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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#1

Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 02.10.2007 16:57
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

DOSTOJEWSKI

Er wurde am 30.Oktober (alten Stils) oder 11. November (neuen Stils) 1821 in Moskau geboren und ist am 28. Januar oder 9. Februar 1881 in Sankt Petersburg an einem Blutsturz infolge eines Lungenemphysems gestorben. Den Lebenslauf Dostojewskis hier anzuführen, wäre sicherlich zu gekürzt, zudem kann man ihn besser in anderen Schriften nachlesen. Nur soviel sei gesagt, sein Vater wurde durch leibeigene Bauern auf seinem Landgut ermordet, seine ersten Romane waren "Arme Leute" und "Der Doppelgänger", durch die er bereits in literarischen Kreisen Ansehen erlangte, er war Mitglied des revolutionären Petraschewski-Kreises, durch den er dann wegen angeblich staatsfeindlichen Aktivitäten aufgrund einer Denunziation verhaftet, zum Tode verurteilt, schließlich durch den Zar Nikolaus I. begnadigt wird, zu vier Jahren Verbannung (mit Zwangsarbeit) und anschließender Militärdienstpflicht als "gemeiner Soldat". Diese harten Zeiten hat er in "Aufzeichnungen aus dem Totenhaus" ganz großartig festgehalten, und trotz dieses bösartigen Einschnitts in sein Leben sprach er sich immer positiv für den Zar aus. Dostojewski litt an Epilepsie. Er hat sich immer gegen das Schreiben für Geld ausgesprochen, wollte lieber hungern, als zu einer "schnellen Abgabe" gezwungen zu sein. Seine Werke waren schnell geschrieben, doch die Überarbeitung und die harte Kritik, mit der sich Dostojewski selbst bedachte, benötigten ihre Zeit. "Die Brüder Karamasow" benötigte die längste Zeit und war gleichzeitig auch sein letztes Werk.

„Alles ist gut. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird gleich glücklich sein, sofort im selben Augenblick.“

sagt Kirilloff in "Die Dämonen".

In den "Brüdern Karamasow" formuliert Dostojewski einen ähnlichen Gedanken so:
„Das Leben ist ein Paradies, und alle sind wir im Paradiese, wir wollen es nur nicht wahrhaben; wenn wir es aber wahrhaben wollten, so würden wir morgen im Paradiese sein.“

Das scheint mir der Grundkern seiner Philosophie zu sein. Dostojewski war in seinem Glauben an das russische Volk, an Gott auch durch Schopenhauer und die östliche Philosophie geprägt, was aus all seinen Romanen spricht.
Aber zunächst zu "Die Dämonen".

Mal wieder hat mich Dostojewski mit einem seiner Romane völlig in den Bann gezogen. "Die Dämonen" ist ein Meisterwerk, eines der besten Bücher neben den Brüdern Karamasow. Was Dostojewski auszeichnet, ist seine Fähigkeit, die Charaktere alleine durch ihre Worte lebendig zu machen, sie nur durch das, was sie sagen, zu individuellen Geschöpfen zu gestalten.
In den "Dämonen" befinden wir uns in einer kleinen Provinzstadt, die sich dadurch auszeichnet, dass die Menschen sich dort mit Vorliebe der Tratschsucht hingeben. Jeder vermutet hinter jedem eine Gestalt mit einem Geheimnis, und ein einmal Ausgesprochenes macht sofort die Runde.
Die Hauptperson ist Nikolai Stawrogin, der im Zwiespalt steht zwischen schöpferischer Geistigkeit und Eros, und, wie Thomas Mann es formulierte, eine der

Zitat von Mann
unheimlich anziehendsten Figuren der Weltliteratur


ist. Das nun kann ich wirklich bestätigen, denn durch seinen Ernst, sein düsteres Wesen, dem Gesicht, das ausdruckslos in seiner Schönheit manchmal fast einer Maske gleicht, schillert er in seiner Unergründlichkeit. Um ihn gruppiert sich die Handlung, die von einem historischen Vorfall ausgeht, von der später zu düsterer Berühmtheit gelangten „Netschajew-Affäre“: eine russische Terroristengruppe hatte eines ihrer Mitglieder, einen Studenten, umgebracht, weil er aus der Gruppe ausgetreten war und weil sie seiner Verschwiegenheit misstraute. Stawrogin redet vom „Geheimbund“, der seine Leute durch Spione überwachen lässt, hier (wie es oft vorkommt) Menschen, die sich selbst kontrollieren, indem sie sich gegenseitig bewachen. Netschajews Absicht war, damit gleichzeitig einen Kritiker auszuschalten und die Gruppe durch den gemeinschaftlichen Mord zusammenzuschweißen. Die Figur Pjotr Werchowenski und die Ereignisse um seine revolutionäre Gruppe basieren auf Netschajew und dem Mordfall.
Am Anfang des Buches, welches in drei Bücher geteilt ist, lernen wir alle wichtigen Persönlichkeiten kennen. Da ist Stepán Trofimowitsch Werchowénskij, ein ehemaliger Hauslehrer und Schöngeist, den Dostojewski in ein herrlich humoristisches Bild kleidet. Er quasselt das russisch-französisch der oberen Klassen (wie wir es ja auch schon bei Tolstoi erfahren haben), nur wirft Stépan Trofimowitsch die Worte herrlich wirr durcheinander, leidet, wenn es ihm zu viel wird, gerne an ein paar kleinen Krankheiten und wirkt auf mich in seinem Wesen lieb und etwas neben sich stehend. Er hat einen Sohn, den Fanatiker Pjotr. Dann lernen wir den Juden Liputin, der seine Nase in alle Dinge steckt (… und man konnte sich nur wundern, wie sehr er sich Dinge zu Herzen nahm, die ihn mitunter absolut nichts angingen.), den Studenten Schatoff, einen ganz wunderbaren Idealisten, und den baldigen Selbstmörder und Ingenieur Kirilloff genauer kennen, mit denen Stawrogin wohl in Amerika gewesen ist und dort auf beide einen starken, nachhaltigen Eindruck gemacht hat. Weiter treffen wir auf den ehemaligen Hauptmann und Säufer Lebadkin und seine hinkende, scheinbar geistig verwirrte Schwester Marja, die Stawrogin heimlich geheiratet hat, und zwar aufgrund einer Wette und, wie mir erscheint, aus seinem Verlangen, die obere Schicht der Aristokraten, in denen er aufgewachsen ist, zu schockieren, insbesondere seine Mutter Warwara Petrowna, eine recht würdevolle, strenge und wohlhabende Witwe. Daneben stehen zwei weitere Frauen, einmal Lisaweta N. Tuschina und Darja Pawlowna, genannt Dascha, die Tochter des verstorbenen Dieners der Stawrogins, die die reiche Frau unter ihre Fittiche genommen hat. Der Student Schatoff ist ihr Bruder. Beide scheinen Stawrogin auf eine seltsame und noch undurchschaubare Art verfallen zu sein. Das sind in meinen Augen erst einmal die wichtigsten Personen. Sie alle sind faszinierend miteinander verstrickt, und langsam klären sich die Umstände allmählich auf, und das nach 400 Seiten. Die Konflikte, in die Stawrogin gerät, werden vertieft durch seine Liebesverstrickungen. Er steht in seiner Zwielichtigkeit, in dem Ringen um eine geistig und seelisch mögliche Existenz ebenbürtig neben den tragischen Figuren Raskolnikoff, Ippolit und Iwan Karamasoff. Mir scheint, dass er in sich ständig den Kampf gegen den „Dämon“ führt, während dieser aber auch gierig durch sein Wesen hindurchbricht. Vielmehr ertappt er sich häufig, wie sein Drang, andere Menschen zu verhöhnen und auch zu verletzen, sich selbstständig macht. Er hat früher, so heißt es in dem Buch, ein „spottsüchtiges“ Leben geführt, André Gide nannte es ein „ironisches Leben“, wobei mir „spottsüchtig“ besser zu passen scheint. Das Leben und der Umgang mit Menschen als Spiel, um sich darüber seiner selbst bewusst zu werden.
Dostojewskis Humor gerade am Anfang des Buches, seine wunderbaren Beschreibungen brachten mich oft zum Lachen. So heißt es über die Literatur von dem lieben Stépan Trofimowitsch:

Zitat
Die Dichtung beginnt mit einem Chor der Frauen, dann folgt ein Chor der Männer, darauf ein Chor irgendwelcher Kräfte, und zum Schluss der Chöre tritt ein Chor von Seelen auf, die noch nicht gelebt haben, aber doch gar zu gern auch mal leben möchten. Alle diese Chöre singen von etwas sehr Unbestimmtem, größtenteils von irgendeinem Fluch, aber sie singen es wie mit einem Schimmer überlegenden Humors.
(…) und es singt irgendetwas, wenn ich mich recht erinnere, sogar ein Mineral, also ein sonst doch schon völlig lebloser Gegenstand. Überhaupt singen alle ununterbrochen, reden sie aber einmal miteinander, so ist es mehr ein unbestimmtes Schimpfen, aber wiederum wie mit einem Schimmer höherer Bedeutung.



… oder in der Beschreibung der „höheren Kreise“:

Zitat
Eitel waren sie bis zu Unglaublichkeit, aber sie waren es ganz offen und ungeniert, wie wenn sie damit eine Pflicht erfüllten.



Aber auch sonst spart Dostojewski sicherlich nicht mit psychologisch – philosophischen Hochgenüssen. Zum Beispiel über die Idee:

Zitat
Sie können es sich gar nicht vorstellen, welch eine Trauer und welch eine Wut einem die ganze Seele ergreifen, wenn die große Idee, die man schon lange heilig hält, von Unwissenden aufgegriffen und zu ebensolchen Unwissenden wie sie selbst und Dummköpfen auf die Strasse hinausgezerrt wird, und plötzlich begegnen man ihr schon auf dem Trödelmarkt, nicht wieder zu erkennen, im Schmutz, absurd dargestellt, völlig schief, ohne jedes Wissen um Proportion, ohne Harmonie, als Spielzeug in den Händen dummer Kinder.



