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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#1

Martin Heidegger

in Sachen gibt's - Sachbuch 25.07.2011 15:36
von Martinus • 3.194 Beiträge

Das ausgerechnet ich einen Heidegger-Thread eröffne, ist natürlich seltsam, weil ich auch nicht weiß, ob ich mit der Vorstellung dieser kleinen philosophischen Erzählung, dem Heidegger irgendwie gerecht werde. Sagen wir es mal so: Ich habe mich ganz unschuldig ohne jegliches Vorwissen in diesen Text geworfen. Herausgekommen ist das:

Martin Heidegger: Der Feldweg

„Er läuft aus dem Hofgartentor zum Ehnried.“

So beginnt Martin Heideggers philosophische Erzählung „Der Feldweg“. Ein Text, der Ruhe ausstrahlt, die Natur in ihrer Einfachheit und innerer Stärke. Die Eiche wächst in fast zeitloser Langsamkeit. Nur die Turmuhr und der Glockenschlag, geschaffen von Menschen, versuchen die Zeit einzufangen. Das bedächtige Wachsen der Eiche steht außerhalb dieser Versuche, die Zeit an einem Konstrukt zu ketten. Nur der Wechsel der Jahreszeiten scheint der Natur ihr Zeitmesser zu sein, die Eiche selbst in zeitloser Bedächtigkeit diesen Zyklus an sich vorüberziehen lässt. In der Langsamkeit des Wachsens gründet sich das „was dauert und fruchtet“.

Hier kommt nun der Mensch ins Spiel.

„Was um den Weg sein Wesen hat, sammelt er ein, und trägt jedem, der auf ihm geht, das Seine zu.“


Spätestens jetzt wird man erkennen, das der Feldweg eine Metapher ist. Der Mensch wurzelt in der Erde und kann sich in die Weite des Himmels, der Ideen, öffnen. Heidegger erzählt von der Bank, die unter der Eiche steht, darauf eine junge Unbeholfenheit die Schrift eines großen Denkers zu entziffern versuchte, um die Rätsel des Daseins zu erfassenn. Wenn der suchende Mensch, der nach Lebensfragen giert, in eine Sackgasse gerät, dann hilft der Feldweg.

„Denn er geleitet den Fuß auf wendigem Pfad still durch die Weite des kargen Landes.“

Der Feldweg verkündet den Vorbeiziehenden „Das Einfache“, „spricht nur so lange, als Menschen da sind, die in seiner Luft geboren,...“ Der Feldweg braucht Höhrer, nicht aber Hörige, die schwerhörig im „Lärm der Apparate, die sie fast für die Stimme Gottes halten", untergehen, dieser Lärm der modernen Gesellschaft den Menschen „zerstreut und weglos“ macht. Heidegger plädiert für eine Welt, in der der Mensch nicht zum Opfer von Maschinen wird. – auf unsere gegenwärtige Zeit bezogen sind das Autos, Computer, Handys und allerlei anderes, was wir gerne gebrauchen, oder auch Lärm am Arbeitsplatz. Heidegger spricht aber auch von wenigen Menschen, die in der modernen Welt noch ein Ohr zum Inneren bewahrt haben.

„Der Zuspruch des Feldweges erweckt einen Sinn, der das Freie liebt und auch die Trübsal noch an der günstigen Stelle überspringt in eine letzte Heiterkeit.“

Heidegger lässt offen, woher dieser Zuspruch kommt: Seele, Welt, Gott? „Der Zuspruch macht heimisch“, heißt es.

Ein wunderbarer bedächtiger Text, der Ruhe auf den Leser ausstrahlt, sich erst mir auf eine vielleicht ganz persönliche Art erschlossen hat, nachdem ich mehrmals über diese sieben Buchseiten gewandelt bin. Für diesen Text unterwerfe sich der Leser die Langsamkeit einer wachsenden Eiche. Nur mit Langsamkeit können wir, so glaube ich, Früchte dieses herrlichen Textes erhaschen. Ein Text für die Stille der Nacht.

„Die Stille wird mit seinem letzten Schlag noch stiller.“


Grüße aus der Stille
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 25.07.2011 15:46 | nach oben springen

#2

RE: Martin Heidegger

in Sachen gibt's - Sachbuch 26.07.2011 11:57
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Als Heidegger erstmals ein Buch von Daisetz T. Suzuki über Zen las, sagte er, dies sei genau dasselbe, was er mit seiner ganzen Philosophie ausdrücken wollte.




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#3

RE: Martin Heidegger

in Sachen gibt's - Sachbuch 26.07.2011 12:10
von Martinus • 3.194 Beiträge

Toll, Roquairol, ich wusste gar nicht, worauf ich mich eingelassen hatte, als ich die Geschichte las. Und gestern las ich, dass Rüdiger Safranski in seiner Heidegger-Biografie ("Ein Meister aus Deutschland: Heidegger und seine Zeit") auch über das Zen-Thema schreibt. Nach Stendhal, kommt Heidegger dran.

Zitat von Martin Heidegger
If I understand this man correctly, this is what I have been trying to say in all my writings.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 26.07.2011 12:37 | nach oben springen

#4

RE: Martin Heidegger

in Sachen gibt's - Sachbuch 05.10.2011 20:11
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge

Sein und Zeit


Vorweg: sich mal wieder auf ein philosophisches Werk einzulassen, ist mir eine angenehme und herausfordernde Freude und Erfahrung. Man gelangt durch philosophische Werke in die kleinsten Ecken und Kanten, vertieft Dinge, die man sonst häufig nur oberflächlich betrachtet und wenig hinterfragt. Ich wünsche mir, dass wir viel fragen, hinterfragen, diskutieren und einander das Werk Heideggers sichtbarer und verständlicher machen können.

(Ich lese übrigens "Sein und Zeit" vom Max Niemeyer Verlag Tübingen.)


1. Einleitung
Die Frage nach dem Sein und dem Sinn von Sein wurde seit Plato und Aristoteles nicht mehr gestellt, trotzdem glaubt der Mensch, das Sein erklären zu können.
Heidegger verweist darauf, dass eine wirkliche Untersuchung nicht stattfindet. Alles hat sich durch „mannigfache Verschiebungen“ bis zu Hegels Logik erhalten, ohne etwas Neues zu sagen. Stattdessen wird die Frage selbst bereits als sinnlos abgetan. Sein wäre ein allgemeiner und leerer Begriff. Nicht nach dem Sinn wird gefragt, sondern das Sein als Sein vorausgesetzt, weil scheinbar jeder weiß, was Sein ist und die Erklärung überflüssig wird.

Die bestehenden Vorurteile:
1) Sein ist der „allgemeinste“ Begriff. „Ein Verständnis des Seins ist je schon mit inbegriffen in allem, was einer am Seienden erfasst.“
(Hegel redet sich nach Heidegger mit dem "unbestimmt Unmittelbaren" heraus.)
2) Der Begriff „Sein“ ist undefinierbar. (Der Verweis Heideggers, dass man diese Erkenntnis aus der vorangegangen schloss, ist wichtig, da Heidegger verlangt, dass man nicht die übernommenen Philosophien weiter übernimmt, sondern sie von Grund auf neu betrachtet und sich mit ihnen auch von Grund auf neu auseinandersetzt.) Die Definition geschieht durch die nächtgelegene Gattung und den arteigenen Unterschied. Sein kann also nicht mit Seiendem erklärt werden, wie es auch Pascal so schön gesagt hat, dass häufig der Versuch gemacht wird, das Sein mit dem Sein (oder Seienden) erklären zu wollen, indem man „es ist“ sagt, die Definition also mit dem zu definierenden Wort sucht. Sein kann nicht dargestellt werden, kann aber trotzdem noch Problem sein.
3) Das Sein ist der selbstverständlichste Begriff. Jeder versteht, wenn man sagt: Der Himmel ist blau. Ich bin froh… usw. Das macht sichtbar, dass wir in einem Verständnis vom Sein leben, ohne es tatsächlich erklären zu können.

