Januar, Februar, März 2026
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #104
Heute Morgen schwärmt mir meine Physiotherapeutin von vielen Büchern vor, zweie konnte ich nur behalten... SenLinYu: "Alchemised" ...
Erstaunlich, und dann vielleicht auch wieder nicht, ist hier dann aber doch ihre Wahl der eher düsteren Themen, vor allem der Fantasy-Roman, der ja über viele Seiten depressive Stimmung erzeugen soll. Ich denke, aufgrund ihrer Arbeit liest sie solche Bücher dann mit anderen Augen. Ich stelle es mir allgemein schwierig vor, in diesem Beruf ein Buch zu lesen (oder auch Kunstwerke zu betrachten), ohne Mutmaßungen anzustellen, ob der Autor/Künstler am dionysischen Geist krankt.
#107
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #104
Heute Morgen schwärmt mir meine Physiotherapeutin von vielen Büchern vor, zweie konnte ich nur behalten:
Sebastian Niedlich: Der Tod und andere Höhepunkte meines Lebens: Roman (Der Tod und ich 1)
...
Interessanter und kurzweiliger wohl eher der Tod als Freund. Das ist so typisch neudeutsch schnoddrig geschrieben, das soll so modern und alltäglich sein, so komisch und lustig; wie man solches eben heutzutage versteht. Das kann man hundertfach so lesen in tausenden anderen, aber immer ähnlichen Büchern. Das heißt aber nicht, dass nicht wirklich Kurzweil möglich ist und hin und wieder auch ein Grienen.
Ich muss mich nach der Gesamtlektüre korrigieren: Selten habe ich etwas Einfallsloseres, Langweiligeres, Vorhersehbareres, Öderes, Unlustigeres, Geistloseres gelesen. Dabei gäbe das Thema etwas her, aber was der Autor daraus macht, heilige Einfalt ...
#108
Zitat von Taxine im Beitrag #106Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #104
Heute Morgen schwärmt mir meine Physiotherapeutin von vielen Büchern vor, zweie konnte ich nur behalten... SenLinYu: "Alchemised" ...
Erstaunlich, und dann vielleicht auch wieder nicht, ist hier dann aber doch ihre Wahl der eher düsteren Themen, vor allem der Fantasy-Roman, der ja über viele Seiten depressive Stimmung erzeugen soll. Ich denke, aufgrund ihrer Arbeit liest sie solche Bücher dann mit anderen Augen. Ich stelle es mir allgemein schwierig vor, in diesem Beruf ein Buch zu lesen (oder auch Kunstwerke zu betrachten), ohne Mutmaßungen anzustellen, ob der Autor/Künstler am dionysischen Geist krankt.
Ich glaube, das lässt sich kaum verallgemeinern, was den jeweiligen Menschen als Leser zerstreut am Abend nach einem schweren Arbeitstag. Natürlich, Krimis und Lovestories führen dahingehend sicher die Liste an; Spannung und Identifikation eben, das Sichwegträumen in andere, "banale" Wirklichkeiten; menschlich-allzumenschlich.
#109
Die Vorschläge meines Kindle werden mich dieses Jahr immer wieder durcheinanderbringen in meinen Plänen, aber für 99 Cent konnte ich Friedrich Gundolfs Goethe-Biogtrafie unmöglich ignorieren. Ich besitze eigentlich jede neuere des Titanen, quälte mich sogar durch die zwei Bände von Nicholas Boyle; wenn ich aber etwas suche, greife ich nach wie vor auf Conrady, Friedenthal und Safranski zurück. Für mich ist die Herangehensweise und der Stil Gundolfs nicht befremdlich, sondern hat etwas Befreiendes. Nach den vielen Jahrzehnten einer pseudoobjektiven stinklangweiligen Germanistik mit strukturalistischen, poststrukturalistischen und wasweißich für albernen Theorien wirkt die vereinnahmende, anhimmelnde, sprachlich überwältigende Deutung von Leben und Werk erfrischend.
Zitat von Yorick Ruthenus im Beitrag #109
Nach den vielen Jahrzehnten einer pseudoobjektiven stinklangweiligen Germanistik mit strukturalistischen, poststrukturalistischen und wasweißich für albernen Theorien wirkt die vereinnahmende, anhimmelnde, sprachlich überwältigende Deutung von Leben und Werk erfrischend.
