Die Privatbibliothek - ein Auslaufmodell

Heute 18:18
#1
avatar

Gerade habe ich mir die siebenbändige Leseausgabe von Conrad Ferdinand Meyer für 150 Euro selbst geschenkt; denn ich bin ein großer Liebhaber der sogenannten deutschsprachigen Realisten des 19. Jahrhunderts; von Gottfried Keller, Theodor Storm, Theodor Fontane, Wilhelm Raabe, Fritz Reuter, Otto Ludwig, Jeremias Gotthelf, Karl Franzos, Gustav Freytag, Karl Gutzkow, Marie von Ebner-Eschenbach, Adalbert Stifter, Friedrich Gerstäcker, Charles Sealsfield, Ferdinand von Saar und eben auch besonders von C.F. Meyer, der als Lyriker unterschätzt wird nach wie vor und dessen historische Novellen und Erzählungen zu oft nur als solche gelesen werden und nicht als das, was sie sind, reine große Literatur nämlich. Bislang besitze ich von ihm nur die zweibändige Ausgabe aus der verdienstvollen Reihe Verlages Bibliothek deutscher Klassiker (BDK) des Aufbau-Verlages aus DDR-Zeiten; aber mit der Aufnahme von „Jürg Jenatsch“, dem einzigen Roman, ist schon der Platz limitiert, als dass alle Gedichte oder Novellen enthalten sein könnten. Daher ist es höchste Zeit für die Werkausgabe und ich rechne es mir schon hoch an, dass ich nicht die 15 Bände „Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe“ für 500 Euro geordert habe.

Aber diese Bestell-, Lese- und Lebensvorgänge tun doch dar; was sich auf diese Art und Weise in fünf Jahrzehnten für Büchermassen ansammeln können. Als Kind und Jugendlicher habe ich wohl auch ein eigenes Regal für meine Bücher gehabt, aber letztlich sind die meisten dieser später in der elterlichen Bibliothek aufgegangen. Meine wirklich eigene begann erst nach dem Abitur und meinem „Auszug“ aus dem Haus zu entstehen, als ich zum Studium nach Halle und Jena ging. In meiner ersten eigenen Wohnung in Gera während des Referendariats erinnere ich mich bereits zweier berstender Bücherregale, die folgenden fast zehn Umzüge wurden es immer mehr Bücher und Regale, bis es irgendwann in die vielen tausenden und mehrere Dutzend ging und ich nicht mehr gezählt habe, nicht die Bücher, nicht die Bücherkisten bei Umzügen und nicht die Schweißperlen bei der Plackerei des Schleppens die Treppen rauf und runter.

Irgendwann muss ich unbedingt die Geschichte meines Lektüre- und Leselebens schreiben; meine Bücherbiografie; aber nicht jetzt und hier und heute; sondern ferner und hoffentlich noch vor meinem Abscheiden aus diesem irdischen Jammertal. Jetzt möchte ich eigentlich nur in Anlehnung an meinen engen Freund Umberto Eco das fortspinnen, was er in seinem amüsanten Text „Wie man eine Privatbibliothek rechtfertigt“ darlegt. Eco selbst besaß ja viele zehntausend Bücher, die er in seiner Mailänder Stadtwohnung und verschiedenen Landsitzen stehen hatte in wohlgeordneten und gepflegten Bibliotheken. Der Mann war aber auch wohlhabend seit dem Erfolg seines ersten Romans und brauchte sich um Geld und Platz und Zeit nicht zu sorgen. Wir kennen einen bescheideneren Wunsch ja von Arno Schmidt:

„Freilich, wenn man Geld hätte ...... Ich wüßte es jetzt schon richtig anzuwenden: ein winziges Häuschen in der Heide (achttausend höchstens; nicht wie diese Bausparkassen, die mit Zwanzigtausend um sich werfen, als wär’s ein bloßer Silbenfall); im Ställchen eine Isetta; Eintausend erlesene Bücher: einmal in aller Ruhe die ‹Insel Felsenburg› durchgehen können, den ‹Nachsommer›, oder Lessing von A bis Z; zur Nacht ein richtiges Bett zum Drinniederlegen (nicht mehr dieses dürre indianerrote Gestelle von Schlafcouch!); nichts mehr ums liebe Brot schreiben zu brauchen, keine ‹experimentelle Prosa› mehr, keine feinsinnigen ‹Essays›, keine ‹Nachtprogramme›; an Uhren werden nur die lautlosen geduldet, die mit Sand und Sonne, oder höchstens im Korridor eine alte Standuhr, die alle Ewigkeiten, nachdem man vieles und vielfältiges gedacht hat, vor sich hin ‹Mnja› sagen. Den Mond untergehen sehen, über Wieseneinsamkeiten, ganz rot würde das silberne Wesen geworden sein, wenn es einsank in Dunstband und Kiefernborte ...“

Was Bücher und Bibliotheken von normalen, durchschnittlichen Privatsammlern wie mir angeht, mache ich mir wenig Illusionen und daher ist es mir klar, dass es wenig Sinn hat, über den eigenen Tod hinauszudenken und sich Sorgen um den Fortbestand zu machen. Sie gehören als geistiger und emotionaler Besitz zu uns Büchernarren und nicht unseren Nachfahren oder Erben; man kann sie in dem Sinne gar nicht vermachen, weil sie heutzutage für andere eine Last sind und in ihrem Gehalt nur schwer nachzuvollziehen. Schon für einen selbst ist das ein stetiger Balanceakt und im Grunde schon gar nicht mehr zu stemmen: Das Leben mit einer großen Privatbibliothek ist bei normalen und also durchschnittlichen Vermögensverhältnissen in der Mietwohnung einer größeren Stadt überhaupt nicht mehr bezahlbar; ich selbst bräuchte wenigstens 120 bis 150 Quadratmeter, da zahlt man warm in einer Stadt wie Jena locker 2000 Euro monatlich. Aber auch ein normales Einfamilienhaus auf dem Lande böte bei Weitem nicht genug Platz bei normaler Größe und normalem Schnitt. Man hat als Besitzer einer Privatbibliothek mit schmalem Geldbeutel also lediglich die Möglichkeit, in den hintersten Winkeln der Provinz, auf dem platten Land oder hinter den sieben Bergen im tiefen Wald ein altes Haus mit einigem Gelass für ein Butterbrot und ein Ei zu erwerben, um dann weitab von jeder Zivilisation und urbanen Kultur sein Leben in aller Stille mit seinen Büchern zu fristen. In meinen bibliomanischen Hochzeiten haben meine Eltern und ich in unserem ererbten verwinkelten Bauernhaus sechs Räume mit unseren Bücherschätzen belegt, drei davon fast ausschließlich als reine Bibliothek mit Regalen an allen vier Wänden bis zur Decke angelegt. Das war und ist ein traumhafter Zustand, bezahlt durch den Verlust einer jeden Infrastruktur, eine Autostunde von jeder größeren Stadt entfernt, inmitten einer eher bildungsfernen und wenig an Kultur interessierten indigenen Landbevölkerung.

Bei meinem vorletzten und neunten Umzug hatte ich mir jedenfalls geschworen, nie wieder ein Buch zur Hand zu nehmen und in Kisten zu räumen; sie sollten stehen bleiben, wo sie standen und mir beim Älterwerden und Sterben zusehen. Dann drehte mir das Leben mal wieder eine Nase und führte mir Hagestolz mit deutlich über vierzig Jahren ein Weib zu, das es mit mir versuchen wollte, meinen Antrag annahm und mit dem ich einen eigenen Hausstand 100km weit weg gründen würde. Und also doch wieder wurde das Problem meiner Privatbibliothek, die ich natürlich nicht lassen konnte, sie ist ja ein Teil von mir, virulent. Das Haus in der Kleinstadt ist nicht eben groß und dass ich ein paar tausend CDs und vielleicht 2000 Bücher dort unterbringen konnte, grenzt schon an ein Wunder und verdankt sich dem handwerklichen und logistischen Geschick meiner Gattin. Aber was ist nun mit den vielen tausend anderen Büchern, die nun in unserem Landsitz einsam und verlassen in den Regalen stehen und frieren?

