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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#196

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 01.01.2011 23:02
von Jatman1 • 1.115 Beiträge

So wie mich Thomas Mann echt verärgert hat, begeistert mich momentan Berdjajews Die Weltanschaung Dostojewskis. So etwas nennt man lebendiges Schreiben. Berdjajew ist völliger Begeisterung und zugleich mit aureichender Distanz unterwegs. Er hat auch noch einige prächtige Vergleiche zu Tolstoi. Berdjajew ist von Dostojewskis Gedankenfülle scheinbar entzündet worden und hat für ihn gebrannt, bis zum Ende. Inhaltlich eher weniger, aber an Aufgewühltheit und Bewegtheit über Dostojewski Tiefe sehe ich klare Parallelen zu Stefan Zweigs Auslassungen über Dostojewski in Drei Meister.

Besonderes Highlight, das sich für mich anbahnt, ist die Argumentation, Dostojewski sei den Slawophilen nicht zuzuordnen. Bisherige Anklänge dahingehend sind recht ansprechend.
Das Buch könnte man vermutlich auch lesen, wenn man Dostojewski nicht kennen würde. Danach wollte man sicherlich etwas von ihm lesen oder wissen.
Abschließend ein Satz, der gleich zu Beginn des Buches an mir hängen blieb:

Zitat
Das Schaffen Dostojewskis ist ein rechtes Festmahl des Gedankens.


www.dostojewski.eu
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#197

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 01.01.2011 23:12
von Jatman1 • 1.115 Beiträge

Noch kurz. Durch Mereschkowskis Buch Tolstoi und Dostojewski war ich verleitet, nochmals in das Buch Tolstoi oder Dostojewski von Georg Steiner reinzuschauen und querzulesen. Es war eine gute Ergänzung. Der Blickwinkel ist ein anderer. Er stellt vorrangig auf das Kompositorische ab. Dürfte man nur eins der beiden Bücher wählen, ich nähme Mereschkowski, auch wenn Steiner Mereschkowski einen "unbrechenbaren und unzuverlässigen Zeugen" schimpft.


www.dostojewski.eu
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#198

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 14.01.2011 19:30
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Dostojewskij, hier nahezu buddhistisch:

Zitat
Übe dich in Demut, stolzer Mensch, und bezwinge vor allem deinen Stolz. Übe dich in Demut, müßiger Mensch und gehe vor allen Dingen einmal ans Werk auf heimatlicher Flur. Nicht außer deiner selbst ist die Wahrheit, sondern in dir; finde zu dir selbst, meistere dich selbst, lerne dich selbst beherrschen, und du wirst die Wahrheit erblicken. Nicht in den Dingen ist die Wahrheit, nicht außerhalb deiner selbst und nicht irgendwo hinter den sieben Bergen, sondern vor allem in der Arbeit an dir selbst. Besiege dich selbst, bezwinge dich selbst - und du wirst frei sein, wie du es nie auch nur erträumt hast. Und beginnst ein großes Werk, und machst andere frei, und erblickst das Glück, denn dein Leben wird einen Inhalt bekommen, und du wirst endlich dein Volk und seine heilige Wahrheit begreifen... Nirgens sonst ist die Weltharmonie, wenn du selbst allen voran ihrer unwürdig, wenn du böse und stolz bist und das Leben ohne Gegenleistung haben willst, ohne auch nur zu ahnen, dass man für das Leben zahlen muss...


(Dostojewskij, Tagebücher eines Schriftstellers)




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#199

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 14.01.2011 20:04
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

In den Kerenski-Memoiren heißt es in der Einleitung:

Zitat von Kerenski
Am 30. August (11. September) 1880 schrieb Fjodor Dostojewski in sein "Tagebuch eines Schriftstellers": "... Ich habe so eine Vorahnung, ob die Würfel schon gefallen seien. Die Rechnung wird wahrscheinlich viel früher beglichen werden müssen, als man es sich in seinen wildesten Träumen vorstellen kann. Die Symptome sind erschreckend. Die uralte unnatürliche Situation der europäischen Staaten dürfte hinreichen, die Dinge in Bewegung zu setzen. Wie kann auch die Situation natürlich sein, wenn ihr uralte Künstlichkeit zugrunde liegt. Ein Teil der Menschheit kann nicht weiterhin alle übrigen Menschen in Sklavenketten halten. Nun aber sind alle staatlichen Einrichtungen (die schon lange nicht mehr christlich sind) von Europa (das jetzt vollkommen heidnisch ist) genau dazu fest entschlossen... Dieser unnatürliche Zustand und diese unlösbaren politischen Probleme (die, das kann man sagen, heutzutage jedermann bekannt sind) können nur zu einem gewaltigen, endgültigen politischen Krieg führen, in den jedermann verwickelt wird, und dieser Krieg wird noch in diesem Jahrhundert, vielleicht sogar in diesem Jahrzehnt ausbrechen..."
Es war nichts Seherisches an dieser Prophezeiung Dostojewskis. Er hatte nur die Aktionen Bismarcks und anderer zeitgenössischer Politiker und Staatsmänner genau studiert und war zu dem logischen Schluss gekommen, dass der Kampf der Großmächte um Weltherrschaft zwangsläufig zum Krieg führen musste. Seine Voraussage wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts Wirklichkeit.



(Alexander F. Kerenski "Die Kerenski-Memoiren")




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#200

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 14.01.2011 21:47
von Jatman1 • 1.115 Beiträge

Damit ich nicht roste, erst einmal keine Reflektion oder Reaktion auf Deine Taxine, interessanten Schmankerl, sondern ein Zitat aus einem Brief an die Frau, die Dostojewski auf dem Weg in die Verbannung die Bibel geschenkt hatte. Das klärt eigentlich die oft zu findende leidige Diskussion über den Glauben oder Unglauben Dostojewskis.

Zitat
Ich will ihnen von mir sagen, dass ich ein Kind dieser Zeit, ein Kind des Unglaubens und der Zweifelssucht bin und es wahrscheinlich (ich weiß es bestimmt) bis an mein Lebensende bleiben werde. Wie entsetzlich quälte mich diese Sehnsucht nach dem Glauben (und quält mich auch jetzt), diese Sehnsucht nach dem Glauben, die um so stärker ist, je mehr Gegenbeweise ich habe.


www.dostojewski.eu
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#201

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 14.01.2011 22:27
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Ich glaube, die Zerrissenheit zwischen Glaube und Unglaube macht Dostojewskis ganzes Wesen aus. Alles andere ist nur Beiwerk. Gerade seine literarischen Figuren zeigen diese verschiedensten Gesichter, und wer hätte diese Vielfalt an Glauben, Bekehren, Unglauben, Zerwürfnis, Leugnung und Verherrlichung, Gottes-Ehrfurcht und Gott-Hinterfragung besser darstellen können, als jemand, der bis zu seinem Lebensende mit diesem einen Thema gerungen hat, ohne eine Gewissheit gefunden zu haben.




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#202

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 14.01.2011 22:34
von Jatman1 • 1.115 Beiträge

Alles andere ist nur Beiwerk Schöne Formulierung. Das ist der Kern. Problem für mich: Auch das Beiwerk langweilt nicht.


www.dostojewski.eu
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#203

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 14.01.2011 22:43
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Nein, das ist ja kein eigentliches Problem. Das scheint mir der Kern der Dostojewski-Forschung zu sein, dass sich alles um seinen Glauben dreht, während so vieles noch offen und brach liegt.
Ein interessanter, vielleicht zu diskutierender Film wäre von Iwan Pyrjew "Die Brüder Karamasow". Der reißt irgendwie den ganzen Roman auseinander und setzt ihn ganz nach Belieben wieder zusammen. Die russischen Schauspieler sind großartig. Und das Thema wirkt irgendwie, wie auf Dostojewski zurückgeworfen, wie ein Russe also seine Literatur interpretiert. Was ich damit auch sagen will: Die Russen selbst haben ihn häufiger ebenso falsch interpretiert und verstanden wie der faszinierte Westen. Ein Vergleich wäre durchaus spannend.




