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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#31

RE: Die jungen Wilden...

in An der Literatur orientierte Gedanken 15.02.2010 00:34
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Irgendwie fallen mir gerade mal wieder die vier Bücher-Prinzipien meines geliebten Professors Niewöhner ein:

1. Kaufense keine Taschenbücher!
2. Gehnse in Antiquariate!
3. Gehnse in Bibliotheken!
4. Nehm'se in der Bibliothek oder im Antiquariat nicht nur das Buch mit, das sie eigentlich gesucht haben, sondern auch das, das daneben steht, denn das wird für Sie noch viel wichtiger sein!

Passt zwar nicht ganz in diesen Ordner, aber ich hoffe auf Nachsicht ...




Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
Facebook: http://www.facebook.com/people/Klaus-Mendler/1414151458
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#32

RE: Die jungen Wilden...

in An der Literatur orientierte Gedanken 15.02.2010 06:36
von Patmöser • 1.080 Beiträge

Zitat von Roquairol
meines geliebten Professors Niewöhner ein:




War das der Professor, der so gern Fedin empfahl?

zuletzt bearbeitet 15.02.2010 06:36 | nach oben springen

#33

RE: Die jungen Wilden...

in An der Literatur orientierte Gedanken 15.02.2010 08:13
von Bea • 680 Beiträge

Zitat
Bücher-Prinzipien



Also dieses Prinzip begriff ich spontan als ich in der Uni - Bibliothek war um Wittgensteins Werke zu finden. Meine Äuglein gingen weiter und weiter...




Der Bezug des Menschen zu Orten und durch Orte zu Räumen beruht im Wohnen. Bauen/ Wohnen/ Denken - Heidegger Martin

zuletzt bearbeitet 15.02.2010 11:12 | nach oben springen

#34

RE: Die jungen Wilden...

in An der Literatur orientierte Gedanken 15.02.2010 10:03
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Zitat von Patmöser

Zitat von Roquairol
meines geliebten Professors Niewöhner ein:




War das der Professor, der so gern Fedin empfahl?




Ja, genau ...
Dann hatte er noch einen Lieblingsautor, dessen Namen ich leider vergessen habe, irgendwas mit "Wasser" - Wassermann war's nicht.




Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
Facebook: http://www.facebook.com/people/Klaus-Mendler/1414151458
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#35

RE: Die jungen Wilden...

in An der Literatur orientierte Gedanken 21.02.2010 17:46
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo,

Junge Wilde waren, auch wenn es schon lange her ist, William S. Burroughs und Jack Kerouac. Gemeinsam schrieben sie im Jahre 1945 einen Kriminalroman zwischen Sex und Drogen, und gewähren in diesem Roman Einblicke in das New York der vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Der Roman heißt "Und die Nilpferde kochten in ihren Becken" , Nagel und Kimche Verlag, Zürich 2010.

Von diesen Beat-Autoren muss ich sowieso mal was lesen.

mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 21.02.2010 17:48 | nach oben springen

#36

RE: Die jungen Wilden...

in An der Literatur orientierte Gedanken 21.02.2010 18:02
von Bea • 680 Beiträge

Nilpferde klingt gut...




Der Bezug des Menschen zu Orten und durch Orte zu Räumen beruht im Wohnen. Bauen/ Wohnen/ Denken - Heidegger Martin

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#37

RE: Die jungen Wilden...

in An der Literatur orientierte Gedanken 17.03.2010 16:06
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Nun also der Vergleich von Bernward Vesper's "Die Reise" und Ingvar Ambjörnsen's "Weiße Nigger" - zwei Bücher, die mir beide sehr ans Herz gewachsen sind, wenn auch völlig unterschiedlich.

Zunächst ein intensiverer Blick auf Vesper.

Wer Haare abschneiden will, will im Grunde Köpfe abschneiden.

