Die Privatbibliothek - ein Auslaufmodell
#1
Gerade habe ich mir die siebenbändige Leseausgabe von Conrad Ferdinand Meyer für 150 Euro selbst geschenkt; denn ich bin ein großer Liebhaber der sogenannten deutschsprachigen Realisten des 19. Jahrhunderts; von Gottfried Keller, Theodor Storm, Theodor Fontane, Wilhelm Raabe, Fritz Reuter, Otto Ludwig, Jeremias Gotthelf, Karl Franzos, Gustav Freytag, Karl Gutzkow, Marie von Ebner-Eschenbach, Adalbert Stifter, Friedrich Gerstäcker, Charles Sealsfield, Ferdinand von Saar und eben auch besonders von C.F. Meyer, der als Lyriker unterschätzt wird nach wie vor und dessen historische Novellen und Erzählungen zu oft nur als solche gelesen werden und nicht als das, was sie sind, reine große Literatur nämlich. Bislang besitze ich von ihm nur die zweibändige Ausgabe aus der verdienstvollen Reihe Verlages Bibliothek deutscher Klassiker (BDK) des Aufbau-Verlages aus DDR-Zeiten; aber mit der Aufnahme von „Jürg Jenatsch“, dem einzigen Roman, ist schon der Platz limitiert, als dass alle Gedichte oder Novellen enthalten sein könnten. Daher ist es höchste Zeit für die Werkausgabe und ich rechne es mir schon hoch an, dass ich nicht die 15 Bände „Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe“ für 500 Euro geordert habe.
Aber diese Bestell-, Lese- und Lebensvorgänge tun doch dar; was sich auf diese Art und Weise in fünf Jahrzehnten für Büchermassen ansammeln können. Als Kind und Jugendlicher habe ich wohl auch ein eigenes Regal für meine Bücher gehabt, aber letztlich sind die meisten dieser später in der elterlichen Bibliothek aufgegangen. Meine wirklich eigene begann erst nach dem Abitur und meinem „Auszug“ aus dem Haus zu entstehen, als ich zum Studium nach Halle und Jena ging. In meiner ersten eigenen Wohnung in Gera während des Referendariats erinnere ich mich bereits zweier berstender Bücherregale, die folgenden fast zehn Umzüge wurden es immer mehr Bücher und Regale, bis es irgendwann in die vielen tausenden und mehrere Dutzend ging und ich nicht mehr gezählt habe, nicht die Bücher, nicht die Bücherkisten bei Umzügen und nicht die Schweißperlen bei der Plackerei des Schleppens die Treppen rauf und runter.
Irgendwann muss ich unbedingt die Geschichte meines Lektüre- und Leselebens schreiben; meine Bücherbiografie; aber nicht jetzt und hier und heute; sondern ferner und hoffentlich noch vor meinem Abscheiden aus diesem irdischen Jammertal. Jetzt möchte ich eigentlich nur in Anlehnung an meinen engen Freund Umberto Eco das fortspinnen, was er in seinem amüsanten Text „Wie man eine Privatbibliothek rechtfertigt“ darlegt. Eco selbst besaß ja viele zehntausend Bücher, die er in seiner Mailänder Stadtwohnung und verschiedenen Landsitzen stehen hatte in wohlgeordneten und gepflegten Bibliotheken. Der Mann war aber auch wohlhabend seit dem Erfolg seines ersten Romans und brauchte sich um Geld und Platz und Zeit nicht zu sorgen. Wir kennen einen bescheideneren Wunsch ja von Arno Schmidt:
„Freilich, wenn man Geld hätte ...... Ich wüßte es jetzt schon richtig anzuwenden: ein winziges Häuschen in der Heide (achttausend höchstens; nicht wie diese Bausparkassen, die mit Zwanzigtausend um sich werfen, als wär’s ein bloßer Silbenfall); im Ställchen eine Isetta; Eintausend erlesene Bücher: einmal in aller Ruhe die ‹Insel Felsenburg› durchgehen können, den ‹Nachsommer›, oder Lessing von A bis Z; zur Nacht ein richtiges Bett zum Drinniederlegen (nicht mehr dieses dürre indianerrote Gestelle von Schlafcouch!); nichts mehr ums liebe Brot schreiben zu brauchen, keine ‹experimentelle Prosa› mehr, keine feinsinnigen ‹Essays›, keine ‹Nachtprogramme›; an Uhren werden nur die lautlosen geduldet, die mit Sand und Sonne, oder höchstens im Korridor eine alte Standuhr, die alle Ewigkeiten, nachdem man vieles und vielfältiges gedacht hat, vor sich hin ‹Mnja› sagen. Den Mond untergehen sehen, über Wieseneinsamkeiten, ganz rot würde das silberne Wesen geworden sein, wenn es einsank in Dunstband und Kiefernborte ...“
Was Bücher und Bibliotheken von normalen, durchschnittlichen Privatsammlern wie mir angeht, mache ich mir wenig Illusionen und daher ist es mir klar, dass es wenig Sinn hat, über den eigenen Tod hinauszudenken und sich Sorgen um den Fortbestand zu machen. Sie gehören als geistiger und emotionaler Besitz zu uns Büchernarren und nicht unseren Nachfahren oder Erben; man kann sie in dem Sinne gar nicht vermachen, weil sie heutzutage für andere eine Last sind und in ihrem Gehalt nur schwer nachzuvollziehen. Schon für einen selbst ist das ein stetiger Balanceakt und im Grunde schon gar nicht mehr zu stemmen: Das Leben mit einer großen Privatbibliothek ist bei normalen und also durchschnittlichen Vermögensverhältnissen in der Mietwohnung einer größeren Stadt überhaupt nicht mehr bezahlbar; ich selbst bräuchte wenigstens 120 bis 150 Quadratmeter, da zahlt man warm in einer Stadt wie Jena locker 2000 Euro monatlich. Aber auch ein normales Einfamilienhaus auf dem Lande böte bei Weitem nicht genug Platz bei normaler Größe und normalem Schnitt. Man hat als Besitzer einer Privatbibliothek mit schmalem Geldbeutel also lediglich die Möglichkeit, in den hintersten Winkeln der Provinz, auf dem platten Land oder hinter den sieben Bergen im tiefen Wald ein altes Haus mit einigem Gelass für ein Butterbrot und ein Ei zu erwerben, um dann weitab von jeder Zivilisation und urbanen Kultur sein Leben in aller Stille mit seinen Büchern zu fristen. In meinen bibliomanischen Hochzeiten haben meine Eltern und ich in unserem ererbten verwinkelten Bauernhaus sechs Räume mit unseren Bücherschätzen belegt, drei davon fast ausschließlich als reine Bibliothek mit Regalen an allen vier Wänden bis zur Decke angelegt. Das war und ist ein traumhafter Zustand, bezahlt durch den Verlust einer jeden Infrastruktur, eine Autostunde von jeder größeren Stadt entfernt, inmitten einer eher bildungsfernen und wenig an Kultur interessierten indigenen Landbevölkerung.
