nun lachte er noch mehr....."


Miller sagt über die Minoer:

In Antwort auf:
Knossos spiegelt in allem, was von ihm erhalten ist, die Pracht und die Kraft un den Überfluß eines mächtigen friedlichen Volkes wieder. Es ist lebenslustig - lebenslustig, gesund, heilsam.


Größtenteils stimmt das auch. Henry Miller konnte aber nicht ahnen, das später einmal der griechische Ärchäologe Jannis Sakellarakis unweit von Knosses, bei Archanes, einen Tempel ausgrub (der minoische Tempel von Anemospilia), in dem die Minoer einer Gottheit ein Menschenopfer darbrachten.

Aber was, wenn wir dieses Vorkommnis aus der Sicht der Minoer betrachten? Die Kultausübung in dem Tempel gehörte ja zu ihrer Kultur. Wir können nach über dreitausend Jahren ein Volk deswegen aber nicht verurteilen. Die Menschen damals dachten völlig anders als wir heute. Interessant ist, das Miller den Einfluß Ägyptens erspürt. Es gab damals tatsächlich Handelsbeziehungen zwischen Kretern und Ägyptern.

Peter Warren entdeckte in zwei Räumen in Knossos hunderte von Menschenknochen von Kindern zwischen 10-15 Jahren (evtl. ein Hinweis auf Anthropophagie).

Liebe Grüße
mArtinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 23.04.2009 18:29 | nach oben springen

#27

RE: Henry Miller

in Die schöne Welt der Bücher 23.04.2009 18:42
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Interessantes Hintergrundwissen, lieber Martinus. Ich habe mir auch gerade Phaistos genauer angesehen. Diese Szene, als der alte Mann, den er dort in seiner Einsiedlerei besucht, anfängt zu weinen, als Miller gehen muss - ich sach dir - ich hätt's nicht über das Herz gebracht, mich hätte er voll in der Hand gehabt, ich wäre geblieben - wer weiß, wie lange. Da glutete mir das Herz bei der Vorstellung, dass er dort oben ganz alleine in seiner Hütte auf Menschen hofft. Auch lustig, dass Miller sogar einen Bekannten in seinem Gästebuch entdeckt...

Die Erinnerung an die versehentlich falsche Kinovorstellung mit den Gräuelszenen von der Zerstörung in Shanghai und die Reaktion der Franzosen war auch erschreckend, wo sich das Publikum in zwei Empörungsausbrüche teilt: die Wut der Gerechten und die Wut der Tugendhaften, wobei die Tugendhaften dann nur entsetzt sind, dass sie so einen Anblick ertragen müssen, wo sie sich bequem in ihre Sessel zurückgelehnt haben, um einen ganz anderen Film vorzufinden. Die "garstige Wirklichkeit" stört den gemütlichen Abend.
Zitat von Miller
Und solange Menschen dasitzen und mit gefalteten Händen zuschauen können, wie ihre Mitmenschen gefoltert und gemordet werden, so lange wird die Kultur purer Hohn sein, ein wortreiches Phantom, das wie eine Fata Morgana über einem von hingemordeten Leichen angeschwollenen Meer schwebt.


Genauso ist es mit de Gerechtigkeit, der Gesetzmäßigkeit, dem Menschenrecht: all das wurde theoretisch verfasst und auf Papier festgehalten, hat aber in der Wirklichkeit, wenn es „die Situation erfordert“ keinerlei Relevanz. Korruption, Mord, Unrecht herrscht überall, als wäre es das Natürlichste von der Welt, mal davon abgesehen, dass es viele Menschen gibt, die vor den Schreckensbildern ihrer Fernsehbildschirme seelenruhig aus der Chipstüte essen, ohne die Mimik zu verziehen...



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 23.04.2009 18:57 | nach oben springen

#28

RE: Henry Miller

in Die schöne Welt der Bücher 23.04.2009 20:17
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Bei mir auf Seite 144:

Miller und Katsimbalis:
... langweilen uns zu Tode in Saloniki...

Ja, ja, geht mir manchmal auch so, besonders, wenn das Wetter etwas trüber ist:



Dann geh ich heim und sitz herum und blicke über die Dächer, bis es wieder schön ist:





Und dann die Erfahrungen mit den zwei Gauner-Typen, die er durchschaut und von sich weist, während ein weiterer dann auf gut Glück um etwas mehr Geld bittet, um seine Hotelrechnung zu zahlen, wobei ihm Miller bereitwillig die genannte Summe in die Hände drückt, dass er erstaunt zurückbleibt:
Zitat von Miller
"Bittet, so wird euch gegeben!" hat unser Herr und Heiland Jesus Christus gesagt. "Bittet!" wohlgemerkt. Weder verlangen, noch betteln, nicht belästigen oder schmeicheln. Sehr einfach, dachte ich, fast zu einfach.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 23.04.2009 20:39 | nach oben springen

