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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#31

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 30.01.2009 14:23
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Kurz dazwischen geschoben: Leonid Zypkin "Ein Sommer in Baden Baden".
Zypkin hat wohl die drei längsten Sätze verfasst, die ich je gelesen habe, denn daraus besteht sein ganzer Roman. Darin hat er eine atemberaubende Reise geschildert, die er mit dem Tagebuch der Anna Grigorjewna Dostojewskij auf dem Schoß beginnt, wo sich daraus dann rasend eine großartige Geschichte spannt, Dostojewskij wieder lebendig und sichtbar in seinem Wesen wird und sich ganz Russland vor den Augen des Lesers auftut. Wenn man sich mit Dostojewskij und seinem Leben befasst hat, dann weiß man sofort, auf was er alles anspielt, der ganze Roman ist ein ewiger Strom an poetisch geformten Fakten, während die Lektüre der Anna Grigorjewna, die Biographie Dostojewskijs, seine Romane und Figuren mit dem Leben Zypkins verschmelzen, der hier reist. Ganz im Gegenteil zu Coetzee’s "Der Meister von Petersburg" ist alles, was Zypkin anführt, nicht der Phantasie entsprungen. Trotzdem ermöglicht er neben den Fakten auch das Nachempfinden aller Gefühle, indem er mit Metaphern arbeitet. Man glaubt sich fast selbst in Dostojewskij zu verwandeln.
Zypkin hat zu Lebzeiten nichts veröffentlicht. Er war Arzt, Sohn russisch-jüdischer Eltern und später dann, durch die Ausreise seines Sohnes in die USA, eine "geächtete Person". Er fürchtete die Zensur, gab das Manuskript einem Freund mit, der es dann über die Grenzen schmuggelte. Als es endlich veröffentlicht wurde, starb Zypkin sieben Tage später an Herzversagen. Er war also genau sieben Tage ein veröffentlichter Schriftsteller.
Man fragt sich ganz verwundert, wie Zypkin es schafft, den Fluss der Worte so großartig zu gestalten, dass man trotz des ewigen Satzes, der sich durch sein Werk zieht, nicht den Faden verliert, sondern – ganz im Gegenteil – sich in diesem Fluss treiben lassen kann. Es ist bewunderungswürdig, wie Zypkin im Vorstoß, Dostojewskij sichtbarer zu machen, in der Zeit, von Ereignis zu Ereignis springt, dabei nicht in einer Reihenfolge, sondern immer dorthin, wo es möglich wird, ein Gefühl zu verstärken. Dazwischen die Reise im Zug, seine eigene Kindheit, das, was Dostojewskij und seine Frau erleben (aus den Tagebüchern) - sie werden zu wirklichen Menschen, die er auf einem Bahnsteig in entgegengesetzte Richtung fahren sieht -, wie auch die Geschichte und die „Erniedrigungen“ Dostojewskijs, die er erfuhr, als der Kreis um Belinskij ihn auf einmal, nach dem Höhenflug der Lobhudelei über den ersten Roman „Arme Leute“, so grausam ignorierte, weil er sich selbst als ein neues Genie betrachtete und sich nicht scheute, das auch lautstark zu betonen. Dostojewskij muss wohl mit dem ersten Erfolg etwas überrumpelt worden sein. Er hat sein eigenes Werk dann hoch über die vorhandene Literatur gestellt, was bei den hochnäsigen Schriftstellern nicht so gut ankam, die wahrscheinlich ähnlich über sich selbst dachten, jedoch so klug waren, es nicht öffentlich zu verkünden. Natürlich wird auch auf den Streit "Altes Russland vs Westen" eingegangen, darüber thronend der Streit zwischen Turgenjew und Dostojewskij. Bei Zypkin wird all das sichtbar, sogar das Spiel, der Zwang des Spieles, der Rausch des Spieles, der ganze zerrissene Wesenszug Dostojewskijs.
Ein kleiner Lesetipp, besonders, wenn man Dostojewskijs Leben und Werk kennt. Selbst seine Romanfiguren leuchten einem entgegen und erinnern sofort wieder an jene großartigen Werke, in die man selbst versunken war.



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 30.01.2009 14:42 | nach oben springen
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#32

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 03.02.2009 16:13
von Martinus • 3.194 Beiträge

Dostojewski: Der Doppelgänger

Im Jahre 1846, in gleichen Jahr, in dem sein erster Roman „Arme Leute“ erschienen ist, wird „Der Doppelgänger“ in der Zeitschrift „Vaterländische Notizen“ veröffentlicht. Kritiker und das Publikum waren enttäuscht. Publikumswirksam ist der kurzere Roman wirklich nicht, er fordert den Leser ziemlich heraus. Trotzdem lohnt sich hier genauer hinzuschauen. In diesem Roman geht es um eine Persönlichkeitsspaltung im medizinischen Sinne. Die Verworrenheit, die Unsicherheit, die Ahnungen, die hier verstreut werden, das irritiert, mag aber vom Autor gewollt sein. Der Geisteszustand des Protagonisten soll sich in dem Text niederschlagen. Das erschwert zwar die Lesbarkeit des Textes, es lässt sich aber interessantes entdecken.