Für Dostojewski sitzt der „Teufel“ im Kopf, also im Verstand und Denken. Das wird deutlich, wenn er hier bemerkt:

Zitat
Auch ohne Köpfe würden wir nichts zu gestalten verstehen, obschon gerade unsere Köpfe uns am meisten hinderten, etwas zu verstehen.



Dostojewski, der Turgenjew ja, wie wir wissen, für zu „europäisiert“ hielt, spielt auch ganz gerne auf diesen an, hat dabei die Figur eines Schriftstellers entworfen (Karmasinoff), der mehr durch sein Ansehen, als durch seine Literatur erstrahlt. Über ihn heißt es, und natürlich meint Dostojewski hier Turgenjew:

Zitat
So kommt es denn nicht selten vor, dass ein Schriftsteller, dem man lange eine außergewöhnliche Tiefe der Ideen zugeschrieben und von dem man einen außergewöhnlichen und ernsten Einfluss auf die geistige Ausrichtung der Gesellschaft erwartet hat, zu guter Letzt eine solche Fadheit und Winzigkeit seines Grundideechens aufdeckt, dass es niemand auch nur bedauert, ihn so schnell erschöpft zu sehen. Aber die silberhaarigen alten Herrlein begreifen das nicht und ärgern sich. Ihre Eitelkeit nimmt, namentlich gegen Ende ihrer Laufbahn, mitunter Ausmaße an, die wirklich zu bewundern sind. Gott weiß, wofür sie sich dann zu halten anfangen, - mindestens für Götter.


Turgenjew war danach so erbost, dass er behauptete:

Zitat
Dostojewski hat sich etwas Schlimmeres erlaubt als eine Parodie: Er hat mich unter dem Namen Karmasinow so dargestellt, als würde ich insgeheim mit der Partei Netschajews sympathisieren.


Das allerdings ist weit hergeholt, wo Karmasinow immer getrennt vom eigentlichen Spektakel auftritt und gezielt in seinem Hochmut und seiner "Gnade, überhaupt aus seinen Schriften zu lesen" dargestellt wird.
Der Student Schatoff zeichnet sich durch ein paar kleine Weisheiten am Rande aus:

Zitat
Willst du die Welt besiegen, besiege dich selbst.



oder:

Zitat
Es gibt Menschen, bei denen sich saubere Wäsche geradezu unanständig ausnimmt …



… während Kirilloff das obige Zitat prägte, wie auch:

Zitat
Die Menschen sind nicht gut, (…) weil sie nicht wissen, dass sie gut sind.



Und ein wirklich wunderbarer Auszug ist Schatoffs Rede auf den Glauben des Volkes, von dem er sagt, dass Stawrogin ihn gepredigt hatte, als sie in Amerika „nebeneinander auf dem Boden lagen“, dessen Aussagen über Gott und den Glauben ihn so beeindruckt haben, dass er sich durch sie in einen anderen Menschen gewandelt hat. Stawrogin – natürlich – erklärt, dass er sich nicht mehr an seine eigenen Worte erinnern könnte. In der kleinen Rede heißt es unter anderem:

Zitat
Je stärker ein Volk ist, um so eigenartiger ist sein Gott.
Es hat noch nie ein Volk ohne Religion gegeben, das heißt, ohne Vorstellung von Gut und Böse. Jedes Volk hat seine eigene Vorstellung von Gut und Böse und sein eigenes Gutes und Böses. Wenn bei vielen Völkern die Begriffe von Gut und Böse gemeingültig zu werden beginnen, dann beginnt das Aussterben der Völker, und der Unterschied selbst zwischen Gut und Böse beginnt sich zu verwischen und schwindet hin. Noch nie ist die Vernunft fähig gewesen, Gut und Böse zu erklären oder auch nur das böse vom Guten abzugrenzen, sei es auch nur annähernd; im Gegenteil, immer hat sie Gut und Böse schmählich und kläglich – je nach Bedarf – miteinander verwechselt.


Obwohl Tolstoi und Dostojewski beide leidenschaftlich den „wahren“ Glauben an Gott verteidigen, so glaubt Tolstoi an den „guten Kern“, während Dostojewski der Vernunft das Unterscheiden nicht zutraut. Wenn diese Vernunft jedoch der Verstand ist, für Dostojewski das „Böse“ oder „Alles Verschlechternde“, dann nähern sich Tolstoi und Dostojewski wieder einander, denn dann ist die Intuition des Kerns auch bei Dostojewski zu finden, wobei er diese nur nicht ins Wort fasst, wie es Tolstoi gerne tat. Das nur am Rande, und weiter heißt es:

Zitat
Die Wissenschaft aber hat immer nur Antworten von einer Plumpheit wie Faustschläge gegeben.


und:

Zitat
Wenn ein großes Volk nicht glaubt, dass in ihm allein die Wahrheit ist, (gerade in ihm allein und unbedingt die einzige Wahrheit), wenn es nicht glaubt, dass es ganz allein fähig und berufen sei, alle anderen mit seiner Wahrheit auferstehen zu lassen zu erlösen, dann verwandelt es sich sogleich in ethnographisches Material und hört auf, ein großes Volk zu sein.



So wird mir hier viel klarer, wie dieser Glaube, den ich in diesem "Gleichdenken" nie so ganz erfassen konnte, die Menschen in ihrer Gesamtheit doch prägt. Dostojewski hat mir hier viele Anhaltspunkte geschenkt, an denen ich diesen Glauben nun viel besser nachvollziehen kann.
Das Buch ist sehr spannend. Dostojewski macht gerne Anspielungen und lässt Rückblicke einfließen, die alle mit dem Gegenwärtigen zu tun haben. Noch ahne ich teilweise nur, kann ein paar Verbindungen knüpfen. Mit Spannung lese ich weiter.




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#2

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 04.10.2007 16:23
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo Taxine,

ich habe zwar "Die Dämonen" (noch) nicht gelesen, habe aber glücklicherweise das wertvolle Buch von Zenta Maurina: Dostojewskij - Menschengestalter und Gottsucher. Über Kyrillow und Stawrogin gibt es extra Kapitel. Ich las über Stawrogin, der, wie ich vermute, wohl die böseste Gestalt Dostojewskijs ist. Da gibt es wohl nur noch eine Steigerung, der Teufel selbst, der im Roman auch erscheint. Dieses Kapitel mit dem Teufel und das ganze Kapitel "Bei Tichon" wurden früher vom Herausgebenr als unmoralisch gestrichen und erst 1923 in den Roman wieder aufgenommen (man kaufe sich also keine ältere Ausgabe ).

Maurina denkt an
In Antwort auf:

Dantes Luzifer, derm in der engsten Hoffnung des Höllentrichters eingefroren, keine Verwandlungsmöglichkeiten besitzt
.

Zitat von Maurina
Aus Langeweile, die Schopenhauer und so manch anderer Philosoph als einen gefährlichen Feind der Menschheit erkannt hat, aus einem Gefühl der Sinnlosigkeit alles Seienden, begeht er eine Reihe blöder Abenteuer und grausiger Schandtaten...


Bei Stawrogin gibt es auch die Verbindung zwischen Lust und Mord (siehe die Begebenheit mit dem Mädchen Matrjoscha).

Liebe Grüße
Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#3

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 04.10.2007 17:07
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Hallo Martinus,

vielen Dank für den Einblick. Nach knapp 600 Seiten muss ich sagen, dass Stawrogin sein Geheimnis noch wahrt. Bis jetzt erscheint er nur düster, ernst und "rebellierend", nicht tatsächlich böse, vielleicht etwas kühl, doch nicht kaltherzig. Er hat "die Hinkende", wie die geistig zurückgebliebene Frau genannt wird, geheiratet, die sich vor ihm mal fürchtet, weil sie einen anderen Menschen für sich erhofft, das Trugbild eines Fürsten, fast eine literarische Gestalt, die Stawrogin nun einmal nicht einnehmen kann, und dann auch wieder nicht fürchtet (wohl von Dostojewski das Zerrissene ihres geistigen Zustands schön ins Bild gefasst). Aber, er hat sie trotzdem "genommen", obwohl sie einer anderen Schicht angehört, zahlt für sie und ihren versoffenen Bruder. Es ist schon Spiel dahinter (die Lust, zu schockieren, sich selbst anzuwidern, denn ihr Anblick erfreut ihn nicht gerade), aber er quält sie nicht oder schlägt sie, wie es ihr Bruder tut. Sie ist ihm als Mensch wohl gleichgültig, aber nicht in seiner übernommenen Verantwortung ihr gegenüber, eben weil er sie geheiratet hat. Auch sein Verhalten spricht noch nicht für das Teuflische, das sich wohl noch zeigen wird. Er machte sich am Anfang über die aristokratische Gesellschaft lustig, wo er zum Beispiel einen Rittmeister, der stets in der Runde die Phrase verkündet:
"Nein, nein, ich lasse mich nicht an der Nase herumführen!"
... an der Nase packt und ihn dann tatsächlich herumgeführt, was mir aber nur zeigt, dass er dem Aristokraten hier sein sinnloses Gerede (seine Neigung zum Wichtigtun) vor Augen führt, oder er beißt dem gutmütigen, aber seine Aufmersamkeit erhaschenden, ihm trotzdem misstrauenden Gouverneur ins Ohr, wo dieser doch glaubt, er werde ihm gleich etwas Geheimnisvolles mitteilen. Hier verdeutlicht sich einfach sein Spott über diese Kreise, die sich ohne ihre Klatschsucht zu Tode langweilen würden.
Auch verteidigt oder schützt er oft Leute, wie zum Beispiel Schatoff, der ermordet werden soll, um den "Geheimbund" durch diesen Mord zusammenzuhalten.
Der Teuflische ist in meinen Augen im Moment Pjotr Werchowenskij. Er benutzt Menschen, spielt mit ihnen, und auch, wenn es Stawrogin ist, der im Scherz verkündet, wie sich dessen "Komplott" allmählich verwirklichen ließe, so übernimmt Pjotr den Vorschlag und macht Ernst daraus(eben den Mord am Studenten Schatoff). Es ist hierbei auch nicht klar, ob Stawrogin den Scherz einfach nur aus einem anderen Gespräch zwischen sich und Pjotr aufgreift, da er später erstaunt (entsetzt) ist, dass Pjotr seinen Plan tatsächlich in die Tat umsetzen will. Stawrogins augenblickliche Schuld liegt höchstens in seinem Wissen um die Dinge und seiner Gleichgültigkeit über die Dinge. Aber auch Kirilloff und Schatoff selbst wissen bescheid. Kirilloff, der sich ja umbringen will, hat zum Beispiel nichts dagegen, dass er vor seinem Tod einen Brief schreiben soll, in dem er alle Schuld des von Pjotr dann verursachten Umsturzes, auf sich nimmt. Da er ja dann tot ist, interessiert es ihn nicht, und Pjotr schafft sich hier ein schönes Alibi. Auch ist dieser so widerlich im Verhalten, hinterhältig, falsch und stiftet absichtlich Verwirrung, um die Menschen für sich brauchbar zu machen und, wann es ihm passt, ins falsche Licht zu rücken. Mit seinem Vater springt er herzlos und achtlos um.
Stawrogin wirkt auf mich, als wäre er von allem Treiben der Menschen einfach angeekelt. Trotzdem geht er zu Schatoff und klärt ihn auf, dass er getötet werden soll, oder wehrt sich gegen die Einnahme Pjotr, der all zu gerne Stawrogin bei seinem teuflischen Plan an der Seite hätte. Doch das Geheimnis seines einst geführten "spottsüchtigen" Lebens wird wohl noch etwas Grausames bergen.

