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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#46

RE: Henry D. Thoreau

in Die schöne Welt der Bücher 20.01.2011 22:28
von Krümel • 499 Beiträge

Zitat von Taxine
Das stimmt, nur ist die Befreiung vom Ego ja gerade die Herausforderung, weil ja Mensch immer Mensch bleibt und kein fiktiv geistiges Gebilde. Und trotzdem gibt es einige wenige, die immer noch ganz Ego sind, jedoch gar nicht wissen, dass sie noch ganz Ego sind. Das sind die, die predigen, ohne auf sich selbst anzuwenden, und die, ja die... die meine ich dann auch.



Die sowieso.

Aber wir sind in der Diskussion meilenweit von Thoreau entfernt. Thoreau schrieb vor 150 Jahren, es ging ihm nicht um GEIST, sondern um Geist, um Verstand. Natürlich hatte er ein Ego, genau wie ich, allerdings war die Devise sein Ego zu überwinden noch fern. Und daran reibt man sich heute, denn er predigt zu Beginn einiges, macht dann eine beachtenswerte Entwicklung durch, bleibt aber leider nicht am Ball.

Ganz zu Beginn galt meine Kritik diesem Verstand, also dem Geist. Eine hochtrabende Gesellschaft in der man nur Hochliteratur im Original als lesen betiteln darf, Schritt um Schritt entwickelt auch Thoreau unbewusst seinen GEIST. Es gibt ganz viele tolle Passagen im Buch, aber auch immer wieder Stellen die mir aufschlugen. Verursacht wird dies durch den riesige Quantensprung, 150 Jahre menschliche Entwicklung ist einfach enorm, heute lesen wir Wilber und wollen unser Ich verbannen. Thoreau pflegt sein Ich, hält Müßiggang und lässt sich von der Natur treiben. Er tut Dinge, die er zuvor bestimmt selber als geistlos empfunden hätte, aber dieses Geistlose gefiel mir, weil ich nach wie vor nicht immer für Geist bin. Und damit meinte ich vorwiegend den Verstand, und die Verstandeswelt, die sowieso meint, immer, etwas besseres zu sein. Es gibt auch GEISTER die auf diesem hohen Ross sitzen, aber weniger.

Und das, ja das, schreibe ich mir hinter die Ohren:

Zitat
Ich glaube da eher, das keiner von uns da etwas richtig macht, weil kein Mensch, nicht ein einziger Mensch, am ende, am wirklichen ende, je etwas falsch gemacht hat.



Das ist wunderbar, ich habe ständig das Gefühl alles falsch zu machen

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#47

RE: Henry D. Thoreau

in Die schöne Welt der Bücher 21.01.2011 17:57
von Taxine • Admin | 6.081 Beiträge

Manche Dinge, die Thoreau sagt, sind aber trotz der 150 Jahre immer noch sehr aktuell, zum Beispiel wenn er verdeutlicht, wie gleichgültig eine Gesellschaft gegenüber ihrer Regierung ist, solange sie nur satt ist, dass diese Regierung dann machen kann, was sie will, auf Kosten des Bürgers und zu seinen Lasten. Auch habe ich noch einmal nachgeschlagen, extra für Martinus, und eine schöne Stelle gefunden, die in Bezug Thoreau-Emerson-Geist-GEIST interessant ist, denn gegen Ende seines Lebens, das nicht besonders lange dauerte, näherte sich Thoreau dann doch in gewisser Weise den Geist - GEIST - Dingen, wenn er in seiner Schrift "Vom Gehen durch die Natur" davon spricht, dass er nur einen Baum besteigen muss, um über die Dinge neu hinausblicken zu können, über die er am Boden gar nicht erst nachgedacht hätte. Oder auch diese Stelle ist sowohl aktuell und ganz im Sinne des Geist-GEISTES, denn nach dem GEIST sehnt sich natürlich auch Thoreau, da er ja sieht, wie begrenzt jenes Wissen und wie übertrieben stark der Glaube an dieses Wissen ist:

Zitat von Thoreau

Wir haben von einer "Gesellschaft zur Verbreitung nützlichen Wissens" gehört. Man sagt, Wissen ist Macht, und ähnliche Dinge. Mir aber scheint, dass ein ebenso großer Bedarf an einer "Gesellschaft zur Verbreitung nützlichen Unwissens" besteht, von uns allerdings als "Wunderbares Wissen" bezeichnet, ein Wissen, das in einem höheren Sinne nützlich ist. Denn was ist ein Großteil unseres sogenannten Wissens, mit dem wir uns brüsten, anderes als die Einbildung, dass wir etwas wüssten, was uns wiederum des Vorteils unseres tatsächlichen Unwissens beraubt. Was wir Wissen nennen ist oft nur unser positives Unwissen, und das Unwissen ist unser negatives Wissen. Durch jahrelangen beharrlichen Fleiß und Zeitungslektüre - denn was sind wissenschaftliche Bibliotheken anderes als Zeitungssammlungen? - häuft der Mensch eine Unmenge von Fakten an und legt sie in seinem Gedächtnis ab, und wenn er dann eines schönen Frühlingstages in die weiten Felder des Denkens hineinschlendert, grast er gewissermaßen wie ein Pferd und lässt sein Geschirr im Stall zurück.
(...)
Die Unwissenheit eines Menschen ist manchmal nicht nur nützlich sondern auch schön - während sein sogenanntes Wissen häufig nicht nur hässlich, sondern mehr als nutzlos ist. Mit welchem Menschen ist der Umgang angenehmer: mit einem, der nichts zu einem Thema weiß und gleichzeitig, was selten vorkommt, weiß, dass er nichts weiß; oder mit einem, der tatsächlich etwas weiß, aber glaubt, er wisse alles?
Mein Verlangen nach Wissen tritt periodisch auf; aber mein Verlangen mit dem Kopf in Atmosphären einzutauchen, die meinen Füßen fremd sind, besteht permanent. Das Höchste, das wir erlangen können, ist nicht Wissen, sondern Verständnis von einem höheren Bewusstsein.






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zuletzt bearbeitet 21.01.2011 18:07 | nach oben springen

#48

RE: Henry D. Thoreau

in Die schöne Welt der Bücher 21.01.2011 18:31
von Krümel • 499 Beiträge

Zitat von Taxine
Manche Dinge, die Thoreau sagt, sind aber trotz der 150 Jahre immer noch sehr aktuell, zum Beispiel wenn er verdeutlicht, wie gleichgültig eine Gesellschaft gegenüber ihrer Regierung ist,



Ich habe mich nur auf "Walden" bezogen, und das habe ich jetzt auch fett eingangs hervorgehoben.

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#49

RE: Henry D. Thoreau

in Die schöne Welt der Bücher 21.01.2011 18:33
von Taxine • Admin | 6.081 Beiträge

Ja, hatte ich verstanden. Ich meinte es auch eher allgemein, weil es mir beim Lesen von Thoerau dann doch so bewusst wurde.




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#50

RE: Henry D. Thoreau

in Die schöne Welt der Bücher 25.01.2011 23:02
von Taxine • Admin | 6.081 Beiträge

Kleine Anmerkung zum Thoreau-Ordner und den verschiedenen Übersetzungen:
Nicht zu empfehlen ist die günstige und neue Anaconda-Ausgabe von "Walden", da sie nicht nur schlecht übersetzt ist, sondern auch Anekdoten, mit denen Thoreau seine Gedanken illustriert, einfach weglässt. Finde ich unmöglich, einfach wegzustreichen, statt dem Leser die Möglichkeit zu geben, sich selbst ein Urteil zu bilden. Erinnert mich an "Sandmeere" von Isabelle Eberhardt, die starb, während einer meinte, er müsste ihre Gedanken überarbeiten, um ihnen mehr Ausdruck zu verleihen. Was kam heraus? Blumiges Geschwätz, während sie wesentlich besser geschrieben hat.

Zu empfehlen ist die Ausgabe vom dtv. Hier wird Thoreau einfach nur übersetzt, ohne anmaßende Kürzungen oder ähnliches.




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zuletzt bearbeitet 26.01.2011 14:56 | nach oben springen

#51

RE: Henry D. Thoreau

in Die schöne Welt der Bücher 26.01.2011 12:53
von Krümel • 499 Beiträge

Zitat von Taxine
Nicht zu empfehlen ist die günstige und neue Anaconda-Ausgabe von "Walden", da sie nicht nur schlecht übersetzt ist, sondern auch Anekdoten, mit denen Thoreau seine Gedanken illustriert, einfach weglässt.



Diese habe ich natürlich, aber die vorliegende Übersetzung erschien erstmals 1949 mit einer freundlichen Genehmigung vom Aufbau Verlag, Berlin 1949, doch von einer Kürzung/en steht nirgends etwas ...

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#52

RE: Henry D. Thoreau

in Die schöne Welt der Bücher 26.01.2011 14:54
von Taxine • Admin | 6.081 Beiträge

Ganz hinten im Buch steht:
Da sich im Text manche Gedankengänge wiederholen, sind einzelne Stellen gestrichen worden. Auch allzu detailierte Schilderungen und Berechnungen und ein Teil der Anekdoten, mit denen Thoreau seine Gedanken illustriert, wurden gekürzt.

Ob die Übersetzung vielleicht eher dem Original entspricht, kann natürlich sein, allerdings bin ich doch enttäuscht, weil in der Anaconda-Ausgabe ganze Ausdrücke verloren gehen, die man einfach überliest, während sie bei dtv ins Auge fallen.

So eine Stelle z. B.:
dtv: "Warum müssen sie sich von ihren sechzig Morgen Land ernähren, wo der Mensch doch nur dazu verurteilt ist, sein eigenes Häufchen Staub zu schlucken?"