Vesper betont in Hinblick auf sein Manuskript: Dies ist kein Buch, dahinter steht ein Mensch. Es hat nichts mit Kunst oder Literatur zu tun – Ich bin darauf angewiesen, die Spitzen der Eisberge wahrzunehmen. Es interessiert mich nicht, ob sich jemand durchfindet … und letztendlich wird es wahrscheinlich nur einen einzigen Leser haben: seinen Sohn Felix, den er mit Gudrun Ensslin bekommt.

Interessant finde ich, was für ein kaputter Typ aus der sogenannten „heilen Welt“ meiner Jugend herausgekommen ist – wird man das als Beweis gelten lassen?
„Die Reise“ – ein wahrlich erschütterndes Buch über Aufstieg und Fall, LSD und Rebellion, ein Buch und dann doch kein Buch, and the Titel of the book will be HATE.
So zumindest heißt es noch am Anfang.

Zitat von Vesper
E = Erfahrung * Hass² Das ist unsere Einsteinsche Formel … Die Formel unserer Krankheit und unserer Exzentrizität. Sie wird Zerstörungen zur Folge haben, gegen die Nagasaki und Hiroshima lächerlich erscheinen. Aber ich weiß, dass der Weg, den sie anzeigt, zu unserer Erlösung führt.



Doch mit den weiter geblätterten Seiten im Buch und der Entwicklung Vespers selbst ändert sich diese Einstellung nach und nach.

Ein erstaunliches Durcheinander von Ausschnitten, Eindrücken, Gedanken, Drogenerfahrungen, Ansichten, und unter der Bezeichnung - Einfacher Bericht - verarbeitet Bernward Vesper, der Sohn des Nazi-Dichters Will Vesper, sein Leben, seine Abhängigkeit und Verherrlichung des Vaters, um sich dann durch die Kriegsgeschehen und Selbstentwicklung ganz langsam von ihm zu lösen, in ihm endlich das „Knochenmännchen“ zu erkennen (als den endlich besiegten Riesenschatten, der ihn durch das Schreiben an seinem Buch immer wieder neu heimsucht), um über das alles hinaus mit seiner Generation den (linken) Kampf gegen Abhängigkeit und Ausbeutung durch das Regime aufzunehmen, gegen das verätzende „Hitler in mir“, als Kind all diese Kinder der Nachkriegszeit, die sich gegen ihr Erbe wehren und auflehnen, was bald schon über die antiautoritären Bewegungen und Generationskonflikte zum blutigen Ernst gerät, dass Kinder und Erwachsene, wie Vesper erkennt, auf einmal den gleichen Kampf führen.
Und obwohl er betont: Ich interessiere mich ausschließlich für mich und meine Geschichte und meine Möglichkeit, sie wahrzunehmen. - wächst all das bruchstückhaft zu einem ganzen und doch nicht vollendeten Zeitdokument heran, Wörter, Gedanken, Reflexionen, die eine oder andere Zeichnung, der Vater als Über-Vater und abgründiges Schuldgefühl, die Mutter, „die Proletarierin“, die eiskalt bleibt, als der Vater nach dem Schlaganfall langsam erstickt, die Trennung von seiner Freundin Gudrun, das daran nicht Überwundene, die Sehnsucht nach Freiheit und Sex, die Welt in ihrem Wandel, die Zeit der Rebellionen und Aufstände, die Bewusstseinserweiterungen und das dadurch Öffnen der Seelen, und vor allen Dingen immer eine Rückkehr in sein Inneres, dieser Kosmos, der so schwer nach außen zu tragen ist und durch seine Begabung so intensiv und mühselig ins Bild gesetzt wurde, bis zu seiner letzten Reise, die keiner vorhergesehen hatte, seinem Selbstmord.

Für den Leser ist es, als ob er hier direkt an diesem Leben teilnimmt, vielleicht durch die Schreibeweise des Zusammengestückelten, das Nichtlineare darin, geteilt in normale und kursive Schrift, Realität und Rausch, durchsetzt mit funkelnden Nebenbemerkungen

Zitat von Vesper
Hat man je einen Mann an den Zaun treten sehn: „Guten Morgen, Herr Nachbar, haben Sie gut gefickt?“ – Nie. Hier ist der Mensch der Wolf. Sie lauern sich auf, hinter Gardinen, angelehnten Haustüren, um die mörderische Zeremonie der Begrüßung einzufädeln, das tödliche Nichtgrüßen.


