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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#16

RE: Auf die Schnelle ans Helle - Die kleine Präsentation

in Buchvorschläge 02.10.2011 13:53
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von LX.C
Gut, aber das Frauenbild, wie Du es in deiner Rezension als das der DDR hervorheben willst, wurde so niemals vermittelt. Sondern das Gegenteil war der Fall. (Auch wenn Frauen durch den Versuch Gleichberechtigung zu schaffen zum großen Teil einer Doppelbelastung ausgesetzt waren - Beruf/Haushalt) Daher meine Bemerkung mit den West-Fernsehen.



Es ist meine bescheidene vielleicht dermaßen unwichtige Interpretation, dass die elende Kindheit des Mädchens als Metapher für die elende DDR-Diktatur steht, damit habe ich aber immer noch nicht behauptet, dass die Lebenswelt dieses Mädchens die Lebenswelt aller Mädchen der DDR war (Frau Klüssendorf kam übrigens im Alter von drei Jahren nach Leipzig und verließ die Diktatur erst 1985, hat also dort ihre Kindheit und Jugend verbracht).


Zitat von LX.C
Und schließlich schließt du von der kleinen Millieustudie letztlich doch: "Direkt bezieht sich auf die realistische, ehrliche Darstellung der Misere und vergessen wir jeden Anflug von illusionärer DDR – Romantik. Es war ein Graus damals"
Woher bitte willst Du das wissen? Das mag für viele Einzelfälle gelten (ebenso wie in der BRD heute), lässt sich aber bezüglich der Lebenswelt der Menschen im Staat DDR nicht verallgemeinern.



Ich habe nichts verallgemeinert. Es war nun mal "Durch die Erde ein Riss", wie Erich Loest seine Autobiographie nennt. Im Osten Unrechtsstaat, auf der anderen Seite parlamentarische Demokratie. Es gibt heute durchaus DDR-Romantiker. Viele Schüler, besonders aus Brandenburg, so weist eine Studie nach, idealisieren die DDR. Bildung auf dem Flachpunkt.

Übrigens bin ich deinen kritischen Anmerkungen insofern dankbar, dass ich diesen Text durchsichtiger mache, sodass keine Missverständnise mehr auftauchen können und eindeutig bleibt, dass, wenn ich von DDR rede, den Unrechtsstaat DDR meine, also das System.

Die Änderungen:

Zitat von mArtinus
...und im übertragenden Sinn ist auch der Unrechtsstaat DDR gemeint ist, auch wenn es Verwahrlosung in Westdeutschland und in anderen Ländern genauso gegeben hat und heute noch gibt.


Zitat
...meines Erachtens ein deutlicher Hinweis dafür, dass hier Verwahrlosung als Metapher für die ganze desolate DDR-Diktatur steht.


Zitat von mArtinus
Diese Diktatur war ein Graus damals, nichts anderes.



Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 03.10.2011 07:30 | nach oben springen

#17

RE: Auf die Schnelle ans Helle - Die kleine Präsentation

in Buchvorschläge 05.10.2011 11:06
von LX.C • 2.689 Beiträge

Durchsichtiger? Tut mir leid, das reich alles nicht aus.

Zitat von Martinus

Diese Diktatur war ein Graus damals, nichts anderes.


Für wen war sie denn ein Graus? Für Dich? Für allem Menschen im Land? Für die Alten, für die Jungen? Für politisch Verfolgte? Für die Weltüpolitik? Für die Weltgeschichte?
Graus ist so etwas wie das Schlimmste und davon waren die Menschen in der DDR bis auf die politisch Verfolgten weit entfernt. Die Menschen 1989 wollten nicht die DDR weg haben, sondern eine Systemänderung innerhalb des Landes - zunmächst.

Zitat von martinus
Es gibt heute durchaus DDR-Romantiker. Viele Schüler, besonders aus Brandenburg, so weist eine Studie nach, idealisieren die DDR. Bildung auf dem Flachpunkt.