Bei meinem vorletzten und neunten Umzug hatte ich mir jedenfalls geschworen, nie wieder ein Buch zur Hand zu nehmen und in Kisten zu räumen; sie sollten stehen bleiben, wo sie standen und mir beim Älterwerden und Sterben zusehen. Dann drehte mir das Leben mal wieder eine Nase und führte mir Hagestolz mit deutlich über vierzig Jahren ein Weib zu, das es mit mir versuchen wollte, meinen Antrag annahm und mit dem ich einen eigenen Hausstand 100km weit weg gründen würde. Und also doch wieder wurde das Problem meiner Privatbibliothek, die ich natürlich nicht lassen konnte, sie ist ja ein Teil von mir, virulent. Das Haus in der Kleinstadt ist nicht eben groß und dass ich ein paar tausend CDs und vielleicht 2000 Bücher dort unterbringen konnte, grenzt schon an ein Wunder und verdankt sich dem handwerklichen und logistischen Geschick meiner Gattin. Aber was ist nun mit den vielen tausend anderen Büchern, die nun in unserem Landsitz einsam und verlassen in den Regalen stehen und frieren?
Ich habe mich ja schon so oft bemüht, die Bibliothek auszudünnen und auszumisten; wie oft habe ich versucht, in den großen Ferien etwa, meine Bibliothek umzusortieren, umzuräumen – sie zu straffen, zu verknappen, auf eine unumgängliche Essenz hin zu melken. Der Wunsch steigerte sich von Umzug zu Umzug; wer einmal hunderte Bücherkisten meist über mehrere Etagen hinweg geschleppt hat, der weiß, was ich meine! Im Ganzen habe ich auch wirklich über 2000 Bände bereits an öffentliche Bibliotheken gegeben oder anderweitig entsorgt. Man stelle dich das ja nicht leicht vor: Kein Antiquariat freut sich über Offerten und die meisten wollen nicht einmal geschenkte Bücher nehmen. Die haben in ihren Lagern auf Halde zehntausende und bis auf die raren Filetstücken ist der Markt tot. Ganz oft rufen Leute an und verschenken Privatbibliotheken von 5000 Bänden und mehr, aber selbst dann übernimmt nur noch selten ein Antiquar alles; er sucht sich das wenige Exquisite, Seltene, Teure aus; das Meiste landet auf der Müllhalde. Dieses Schicksal wird allen größeren Privatbibliotheken blühen, meiner sowieso und zum Beispiel auch der meiner Eltern. Wenn diese vor mir gehen sollten, suche ich sicher das eine oder andere Buch heraus; ansonsten aber vermache ich deren Bibliothek willigen Einrichtungen oder schaffe sie gleichfalls auf die Müllhalde. Ich wäre weder zeitlich noch körperlich noch seelisch in der Lage; Tage, Wochen oder Monate mit Sichten, Sortieren, Aussondern etc. zu verbringen; das ginge zu sehr an die Substanz.
So stellt man sich also mit dem festen Vorsatz vor seine Bücherwände, alles auszusortieren, was man nicht mehr braucht, was man aller Voraussicht nach nie wieder in die Hand nehmen wird, im Wissen darum, dass das Ausgesonderte einen elenden Tod auf der Müllkippe oder einen unehrenhaften im Ofen zu sterben verurteilt ist. Zunächst, mit der Euphorie des Anfangs, des Beginnens, klappt das ganz gut – aber schon nach zehn Minuten verraucht der große Zorn und stockt die große Arbeitswut: Sicher, lesen wird man diese alte Darstellung der indischen Literatur in diesem Leben nicht mehr, aber hat man nicht jüngst in einer Fernsehdokumentation einen interessanten Namen erwähnen hören, den man hier hätte auch nachschlagen können? Sicher, man hat inzwischen bessere Ausgaben von Fontane, aber die hier hat man zuerst gelesen, da hängen Erinnerungen dran; das da ist ein Geschenk eines Freundes, das ein Zufallsfund in einem Winkelantiquariat und so weiter und so fort. Es gibt tausend Gründe für tausend Bücher, ihnen eine weitere Aufenthaltsgenehmigung nicht zu versagen. Am Ende der ersten Gehversuche beim Entkernen der Biblothek sind es vielleicht zwanzig oder dreißig Bücher meiner 1000-bändigen Hand- bzw. Präsenzbibliothek, die da plötzlich durch ihren Landesherren ihrer Regalien verlustig gingen; aber auch die landeten nicht beim Antiquar oder gar auf dem Hausmüll, sondern wanderten lediglich in die Regale der elterlichen Bibliothek und wenn es brutal hart wurde, in die vielen diversen Kisten auf dem ausgebauten Dachboden.
Bücher haben eine Seele und verborgte kommen nicht wieder, heißt es – wie um Himmels Willen sollte man da eines seiner adoptierten Kinder seiner Heimstatt verweisen? Ich vermag es nicht, aber wo ist die Grenze zwischen Sammelleidenschaft und dem Messie-Syndrom? Bis heute versuche ich die Bücher zurückzuerlangen, die ich Freunden und Bekannten überlassen habe in Anfällen der Ausmistwut; natürlich nicht durch Raub und Diebstahl und Mord, wie es andere Büchervernarrte vor mir taten und damit in die Kriminalgeschichte eingingen; aber doch durch erneuten Erwerb, oft genug nach jahrelangen Suchen in Antiquariaten und auf Flohmärkten. Immer habe ich diese Phasen bereut, haben mich die weggegebenen Bücher gereut; mein Gewissen lastete schwer auf mir, weil ich gab und weil ich wieder nahm. Schwer fiel mir eine Trennung nur nicht bei wahllosen Massenanschaffungen der frühen Neunziger, als nach der Wende diverse Anbieter Meterware zu unglaublichen Preisen verschleuderten und man sich einfach nicht zügeln konnte, die Enzyklopädien, Lexika, mehrbändigen Geschichtswerke oder billig aufgemachten Werkausgaben der Klassiker zu erstehen, die einem bald die Regale und Augen verstopften. Auch die Übernahme von fremden Sammlungen habe ich meist vermieden; nur einmal gelangte über meine Eltern die eines befreundeten Hallenser Professors in unsere heiligen Hallen, aber ich hätte niemals eine Beziehung zu diesen fremden Büchern aufbauen können; ich behielt nur ein paar von mir selbst schon sehr lange gesuchte Stücke und gab die große Masse ohne Not und Reue ab.