Immer, wenn ich moderne Biografien lese, fehlt mir manchmal diese Bewunderung, die damals üblich war und die Menschen überhaupt dazu brachte, sich an das Leben ihres Idols zu setzen. Zwar mag etwas Voreingenommenheit dabei sein, aber sie ist weniger störend als das mittlerweile übliche Werten nach heutigen Maßstäben. Von Gundolf gibt es auch eine Biografie über Kleist und einen schönen Briefwechsel mit Elisabeth Salomon.
Ich lese als kurzweilige Lektüre auch Briefe, nämlich die zwischen Gide und Simenon. Letzterer steht noch mit den "Intimen Memoiren" an, wo er seiner toten Tochter sein Leben erzählt.
#111
Da ich nicht weiß, wohin das gehört, erst einmal hier hinein:
Wenn man sich die Hysterie der einschlägigen Organe und die vielen Kommentare auf allen möglichen Plattformen zur Causa Weimar und die linken Buchhandlungen vergegenwärtigt, weiß man nicht; ob man lachen oder weinen soll. Ich will die Sache gar nicht weiter erörtern, für einen liberalen Kulturkonservativen ist jede Art von Zensur oder Einschränkung der Kunst- und Meinungsfreiheit inakteptabel. Das Buch ist mir heilig, es mag Unsinn drinstehen oder Weisheit. Daher glaube ich mich nun in einem Paralleluniversum: Dass in gleicher Weise seit Jahrzehnten mit "rechten", also in Wirklichkeit bürgerlichen, konservativen, rechtskonservativen Autoren, Verlagen, Buchhandlungen, Instituten, Organen umgegangen wird; scheint niemanden der sich Ereifernden aufzufallen. Plötzlich sind Staat und Verfassungsschutz Feinde, die es zu bekämpfen gilt. Andersherum nutzt man beide seit wenigstens 10-15 Jahren, um den realen und vermeintlichen politischen Gegner zu bekämpfen. So sehr ich verstehe, dass viele Menschen rechten und linken Ideologien erliegen; so wenig verstehe ich, dass man so blind sein kann und so stark mit zweierlei Maß misst. Es ist nachgerade ein Satyrspiel ...
Der Verfassungsschutz müsste kaum einschreiten, findet die Zensur immerhin weit vorher statt, oft schon bei der Auswahl der Bücher durch die Verlage, während Buchhandlungen selbst kaum Einfluss darauf haben, aber oft so tun, als ob. Dieser "Skandal" erscheint mir sehr gewollt und richtet sich auch genau an die, die ansonsten gerne befürworten, dass zensiert wird, wenn es nur die "Richtigen" trifft, ohne dabei zu bedenken, dass die Zensur irgendwann auch ihre für sie "bessere Sichtweise" betreffen kann.
#113
Meine Lesepläne kann ich getrost vergessen. In der vorletzten Nummer meines neuen Lieblingsblattes, der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung, wird breit das neue Buch von Hartmut Rosa: „Rechtspopulismus ist der Protest gegen die eigene Ohnmacht“ vorgestellt. Ich bin seit seinem Buch Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne (2005) ein großer Fan von ihm, mag auch sein öffentliches Auftreten in den Medien, seine Stimme, sein Idiom. Da er hier lehrt, habe ich ihn auch schon hören und sprechen können. Es ist selten, dass ich einen Intellektuellen aus dem Westen ohner Einschränkung bewundere; aber neben seinen mich besonders interessierenden Forschungsschwerpunkten liegt das eben an seinem lockeren, unkomplizierten Wesen und ganz besonders an seiner eigenwilligen Diktion und Sprachfärbung.
Hartmut Rosa: Situation und Konstellation: Vom Verschwinden des Spielraums | Warum uns die Energie ausgeht (2026)
Zitat
»Nur wo wir handeln, fühlen wir uns lebendig, und nur im Handeln gewinnen wir soziale Energie.«
Die Lehrerin, die Noten nicht zur Ermutigung vergeben kann, die Ärztin, die Bildschirme statt Patienten behandelt, der Schiri, dessen Augenmaß vom VAR verdrängt wird: Unmerklich verändert sich in der Gegenwartsgesellschaft der Charakter unseres Handelns. Insbesondere im Berufsleben, aber zunehmend auch in der Freizeit zeichnen uns Richtlinien und Formulare, Algorithmen und Apps die Wege zur Entscheidungsfindung minutiös vor. An die Stelle situationssensiblen Überlegens und Urteilens tritt die konstellationsbasierte Vollzugslogik der Maschinen, mit denen wir tagein, tagaus hantieren. »Stimme zu« / »Stimme nicht zu« – so werden Handelnde zu Vollziehenden.