So muss man die richtige Frage stellen. Um diese stellen zu können, muss man erörtern, was zu dieser Frage gehört.


Fragen ist Suchen. Jedes Suchen bildet sich aus einem vorangegangenen Suchen (bzw. Fragen). Darum ist Fragen erkennendes Suchen von Seiendem. Wie auch das Sein selbst teilt sich die Frage in Sosein und Dass-Sein. Suchen ist also Untersuchen, nach einer Sache fragen und die Notwendigkeit, dass diese Sache vorhanden ist oder zumindest irgendeinen Inhalt besitzt. Es spielt also nicht nur eine Rolle, wer fragt und wen er fragt, sondern auch die Frage selbst ist Seiendes. Sie kann explizit oder nur nebenbei gestellt werden.

Was Heidegger mit dieser detaillierten Frage-Untersuchung bezweckt, ist der Verweis darauf, dass wir, wenn wir nach dem Sinn des Seienden fragen, dieser immer schon in gewisser Weise verfügbar sein muss. Wir besitzen eine Art Seinsverständnis, aus diesem heraus stellen wir die Frage nach dem Sinn von Sein oder überprüfen, was wir mit diesem Begriff verbinden. Wie Pascal sagte, benennen wir das Sein mit „es ist“, ohne sagen zu können, was dieses „ist“ nun tatsächlich meint.
Das liegt mitunter daran, dass unser Seinsverständnis durch überlieferte Theorien und Meinungen gebildet ist, wobei die Quellen dieser Theorien verborgen bleiben.
Heidegger sagt: Das Sein des Seienden „ist“ nicht selbst ein Seiendes.


Mit „seiend“ verbinden wir etliche Zustände und Dinge in verschiedenem Sinne.

Zitat von Heidegger S. 6/7
Sein ist alles, wovon wir reden, was wir meinen, wozu wir uns so und so verhalten, seiend ist auch, was und wie wir selbst sind. Sein liegt im Dass- und Sosein, in Realität, Vorhandenheit, Bestand, Geltung, Dasein, im „es gibt“.

Auch ist bereits der Fragende selbst.
Sein ist also immer mehrdeutig. Um etwas zu erkennen, müssen wir uns mit dem Sein des Erkenntnisgegenstandes befassen. Sein teilt sich in ein Wesen, das einmal ist und zum anderen seine Zugehörigkeit wie Farbe, Aussehen, Art besitzt, die ebenfalls sind, weil sie dem Wesen angehören. Ihr Sinn hängt immer von dem ab, wozu sie gehören.
Weil der Fragende Sein ist, wie auch die Frage, die er stellt, Sein hat, die auch nur im Möglichkeitsbereich des Fragenden in seinem Sein gestellt werden kann, nennt Heidegger diese Umstände Dasein. Dieses muss nun entwirrt und auseinander genommen werden, um das Sein zu erfassen. Es gehört zur Wesensverfassung des Daseins selbst. Ob es sich hierbei um einen Zirkelschluss handelt, verneint Heidegger damit, dass das Sein nicht als verfügbarer Begriff, also auch in der Frage nach dem Dasein hinsichtlich seines Seins, noch nicht das Gesuchte enthält. Es ist nur eine erste Grundfreilegung. Der Sinn „Sein“ ist mit dem Sein noch nicht benannt. Dass der Fragende überhaupt die Frage nach dem Sein stellt, betroffen von seinem Gefragten ist, ist Teil des Sinns der Seinsfrage. Darum kann Heidegger, nach diesen ganzen Erklärungen und auch der Tatsache, dass das Sein in der bisherigen Ontologie vorausgesetzt wird, aber als gesuchter Begriff nicht existiert, auch sagen: Sein ist jeweils das Sein eines Seienden.

Da-Sein ist also erst einmal das Hineingehaltensein in das Nichts* des Seins. [* = Auch bei Hegel ist das Sein ein Nichts, das Für-sich-sein, Leere, das Vorher und Nachher, aus dem alles entsteht, in das alles eingeht, ohne definiert werden zu können. (Man könnte sogar GEIST sagen, will man für das Verständnis sichtbarer machen.) Nichts geht in Sein über, Sein geht in Nichts über. Das Sein ist als Anfang bereits im Nichts enthalten, darum gibt es kein reines Nichts und kein reines Sein, sondern ein Nichts, das gleichzeitig Sein ist, daher gibt es auch keinen Anfang und kein Ende.
Auch bei Heraklit ist das Sein sowenig als das Nichts, da alles im Werden ist, alles fließt. Bei Parmenides ist reines Sein das Absolute.
(An diesen Beispielen wird Heideggers Argument gut sichtbar, dass der Begriff „Sein“ immer noch leer ist.)]
Sobald man das Sein beschreiben will, bestimmt man es, ist es kein reines Sein mehr. Bei Heidegger bedeutet Sein erst einmal das Seiend, die Seiendheit. Durch die Endung –heit ist die Vorstellung einfacher. Wesenheit, Seiendheit, darin liegt für mich etwas Höheres, das noch unfassbar, dennoch spürbar ist.

Dasein ist also bestimmtes Sein. Bei Hegel ist Bestimmtheit Negation. Heidegger verweist auf die Wissenschaften, die ihre Forschungen auf neue Fundamente umlegen und spricht von einer Interpretation des eigentlich geschichtlichen Seienden auf seine Geschichtlichkeit. Damit ist das Sein also immer noch und lange nicht erfasst, sondern lässt sich in Kategorien erfassen, als Teil dieser Kategorie, nicht als das Sein selbst. Durch die verschiedenen Wissenschaften ist das Sein nur ein so und so Seiendes, eine Tendenz.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 05.10.2011 20:34 | nach oben springen

#5

RE: Martin Heidegger

in Sachen gibt's - Sachbuch 05.10.2011 21:07
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo Taxine,

meine Befürchtung hat sich wie folgt bestätigt: Heideggers "Sein und Zeit" ist so, als lese ich in einer fremden Sprache, die ich lesen, aber nicht verstehen kann. Darum könnte ich solch ein Werk auch niemals alleine lesen. Also, ersteinmal machte ich ein herrliches Boah...ein Erstaunen, wie du das hinbekommen hast, diese Buchseiten zusammenzufassen. Sicher werde ich derjenige sein, der die meisten Fragen stellt. Warscheinlich kann ich diesen Text nur, sagen wir mal, rudimentär verstehen, damit meine ich, wenn ich ein bisschen verstehen sollte, kann ich schon glücklich sein.

Das Problem liegt darin, dass "Sein" nicht definiert werden kann, aber wie soll ich dann verstehen, was Sein" ist? Ist "seiend" und "Sein" dasselbe? Heidegger schreibt, es gebe verschiedene Bedeutungen von Sein: Dasein, Realität, Vorhandenheit, Geltung usw. das "Sein" hat also viele Erscheinungsformen. Kann man sagen, dass alles, was in der Welt erscheint, was wahrgenommen wird, das "Sein" ist, also ein Begriff, der das Reale umfasst.

Heidegger auf Seite 3(auch Niemeyer Verlag)

Zitat
"Sein" ist nach der Bezeichnung der mittelalterlichen Ontologie ein "transcendens.



Ist Transzendenz nicht eher etwas metaphysisches? Wie kann es denn das "Sein" sein, wenn ich vorher gesagt habe, das "Sein" sei in der Welt der Erscheinungen zu Hause.

Was sind eigentlich die Unterschiede zwischen Sein, Dasein, Sosein, seiend? Oder, hängt das alles zusammen?

Fragen über Fragen....