Zu Beginn wacht der Protagonist, der Titularrat Jákoff Petrówitsch Goljädkin, aus dem Schlaf auf. Er befindet sich noch in einem Zustand, in dem er nicht von Tag und Traum unterscheiden kann. Durch diesen Trick gelingt es Dostojewskij schon, den Leser darauf vorzubereiten, was ihn erwartet; nämlich ein Blick in das Bewusstsein des Beamten, das zwischen Realität und Wahnsinn pendelt. Auch der Name Goljädkin ist ein selsamer Name, bedeutet er doch armer Schlucker, Hungerleider oder Habenichts. Der Name des Beamten weist auf das bittere Schicksal des Herren hin.

Das große Selbstbewussstsein Goljädkins, welches er ausstrahlt, wenn er sich fein einkleidet und eine Equipage bestellt, ist nur von kurzer Dauer und recht unstabil. Denn sofort knickt es ein, als er aus der Droschke blickt, und zwei Kollegen erblickt, anschließend noch seinen Vorgesetzten, den Staatsrat Andréi Filípowisch. Goljädkin will sich vor sich selbst verstecken, er will nicht gesehen werden.

Zitat von Dostojewski
'Ich...ich, bin eben gar nicht ich', dachte er unter Gefühlen, als müsse er auf der Stelle vergehen, 'gar nicht ich, ganz einfach, bin ein ganz Anderer – und nichts weiter.


Auf diese Weise bereitet Dostojewskij die Pesönlichkeitsspaltung vor. Aufschlussreich ist auch Goljädkins Besuch bei dem Arzt Krestjan Iwanowitsch Rutenspitz. Man weiß gar nicht, warum er seinen Arzt besucht, er kann sich nur sehr vage ausdrücken, doch es bricht sein Verfolgungswahn zu Tage
Zitat von Dostojewski

„...ich habe gehässige Feinde, die sich verschworen haben, mich zugrunde zurichten.“.


Wer seine Feinde sind, lässt sich vermuten. Es sind Menschen aus seinem Umfeld; z.B. Wladimir Ssemjónowitsch, von dem Jákow bewusst abwertend spricht, seine Lippen wären von der Kindermilch noch nicht trocken geworden, Ssemjónowitsch nun zum Assesor aufgestiegen ist, aber nicht, und das muss man sich dazudenken, Goljädkin selbst. Alle scheinen sich gegen Jákoff Petrówitsch verschworen zu haben. Die Erniedrigung, die er erfährt, als er als Gast bei Klara Olssufjewna abgewiesen wird ist hart.

Zitat von Dostojewski
„...den größten Wunschin die Erde zu versinken oder mitsamt der Equipage un ein Mauseloch verkriechen“


wünscht sich Goljädkin. Unerträglich drückend empfindet er die Blicke aus den Fenstern, die rückwärts auf ihn einschlugen, als er das haus verließ. Warum Goljädkin von Klaras Geburtstagsfest abgewiesen wird, wird nicht gesagt, aber es lässt sich vermuten, er sei in Klara verliebt und deshalb unerwünscht. Er verschafft sich noch einmal Zugang zu dem Fest, es gelingt ihm in den Festsaal vorzudringen, wird aber wieder herausbefördert, nachdem er sich bis zu Klara vorgedrungen hatte. Auf dem Fest ist auch sein direkter Vorgesetzter, der Herr Andréi Filipowitsch. Alle Menschen verhalten sich ihm gegenüber feindlich. Der Rausschmiss aus der Gesellschaft muss Herrn Goljädkin auf ärgste gekränkt und psychisch niedergerissen haben, denn auf dem Heimweg, in dunkler Nacht, begegnet er erstmals seinen Doppelgänger. Dostojewski hat diese Szenerie sehr schon schaurig in Schauerromanmanier erzählt.

Psychologisch interessant ist doch, dass der Feind in sich selbst, in Herrn Goljädkin selber steckt. Aüßere Feinde werden introperspektiv verarbeitet. Seinen Doppelgänger stellt ihn in aller Öffentlichkeit bloß, durch ihn verliert er seine berufliche Tätigkeit. In seinem Beziehungswahn erlebt Goljädkin, wie alle Leute gegen ihn integrieren:

Zitat von Dostojewski
'Sie alle stecken miteinander unter einer Decke...einer steht für den anderen und einer hetzt den anderen gegen mich auf.'


Mit Fortschritt des Romans steigert sich Herr Goljädkins Wahn immer mehr. Das wird in einem Traum vorbereitet, in dem Jákoff Petrówitsch Doppelgänger in vielfacher Ausführung erleben muss, die ihn rücklings verfolgen.
Zitat von Dostojewski

Und alle diese Ebenbilder begannen nun, kaum daß sie erschienen, eines dem anderen nachzulaufen. In einer langen Kette wie eine Reihe watschelnder Gänse, zogen sie hinter Herrn Goljädkin dem Älteren her, daß es ganz unmöglich war, ihnen zu entfliehen...


Das besondere an dem Roman „ ist die oft verwendete Form des inneren Monologes. Ängste, Befürchtungen und Goljädkins Wut über seinen Doppelgänger erleben wir in den Gedanken des Protagonisten selbst. Wie er sich irrt und dreht in seinen Ängsten, äußerst sich in der Befürchtung, man werde ihn selbst mit seinen Doppelgänger verwechseln. Das betrachtet er als sein größtes Unglück, welches sein eigenes Selbst untergräbt und ihn sozusagen zu einer Nichtperson degradiert. Ich denke, sein Wahnsinn ist aus einer sehr großen Minderwertigkeit heraus entstanden, ab liebsten würde er sich in ein Mauseloch verkriechen (ach ja, das hatten wir schon; s.o. im Text). Der Traum mit den unzähligen Ebenbildern Goljäkins deutet auf eine übermäßige Beschäftigung mit sich selbst hin, d.h. Übermäßige Selbstkritik, 'wie wirke ich auf andere', usw.