Ich habe mich ja schon so oft bemüht, die Bibliothek auszudünnen und auszumisten; wie oft habe ich versucht, in den großen Ferien etwa, meine Bibliothek umzusortieren, umzuräumen – sie zu straffen, zu verknappen, auf eine unumgängliche Essenz hin zu melken. Der Wunsch steigerte sich von Umzug zu Umzug; wer einmal hunderte Bücherkisten meist über mehrere Etagen hinweg geschleppt hat, der weiß, was ich meine! Im Ganzen habe ich auch wirklich über 2000 Bände bereits an öffentliche Bibliotheken gegeben oder anderweitig entsorgt. Man stelle dich das ja nicht leicht vor: Kein Antiquariat freut sich über Offerten und die meisten wollen nicht einmal geschenkte Bücher nehmen. Die haben in ihren Lagern auf Halde zehntausende und bis auf die raren Filetstücken ist der Markt tot. Ganz oft rufen Leute an und verschenken Privatbibliotheken von 5000 Bänden und mehr, aber selbst dann übernimmt nur noch selten ein Antiquar alles; er sucht sich das wenige Exquisite, Seltene, Teure aus; das Meiste landet auf der Müllhalde. Dieses Schicksal wird allen größeren Privatbibliotheken blühen, meiner sowieso und zum Beispiel auch der meiner Eltern. Wenn diese vor mir gehen sollten, suche ich sicher das eine oder andere Buch heraus; ansonsten aber vermache ich deren Bibliothek willigen Einrichtungen oder schaffe sie gleichfalls auf die Müllhalde. Ich wäre weder zeitlich noch körperlich noch seelisch in der Lage; Tage, Wochen oder Monate mit Sichten, Sortieren, Aussondern etc. zu verbringen; das ginge zu sehr an die Substanz.

So stellt man sich also mit dem festen Vorsatz vor seine Bücherwände, alles auszusortieren, was man nicht mehr braucht, was man aller Voraussicht nach nie wieder in die Hand nehmen wird, im Wissen darum, dass das Ausgesonderte einen elenden Tod auf der Müllkippe oder einen unehrenhaften im Ofen zu sterben verurteilt ist. Zunächst, mit der Euphorie des Anfangs, des Beginnens, klappt das ganz gut – aber schon nach zehn Minuten verraucht der große Zorn und stockt die große Arbeitswut: Sicher, lesen wird man diese alte Darstellung der indischen Literatur in diesem Leben nicht mehr, aber hat man nicht jüngst in einer Fernsehdokumentation einen interessanten Namen erwähnen hören, den man hier hätte auch nachschlagen können? Sicher, man hat inzwischen bessere Ausgaben von Fontane, aber die hier hat man zuerst gelesen, da hängen Erinnerungen dran; das da ist ein Geschenk eines Freundes, das ein Zufallsfund in einem Winkelantiquariat und so weiter und so fort. Es gibt tausend Gründe für tausend Bücher, ihnen eine weitere Aufenthaltsgenehmigung nicht zu versagen. Am Ende der ersten Gehversuche beim Entkernen der Biblothek sind es vielleicht zwanzig oder dreißig Bücher meiner 1000-bändigen Hand- bzw. Präsenzbibliothek, die da plötzlich durch ihren Landesherren ihrer Regalien verlustig gingen; aber auch die landeten nicht beim Antiquar oder gar auf dem Hausmüll, sondern wanderten lediglich in die Regale der elterlichen Bibliothek und wenn es brutal hart wurde, in die vielen diversen Kisten auf dem ausgebauten Dachboden.