Anaconda:
"Warum sollen sie von ihren sechzig Morgen leben, wenn der Mensch verdammt ist, sich von Staub zu nähren?"




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zuletzt bearbeitet 26.01.2011 14:54 | nach oben springen

#53

RE: Henry D. Thoreau

in Die schöne Welt der Bücher 26.01.2011 16:33
von Taxine • Admin | 6.081 Beiträge

So, habe jetzt eine Originalversion von Walden gefunden, zur Not liest man einfach die.

Der von mir zitierte Satz lautet im Original: "Why should they eat their sixty acres, when man is condemned to eat only his peck of dirt?"

In der Anaconda-Ausgabe fehlen auch ganze Zitate, die Thoreau als Beispiel anführt, und weil die bereits weggelassen wurden, wird auch der eigentliche Gedanke Thoreaus dazu einfach mit weggekürzt.




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zuletzt bearbeitet 26.01.2011 16:36 | nach oben springen

#54

RE: Henry D. Thoreau

in Die schöne Welt der Bücher 26.01.2011 16:41
von Krümel • 499 Beiträge

Zitat von Taxine
In der Anaconda-Ausgabe fehlen auch ganze Zitate, die Thoreau als Beispiel anführt.



Schöner Käse, und diesen Satz habe ich jetzt auch gefunden. Ich muss Bücher immer bestellen, ob bei Thalia vor Ort oder eben bei Amazon, wie kann man sich da vorab informieren und davor schützen? Von "Robinson Crusoe" hatte ich jetzt auch eine Kindererzählung erwischt, obwohl es von der Seitenzahl ungefähr der ungekürzten Ausgabe entsprach, meine war aber riesig geschrieben

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#55

RE: Henry D. Thoreau

in Die schöne Welt der Bücher 26.01.2011 16:52
von Taxine • Admin | 6.081 Beiträge

Ja, davor schützen kann man sich nicht. Es sollte beim Kauf darauf hingewiesen werden, das wäre fair.
Ich habe da auch schon lustige Erfahrungen gemacht, wo du gerade von Großdruck und "Robinson Crusoe" sprichst. Zum Beispiel habe ich von Genet mal ein Buch bestellt und nach etwa sechzig Seiten war das Buch komplett weiß und ohne jeglichen Buchstaben. Irgendein Fehldruck. Der Verkäufer hielt es wohl auch nicht für nötig, dezent darauf hinzuweisen.




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zuletzt bearbeitet 26.01.2011 16:54 | nach oben springen

#56

RE: Henry D. Thoreau

in Die schöne Welt der Bücher 04.02.2011 20:25
von Taxine • Admin | 6.081 Beiträge

In einem Punkt stimmen Thoreaus Gedanken mit denen Emersons überein. Zum Vergleich: Thoreau sagt in "Walden" im Kap. "Lesen":

Zitat von Thoreau
Sterblich sind wir, was die Ansammlung von Besitz für uns und unsere Nachkommenschaft betrifft, die Gründung eines Staates oder einer Familie, ja sogar wenn wir uns Ruhm erwerben wollen; im Umgang mit der Wahrheit aber sind wir unsterblich und brauchen weder Wechselfälle noch Unfälle zu fürchten. Einer der ältesten ägyptischen oder indischen Philosophen hat einst den Schleier der Gottheit ein wenig gelüftet, und noch immer verharrt das wehende Gewand in der erhobenen Stellung. Nichts von ihrem frischen Glanz ist verloren gegangen, denn es war ich in ihm, der damals die Kühnheit besaß, und es ist er in mir, der heute den Anblick wiedersieht. Kein Staub hat sich auf jenes Gewand gesetzt, keine Zeit ist seit seiner Enthüllung vergangen. Jene Zeit, die wir veredeln, die sich veredeln lässt, ist weder Vergangenheit, Gegenwart noch Zukunft.



Emerson sagt das Gleiche in seinem Essay "Geschichte":

Zitat von Emerson
Ein Geist ist allen individuellen Menschen eigen. Jeder Mensch hat Zugang zu demselben und zu allen dieses Geistes. Wer einmal Zutritt zum Recht der Vernunft erlangt hat, wird ein Bürger des ganzen Reiches. Was Platon gedacht hat, er kann es denken; was ein Heiliger gefühlt hat, er kann es fühlen; was jemals irgendeinem Menschen zugekommen ist, er kann es verstehen. Wer zu diesem universellen Geist Zutritt hat, ist Teil alles dessen, was ist oder getan werden kann, denn nur dieser ist das einzig und unumschränkt Wirkende.




Und am Rande noch ein wunderbar zeitgemäßes Zitat von Thoreau:

Zitat von Thoreau in "Walden"
Warum leben wir in solcher Hast, mit solcher Vergeudung von Leben? Wir glauben, Hungers zu sterben, bevor wir hungrig sind.




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zuletzt bearbeitet 04.02.2011 20:29 | nach oben springen


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