Wenn ich so was lese kriege ich eine Würgereiz, da dreht sich mir alles um!
Vielen Menschen der DDR wurde aberkannt, was sie geleistet hatten. Diplome wurden teilweise erst nach über 10 Jahren anerkannt - da ist natürlich jeder Anschluss verpasst. Fachkräfte nach westlichem "Standart" nicht anerkannt, das Interesse diese berufsbezogen zu fördern bestand gar nicht, auch die BRD befand sich in einer Wirtschaftskrise. Ein kapitalistisch oktroyiertes Wertesystem hat viele soziale Bindungen zerstört. Wer heute in den individuellen Lebensbereichen, auf Arbeit oder in der Behörde usw., das Maul aufmacht wird anders aber ebenso bestraft, daher traut sich’s keiner! Die Gesetzesflut und Bürokratie in diesem Land spielt Menschen ebenso kaputt. Es sind nicht Jugendliche, die ausschließlich einer DDR-Romantik nachhängen, sondern Menschen, die ihr Leben erinnern, die eine Biographie haben, die ihr halbes oder fast ganzes Leben in diesem System gelebt haben – ohne Graus zu empfinden! – und durchaus gut und schlecht differenzieren konnten.


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zuletzt bearbeitet 05.10.2011 11:13 | nach oben springen

#18

RE: Auf die Schnelle ans Helle - Die kleine Präsentation

in Buchvorschläge 05.10.2011 11:21
von LX.C • 2.689 Beiträge

Man sagt immer, das DDR-System konnte Existenzen zerstören. Das ist zweifellos richtig.

Doch wie viele Existenzen hat die Nachwendezeit zerstört? Das ist eine Frage, die insbesondere in den alten Bundesländern niemand stellt, weil es für den BRD-sozialisierten Bürger (übertrieben gesagt) außerhalb der Vorstellungskraft liegt.


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#19

RE: Auf die Schnelle ans Helle - Die kleine Präsentation

in Buchvorschläge 05.10.2011 11:41
von LX.C • 2.689 Beiträge

Wenn du dich außerhalb des fiktiven Genres mit dem Leben der Menschen auseinandersetzen willst, empfehle ich:

Niethammer, Plato, Wierling: Die volkseigene Erfahrung, Berlin 1991. (Aus der Forschung der Oral History – also Geschichte von unten)

Wander, Maxie: Guten Morgen, du Schöne (bezüglich des Frauenbildes und dem in vielen Bereichen durchaus missglückten Versuch, Gleichberechtigung zu schaffen)

Spannend ist auch

Dahn, Daniela: Prenzlauer Berg-Tour. (Das erzählt von der alternativen Künstlerszene in Berlin-Ost und liest sich wie ein Roman.)


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#20

RE: Auf die Schnelle ans Helle - Die kleine Präsentation

in Buchvorschläge 05.10.2011 14:17
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Hier wird natürlich auch das lebendig, was Spengler über die Geschichte sagte. Die heutige Sicht kann wenig über das Damals (Gefühle, Ansichten, Auffassungen der Menschen) aussagen, weil sich die Auffassungen schlichtweg geändert haben, Aufklärung herrschte usw. Aus heutiger Sicht sieht man all das (übersichtlich), was in der DDR falsch lief, aus damaliger Sicht der DDR-Bürger gab es keinen "Graus", keine Reflektion über die Bedingungen, weil vieles davon einfach nicht bekannt war, was wir heute wissen. Man muss hier immer die Masse, nicht vereinzelte Menschen sehen und im Auge behalten. Die Allgemeinheit wuchs mit dem Vorherrschenden auf. Die Unzufriedenheit über die Mißstände waren die gleichen, wie sie im Kapitalismus auch vorhanden sind. Was dann tatsächlich durch Stasi und andere Dinge stattfand, spielte für die Leute damals aus Unwissenheit keine Rolle. Die Leute fühlten sich auch nicht ALLE eingegrenzt oder als Gefangene. Westfernsehen zeigte z. B. die Konsumwelt. Statt aber die leeren Regale in den Kaufhäusern zu hinterfragen, wurde Westfernsehen als Lüge oder als gefährliche Kapitalistenwelt angesehen. Die Menschen fühlten sich also eher sicher, dass sie diesen scheinbaren Gefahren des Westens nicht ausgesetzt waren. Dass diese "Erziehung" durch den Staat natürlich eine manipulierte war, ist dabei eine ganz andere Sache. Es war selbstredend eine schlichte Lüge, den Menschen zu erzählen, der Westen ist Gefahr, der Osten ist sicher. (Aber wie viele Lügen werden im Kapitalismus oder... in einer Demokratie ausgesprochen...) Die Menschen, wie gesagt, lebten in dieser Welt und darum fühlten sie sich darin auch gut aufgehoben.