Bücher haben eine Seele und verborgte kommen nicht wieder, heißt es – wie um Himmels Willen sollte man da eines seiner adoptierten Kinder seiner Heimstatt verweisen? Ich vermag es nicht, aber wo ist die Grenze zwischen Sammelleidenschaft und dem Messie-Syndrom? Bis heute versuche ich die Bücher zurückzuerlangen, die ich Freunden und Bekannten überlassen habe in Anfällen der Ausmistwut; natürlich nicht durch Raub und Diebstahl und Mord, wie es andere Büchervernarrte vor mir taten und damit in die Kriminalgeschichte eingingen; aber doch durch erneuten Erwerb, oft genug nach jahrelangen Suchen in Antiquariaten und auf Flohmärkten. Immer habe ich diese Phasen bereut, haben mich die weggegebenen Bücher gereut; mein Gewissen lastete schwer auf mir, weil ich gab und weil ich wieder nahm. Schwer fiel mir eine Trennung nur nicht bei wahllosen Massenanschaffungen der frühen Neunziger, als nach der Wende diverse Anbieter Meterware zu unglaublichen Preisen verschleuderten und man sich einfach nicht zügeln konnte, die Enzyklopädien, Lexika, mehrbändigen Geschichtswerke oder billig aufgemachten Werkausgaben der Klassiker zu erstehen, die einem bald die Regale und Augen verstopften. Auch die Übernahme von fremden Sammlungen habe ich meist vermieden; nur einmal gelangte über meine Eltern die eines befreundeten Hallenser Professors in unsere heiligen Hallen, aber ich hätte niemals eine Beziehung zu diesen fremden Büchern aufbauen können; ich behielt nur ein paar von mir selbst schon sehr lange gesuchte Stücke und gab die große Masse ohne Not und Reue ab.

Meine praktische Frau sagt immer tröstend zu mir, wenn ich gerade einem Buch nachweine, dessen ich natürlich immer gerade nicht habhaft werden kann; ich solle mir die wichtigsten herstellen. Aber wie soll ich wissen, was die wichtigsten sind? Also sprach ich zu ihr:

"Mein lieber Schatz, als Buchliebhaber und Besitzer einer großen Bibliothek ist man; sollte man sich z.B. wegen Umzugs in eine kleinere Wohnung von Büchern trennen müssen, leider völlig außer Stande zu sagen, welche von ihnen man am Dringendsten braucht und deshalb mitnehmen möchte. So eine Privatbibliothek führt ja mit ihrem Besitzer ein Eigenleben, das sich dem Verständnis eines normalen Menschen entzieht. Momentan beschäftige ich mich wieder mit Hölderlin, lese seine Werke, aber auch Sekundärliteratur und aus der Bibliothek entliehene Monografien. Das wird eine Weile währen und dann wieder auslaufen; aber ich würde diese Bücher nicht weggeben wollen. Ich stand vorhin zufällig vor dem Regal mit der spanischsprachigen Literatur und mein Blick fiel auf Jorge Luis Borges, der mir sehr viel bedeutet als Autor und als Teil meiner Lektürebiografie – ich hatte ihn im Umkreis der ersten beiden Romane von Umberto Eco kennen- und lieben gelernt und ihn viele Jahre intensiv gelesen. Inzwischen hatte ich die Bände sicher von den Umzügen abgesehen fünf Jahre nicht in der Hand und es ist nicht ausgeschlossen, dass sie weitere fünf unbenutzt stehen bleiben. Aber ich bin ganz sicher, der Tag wird kommen; dass ich sie freudig in Händen halte und in ihnen blättere oder sogar eine längere Lesung ihren Ausgang nimmt.

Einmal habe ich Platz gebraucht für meine Wagner-CDs und daher ein Regal ins Auge gefasst, das ich kaum mehr zu frequentieren schien; mit Reclam-Ausgaben von Dichtern, Interpretationssammlungen; Mediävistik. Also räumte ich die Bücher in eine Umzugskiste und stellte sie weg - aber was geschieht: Ich suche plötzlich Hofmannsthals „Andreas“ und stelle fest, dass ich den lediglich als Reclam-Ausgabe habe und in keiner anderen Edition; dann brauche ich das Bändchen mit Gedichten an und über Hölderlin und schließlich benötigte ich Deutungen zu Lyrik von Georg Trakl und Rilke, auch in diesem Regal gestanden. Und da rede ich noch nicht von verschiedenen mittelhochdeutschen Epen, die ich eben auch Richard Wagners wegen einsehen musste. Wenn das nun kein unbewusster Vorgang war, so machte mir das wieder einmal deutlich; dass meine Bücher eben nicht nur Jahre und Jahrzehnte gelagert werden und Miete pro Quadratmeter fressen und also Standgebühr kosten, wie ein Freund und bekennender Buchfeind und Naturwissenschaftler meinte, sondern tatsächlich gebraucht werden und mit mir leben.

