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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#166

RE: Martin Heidegger

in Sachen gibt's - Sachbuch 17.05.2012 19:38
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Es geht weiter mit § 50 "Die Vorzeichnung der existenzial-ontologischen Struktur des Todes".

Zunächst blickt Heidegger wieder zurück auf die vorangegangene Analyse, aus der sich die Existenz, die Faktizität und das Verfallen als die fundamentalen Seinscharaktere des Daseins ergeben hatten. Das Sein zum Tode soll sich nun aus diesen Charakteren her bestimmen lassen.

Zunächst wird gefragt, wie sich am Phänomen des Todes Existenz, Faktizität und Verfallen enthüllen. Heidegger erinnert daran, daß der Tod nicht als Vorhandenes, nicht als ein "Ausstand" gesehen werden darf. "Das äußerste Noch-nicht hat den Charakter von etwas, wozu das Dasein sich verhält." (S. 250) Das ist ein wichtiger Punkt, der uns daran erinnert, daß Heidegger mit "Tod" und "sterben" nicht das meint, was es im alltäglichen Sprachgebrauch meistens bedeutet. Der Tod ist für Heidegger etwas, zu dem wir uns verhalten, so lange wir leben! Auch das "Sterben" zieht sich durch unser ganzes Leben - was damit sonst meistens gemeint ist, nennt er ja "ableben".
"Mit dem Tod steht sich das Dasein selbst in seinem eigensten Seinkönnen bevor. ... Der Tod ist die Möglichkeit der schlechthinnigen Daseinsunmöglichkeit. So enthüllt sich der Tod als die eigenste, unbezügliche, unüberholbare Möglichkeit." (S. 250)
Also der Tod konfrontiert das Dasein mit seinen Möglichkeiten auf die reinste und unmittelbarste Weise - weil er selbst eine Möglichkeit ist, und zwar die Möglichkeit, die mir kein anderer abnehmen kann. Sie hat keinerlei Bezüge zu anderem Dasein, und sie ist "unüberholbar" (weil danach keine weiteren Möglichkeiten mehr kommen).

Das Sein zum Tode als ein "Bevorstand" wurzelt darin, daß das Dasein "sich vorweg" ist. Nur weil ich mir in Gedanken voraus bin, ist mir der Tod als eine Möglichkeit bewußt. Das Sein zum Tode wurzelt also in der Sorge. Umgekehrt hat die Sorge "im Sein zum Tode seine ursprünglichste Konkretion". (S. 251)

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Zusammenhang von Tod und Angst. Das Kapitel über die Angst erweckt den starken Eindruck, daß dort etwas "fehlt" - Heidegger hat dort jeden Hinweis auf den Tod vermieden, weil es erst jetzt um dieses Thema gehen soll. Und nun wird deutlich, worum es in der "Angst" eigentlich geht: "Die Geworfenheit in den Tod enthüllt sich ihm ursprünglicher und eindringlicher in der Befindlichkeit der Angst." (S. 251)
Heidegger betont, daß die Angst vor dem Tod nicht mit der Furcht vor dem Ableben verwechselt werden darf. (Da die Angst wesentlich zum Dasein gehört, sollte uns also der öfters zu hörende Satz "Ich habe keine Angst vor dem Tod, nur vor dem Sterben" dann wohl verdächtig erscheinen.)

"Das Dasein stirbt faktisch, solange es existiert, aber zunächst und zumeist in der Weise des Verfallens." (S. 251f.) - Also das Dasein ist zwar Sein zum Tode, es will aber meistens (im "Verfallen") davon nichts wissen und verdrängt dies. Das Dasein flüchtet vor dem Tod, aber das ändert nichts daran, das es Sein zum Tode ist.




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#167

RE: Martin Heidegger

in Sachen gibt's - Sachbuch 17.05.2012 20:03
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge

Hier dann auch meine Gedanken zu den bereits genannten und nächsten Paragraphen:

§ 49
In der Fußnote zu diesem Paragraphen weist Heidegger darauf hin, dass die christliche Theologie bei der Interpretation des Lebens immer schon den Tod mitgesehen hat und zitiert W. Dilthey: „Und das Verhältnis endlich, welches am tiefsten und allgemeinsten das Gefühl unseres Daseins bestimmt – das des Lebens zum Tode, denn die Begrenzung unserer Existenz durch den Tod ist immer entscheidend für unser Verständnis und unsere Schätzung des Lebens“.

Der Tod ist in vielen Aspekten zu betrachten, allerdings wird er im Diesseits behandelt, was bei Heidegger wohl kaum verwunderlich ist. Über ein Nach-dem-Tod könnte man nur sprechen, wenn man den Tod ganz erfasst oder doch zumindest in seinem vollen ontologischen Wesen begriffen hätte.


§ 50
Tod lässt sich aus den Charakteren des Daseins bestimmen. Das waren Existenzialität (sich vorweg sein), Faktizität (schon sein in) und Verfallensein (im Sein bei). Auch an Existenz, Faktizität und Verfallen des Daseins enthüllt sich das Phänomen des Todes.
Zu-Ende-sein ist Sein zum Ende.
Das äußerste Noch-nicht hat den Charakter von etwas, wozu das Dasein sich verhält.
Das Ende steht dem Dasein bevor. Tod ist also kein Ausstand, sondern ein Bevorstand.