Es geht ja um einen Umsturz, dass die alten Gewohnheiten und Regeln umgeschmissen und durch eine neue, gottlose "Ehrlosigkeit" ersetzt werden. Pjotr Werchowenskij redet den Menschen ein, dass bereits ein riesiges Netz an Rebellen existiert, dass er und die Leute, auf die er den Anschein lenkt, nur Boten sind. Dabei besteht alle "Rebellion" nur aus wenigen Leuten. Aber, da die Menschen gerade hier, in dieser Provinzstadt, gerne Klatsch und Tratsch austauschen, so ist es leicht, sie davon zu überzeugen, dass etwas im Gange ist. Mit den Unzufriedenen lässt sich immer und leicht ein Spiel treiben, weil sie nur die Veränderung wollen und meistens nicht fragen, wohin sie führt. Bei einer Sitzung zum Beispiel sind nur vier Mitglieder anwesend, das heißt, Eingeweihte, alle anderen glauben nur, dass sie Teil von etwas Großem sind. Sie
In Antwort auf:
... bespitzeln sich mittlerweile um die Wette und teilen mir alles mit. Wirklich vielversprechendes Volk
.
sagt Pjotr.
Er fasst auch gut zusammen, wie sich sein „Geheimbund“ nur durch Worte und mit der Sentimentalität der Menschen aufrechterhalten lässt oder überhaupt aufersteht.
In Antwort auf:
(…) die Hauptkraft - der Zement, der alles zusammenhält -, das ist die Scheu, eine eigene Meinung zu haben.

Und die scheinbare Sitzung wird dann zur Farce.
In einem herrlichen Chaos wird hier nämlich aufgezeigt, wie die Menschen sich gegenseitig verwirren, während die, die doch eigentlich als Führer auserkoren wurden, schweigend und gelangweilt dasitzen und ganz bewusst ihr Desinteresse bekunden. Diese ganze Sinnlosigkeit des Streitgesprächs, hinter dem kein Zweck liegt, außer der innige Wunsch, einer geheimen Organisation anzugehören, die scheinbar den ganzen russischen Staat in eine "neue Erkenntnis" wandeln soll, wächst zu einem gegenseitiges Angriff. Der Umsturz so gewollt, weil es die Dinge ändert, ohne zu wissen, wie sie zu ändern seien oder in welche Veränderung sie führen. Diese ganze Desorganisation, die sich gewichtig zur Organisation ernannt hat, hat mich beim Lesen sehr zum Lachen gebracht.

Das Kapitel" Bei Tichon" erreiche ich gerade in ein paar Seiten. Bin gespannt.

Liebe Grüße
Taxine



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#4

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 04.10.2007 18:01
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Wie sich Pjotr Werchowenskij nach den entfachten Unruhen eine neue Gesellschaft vorstellt, zeigt er an dem sich am Ende selbst widersprechenden Manuskript eines befreundeten Schreibenden auf:
Zitat von
In seinem Manuskript ist es wunderbar, (...)dass er die Spionage einbezieht. Bei ihm beaufsichtigt jedes Mitglied der Gesellschaft jedes andere und ist zur Anzeige verpflichtet. Jeder gehört allen und alle jedem. Alle sind Sklaven und in der Sklaverei einander gleich. In extremen Fällen wird mit falschen Aussagen und Mord vorgegangen, aber die Hauptsache ist die Gleichheit. Die erste Folge davon wird sein, dass das Niveau der Bildung, der Wissenschaften und der Talente sinkt. Ein hohes Niveau der Wissenschaften und Talente ist nur höher Begabten zugänglich, aber höher Begabte brauchen wir nicht! Höher Begabte haben immer die Macht an sich gerissen und sind Despoten gewesen. Höher Begabte können gar nicht umhin, Despoten zu sein, und stets haben sie mehr demoralisiert als Nutzen gebracht; man verjagt sie deshalb oder richtet sie hin. Cicero wird die Zunge ausgeschnitten, Kopernikus werden die Augen ausgestochen, Shakespeare wird gesteinigt (...) Sklaven müssen gleich sein: ohne Despotismus hat es noch nie weder Freiheit noch Gleichheit gegeben, in einer Herde aber muss Gleichheit herrschen (...)


Die eigentliche "Macht" von Pjotr Werchowenskij liegt darin, dass er wagt, den "ersten Schritt" zu gehen, und in Stawrogin, um dessen Beteiligung er fleht und bettelt, sieht er den Aristokraten, dem es nichts ausmacht ein Leben zu opfern, sei es sein eigenes, sei es ein fremdes Leben. Der geborene Anführer.
Stawrogin hat in der Vergangenheit in Duellen zwei Leute erschossen, doch in der Gegenwart hat er einen Aufmüpfigen sogar verschont, damit natürlich noch mehr gekränkt, indem er in die Luft geschossen hat.
In ihm herrscht dieser Kampf zwischen Gut und Böse, dass das Gute nicht ohne das Böse existiert, wie auch umgekehrt; diese Waage, auf der das Gute immer mit etwas Bösem ausgeglichen werden muss, um im Gleichgewicht zu bleiben. Wie André Gide sagt:

Da ringt Gott mit dem Teufel; und der Kampfplatz ist das Herz des Menschen.

Oder wie Baudelaire es formulierte:

In jedem Menschen sind zwei gleichzeitige Bestrebungen: die eine ist auf Gott, die andere auf den Teufel gerichtet.

Aber, am besten sagte es Blake:

Ohne Gegensätze gibt es keinen Fortschritt: Anziehung und Abstoßung, Vernunft und Energie, Liebe und Hass sind für das menschliche Leben gleich notwendig.

... und weiter:

Es gibt und wird auf der Erde immer jene beiden entgegengesetzten Bestrebungen geben, die sich immer feindlich sein werden. Wollte man versuchen, sie miteinander auszusöhnen, so hieße das gleichzeitig, das Dasein zu zerstören.

Das ist es, was die Gestalt Stawrogin ausmacht.
Der Wahnsinnige ist aber eindeutig Pjotr Werchowenskij! Wenn er zum Beispiel schreit:
In Antwort auf:
(...) Der Advokat, der den gebildeten Mörder damit verteidigt, dass dieser geistig entwickelter sei als seine Opfer und daher, um sich Geld zu verschaffen, nicht umhin konnte, zu morden, ist schon unser. Die Schuljungen, die einen Bauern totschlagen, nur um das Gefühl kennen zu lernen, das man dabei empfindet, ist unser. Die Geschworenen, die alle Verbrecher ohne Ausnahme freisprechen, sind unser.


und etwas später:
In Antwort auf:
... Aber eine oder zwei Generationen mit Sittenverderbnis sind vorerst unbedingt erforderlich, - mit unerhörter, niederträchtiger Sittenverderbnis, in der sich der Mensch in nichts als einen widerlichen, feigen, grausamen, selbstsüchtigen Abschaum verwandelt - gerade das ist es, was nötig ist! Und dann noch etwas \'frischvergossenes Blut\', damit er sich daran gewöhnt.