Meine praktische Frau sagt immer tröstend zu mir, wenn ich gerade einem Buch nachweine, dessen ich natürlich immer gerade nicht habhaft werden kann; ich solle mir die wichtigsten herstellen. Aber wie soll ich wissen, was die wichtigsten sind? Also sprach ich zu ihr:
"Mein lieber Schatz, als Buchliebhaber und Besitzer einer großen Bibliothek ist man; sollte man sich z.B. wegen Umzugs in eine kleinere Wohnung von Büchern trennen müssen, leider völlig außer Stande zu sagen, welche von ihnen man am Dringendsten braucht und deshalb mitnehmen möchte. So eine Privatbibliothek führt ja mit ihrem Besitzer ein Eigenleben, das sich dem Verständnis eines normalen Menschen entzieht. Momentan beschäftige ich mich wieder mit Hölderlin, lese seine Werke, aber auch Sekundärliteratur und aus der Bibliothek entliehene Monografien. Das wird eine Weile währen und dann wieder auslaufen; aber ich würde diese Bücher nicht weggeben wollen. Ich stand vorhin zufällig vor dem Regal mit der spanischsprachigen Literatur und mein Blick fiel auf Jorge Luis Borges, der mir sehr viel bedeutet als Autor und als Teil meiner Lektürebiografie – ich hatte ihn im Umkreis der ersten beiden Romane von Umberto Eco kennen- und lieben gelernt und ihn viele Jahre intensiv gelesen. Inzwischen hatte ich die Bände sicher von den Umzügen abgesehen fünf Jahre nicht in der Hand und es ist nicht ausgeschlossen, dass sie weitere fünf unbenutzt stehen bleiben. Aber ich bin ganz sicher, der Tag wird kommen; dass ich sie freudig in Händen halte und in ihnen blättere oder sogar eine längere Lesung ihren Ausgang nimmt.
Einmal habe ich Platz gebraucht für meine Wagner-CDs und daher ein Regal ins Auge gefasst, das ich kaum mehr zu frequentieren schien; mit Reclam-Ausgaben von Dichtern, Interpretationssammlungen; Mediävistik. Also räumte ich die Bücher in eine Umzugskiste und stellte sie weg - aber was geschieht: Ich suche plötzlich Hofmannsthals „Andreas“ und stelle fest, dass ich den lediglich als Reclam-Ausgabe habe und in keiner anderen Edition; dann brauche ich das Bändchen mit Gedichten an und über Hölderlin und schließlich benötigte ich Deutungen zu Lyrik von Georg Trakl und Rilke, auch in diesem Regal gestanden. Und da rede ich noch nicht von verschiedenen mittelhochdeutschen Epen, die ich eben auch Richard Wagners wegen einsehen musste. Wenn das nun kein unbewusster Vorgang war, so machte mir das wieder einmal deutlich; dass meine Bücher eben nicht nur Jahre und Jahrzehnte gelagert werden und Miete pro Quadratmeter fressen und also Standgebühr kosten, wie ein Freund und bekennender Buchfeind und Naturwissenschaftler meinte, sondern tatsächlich gebraucht werden und mit mir leben.
Zuweilen muss man eben Jahre oder Jahrzehnte warten, um die Frage nach dem Sinn einer Privatbibliothek beantworten zu können. Als ich einmal zu Pfingsten in der Semperoper mit dir, meiner Gemahlin, die „Missa Solemnis“ von Beethoven sah und hörte, bereitete ich mich mit umfangreichen Hörsitzungen (habe selbst acht unterschiedliche Aufnahmen) darauf vor und lese natürlich auch im Internet. Da mir Wikipedia und andere Seiten zu flach waren und ich auch nichts Neues kaufen wollte, stöberte ich in meinem doch recht überschaubaren Musik-Regal und siehe da, fällt mir doch ein zerfleddertes und vergilbtes Reclambuch aus dem Jahre 1975 in die Hände, das in Beethovens Schaffen einführt und auch ein prächtiges Kapitel zu dieser größten aller Messen nach Bach enthält. Ich habe mich gleich in den Stil des Autors verliebt und so auch den Rest des Buches gelesen. Herrlich, diese Verknüpfung sozialistischer Musikwissenschaft und bürgerlicher Schreibe … solche Funde macht man nur in einer Privatbibliothek beträchtlicher Ausmaße …
Der Sinn einer großen Privatbibliothek besteht demnach nahezu ausschließlich in der Potentialität, im man könnte; also der Möglichkeit, jederzeit und immer und relativ zeitnah Zugriff auf ein Buch zu haben, dessen Besitzes man sich zwischen den eigenen Regalen erfreut; wobei sich das im Ganzen nicht mathematisch berechnen, statistisch erfassen und ökonomisch korrekt in einer Kosten-Nutzen-Tabelle festhalten lässt. Wenn man anfängt, über Standgebühren für tausende Bände in der eigenen Wohnung nachzudenken, hat man schon verloren, dann ergibt alles keinen Sinn. Es gibt keinen Faktor, der besagt, ab wann sich wieviel Bücher lohnen oder rechnen; sobald man so herangeht, wird das irrationale Moment evident. Was also sind die Bücher, die ich am Dringendsten brauche, mein lieber Schatz? Alle natürlich oder keine, dazwischen gibt es nichts! Ich war unlängst nur einen knappen Tag bei mir daheim auf dem Landsitz meiner Vorfahren und trotzdem habe ich wenigstens mit einem halben Dutzend verschiedener Bücher zu tun gehabt, habe sie gebraucht, in ihnen nachgeschlagen, ein Bild gesucht, eine bibliografische Angabe überprüft, ein Zitat verifiziert, darin richtig gelesen. Das waren Bücher aus dem Bereich deutsche und russische Literatur, Literaturgeschichte, Geschichte der Reformation; ein Bildband zu einem Künstler, ein Lehrbuch Deutsch und eine Darstellung zur Philosophie des deutschen Idealismus. Wenn ich die nun nicht zur Hand gehabt hätte, was dann? Vieles findet man inzwischen im Internet; sicher; aber eben längst nicht alles und schon gar nichts mit Bezug zur eigenen Lesebiografie und richtig lesen über Stunden will ich am Schreibtisch, im Lesesessel, auf dem Sofa oder am liebsten im Bett; nicht vor dem flimmernden Bildschirm des Computers.“
So also sprach ich zum besten Eheweib von allen und dieses verstand mich und dann auch wieder nicht. Immerhin weiß meine weitaus bessere Hälfte ganz genau, wie meine Wahl - gezwungen, mich zwischen den Büchern und ihr zu entscheiden - ausfiele. Aber würde sie mich nie vor diese stellen; denn man soll Gott den Herrn nicht versuchen. Und einen manischen Büchersammler und Büchernarren gleich gar nicht.
Deine schönen Gedanken zur eigenen Bibliothek wecken in mir gleich mehrere Assoziationen und Erinnerungen. Einmal musste ich an Julien Green denken, der in seinen Tagebüchern sehr oft über seine, ich glaube, über 15.000 Bücher reflektierte, vor allem dann, wenn er gezwungen war, umzuziehen, oder in den Zeiten, in denen er sich mit dem eigenen Tod beschäftigte und sich fragte, was aus dieser Sammlung werden würde, wenn er nicht mehr war, die ihm so am Herzen lag. Natürlich kenne auch ich das Dilemma, meine Bücher transportieren zu müssen, denn sie sind meine Welt und haben mich einiges an Kraft und Knochenarbeit gekostet, nicht nur im Umzug, auch in der Umschichtung. Aber ich möchte sie nicht missen, wenn ich den Blick über meine Wände schweifen lasse. Trotzdem hat mich der Umzug von einem Land ins andere gezwungen, meine Sammelleidenschaft anzupassen, mich selbst dazu bereiterklärend, das Unwesentliche auszusortieren, auch wenn ich manchmal tatsächlich das eine oder andere Buch dann nicht mehr zur Hand habe und mich ab und an nachträglich, wie du, ärgere. Mittlerweile besitze ich tatsächlich nur noch Bücher, die mir etwas bedeuten, die ich mehrmals lese oder die neu hinzukommen, weil sie mich beeindruckt haben. Geordnet sind sie allerdings auch in drei Reihen hintereinander, in Regalen bis zur Decke hoch, sodass das Umsortieren, wenn mich die Laune packt, immer wieder Freude bereitet, da manchmal dann doch noch etwas Überraschendes/Übersehenes auftaucht.