Aus psychologischer und psychiatrischer Sicht ist der Roman hochinteressant und gibt dem Leser genug Freiraum zum Selberdeuten. Eine große Menschenkenntnis des Autors offenbart sich schon in diesem Frühwerk, allerdings bin ich mir nicht so sicher, ob ich alles vom Handlungsablauf her verstanden habe. Einen verworrenen Eindruck hinterläßt der Text schon. Nicht immer ist es leicht, sich durch die Gedanken Goljädkins zu graben.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#33

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 04.02.2009 10:46
von Patmos • 17 Beiträge

Danke für diesen Thementhread.

Denn - ich finde keinen richtigen Zugang zu Dostojewski, immer wieder versuchte ich es einmal, aber ich komme Dostojewski nicht "näher". Vielleicht auch, weil ich mit den Karamasov Brüdern begann, die Figuren dort waren mir alles zu schwarz - weiß gezeichnet und es wurde mir zuviel geredet.
Ich mag die Russen, mag sie oft lieber als die "Deutschen", meine Bibiliothek ist voll von ihnen, auch deine Empfehlung, Martinius, "Beerechreiche Gegend" von Jewtuschenko (Klasse!), zum Beispiel, ich mag auch die "Außenseiter" wie Isaak Babel und Leskow, aber Dostojewski...

Liebe Grüße,

Patmos

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#34

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 04.02.2009 23:11
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Liebester Patmos,

schön, dich wiederzulesen.
Ich denke, auf Dostojewskij muss man sich wirklich einlassen. Es gibt Bücher, die einen ganz schön viele Seiten abverlangen, bis man in sein "Reich" findet. Andererseits waren "Die Brüder Karamasow" für mich eine Art "Gipfel". Es ist vielleicht auch typabhängig.

Die Empfehlung von Martinus werde ich mir auch mal vormerken. Vielen Dank.

Liebe Grüße
Taxine



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zuletzt bearbeitet 04.02.2009 23:11 | nach oben springen
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#35

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 05.02.2009 12:58
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo Patmos !

Zitat von Patmos
Danke für diesen Thementhread.

Ich mag die Russen, mag sie oft lieber als die "Deutschen", meine Bibiliothek ist voll von ihnen, auch deine Empfehlung, Martinius, "Beerechreiche Gegend" von Jewtuschenko (Klasse!),


An diese Empfehlung kann ich mich gar nicht mehr erinnnern. Ich kenne den Roman gar nicht, aber das macht ja nichts. Ich habe im zvab eine interessante Zusammenfassung des Buches gefunden. So hast du mir eine schöne Leseempfehlung gegeben:

Zitat von über >Beerenreiche Gegend< aus dem zvab
Dieser Roman verläuft um den ganzen Planeten, ja bis hinauf ins All und durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ein Panorama unserer Zeit mit Diskussionen über Gott und die Welt bishin zu phantastischen Auftritten Außerirdischer.

Ein gesellschaftskritischer Roman über die Sowjetunion. Jewtuschenko versteht es meisterhaft, den sowjetischen Alltag, seine Probleme, die Hoffnungen der Menschen und ihre Sorgen dem Leser nahe zu bringen. Ein Buch der Perestroika, das in der DDR mit großem Interesse ausgiebig diskutiert wurde.


Hallo Taxine,

noch einmal zu "Der Doppelgänger"

Zitat von Taxine
Es gibt, glaube ich, wenige Romane, die so rasend, mit so unruhiger Stimmung verfasst wurden. Beeindruckend, die Spannung, die Dostojewski erzeugt, dieses Anteilnehmenlassen an der Unruhe des Herumirrenden, seine Zerfahrenheit, die auf den Leser übergeht, ihn aufwühlt und ihn nötigt, immer mehr wissen zu wollen, die Dinge aufzuklären, zu erfahren, was da genau geschieht. Er wird zum Komplizen gemacht, der ständig durchdenkt, was da genau geschieht. Denn so oder so, nichts liegt offen, alles bleibt in der Verwirrung des Protagonisten verschlossen.


"Zerfahrenheit" passt sehr gut zu dem Roman. Das ist ein Grund, warum gerade dieser Roman gar nicht so leicht zu lesen ist. Im Gegensatz dazu ist die Prosa in "Die Erniedrigten und Beleidigten" sehr wohlgeordnet und linear. Die "Zerfahrenheit" ging in dieser hinsicht auf mich über, weil ich Zweifel darüber hege, ob ich den Roman inhaltlich voll erfasst habe. Auch nach zweimaligem Lesen, ergeht es mir so. "Alles bleibt in der Verwirrung des Protagonisten verschlossen" schreibst du. Ja, vielleicht gibt es ja nichts weiteres zu verstehen.

