HirngespinsteAustausch zwischen Literatur und Kunst |
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Vielleicht bin ich gerade dabei, mich zu verrennen bzw. es zu übertreiben. Andererseits bin ich hier ja schließlich bei den Hirngespinsten.
Selbstverständlich stößt jeder Versuch eine Persönlichkeitsstörung mit Merkmalen zu belegen, auf völlig herkömmliche Eigenschaften. Wollte man fast ausschließlich welche finden, die jeder von sich weisen kann, müßte man vermutlich in die Klapper und dann noch in die geschlossene Abteilung, um so jemanden zu finden.
Dass man sich selbst partiell und temporär Merkmale zuschreibt ist letztendlich nichts anderes als, festzustellen, dass man nach der herkömmlichen Definition von normal auch Abweichungen bei sich ausmacht. Das wiederum ist normal.
Nicht unnormal, aber eben den Status einer Krankheit erreichend, wird es eben wenn eine bestimmte Konstellation, Häufigkeit und Intensität von Merkmalen festzustellen ist. Und deswegen bin ich über dieses Stück Text gestolpert. Und eben jene Konstellation, Häufigkeit und Intensität fand ich bei Dostojewski als zutreffend.
Olle Marx sprach/schrieb mal in etwa: Jede Quantität steigt, solange bis sich in Folge daraus eine neue Qualität daraus entwickelt.
Und wir, so will ich hoffen, sind noch, bezüglich des Themas, weit von einer neuen Qualität entfernt.
Eure Anmerkungen sind jedoch für mich, das Zeichen, dass ich die Finger von Dingen lasse, von denen ich ABSOLUT keine Ahnung habe und mich denen zuwende von denen ich lediglich keine Ahnung habe.
Da leg ich mich auch mal noch schnell auf die Couch:
Exzessive im Detail verhaftete Sprache und Depression hätte ich im Angebot.
www.dostojewski.eu


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Dostojewski predigt in einer Kirche; der Zeit und meinem Musikgeschmack entsprechend.
Dostojewski lebt!
www.dostojewski.eu


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RE: Dostojewski
in Die schöne Welt der Bücher 25.11.2010 18:52von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
Zitat von Jatman
– Veränderte Sexualität
meist in Richtung Hyposexualität
Veränderungen des sexuellen Geschmacks
Damit hast du allerdings Recht. Hyposexualität, wie ich nachgelesen habe, geht sehr häufig mit Epilepsie einher.

Art & Vibration


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"Schönes" Stichwort - Epilepsie.
Immer wieder die Frage, so oder ähnlich. Brauchte Dostojewski sein „Elend“ um schreiben zu können? Aus dieser Frage eine kleinere herausgefieselt: Welche Rolle spielte die Epilepsie in seinem und für sein Werk? Und mit Sicht z.B. auf Myschkin: Welche Rolle wies Dostojewski seiner Epilepsie in seinem Leben zu?
Fragen die für mich bisher noch gar nicht so sehr drängend waren, und wenn denn mal, verliefen sie nahezu ins Leere.
Und nun bin ich an ein Juwel von Text geraten. Präzise, stringent, belegt, fundiert, erhellend und hochinteressant. Bin ich schon wieder zu fiebrig?! Nein.
Besonders reizvoll wären Anmerkungen, die dem Text nichts oder wenig positives bescheinigen wollten.
So fand ich z.B. eine Annahme von mir hier wunderbar in Worte gefasst.
„So äußert sich Rilke dazu einmal in einer vielleicht auch für die Einstellung Dostojewskis
nachdenkenswerten Weise: „Die Psychoanalyse ist eine zu gründliche Hülfe für mich, sie hilft ein für alle Mal, sie räumt auf, und mich aufgeräumt zu finden eines Tages, wäre vielleicht noch aussichtsloser als diese Unordnung“.
Aus der „Zeitschrift für Epileptologie 3/2010“
Zum Konflikt von Kreativität und Krankheit: Dostojewskis Epilepsie
von Prof. Dr. med. Dieter Janz
http://www.epi.ch/_files/Artikel_Epileptologie/Janz_3_10.pdf
www.dostojewski.eu