Auch dieser Verweis von LX.C ist gut und richtig.

Zitat von LX.C
Vielen Menschen der DDR wurde aberkannt, was sie geleistet hatten. Diplome wurden teilweise erst nach über 10 Jahren anerkannt - da ist natürlich jeder Anschluss verpasst. Fachkräfte nach westlichem "Standart" nicht anerkannt, das Interesse diese berufsbezogen zu fördern bestand gar nicht, auch die BRD befand sich in einer Wirtschaftskrise.


Nach der Grenzöffnung verloren auch unzählige Menschen ihren Job, weil die Betriebe übernommen wurden oder Insolvenz anmelden mussten. Da half kein Diplom mehr und keine Ausbildung. Viele suchten Arbeit und mussten unterqualifiziert schuften, nur weil sie aus dem Osten kamen oder im Osten weiter lebten.
Oder man bedenke, wie viele alleine ihre Häuser verloren haben, nur weil auf einmal westdeutsche Besitzer auftraten und sich daran erinnerten, dort irgendwann mal irgendetwas geerbt zu haben, wofür dann ganze Familien aus Wohnungen verjagt wurden, die dort schon über etliche Jahre lebten, nur damit ein Bauherr, der auf einmal durch die Grenzöffnung ein Anrecht auf "Gebiet" und Besitz hatte, dort ein Parkhaus errichten kann. Aus kapitalistischer Sicht hat ein Besitzer Anrecht auf ein Grundstück, selbst wenn darauf Häuser und ganze Existenzen stehen, trotzdem darf man fragen, was die Menschen dafür konnten, dass die Grenze bestand und der Besitz zuvor unklar war.

Das alles lässt sich also durchaus nicht so einfach abtun oder als Graus darstellen. Darin spiegeln sich etliche Perspektiven, die alle bedacht werden müssen.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 05.10.2011 14:32 | nach oben springen

#21

RE: Auf die Schnelle ans Helle - Die kleine Präsentation

in Buchvorschläge 05.10.2011 17:07
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo liebe Leuts,

als ich meine Rezension unschuldig hier hineingesetzt habe, habe ich nie gedacht, dass es zu einer DDR-Diskussion kommen würde. Da ich oben schon meine Ansicht vertreten habe, möchte ich mich kurz fassen. Natürlich weiß ich, heute gibt es Menschen, die sagen, so schlimm war die DDR doch nicht. Ich möchte diesen Menschen ihre Ansichten auch nicht absprechen, schließlich müssen sie das doch wissen, weil sie in der DDR gelebt haben. Es gibt aber auch andere, die ihren Mund aufgemacht, politische Ansichten vetreten haben u.ä., deswegen in Gefängnissen und Psychiatrien verschwanden. Menschen sind an dem Grenzstreifen erschossen worden, Familien und Liebespaare getrennt worden. Vielen Menschen hat die DDR auch Leid gebracht. Wenn ich sage, die DDR sei ein Graus, meine ich den Unrechtsstaat, die Diktatur. Irgendwie müsste ich mich doch jetzt verständlich ausgedrückt haben, sonst gebe ich auf.
LX:C braucht sich keine Sorgen machen. Ich empfehle Erich Loest: "Durch die Erde ein Riss", Autobiografie.
Desweiteren habe ich vor mir liegen: Mary Fulbrook: Ein ganz normales Leben. Alltag und Gesellschaft in der DDR.
Dann habe ich noch in Planung: Zersetzung der Seele. Psychologie und Psychiatrie im Dienste der Stasi von Klaus Behnke und Jürgen Fuchs von Europäische Verlagsanstalt (So schön war es unter Honecker nun auch nicht. Einmal den Maulkorb ein bisschen weg, und dann?) Habt ihr mal "Moskauer Eis" von Annett Gröschner gelesen? Guter Roman.