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 05.10.2011 21:14 | nach oben springen

#6

RE: Martin Heidegger

in Sachen gibt's - Sachbuch 05.10.2011 21:24
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge

Hallo Martinus,

Heidegger erfindet ganz nach seiner eigenen Philosophie-Forderung (sprenge die Fundamente und setze neu an) auch etliche eigene Begriffe. Mit diesen sich auseinanderzusetzen, ist wahrscheinlich die größte Schwierigkeit, wenn man Heidegger liest. Zur Not haben wir ja noch Roquairol.

"Sein" und "seiend" sind in der Einführung Heideggers nicht dasselbe, sondern das "Sein" wird durch "Seiendes" erklärt, was immer noch im Bereich des Seienden bleibt, also sich mittels Überliefertem und Feststehendem vermittelt, nicht das "Sein" selbst erfasst. Um das "Sein" zu erfassen, muss Heidegger bei Kategorien ansetzen, so die Verweise auf Sosein, Dasein...usw.


Zitat von Martinus

Ist Transzendenz nicht eher etwas metaphysisches? Wie kann es denn das "Sein" sein, wenn ich vorher gesagt habe, das "Sein" sei in der Welt der Erscheinungen zu Hause.

Was sind eigentlich die Unterschiede zwischen Sein, Dasein, Sosein, seiend? Oder, hängt das alles zusammen?


Heidegger unterteilt Sein in verschiedene "Zustände", was noch nicht das "Sein" selbst ist, sondern nur Möglichkeiten davon. Sosein, Dasein usw., das wird er in diesem Werk (hoffentlich) alles erörtern und definieren. Er beginnt mit dem Dasein.
Wenn er von Transzendenz spricht, meint Heidegger das Wegfallen der Grenze zwischen dem Seienden. Das kannst du dir mit Hilfe der Holons vorstellen. Ein Seiendes ist immer Verweis auf ein anderes Seiendes, oder eine Welt enthält immer eine übergeordnete oder zugehörige. (Oder ein Gedanke enthält immer einen anderen Gedanken, um diesen überhaupt zu erfassen.) Das Seiende kann nur transzendieren, weil es über jedes Seiende hinaus in die Welt tritt, in der dieses Seiende sich befindet. Da Seiendes (Dasein) immer in der Welt ist, gibt es auch keine Grenze zwischen Seiendem und der Welt (als Seiendes).

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 05.10.2011 21:38 | nach oben springen

#7

RE: Martin Heidegger

in Sachen gibt's - Sachbuch 05.10.2011 22:27
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Hallo zusammen,
vorweg gesagt, nehme ich mir die Freiheit, hier Passagen zu übernehmen, die ich vor Jahren schon für die SuZ-Leserunde im Lit.cafe geschrieben hatte. Außerdem werde ich gelegentlich interessante Fragen von anderen Teilnehmern paraphrasieren, auf die ich damals geantwortet habe (vielleicht mache ich auch doch noch mal ein Buch daraus) ...

Martinus, alle deine Fragen werden beantwortet werden, einige aber erst ziemlich weit hinten im Buch - also Geduld ... Aber du hast auch völlig recht, dass man dies lesen muss wie wenn man eine neue Sprache lernt. Heidegger führt neue Begriffe ein, die er fortan verwendet, diese Begriffe muss man sich wirklich wie Vokabeln einer Fremdsprache einprägen. Dies ist aber eigentlich auch die einzige Schwierigkeit bei Heidegger.

Zitat
Die Frage nach dem Sein und dem Sinn von Sein wurde seit Plato und Aristoteles nicht mehr gestellt, trotzdem glaubt der Mensch, das Sein erklären zu können.



"Erklären" eigentlich nicht - vielmehr glaubt er zu wissen, was das Sein sei, auch ohne es "erklären" zu können und zu müssen. Wie Heidegger in der Vorrede schreibt: Während Platon sich bei der Frage nach dem Sein in Verlegenheit fühlte, sind wir heute noch nicht mal mehr in Verlegenheit. Aber nicht, weil die Frage beantwortet wäre, sondern weil wir einfach aufgehört haben, darüber nachzudenken.

In § 1 folgen dann drei Vorurteile über das Sein, die Taxine schon erläutert hat. Hier darf man nicht aus dem Auge verlieren, dass es sich eben um Vorurteile handelt (das Problem hatten wir auch damals im LC). Dies beantwortet auch Martins Frage nach der Transzendenz, denn wenn Heidegger schreibt:

Zitat
"Sein ist nach der Bezeichnung der mittelalterlichen Ontologie ein "transcendens"


so zählt dies eben zu den Vorurteilen der klassischen Philosophie über das Sein und ist nicht Heideggers Position.

§ 2 fragt dann nach der formalen Struktur der Frage nach dem Sein. Es gibt verschiedene Arten des Seienden (die uns hier im Einzelnen erstmal nicht interessieren) - von welchem ausgehend sollen wir die Frage nach dem Sein stellen? Antwort: Von dem Seienden, das wir selbst sind.

Zitat
Dieses Seiende, das wir selbst je sind und das unter anderem die Seinsmöglichkeit des Fragens hat, fassen wir terminologisch als Dasein.


Dies ist wohl der wichtigste Satz in § 2.
Also der Begriff "Dasein", der in Heideggers ganzer Philosophie eine tragende Rolle spielt, bedeutet den Menschen. Allerdings nicht den Menschen als biologisches Wesen, sondern eben als das Seiende, das wir selbst sind und das die Seinsmöglichkeit des Fragens hat ... Der Mensch aus der "Innenperspektive", also das, was Ken Wilber als den Quadranten oben links bezeichnet ...




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#8

RE: Martin Heidegger

in Sachen gibt's - Sachbuch 05.10.2011 22:32
von Roquairol • 1.065 Beiträge
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#9

RE: Martin Heidegger

in Sachen gibt's - Sachbuch 06.10.2011 19:28
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge

Hallo liebe Mitlesenden,

erst einmal vielen Dank, Roquairol, für die verschiedenen Hinweise. Dasein = Mensch, zum Beispiel. Ich frage mich überhaupt, ob Heidegger nun ganz und gar beim Da-Sein verweilt, weil der Mensch ihn interessiert, und das Sein (dieses unentschlüsselbare Etwas) dann eher im Hintergrund bleibt...
Dass überhaupt ein Philosoph oder Mensch sich daran wagt, nach dem Sinn "Sein" zu fragen, ist eigentlich schon unglaublich beeindruckend. Wie häufig spekuliert man über Sinn und Sein oder macht sich Gedanken und findet dennoch keine Antwort. Gerade, was den Sinn betrifft. Der Sinn des Lebens zum Beispiel. Man könnte sagen, der Sinn ist zu leben. Den Weg zu gehen... usw. Alles unklare Möglichkeiten (weil wir eben Möglichkeiten haben, wie Heidegger so schön sagt.) Aber das Sein zu hinterfragen, dazu gehört schon einiges.


Zurück zum Dasein:
Dasein ist also nicht nur unter anderen Seienden, sondern auf sich selbst bezogen. Dasein versteht sich in seinem Sein. Ein Beispiel wäre vielleicht: Ein Mensch ist sich bewusst darüber, dass er ist. Das Dasein enthält also ein Verständnis vom Sein.
Das Sein selbst, zu dem sich das Dasein in seinen Möglichkeiten verhält, ist die Existenz.

Zitat von Heidegger, S. 12
Das Dasein versteht sich selbst immer aus seiner Existenz, einer Möglichkeit seiner selbst, es selbst oder nicht es selbst zu sein.