Trotzdem eine Frage: Hast du den Eindruck, Goljädkin sei in Klara verliebt, und sei deswegen von der Feier ausgeschlossen gewesen? Viel später, bekommt er doch noch einen Brief von Klara, und bittet um ein Treffen mit ihm. Theoretisch denkbar, dass Goljädkin hier nur phantasiert. Wenn das ist/wäre könnte man sagen, Goljädkin sei wegen seines Liebeswahns in den Wahnsinn gefallen. Das ist nur eine Theorie, die auf meiner Mütze gewachsen ist.

Direkt in der Schlussphase bekommen wir nochmal ein Zeugnis kompletter Wirrheit aufgetischt:
Zitat von Dostojewski
'Das ist ja gar nicht Krestjan Iwanowitsch! Wer ist das? Oder ist er es doch? Ja! Das ist Krestjan Iwanowitsch! Nur ist es nicht der frühere....'


Vielleicht lüftet Dostojewski hier das Geheimnis seines Romans, dass auch der Leser im Text nicht mehr sicher sein kann, was Realität ist, und was Wahn? Wenn es sich so verhält, dann ist das von Dostojewsji schon genial durchdacht. Diese Verworrenheit macht den Leser unsicher.

Liebe Grüße
mArtinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 05.02.2009 13:49 | nach oben springen
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#36

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 05.02.2009 16:04
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Hallo Martinus,

vielen Dank für die kleine Einführung. Klingt vielversprechend. Ist für März schon im Hinterkopf.
Ist lustig, die Verwechslung von Patmos. Dadurch bekommst auch du eine neue Empfehlung.

Zurück zum "Doppelgänger". ich bin froh, dass du es noch einmal ansprichst.
Zitat von Martinus
Wenn es sich so verhält, dann ist das von Dostojewsji schon genial durchdacht.

Dostojewskij mochte die Idee zu seinem „Doppelgänger“ sehr, er gab aber selbst zu, dass ihm möglicherweise der Schreibstil etwas missglückt wäre.
Ich dagegen finde gerade diesen Stil so herrlich, dieses Offene, die Möglichkeit, sich als Leser völlig darauf einzulassen und sein Eigenes zu deuten. Du spricht auch von dieser Unruhe. Sie packt einen und reißt einen mit. Ich habe den kleinen Roman in einem Zug durchgelesen. Und man ist am laufenden Band dazu genötigt, alles zu hinterfragen. Das finde ich Klasse!
In erster Linie entsprach der Stil aber nur nicht den Regeln der damaligen Zeit, wohingegen heute ja ganz andere Schreibmöglichkeiten bestehen, warum wahrscheinlich „Der Doppelgänger“ einen Menschen in der heutigen Zeit mehr anspricht, als damals. Man muss sich ja vor Augen halten, dass die Leute etwas lesen wollten, was ihrer eigenen Ansicht entsprach. In „Die Erniedrigten und Beleidigten“ kommt das durch die Reaktion von Nikolai Ssergejewitsch Ichmenjeff gut zur Geltung, der dem Bild des einfachen Mann des Volkes vollkommen entspricht, der behauptet:
Zitat von Dostojewskij-Die Erniedrigten und Beleidigten
Verse sind Unsinn…(…) barer Unsinn, nichts als Zeitverschwendung! Gymnasiasten, die mögen noch Verse schmieden, aber im allgemeinen können Verse euch junges Blut noch in die Irrenanstalt bringen… Nun ja, gewiß, Puschkin war groß, wer bestreitet denn das? Aber immerhin sind es schließlich doch nur Vers’chen, die er geschrieben hat, nichts weiter, so was, hm!... Ephemerisches, nennt man’s wohl, Kurzlebiges… Übrigens habe ich nur wenig von ihm gelesen… Ja, Prosa – sieh, das ist etwas ganz Anderes. Hier kann der Verfasser sogar belehren, - na, da, gleichviel … kann von der Liebe zum Vaterlande reden, oder so … na, überhaupt, von der Tugend…Ja!.