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#204

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 14.01.2011 22:51
von Jatman1 • 1.115 Beiträge

Die Brüder waren und sind mir zu komplex. Da würde mir im Film nichts auffallen. Es ist ja nun auch einmal ein Puzzle aus vielen Geschichten. Wenn ich im Stoff bei die Brüders stehen täte, wäre solch ein Vergleich sicherlich lohnenswert.
Ein Beispiel für Beiwerk:
Etwas zum Schmunzeln:
Hier ein Schnipsel von einer sehr freundlichen Mail, die mir ein Slavistik-Professor schickte:

Zitat
"Dostojewski" ist die eingeführte Form, wissenschaftlich "Dostoevskij", manche schreiben auch Dostojevskij.
Der Akzent sitzt falsch - auf dem v satt auf dem e - und ist außerdem im Russischen überflüssig.


Da hatte ich meine Lektion weg


www.dostojewski.eu
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#205

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 14.01.2011 22:56
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Ist ja genial... das typische Beispiel eines "Mannes vom Fach", der in seiner Bildung schwimmt und den Namen vor lauter Buchstaben nicht sieht...

Herrlich. Danke für das Zitat.




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#206

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 14.01.2011 23:05
von Jatman1 • 1.115 Beiträge

Ja und Nein. Ich muss ihn in Schutz nehmen. Das war wirklich nett gemeint.


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#207

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 14.01.2011 23:08
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Einverstanden. Zumindest wissen wir jetzt, wie Dostojewski in der Fachsprache heißt.




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#208

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 15.01.2011 23:54
von Jatman1 • 1.115 Beiträge

Zitat
Dostojewskij, hier nahezu buddhistisch:


Da würde mich mal der Zusammenhang interessieren. Weißt du vielleicht aus welchem Jahr der Auszug stammt?

Es ist auch ein schönes Beispiel für den Messianismus (lt. Berdjajew) von Dostojewski. Dort liegt der Unterschied zu den damals üblichen slawophilen Standpunkten, die "lediglich" im Nationalismus vertaut waren. Somit war Dostojewski selbst in Bezug auf reaktionäres Gedankengut bereits fortschrittlicher. Ein Paradox. Ein Dostojewski.

Zitat
und du wirst endlich dein Volk und seine heilige Wahrheit begreifen... Nirgens sonst ist die Weltharmonie, wenn du . . .

Er spricht weder vom orthodoxen Glauben, noch vom russischen Volk bzw. vom einfachen russischen Volk. Das haben die nationalistischen Slawophilen damals getan. Eben ein feiner aber wesentlicher Unterschied. Unfug bleibt Dostojewskis Allmenschentum trotzdem.


www.dostojewski.eu
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#209

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 16.01.2011 16:18
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Ja... Unfug, weil's wie immer am Menschen scheitert. Allmenschentum gibt es eben nicht und wird es nie geben. Das Voraussetzen, dass der Mensch das Gute in sich dazu nutzt, der Welt zu dienen, seine eigenen Ideale dazu zu gebrauchen, um Gutes zu bewirken, ist ja nicht verkehrt, nur illusorisch.

Zitat von Dostojewski
Nun, dann fange und überführe ich euch zum Trotz und sage, dass auch ihr ganz solche Don Quichottes seid, dass auch ihr selbst ebensolch eine Idee habt, an die ihr glaubt und durch die ihr die Menschheit erneuern wollt!
In der Tat, woran glaubt ihr denn? Ihr glaubt (und auch ich mit euch) an die Allmenschheit, das heißt: daran, dass dereinst vor dem Licht der Vernunft und Erkenntnis die natürlichen Schranken und Vorurteile, die bis heute noch die freie Gemeinschaft der Nationen durch den Egoismus der nationalen Forderungen vereiteln, fallen werden, und dass dann erst die Völker beginnen können, in einem einheitlichen Geiste und einhellig wie Brüder zu leben, vernünftig und mit Liebe zu allgemeiner Harmonie strebend.