Im übrigen meine ich, dass Frau Klüssendorf den Deutschen Buchpreis gewinnen muss!!, nur dieses wollte ich mit meiner Buchvorstellung bestärken.
Ich denke, ich kann das Thema jetzt ruhen lassen, sonst würde ich mich nur noch wiederholen.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 05.10.2011 17:34 | nach oben springen

#22

RE: Auf die Schnelle ans Helle - Die kleine Präsentation

in Buchvorschläge 06.10.2011 19:05
von LX.C • 2.689 Beiträge

Taxine, ich unterstreiche, was Du sagst, aber so naiv waren die Menschen nicht:

Zitat von Taxine
Westfernsehen zeigte z. B. die Konsumwelt. Statt aber die leeren Regale in den Kaufhäusern zu hinterfragen, wurde Westfernsehen als Lüge oder als gefährliche Kapitalistenwelt angesehen.


Missstände wurden durchaus hinterfragt, allerdings meist hinter verschlossenen Türen, innerhalb der Familie. Auch waren viele Ursachen bekannt, die jedoch so sehr zum Selbstläufer geworden waren, dass sie gar nicht mehr aufzuhalten waren. Ebenso wusste man was Stasi bedeutet und was für Folgen Auflehnung haben konnte.
Woraus Du heute ein Graus schließt, Martinus, betraf eine Minderheit. Die Mehrheit der Menschen war einer Lebenswelt angepasst, die sich aus Bedingungen ergab, die ein lebenswertes Leben durchaus ermöglichten. Das System war ja nicht in erster Linie darauf ausgerichtet, Menschen zu vernichten, sondern versuchte in vielen Lebensbereichen durchaus humane und soziale Bedingungen zu schaffen. Und das ist keine Romantisierung, sondern Lebenserfahrung. Meine, die meiner Eltern (die ich darauf noch mal befragt hatte - mit dem Wort Graus können sie gar nichts anfangen) und die vieler anderer Menschen.
Viele Sorgen, die für die Menschen in der DDR gar nicht existent waren, die erst das kapitalistische System mit sich bringt und die sich für den ehemaligen DDR-Bürger bei aller gewonnenen Freiheit nach und nach offenbart haben, haben vermutlich zu dieser überhand nehmenden Romantisierung geführt; so denke ich mir das.
War die DDR ein Unrechtsstaat? In vielen Bereichen, insbesondere denen, die die Sicherstellung des Systems gewährleisten sollten. Durchaus. Und es ist gut, dass es vorbei ist.


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zuletzt bearbeitet 06.10.2011 19:09 | nach oben springen

#23

RE: Auf die Schnelle ans Helle - Die kleine Präsentation

in Buchvorschläge 06.10.2011 21:41
von Jatman1 • 1.118 Beiträge

Dieser Ost-West-Disput, und jeder andere bringt nichts. Die Sozialisation, wie auch immer geartet, bestimmt nicht nur den Bauch sondern auch den Geist. Es kann keine objektive Auseinandersetzung in Gesinnungsfragen geben und darauf läufts immer wieder hinaus. Keiner kann den anderen überzeugen oder gar mit logischen Ketten und Verweise auf Faktisches ernsthaft beeindrucken. Da spielt jeder Squash in seiner eigenen Abteilung gegen sich selbst - nur eben oft im Glauben, es mit anderen zu tun, weil man sie ja sieht. Da ist aber Glas dazwischen. Das lässt Licht durch und bleibt trotzdem extrem fest und undurchdringbar. Diffusion nicht möglich.


www.dostojewski.eu
zuletzt bearbeitet 01.12.2011 23:44 | nach oben springen

#24

RE: Auf die Schnelle ans Helle - Die kleine Präsentation

in Buchvorschläge 06.10.2011 23:48
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Zitat von Jatman1
Diffusion nicht möglich.



Das wird Habermas nicht gerne hören ...




Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
Facebook: http://www.facebook.com/people/Klaus-Mendler/1414151458
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#25

RE: Auf die Schnelle ans Helle - Die kleine Präsentation

in Buchvorschläge 02.09.2012 09:36
von LX.C • 2.689 Beiträge

Bruce Chatwin - Utz

Eine kleine Kulturgeschichte des Porzellans erfährt man in "Utz" von Bruce Chatwin aus dem Jahr 1988.
Utz gehört einem alten Adelsgeschlecht an. Seine Liebe zum Porzellan und die Porzellansammlung hat er von seiner Großmutter geerbt. Das Meißener Porzellan ist ihm heilig, über jedes Stück weiß er etwas zu erzählen, über die Geschichte des Porzellans ohnehin. Er bringt es unter Aufgabe seines Landgutes gut über den Zweiten Weltkrieg und über den Kommunismus. Jedoch mit der Auflage, jedes der von den Kommunisten sorgfältig registrierten Stücke nach seinem Tod dem Staat und dem staatlichen Museum Prag zu überlassen. In einer kleinen Prager Wohnung mit Blick auf den alten jüdischen Friedhof



hat er seine Sammlung untergebracht, die in Dreierreihen stehend jeden Zentimeter seines Wohnraums ausfüllt.
Wir lernen Utz zunächst als bescheidenen, zurückgezogenen Mann kennen, dem man nicht mal Beziehungen zu Frauen nachsagen kann. Die einzige in seinem Leben scheint das Dienstmädchen zu sein, das ihr Dasein in Küche und Flur der Wohnung fristet. Einen Freund hat Utz auch, Orlik ist sein Name, ein verquerer Wissenschaftler, dessen wissenschaftliche Leidenschaft der Stubenfliege gilt. Ein Mal im Jahr fährt Utz zur Kur nach Frankreich. Dort bringt er sein noch in der Schweiz befindendes Vermögen mit einer zweiten Sammlung durch. Dem englischen Erzähler, der ihn aufgrund einer Dienstreise ein Mal in seinem Leben für ein paar Stunden kennen gelernt hat und im Einstieg des Romans zusammen mit den schon vorgestellten Personen der Beerdigung des Sammlers beiwohnt, kommt gar nicht in den Sinn, dass Reisen ins kapitalistische Ausland so einfach gar nicht möglich waren. Damit ist schon angedeutet, dass die zunächst rückblickend erzählte Geschichte im Schlussteil eine überraschende Wende nach dem altbekannten Motto "Stille Wasser sind tief" nimmt, die an dieser Stelle der "kleinen Präsentation" nicht verraten sein soll. Denn für mich war sie das eigentliche Bonbon dieses kleinen Romans, den ich ansonsten vielleicht relativ unbeeindruckt beiseite gelegt hätte. Denn man fragt sich beim Lesen manchmal durchaus, ob es Sinn macht, seine Zeit mit der Geschichte des Porzellans zu verbringen. Doch Literatur wäre eben nicht Literatur, wenn sie nicht mindestens doppelbödig wäre.


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zuletzt bearbeitet 06.09.2012 14:28 | nach oben springen