Hier sieht man ganz großartig den einfachen Mann, der sich an die Zensur gewöhnt hat und genau das auch erwartet, was allgemein dann „vorgeschriebene Literatur“ genannt wird. Alles andere schmeckt ihm nicht. Die einfache Bauernweisheit. Auch herrlich, dieses eingeschobene Zugeständnis: „Übrigens habe ich nur wenig von ihm gelesen!“ Aber dann ausgiebig urteilen wollen. Oder, als Wanja dann vorgelesen hat, ist er so herrlich verwundert, weil er etwas Erhabenes erwartet hat, stattdessen auf „Alltägliches und längst Bekanntes“ trifft, „genau wie das, was gewöhnlich um einen herum geschah“. Er fragt in seiner ganz eigenen, einfachen Art, ob es sich denn lohne, so etwas zu drucken, was jeder kennt und tagtäglich erlebt, gesteht Wanja dann aber doch zu, dass er diese einfachen Gefühle so großartig ins Bild gesetzt hat, dass man das Herz spürt.
Genau das ist auch mit dem „Doppelgänger“ passiert. Man erwartete ein Genie wie Gogol, nachdem Dostojewskij mit „Arme Leute“ geglänzt hat, und bekam etwas Neues, Ungewohntes, das genau dadurch auf Ablehnung stieß. Wenn man dann noch den „erhabenen Kritiker“ gegen sich hat, hat man sowieso verloren. (Ich meine, Fürst Myschkin, dieser schöne Mensch, kam ja später auch nicht an. „Der Idiot“ wurde ziemlich zerrissen!)
„Der Roman sei Unsinn…“ hieß es in der Kritik von Belinskij, dessen Kreis sich von Dostojewskij abgewendet hatte, weil dieser von seinem Ruhm überwältigt war. Das nahm man ihm sehr übel. Und, wenn der Kritiker das Werk zerreißt, dann reagiert das Volk nicht auf das Buch, sondern auf die Kritik. (Das ist überhaupt ein eigenartiges Phänomen, dass man sich als Leser nach der Meinung eines anderen richtet…)
Da wurden z. B. Gogol und Dostojewskij einander gegenüber gestellt, von denen behauptet wurde, dass zwar beide soziale Schriftsteller wären, bei Gogol aber „das Individuum als Repräsentant einer bestimmten Gesellschaft oder eines gewissen Milieus von Bedeutung“ war, während für Dostojewskij „die Gesellschaft nur unter dem Aspekt interessant“ blieb, um zu zeigen, „welchen Einfluss sie auf die individuelle Persönlichkeit“ hatte. Sie diente ihm also nur in ihrer Wirkung, wie sie im Bewusstsein seiner Figuren erscheint, nicht als Buchinhalt. Ihm wird daneben auch das vorgeworfen, was Patmos aufgefallen ist, die langen Gespräche, viele Wiederholungen, zu viele Details. (Auch in „Die Erniedrigten und Beleidigten“ spürt man die Ausschweifungen in Worten.)
Dostojewskijs Werke bestehen sehr oft nur aus Gesprächen. Ich finde gerade, dass sich dadurch die Figuren sehr deutlich herauskristallisieren und in ihrem eigenen Charakter leuchten. Der Schriftsteller muss damit nicht von „außen“ auf sie eingehen, weil sie sich durch das, was sie sagen, selbst ausmachen. Das finde ich großartig.
Ich muss wirklich zugeben, dass „Der Doppelgänger“ durch seinen Schreibstil bei mir unter die Lieblingswerke von Dostojewskij gefallen ist, er reiht sich direkt neben „Die Brüder Karamasow“ und „Die Dämonen“. Fürst Myschkin ist natürlich auch nicht zu verachten.
„Der Doppelgänger“ ist psychologisch durchdacht, auch, dass wir hier im Kopf des Protagonisten sitzen, aus seiner Sicht die Dinge genauso verwirrt und verwischt sehen, wie er sie wahrnimmt, ohne die Möglichkeit, einen wirklichen, äußeren Blick zu bekommen, hat mich sehr fasziniert. Der Leser bekommt keinerlei Anhaltspunkte, kann nur mutmaßen. Dostojewskij hat sich im Übrigen noch einmal an die psychologische Studie eines Wahnsinnigen gemacht, und zwar in „Ein schwaches Herz“. Ich denke, er ist hier stark von Gogols „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ beeinflusst worden.
Dort berichtet der Protagonist ebenso aus seiner ganz eigenen Perspektive. Er versucht, über die Briefe, die sich zwei Schosshunde „nach seiner Auffassung“ schreiben, etwas über seine Angebetete herauszufinden, die ihn als armseligen Beamten (der sich für einen Edelmann hält) nicht wahrnimmt. Er sieht hier, dass die Hunde tatsächlich erzählen, dass die schöne Frau in einen anderen verliebt ist und ihn völlig abstoßend findet. (Das hat Gogol sehr lustig verfasst, z. B. als der Protagonist sich fragt, welcher Beamte hier wohl gemeint sein kann.) Hier ist also der Protagonist bereits verrückt, was sich nur anhand der Unsinnigkeiten erkennen lässt, die er als wirkliche Beweise und Gegebenheiten nimmt. Er redet sich dann ein, dass er seine Geliebte nur erobern kann, wenn er reicher wäre, von besserem Ansehen. Wie gut, dass ihm der Thronwechsel Spaniens zur Hilfe kommt, wobei er sich selbst als neuer König von Spanien anerkennt und sehr lustig sein ganzes Leben danach ausrichtet, sich auch nicht scheut, in seiner Firma mit diesem Titel zu unterschreiben. Noch in der Irrenanstalt berichtet er von den seltsamen Umgangsformen der Spanier, dass ihm z. B. der Kopf geschoren wird oder man ihn schlägt. Das hat Gogol gut formuliert, aber…, das muss ich auch sagen, lange nicht so gut, wie Dostojewskij nach ihm. Gogol zeigt deutlich, dass sein Protagonist verrückt ist. Auch die Umstände, auf die er trifft, sind nachvollziehbar, dagegen wirft uns Dostojewskij einfach mit voller Wucht in die Wirrnisse seines Protagonisten, und es dauert etwas, bis man erkennt, dass Goljädkin nicht ganz richtig im Kopf ist. Man hat auch viel mehr Mitgefühl mit ihm, bis man erkennt, was eigentlich da mit ihm los ist.
Ich habe folgenden Eindruck gewonnen, und, da der Roman selbst so wirr ist, sind wahrscheinlich auch meine Überlegungen völlig wirr, aber ich versuche es trotzdem:
Goljädkin wurde irgendwann (aufgrund seiner Verwirrungen und Zerfahrenheit) gefeuert, hat diesen Umstand aber nicht verkraftet und ist dann vollkommen verrückt geworden. Das entspricht auch dem Denken Dostojewskijs, der den armen Mann in der Begegnung mit Unmoral und Gesellschaft oft auf der Strecke bleiben lässt, während einige seiner Protagonisten trotz all der widrigen Umstände ihre „schöne Seele“ behalten und andere an den Weltumständen zu Grunde gehen.
Goljädkin nimmt, wie wir am Anfang ja schon erfahren, auch Tabletten gegen seine Verwirrungen, seine „Krankheit“, es wirkt wie eine Art Reizzustand. Trotzdem behält er die Vorgänge in seiner Firma im Auge, sieht, dass ein anderer seinen Platz einnimmt, der zum Feind wird, auch noch der Neffe des Vorgesetzten, womit Goljädkin einen „schlagenden Beweis der Ungerechtigkeit“ in die Hand bekommt, auf den er sich beziehen und über den hinaus er den eigentlichen Grund verdrängen kann.
Goljädkin spaltet sich in sein zuerst besseres und jüngeres Ich, das sich dann (in einer Art Selbsthass) gegen ihn richtet. (Die Feinde sind ja sowieso überall, darum muss sich letztendlich auch sein eigener Doppelgänger gegen ihn richten). Das ist alles Ausdruck für das Nicht-Verkraften der Gegebenheiten. Ich glaube, dass er nicht einmal mehr im Büro wirklich arbeitet, weil auch dort all das schon sehr merkwürdig ist, er z. B. einige Schreiber für Spionagevorgänge nutzt oder überhaupt in eigenartiger Weise auf die Menschen trifft, die mit ihm arbeiten. Es sind vielleicht nur noch Erinnerungen.