Zuweilen muss man eben Jahre oder Jahrzehnte warten, um die Frage nach dem Sinn einer Privatbibliothek beantworten zu können. Als ich einmal zu Pfingsten in der Semperoper mit dir, meiner Gemahlin, die „Missa Solemnis“ von Beethoven sah und hörte, bereitete ich mich mit umfangreichen Hörsitzungen (habe selbst acht unterschiedliche Aufnahmen) darauf vor und lese natürlich auch im Internet. Da mir Wikipedia und andere Seiten zu flach waren und ich auch nichts Neues kaufen wollte, stöberte ich in meinem doch recht überschaubaren Musik-Regal und siehe da, fällt mir doch ein zerfleddertes und vergilbtes Reclambuch aus dem Jahre 1975 in die Hände, das in Beethovens Schaffen einführt und auch ein prächtiges Kapitel zu dieser größten aller Messen nach Bach enthält. Ich habe mich gleich in den Stil des Autors verliebt und so auch den Rest des Buches gelesen. Herrlich, diese Verknüpfung sozialistischer Musikwissenschaft und bürgerlicher Schreibe … solche Funde macht man nur in einer Privatbibliothek beträchtlicher Ausmaße …

Der Sinn einer großen Privatbibliothek besteht demnach nahezu ausschließlich in der Potentialität, im man könnte; also der Möglichkeit, jederzeit und immer und relativ zeitnah Zugriff auf ein Buch zu haben, dessen Besitzes man sich zwischen den eigenen Regalen erfreut; wobei sich das im Ganzen nicht mathematisch berechnen, statistisch erfassen und ökonomisch korrekt in einer Kosten-Nutzen-Tabelle festhalten lässt. Wenn man anfängt, über Standgebühren für tausende Bände in der eigenen Wohnung nachzudenken, hat man schon verloren, dann ergibt alles keinen Sinn. Es gibt keinen Faktor, der besagt, ab wann sich wieviel Bücher lohnen oder rechnen; sobald man so herangeht, wird das irrationale Moment evident. Was also sind die Bücher, die ich am Dringendsten brauche, mein lieber Schatz? Alle natürlich oder keine, dazwischen gibt es nichts! Ich war unlängst nur einen knappen Tag bei mir daheim auf dem Landsitz meiner Vorfahren und trotzdem habe ich wenigstens mit einem halben Dutzend verschiedener Bücher zu tun gehabt, habe sie gebraucht, in ihnen nachgeschlagen, ein Bild gesucht, eine bibliografische Angabe überprüft, ein Zitat verifiziert, darin richtig gelesen. Das waren Bücher aus dem Bereich deutsche und russische Literatur, Literaturgeschichte, Geschichte der Reformation; ein Bildband zu einem Künstler, ein Lehrbuch Deutsch und eine Darstellung zur Philosophie des deutschen Idealismus. Wenn ich die nun nicht zur Hand gehabt hätte, was dann? Vieles findet man inzwischen im Internet; sicher; aber eben längst nicht alles und schon gar nichts mit Bezug zur eigenen Lesebiografie und richtig lesen über Stunden will ich am Schreibtisch, im Lesesessel, auf dem Sofa oder am liebsten im Bett; nicht vor dem flimmernden Bildschirm des Computers.“


So also sprach ich zum besten Eheweib von allen und dieses verstand mich und dann auch wieder nicht. Immerhin weiß meine weitaus bessere Hälfte ganz genau, wie meine Wahl - gezwungen, mich zwischen den Büchern und ihr zu entscheiden - ausfiele. Aber würde sie mich nie vor diese stellen; denn man soll Gott den Herrn nicht versuchen. Und einen manischen Büchersammler und Büchernarren gleich gar nicht.