#29

RE: Henry Miller

in Die schöne Welt der Bücher 23.04.2009 21:35
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo Taxine,

oh, da wohnst du, schön. Ich habe ja auch eine größere Sammlung von Griechenland-Dias. Die besten davon möchte ich irgendwann mal digitalisieren. In den minoischen Palastanlagen habe ich fast jeden Stein umgedreht. Ich habe noch die Broschüren von Knossos, Phaistos, Malia, Kato Zakros. Herakleion ist wegen der großen Betriebsamkeit und Auto/Motoradlärm nicht sooo schön. Miller fand es ja nicht so toll - trotzdem hat es seinen Reiz, finde ich. Es ist wie Athen en miniature. Dass die Stadt abrupt aufhört, wie Miller schreibt, stimmt heute noch. Hinter der alten Stadtmauer beginnt die weite Landschaft. Und wenn man auf der Stadtmauer steht, neben dem Grab von Kazantzakis, dann erblickt man den Jouchtas, ein Berg, mit der Form des schlafenden Zeus. Am nördlichen Berghang liegt der Tempel mit dem Menschenopfer. Ich war so verrückt, und bin dort hingegangen. Dort pfiff der Wind mir um die Ohren, ich dachte manchmal, ich höre eine Stimme. Vielleicht war ja Zeus gerade aufgewacht.

Ein schönes Griechenlandbekenntnis von Henry Miller gehört hier unbedingt noch hinein:

Zitat von Henry Miller
"Ja, ich bin so verrückt zu glauben, daß der Mensch, der die wenigsten Bedürfnisse hat, der glücklichste ist. Und ich glaube auch, daß, wenn man ein solches Licht hat wir ihr hier, alle Häßlichkeit verschwindet. Seit ich in eurem Land bin, weiß ich, daß das Licht heilig ist. Griechenland ist für mich ein heiliges Land."


mArtinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 23.04.2009 21:38 | nach oben springen

#30

RE: Henry Miller

in Die schöne Welt der Bücher 24.04.2009 17:10
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Toll, du warst schon in Phaistos, überhaupt auf Kreta. Das geht nicht mehr aus dem Gedächtnis, was?

Dem Zeus bin ich auch begegnet, als ich in Dion durch die Ausgrabungen geschlendert bin. Da gucke ich auf den Olymp und denke, ich sehe nicht recht. Einer der Gipfel war irgendwie verdoppelt, wie eine optische Täuschung, als würde ich auf ein Bild gucken, auf dem die Bergspitze verwackelt aufgenommen wurde. Das war irgendwie seltsam, bestimmt von Zeus kreiert...

Aus dem Buch kann man wirklich ewiglich zitieren:
Zitat von Miller
Die Welt, die mit Delphi dahinging, erlosch, wie man im Schlafe stirbt. So ist es auch heute. Sieg und Niederlagen sind ohne Bedeutung im Licht des Rades, das sich unaufhörlich dreht. Wir bewegen uns einer neuen Geistesebene zu, und nach tausend Jahren werden die Menschen über unsere Blindheit, unsere Gefühllosigkeit, unsere träge Fügung in eine Ordnung, die zum Untergang verdammt war, staunen.


Ja, es sei denn, die Menschen sind selbst Teil dieser Fügung in eine Ordnung, dann wird sie gar nichts erstaunen, weil sie selbst so handeln.
Das ist eben das, was einem oft bewusst wird: Man sagt sich: Warum haben die Menschen damals nicht so und so reagiert? – dabei machen wir nichts anderes. Wir reagieren auch nicht.

Auch der Vergleich mit Griechenland und dem Rest der Welt (Amerika, Europa usw.) zeigt:
Zitat von Miller
Indem das Christentum die seelische Beschaffenheit des Menschen betonte, gelang es ihm lediglich, den Menschen zu entkörperlichen; nur im Engel vereinen sich die Geschlechter zu dem erhabenen geistigen Wesen, das der Mensch in seiner Essenz ist. Die Griechen hingegen verliehen allem einen Körper und verkörperten und verewigten somit den Geist. In Griechenland wird man immerwährend von dem Gefühl der Ewigkeit erfüllt, das sich im Hier und Jetzt ausdrückt; sowie man in die abendländische Welt zurückkehrt, ob nach Europa oder Amerika, wird dieses Gefühl des Körpers, der Ewigkeit, des fleischgewordenen Geistes zerstört.


Das fällt mir immer auf, wenn inmitten der Moderne die Ausgrabungen liegen, wobei sie Teil der Vergangenheit und gleichzeitig auch Teil der Gegenwart sind, oder, wenn der Bau einer U-Bahn unterbrochen oder auf Eis gelegt wird, weil sich darunter schon wieder ein neues Mosaik oder eine alte Stätte aufgetan hat.
Oder die Kapellen, die teilweise tief im Boden liegen, woran man erkennt, wieviel neuer Beton dazugekommen ist oder um die die Straßen herumgebaut wurden, was dann, wenn man fährt, wirkt, als würde die Kapelle mitten auf der Straße stehen. Alles ist alte und neue Welt, in der jetzigen Zeit vereint, das ermöglicht tatsächlich das Gefühl der Ewigkeit.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 24.04.2009 17:25 | nach oben springen


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