Zum anderen haben mich deine Ausführungen an eine Bestellung bei booklooker erinnert, die mir unvergesslich blieb. Es handelte sich um einige gut erhaltene Taschenbücher, darunter Romane von Cendrars, in denen auf der ersten Seite mit Bleistift ein gewisser Wollschläger seinen Namenszug hinterlassen hatte. Als ich recherchierte, war er doch tatsächlich gerade gestorben. Das zeigte mir, dass seine gesamte Bibliothek wohl etwas lieblos aufgelöst wurde, zumal der Preis für die Bücher wirklich sehr günstig war.
Ich habe, soweit ich mich entsinne, ein einziges Mal für ein Konvolut die Höchstsumme von 150 Euro ausgegeben. Das waren die Tagebücher der Goncourt-Brüder, in der schönen Ausgabe von Zweittausendeins, die ich in den einzelnen Bänden immer wieder zwischen meine aktuelle Lektüre schiebe. Am Stück kann ich die liebenswerten Lästerer allerdings dann doch nicht ertragen, genieße aber immer wieder aufs Neue den Sprung in jene Zeit zurück, als Flaubert, Turgenjew und andere noch am gleichen Tisch saßen. Dostojewski besitze ich in der Dünndruck-Gesamtausgabe vom gleichen Verlag (die Zweittausendeins-Läden vermisse ich hier am meisten, gibt es die noch in Deutschland?), dazu Proust, Sartre, Camus, Nietzsche, Jean Rhys, Michel Leiris, Green, Gide und noch einige andere, die ich immer wieder aufschlage und von denen ich alles liebe. Ansonsten stören mich auch Taschenbücher nicht, wenn der Inhalt stimmt. Das ergibt in den Regalfächern einen bunten Mix an Einbänden, wobei ich feststellen muss, dass die Farben Weiß und Schwarz (ja, ja, du kannst es dir denken, die Spektrum-Reihe) tatsächlich überwiegen.
Bei der Genese meiner Sammlung spielten deutschsprachige Klassiker nur eine Nebenrolle. Mein damaliges Ideal war eher die umfangreiche Bibliothek eines Universalgelehrten, wenngleich ohne Aussicht oder Ambition ein solcher mal zu werden. Bei Belletristik war vor allem das offiziell Vernachlässigte interessant. Was in städtischen Bibliotheken zu finden war, musste ich selten selber haben. Basics waren wichtig: Bibel, Koran, antike Klassiker und Philosophen, auch die beiden Bände mit Helmut Seidels Vorlesungen dazu, diverse Bände zur Literaturgeschichte, Studien zum Amerikanischen Literatur der Gegenwart, Lexika zu ostasiatischer Literatur und anderen fremdsprachigen Schriftstellern, etliche Bände mit westlichen Theaterstücken, sechs Wälzer über Maschinenbau und ähnlich viele zu Elektrotechnik, jeweils mehrere Bände zu "höherer" Mathematik, Halbleitertechnik und Programmiersprachen, Asriels Jazz, Seegers Opernlexikon, Filmschauspieler A-Z, Film in Frankreich, Film in Schweden, politisch gefärbte Sekundärliteratur zur bürgerlichen Philosophie, da Originale kaum zu haben waren, Eugen Vargas Grundfragen der Ökonomik und Politik des Imperialismus (eine im Osten seltene Analyse westlicher ökonomischer Strukturen), aber auch Originale aus dem Bereich ML zu Philosophie und Wirtschaft, mit denen im (Hinterkopf-)Gepäck man merkte, dass Parteimitglieder von solcher Materie erstaunlich wenig Ahnung hatten, daneben nach einem Todesfall abgestaubte 13 Lederbände Stalin, wo sich auch heute für jeden einmal reinzulesen lohnt. Dies alles in der Teenagerzeit bis Mitte der 80er Jahre und ohne jede schulische oder berufliche Notwendigkeit.
Ohne die "Studien zum Amerikanischen Literatur der Gegenwart" hätte ich Saul Bellow, Dos Passos, Dreiser, Pynchen. Lowry und Baldwin wohl nicht in jener Zeit gelesen.
Seither blieb vieles auf der Strecke. Was den Bestand betrifft, ist nun meine Erfahrung: Je strenger die Auslese, desto wohler fühle ich mich damit. Über hunderttausend Bücher haben ihren Wert, doch nur wenige tausend ragen heraus. Und ein Buch gern zu lesen, heißt nicht, dass es hier bleiben muss.
Das mit der Breite des damaligen Bibliotheks- und Lesespektrums erwähnte ich für den Fall, dass sich mal ein Teenager hierher verirrt. Ich denke, dass ein nicht auf wenige Bereiche beschränktes Grundwissen half, innerhalb der 1990er ganz ohne Erbschaft und ohne Top-Job finanziell unabhängig zu werden.
#4
Ihre beide, wenn ich eure spannenden Texte lese, wäret ideal für mein Projekt, das ich andernorts so skizziert habe:
Zitat
Mein liebstes und drängendstes Projekt aber ist ein anderes, in dem ich nur als Herausgeber und Teilnehmer fungiere. Ich mag ja Bücher der Art ganz besonders:
Von Bücherlust und Leseglück : kluge Köpfe und ihre Bibliotheken / hrsg. von Jürgen Busche und Christine Eichel. [Fotogr. von Thomas Kierok ...] Verlag München : Knesebeck 2008
Hier werden in Wort und Bild die Privatbibliotheken von zum Beispiel Walter Kempowski, Thea Dorn, Rüdiger Safranski oder Hanns Zischler vorgestellt; also bekannten Schriftstellern, Journalisten, Schauspielern; aber auch Kirchenfürsten oder Regisseuren, alles Very Important Persons.
Mit Büchern leben : Buchliebhaber und ihre Bibliotheken / Estelle Ellis ; Caroline Seebohm ; Christopher Simon Sykes. [Aus dem Engl. übers. von Gisela Sturm und Klaus Sticker] 9. Auflage 2013 (3. Auflage der Sonderausgabe)
Hier werden ganz unterschiedliche Privatbibliotheken vorgestellt, geordnet nach der "Raumordnung" der jeweiligen Bücherwelt, wie ich das einmal nennen möchte. Da es sich hier um den angelsächischen Sprachraum handelt, kann ich auf den ersten Blick nur Keith Richards zuordnen; aber der Anlage nach gehören augenscheinlich die meisten Portaitierten mit ihren Bibliotheken zu den Großkopferten in Kunst, Kultur, Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Sport etzc., sodass schon die finanziellen Mittel hinreichend vorhanden scheinen für den Ausbau und die Erhaltung der eigenen Büchersammlung.