 Antworten

 Beitrag melden
Heute 19:26
avatar  Taxine
#2
avatar
Admin

Deine schönen Gedanken zur eigenen Bibliothek wecken in mir gleich mehrere Assoziationen und Erinnerungen. Einmal musste ich an Julien Green denken, der in seinen Tagebüchern sehr oft über seine, ich glaube, über 15.000 Bücher reflektierte, vor allem dann, wenn er gezwungen war, umzuziehen, oder in den Zeiten, in denen er sich mit dem eigenen Tod beschäftigte und sich fragte, was aus dieser Sammlung werden würde, wenn er nicht mehr war, die ihm so am Herzen lag. Natürlich kenne auch ich das Dilemma, meine Bücher transportieren zu müssen, denn sie sind meine Welt und haben mich einiges an Kraft und Knochenarbeit gekostet, nicht nur im Umzug, auch in der Umschichtung. Aber ich möchte sie nicht missen, wenn ich den Blick über meine Wände schweifen lasse. Trotzdem hat mich der Umzug von einem Land ins andere gezwungen, meine Sammelleidenschaft anzupassen, mich selbst dazu bereiterklärend, das Unwesentliche auszusortieren, auch wenn ich manchmal tatsächlich das eine oder andere Buch dann nicht mehr zur Hand habe und mich ab und an nachträglich, wie du, ärgere. Mittlerweile besitze ich tatsächlich nur noch Bücher, die mir etwas bedeuten, die ich mehrmals lese oder die neu hinzukommen, weil sie mich beeindruckt haben. Geordnet sind sie allerdings auch in drei Reihen hintereinander, in Regalen bis zur Decke hoch, sodass das Umsortieren, wenn mich die Laune packt, immer wieder Freude bereitet, da manchmal dann doch noch etwas Überraschendes/Übersehenes auftaucht.

Zum anderen haben mich deine Ausführungen an eine Bestellung bei booklooker erinnert, die mir unvergesslich blieb. Es handelte sich um einige gut erhaltene Taschenbücher, darunter Romane von Cendrars, in denen auf der ersten Seite mit Bleistift ein gewisser Wollschläger seinen Namenszug hinterlassen hatte. Als ich recherchierte, war er doch tatsächlich gerade gestorben. Das zeigte mir, dass seine gesamte Bibliothek wohl etwas lieblos aufgelöst wurde, zumal der Preis für die Bücher wirklich sehr günstig war.

Ich habe, soweit ich mich entsinne, ein einziges Mal für ein Konvolut die Höchstsumme von 150 Euro ausgegeben. Das waren die Tagebücher der Goncourt-Brüder, in der schönen Ausgabe von Zweittausendeins, die ich in den einzelnen Bänden immer wieder zwischen meine aktuelle Lektüre schiebe. Am Stück kann ich die liebenswerten Lästerer allerdings dann doch nicht ertragen, genieße aber immer wieder aufs Neue den Sprung in jene Zeit zurück, als Flaubert, Turgenjew und andere noch am gleichen Tisch saßen. Dostojewski besitze ich in der Dünndruck-Gesamtausgabe vom gleichen Verlag (die Zweittausendeins-Läden vermisse ich hier am meisten, gibt es die noch in Deutschland?), dazu Proust, Sartre, Camus, Nietzsche, Jean Rhys, Michel Leiris, Green, Gide und noch einige andere, die ich immer wieder aufschlage und von denen ich alles liebe. Ansonsten stören mich auch Taschenbücher nicht, wenn der Inhalt stimmt. Das ergibt in den Regalfächern einen bunten Mix an Einbänden, wobei ich feststellen muss, dass die Farben Weiß und Schwarz (ja, ja, du kannst es dir denken, die Spektrum-Reihe) tatsächlich überwiegen.


 Antworten

 Beitrag melden
Bereits Mitglied?
Jetzt anmelden!
Mitglied werden?
Jetzt registrieren!