#26

RE: Auf die Schnelle ans Helle - Die kleine Präsentation

in Buchvorschläge 27.11.2012 14:14
von Martinus • 3.194 Beiträge

Julia Kathrin Knoll: Die Kinder Liliths

Auch wenn wir auf Seite 586 lesen „Die Liebe der Sterblichen ist so vergänglich wie ein Windhauch“ , kann der Roman Sehnsüchte nach ewiger und vollkommener Liebe wecken, denn die Liebe zwischen dem Elfenwesen Alahrian und der sechzehnjährigen Schülerin Lillian scheinen dieses Liebesideal zu verkörpern. Allerdings ist Alahrian kein Mensch und ist unsterblich, machte Bekanntschaften mit Botticelli, Marie Antoniette und Fréderic Chopin. Aufgrund der langen Lebenserfahrung des Elfen verwundert doch seine Unerfahrenheit in Liebesdingen. Gerade dieses macht ihn aber sympathisch, denn Lillian, im Roman meist Lilly genannt, ist seine erste und einzigste Liebe, darum ist es nicht verwunderlich, was es für umständliche Anläufe braucht, bis sie sich zum ersten Mal küssen. Irgendwie ist das süß erzählt. Auch Themen wie Eifersucht und Lillys Probleme mit ihrem Vater, werden sehr realistisch erzählt, sodass sich ein jugendlicher Leser im Pubertätsalter während der Lektüre, so stelle ich mir das vor, wohlfühlen muss und sich mit dem, Protagonisten identifizieren kann. Denn ist ist ein Jugendroman, der allerdings mich, mit fast fünfeinhalb Jahrzehnten, auch noch locken konnte. Ein unsterblicher Elf mit vielen Ängsten und Schwächen. Das ist einfach sympathisch. Darum wirkt der Roman auch niemals abgehoben, auch wenn er später von anderen Welten erzählt, die den Sterblichen verborgen sind. Ein jugendlicher Elf mit Jeans. Das sitzt. Dieser Fantasyroman hat viele realistische Züge, und die fantasische Seite des Romans, die sich sehr langsam und allmählich entfaltet, wird sehr glaubwürdig eingeflochten und wirkt niemals aufgesetzt. Das ist ja gerade die Kunst. Wie kann ein/e Autor/In dem Leser eine unrealistische Welt glaubhaft machen? Diese Kunst ist der Autorin gelungen. Da ich allerdings kaum Fantasy lese, kann ich keine Vergleiche mit anderer Fantasyliteratur ziehen. Was mir allerdings noch positiv aufgefallen ist, dass das Gute und das Böse nicht schwarzweißmalerisch banalisiert wird. Der Roman ist unbedingt weiterzuempfehlen, weil er in wunderbarer Weise Liebe und Vergebung thematisiert, der Roman, wenn er nach der ersten Hälfte in einem langen Bogen zum Ende zusteuert, dem Leser viel überraschende Wendungen bietet.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#27

RE: Auf die Schnelle ans Helle - Die kleine Präsentation

in Buchvorschläge 24.05.2013 14:05
von LX.C • 2.689 Beiträge

Wladimir Woinowitsch - Die denkwürdigen Abenteuer des Soldaten Iwan Tschonkin

Iwan Tschonkin wird im Mai 1941 ins russische Hinterland befohlen, ein notgelandetes Flugzeug der Roten Armee vor Plünderung durch die Bevölkerung zu schützen. Aufgrund einer laufenden Truppenübung blieb für diese Aufgabe niemand, außer der beflissene, aber stets schikanierte Küchen- und Stallsoldat Tschonkin. Doch Flugzeug und Tschonkin gerate in Vergessenheit. Tschonkin beginnt sich im Dorf einzuleben. Er geht eine Zweckgemeinschaft mit der einsamen Briefträgerin Njura ein, macht sich in ihrem Bett nützlich und auf ihrem Gehöft, schließt Freundschaft mit dem Nachbarn und Naturforscher Gladyschew, der eine Tomaten-Kartoffel-Pflanze züchten will und Scheiße für Vitamine hält, und lebt sein Leben dahin. Als der Krieg 1941 ausbricht ändert sich für den Soldaten nichts. Er bleibt auf dem befohlenen Posten, während die Männer des Dorfes an die Front einberufen werden. Doch es kommt zu einem tragischen Zwischenfall, der Tschonkin ins Gefecht wirft. Als Njuras geliebte Kuh die Pflanzenzucht Gladyschews ob ihres großen Hungers vernichtet, gerät dieser außer sich vor Wut. Gladyschew schwärzt Tschonkin anonym bei der in der Stalin-Ära über alles gefürchteten Institution als Kriegsdeserteur und Landesverräter an, worauf sich der Geheimdienst auf ins Dorf Krassnoje macht, um Tschonkin zu verhaften. Der Soldat jedoch nimmt seinen militärischen Auftrag sehr ernst und verteidigt mit allen Mitteln das zu bewachende Flugzeug, sodass die gesamte Truppe des Geheimdienstes in seine Gefangenschaft gerät. Nach einigen Verwirrspielen und Gerüchten, dass es sich bei Tschonkin um eine verbrecherische Bande handeln würde und Mutmaßungen, dass die Deutschen dahinter stecken und die Übernahme des Hinterlandes vorbereiten würden, muss sich Tschonkin letztlich gegen ein Regiment der Roten Armee verteidigen, die er wiederum für Deutsche Angreifer hält. Am Schluss kann er dieser Übermacht nicht standhalten und verliert den Kampf.