… oder Gedanken zur Literatur (Cervantes, Hamsun, Wolfe und Rowohlt (besoffen unter dem Tisch) Pavese, Bouroughs und viele andere, bishin zu tatsächlichen Auftritten von Martin Walser und Günter Grass (als schmierige Anpasser)) diese ganze Entwicklung Vespers darin, endend mit den letzten Aufzeichnungen vor seinem Tod. Da trifft man auf seine geordneten wie auch auf seine chaotischen Gedanken, auf die Erfindungen und Realitäten.

Kinder, Maler, Dichter: sie haben doch schon lange gewusst, dass die Pferde blau sind und die Löwen Flügel haben, dass das Weltall lebt.

Ein wirklich gewaltiges Ich ist da entstanden, das mit den Zeilen langsam in den Wahnsinn kippt, am Ende als fixe Idee von diesem einmaligen Buch träumt, bis Bernward Vesper schließlich, weil er eine Bekannte bedroht und ihr Wohnzimmer demoliert, danach nackt auf die Straße rennt, in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird. Zuvor begann er bereits Botschaften aus Rundfunk und Fernsehen zu empfangen, die ihm so unerträglich waren, dass er anfing, die Apparate zu zerstören, von denen er sich bedroht fühlte. Ein Freund von ihm, Günter Amendt, sagte allerdings, dass die Botschaften gar nicht so absurd gewesen wären, denn sie spiegelten lediglich die alltägliche Gewalttätigkeit der Medien wider.

Die letzten Seiten sind zerrissen, von größenwahnsinnigen Forderungen an den März-Verlag überwuchert, Restgedanken von dort - diesem anderen Ort -, der ihn dann wohl auch das Leben kostete.
1971 nimmt Vesper sich durch Schlaftabletten das Leben und hinterlässt diesen Nachlass, den mehrere Jahre keiner lesen konnte, bis ihn der Inhaber des März-Verlags (Schröder) wieder aus seinem Keller hervorkramt und veröffentlicht, bald erweitert durch Zusatzgedanken, Weggelassenes, in Klammern Gesetztes und Rand-Notiertes. 1980 steht dann erstmals die Ausgabe „aus letzter Hand“ zur Verfügung, die Gesamt-Hinterlassenschaft.

Nie ist Vesper so weit gegangen wie seine ehemalige Verlobte Gudrun Ensslin. Nie war er so linksradikal, vielleicht nur dadurch, dass er sich um das Kind kümmern musste und eher Randzeuge dieser Auswirkungen war. Er brachte ein paar eigene Essays und Gedanken, Bücher der linken Bewegung, die Briefe Dutschkes in einem eigenen Verlag heraus, der sich aber nicht halten konnte, war bei den Studentenbewegungen und den Kommunen dabei, ging aber nie in den Untergrund. Als Gudrun dann wegen der Brandstiftung mehrerer Kaufhäuser, zusammen mit Baader, Söhnlein und Proll verhaftet und für drei Jahre ins Gefängnis kommt, zieht er ihren gemeinsamen Sohn Felix auf, der ihm Last und Liebe ist. Im Rausch, mit dem als „Trip“ auch das Buch beginnt, den er zusammen mit einem amerikanischen Juden (nicht umsonst) nimmt und erlebt, stellt er fest, dass sein Sohn seine „kleine Sonne“ ist, doch ist er unfähig, es jemandem mitzuteilen. Diese Sprachlosigkeit ist bewegend und fasst zusammen, was ihn quält und bewegt, diese ganze Verzweiflung seines Erbes, die Szenen „Vater“ und dessen Judenhass, den er zu verstehen versucht (bis er feststellt: auch er ist ein Opfer seiner Zeit, wie Vesper das Produkt seiner Zeit ist) und dann mit Argumenten gegen den Vater zu bekämpfen versucht, als fremdes schlechtes Gewissen, für das er sich beständig verteidigen muss, als ausufernde Hass-Liebe (die Liebe zum Vater, den Hass auf diese bestialische Zeit und all der übernommenen Ansichten) das ihn so quälende Wissen eines Weiter-Seins ehemaliger Nazis in der Gesellschaft, die ihre Kinder immernoch zu gleichartigen Zombies erziehen will, die immernoch herrschen und ihre Machtansprüche in andersartige politische und ideologische Formen presst.
Gerade in der Erziehung seines Sohnes, die natürlich antiautoritär erfolgt, in einer Kommune, verteidigt gegen den Zwang all der „Helfershelfer der Nachfolger Hitlers“, wird diese Zerrissenheit sichtbar. Auch Vesper ist nun Vater, hier entsteht eine neue Vater-Sohn-Bindung, die jedoch völlig ohne die Mutter verläuft. Diese opfert ihn für die Untergrundbewegung. Dem gegenüber steht wiederum Vespers Liebe zur Ensslin, die ihn für Baader verlässt, eine Liebe, die er zeitweise sogar auf ihre 14 jährige Schwester projiziert.