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Das Petersburger Museum der Russischen Literatur (Musej Puschkinskij dom) besitzt die größte Dokumentensammlung des Landes zur russischen Literatur. Es zeigt Manuskripte, Briefe und persönliche Gegenstände.
Von Dostojewski soll sich wohl gar nichts in der Sammlung befinden. Is ja`n Ding. So jedenfalls die Beschreibung des Museums.
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RE: Dostojewski
in Die schöne Welt der Bücher 25.11.2010 21:47von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
Rosanow in "Verwehte Blätter":
Zitat von Rosanow
Wie ein betrunkenes, nervöses Weib hat sich Dostojewskij an das "Gesindel" Russlands gehängt und ist sein Prophet geworden.
Der Prophet des "Morgen" und der Sänger des "längst Vergangenen".
Das "Heute" existierte für Dostojewskij nicht.

Art & Vibration


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Vorsicht Ödniss und Redundanz im Stück
Gestern in den Briefen Turgenjews gelesen. Passt schön in das Bild von Dostojewskis besonderen Frauen. Mit Jewdokija Panjewa hatte Dostojeski mit hoher Wahrscheinlichkeit Mitte der Vierziger Jahre was am Laufen.
Turgenjew 1857 in einem Brief an M.N. Tolstaija über Jewdokija Panjewa
Zitat
Dieses (soi dit entre nous) grobe, beschränkte böse, launische, jeder Weiblichkeit bare, aber absolut kokette Geschöpf . . .
(Zu der Zeit war sie mit Nekrassow "auf Tour")
www.dostojewski.eu


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Dostojewski zitiert einen bejahrten Arzt, der einmal sagte:
Zitat
Ich liebe die Menschheit, aber ich wundere mich über mich selbst: je mehr ich die Menschheit im allgemeinen liebe, desto weniger liebe ich die Menschen im besonderen, das heißt, als einzelne Personen genommen.
Leider habe ich keine Quelle zu diesem Dostojewski-Zitat. Sehr schade.
Gefunden habe ich es hier:
http://www.zum.de/Faecher/kR/BW/bibellit/texte/t129.htm
Die Seite bringt für mich persönlich nix.
Dieses Zitat wirft jedoch ein ziemlich erklärendes Licht auf Dostojewski, als einem der die Menschen liebt. Es bestätigt die Annahme, Dostojewski sei Philanthrop, um ihn im selben Zuge als Misanthrop auszuweisen.
Vielleicht muss man den letzten Satz um zwei Adjektive erweitern:
Es bestätigt die Annahme, Dostojewski sei ideologischer Philanthrop, um ihn im selben Zuge als pragmatischen Misanthrop auszuweisen.
Was macht man nun damit? Ich gelange zu einem Ergebnis, das nicht gefragt war, mich aber doch befriedigt.
a)
Es hilft bei der Klärung, weshalb Dostojewskis Verhältnis zum Menschen so konträr eingeschätzt werden kann. So ja auch hier. Es existieren die zwei Ebenen, die sich nicht klar abzeichnend überschneiden, jeder persönliche Fokus zielt vorrangig auf eine der beiden Ebenen ab. Und wenn es noch verzwickter wird, beteiligt sich jemand an der Diskussion, der sich schwankend im Bereich der Melange der Ebenen bewegt.
b)
Die Diskussion um Dostojewskis Menschenbild kann zu keinem einvernehmlichen Ergebnis führen. Die Flamme, die diese Auseinadersetzung am Köcheln hält, ist nicht zu löschen.
Dostojewski sollte in das Synonymwörterbuch aufgenommen werden, als Synonym für den Begriff Widerspruch.
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Zitat von Jatman1
Dostojewski zitiert einen bejahrten Arzt, der einmal sagte:Zitat
Ich liebe die Menschheit, aber ich wundere mich über mich selbst: je mehr ich die Menschheit im allgemeinen liebe, desto weniger liebe ich die Menschen im besonderen, das heißt, als einzelne Personen genommen.
Das ist aus den Brüdern Karamasoff.
Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
Facebook: http://www.facebook.com/people/Klaus-Mendler/1414151458


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Vielen Dank für die Info. Ist das so ein bekanntes Statement, dass Du dies sofort zuordnen kannst?
Trostdem Schade, dass es nur ein Zitat aus seinem Text ist, dass ihm zugeschrieben wird. Aber für mich bleibt es die Lösung, nein hmm, eine oder die Erklärung.
www.dostojewski.eu