Diese Entwicklung, sosehr sie der Gerechtigkeit und Transparenz dienen mag, hat einen hohen Preis, den Hartmut Rosa in seinem neuen Augenöffner auf anschauliche Weise beziffert. Denn wenn Ermessensspielräume verschwinden und die Kreativität menschlichen Handelns aus den alltäglichen Praxisvollzügen eliminiert wird, wächst das Gefühl der Ohnmacht. Und mit der Urteilskraft verkümmert die Handlungsenergie als solche. Doch wie können wir diesem individuellen und kollektiven Energieverlust der Gesellschaft entgegenwirken? Indem wir, so Rosa, die menschliche Handlungsfähigkeit stärken, und zwar auf allen Ebenen der sozialen Existenz.
Da komme ich nun nicht dran vorbei. 
#114
Zitat
Gottes Existenz eine Sache der Vernunfterkenntnis? Diese Idee dürften die meisten für unverständlich oder gar für blanke Hybris halten. Glaube und Vernunft bilden für den Zeitgenossen, der sich vom Licht der Vernunft erleuchtet wähnt, in der Regel einen unversöhnlichen Gegensatz. Es versteht sich für ihn von selbst, dass er sich bei diesem Widerstreit ganz auf die Seite der Vernunft schlägt. Spätestens seit Kants Kritiken gilt ihm: Was Gott betrifft, könne man sich nicht auf die Vernunft, sondern höchstens auf den Glauben berufen. »Serpentinen« zeigt das Gegenteil. Es beginnt als faszinierende allgemeine Einführung in die überraschende Philosophie und Theologie des heiligen Thomas von Aquin, um sich dann den fünf Wegen zuzuwenden, die Thomas zur Beweisführung der Existenz Gottes entwickelt hat.
Mir hat schon des Autors Buch über Hegel besser gefallen als das von Klaus Vieweg.
Alexander Eiber: Caspar von Schrenck-Notzing: Konservatives Leben und Denken in Deutschland nach 1945 (2025)
Zitat
Die Wege des Konservatismus in Deutschland nach 1945 sind versteckt. Freigelegt werden sie erst durch den Blick auf die überragenden Protagonisten selbst. Caspar von Schrenck-Notzing gehört zu den zentralen Köpfen dieser Denk- und Lebensrichtung, die in der jungen Bundesrepublik begann, sich neu zu formieren. Die Biographie Schrencks ist der rote Faden durch den Wiederaufstieg des Konservatismus zu einer intellektuellen und politischen Kraft in Deutschland. Mit diesem Buch von Alexander Eiber liegt nun die erste Biographie Caspar Schrencks vor. Caspar von Schrenck-Notzing (1927-2009) entstammt einer alten Münchner Familie. Als Intellektueller wurde er in der Bonner Republik zu einer der tonangebenden konservativen Stimmen, die bis heute bedeutend sind. Schrenck sammelte und organisierte – angefangen von der Nachkriegszeit bis weit hinein in die Berliner Republik – das konservative Denken in Deutschland und trug wesentlich dazu bei, den Konservatismus als geistig-kulturelle Bewegung politisch wieder schlagkräftig zu machen. Als Autor von sechs Büchern, Herausgeber der Zeitschrift Criticón und Instituts-Gründer schuf er Säulen konservativen Denkens. Wesentlich trug Schrenck auch zur internationalen Vernetzung des Konservatismus – insbesondere zwischen Deutschland, den USA und Großbritannien – bei. Er ist als Vordenker, aber vor allem als organisatorischer Kopf einer der zentralen Akteure des jüngeren deutschen Konservatismus – und der politischen Rechten als Ganzes. Schrencks vielschichtiges Wirken wird in diesem Buch zum ersten Mal biographisch erforscht und minutiös rekonstruiert.
In Zeiten, da die "Rechte" unangefochten regierte, würde ich wohl wieder Marx, Engels, Lenin lesen; ich lehne mich immer dagegen, wenn sich jedes Maß verliert. Aber natürlich bin ich auch längst in Jahren und verstehe mich als Teil konservativen Denkens.
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