Wir treffen z. B. als Menschen Entscheidungen, die entweder durch uns selbst getroffen sind oder durch das, was von uns verlangt wird (Gesellschaft, Familie usw.) Das Dasein wählt sich selbst, damit meint Heidegger dann wohl die Entscheidungen, die ein Mensch sein Leben lang trifft, vielleicht ein Auf-sich-selbst-Besinnen oder im umgekehrten Sinne, wenn Dasein in seine Möglichkeiten hineingeraten ist, durch Fremdeinwirkung oder eine Art Treiben im Strom der Bedingungen und Gegebenheiten.
Das Verständnis von sich selbst, wird das existenzielle genannt. Die Frage nach Existenz ist eine ontische Angelegenheit des Daseins. Existenz bestimmt das Dasein, bestimmen lässt sie sich durch das Zusammenfügen der Strukturen und Zusammenhänge. In der Idee einer Seinsverfassung liegt die Idee von Sein.

Zum Dasein gehört das Sein in der Welt. Wir können also nur begreifen, was uns innerhalb dieser Welt zugänglich ist. Das beinhaltet weiter, dass wir ein Verständnis von dem haben müssen, was „Welt“ ist.

Dasein als die beste Annäherung zum Sein wird darum von Heidegger vorgezogen, weil es in sich selbst ist und sich selbst untersucht. Seiendes bedient sich an Seiendem. Dasein hat die Tendenz, das eigene Sein aus dem Seienden her zu verstehen, zu dem es sich wesenhaft ständig und zunächst verhält, aus der „Welt“.

Dass Heidegger mit dem Dasein den Menschen meint, vertieft er auch noch einmal in §5:

Zitat von Heidegger S.15
Das Dasein ist zwar ontisch nicht nur nahe oder gar das nächste – wir sind es sogar je selbst.


Wir sind Dasein. Auch wichtig, dass Dasein nicht die Menschen als Masse betrifft, sondern jeden für sich selbst, darum ist Dasein sich ontisch am nächsten, ontologisch am fernsten, aber vorontologisch doch nicht fremd, was heißt: wir erfassen, dass wir sind, können es nicht erklären, haben aber eine Art Vorwissen, dass es so ist. – Zum Dasein gehört als ontische Verfassung ein vorontologisches Sein. Dasein ist in der Weise, seiend so etwas wie Sein zu verstehen. - Und das ist auch die eigentliche Schwierigkeit.

Darum fordert Heidegger, § 5:

Zitat von Heidegger S. 16
… es darf keine beliebige Idee von Sein und Wirklichkeit, und sei sie noch so „selbstverständlich“, an dieses Seiende konstruktiv-dogmatisch herangebracht, keine aus einer solchen Idee vorgezeichneten „Kategorien“ dürfen dem Dasein ontologisch unbesehen aufgezwungen werden. Die Zugangs- und Auslegungsart muss vielmehr dergestalt gewählt sein, dass dieses Seiende sich an ihm selbst von ihm selbst her zeigen kann. Und zwar soll sie das Seiende in dem zeigen, wie es zunächst und zumeist ist, in seiner durchschnittlichen Alltäglichkeit.



Wenn wir das Dasein betrachten, müssen wir auch die Zeitlichkeit betrachten.
Seit Aristoteles und Bergson gibt es eine bestimmte Zeitauslegung, wobei nach Bergson die Zeit immer im Zusammenhang mit dem Raum steht und nach Aristoteles das Sein in Begriffen einer zeitlichen Anwesenheit erfasst wurde. Das sind gleichfalls Vorurteile, die Heidegger ablehnt. Wenn Sein aus der Zeit begriffen werden soll, ist nicht das Seiende, sondern das Sein selbst in seinem zeitlichen Charakter sichtbar gemacht. Zeitlich heißt dann aber nicht mehr „in der Zeit seiend“.

Dasein ist wie und was es schon war. Damit ist es seine Vergangenheit. Wir haben nicht nur das, was wir alles erlebt haben, sondern sind all das, was wir erlebt haben und über diese Zeit (d. h. die Geburt) hinaus. Wir wachsen an Vergangenem (Geschichte) und entwickeln uns weiter. Das, woran wir wachsen, ist die Möglichkeit, aus Vergangenem zu lernen. Gleiches gilt für die Zukunft. Wir haben Ziele oder machen Schritte nur, weil wir wissen, dass unsere Zeit begrenzt ist, wir irgendwann sterben. Wir haben also unser Ziel vor Augen (Zukunftserwartung) und handeln nur darum, weil wir wissen, dass wir nicht ewig Zeit haben. Wenn wir vertraut mit unserer Umgebung sind, begreifen wir sie ganz. Dieses Verständnis erschließt die Möglichkeiten, die wir haben und regelt sie. Weil wir etwas kennen, überlassen wir uns dem, darum sind unsere Schritte eigentlich schon vorhanden. Geleitet werden wir durch all das, was wir aus dem Vergangenen begreifen und erschließen. Die Vergangenheit folgt dem Dasein nicht nach, sondern geht ihm voraus. Vergangenheit führt uns zu unseren nächsten Schritten, weil wir diese erschließen und überblicken können und aus diesen Erkenntnissen heraus handeln, z. B. Dinge wiederholen oder verändern oder anderes. Das meint Heidegger, wenn er sagt: das Dasein ist seine Vergangenheit und in der Weise seines Seins, das jeweils aus seiner Zukunft her „geschieht“?
Die Vergangenheit prägt uns, ist in uns, ist wir, wir werden von ihr bestimmt und wir handeln aus ihr heraus. Das geschieht auch nicht immer bewusst. Ohne diese Bestimmung, wäre z. B. Geschichtsschreibung nicht möglich. Der Mensch würde leben und handeln und vergehen und, da er sich darüber nicht bewusst ist, was alles geschehen ist und dass etliches vor ihm liegt, würde er auch nichts Schriftliches hinterlassen. (Gerade heute habe ich mir eine riesige Ausgrabungsstätte angesehen - Olynthos. (Werde bald noch einige Fotos dazu einstellen.) Diese Orte als reines Gewesen-Sein verweisen dennoch auf das, was war, auf die Menschen, die einst dort lebten. Hätte aber der Mensch keine Geschichtlichkeit, würde er nicht nach Vergangenem graben.)

Was aber meint Heidegger, wenn er (auf S. 20/§ 6) sagt: Unhistorisch kann ein Zeitalter nur sein, weil es geschichtlich ist?

Dass Dasein durch Geschichtlichkeit geprägt ist, kann ihm verborgen bleiben. Daher kann es trotzdem geschichtlich sein, obwohl es nichts hinterlassen hat oder seine Zeit nicht geprägt hat. Es ist darum unbewusst durch Vergangenes geleitet, lebt, hat aber nicht das Bedürfnis, etwas zu hinterlassen, weil es sich eben Vergangenem und Zukünftigem nicht bewusst ist? Aber warum dann dieses „nur“?
Oder meint er, dass überhaupt in diesem Sinne – Historie – Geschichte – geurteilt wird, bedingt die Geschichtlichkeit in uns? Ein Zeitalter ist also aus unserem Blick unhistorisch, weil wir von Geschichtlichkeit geprägt sind? Oder besser gesagt, nach ihr fragen, damit historisch sind?

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 09.10.2011 00:38 | nach oben springen

#10

RE: Martin Heidegger

in Sachen gibt's - Sachbuch 07.10.2011 10:13
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Taxine legt Tempo vor ... Wir sollten aufpassen, dass wir nicht zu schnell vorpreschen. Das gründliche Verstehen braucht seine Zeit.

§ 3 - Ontologie ist die Lehre vom Sein. Natürlich beschäftigt sich jede Wissenschaft mit Seiendem: Die Botanik mit Pflanzen, Zoologie mit Tieren usw., aber ihre Herangehensweise ist dabei "ontisch", wie Heidegger sagt, nicht ontologisch - also nur seiend, und nicht nach dem Sein fragend.