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#5

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 05.10.2007 12:42
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Bei Tichon verkündet Stawrogin nun , dass er sich selbst in manchen Nächten als Teufel sieht, dass ihm verschiedene Gestalten in der Nacht erscheinen, die er selbst und doch nicht er selbst sind. Darum wohl schläft er auch immer so wenig oder unbequem auf einem Stuhl.
Er fragt Tichon, ob man an den Teufel glauben kann, wenn man nicht an Gott glaubt. Der Teufel kann hier allerdings auch für das schlechte Gewissen stehen. Das Schuldgefühl quält ihn und erscheint ihm als das teuflische Selbst, vor dem er sich fürchtet.
Danach überreicht er ihm „das Geständnis“. Nun fügt sich alles zusammen, die Verwirrungen der verschiedenen Frauen. Stawrogin sagt von sich selbst, dass er sich leer fühlte, dass alles gut war, um ihn lebendig zu halten, dass die Lust ständig in ihm entfacht werden musste, die Lust an der Grausamkeit. Er spürt es in Schlägereien, er spürt es beim Diebstahl, er beschuldigt das Mädchen Matrjoscha, ihn bestohlen zu haben, weil er weiß, dass ihre Mutter sie dann dafür halb tot prügelt und genießt das Ganze. Danach wird umrissen, dass er sie gegen ihren Willen zu Küssen zwingt und ihr unanständige Dinge zuflüstert, durch die sie, weil sie noch ein zwölfjähriges Kind ist, verwirrt und völlig verstört hervorgeht. Es ist fraglich, ob es sich hier um eine richtige Vergewaltigung handelt.
Aber, aus der Sicht eines kleinen Mädchen sind solche Annäherungen schon sehr bedenklich. Stawrogin sagt es selbst ganz richtig:
In Antwort auf:
Ich glaube, dass ihr der ganze Vorgang durchaus als grenzenlose Unanständigkeit erscheinen musste, dass sie eine tödliche Angst auszustehen hatte. Trotz aller Schimpfworte und Gespräche, die sie seit frühester Kindheit anhören musste, bin ich fest überzeugt, dass sie noch gar nichts begriff. Sicherlich glaubte sie schließlich, dass sie ein unglaubliches, todwürdiges Verbrechen begangen hätte, dass sie „Gott getötet“ habe.
Das Kind erklärt sich alles über die eigene Schuld. Die Mutter prügelt das Mädchen, das Mädchen hält sich für schuldig. Stawrogin küsst sie und flüstert ihr unanständige, böse Worte ins Ohr, das Kind versteht nicht, weiß aber, dass es nicht richtig ist. Dass Dostojewski hier anführt, dass das Kind Schimpfworte gewohnt ist, könnte verdeutlichen, dass Stawrogin dieses nur mit Worten verletzt, nicht im eigentlichen Sinne missbraucht hat. Aber, es gibt ja auch die Kunst des „Weglassens“.
Hierzu muss auch gesagt werden, dass der Erzähler zuvor verkündet, dass der ganze Bericht auch verzerrt dargestellt sein kann und die Wahrheit womöglich in der Mitte liegt. Wenn man sich vor Augen führt, dass Stawrogin sein Spiel spielt, kann selbst das Geständnis ein Spiel zur Selbstqual sein. Auch behauptet er hinterher, dass er übertrieben hat, gelogen, aber auch das kann sich nur auf seine Reue beziehen.
Stawrogin lernt hier die Angst kennen, eine Angst, die alle Wut und Hassgefühle übersteigt.
Was natürlich schrecklich in dieser Beichte zu lesen ist, ist dass er weiß, dass das Mädchen sich umbringt und nicht eingreift, sondern abwartet, bis alles vorbei ist.
Er will sich daraufhin umbringen, doch dann passiert ihm etwas „Besseres“. Er heiratet die „Hinkende“, um sich selbst zu bestrafen. Darum also.
Und als ihn nun die Halluzination des kleinen Mädchens immer wieder erscheint, wie sie ihm mit der kleinen Faust droht und den Kopf schüttelt, sagt Stawrogin:
In Antwort auf:
Warum weckt nicht eine einzige andere Erinnerung ähnliches in mir, und es gab doch in meinem Leben Dinge, die von den Menschen vielleicht noch viel härter verurteilt werden würden?

Wieder ein Hinweis. Danach redet er noch davon, dass kein Mensch ihn für dieses Verbrechen belangen kann, denn seine eigentliche Schuld besteht ja darin, dass er das kleine Mädchen verstört und hinterher nicht eingegriffen hat, als sie sich tötet.

Tichon erklärt Stawrogin, der die Beichte öffentlich bekanntmachen will, dass er den Spott der Menschen nicht ertragen würde, dass die allgemeine Empörung, auf die er hofft, nur geheuchelt sein würde.
In Antwort auf:
Die Leute fürchten nur das, was ihre persönlichen Interessen bedroht.


Nun ist das Geheimnis der Figur Stawrogin ein bisschen gelüftet. Er ist auf jeden Fall egoistisch, möchte seine Beichte bekanntgeben, um sich selbst zu erlösen, nicht, weil er richtige Schuldgefühle empfindet. Die Schuldgefühle kehren nur in diesen Halluzinationen in Form des Teufels oder des Mädchens ein, und er genießt dieses Quälende daran. Oh ja, es ist ein Ringen zwischen Gut und Böse.

Was mich nun wieder wundert, ist, dass das Kapitel, welches Dostojewski ja - nach André Gide - eigenhändig aus dem Roman nehmen wollte, trotzdem im Buch ist. So geht der Nachwelt also über den Wunsch des Schriftstellers hinweg.
Andererseits hätte Dostojewski dann das Kapitel auch vernichten müssen.
Seltsam.



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#6

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 08.10.2007 23:12
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Nach dem Lesen der "Dämonen" bleibe ich fast schon ein bisschen wütend auf Dostojewski zurück, der hier den Ausgang der Dinge so "eiskalt" gestaltet hat.
Es ist ein wunderbares Buch, und Stawrogin ist eine großartige Figur, die beste und undurchschaubarste - nicht die teuflischste -, die Dostojewski entworfen hat.
Er gerät zum zentralen großen Sünder, der jedoch, in meinen Augen, fast schon neben den anderen Figuren agiert, wie ein eigenständiger Teil im Ganzen, der ab und zu nur die Räume kreuzt und doch trotzdem nur für sich selbst existiert.
Der „leibhaftige Bösewicht und Verführer, der da heißt Atheist“ – die bösartigste Figur Dostojewskis ist Pjotr Stepanowitsch Werchowenskij, ein widerlicher Fanatiker und scheinheiliger, kaltherziger Mensch, dessen grausames Innere Dostojewski nicht nur in seiner Gleichgültigkeit den Menschen gegenüber darstellt, sondern besonders schön in seiner Gefrässigkeit. So sitzt er zum Beispiel in einem Gasthaus, unter anderem direkt nach einem Mord, und isst mit widerlichem Appetit, während ein anderer ihn dann mit Ekel dabei zusieht. Ein gelungenes Bild.
Stawrogin hat eine schlimme Vergangenheit, ist aber nur Mysterium, ein Mensch, der seine Suche nach Gott und Teufel für sich alleine aussteht. Der bösartige Zauber, der um ihn herrscht, ist mehr Gerücht. Sein Wesen ist wirklich faszinierend, und die Schuld, die er auf sich nimmt, ist eine andere, für den Menschen nur schwer nachvollziehbare Bürde. Dass ihm im Wort (im Geständnis wie auch im Brief) eine scheinbare Banalität nahegelegt wird, die ihn als Figur entstellen soll, kommt für mich nicht glaubhaft genug herüber (weil dessen Schreiben wenig Banalität enthält, sondern vielmehr schon im Voraus immer ganz explizit darauf hingewiesen wird). Es zeigt sich doch, dass das Wesen Stawrogin in seiner Düsternis, in seinem eigenen "Vor-sich-hin-Kümmern" das Denken dem Sprechen vorzieht, obwohl in der Handlung sein ganzes Wesen in Erhabenheit, in einer Form von "über den Dingen stehend" gezeichnet wird. Es wirkt auch, als ob Dostojewski hier seine eigene Faszination für seine Figur ein bisschen dämpfen will, weil ihm das Spiel zwischen Gut und Böse vielleicht selbst verwirrt.

Weitere dostojewski'sche Gestalten, die ich sehr ins Herz geschlossen habe, sind Stepan Trofimowitsch (In ihm ist der Ästhet verkörpert, der das wirkliche Elend nicht kennt und nie kennengelernt hat, der mit sich selbst und seiner Umwelt ringt, weil er nichts anderes zu tun hat, und auch, durch seine Selbstbezogenheit Mitverantwortung an der Entwicklung seines Sohnes Pjotr trägt.)
Gut ins Wesen gefasst hier in seiner letzten und provokanten Rede:
In Antwort auf:
Ich aber erkläre (…), dass Shakespeare und Raffael höher stehen als die Bauernbefreiung, höher als die Nationalität, höher als der Sozialismus, höher als die junge Generation, höher als die Chemie, höher fast als die ganze Menschheit, denn sie sind schon die Frucht, die greifbar wirkliche Frucht der ganzen Menschheit und vielleicht die höchste Frucht, die es überhaupt geben kann!
(…) Ihr kurzen Menschlein, woran fehlt es euch denn, dass ihr das nicht verstehen könnt? Wisst ihr denn nicht, wisst ihr denn nicht, dass ohne den Engländer die Menschheit noch leben könnte, auch ohne Deutschland, ohne den russischen Menschen schon ohne weiteres, auch ohne die Wissenschaft, auch ohne Brot, nur ohne Schönheit, nur ohne Schönheit könnte sie nicht leben, denn da gäbe es überhaupt nichts mehr zu tun auf der Welt.


... dann Schatoff und
Kirilloff, der sagt:
In Antwort auf:
Es gibt Sekunden, es sind im ganzen nur fünf oder sechs auf einmal, und plötzlich fühlt man die Gegenwart der ewigen Harmonie, der vollkommen erreichten. Das ist nicht irdisch; ich rede nicht davon, ob es himmlisch ist, sondern ich will nur sagen, dass ein Mensch in irdischer Gestalt das nicht aushalten kann. Man muss sich physisch verändern oder sterben. Dieses Gefühl ist klar und unbestreitbar. Als ob man plötzlich die ganze Natur empfände, und plötzlich sagt man: ja, es ist richtig.
(…) Man hat auch nichts zu verzeihen, da es schon nichts mehr gibt, was zu verzeihen wäre. Man kann auch nicht sagen, man liebe, oh, - das ist etwas Höheres als Liebe! Das Furchtbarste ist, dass es so schrecklich klar ist und eine solche Freude. Wenn das länger als fünf Sekunden dauerte … würde die Seele es nicht aushalten und müsste vergehen.