Bei „Die denkwürdigen Abenteuer des Soldaten Iwan Tschonkin“, geschrieben 1963-1970, handelt es sich um eine satirische Aufarbeitung des Gewalt- und Terrorregimes unter Stalin. Dabei werden das in den 30er/40er Jahren vorherrschende Klima der Angst sowie die Verunsicherung, ja Unmöglichkeit, sich richtig zu verhalten, um nicht in die Fänge des Geheimdienstes und ins Lager zu geraten ad absurdum geführt und der Personenkult um Stalin auf die Schippe genommen. Die hausgemachte Bedrohung im Inneren lässt Woinowitsch bei den Protagonisten in unlogische Handlungsweisen umschlagen. Um den Soldaten Tschonkin entwickelt sich auf diese Weise ein witziges Handlungsgeflecht und Verwirrspiel, welches das russische Trauma aufs Korn nimmt, wie nur ein russischer Schriftsteller mit der eigenen Geschichte umgehen kann.

Wladimir Woinowitsch wurde 1932 in Stalinabad, Tadschikistan geboren. 1981 wurde er aufgrund seiner Schriften und seinem Engagement für Menschenrechte in der Sowjetunion ausgebürgert. Seither lebt er in München, nach offizieller Rehabilitierung 1990 zeitweise auch wieder Moskau.


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zuletzt bearbeitet 24.05.2013 14:08 | nach oben springen

#28

RE: Auf die Schnelle ans Helle - Die kleine Präsentation

in Buchvorschläge 30.07.2013 19:52
von Jatman1 • 1.118 Beiträge

Klingt gut. Werde ich lesen. Thanx.


www.dostojewski.eu
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#29

RE: Auf die Schnelle ans Helle - Die kleine Präsentation

in Buchvorschläge 29.01.2016 03:29
von LX.C • 2.689 Beiträge

Zwischendurch Zafón – Der Fürst des Parnass eingeschoben. Kleines episches Werk über den Schriftsteller Cervantes und wie es zu seinem Werk Don Quijote kam. Kurzweilig aber sehr nett zu lesen. Mit hübschen Dichterweisheiten wie: „Die Komödie lehrt uns, dass man das Leben nicht ernst nehmen darf, und die Tragödie lehrt uns, was geschieht, wenn wir dem keine Beachtung schenken, was uns die Komödie lehrt.“ (22) „Manchmal muss ein Dichter tausend Seiten verbrennen, ehe er eine zustande bringt, die es verdient, seinen Namen zu tragen.“ (49) Oder „Ein Dichter ist das einzige Wesen, das mit den Jahren das Sehvermögen zurückgewinnt.“ (73)

Die Erzählung setzt in der Jugend Cervantes ein. Rückblickend erzählt er in Barcelona angekommen seinen neu gewonnenen Freunden über seinen Aufenthalt in Rom. Darüber wie er zu seiner bildhübschen aber todkranken Geliebten und zu dem Auftrag kam, ein großes Werk zu schreiben. Seine Geliebte stirbt an Gift, das ihr der Ehemann zugeführt hatte. Und wir treffen Cervantes Jahrzehnte später und durch die Schule des Lebens gegangen in Barcelona wieder, wo er erneut auf seinen unheimlichen Mäzen aus Rom trifft, der ihn dazu animiert, den zweiten Teil von Don Quijote fertig zu stellen, wozu sich Cervantes nur unter einer bestimmten Bedingung einverstanden erklärt, dessen Erfüllung ihm sein Mäzen prophezeit.

An das Buch bin ich mal wieder unverhofft für wenige reduzierte Euros gekommen. Bei solchen Gelegenheiten im Supermarkt liegt ja meist nur Müll rum. Aber ich kann es nicht lassen (und kann nicht einfach an den Büchern vorbei gehen) und hoffe immer, auf einen kleinen Schatz zu treffen. Und dieses Büchlein ist durchaus ein solches Schätzchen.