Ich nun möchte schon sehr viele Jahre einen Band zu den Privatbibliotheken ganz "normaler" Leute machen, die weder berühmt sind, noch in der Öffentlichkeit stehen oder zu den oberen Zehntausend gehören, sondern eben Büchernarren mit ganz normalen Berufen und eher bescheidenen finanziellen Mitteln. Dass ich mich mit einrechne in diese Phalanx, versteht sich; mir würde ich natürlich auch ein Kapitel widmen, dazu aber auch die Einleitung und die Struktur der Beiträge verantworten.
Leider habe ich noch keinen Arbeitstitel, denn etwa "Mit Büchern leben: Normale Menschen und ihre Bibliotheken" klingt außerordentlich hilflos und bescheuert. Aber ich würde den einzelnen Beiträgern gerne aufgeben sich zu folgenden Aspekten zu äußern:
1. Entstehung und Entwicklung der Bibliothek
2. Schwerpunkte der Sammlung
3. Systematisierung und Ordnung
4. Beruf und Bibliothek
5. Alltag
a. Umzüge
b. Tag für Tag, Woche für Woche und Jahr für Jahr
c. Rechfertigen
6. Aussondern, Verschlanken, Aussortieren, weggeben, verschenken
7. Nachleben: Was geschieht mit den Büchern posthum?
Das ist natürlich nur ein vorläufiges Papier. Meine Frau, die schon Ausstellungen ihrer Naturfotos hatte, würde die jeweiligen Privatbibliotheken im Einvernehmen mit deren Besitzer so fotografieren, dass alle zufrieden sind mit den Einblicken und dem weitgehenden Erhalt der Privatsphäre. Bislang habe ich aber nur zwei meiner engsten Freunde mit im Boot, der eine ist Archivar und hat sich in einem alten Bauernhaus eine Barockbibliothek selbst gebaut; der andere als Bibliothekar nutzt jeden Zentimeter in seiner Großstadtwohnung. Aber ich würde schon gerne ein gutes Dutzend Bücherfreunde zusammenbekommen, möglichst aus allen sozialen Schichten und mit ganz verschiedenen Biografien und Sammelschwerpunkten.

So ein Projekt könnte man sicherlich ins Auge fassen, allerdings, wenn ich Barockbibliothek lese oder mir auch deine eigene Sammlung vorstelle, kann ich wohl kaum mithalten. Bei mir handelt es sich eher um gut gefüllte Regale, weniger um eine Bibliothek an sich.
Zu den deutschen Realisten. "Die Ritter vom Geiste" von Gutzkow hatte ich einmal vor einigen Jahren ins Auge gefasst, bin aber wieder davon abgekommen. Das Werk ist wohl sehr umfangreich, mit mehreren Bänden. Die gab es damals von Zweitausendeins auch im Schuber für 50 Euro, mit vier Bänden und 5.000 Seiten. Welche Ausgabe hast du?
Mir fällt zu euren Beschreibungen noch ein, dass Bücher einem Raum auch eine ganz eigene Atmosphäre geben. Wenn ich Schriftsteller auf Bildern sehe, die vor ihren Regalen sitzen, versuche ich automatisch, das Bild zu vergrößern, um zu sehen, was da so im Regal steht. Das geht mir auch so, wenn ich zu Gast bei belesenen Menschen bin. Das erste, was man tut, ist die Regale zu überblicken und herauszufinden, was so gelesen wird. Hier macht sich meine eigene Auswahl dann doch bemerkbar. Ich erlebe oft Menschen, die alles Mögliche ins Regal packen, selbst geschenkte Bücher. Viele nutzen ihr Regal natürlich auch weiterhin als Performative Library. Das ist mein Anliegen nicht. Mir ist vielmehr wichtig, dass mein eigener Blick auf Bücher trifft, die mich dazu inspirieren, sie aus dem Regal zu nehmen und hineinlesen zu wollen.
Ich hätte früher nie gedacht, dass ich Bücher zweimal lesen würde. Mittlerweile sind es schon einige, die mir auch ein völlig neues Lesegefühl gegeben haben, das bis zu einer veränderten Sympathie für unterschiedliche Figuren führte. Auch liest man mit Zwanzig anders als mit Dreißig oder Vierzig, hat eine ganz andere Sicht auf die Dinge. Was ich früher an idealen Vorstellungen befürwortete, lehne ich heute teilweise ab. Andererseits erlebe ich auch oft, dass bestimmte Bücher mich erneut begeistern oder bei mir sogar im Überlesenen oder Vergessenen neue Denkprozesse anregen.
Zitat von Salin
Was den Bestand betrifft, ist nun meine Erfahrung: Je strenger die Auslese, desto wohler fühle ich mich damit. Über hunderttausend Bücher haben ihren Wert, doch nur wenige tausend ragen heraus. Und ein Buch gern zu lesen, heißt nicht, dass es hier bleiben muss.
Das ist durchaus wahr. Und trotzdem wäre ein Buch, das ich gerne gelesen habe und das nicht im Regal steht und damit sofort zur Hand ist, ein schlechtes Gefühl für mich. Selbst wenn ich in Deutschland die Möglichkeit hätte, dieses aus der öffentlichen Bibliothek zu holen, wäre es nicht dasselbe als wenn es mein eigenes ist. Aber deine Suche nach Büchern, die selten in den großen Buchhandlungen zu finden sind, teile ich.
#7
Zitat von Salin im Beitrag #6
Yorick, meine Privatbibliothek ist wirklich privat, im engeren Sinn, wenngleich Dein Projekt durchaus Sympathie verdient, denn schreibt ansonsten nicht fast jeder über Prominente?
Lieber/ liebe Salin, das war von meiner Seite - und nicht nur, weil ich hier gerade neu bin - eher launig gemeint, natürlich ist eine Privatbibliothek privat und ich würde niemals uneingeladen in jemandes Privatsphäre dringen. Ich persönlich mag es schon nicht, in der Öffentlichkeit zu lesen, weil das Lesen für mich ein intimer Akt ist wie andere physiologischere Vorgänge, die man gewöhnlich auch nicht coram publico vollzieht. Aber rein von der Sache wäret ihr ideale Kandidaten.