(Dostojewski, Tagebuch eines Schriftstellers)

Das sind eben die ewigen und uralten Ideale, die noch kein Jahrhundert bewältigen konnte. Und Dostojewski schränkt ja vernünftigerweise auch immer ein:

Zitat von Dostojewski
Unsere ganze Rettung liegt ja darin, dass wir nicht im voraus darüber streiten, wie und wann sich diese Idee verwirklichen wird, sondern dass wir alle zusammen von der Betrachtung zur Tat übergehen. Aber gerade hier liegt nun freilich der wunde Punkt.


(Dostojewski, e.d.)




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#210

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 17.01.2011 16:58
von Jatman1 • 1.115 Beiträge

Zum feinen Unterschied von einem Unfug zum anderen. Selbst bei Unfug denken und schreiben hatte Dostojewski die Nase leicht vorn.
Dostojewski:
„Ein großes Volk muss, falls es sich lange am Leben halten will, glauben, dass gerade in ihm und nur in ihm allein die Rettung der Welt liege, das es dazu lebe, um an die Spitze der Völker zu treten, sie alle sich als Einheit einzuverleiben und sie in einem einheitlichen Chor zum endlichen, ihnen allen bestimmten Ziel zu führen.“

Dostojewskis lässt in dieser Aussage die Idee des messianischer Nationalismus erkennen. Eine Konzentration auf eine bestimmte auserwählte Nationalität wird ausgeschlossen, Nationalitäten werden nicht „zergliedert“ oder separiert. Es geht um ein universales Bewusstsein aller Völker, sodass das messianische Volk sozusagen den Auftrag besitzt, alle Völker zu retten und dann selbst im universalen Volk aufzugehen und somit der ganzen Welt gedient zu haben. Dieses Volk mit eben besagtem Ziel ist bei Dostojewski das russische, das „Gotträgervolk“
Es geht Dostojewski nicht darum, den russischen Nationalismus als Lösung „anzubieten“. Diese Feinheit sieht Berdjajew im Wesentlichen als den Unterschied zwischen Messianismus und Nationalismus an. Recht deutlich wird dies an einem weiteren Ausschnitt seiner Tagebuchbetrachtungen:

„Die Bestimmung des Russen ist mit Sicherheit eine paneuropäische und weltumfassende Bestimmung. Wirklicher Russe sein, ganz Russe sein, heißt denn vielleicht auch nur aller Menschen Bruder, Allmensch sein. Oh diese ganze Slawophilie und dieses Westlertum ist nur ein großes Mißverständnis, obwohl ein geschichtlich notwendiges Missverständnis. Für den wahren Russen ist Europa und das Geschick der ganzen großen arischen Rasse ebenso teuer wie Russland selbst, wie das Geschick unserer gesamten heimatlichen erde, denn unser Geschick ist eben – Weltgeschick.“

Dostojewski einfach in die Garde der damaligen Slawophilen oder gar russischer Nationalisten eingereiht wissen zu wollen, erhält hiermit sicherlich einen Dämpfer.

Nichtsdestotrotz bleiben die Übergänge fließend. Dostojewskis Texte lassen nicht selten auch unklar ob er den nun vom Allgott oder dem russischen Gott zu sprechen meint. Die Nähe Dostojewskis zum Nationalismus und zur Slawophilie ist sicherlich unbestritten. Sie weisen jedoch wiederholt eingestreute Ausrichtungen auf, die den Ansatz seiner Betrachtungen von denen der damaligen Zeit durchaus unterscheidet. Und dies eben nicht unbedingt ausschließlich zu seinem Nachteil.

Noch einmal Berdjajew dazu:
„Die Slawophilen waren immer noch Provinzler im Vergleich mit Dostojewski. Dostojewskis Verhältnis zu Europa ist wesentlich anders als das der Slawophilen.“


www.dostojewski.eu
zuletzt bearbeitet 22.01.2011 13:38 | nach oben springen
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