Aber Heidegger will noch mehr, es geht ihm nicht nur um eine Ontologie, die das Seiende kategorisiert und dergleichen - vielmehr will er die Frage nach dem "Sinn von Sein" stellen, also fragen, "was wir denn eigentlich mit dem Ausdruck 'Sein' meinen." - Dies ist dann also nicht mehr nur Ontologie, sondern Fundamentalontologie. (Dies ist also auch etwas anderes als der "Sinn des Lebens" o.ä.!)

In der alten LR wurde ich hier nochmal gebeten, den Unterschied zwischen ontisch und ontologisch zu erklären:

"Ontisch" heißt "seiend" oder "sich auf das Seiende beziehend". Also: "Ontologisch" bezieht sich auf das Sein, "ontisch" bezieht sich auf das Seiende. Wenn Heidegger z.B. schreibt "das Dasein ist ontisch ausgezeichnet ..." heißt das soviel wie "das Dasein ist als Seiendes ausgezeichnet".

§ 4
Erster Absatz: Beginnt, anknüpfend an § 3, mit der Wissenschaft. Dort war die Seinsfrage als wissenschaftliche (ontologische) Frage behandelt worden. Aber Wissenschaft ist keineswegs die einzige Beschäftigung des Menschen (des Daseins, wie Heidegger sagt).
Zweiter Absatz: Was den Menschen von allem anderem nicht-menschlichem Seienden unterscheidet, ist, daß es ihm "in seinem Sein um dieses Sein selbst geht". Er hat also immer schon ein Verhältnis zu seinem eigenen Sein (Seinsverhältnis), und er versteht sein Sein auch immer schon in gewisser Weise (Seinsverständnis), auch wenn dieses Verständnis noch keine bewußt formulierte Ontologie ist - daher (3. Absatz) vor-ontologisch.

Der 4. Absatz beginnt mit einem Satz, den ich mir rot angestrichen habe:
"Das Sein selbst, zu dem das Dasein sich so oder so verhalten kann und immer irgendwie verhält, nennen wir Existenz."
Habt ihr hier auch kleine Buchstaben am Rand stehen? Sie verweisen auf den Anhang, denn Heidegger hat später zu diesem Satz einige nicht unwichtige Anmerkungen gemacht, offenbar war ihm aufgefallen, daß er in dieser Form etwas mißverständlich ist.
Mit den Ergänzungen lautet der Satz nun:
"Dasjenige Sein selbst, zu dem als seinem eigenen das Dasein sich so oder so verhalten kann und immer irgendwie verhält, nennen wir Existenz."

Weiteres zu Absatz 4:
"weil die Wesensbestimmung dieses Seienden nicht durch Angabe eines sachhaltigen Was vollzogen werden kann ..."
Da drückt der Gute sich mal wieder etwas kompliziert aus. Gemeint ist: Stellt man die Frage nach dem "Wesen" des Menschen, so kann die Antwort darauf kein konkretes Etwas sein (ähnlich bei Sartre: Das Wesen des Menschen ist nichts.) Das Wesen besteht nur darin, daß der Mensch "je sein Sein als seiniges zu sein hat" - also jeder einzelne Mensch soll sein persönliches Sein realisieren, ohne es sich von anderen Menschen oder der Masse aufprägen zu lassen. (Sartre: Das Wesen des Menschen ist die Freiheit.) Darum nennt H. dieses Seiende (also den Menschen) "Dasein".

Absatz 5 von § 4 bringt die Unterscheidung zweier Begriffe: "existenziell" und "existenzial". Der erste ist ontisch, der zweite ontologisch (s. oben ...)
Der Begriff "existenziell" bezieht sich auf das Selbstverständnis des Daseins in der Existenz selbst. Dieses Selbstverständnis braucht keine Ontologie. Fragt man aber nach der ontologischen Struktur der Existenz (die H. "Existenzialität" nennt), so ist diese Frage "existenzial".

Interessant ist die nähere Ausführung zum Begriff Existenz, die Heidegger am Beginn des Absatzes im Vorübergehen macht: Existenz als "Möglichkeit seiner selbst, es selbst oder nicht es selbst zu sein". Blicken wir zurück zum Absatz 4, wird klar, daß dies dort schon enthalten war, aber vielleicht überlesen wurde. Existenz wurde dort definiert als "dasjenige Sein selbst, zu dem als seinem eigenen das Dasein sich so oder so verhalten kann und immer irgendwie verhält". Also nicht etwa nur "das Sein des Daseins". Zur Existenz gehört wesentlich, daß das Dasein sich dazu "immer irgendwie verhält". - Dieses Verhalten benennt Heidegger jetzt genauer als "Möglichkeit seiner selbst, es selbst oder nicht es selbst zu sein". Diese Möglichkeiten sind entweder "selbst gewählt", oder der Mensch ist "in sie hineingeraten", vielleicht auch schon "darin aufgewachsen". Inwiefern der Mensch nun diese Möglichkeiten ergreift oder versäumt, wird nur von ihm selbst entschieden. (Wiederum sehr ähnlich bei Sartre.)

Absatz 6: Um das Dasein analysieren zu können, muß zuvor die Frage nach dem Sinn von Sein überhaupt ausgearbeitet werden, denn in der Idee der Seinsverfassung des Daseins steckt schon die Idee von Sein überhaupt. Einleuchtend, oder? Wie gesagt, geht es Heidegger in diesem Kapitel darum, erst einmal zu begründen, warum die Frage nach dem Sinn von Sein überhaupt wichtig ist.

Absätze 7 und 8:

Der Mensch verhält sich nicht nur zu sich selbst, sondern auch zu anderem Seienden, das nicht-menschlich ist. Eine von diesen Seinsweisen ist: Wissenschaft. Warum ist sie wesentlich? Weil menschliches Dasein immer Sein in einer Welt ist (einer der wichtigen Begriffe Heideggers: In-der-Welt-Sein. Wird später ausführlich erläutert - wie gesagt, befinden wir uns hier in einem hermeneutischen Zirkel ...). Das Sein des Daseins verstehen bedeutet deshalb zugleich immer auch: "Welt" verstehen. Umgekehrt sind auch alle Ontologien, die sich mit nicht-menschlichem Seienden befassen, im Grunde auf dem menschlichen Dasein fundiert.
Aus diesem Grund muß die "Fundamentalontologie", also die Ontologie, die die Grundlage für alle einzelnen Ontologien schafft, in der existenzialen Analytik des menschlichen Daseins gesucht werden.

Absatz 9 ist eine Zusammenfassung des bisherigen - schenke ich mir hier, weil ich am Ende des 1. Kapitels selbst eine Zusammenfassung geben will.

Absatz 10: Die existenziale Analytik ist selbst ontisch verwurzelt. Also das Nachdenken über das Sein ist nicht vom Sein getrennt (wie das "Subjekt" vom "Objekt"), sondern es ist selbst wiederum ein Seiendes. Deshalb die Formulierung "ontisch-ontologisch" - diese beiden Bereiche sind tief ineinander verwoben, eben weil die Ontologie notwendigerweise selbst ontisch verwurzelt ist, und weil es eine grundlegende Erkenntnis der Ontologie ist, diese ihre eigene ontische Verwurzelung zu sehen.

Absatz 11:
Ein kleiner philosophiegeschichtlicher Rückblick (der nicht unbedingt verstanden werden muß). Schon Aristoteles hatte, an Parmenides anknüpfend, erkannt, daß der Mensch ein Seiendes ist und zugleich das Sein erkennt.
Dies hat später Thomas von Aquin aufgegriffen: Er lehrte, die Seele des Menschen habe einen Vorrang vor allem anderen Seienden, weil sie durch ihre Seinsart selbst geeignet ist, mit allem Seienden "zusammenzukommen" (also: sich in irgendeine Beziehung dazu zu setzen).

Wie gesagt: Wer damit nichts anfangen kann, soll es einfach überspringen.