#8
Zitat von Salin im Beitrag #3
Bei der Genese meiner Sammlung spielten deutschsprachige Klassiker nur eine Nebenrolle. Mein damaliges Ideal war eher die umfangreiche Bibliothek eines Universalgelehrten, wenngleich ohne Aussicht oder Ambition ein solcher mal zu werden. Bei Belletristik war vor allem das offiziell Vernachlässigte interessant. Was in städtischen Bibliotheken zu finden war, musste ich selten selber haben. Basics waren wichtig
Den Universalgelehrten habe ich nie ins Auge gefasst, wohl aber den Privatgelehrten, der nicht mehr Brotarbeit leisten muss und sich daheim seinen Studien hingibt. Ich Narr! :) Ich habe früher auch oft darüber nachgedacht, dass eigentlich nur Bibliotheken mit Sammelschwerpunkten und besonderen Ausrichtungen wirklich interessant wären für Außenstehende und potenzielle Erben und Nachlassverwalter. Aber für mich persönlich ist das irrelevant: Bei mir hat jedes Buch seine Geschichte und eine Beziehung zu mir, in welcher Art auch immer. Dabei ist es völlig unerheblich, ob es ein bekannter Klassiker ist, der millionenfach anderswo auch steht; oder die Erstausgabe eines seltenen Buches. Deshalb interessieren mich besonders Bibliotheken von normalen Privatleuten, die nicht auf ein Ziel hin sammeln; weil die Bücherreihen dann so viel über ihren Besitzer und Leser aussagen, dass man ein Psychogramm daraus erstellen könnte. Erstausgaben, bibliophile Raritäten oder Bücher zu bestimmten Schwerpunkten kann im Grunde jeder Interessierte zusammentragen, wenn er Geld und Platz genug hat. So eine über die Jahrzehnte gewachsene Privatibliothek liest sich dagegen wie ein geheimes Tagebuch.
Zitat von Salin im Beitrag #3
Was den Bestand betrifft, ist nun meine Erfahrung: Je strenger die Auslese, desto wohler fühle ich mich damit. Über hunderttausend Bücher haben ihren Wert, doch nur wenige tausend ragen heraus. Und ein Buch gern zu lesen, heißt nicht, dass es hier bleiben muss.
Ich sehe das, je älter ich werde, auch so. Auf der einen Seite belastet mich das "zu viel", weil ich eben so viel mit Ordnen, Räumen, Katalogisieren, Infrastruktur schaffen etc. zu tun habe, auf der anderen möchte ich eben auf kein Buch verzichten, das mir wichtig ist oder es einmal war. Schon oft habe ich davon fantasiert, alle meine Bücher wegzugeben und vollkommen neu anzufangen ohne Ballast und die Bücher zum Lesen einfach irgendwo zu leihen. Dieses Freiheitsbedürfnis wächst und wächst.
#9
Zitat von Taxine im Beitrag #2
Deine schönen Gedanken zur eigenen Bibliothek wecken in mir gleich mehrere Assoziationen und Erinnerungen. Einmal musste ich an Julien Green denken, der in seinen Tagebüchern sehr oft über seine, ich glaube, über 15.000 Bücher reflektierte, vor allem dann, wenn er gezwungen war, umzuziehen, oder in den Zeiten, in denen er sich mit dem eigenen Tod beschäftigte und sich fragte, was aus dieser Sammlung werden würde, wenn er nicht mehr war, die ihm so am Herzen lag. Natürlich kenne auch ich das Dilemma, meine Bücher transportieren zu müssen, denn sie sind meine Welt und haben mich einiges an Kraft und Knochenarbeit gekostet, nicht nur im Umzug, auch in der Umschichtung. Aber ich möchte sie nicht missen, wenn ich den Blick über meine Wände schweifen lasse. Trotzdem hat mich der Umzug von einem Land ins andere gezwungen, meine Sammelleidenschaft anzupassen, mich selbst dazu bereiterklärend, das Unwesentliche auszusortieren, auch wenn ich manchmal tatsächlich das eine oder andere Buch dann nicht mehr zur Hand habe und mich ab und an nachträglich, wie du, ärgere. Mittlerweile besitze ich tatsächlich nur noch Bücher, die mir etwas bedeuten, die ich mehrmals lese oder die neu hinzukommen, weil sie mich beeindruckt haben. Geordnet sind sie allerdings auch in drei Reihen hintereinander, in Regalen bis zur Decke hoch, sodass das Umsortieren, wenn mich die Laune packt, immer wieder Freude bereitet, da manchmal dann doch noch etwas Überraschendes/Übersehenes auftaucht.
Das ist sehr schön formuliert. Man muss eben der Wahrheit ins Auge sehen: Wenn man es ernst meint mit der eigenen Bibliothek und diese mit den Jahren ein gewisses Volumen hat, dann ist man zur Sesshaftigkeit "verurteilt" und sollte eigentlich nie mehr umziehen. Ich habe knapp zehn Umzüge hinter mir, hatte aber immer meinen Erbhof daheim in der Hinterhand, in welchem die elterliche Bibliothek steht und Teile der meinen. Ich persönlich kann mit Aufstellung in Reihen hintereinander nicht umgehen, ich muss jedes Buch sehen. Und weil meine Knie hinüber sind, hadere ich mit den Büchern bis unter die Decke; da ich auf der Leiter jedesmal in Lebensgefahr gerate. :) Was nach mir mit den Büchern geschieht, ist mir vollkommen egal, ganz ehrlich. Eigentlich möchte ich meine Neffen sogar entlasten und vorher alles entsorgen.
Zitat von Taxine im Beitrag #2
Zum anderen haben mich deine Ausführungen an eine Bestellung bei booklooker erinnert, die mir unvergesslich blieb. Es handelte sich um einige gut erhaltene Taschenbücher, darunter Romane von Cendrars, in denen auf der ersten Seite mit Bleistift ein gewisser Wollschläger seinen Namenszug hinterlassen hatte. Als ich recherchierte, war er doch tatsächlich gerade gestorben. Das zeigte mir, dass seine gesamte Bibliothek wohl etwas lieblos aufgelöst wurde, zumal der Preis für die Bücher wirklich sehr günstig war.
Ich glaube, ich habe auch einige namhafte Vorbesitzer. Da muss ich glatt mal recherchieren. :)
Zitat von Taxine im Beitrag #2
Ich habe, soweit ich mich entsinne, ein einziges Mal für ein Konvolut die Höchstsumme von 150 Euro ausgegeben. Das waren die Tagebücher der Goncourt-Brüder, in der schönen Ausgabe von Zweittausendeins, die ich in den einzelnen Bänden immer wieder zwischen meine aktuelle Lektüre schiebe. Am Stück kann ich die liebenswerten Lästerer allerdings dann doch nicht ertragen, genieße aber immer wieder aufs Neue den Sprung in jene Zeit zurück, als Flaubert, Turgenjew und andere noch am gleichen Tisch saßen. Dostojewski besitze ich in der Dünndruck-Gesamtausgabe vom gleichen Verlag (die Zweittausendeins-Läden vermisse ich hier am meisten, gibt es die noch in Deutschland?), dazu Proust, Sartre, Camus, Nietzsche, Jean Rhys, Michel Leiris, Green, Gide und noch einige andere, die ich immer wieder aufschlage und von denen ich alles liebe. Ansonsten stören mich auch Taschenbücher nicht, wenn der Inhalt stimmt. Das ergibt in den Regalfächern einen bunten Mix an Einbänden, wobei ich feststellen muss, dass die Farben Weiß und Schwarz (ja, ja, du kannst es dir denken, die Spektrum-Reihe) tatsächlich überwiegen.