Kirilloffs Absicht, sich umzubringen und dadurch ein Gott zu werden, ist hier verständlich von ihm ins Schopenhauer’sche Wort gefasst:
In Antwort auf:
Wenn es Gott nicht gibt, so bin ich Gott.
(…) Wenn es Gott gibt, so ist aller Wille sein, und ohne seinen Willen kann ich dann nichts tun. Wenn es ihn aber nicht gibt, so ist aller Wille mein, und ich bin verpflichtet, eigenmächtigen Willen zu beweisen.
(…) Wird denn wirklich kein einziger auf dem ganzen Planeten es wagen, sobald er mit Gott ein Ende gemacht und an seinen Eigenwillen zu glauben angefangen hat, - es wagen, diesen seinen Eigenwillen zu beweisen, seine Eigenmächtigkeit gerade im umfassendsten Punkt zu dokumentieren? Das ist so, wie wenn ein armer Mensch, dem eine Erbschaft zugefallen ist, erschrickt und nicht wagt, zum Geldsack zu gehen, weil er sich für nicht stark genug hält, zu besitzen. Ich will meinen eigenmächtigen Willen bezeugen.
(…) Ich bin verpflichtet, mich zu erschießen, weil der wichtigste, erschöpfendste Punkt meines Eigenwillens ist, mich selbst zu töten.

Und als der Erste, der seinen eigenen Willen bekundet, weil Alles nicht glaubt und sich doch davor fürchtet, selbstständig zu denken, also Gott zu sein, verkündet er:
In Antwort auf:
Ich bin erst noch unfreiwillig Gott und bin unglücklich, denn ich bin verpflichtet, autonomen Willen zu bezeugen. Alle sind unglücklich, denn alle fürchten sich, die Eigenmacht ihres Willens zu bekunden. Eben deshalb ist der Mensch bisher so unglücklich und arm gewesen, weil er sich gefürchtet hat, seinen Willen von eigenen Gnaden im Hauptpunkt in Anspruch zu nehmen und durchzusetzen, weil er nur so drumherum um die Hauptsache, nur so am Rande Eigenwilligkeiten beging, wie ein unartiger Schuljunge seine Streiche verübt. (…) Die Angst ist der Fluch des Menschen.

Kirilloff ist derjenige, der Gott durch den Menschen ersetzt, der erkennt, "dass es die Verneinung Gottes ist, die unausweichlich die Bejahung des Menschen nach sich zieht."
Wunderbar zu lesen war die kurz aufflammende Liebe zwischen Lisaweta und einem ihrer Bewunderer Mawrikij Drosdoff, ein inniges Einander-Erblicken für Minuten im Regen auf einem verlassenen Feld. Und auch Darja und Warwara Petrowna Stawrogina sind nun Romanfiguren, die sich durch ihr Wesen ins Leserherz (im Sinne der letzten Seiten) gebrannt haben. Und schließlich nimmt auch Fedjka eine besondere Rolle ein, weil er (neben Stawrogin, der sich aber allgemein über die Ausartung der Verschwörung wundert) als Einziger Pjotr Stepanowitsch Parole geboten hat, und zwar mit Worten, nicht mit einem einfachen Schulterzucken.

Dieses Ausarten einer Verschwörung, dieses Lenken von einfältigen Menschen ist im Dostojewski-Werk sicherlich maßgebend durch seine eigenen Erfahrungen, eine dieser „verfluchten Fragen“, die er sich in seinen Zeilen und zwischen seinen Geschichten stellte.
Pjotr Werchowenski erhebt sich in seiner Kaltblütigkeit selbst über Raskolnikow in den Anfängen von „Schuld und Sühne“, und Camus in seinem Essay „Der Mensch in der Revolte“ wie auch Karl Marx und Friedrich Engels in ihrer Schrift „Ein Komplott gegen die Internationale Arbeiter-Assoziation“ haben über den russischen Verschwörer Netschajew geschrieben, der als Prototyp von Pjotr Werchowenski diente.
Dostojewski selbst nannte es ein Pamphlet gegen die revolutionäre russische Bewegung, und Grundgedanke bleibt diese Sinnlosigkeit für eine Idee gegen die eigene Vernunft zu handeln, um erst einmal ordentlich zu verwirren und zu zerstören, was immer auf Kosten von Menschen geht und aus diesem Blick keine Revolution oder neue Bewegung rechtfertigt.
Wie auch in dem Roman „Die Brüder Karamasow“ hat Dostojewski „Die Dämonen“ in einem kleinen Provinznest angesiedelt.

Eine solche Verengung des Raumes ermöglichte es dem Autor, seine Figuren von der „großen“ intellektuellen Bewegung der beiden russischen Hauptstädte zu isolieren, die „unsauberen Geister“ zusammenzuhalten (…), auf seiner kleinen „Bühne“ die intime Welt zerrütteter Familienverhältnisse vorzuführen und diesen chaotischen russischen Mikrokosmos in Vielfalt seiner Laster zu gestalten.

… heißt es im Nachwort. Ich glaube auch, dass dieses enge Zusammen der Menschen, mit ihren Tratschgeschichten einen leichteren Boden bot, um einen einzigen Verschwörer in seiner Macht auftreten zu lassen, denn hier sind die Marionetten, die sich lenken lassen, viel hölzerner.

Ganz knapp nach „Die Brüder Karamasow“ steht nun bei mir dieser Roman in der Liste der beliebtesten Romane Dostojewskis. Jetzt mache ich mich an den „vollendet wundervollen Menschen“ Fürst Myschkin.



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#7

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 09.10.2007 22:55
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Und nun die ersten Eindrücke zu "Der Idiot":

Wie könnte man ihn nicht sofort lieb gewinnen, diesen wunderbar wertvollen Menschen Fürst Myschkin, der es mit seinem Wesen anfangs gut versteht, die Menschen für sich einzunehmen, ohne, dass er es darauf anlegt. Auch erahnte ich in ihm bereits einen Menschen, der wahrhaftig frei und an nichts gebunden ist:

Oh, meine Zeit erlaubt es mir sehr leicht, sie gehört nur mir allein!

Er spricht einfach, und doch leuchtet durch jedes Wort der Bescheidenheit ein Kern an Weisheit hindurch:

Zitat
(…) es schein nur zu oft, dass es keine Berührungspunkte gibt, und doch sind sogar sehr zahlreiche vorhanden. Das kommt nur von der Trägheit der Menschen, weil sie sich nur so nach dem äußeren Schein zusammenfinden, deshalb können sie auch nichts Gemeinsames finden …


„Der Idiot“ als Titel soll nicht etwa Fürst Myschkin in seiner Beschränktheit beleuchten, sondern die Krankheit darstellen, mit der er zu kämpfen hat. Die Fallsucht (Epilepsie), ein Gebrechen, an dem Dostojewski bekanntlich selbst litt.

Myschkin, der in Frankreich einer Enthauptung beigewohnt hat, sagt:

Zitat
Was muss mit der Seele in diesem Augenblick geschehen, bis zu welchen Krämpfen wird sie gemartert? Eine Beschimpfung der Seele ist es, weiter nichts! Es heißt: „Du sollst nicht töten“ – und nun soll man dafür, dass er getötet hat, wiederum ihn töten? Nein, das darf man nicht.


Und im weiteren Gedanken, ob die Guillotine durch das rasche Ende eine bessere Tötungsmöglichkeit ist, sagt Myschkin:

Zitat
… nehmen Sie zum Beispiel die Folter: da gibt es Schmerzen und Wunden und körperliche Qual, die aber lenkt einen doch von den seelischen Qualen ab, so dass einen bis zum Augenblick des Tods nur die Wunden quälen. Den größten, den quälendsten Schmerz aber verursachen vielleicht doch nicht die Wunden, sondern das Bewusstsein, dass, wie man genau weiß, in einer Stunde, dann in nur zehn Minuten, dann in einer halben Minute, sogleich, noch in diesem Augenblick – die Seele den Körper verlassen wird, und dass du dann kein Mensch mehr sein wirst, und dass das doch unfehlbar geschehen wird. Das Entsetzlichste ist ja gerade dieses ‚Unfehlbar’. Gerade wenn man den Kopf unter das Messer beugt und dann hört, wie es von oben klirrend herabglitscht – gerade diese Viertelsekunden müssen die furchtbarsten sein!


Er sagt ganz richtig, dass das Todesurteil schlimmer zu verkraften ist, als ein Raubmord, bei dem die Hoffnung bis zum Ende noch erhalten bleibt, während das Unausweichliche eines Urteils dem Menschen jede Hoffnung nimmt und somit eine schlimmere Qual verursacht.
… eine größere Qual kann es in der Welt gar nicht geben.

Ich bin mir sicher, hier verarbeitet Dostojewski sein eigenes Todesurteil, das erst kurz vor der Vollziehung aufgehoben und durch die Verbannung nach Sibirien ersetzt wurde. Hier klingt es als tiefe Überzeugung aus seiner Seele:

Zitat
Wer hat es denn gesagt, dass die menschliche Natur fähig sei, diesen Tod ohne die geringste Geistesverwirrung zu ertragen?
(…) Nein, so etwas darf man einem Menschen nicht antun!



In der Personenbeschreibung ist Dostojewski nahezu meisterhaft. Hier zum Beispiel über Gawrila Ardalionytsch:

Zitat
Sein Gesicht war klug und sehr hübsch. Nur sein Lächeln war bei aller Liebenswürdigkeit gewissermaßen allzu fein, die Zähne erschienen dabei von gar zu perlenartiger Gleichmäßigkeit, und sein Blick war trotz seiner heiteren, vielleicht etwas zur Schau getragenen Offenherzigkeit etwas gar zu stechend und abschätzend.


Das Meisterhafte wird aber erst durch die Gedanken von Fürst Myschkin abgerundet:

Zitat
Wenn er allein ist, wird er wohl ganz anders blicken und vielleicht niemals lachen.