Vesper wird so sichtbar, dass der Leser nicht umhin kann, sein Leben mit seiner Zeit zu vermischen und jenes innere Leid zu bedauern, das ihn so früh dahinraffte, überhaupt diese Zeit zu betrachten, die so viel Auf- und Ausbruch von Gewalt; Hass auf diese „volksmörderischen Roboterpolizisten“ und Wunsch nach Freiheit und Veränderung nach sich zog, nach den Beweggründen und Auslösern zu fragen, um hinter all diesem Zorn der „Gefangenen des Systems“ auch die Menschen zu erkennen, aus denen all das hervorging, die hinter diesem Schutzpanzer des Terrors nackte Kreaturen im Kampf mit sich und der Welt waren.
Die einen starben dafür, die anderen töteten, wiederum andere zerfielen einfach in Drogensucht und Betäubung, während sie dachten, der „selbstgepflanzte Irrgarten, der ihnen aus den Köpfen wuchs“ (Vespers geniale Formulierung) wäre die psychedelisch kosmische Unendlichkeit aller Erkenntnis.

Letztlich ist das Buch all das. Zusammengesetzt aus Fiktion, Autobiographie und purem Realismus. Gelesen wirkt es nach, zu ordnen bleibt, auch ohne das Manuskript vor Augen zu haben, Wort für Wort, Sinn für Sinn und Unsinn für Unsinn.

Zitat von Vesper
… Je länger wir schreiben, desto mehr entfernen wir uns, je mehr wir teilnehmen an den täglichen Kämpfen, umso weniger drängt es uns, zu schreiben…, werden wir unweigerlich über Zeile, Seite, Buch hinausgetrieben aus der Wüste der Worte …, bis wir an den Rand (des Meeres?) kommen.