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Zitat von Jatman1
Vielen Dank für die Info. Ist das so ein bekanntes Statement, dass Du dies sofort zuordnen kannst?
Ich hatte es irgendwie noch im Hinterkopf, und eine kleine Recherche hat es mir dann bestätigt.
Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
Facebook: http://www.facebook.com/people/Klaus-Mendler/1414151458


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Für Interessierte
Dostojewskis "Tagebücher" gibt es in der Regel nur als zusammengestellte Auswahl.
Es gibt sie jedoch auch vollständig, in einer Auflage aus den Zwanziger Jahren. Die gibt es gerade bei booklooker zu einem recht guten Preis. Bekommt man eher selten komplett. Ich habe sie schon, ansonsten wären dies meine :-)
Nur mal so als Anregung.
Tagebuch eines Schriftstellers. 4 Bände
www.dostojewski.eu


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Weiter vorn erwähnte ich das Buch Tolstoi und Dostojewski von Mereschkowski. Da intellektuelles Aufarbeiten nicht mein Ding ist, werde ich ein paar Zitate einfach abschreiben und hier zum Besten geben. Selbst eben, wenn man von beiden bereits einiges weiß, so stellte die Gegenüberstellung für mich einen klaren Zugewinn dar.
„Ich sage entgegengesetzt, nicht aber fernstehend oder fremd, denn sie berühren sich oft, stimmen sogar überein, nach dem Gesetz der sich berührenden Gegensätze.“
"Tostoi erzählt in seinem Aufsatze über die Volkszählung, dass er im Ljapinschen Nachtasyle nach bedürftigen Leuten gesucht hätte, die einer Geldunterstützung würdig wären und an die er den Rest der ihm von reichen Wohltätern eingehändigten Gelder - 37 Rubel – verteilen könnte, aber trotz allen Suchens keinen gefunden hätte.
Mit Bestimmtheit kann man sagen, daß es Dostojewski nicht schwer gefallen wäre.
(. . .)Dostojewski brauchte sich nicht den Beweis zu erbringen, daß Geld etwas Böses sei, daß man dem Besitze entsagen müsse. Das Geld liebte er oder aber er bildete es sich ein, es zu lieben. Aber es liebte ihn nicht. Tolstoj haßt es oder glaubt, daß er es haßt, aber es liebt ihn und es kommt selbst zu ihm.
Der eine träumte sein ganzes Leben lang vom Reichtum, lebte wie ein Bettler und wäre ohne seine Frau wohl auch so gestorben; der andere, der sein ganzes Leben an Armut dachte, hat allein sein Vermögen allein nicht verteilt, sondern es noch vermehrt."
"Wenn das Leben Tolstois dem jungfräulich reinen Wassers einer unterirdischen Quelle gleicht, so ähnelt das Leben Dostojewskis dem Feuer, das aus den selben Untiefen hervorbricht, aber mit Lava, Asche, erstickendem Rauche und Qualm vermengt ist."
"Krieg und Frieden, Anna Karenina sind wirkliche Romane, echte epische Schöpfungen.Hier liegt der künstlerische Schwerpunkt nicht im Dialoge der handelnden Personen, sondern in der Erzählung – nicht in dem, was sie reden, sondern in dem, was über sie geredet wird, nicht in dem, was wir hören, sondern in dem, was wir sehen.
Bei Dostojewski ist es gerade umgekehrt; der erzählerische Teil steht in zweiter Linie, dient nur zum architektonischen Aufbau des ganzen Werkes. Die Erzählung ist immer in ein und derselben eiligen, zuweilen ganz flüchtigen Sprache geschrieben. (. . .) Die Erzählung ist nicht der Text, sie ist der Aufbau der Szene, der notwendigen Theaterdekoration. Erst wenn die handelnden Personen sprechen, fängt das Drama an. Im Dialogekonzentriet Dostojewski seine ganze künstlerische Darstellungskraft; im Dialoge knüpft und löst sich alles bei ihm."
"Selbstverständlich sind beide volkstümlich in dem Sinne, daß sie den Geist des russischen Volkes im Geiste der russischen Kultur weiter fortbilden, daß sie nach dem streben, was einmal wirklich volkstümlich werden und zugleich der allgemeinen Weltkultur angehören soll."
www.dostojewski.eu


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