Aus der Einsamkeit heraus, wird Myschkin sich bewusst, wie man sich mit der Vorstellung vom Horizont von der Angst und der inneren Unruhe befreit:

Zitat
Da scheint es einem dann, dass man irgendwohin gerufen wird, und ich dachte oft, wenn man immer geradeaus und lange, lange ginge, bis dorthin zu jenem Strich, wo sich Himmel und Erde vereinen – dass dort des Rätsels Lösung sei und man dort sogleich ein neues Leben sehen würde, ein tausendmal stärkeres und geräuschvolleres als bei uns.
(…) Und dann schien mir wiederum, dass man auch im Gefängnis ein unermesslich großes Leben finden kann.



Dann berichtet Dostojewski in der Stimme Myschkins von seinen Gedanken vor der Vollstreckung des Todesurteils, dass er seine Zeit klar in fünf Minuten eingeteilt hätte, zwei Minuten für den Abschied von seinen Freunden, zwei Minuten um still für sich zu denken

Zitat
…soeben lebt er noch, er ist, nach drei Minuten aber ist er nicht, nach drei Minuten wird er schon ein Irgend-etwas sein – aber was denn?


und die letzte Minute für die Vorstellung, wie sehr er das Leben nutzen würde, dass er, würde er jetzt weiterleben, keinen Moment mehr verschwenden wollte.
Ein wenig später dann gesteht er sich selbst ein - ich glaube nämlich, hier hat Dostojewski sich sehr stark mit dem eigenen Leben auseinandergesetzt -, dass er dann natürlich trotzdem viele Augenblicke ungenutzt vergeudet hätte, und bekennt auch, dass es auch nicht möglich wäre, jeden Augenblick mit Sinn und Nützlichem zu behaften.

Auch gut nachvollziehbar ist, dass Dostojewski der Henkersmahlzeit jegliche Nächstenliebe abspricht, weil man sich als Verurteilter kaum dem Genuss eines guten Essens widmen kann.

Für mich war sehr interessant zu lesen, wie Dostojewski es versteht, die Gefühle des zum Tode Verurteilten darzustellen. Besonders hier:

Zitat
Gierig küsste er das Kreuz, ja, er beeilte sich geradezu, es zu küssen, ganz wie man sich beeilt, irgendetwas als Vorrat für alle Fälle mitzunehmen; aber es ist nicht anzunehmen, dass er dabei irgendeinen religiösen Gedanken hatte oder sich einer religiösen Handlung bewusst war.


Und zur psychischen Stimmung:

Zitat
Ist es nicht merkwürdig, dass in diesen letzten Sekunden so selten ein Verurteilter in Ohnmacht fällt? Im Gegenteil, das Gehirn lebt unheimlich intensiv, arbeitet rastlos, unermüdlich und stark, stark, stark, wie eine Maschine in vollem Gang; ich bilde mir ein, sie stampfen nur so durchs Gehirn, diese verschiedenen Gedanken, die man alle nicht zu Ende denkt, und vielleicht sind es sogar sehr lächerliche, so nebensächliche Gedanken (…)


Ich kann mir auch gut vorstellen, dass das Hirn hellwach ist, der ganze Körper angespannt, das Denken völlig klar, eben durch das völlige Nichtwissen eines Danach, dieses völlig Ungewisse.
Myschkins Beschreibung, wie man das Gesicht eines Verurteilten kurz vor dem Tod malen müsste, das dem Unausweichlichen entgegen blickt, reizt mich sofort zu einer Zeichnung:


"... die Hauptsache ist der Kopf; das Gesicht ist weiß, schneeweiß, der Geistliche aber hält ihm das Kreuz hin, das jener gierig mit seinen blauen Lippen küssen will, er streckt schon die Lippen vor und schaut und - weiß alles."




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#8

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 10.10.2007 13:05
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo Taxine,

Dostojewskijs Idee, den Fürsten in das Gesicht des Verurteilten schauen zulassen finde ich großartig. Denn hier wird versucht, nachdem Dostojewskij von der katastropfalen Situation des Verurteilten gesprochen hat, auch dann noch direkt in die Seele dieses Bedauernswerten zu schauen. Der Blick ins Gesicht als Versuch, die Seele des Verurteilten zu ergründen. Absolut schaurig. Deine Zeichnung finde ich grandios, dieser Gesichtsausdruck und das Kreuz am Mund. Wunderbar. Ehrlich.

Liebe Grüße
Martinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#9

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 12.10.2007 14:14
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Hallo Martinus,

vielen Dank! So stelle ich mir einen Verurteilten vor, in seinen Ängsten und seinen Erkenntnissen.

Liebe Grüße
Taxine



Surreale Vorstellungen
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#10

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 16.10.2007 14:16
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo,

Zu Myschkin, Rogoschin und Natassja:

Rogoschin ist ein Gegenspieler des Fürsten Myschkin und Natassja, die beide liebt, schwankt zwischen ihnen. Da bei sei anzumerken, Natassja, die als junges Mädchen ihre Unschuld verliert, von Tozkij sexuell missbraucht wurde, ist, so wie ich das sehe, wegen ihres Schicksals der physischen Liebe unfähig, außerdem werden bei ihr Anzeichen einer Geoisteskrankheit erkannt. Die Parallelen zu Myschkins Impotenz ist nicht zu übersehen, zumal er von seiner Umgebung auch noch als „Idiot“ hingestellt werde (wenn auch gerade dies, nicht unbedingt immer sehr ernst gemeint wird).

Myschkin, die herrliche Personifikation der christlichen Liebe. Er liebt aus Mitleid. Wie auch Christus das Leid der Welt auf sich nimmt, hält Myschkin seine Backe hin, empfängt einen Schlag ins Gesicht und schützt damit Warwara, der dieser Schlag gegolten war. Rogoschin liebt aus Leidenschaft, besitzergreifender Liebe. Ein totaler Gegensatz zu Myschkin, obwohl man muss hier sagen, in der Religion sind sie doch wieder vereint. Myschkin erzählt von einem Manne, der, indem er seinen Freund umbringt, ein Gebet spricht. Die Religion sieht man in den (russischen) Herzen der Menschen. Egal wie sie später handeln kann die Religion nur im Herzen sein. Das mag befremden, wenn wir an den genannten Mörder denken, aber die Güte des christlichen Gottes ist unermesslich, auch wenn der Mensch nicht begreift. Die Vereinheitlichung in Schoße der Religion wird durch den Tausch der Kreuze symbolisiert.

Was hat das nun mit dem Holbein auf sich, von dem gesagt wird, beim Anblick des Bildes könne einem der Glaube vergehen? Warum denn? Der christliche Glaube schließt die Kreuzigung ein.

Liebe Grüße
Martinus



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#11

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 16.10.2007 16:57
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Hallo Martinus.

Ja, Nastassia liebt beide. In Rogoshin entdeckt sie ihren Niedergang und die in ihren Augen verdiente Strafe für ihr verwischtes, beflecktes Wesen, Myschkin hält sie für zu gut und liebt seine Reinheit, die sie ebenso in ihrer Auffassung nicht verdient. Sie will durch Rogoshin ins Unglück geraten (Selbstmarter) und erahnt, dass sie für Myschkin gleiches bewirken würde. So pendelt sie unruhig zwischen ihnen. Aber, vielleicht liebt sie auch niemanden, denn sie empfindet so eine Abneigung gegen sich selbst, dass es so schwerlich möglich ist, dass sie hier auch einen anderen Menschen aufrichtig lieben könnte. Im Grunde ist sie sehr selbstbezogen.
In ihrem Wesen schimmern mehrere psychologische Defekte durch, und ihre Verwirrung, das Hoch-und-Tief ihrer Emotionen sind die sichtbaren Anzeichen dafür.
Später fasst Aglaja Nastassia in ihrer Gestalt (wenn auch aus einer eifersüchtigen Perspektive, die allerdings trotzdem den Kern an Wahrheit enthält) schön zusammen:
In Antwort auf:
... denn lieben können Sie ja überhaupt nur Ihre Schande und das immerwährende Denken daran, dass Sie entehrt sind und dass man Ihnen Unrecht getan hat. Wäre Ihre Schande nicht so groß oder wären sie überhaupt nicht vorhanden, so würden Sie unglücklicher sein…

Nastassias Zerrissenheit und das sich immer wieder darauf berufen, dass sie das Opfer eines alternen Lüstlings war, dient ihr auch ein bisschen als Abwehr, als auf den Leib zugeschnittene Persönlichkeit, die jede ihrer absurden Handlungen rechtfertigen soll. Das macht sie trotz ihrer auffallenden Schönheit sehr unsympathisch, und dem Leser erscheint ihr Tun wie ein zu ernst geratenes Spiel, das aus der Bahn gerät, denn immer, wenn sie etwas Beständigkeit erreichen könnte, flüchtet sie wieder. Diese Selbstbestrafung wird ihr aber zur Maske, als Vorzeigeobjekt ihrer Nicht-Vernunft, die sie damit zu entschuldigen sucht.

Zitat von Martinus
Myschkin, die herrliche Personifikation der christlichen Liebe. Er liebt aus Mitleid.

Das hast du schön formuliert. Er liebt und lebt aus Mitleid. Den "Idioten" in ihm sehen die anderen hauptsächlich, weil er wie ein Kind ohne Hintergedanken denkt und spricht, voller Demut und Mitgefühl für alle.
In der Nähe von Kindern fühlt er sich wohl, weil sie eine reine Seele haben, die sich in seiner spiegelt. Zwischen den Erwachsenen fühlt er sich falsch und unsicher, als würde er sich verstellen müssen.
In Myschkins Wesen ist auch viel östliches Denken enthalten. Dieses Vergeben, das Empfinden von Mitleid (was, ja seine Liebe zu Nastassia darstellt), dieses Blicken ins Innere und Erkennen an gutem Kern im anderen Menschen.