Zitat von Martinus
Trotzdem eine Frage: Hast du den Eindruck, Goljädkin sei in Klara verliebt, und sei deswegen von der Feier ausgeschlossen gewesen? Viel später, bekommt er doch noch einen Brief von Klara, und bittet um ein Treffen mit ihm. Theoretisch denkbar, dass Goljädkin hier nur phantasiert. Wenn das ist/wäre könnte man sagen, Goljädkin sei wegen seines Liebeswahns in den Wahnsinn gefallen.

Nach meinem Eindruck handelt es sich nicht um einen Liebeswahn, höchstens wurde Goljädkin mal in der Liebe enttäuscht. Er bildet sich eine Liebe zu Klara ein, aber wahrscheinlich mehr darum, weil sie die Tochter seines Gönners ist, der ihm, seiner Ansicht nach, im Stich gelassen hat. Das lässt sich daran erkennen, dass er jenen Brief von ihr erhält, der in keinem Fall wirklich sein kann, denn sie verabredet sich ja mit ihm und kommt dann nicht, führt ihn aber an den Ort, an dem sein endgültiger Zusammenbruch stattfindet.
Ich glaube nicht, dass er aufgrund seiner Gefühle für Klara von der Feier ausgeschlossen wird, sondern, weil er nicht mehr Mitarbeiter der Firma ist. Er schleicht ja ständig um die alten "Gewohnheiten" herum, die sich hier im Haus seines Gönners zeigen. Oder, auch das ist möglich, er empfindet sich nur als ausgeschlossen, während die Leute ihm eigentlich wohlgesinnt sind. Die Reaktionen aller Anwesenden am Ende, die ihn mitfühlend behandeln und den Arzt komme lassen, sprechen dafür. Sein Verfolgungswahn macht aus dieser ganzen Begegnung vielleicht nur eine eigene Tortur an „bösen Absichten“.
Ich denke, Klara ist nur eine Art Strohhalm für Goljädkin, an den er sich klammert, dass er, der überall nur Feinde sieht, unter diesen Leuten einen findet, den er liebt, einen guten Kern inmitten der faulen Frucht, in die er tagtäglich beißt. Es ist vielleicht darum auch keine richtige Liebe, sondern nur die Vorstellung einer Liebe (ähnlich wie bei Gogol). Klara ist ja eine sehr junge Frau, die er wahrscheinlich nur kurz zu Gesicht bekommen hat, als er noch für die Gesellschaft arbeitete. Klara ist also echt, aber die Liebe und der Austausch zwischen ihnen, sind nicht echt.
Ähnlich, wie er für seinen Doppelgänger eine Art Verantwortung übernimmt, indem er ihn bei sich aufnehmen will, ihm zu essen und zu trinken gibt, indem er sich also als Wohltäter empfindet oder sich dazu macht, so ist auch Klara eine Figur, die ihn „braucht“, die er auf den richtigen Weg bringen muss, indem er in seiner sowieso schon verrückten Sichtweise auch noch in sich selbst zerrissen steht, weil er nicht weiß, ob es sinnvoller ist, mit ihr durchzubrennen (er kann ihr kaum etwas bieten) oder sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Er kämpft mit Moral und Tugend, die er aber, weil der Brief nicht echt sein kann, nur erschafft, um sich selbst zu erkennen, besser spüren zu können. Er erschafft sich also einen inneren Konflikt und versucht ihn zu lösen, obwohl er mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmt.
Wir werden als Leser ja auch mit verschiedenen Gerüchten konfrontiert. Einmal wurde er mit einer Beförderung übergangen (was ihm sofort den Verdacht bestätigt, dass der "Feind" auch automatisch alles andere an sich reißt – hier dann auch heiraten will, warum sich Goljädkin sofort auf eine Liebe zu Klara stürzt.) Ich denke, sein Nachfolger in der Firma hat wirkliche Heiratsabsichten mit Klara, Goljädkin hat davon erfahren, und weil er sein Feind ist, versucht Goljädkin diese Liebe auf sich zu projizieren.
Er benötigt den Betrug, um ausgiebig verachten zu können. Das wird im Gespräch mit dem Arzt am Anfang etwas sichtbarer. Da behauptet er auch, man hätte sich gegen ihn verschworen und wolle ihn „moralisch umbringen“. Er verkraftet nicht, was geschehen ist, und alles, was daraufhin folgt, ist nur noch Bedrohung, dass selbst so etwas Schönes wie eine Heirat zwischen Verliebten zu einem tragischen und unmoralischen Ereignis wird, dass sich, weil Goljädkin übergangen wurde, somit auch in jeder Form gegen ihn richtet.
Auch erzählt er ja am Anfang von einer nicht standesgemäßen Deutschen, die jemand (vielleicht Goljädkin selbst?) nicht bezahlt und stattdessen um ihre Hand angehalten hat. Soweit ich das verstanden habe, hat er vorher bei dieser Wirtin gewohnt. Diese Geschichte, so kann ich mir denken, nutzt er für seine eigenen „Kriegserklärungen“, vermischt alles, was sich ihm als böse Bestätigung seiner Wahnvorstellungen bietet.
Auch eine Überlegung von mir: vielleicht hat sich Goljädkin ja in die „gemeine, schamlose, unverschämte Person“ verliebt, bei der er gewohnt hat (der Arzt erkundigt sich ja, wo er jetzt wohne), die ihn dann ablehnte oder einen anderen heiratete. In den seltsamen Briefen an den Doppelgänger, die aber ganz woanders landen und auch beantwortet werden, schimmert dieser Hintergrund auch durch.
Vielleicht hat er also die enttäuschte Liebe zur der deutschen Wirtin auf Klara übertragen, und seine Einbildung dann so gestaltet, dass Klara ihn, im Gegenzug zur Wirtin, nicht enttäuscht und dann, wie kann es auch anders sein in der Konfrontation mit der Wirklichkeit, dann eben doch enttäuscht. Ihr Alter scheint ihn sowieso in Gewissenskonflikte zu treiben. Wahrscheinlich wollen Klara und sein Nachfolger in der Firma also heiraten, und Goljädkin vermischt seine Wahrnehmungen mit allem, was ihm als Begründung dient, diesen noch mehr zu hassen. Es ist also kein richtiger Liebeswahn.
Tatsächlich, da bin ich mir fast sicher, wurde er eben aufgrund seiner Verwirrung entlassen. Man sorgt sich um ihn, in jeder Hinsicht, während er mit der Welt nicht mehr zurecht kommt. Alle Reaktionen am Ende des Buches scheinen darauf hinzuweisen.