Ich scheue auch Höchstsummen, aber bei vielen Gesamtausgaben geht es nicht anders; auch bei bestimmten wissenschaftlichen Monografien und Editionen. Den Nietzsche-Kommentar, also den Historischen und kritischen Kommentar zu Friedrich Nietzsches Werken der Heidelberger Akademie der Wissenschaften bei de Gruyter muss ich eben haben, auch wenn man ihn besser ausliehe. Aber ich will ihn benutzen wie Hermann Josef Schmidt, dessen Rezensionen länger und besser sind als die Ausgabe selbst. :)
#10
Zitat von Salin im Beitrag #3
Mein damaliges Ideal war eher die umfangreiche Bibliothek eines Universalgelehrten
In diesem Zusammenhang finde ich gerade einen Text, den ich vor 5 Jahren geschrieben haben muss:
Zitat
Vor genau 30 Jahren und vier Monaten beschloss ich, mir meine Haare lang wachsen zu lassen nach Art der Intellektuellen im Fernsehen und mir eine sehr große Bibliothek zuzulegen; damit ich im Zusammenspiel dieser beiden Aspekte bei den Damen besser punkten könnte als bis dahin. Ich weiß nicht, ob man nach drei Jahrzehnten einfach lauthals über sich lachen sollte, sich schämen oder das Ganze als menschlich-allzumenschlich abtun?! Denn so dumm, blauäugig und naiv kann ein einzelner Mann natürlich gar nicht sein; dass er glaubt, er müsse nur seine Haare nach hinten kämmen und die Angebetete in sein Bücherreich einladen, dass diese ihm vor Begehren und Liebe seufzend entseelt in die Arme sänke.
Die eklatante Fehleinschätzung der Natur des weiblichen Geschlechts mag man dem empfindsamen Jüngling noch nachsehen; ich war nicht der erste, der diesbezüglich auf der Fehlhalde wohnte und werde auch nicht der letzte gewesen sein. Auch die Überschätzung der Spann- und Ausdruckskraft biologisch schon rückläufigen Haarwuchses möchte ich einmal beiseite lassen; da gibt es schlimmere Männer, die selbst mit 75 Ärgeres praktizieren. Aber dass ich meinen uralten Wunschtraum einer eigenen großen Bibliothek mit dem Wunsch nach Erfolg bei Frauen verband, kann ich mir heute kaum noch verzeihen. Genauso wie die lächerliche Attitüde, äußerlich als Intellektueller durchgehen zu wollen, da ich doch schon längst einer war und Albernheiten dieser Art nicht nötig hatte, eher Beileidsbekundungen.
Ich hoffe, man versteht das nicht als sexistisch; ich übertreibe und überspitze natürlich. :) Aber ein Körnchen Wahrheit muss da dran sein, sonst erinnerte ich mich nicht. 
#11
Zitat von Taxine im Beitrag #5
So ein Projekt könnte man sicherlich ins Auge fassen, allerdings, wenn ich Barockbibliothek lese oder mir auch deine eigene Sammlung vorstelle, kann ich wohl kaum mithalten. Bei mir handelt es sich eher um gut gefüllte Regale, weniger um eine Bibliothek an sich.
Nein, nein - es geht nicht um Status oder Hermachen, sondern um das Echte, Wahre und Schöne. :) Das Persönliche eben. :)
Zitat von Taxine im Beitrag #5
Zu den deutschen Realisten. "Die Ritter vom Geiste" von Gutzkow hatte ich einmal vor einigen Jahren ins Auge gefasst, bin aber wieder davon abgekommen. Das Werk ist wohl sehr umfangreich, mit mehreren Bänden. Die gab es damals von Zweitausendeins auch im Schuber für 50 Euro, mit vier Bänden und 5.000 Seiten. Welche Ausgabe hast du? .
Das sind wohl drei Bände aus der Reihe Haidnische Alterthümer
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #11
Das sind wohl drei Bände aus der Reihe Haidnische Alterthümer
Haidnische Alterthümer, ja, die sind, glaube ich, von Zweittausendeins herausgegeben, etwa nach der Auswahl von Arno Schmidt? Mein Neid ist mit dir. Ich habe kurz einmal gegoogelt und fand die Gesamtausgabe „Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts“, mit 11 bis 28 Bänden bei mehreren Anbietern, von 80 bis 1.000 Euro, wobei die 80 Euronen dann ja tatsächlich noch ein Schnäppchen sind.
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #9
Man muss eben der Wahrheit ins Auge sehen: Wenn man es ernst meint mit der eigenen Bibliothek und diese mit den Jahren ein gewisses Volumen hat, dann ist man zur Sesshaftigkeit "verurteilt" und sollte eigentlich nie mehr umziehen.
Da sprichst du mir aus der Seele. Sobald man beschlossen hat, die Regale aufzubauen und zu füllen, ist man an sie gekettet. Mir vorzustellen, auf Emfpehlung von Henry Miller den Koffer zu packen und ein neues Leben zu beginnen, wie ich es damals umso beherzter tat, ist heute nicht mehr möglich. Ich würde diese Regalwelt unglaublich vermissen, diese gesamte Atmosphäre, umgeben von Büchern, die mich wärmen. Selbst wenn es passieren sollte, man weiß ja nie, was noch alles kommt, und ich irgendwohin aufbreche, ohne diese "Last", würde ich in einem leeren Raum wahrscheinlich todunglücklich werden.
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #10
Die eklatante Fehleinschätzung der Natur des weiblichen Geschlechts mag man dem empfindsamen Jüngling noch nachsehen; ich war nicht der erste, der diesbezüglich auf der Fehlhalde wohnte und werde auch nicht der letzte gewesen sein.
Auf die weibliche Natur wirken vielleicht keine Bücherreihen am Stück, aber doch der Charme von Wissen und Muse. Ich denke, damit hast du deine Frau dann auch umso leichter überzeugt.

"Selbst wenn ich in Deutschland die Möglichkeit hätte, dieses aus der öffentlichen Bibliothek zu holen, wäre es nicht dasselbe als wenn es mein eigenes ist."
Für mich ein wichtiger Aspekt: Der Inhalt eines Buches, das im persönlichen Umfeld steht, bleibt deutlich besser im Gedächtnis, auch wenn es kein zweites Mal gelesen wird. Mit sechzehn oder siebzehn habe ich Mailers Die Nackten und die Toten mangels Kaufgelegenheit ausgeliehen und fasziniert gelesen, aber das Einzige, woran ich mich erinnere, sind Maden auf den Leichen ein paar Tage nach irgendeiner Schlacht der Amerikaner im heißen Pazifik. Bei Romanen in den eigenen Beständen ist so etwas bislang noch nicht passiert.