Mit dem Gemälde von Holbein hat es folgende Bewandtnis:
Dostojewski hat Holbeins Gemälde "Der tote Christus" in Basel gesehen, wo es einen unheimlich starken Eindruck auf ihn gemacht hat, so intensiv, dass er es später dann im „Idioten“ verarbeiten musste.
Myschkin sagt:
In Antwort auf:
Ich habe das Original im Auslande gesehen, und seitdem kann ich dieses Bild nicht mehr vergessen.

... und hier spricht der Schriftsteller zu uns.
Das Bild zeigt einen liegenden Christus auf weißem Tuch. Das Bild ist genauso lang wie der dort ausgestreckte, abgezerrte Christus und hat auf mich dadurch die Wirkung, als würde dieser Tote in einem Sarg liegen. Auch sind seine Augen offen, sogar aufgerissen, ebenso wie der Mund. Der Christus ähnelt dadurch also mehr einem Menschen als einem „Gott“, worüber Dostojewski auch seinen Menschgott erfindet (wird in "Die Dämonen" wunderbar ins Wort gefasst!). Rogoshin sagt, ihm könne nach diesem "Bilde jeder Glaube vergehen", weil er darin nichts Göttliches, sondern vielmehr Menschliches erkennt. Hier hat Dostojewski seine ersten Gedanken dazu geäußert, was später dann in den "Dämonen" von ihm herrlich ausgearbeitet wurde - siehe oben:
Die Verneinung Gottes zieht unausweichlich die Bejahung des Menschen nach sich.

Zu dieser Erkenntnis gerät das russische Volk aber sehr schleichend. Myschkins Eindruck, dass ein Atheist ständig von anderen Dingen spricht, wenn es um das Thema Glauben geht, ist auch ein schöner Hinweis. Er sagt:
In Antwort auf:
... weil es mir auch früher aufgefallen ist, so oft ich mit Atheisten zusammengekommen bin oder Schriften von ihnen gelesen habe, dass sie gar nicht davon sprachen oder schrieben, wenn es auch hundertmal diesen Anschein hat.

Was dadurch zurückbleibt ist der desillusionierte Atheist - ein ängstliches und darum auch "rohes" Wesen. Er hat Gott zwar verloren, hat sich aber noch nicht auf sich selbst besonnen und seinen Gott in sich erkannt.

Liebe Grüße
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 30.10.2007 13:04 | nach oben springen
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#12

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 16.10.2007 22:03
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Noch ein paar Gedanken:

Keller fasst Myschkin gut zusammen:
In Antwort auf:
Erbarmen Sie sich, Fürst: bald sind Sie die leibhaftige Verkörperung einer solchen Unschuld, einer solchen Herzenseinfalt, wie sie selbst im goldenen Zeitalter unerhört gewesen sein muss, und bald wiederum oder vielmehr gleichzeitig durchschauen Sie einen mit den tiefsten psychologischen Bobachtungen, die einem wie Pfeile durch das Mark und Bein gehen.


Fürst Myschkin ist kein Idiot, und er ist auch nicht einfältig. Er ist nur unfassbar gutgläubig, unfassbar für sein Umfeld, das sich im eigenen Klassendenken suhlt.
Der Fürst ringt einfach zu oft mit sich selbst, was einen klaren Blick auf die Dinge für ihn nicht möglich macht. (Auch, darum wirkt er manchmal wie ein „Idiot“, und als Leser benötigt man hin und wieder viel Geduld mit der all zu guten Seele, die dadurch nicht besonders geistreich und fesselnd erscheint, was Myschkin zwar sympathisch, allerdings auch anstrengend macht.) Während er einen Verdacht hegt, verachtet er sich wegen des schlechten Gedankens über einen anderen Menschen. So herrscht in Myschkins Innerem immer der Kampf zwischen der Ahnung und seinem eigenen Vorwurf gegen diese Ahnung. Selbst, wenn er erkennt, dass er im Recht war (dass der Andere in schlechter Absicht handelte), muss er gerade aufgrund dieser Erkenntnis dem Anderen verzeihen und ihm noch etwas Gutes tun, für den Anderen das Leben verschönern, weil er schlecht über ihn gedacht hat. Auch das sind die Auswirkungen seines Mitleids für die Menschen. Dieses Ringen mit sich selbst deutet er mit solchen Worten an:
In Antwort auf:
… das eine ist nur ganz zufällig zum anderen gekommen, zwei Gedanken sind sich begegnet, wie das sehr oft geschieht.

Er nennt es später die „Doppelgedanken“, gegen die man machtlos ist, bei denen Myschkin voraussetzt, dass sie in jedem Menschen vorhanden sind. So kann er sich auch gegen niemanden zum Richter erheben, wenn man ihn um ein Urteil bittet.
In Antwort auf:
Am besten ist, man überlässt das Ihrem eigenen Gewissen, was meinen Sie?“
sagt er zu Keller. Auch hier wieder ein Nichtwerten (östliche Weisheit).
Hinzu kommt: Einmal ist es sein Wissen über die eigene Unzulänglichkeit, was ihm kein Urteil erlaubt, zum anderen auch das Bedürfnis, immer nur das Gute im Menschen sehen und erkennen zu wollen. Über wen er zu Gericht sitzt, ist er selbst.

Die Erschütterung über den "Idioten", die ich beim Lesen hin und wieder empfinde (diese Empörung, dass ein Mensch wissentlich alles auf sich nimmt, sich wissentlich hintergehen lässt und sich dann noch dafür schämt, dass er in seinem Verdacht Recht behalten hat), ist eher eine Art Beschützerinstinkt, weil man das gute Herz des Fürsten nicht von all diesen Gierigen ausgenutzt sehen will.



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#13

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 17.10.2007 13:58
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo Taxine,

herzlichen Dank für deinen Weitblick bis zu den "Dämonen". Ich habe mir Holbeins Bild nun auch genauer angesehen. Christen sagen ja, Christus ist genauso Mensch wie Gott, darum bin ich sehr gespannt, was Dostojewskij über den "Menschengott" in den "Dämonen" sagt.

Die Krankheit (Die Epilepsie) wird im Roman vergeistigt. Es geht um die Aura, über die Dostojewskij (Myschkin )sagt, es sei zwar eine Störung des Normalzustandes (also krankheitsbedingt), aber trotzdem erweist sie sich

Zitat von Dostojewskij
im nachhinein, im gesunden Zustand, in der Erinnerung sich als höchste Harmonie und Schönheit ...und ein unerhörtes, bisher ungeahntes Gefühl von Fülle, Maß, Friede und ekstatisch anbetendem Einssein mit der höchsten Sythese des Lebens...


Dieser Zustand wird deutlich abgegrenzt von Rauschzuständen durch Drogen,
Zitat von Dostojewskij
die den Verstand herabwürdigen und die Seele verwüsten.


Die Krankheit, es heißt ja auch seit den Griechen \'die Heilige Krankheit, wird zu religiösen Sphären erhoben (zumindest die Aura). Interessant auch in der Hinsicht, weil Dostojewskij durch das Leid in sibirischer Gefangenschaft seinen Weg zur Religion gefunden hat.

Zenta Maurina, Dostojewskijbiografin, bringt es auf einen Punkt:

Zitat von Maurina
Ernst Wiechert verlor im "Totenwald" seinen Glauben an Gott, Dostojewskij gewann ihn im "Totenhaus".


In Antwort auf:
"Suche im Leid das Glück"
spricht Sossima in den "Brüder Karamasow"

und Nietzsche:
In Antwort auf:
"Wo Leid ist, ist geweihte Erde."


Interessant in Bezug auf das Gute im Menschen, natürlich spielt Aglaja auf den Fürsten an, ist also der Vortrag der Jepantschin-Tochter eines Puschkin-Gedichtes mit Namen "Der Arme Ritter". In dem sie im Gedicht bestimmte Initialen tauscht, ist ein direkter Bezug der Beziehung zwischen Natassja und Myschkin gegeben. Raffiniert. Das Gedicht spielt auf die Hohe Minne an:

In Antwort auf:
Der Dichter wollte, glaube ich, in einer einzigen herausragenden Gestalt, den erhabenen Begriff der mittelalterlichen, ritterlichen, platonischen Liebe des reinen und hochgesinnten Ritters verkörpern;...


Selbstverständlich sehen wir hier auch den Bezug zu "Don Quijote", den Dostojewskij nach eigenen Angaben zum Vorbild für den Fürsten Myschkin nahm.

Liebe Grüße
Martinus



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#14

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 17.10.2007 16:52
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Hallo Martinus,

es ist ein ganz wunderbares Bild, nicht wahr? Ich finde es auch sehr beeindruckend.
Die Auswirkungen des Anfalls, die Myschkin in seiner Mystik beschreibt (welch ein Zufall, was?), faszinierten mich ebenso.
Diese Verwirrung zuvor, in der er nicht mehr klar denken kann und der Taumel hinein in diesen Anfall (wie eine langsame Vorbereitung), der ihm eher als Licht erscheint, nicht als etwas Negatives, auch als eine Art von kurzer Erlösung. Wir, die Außenstehenden sehen dieses krampfende, mit verdrehten Augen und Gliedern zuckende Wesen in seiner Krankheit, der Kranke selbst erfährt darin eine Offenbarung und eine Erhellung seiner Bedrückung, erlebt dabei scheinbar einen kurzen (Aus)Weg aus dem Leid:
In Antwort auf:
… ganz plötzlich mitten in der Traurigkeit, der inneren Finsternis, des Bedrücktseins und der Qual (…) Die Empfindung des Lebens, des Bewusstseins verzehnfachte sich in diesen Augenblicken, die nur die Dauer eines Blitzes hatten. Der Verstand, das Herz waren plötzlich von ungewöhnlichem Licht erfüllt; alle Aufregung, alle Zweifel, alle Unruhe löste sich gleichsam in eine höhere Ruhe auf, in eine Ruhe voll klarer, harmonischer Freude und Hoffnung, voll Sinn und letzter Schöpfungsursache. (…) Diese Sekunde war allerdings unerträglich.