Dagegen wirkt Ambjörnsen’s „Weiße Nigger“ (ein guter, wenn auch nicht so guter Roman wie „Saron’s Haut“) wie eine Verharmlosung all der Aussteiger, die inmitten ihrer Drogen, Saufereien und Perspektivlosigkeit fast schon höflich miteinander umgehen. Das ist natürlich leicht übertrieben, denn Höflichkeit gibt es in solch einem Straßenmilieu wohl kaum. Hat man „Die Reise“ gelesen und taucht darauf mitten in das Oslo-Geschehen eines Ambjörnsen, so scheint der vibrierende Wirklichkeitsfetzen der Sechziger und Siebziger sich über die Jahre gewandelt zu haben, zum überlebten und schon krankhaft schmutzigen, aus den Anfangen ins Nichts gegossenen Rest zusammengesackt, wie eine schillernde Seifenblase, die an der Realität zerplatzt ist.
Die Rebellion und das Psychedelische der vom System Gefangenen, in ihren Illusionen behafteten Menschen (Vesper in seiner Zerrissenheit zwischen den Ereignissen und dem eigenen Kampf, schrieb in seinem beginnenden Wahn nachher auch eine „Botschaft der Weltbefreiungsfront an die Völker der Welt“, in der er forderte: Die Waffen nieder die Waffen nieder die Waffen nieder – am Anfang war das Wort, Tat steht am Ende – es lebe die Menschheit!) endet (durch „Weiße Nigger“ schön deutlich gezeichnet) in der Besetzung von Häusern, dem Straßenstrich, im Punk ohne Botschaft, im Leben ausgemergelter Junkies und drogenabhängiger Transvestiten, die ihren Körper nicht für den Kampf gegen das System, sondern für einen erbärmlichen Joint und einer für den Augenblick wärmenden Rückbank eines Autos verkaufen.
Da leuchtet der Tunnel, durch den die rebellierenden und sich nach allen Freiheiten sehnenden Menschen flogen, an die Grenzen des Selbst getrieben von Leary und seiner Bewusstseinsweitung, um sich im Dunkel schließlich zu verlieren und auf der anderen Seite abhängig und kaputt wieder hervorzukommen.
So viel Tod, so viele Drogen, so viel Wahnsinn, zurück bleibt die nächste Generation in der Nachahmung ohne Hintergrund, ohne Aussage, ohne Willen, dem reinen Überlebensrausch und – kampf zugeneigt, der die Gleichgültigkeit zur angenehmen Gleichgültigkeit umwandelt. Da treffen die Worte des Protagonisten Erling Haefs, der Züge von Ambjörnsen selbst trägt, der viele Jahre in psychiatrischen Anstalten und Alkoholikerheimen arbeitete und (in „Saron’s Haut“ natürlich viel besser und ausgefeilter) diese von Vesper geprägte Drogen als subversive Bewussteins-Treibstoff-Erfahrung in Text umwandelt, dem sich der Leser wie ein Sog gegenübergestellt sieht (um so wirklich nachvollziehen zu können), völlig ins Schwarze, wenn er sagt:

Zitat von Ambjörnsen
Früher hatten wir den Tod in hohem Tempo gesehen, ein schwarzes Pferd, das durch die Blumenwiese pflügte, dass Löwenzahn und Margeriten nur so flogen. Man starb an einem schnellen Schuss, Blei oder Heroin, man fuhr sich im Suff zu Tode, fiel im Pillentran um und erfror in einer Hintergasse. Was mich jetzt quälte, war, dass der Tod nun anfing, uns auf „natürlichem“ Wege zu holen…



Die Wut ist eine andere geworden, eher ist es der gleichgültige Drang, das Leben irgendwie hinter sich zu bringen, leben, so lange es geht, das Trostlose mit dem Leben gleichzusetzen, bis sich der Protagonist versucht, daraus zu befreien. „Weiße Nigger“ ist daher auch eine Kritik an den selbstmörderischen Ritualen der Subkultur, während sich bei Vesper noch die Frage stellt, wie eine ganze Generation in so viel Zorn und Hass geriet, dass sie sogar zu den Waffen griff. Ambjörnsen’s Roman verkörpert die Nachgeburt dieser Entwicklung, wo Drogen zuvor noch einem „höheren Ziel“ dienten, zeigt er die Auswirkungen in Zerfall, gähnende Langweile, Prostitution und Flucht in Rausch und letztendlich Tod.

Zitat von Ambjörnsen
Und ich dachte, als ich dort saß, dass die großen Städte auf eine Weise dieselbe Dynamik in sich haben wie die wilde Natur. Menschen knospen, verrotten langsam zwischen Betonwänden, neugebauten Glaspalästen und Armenvierteln.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 17.03.2010 18:12 | nach oben springen

#38

RE: Die jungen Wilden...

in An der Literatur orientierte Gedanken 31.03.2010 21:08
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Interessant zu diesem Thema ist auch die Stimmung der Sechziger, Siebziger in Deutschland. So heißt es bei Stefan Aust:

Zitat von Aust
Mit dem „American Way of Life“ war auch sein Widerspruch in Westeuropa angekommen: der Protest gegen Wohlstand, Überfluss und Konformismus. „On the Road“ – „Unterwegs“ – war der Titel eines Buches von Jack Kerouac, das erst in den USA und bald auch in Westeuropa zum Kultbuch wurde.
Die wesentlichen Grundzüge der späteren Jugendrevolte, der Protestbewegung, der Studenten-Rebellion, der neuen sozialen Bewegungen klangen in den Manifesten der Beat-Generation an. Im Mittelpunkt der Ablehnung stand die bedrohliche Möglichkeit der atomaren Selbstzerstörung, die anti-kommunistische Hexenjagd der McCarthy-Ära, die Konsumideologie, Profitgier und Eigennutz: „Wo Millionen einander auf der Jagd nach Dollars drängen und stoßen: raffend, grabschend, gebend, seufzend, sterbend, in einem verrückten Traum.“
Der Konsens der Nachkriegsgesellschaft leuchtete ihnen nicht mehr ein, „dass man Produziertes verbrauchen soll und daher arbeiten muss, um überhaupt konsumieren zu dürfen, das ganze Zeug, das sie eigentlich nicht wollten … alle gefangen in einem System von Arbeit, Produktion, Verbrauch, Arbeit, Produktion, Verbrauch“. (Kerouac)


(Aust "Der Baader Meinhof Komplex")

(NB: Das Niederschießen von Benno Ohnesorg durch einen Polizisten, der nicht angeklagt wurde, erinnert leicht an den Auslöser der griechischen Krawalle.)

Eine heftige Zeit, dieses Damals, alles wurde politisch und radikal und verheerend, kroch aus der Kunst und wurde Ernst. Auf den Straßen verbrannten Künstler ihre Bilder und "machten Kommune".
Und dahinter auch die Hinterfragung (die bis heute im Kopf kreist): Was soll Kunst schon bewirken, die versucht, Mißstände aufzudecken oder ins Bild zu setzen, als genau das zu verhöhnen, was sie anprangert, alleine dadurch, dass der Inhalt lediglich ästhetisiert (wird), die gläserne Wand zur Wirklichkeit erbaut?

(Wim Wenders in "Lisbon Story" wusste darauf eine schöne Antwort! )




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 31.03.2010 21:42 | nach oben springen

#39

RE: Die jungen Wilden...

in An der Literatur orientierte Gedanken 24.05.2010 15:59
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Einer meiner Lieblings-Wilden ist (oder leider war, denn er kam bei einem Autounfall ums Leben) nun Jörg Fauser.
"Rohstoff", ein Roman, der autobiographisch von der Schwierigkeit des Schreibens berichtet.
Ich ahnte, dass ich es damit schwer haben würde, aber niemand kam als Schriftsteller zur Welt. Schriftsteller wurde man.
Harry Gelb, der Protagonist, beginnt seine Geschichte in Istanbul, wo er "etwas oberhalb der Blauen Moschee" lebt und sich als Junkie durchschlägt. Er lebt mit einem Maler, und beide träumen sie von der noch zu überschreitenden Grenze des Erfolges. Um der Kälte zu entkommen, der scheinheiligen Love-Peace-Bewegung mit Horden an Hippies aus aller Welt, die zu betteln anfingen, "sie stahlen und betrogen ohne jedes Raffinement, sie droschen Phrasen und brachten in kürzester Zeit den allgemeinen Umgangston auf ein erbärmliches Niveau herab", kehrt Gelb nach Deutschland zurück, wo gerade die Protestbewegung der Kommunen und Studenten aufkommt. LSD verkündet den neuen Traum und Gewalt scheint die Lösung.
Fauser weist explizit auf den Trug der neuen Bewegung hin, das Weiten des Bewusstseins über alle Realität hinaus.
In diesem Sommer waren Drogen billiger als Bücher, es sei denn, man schrieb sie selbst.
Während er seinen ersten Roman verfasst hat, dabei mit verschiedenen, damals angesagten Richtungen konfrontiert wird: so solltest du schreiben, um... , Cut-up, Drogenexperiment, Nonsens, hagelt es Absagen über Absagen. Ein Leben in Ablenkung, Frust, Rausch und neu genährter Hoffnung.
Ich war schließlich Schriftsteller, auch wenn das noch kein Verlag amtlich gemacht hatte.
Harry Gelb legt keinen Wert auf Sicherheit, macht verschiedenste Jobs, trifft sogar für ein Interview Burroughs, um von ihm zu erfahren, wie er es geschafft hat, seine Sucht zu überwinden.
Niederlagen in Liebe und Arbeit, Ausbeutung - das Los des freien Mitarbeiters, der einen Artikel schreibt, für den er 7, 80 Mark erhält -, das immer wieder Aufrechterhalten seiner selbst, die Begegnung mit einem wahren Revoluzzer, der ihm klar macht, was Revolution bedeutet oder überhaupt das Leben für seinen Traum. Ein Grieche namens Dimitri, der bei einer Hausbesetzung weise feststellt:

"Du wirst sehn (...), bald holen sie ihre Bücher und Möbel und richten sich häuslich ein. Dann kommen die Stundenpläne an die Wand und die Mao-Poster, dann kommt die Stereoanlage, und dann die Freundinnen und die Schwestern und die Eltern auf Besuch. Die Teppiche, die Topfpflanzen, die Gesammelten Werke von Enver Hodscha, das gemütliche Heim. Das sind Leute, die alles wollen, Bourgeoisie und Boheme, Karriere und Revolution. Kannst du mir sagen, wie das geht? Ha", sagte er und packte sein Brot in eine Plastiktüte, "jeder Revolutionär müsste doch wissen, wenn das System dir etwas zugesteht, musst du es zerstören und darfst es dir nicht gemütlich machen. Das wollen Revolutionäre sein? Das sind die neuen Sozialdemokraten."
Man kann nicht beides erwarten, auf die Straße gehen und sich trotzdem nach den gemütlichen vier Wänden sehnen. Wenn man für die Revolte ist, dann muss man auch bereit sein, a l l e s über den Haufen zu werfen.

Für Gelb gilt: Die Geschichte wiederholt sich nicht, und ein Leben kann verdammt lang werden, wenn man nur auf Niederlagen zurückblickt.
Das heißt: machen. Und nie aufgeben.

Fauser wird als deutscher Bukowski angesehen, aber das ist Blödsinn. Fauser ist Fauser. Ganz einmalig, wie es sich gehört.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 24.05.2010 16:24 | nach oben springen

#40

RE: Die jungen Wilden...

in An der Literatur orientierte Gedanken 24.05.2010 23:57
von LX.C • 2.666 Beiträge

Zitat von LX.C
Der Mensch braucht eine Aufgabe und Taxine hat sie gestellt. Popliteraten der 60er/70er mit denen der 90er zu vergleichen wäre bei zu großer Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse doch schon wieder ein unerwünscht diachroner Vergleich.
Ich werde also Paradebeispiele der Popliteratur der 60er/70er Jahre aufs Korn nehmen:

Rolf Dieter Brinkmann "Keiner weiß mehr" (1968)
Hubert Fichte "Die Palette" (1968)
Elfriede Jelinek "wir sind lockvögel, baby" (1970)


Es dauert seine Zeit, aber ich freu mich drauf



Mein Vorhaben habe ich übrigens aufgegeben. Die Herren und Dame haben mich schon auf den ersten Seiten furchtbar gelangweilt.


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 24.05.2010 23:58 | nach oben springen

#41

RE: Die jungen Wilden...

in An der Literatur orientierte Gedanken 25.05.2010 17:06
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Ich muss sagen, viele fallen mir (im Moment) auch nicht mehr ein. Vielleicht sollte ich ausweiten, über die Kontinente hinaus.
Hubert Selby hat mir damalig ganz gut gefallen.
Burroughs, Kerouac und co...

B. und K. haben scheinbar sogar einen Roman zusammen geschrieben. Siehe hier.

Für diese Art Roman braucht man allerdings immer die richtige Stimmung. Sucht man Tiefe, ist man verloren.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 25.05.2010 17:09 | nach oben springen


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