(Zitate Fischer Taschenbuch 2014)


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zuletzt bearbeitet 11.03.2016 06:18 | nach oben springen

#30

RE: Auf die Schnelle ans Helle - Die kleine Präsentation

in Buchvorschläge 27.02.2016 22:20
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Klein, aber fein ist „Der Ästhet“ von Hermann Harry Schmitz. Auf der Suche nach humoriger Lektüre stieß ich auf diesen Herrn, der doch schon etwas älter ist bzw. nicht mehr ist, im 19. Jahrhundert lebte und als Dandy verschrien war. Er hat einige groteske Erzählungen verfasst, gesammelt z. B. in „Das Buch der Katastrophen“.
Die Erzählung „Der Ästhet“ wiederum zeigt einen Ich-Erzähler, der ganz zufällig bei einer Schiffsüberfahrt auf den berühmten Ästheten Mauzfies trifft. Hier stoßen dann zwei Ästheten aufeinander, denn der Erzähler scheint von dieser ... doch etwas verpönten ... Richtung nicht ganz unbetroffen zu sein, erkennbar daran, wie er beispielsweise Mauzfies beschreibt:

Zitat von Schmitz
„Hergott, das Gesicht! Entsetzlich! Eine Goyasche Fratze, in der eine tolle Kartoffelnase dominierte und vielleicht drei Wochen alte Bartstoppeln kaum viel Edles zu verdecken hatten. Aber originell, entschieden originell.
(…)
Der Mann sah schlimm aus, ganz schlimm. Gott, ja, sagte ich mir aber, was bei einem gewöhnlichen Menschen als Schweinerei bezeichnet werden kann, wird bei einem Denker und Weisen wie Mauzfies zur berechtigten Eigentümlichkeit. Vielleicht kostet er nur den Reiz des Kontrastes, wer will darüber entscheiden bei einem so tiefrätselhaften, originellen Kopf.
(…)
Himmel, der Mensch hatte ja auch nur ein Auge!“




Das Witzige bleibt dann, dass der Ästhet ja eigentlich nicht derjenige ist, der hier den Menschen beschreibt, sondern der, der beschrieben wird, wobei letzterer dann von äußerst künstlicher Ästheten-Natur ist, ein Mensch also, der sich im Reiz schöner Zierden sonnt und von Kunst schwärmt, ohne die nicht mehr zu atmen ist und die ihn dann vom Schmutz der Welt befreit. Kein Wunder, dass seine Bücher eine eigenartige Wirkung haben, z. B. diese:

Zitat von Schmitz
„So war in meiner Vaterstadt Düsseldorf die bis dahin ganz vernünftige Frau eines Notars nach seiner Lektüre dem Ästhetenkoller verfallen. Sie erklärte eines Morgens zum Entsetzen ihrer Umgebung, nur noch in matter Dämmerung leben zu können, keine andere Nahrung als das Mark von Bananen, mit Heliothropenöl beträufelt, dargereicht auf einer von Benvenuto Cellini gearbeiteten goldenen Schale, genießen zu können, und im Übrigen ihre Tage von jetzt ab träumend im Anblick einer römischen Gemme oder eines altvenetianischen Glases verbringen zu wollen. Darüber ging die ganze Haushaltung zugrunde, Gatte und Kinder verkamen.“



Kurz. Das Buch ist ein feinhumoriger Leckerbissen (übrigens gemeinfrei als Ebook zu haben, wer es mag, wie andere Sachen von ihm auch.) Zum Abschluss dann noch dieses Zitat, denn ich bin anscheinend auf der Suche nach lustigen Büchern und könnte gerne auch weitere gebrauchen:

„Ich halte es nicht für recht, eine Unterhose, die ursprünglich gelbbraun war, so lange zu tragen, bis sie Farbe und Ansehen von ägyptischen Mumienbändern hat. Mauzfies schien anderer Ansicht zu sein.“



(Zitiert aus Hermann H. Schmitz „Der Ästhet und andere Tragikomödien", Haffmanns Verlag)




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