Bei den "Dämonen" gibt es eine ähnliche Stelle. Kirilloff, der Selbstmörder, sagt:
In Antwort auf:
Es gibt Sekunden, es sind im ganzen nur fünf oder sechs auf einmal, und plötzlich fühlt man die Gegenwart der ewigen Harmonie, der vollkommen erreichten. Das ist nicht irdisch; ich rede nicht davon, ob es himmlisch ist, sondern ich will nur sagen, dass ein Mensch in irdischer Gestalt das nicht aushalten kann. Man muss sich physisch verändern oder sterben. Dieses Gefühl ist klar und unbestreitbar. Als ob man plötzlich die ganze Natur empfände, und plötzlich sagt man: ja, es ist richtig.
(…) Das Furchtbarste ist, dass es so schrecklich klar ist und eine solche Freude. Wenn das länger als fünf Sekunden dauerte … würde die Seele es nicht aushalten und müsste vergehen.

Auch hier beschreibt Dostojewski den Zustand während des Anfalls.

Bei dem Fürsten heißt es weiter:

In Antwort auf:
Wenn er später in bereits gesundem Zustande über diese Sekunde nachdachte, musste er sich sagen, dass doch all diese Lichterscheinungen und Augenblicke eines höheren Bewusstseins und einer höheren Empfindung seines Ich, und folglich auch eines „höheren Seins“, schließlich nichts anderes waren als eine Unterbrechung des normalen Zustandes, eben als seine Krankheit (…)

... eben, wie du sagst, ein vergeistigter Zustand.
Deshalb ist es gar nicht so sehr ein "trotzdem", sondern Myschkin sieht darin keine Krankheit, sondern etwas Auserwähltes, einen plötzlich klaren Blick.
In Antwort auf:
… was geht es mich an, dass diese Anspannung nicht normal ist, wenn das Resultat, wenn der Augenblick dieser Empfindung, nachher bei der Erinnerung an ihn und beim Überdenken bereits in gesundem Zustand, sich als höchste Stufe der Harmonie, der Schönheit erweist (...)


In meiner Übersetzung heißt es wunderbar über die Wirkung im Vergleich zu den Drogen:
In Antwort auf:
(…) Denn das waren doch in diesem Moment nicht irgendwelche geträumten Visionen, wie nach dem Genuss von Haschisch, Opium oder Alkohol, die die Denkfähigkeit herabsetzen und die Seele verzerren, unnormale und unwirkliche Trugbilder.

... die die Seele verzerren. Großartige Beschreibung. Also ist es ein für den normalen Menschen nicht fassbarer Rausch, der den Geist nicht verzerrt, sondern öffnet.
Da frage ich mich, ob Dostojewski es wirklich so für sich empfunden hat. Diese Sekunden müssen unerträglich sein, aber für den Kranken nur deshalb, weil sie so voller Glück und Freude sind. Der Epileptiker verliert ja jede Kontrolle, warum Myschkin auch die Treppe hinunterstürzt und nicht mitbekommt, dass Rogoshin ihn mit dem Messer verletzt. Da kann man sich vorstellen, dass dabei eine ganz andere "Welt" aufgeht.
Es heißt ja auch, dass sich die epileptischen Anfälle von Dostojewski während seiner Gefangenschaft stark verschlimmerten. Möglich, dass er auch durch diese Anfälle Gott und den Glauben in sich fühlte.

Liebe Grüße
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 30.10.2007 13:04 | nach oben springen
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#15

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 17.10.2007 22:45
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge
Wirklich russisch (also nicht europäisiert ) waren für Dostojewski (hier Jewgenij Pawlowitschs Ansichten) nur Lomonósoff, Puschkin und Gogol:
In Antwort auf:
Da bisher nur diesen dreien von allen russischen Schriftstellern gelungen ist, etwas tatsächlich Eigenes, etwas Neues, zu sagen, etwas, das sie nirgendwo entlehnt haben, so sind diese drei eben dadurch sogleich auch national geworden. Wer von uns Russen etwas Eigenes, etwas unanfechtbar Eigenes, niemandem Nachgeahmtes, nirgendwoher Entlehntes sagt, schreibt oder tut, der wird unfehlbar sogleich national, und wenn er auch nur schlechtes Russisch spräche. Das ist für mich ein Axiom.


Dostojewskis Kampf für das echt Russische und sein Ausspruch gegen den Liberalismus nehmen sich wie folgt aus:
In Antwort auf:
Dieser Hass gegen Russland wurde vor nicht allzu langer Zeit von manchen unserer Liberalen fast für die wahre Liebe zum Vaterlande gehalten, und sie taten noch groß damit, dass sie besser sähen, als die anderen, worin diese Liebe bestehen müsse; (…)

Dostojewski blickte ja besorgt auf die Jugend, der nichts mehr "heilig" erschien, die in ihren Aussagen mehr Wert auf brillante Formulierungen legten, als auf den Inhalt, die sich respektlos den Älteren gegenüber benahmen, "gesellschaftlich taklose Wahrheiten" ins Gesicht sagten und damit ihren Mut beweisen wollten. Eine Rebellion also gegen die "Verlogenheit der Konvention", ein "wilder Tatendrang um jeden Preis". Diese Jugend hat Dostojewski in "Pjotr Werchowenskij aus den "Dämonen" vervollkommend, ... die Jugend, der jede Perspektive fehlt, die es hauptsächlich darauf anlegt, das "Alte" abzuschütteln und mit aller Gewalt abzulehnen.

Myschkin stellt die Veränderung im Bewusstsein der Menschen auch im Verbrechen gut dar, als es um die skrupellosen jugendlichen Mörder geht:
In Antwort auf:
Es gibt sogar noch viel entsetzlichere Mörder als jenen jungen Mann, Verbrecher, die an die zehn Menschen ermordet haben und nichts bereuen. Aber es ist mir bei der Gelegenheit doch eines aufgefallen: dass selbst der verstockteste Mörder, der nicht die geringste Reue empfindet, dennoch weiß, dass er ein Verbrecher ist, ich meine, vor seinem Gewissen weiß, dass er schlecht gehandelt hat, und wenn er dabei vielleicht keine Reue empfindet. Uns so ist ein jeder von ihnen. Dieser aber (…) wollen sich nicht für Verbrecher halten und meinen, sie hätten ein Recht dazu und … sie hätten sogar gut gehandelt (…) Und gerade darin besteht, meiner Ansicht nach, der furchtbare Unterschied.


Auch befasst sich Dostojewski im "Idioten" mit dem Thema der "Waage", dass in jedem Menschen Gut und Böse miteinander ringen.
Der „Apokalypse-Kenner“ Lebedeff greift den Gedanken von Jewgenij Pawlowtisch auf:
In Antwort auf:
Jawohl! Das Gesetz der Selbstzerstörung und das Gesetz der Selbsterhaltung sind in der Menschheit gleich stark.


Und besonders schön wird es dann zu Fürst Myschkins Geburtstag im hitzigen Gespräch:

Aber ein Menschenfreund mit wackligen sittlichen Grundlagen ist ein Menschenfresser…

Was für ein herrlicher Ausspruch!

Und weiter:
In Antwort auf:
… ganz abgesehen von seiner ruhmsüchtigen Eitelkeit: denn verletzen Sie die Eitelkeit irgendeines dieser unzähligen Freunde der Menschheit, und er wird sofort bereit sein, aus kleinlicher Rachsucht die Welt an allen vier Enden anzuzünden (…)

Was mich an diesen philosophischen Aussagen hier doch stutzig macht, ist, warum Dostojewski sie gerade dem kleinlichen, gierigen und nur zu gerne betrügenden Lebedeff in den Mund legt. Vielleicht möchte er hier das Paradox solch einer Predigt aufzeigen, die zwar schön ausgedrückt sich aber nicht durch die Tat auszeichnet, so dass Lebedeff genau davon spricht, was er selbst in seiner Ethik nicht zustande bringt, denn er ist ja immer auf seinen eigenen Vorteil aus und von recht jämmerlicher Gestalt. Er rechtfertigt sich ja im Grunde damit, dass er sich selbst als erbärmlich und schlecht bezeichnet, womit er sich ebenso das Recht eingesteht, auch weiterhin so zu handeln, weil er es ja von sich selbst weiß und auch vor anderen Menschen zugibt. Eine sehr scheinheilige Auffassung, wie ich finde.

Amüsant ist darauf wieder, wie Lebedeff sich in seinen eigenen Geschichten verfängt, wo doch vorher der Ausspruch des Anwalts als so empörend empfunden wurde, der sagte: es wäre ganz natürlich, dass sein Mandant aufgrund seiner Armut sechs Menschen ermordet hätte, und der nun von einem Menschenfresser berichtet, der über sechzig Menschen gegessen haben soll, und weil ihm bei dieser hohen Zahl nicht geglaubt wird, behauptet:
In Antwort auf:
Dass er sie nicht alle auf einmal gegessen hat, ist doch klar, sondern so im Laufe von vielleicht fünfzehn bis zwanzig Jahren, in einem solchen Zeitraum aber ist das doch vollkommen verständlich und natürlich.

Aber noch witziger war dann sein Einlenken:
In Antwort auf:
… aber ich will trotzdem nicht bestreiten, dass die Anzahl der von einem Einzigen verspeisten Menschen sich als eine enorm hohe Zahl herausstellte, so dass man sogar schon von Unmäßigkeit im Genuss reden darf!

Wenn ich mir vorstelle, dass man das Wort Genuss auch auf das Verzerren von Menschen anwendet…



Wunderbar dann wieder in Bezug auf die geistige und moderne Entwicklung:
In Antwort auf:
Reichtum gibt es jetzt zwar mehr, innere Kraft aber weniger; der verbindende Gedanke fehlt; alles ist aufgeweicht, alles ist ausgelaugt und alle Menschen sind wie ausgekocht.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 30.10.2007 13:05 | nach oben springen
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