An dieser Stelle kam in der Leserunde Anno 2004 die Zwischenfrage eines Mitlesenden:

Zitat
Hallo Roquairol,

als stiller Mitleser habe ich eine Frage. Warum ist denn der philosophische Rückblick nicht so wichtig? In Günther Figals Buch über Heidegger steht schon in der Einleitung:

"Jeder Versuch, Heidegger ohne Berücksichtigung der klassischen griechischen Philosophie verstehen zu wollen, ist aussichtslos"

Das meint der Autor wohl deswegen, weil Heidegger in der Ontologie neues einführte, (was ich vielleicht irgendwann mal verstehen könnte), Um zu verstehen, was bei Heidegger neu ist, ist es vielleicht doch sinnvoll zu begreifen, was Aristoteles über das Sein zu sagen hat.

(gerade Parmenides' Schrift "Über das Sein" wäre in diesem Zusammenhang doch interessant)

Liebe Grüße
ma08rt09in58



Meine Antwort:

Zitat
"sinnvoll" und "interessant" ja, aber nicht unbedingt notwendig. Womit ich konkret diesen genannten Absatz meine, nicht das ganze Buch (der Absatz kommt mir hier sowieso merkwürdig eingeschoben vor) und erst recht nicht den ganzen Heidegger. Wir werden noch mit genügend griechischer Philosophie zu tun bekommen - z.B. mit dem Begriff der "aletheia".

Philosophisches Lesen geht immer in Kreisen vor - wir hatten ja den "hermeneutischen Zirkel" schon mal angesprochen. Mit jeder neuen Lektüre (von SuZ und jedem anderen philosophischen Werk) entdeckt man neues, versteht man mehr; und man kann die Kreisbahnen auch anders schlagen und z.B. von Heidegger zu Platon oder Aristoteles wandern: Wiederum wird sich das Verständnis erweitern.
Ich gehe aber davon aus, daß diese Leserunde eine erste Lektüre von SuZ und zugleich eine erste Lektüre von Heidegger überhaupt ist. Deshalb will ich keine Nebenwege einschlagen, sondern zunächst die wesentlichen Aussagen des Buches herausarbeiten. Wenn wir an einen Punkt kommen, wo wir sehen: Halt, hier kommen wir ohne zusätzliche philosophiegeschichtliche Erläuterungen nicht weiter - gut, dann müssen wir einen solchen Umweg einschlagen. Aber an dieser Stelle halte ich das noch nicht für erforderlich.



Absatz 12:

Bei der Analyse der Seinsfrage wurde in § 2 bereits die herausragende Rolle des menschlichen Daseins festgestellt. Ferner hat sich dann gezeigt, daß die Fundamentalontologie in der ontologischen Analytik des Daseins besteht. Das menschliche Dasein stellt also nicht nur die Seinsfrage, es ist zugleich auch das zu befragende Seiende.

Absatz 13:

Das menschliche Dasein ist das Seiende, das auch vor der ausdrücklichen Formulierung der Seinsfrage immer schon ein Verhältnis zum Sein hat. Die Seinsfrage ist deshalb nur die Radikalisierung einer generell zum menschlichen Dasein gehörigen Tendenz: dem von Heidegger sogenannten "vorontologischen Seinsverständnis".

Zusammenfassung des Ersten Kapitels:

Das 1. Kapitel trägt den Titel "Notwendigkeit, Struktur und Vorrang der Seinsfrage. Zunächst ging es Heidegger darum, die Leser überhaupt für die Frage nach dem Sein zu sensibilisieren, denn anders als zu Platons Zeiten wird diese Frage heute kaum noch als Problem empfunden. Dann wurden drei auf frühere Philosophen zurückzuführende "Vorurteile" über das Sein benannte: Das Sein sei der "allgemeinste Begriff", es sei "undefinierbar" und "selbstverständlich".
Den Menschen nennt Heidegger das "Dasein". Dieses Dasein ist dasjenige, was die Seinsfrage stellt, und was zugleich das Befragte ist.
Heidegger führt die Unterscheidung zwischen den Wörtern "ontologisch" (auf die Wissenschaft vom Sein bezogen) und "ontisch" (seiend, auf Seiendes bezogen) ein.
Heidegger führt ferner den Begriff der "Existenz" ein - damit meint er das Sein, zu dem das menschliche Dasein in einem Verhältnis steht. Also dasjenige Sein, zu dem ich in meinem Dasein mich so oder so verhalte, ist meine Existenz.
Das Dasein ist nie isoliert, sondern es ist immer schon eingebettet in die Welt. Deshalb kann das Dasein nur verstanden werden, wenn man auch sein Verhältnis zur Welt versteht. Umgekehrt ist eine Welt ohne Dasein für uns nicht vorstellbar. Grundlegender als alle Ontologien, die sich mit einzelnem Seienden beschäftigen, ist deshalb diejenige Ontologie, die das menschliche Dasein analysiert. Sie wird deshalb von Heidegger "Fundamentalontologie" genannt.

Heidegger hat den Vorrang des menschlichen Daseins vor allem anderen Seienden begründet: Der ontische Vorrang liegt in der Existenz begründet; der ontologische Vorrang beruht auf der wesenhaften Tendenz des Daseins, ein Verhältnis zur Welt und zum Sein zu haben.

Ich schlage vor, wir machen weiter mit Kapitel 2, "Die Doppelaufgabe der Seinsfrage - Die Methode der Untersuchung und ihr Aufriß". Dies ist ein sehr wichtiges Kapitel, wenn wir das "schaffen", werden wir schon sehr viel von Heidegger verstanden haben, und nicht nur von Heidegger. Die "Methode der Untersuchung" ist z.B. die Phänomenologie, und in diesem Kapitel wird ausführlich erläutert, was Phänomenologie ist. § 6, die "Destruktion der Geschichte der Ontologie", lieferte die entscheidende Anregung für den "Dekonstruktivismus" von Jacques Derrida. Und schließlich werden im "Aufriß" auch die geplanten, aber nie veröffentlichten Teile von "Sein und Zeit" umrissen - wir werden hier also Gelegenheit bekommen, über den fehlenden "2. Band" zu spekulieren.

§ 5 "Die ontologische Analytik des Daseins als Freilegung des Horizontes für eine Interpretation des Sinns von Sein überhaupt"

Titel und erster Absatz knüpfen direkt an das vorangegangene Kapitel an. Die Seinsfrage soll gestellt werden, und das menschliche Dasein ist dabei in erster Linie zu befragen. Nun geht es darum: WIE soll das Dasein zugänglich gemacht werden?

Vor allem zu beachten: Die Zeitlichkeit, die Heidegger hier einführt, und zwar deutlich hervorgehoben. Er schreibt: "Als der Sinn des Seins desjenigen Seienden, das wir Dasein nennen, wird die Zeitlichkeit aufgewiesen." - Heidegger nimmt hier also schon vorweg, was das Ergebnis seiner Überlegungen in "Sein und Zeit" sein wird - in der Folge wird es darum gehen, die Argumente zu sammeln und den Denkweg aufzuzeigen, der zu diesem Ergebnis führt.

Zeitlichkeit als Sinn des Daseins bedeutet: Die Zeit ist dasjenige, "von wo aus Dasein überhaupt so etwas wie Sein unausdrücklich versteht und auslegt". Sie ist der "Horizont des Seinsverständnisses".

Aber Heidegger macht auch klar, daß sein Zeitbegriff ein besonderer, philosophischer ist: Ausdrücklich will er diesen Begriff vom "vulgären Zeitverständnis" abgrenzen. Um den Unterschied hervorzuheben, will er die Zeitlichkeit des Sein "Temporalität" nennen. Was dieses Zeitverständnis vom "vulgären" unterscheidet, wird später zu sehen sein.

Kommen wir zu § 6, in dem es um die Ontologien von Aristoteles und Descartes geht.