So, hier stoppe ich erst einmal. Da lässt sich gut erkennen, wie intensiv der Roman auf mich gewirkt hat. Ein toller Schrieb. Ein wirklich gelungenes Werk. Es bleibt lange im Kopf, wird sicherlich mit jedem erneuten Lesen neue Sichtweisen aufdecken.
Zitat von Martinus
Im Gegensatz dazu ist die Prosa in "Die Erniedrigten und Beleidigten" sehr wohlgeordnet und linear.

Die "Erniedrigten und Beleidigten" sind wirklich viel einfacher zu lesen, auch fügt sich alles zusammen, lässt uns nicht in den eigenen Deutungen zappeln (nur zwischendurch ab und zu). Dostojewskij verfasste den Roman übrigens auch sehr angepasst, schrieb ihn also extra im Sinne der Leserschaft, dass er sich gut verkaufen würde. Er schrieb ja auf Vorschuss, musste "erfüllen" und lenkte dann seine Schreibweise in eine die damalige Zeit ansprechende Form.

Ich grüße herzelich
tAxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 05.02.2009 16:52 | nach oben springen
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#37

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 06.02.2009 10:31
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo Taxine,

Zitat von Taxine
Dostojewskij mochte die Idee zu seinem „Doppelgänger“ sehr, er gab aber selbst zu, dass ihm möglicherweise der Schreibstil etwas missglückt wäre.
Ich dagegen finde gerade diesen Stil so herrlich, dieses Offene, die Möglichkeit, sich als Leser völlig darauf einzulassen und sein Eigenes zu deuten.


In der Literatur des 19. Jahrhunderts ist mir noch nie so ein gehetzter Stil begegnet; nicht bei Balzac, nicht bei Fontane, nicht bei Tolstoi( auch wenn in "Anna Katenina" an mindsestens an einer Stelle auch ein Bewußseinsstrom vorkommt. Wenn ich die Stelle noch wüßte, wäre ich glücklich).Aufwühlend ist ja "Hunger" von Hamsun, aber nicht so gehetzt wie bei Dostojewski). Das so ein neuartiger Stil erstmal Ablehnung erfährt, ist verständlich.