Dasein ist immer schon in die Möglichkeit des Todes geworfen. (251) Dass es seinem Tod überantwortet ist und dieser somit zum In-der-Welt-sein gehört, davon hat das Dasein zunächst und zumeist kein ausdrückliches oder gar theoretisches Wissen.
Die Geworfenheit in den Tod enthüllt sich ihm in der Angst.
„Angst vor dem Tode ist Angst „vor“ dem eigensten, unbezüglichen und unüberholbaren Seinkönnen.“
Das Wovor dieser Angst ist das In-der-Welt-sein, das Worum das Sein-können des Daseins schlechthin. „Sie ist (…) als Grundbefindlichkeit des Daseins, die Erschlossenheit davon, dass das Dasein als geworfenes Sein zu seinem Ende existiert.“
Darum kann man diese Angst auch nicht mit Furcht vor dem Sterben verwechseln. Wir sehen ganz einfach, dass unser Leben grundsätzlich und unabänderlich den Tod zur Folge hat.
Wir werden unfreiwillig in die Welt geworfen und unfreiwillig wieder aus ihr hinauskatapultiert. Dass wir darüber keine Macht haben, dass macht unsere Angst aus. Sie ist also keine bloße Emotion, sondern Grundbefindlichkeit.
Dasein flüchtet also wieder ins Man vor dem eigensten Sein zum Tode.

§ 51
Wie aber zeigt sich das Sein zum Tode in der Alltäglichkeit und im Man?
Der Tod begegnet uns dort als bekanntes, innerweltliches, vorkommendes Ereignis. Todesfälle geschehen tagtäglich, stündlich, in jeder Sekunde. Er ist also so häufig vertreten, dass er kaum noch auffällt. Darum begegnet er eher als Unauffälligkeit. Das Man weiß anhand dieser normalen Vorfälle, dass es am Ende auch einmal sterben wird, aber im Augenblick ist es noch unbetroffen. Da der Tod noch nicht vorhanden ist, ist er auch nicht bedrohlich.

Die Täuschung und Verdeckung des Todes im Man wird durch das Miteinandersein deutlich, wenn dem Sterbenden eingeredet wird, er würde dem Tod entgehen und wieder in seine Alltäglichkeit zurückkehren. Solche Fürsorge soll trösten, während sie sowohl dem Sterbenden als auch dem Tröstenden die eigenste, unbezüglichste Seinsmöglichkeit (den Tod) verhüllt. Heidegger verweist auf Tolstoi und seine Erzählung „Der Tod des Iwan Iljitsch“ und auch in unserem „Literatur und Tod – Ordner“ kam das bereits zu Sprache, dass der Tod in der Öffentlichkeit eine Unannehmlichkeit darstellt, etwas was man verbergen will und was die Anderen stört. Tod muss verdeckt werden, löst Unsicherheit, Furcht und Feigheit aus. „Das Man lässt den Mut zur Angst vor dem Tode nicht aufkommen.“ Sie wird ständig unterdrückt. Hier wird besonders schön deutlich, warum Angst als Grundbefindlichkeit gesehen werden muss, die unbestimmt ist. Wir sind nicht permanent angstvoll, sondern sie macht das Dasein aus und ist wichtig für dieses. Das Man kehrt die Angst in eine Furcht um. Und diese Furcht wird wiederum von der Öffentlichkeit im Sinne des Todes als Schwäche ausgelegt, wo Stärke und Selbstsicherheit erwartet wird. Man soll ruhig bleiben, sich still verhalten - (schöne Beispiele dafür finden sich auch in Aries‘ „Geschichte des Todes“) -, was dann wiederum das Dasein seinem eigensten Seinkönnen entfremdet.
Das alltägliche Sein zum Tode ist also eine ständige Flucht vor dem Tod. Dass Dasein immer schon stirbt, diese Tatsache wird unter der Allgemeinheit der Todesfälle verborgen.
Im Grunde geht es auch dem Man ständig um das Sein zum Tode, nur im Modus der Gleichgültigkeit.

§ 52
Wenn Man sagt: „man stirbt auch einmal, aber vorläufig noch nicht“, dann zeigt sich in diesem alltäglich Gesagten und Gemeinten die Gewissheit über den Tod. Niemand stellt in Frage, dass er stirbt.

Wir hatten gesehen, dass Dasein als „erschlossen-erschließendes und entdeckendes Seiendes wesenhaft „in der Wahrheit“ ist. Gewissheit gründet in der Wahrheit und gehört zu ihr.
In der Alltäglichkeit weiß man um den gewissen Tod, ist seiner aber doch nicht gewiss. Wessen sich das Dasein gewiss ist, das möchte es gleichsam verdecken.
Dasein kennt die Gewissheit des Todes, weicht dem Gewiss-sein aber aus.
(258) „So verdeckt das Man das Eigentümliche der Gewissheit des Todes, dass es jeden Augenblick möglich ist. Mit Gewissheit des Todes geht die Unbestimmtheit seines Wann zusammen.“
Trotzdem kann man auch nicht sagen, dass Dasein sich erst mit dem Eintreten des eigenen Todes den Tod vor Augen führt.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 17.05.2012 20:08 | nach oben springen


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