"Die Aufgabe einer Destruktion der Geschichte der Ontologie" - was bedeutet das? Soll die Geschichte der Ontologie zerstört werden, und wenn ja, warum?

Heidegger versteht den Begriff "Destruktion" nicht ganz im Sinne der üblichen Übersetzung "Zerstörung", sondern parallel zu "Konstruktion" = "Aufbau". Also "Destruktion" heißt soviel wie "Rückbau". Wer "destruiert", zerstört nicht blindlings, sondern trägt Mauern ab wie ein Archäologe, um darunter verborgene Strukturen freizulegen.
Diese Methode wurde das Vorbild zum Dekonstruktivismus von Derrida. Wer sich für Derrida interessiert, sollte § 6 besonders genau lesen.

Warum also will Heidegger die Geschichte der Ontologie destruieren? - Weil die Ontologie in "Tradition" erstarrt ist. Um zu erklären, was er unter "Tradition" versteht, holt Heidegger sehr weit aus und beginnt bei der Geschichtlichkeit des Daseins überhaupt. "Das Dasein ist seine Vergangenheit." Dies klingt vielleicht etwas überraschend, aber beim näheren Nachdenken wird es ganz selbstverständlich: Wenn ich gefragt werde, wer ich bin, verweise ich auf meinen Lebenslauf - also auf meine Vergangenheit. Der Mensch ist kristallisierte Vergangenheit, er ist die Summe dessen, was er erlebt hat, bis hin zu den prägenden Erfahrungen seiner frühen Kindheit.

Zitat
Was aber meint Heidegger, wenn er (auf S. 20/§ 6) sagt: Unhistorisch kann ein Zeitalter nur sein, weil es geschichtlich ist?



Er meint hier etwas ähnliches wie wenn er später schreibt, schweigen könne nur jemand, der die Sprache hat. Ein Stummer kann nicht schweigen, weil er nicht sprechen kann. Verstehste?

Die Geschichtlichkeit des Daseins bewußt zu entdecken und zu pflegen ist "Tradition". Aber Tradition ist nicht ganz unbedenklich, denn der Mensch neigt dazu, ihr zu verfallen: Dann nimmt ihm die Tradition "die eigene Führung, das Fragen und Wählen ab."

Nun hat nicht nur jeder Mensch seine Geschichtlichkeit, sondern natürlich auch die Philosophie und die Seinsfrage. In dieser Hinsicht der Tradition zu verfallen bedeutet, sich von ihr den Ursprung der Seinsfrage überhaupt verstellen zu lassen.

Und aus diesem Grund will Heidegger die Geschichte der Ontologie destruieren, das bedeutet, ihre verhärtete Tradition aufzulockern, um wieder Zugang zu bekommen zu den "ursprünglichen Erfahrungen", aus denen die Seinsfrage erwachsen ist.

Um die Geschichte der Ontologie zu destruieren, wendet sich Heidegger jetzt Kant, Descartes und Aristoteles zu. Was er in § 6 schreibt, sollte eine vorausschauende Zusammenfassung auf den nichtgeschriebenen zweiten Teil von "Sein und Zeit" darstellen - man kann sich daraus also eine Vorstellung machen, was uns Lesern da entgangen ist, und zugleich kann man es (wenn man will) als Anhaltspunkt nehmen, um sich diesen ungeschriebenen Teil aus anderen Werken Heideggers zu Kant, Descartes und Aristoteles zu rekonstruieren.

Heidegger fragt, ob es in der Geschichte der Ontologie schon einmal einen Philosophen gegeben habe, der (wie Heidegger) die Interpretation des Seins mit dem Phänomen der Zeit verknüpft hat. Seine Antwort lautet: Kant ist der einzige, der ein Stück weit diesen Weg gegangen ist.

Heidegger kündigt an, Kants schwer verständliche Schematismuslehre durch die Frage der Temporalität zu erhellen (wie gesagt, sollte dies im nichtgeschriebenen zweiten Teil geschehen, deshalb soll es uns hier nicht weiter beschäftigen). Aber, so Heidegger, letztlich ist Kant an der Frage der Temporalität gescheitert, und zwar weil er hier der Tradition verfallen blieb, genauer gesagt der Philosophie Descartes', und zweitens dem "vulgären Zeitverständnis". Aus diesem Grund konnte Kant den entscheidenden Zusammenhang zwischen der Zeit und dem "Ich denke" nicht erkennen.

Was hat Heidegger nun gegen Descartes einzuwenden? - Er wirft ihm vor, die Seinsfrage versäumt zu haben. Descartes postulierte: "Ich denke, also bin ich", und erklärte es für eine absolute Gewißheit, daß ich "bin". Allerdings ließ er es völlig unbestimmt, was dieses "ich bin" eigentlich bedeutet. Außerdem trägt Descartes im Kern seiner vermeintlich neuen Philosophie die mittelalterliche und antike Ontologie mit sich, und deshalb muß die Destruktion der Ontologie sich vorrangig der Antike widmen. Dabei wird sich ergeben, daß die antike Ontologie sich wesentlich an der Zeit orientiert: Die griechischen Worte für "Sein", "parousía" oder "ousía", bedeuten eigentlich "Anwesenheit", sie haben also einen zeitlichen, auf die Gegenwart bezogenen Sinn.
Zum Zwecke dieser Destruktion der antiken Ontologie soll vor allem Aristoteles' Schrift über die Zeit untersucht werden, die das philosophische Zeitverständnis über Kant hinaus bis in die Moderne bestimmte (wie schon gesagt, sollte diese Interpretation im nicht geschriebenen zweiten Teil von "Sein und Zeit" erfolgen). Heidegger deutet aber hier schon den grundsätzlichen Irrtum der antiken Ontologie an: Sie behandelte die Zeit als ein Seiendes unter anderem, und sie wollte sie aus dem naiven, vor-philosophischen Seinsverständnis heraus erfassen.




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zuletzt bearbeitet 07.10.2011 10:14 | nach oben springen

#11

RE: Martin Heidegger

in Sachen gibt's - Sachbuch 07.10.2011 12:46
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge

Ja, wir hatten ja auch beschlossen, sehr langsam zu lesen.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens war von mir selbstredend nur ein Beispiel, worüber ich mir so Gedanken mache. Ich denke, es geht deutlich aus meinen Worten hervor, dass ich den Bezug zu Heidegger, was das Leben betrifft, nicht herstelle.

Gestern nacht überlegte ich also lange hin und her und kam zu dem Schluss, dass Heidegger, wenn er meint:

Zitat von Heidegger
Das Fehlen von Historie ist kein Beweis gegen die Geschichtlichkeit des Daseins, sondern als defizienter Modus dieser Seinsverfassung Beweis dafür. Unhistorisch kann ein Zeitalter nur sein, weil es geschichtlich ist.



… gar nicht so kompliziert denkt, wie ich, sondern einfach voraussetzt, dass weder historische noch unhistorische Zeitalter existieren könnten, ohne Geschichtlichkeit. Diese Definition ergibt sich also nur daraus, dass in uns Geschichtlichkeit ist. Eigentlich ganz einfach, ich war nur durch die Vorbemerkungen etwas verwirrt. Das deckt sich dann auch mit deiner Erklärung, Roquairol.

Im Hinblick auf Vorwissen und Parmenides finde ich auch, dass Heidegger es uns in dieser Hinsicht eher einfach macht (zumindest in der Einleitung.) Er springt nicht wie andere Philosophen einfach in die Materie hinein und setzt voraus, dass man bestimmte philosophische Werke bzw. Begriffe kennen sollte, sondern nimmt sich die Zeit, zu erklären. Das wird z. B. schön bei der Definition der Phänomenologie sichtbar.