Die Ausleihmöglichkeiten vor Ort haben sich hierzulande in den letzten zehn bis zwanzig Jahren stark verändert. Die städtische Bibliothek hier ganz in der Nähe ist die größte öffentliche des Bundeslandes. Früher hatten sie 500.000 Medien im Bestand, zu 90% Bücher, heute sind es 270.000 Medien, davon ein großer Teil digital wie Tonträger und Spiele. Schwerpunkt sind heute "aktuelle, umlaufstarke Medien statt große Tiefenbestände".
"ich würde niemals uneingeladen in jemandes Privatsphäre dringen"
Dann werde ich beim Hausmeister wieder Entwarnung geben.
#14
Zitat von Taxine im Beitrag #12Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #11
Das sind wohl drei Bände aus der Reihe Haidnische Alterthümer
Haidnische Alterthümer, ja, die sind, glaube ich, von Zweittausendeins herausgegeben, etwa nach der Auswahl von Arno Schmidt? Mein Neid ist mit dir. Ich habe kurz einmal gegoogelt und fand die Gesamtausgabe „Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts“, mit 11 bis 28 Bänden bei mehreren Anbietern, von 80 bis 1.000 Euro, wobei die 80 Euronen dann ja tatsächlich noch ein Schnäppchen sind.
Ja, ich habe im Laufe von dreieinhalb Jahrzehnten alle beieinander in gebundener Form, die Taschenbücher sind hier nicht zu empfehlen. Man muss aber ganz ehrlich sagen, dass Wezel, von Meyern, Laßwitz oder eben Gutzkow lohnen, anderes ist aber wirklich reine Privatliebhaberei Schmidts. Auch die "Ritter" oder "Der Zauberer von Roman" (Oktober Verlag) setzen, denke ich, einen langen Atem und totale Verliebtheit ins 19. jahrhundert voraus. Ich war durch Gustav Freytags "Die Ahnen" gestählt, da ging das. :) Ich empfehle gerne das Hörbuch zu Rom, gesprochen von Rolf Vollmann in der SWR Edition, auch bei Audible greifbar.
Zitat von Taxine im Beitrag #12Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #9
Man muss eben der Wahrheit ins Auge sehen: Wenn man es ernst meint mit der eigenen Bibliothek und diese mit den Jahren ein gewisses Volumen hat, dann ist man zur Sesshaftigkeit "verurteilt" und sollte eigentlich nie mehr umziehen.
Da sprichst du mir aus der Seele. Sobald man beschlossen hat, die Regale aufzubauen und zu füllen, ist man an sie gekettet. Mir vorzustellen, auf Emfpehlung von Henry Miller den Koffer zu packen und ein neues Leben zu beginnen, wie ich es damals umso beherzter tat, ist heute nicht mehr möglich. Ich würde diese Regalwelt unglaublich vermissen, diese gesamte Atmosphäre, umgeben von Büchern, die mich wärmen. Selbst wenn es passieren sollte, man weiß ja nie, was noch alles kommt, und ich irgendwohin aufbreche, ohne diese "Last", würde ich in einem leeren Raum wahrscheinlich todunglücklich werden.
Aber in der heutigen Welt bleibt kaum noch einer für immer am gleichen Ort. Ich habe heute vor 12 Jahren meine Frau kennengelernt und hätte niemals gedacht, dass ich jemals wieder meine Bücherburg verlasse. Niemand weiß, wohin es einen verschlägt im Laufe der Jahre. Tieck hatte seine ganze Bibliothek mit 15.000 Bänden verloren laut Arno Schmidt und fing sofort wieder an zusammeln. Ich würde heute auch ganz anders vor gehen.
Zitat von Taxine im Beitrag #12Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #10
Die eklatante Fehleinschätzung der Natur des weiblichen Geschlechts mag man dem empfindsamen Jüngling noch nachsehen; ich war nicht der erste, der diesbezüglich auf der Fehlhalde wohnte und werde auch nicht der letzte gewesen sein.
Auf die weibliche Natur wirken vielleicht keine Bücherreihen am Stück, aber doch der Charme von Wissen und Muse. Ich denke, damit hast du deine Frau dann auch umso leichter überzeugt.
Ich denke schon, dass ich mangels Alternativen mit "Bildung" und vielleicht auch Witz gepunktet habe, aber wenn man schon über 40 ist, sind die Voraussetzungen des Kennenlernens ohnehin ganz andere als mit Mitte 20. Aber während meiner Studienzeit traf ich nur eine Frau, die begeistert von Büchern war, hochgebildet, fleißig, selbstbewusst und zielstrebig. Sie war viel belesener, kultivierter und klüger als ich und ich trat nicht so selbstbewusst auf, wie ich es hätte vielleicht tun sollen. Ich mochte sie sehr, aber sie schüchterte mich auch ein, ich hatte großen Respekt vor ihr. Dabei hat sie auf meinen ersten Schritt gewartet, wie sie mir Jahrzehnte später gestand. So geht es im Leben.
#15
Zitat von Salin im Beitrag #13
"Selbst wenn ich in Deutschland die Möglichkeit hätte, dieses aus der öffentlichen Bibliothek zu holen, wäre es nicht dasselbe als wenn es mein eigenes ist."
Für mich ein wichtiger Aspekt: Der Inhalt eines Buches, das im persönlichen Umfeld steht, bleibt deutlich besser im Gedächtnis, auch wenn es kein zweites Mal gelesen wird. Mit sechzehn oder siebzehn habe ich Mailers Die Nackten und die Toten mangels Kaufgelegenheit ausgeliehen und fasziniert gelesen, aber das Einzige, woran ich mich erinnere, sind Maden auf den Leichen ein paar Tage nach irgendeiner Schlacht der Amerikaner im heißen Pazifik. Bei Romanen in den eigenen Beständen ist so etwas bislang noch nicht passiert.
Die Ausleihmöglichkeiten vor Ort haben sich hierzulande in den letzten zehn bis zwanzig Jahren stark verändert. Die städtische Bibliothek hier ganz in der Nähe ist die größte öffentliche des Bundeslandes. Früher hatten sie 500.000 Medien im Bestand, zu 90% Bücher, heute sind es 270.000 Medien, davon ein großer Teil digital wie Tonträger und Spiele. Schwerpunkt sind heute "aktuelle, umlaufstarke Medien statt große Tiefenbestände".
Das Leben und der Umgang mit den eigenen Büchern funktioniert nur, wenn man wirklich mit seinen Beständen lebt und jederzeit jedes Buch in die Hand nehmen kann. Schon bei mir mit zwei Standorten funktioniert das nicht mehr. Und Bibliotheken mag ich nicht: Ich habe Jena und Weimar in jeweils 15km Entfernung, trotzdem mag ich die Wirtschaft und Fahrerei nicht, zu viele Umstände und dann kann ich nichts in die Bücher schreiben. Fernleihe ist mittlerweile teurer als wenn ich mir ein Buch antiquarisch kaufe. Nein, auch wenn Haben und Sein zwei Paar Schuhe sind, ich brauche meine Bücher psychisch und physisch.
Zitat von Salin im Beitrag #13
"ich würde niemals uneingeladen in jemandes Privatsphäre dringen"
Dann werde ich beim Hausmeister wieder Entwarnung geben.


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