Das Dasein passt sich nicht nur der Welt an oder legt sie aus ihren Bedingungen heraus aus, sondern verfällt also auch Traditionen. Das nimmt ihm die eigene Führung, das Fragen und Wählen ab. Kurz: es überlässt sich einem Seienden, ohne selbst Entscheidungen zu treffen. Eine Tradition aber übergibt nicht nur, sondern verdeckt auch, so Heidegger. Sie setzt Selbstverständliches voraus und verhindert, dass man sich mit dem Ursprung der Tradition beschäftigt. Und noch wichtiger: sie sorgt sogar dafür, dass der Mensch gar nicht die Notwendigkeit begreift, über die Tradition hinaus auf den Ursprung zu blicken. Damit entwurzelt sie die Geschichtlichkeit des Daseins.
Auch Kants reinen Vernunft haftet diese Tradition an, wie du ja auch schon sagst, Roquairol, warum er vieles von Descartes übernimmt und das Problem zwischen der Zeit und dem „Ich denke“ gar nicht erst entsteht.


Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 07.10.2011 13:17 | nach oben springen

#12

RE: Martin Heidegger

in Sachen gibt's - Sachbuch 07.10.2011 17:02
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo,

ich befinde mich immer noch in inneren Kämpfen und frage mich, was verstehe ich überhaupt von dem, was ich lese? Bei den Erklärungen der spez. Begriffe, verstehe ich die Bedeutung am besten, wenn sie in einer Sprache übersetzt werden, die ich verstehe, also die Vergleiche mit dem Wilber-Quadranten oben links für das "Dasein". Ich bin gar nicht in der Lage, Inhalte zusammenfassend wiederzugeben. Ich verstehe sehr oft ganze Sätze nicht, sogar Absätze nicht (na, ja, beim Königsberger Phiosophen wäre es noch arger). Wegen dieser Umstände kann ich nur vereinzelt Inhalte herausgreifen und fragen stellen.

Ich komme zum Begriff "Zeit" aus $5:

Was ist den daran so außergewöhnlich, dass man das Sein in der Welt mit der Zeit in Beziehung setzen muss. Dieses erscheint mir doch selbstverständlich, aber Heidegger schafft ein ganzes Buch daraus. Ich meine das wirklich nicht überheblich, sondern es geht um folgenden Satz:

Zitat von Heidegger
"Man grenzt ein >zeitlich< Seiendes...ab von >>unzeitlich<< Seiendes...



Es ist doch wirklich jedem einsichtig, das Vorgänge in der Natur oder z.B. auch in der Geschichte von Zeitabläufen bestimmt sind. Ich meine, neu ist das nicht.

Was mir nicht klar ist, was meint Heidegger mit "vulgärem Zeitverständnis?"

Zu Heideggers Kritik an Decartes' "Ich bin". Ich habe wirklich keinen Schimmer, wie man dieses "Ich" nun definieren sollte. Ist es mein inneres Dasein? Dieses Ichgefühl kommt doch von innen (bzw. unser Gehirn schafft unser Ichgefühl).

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 07.10.2011 17:04 | nach oben springen

#13

RE: Martin Heidegger

in Sachen gibt's - Sachbuch 07.10.2011 17:53
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge

Hallo Martinus,

Zitat von Martinus
Bei den Erklärungen der spez. Begriffe, verstehe ich die Bedeutung am besten, wenn sie in einer Sprache übersetzt werden, die ich verstehe, also die Vergleiche mit dem Wilber-Quadranten oben links für das "Dasein". Ich bin gar nicht in der Lage, Inhalte zusammenfassend wiederzugeben.



... darum erschließen wir einfach alles Schritt für Schritt. Was ich versuche, ist ja das Übersetzen anhand von Beispielen, wie ich Heidegger begreife. Zusammenfassen wäre in dieser Hinsicht auch zu einfach.

Zitat von Martinus
Es ist doch wirklich jedem einsichtig, das Vorgänge in der Natur oder z.B. auch in der Geschichte von Zeitabläufen bestimmt sind. Ich meine, neu ist das nicht.


Dass du in der Einführung vieles als selbstverständlich betrachtest, liegt daran, dass Heidegger noch nicht so sehr die eigene Ansicht vertritt, sondern vielmehr das Gegebene zusammenfasst, was auch die Vorurteile beinhaltet, das was feststeht, usw. Der Zusammenhang von Sein in der Zeit ist nicht das, worauf Heidegger hinauswill, sondern dass Sein Zeit ist, also Zeit nur durch Sein besteht, der Horizont jedes Seins ist. Du gehst ja davon aus, dass, wenn du nicht existierst und die Menschheit gleichfalls nicht, die Zeit irgendwie (so wie wir sie begreifen) weiterläuft. Nach Heidegger ist das aber nicht der Fall, sondern Zeit hat dann keine Bedeutung. Kurz: ohne Dasein kein Zeitverständnis. Dasein ist zeitlich. Darum empfinden wir auch bestimmte Dinge, Ereignisse, Entwicklungen als (zeitlich) bedeutend oder unbedeutend.

Auch darfst du das „Ich“ nicht buddhistisch sehen, sondern ganz herkömmlich betrachten. Du muss also das „Ich“ gar nicht so sehr hinterfragen. Wenn er sagt „Ich bin“ ist das „bin“ zu hinterfragen. Das „Ich“ steht für das Subjekt, von dem ausgegangen wird, also du als Mensch, der ist.

Das vulgäre Zeitverständnis ist die Auffassung von der Zeit in Jetzt-Momenten oder Jetztpunkten, die aber voneinander getrennt betrachtet werden, als nacheinander geschehend. Wir erleben immer das Jetzt als Moment und in Verbindung mit dem Raum, Heidegger sagt dagegen, dass alles fließend ineinander verläuft (seine Auffassung von Transzendenz), wir ständig in Zukunft und Vergangenheit pendeln, um das Jetzt überhaupt (in unseren Möglichkeiten) bestimmen zu können.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 07.10.2011 18:32 | nach oben springen

#14

RE: Martin Heidegger

in Sachen gibt's - Sachbuch 07.10.2011 21:20
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine


Dass du in der Einführung vieles als selbstverständlich betrachtest, liegt daran, dass Heidegger noch nicht so sehr die eigene Ansicht vertritt, sondern vielmehr das Gegebene zusammenfasst, was auch die Vorurteile beinhaltet, das was feststeht, usw.


Ja, wir stehen ja noch am Anfang. Vielen Dank für deine Erläuterungen.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#15

RE: Martin Heidegger

in Sachen gibt's - Sachbuch 07.10.2011 23:20
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Hallo Martinus,

das finde ich gerade so faszinierend bei Heidegger: Ganz egal, welches Buch von ihm man in die Hand nimmt, was er auf den ersten Seiten schreibt erscheint völlig selbstverständlich, geradezu banal. Aber wenn man dann zu Seite 100 blättert, versteht man kein Wort mehr ... Wenn man jedoch kontinuierlich vom Anfang bis Seite 100 liest und die Gedanken Schritt für Schritt nachvollzieht, ist Seite 100 wiederum genauso klar wie Seite 1 ...

Zitat

Was mir nicht klar ist, was meint Heidegger mit "vulgärem Zeitverständnis?"



Das muss dir an dieser Stelle eigentlich auch nicht klar sein, denn Heidegger ist hier ja noch bei der Ankündigung dessen, was er im weiteren Verlauf des Buches vorhat. Nur soviel: Das "vulgäre Zeitverständnis" ist das, was man normalerweise darunter versteht. Die Frage muss also eigentlich sein, was Heideggers Begriff der Zeitlichkeit im Gegensatz zum "vulgären Zeitverständnis" bedeutet. Dies wird sehr viel später klar werden (so etwa ab S. 400 ...) - hier sei nur angedeutet, dass ein wesentliches Moment dabei das Bewusstsein des Menschen von seiner eigenen Sterblichkeit ist.




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