Zitat von Taxine
(Ich meine, Fürst Myschkin, dieser schöne Mensch, kam ja später auch nicht an. „Der Idiot“ wurde ziemlich zerrissen!)
„Der Roman sei Unsinn…“ hieß es in der Kritik von Belinskij, dessen Kreis sich von Dostojewskij abgewendet hatte, weil dieser von seinem Ruhm überwältigt war. Das nahm man ihm sehr übel. Und, wenn der Kritiker das Werk zerreißt, dann reagiert das Volk nicht auf das Buch, sondern auf die Kritik. (Das ist überhaupt ein eigenartiges Phänomen, dass man sich als Leser nach der Meinung eines anderen richtet…)


ach ja, ausgerechnet Myschkin, so ein toller Roman. Aber auch dieser Text hat in einer Art etwas zerrissenes, nämlich in dieser Weise, dass manche Diskussionen abrechen und etwa 150 Seiten später weitergeführt werden. Aber trotzdem, der Roman ist mein Herzstück.

In "Die Erniedrigten und Beleidigten" wird der Kritiker Beljinsky ja mit seinem Einganskonsonant "B" erwähnt und duhast ein schönes Beispiel erwähnt, wie Leute auf Literatur reagiert haben. Sie wünschten sich etwas "Erhabenes", Wanja schrieb aber aus dem gewöhnlichen Leben. Ich habe daran gedacht, weil Dostojewski in Wanja sich selbst projiziert hat, dass Wanja "Arme Leute" schrieb. Das Eingangskapitel ist ja sehr berührend, die Umstände, uin der der arme abgemargerte Herr Smith und der Hund sterben, berührt schon sehr.

In Buch I, XI begegnet Wanja Idmenjeff, der entsetzt ist, das Wanja in so einer schäbigen, feuchten Wohnung sehr sbillig wohnt. Er wird wütend darüber und es fällt der Satz:
Zitat von Dostojewski

Hm!...Das kommt von deiner Literatur, Wanja!


Der Vorwurf klingt durch, mit Literatur kann man nicht genug Geldverdienen. "B", also Beljinski sei an der Schwindsucht gestorben, und habe seiner Frau nichts hinterlassen können (weil er offenbar arm war). Dabei ist es doch bemerkenswert, das sich Wanja ebenso mit einer Todeskrankheit herumschlägt. Und so einer(wie Wanja), wollte seiner Tochter heiraten? - so sagt Idmenjew an früherr Stelle. Idmenjew scheint keine Ideale zu haben und versucht realistisch zu denken. Bei Wanja und Aljoscha ist das anders. Über ihre Beziehung zu Natascha wird hier sicher noch manches Wort fallen.

noch mal zu "Der Doppelgänger":
Zitat von Taxine
Ich glaube nicht, dass er aufgrund seiner Gefühle für Klara von der Feier ausgeschlossen wird, sondern, weil er nicht mehr Mitarbeiter der Firma ist. Er schleicht ja ständig um die alten "Gewohnheiten" herum, die sich hier im Haus seines Gönners zeigen. Oder, auch das ist möglich, er empfindet sich nur als ausgeschlossen, während die Leute ihm eigentlich wohlgesinnt sind.


Ja, in erster Linie dreht es sich ja um die Mitarbeiter der Firma. Ich vermute, das sich Goljädkin, weil er unter seiner Krankheit leidet und sich als Versager fühlt, diesen Wahn entwickelt, sich ausgestoßen zu fühlen.

Übrigens freue ich mich schon über die Dostojewski-Biographie von Kjetsaa, Geir.


Liebe Grüße
mArtinus

PS: Übrigens, zu Jewgeni Jewtuschenko. "Beerenreiche Jugend" plane ich vorausschauend auch für März ein.



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 06.02.2009 10:35 | nach oben springen
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#38

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 07.02.2009 19:18
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Zitat von Martinus
ach ja, ausgerechnet Myschkin, so ein toller Roman. Aber auch dieser Text hat in einer Art etwas zerrissenes, nämlich in dieser Weise, dass manche Diskussionen abrechen und etwa 150 Seiten später weitergeführt werden. Aber trotzdem, der Roman ist mein Herzstück.


Übrigens, wie ich gerade bei Geir Kjetsaa nachlas, stieß auch Raskalnikoff auf Ablehnung. Der Vorwurf lautete: es wäre nicht nachzuvollziehen, dass ein Student für ein paar lausige Rubel eine Pfandleiherin umbringen würde.
Natürlich habe Dostojewskij damit eine ganze Gruppe junger Menschen zu Raubmördern gemacht.
Kjetsaa erklärt es schön: Dostojewskij habe nicht den Nihilist verurteilt, wie es so viele andere ironisch oder abwertend in ihren Schriften getan haben, sondern die "Tragödie des Nihilismus" aufgezeigt, die ganze Tragik dahinter, damit eine Möglichkeit, wie und wo es enden könnte.
Zudem ist es natürlich völliger Blödsinn zu behaupten, ein Mensch würde nicht aus so kleinem Anlass und aufgrund seiner philosophischen Überzeugung einen Mord begehen. Heute wie früher wurde sicher schon aus geringerem Anlass getötet.
Bei "Der Idiot" war ich angetan von der ruhigen Schreibweise, von den verschiedenen Menschen, war begeistert über die schöne Seele von Myschkin. Und immerhin, die letzten Seiten waren sehrwohl dann doch noch von großer Spannung.

Zu meinen Lieblingswerken zähle ich übrigens dann doch noch "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch", ein ebenso ruheloses, rastloses Werk voller Abgründe und Verfolgungswahn. Darin war Dostojewskij sehr gut, dieses Gefühl im Schreiben zu erzeugen, das es auf den Leser übergeht.

Bei Maurina heißt es im Vorwort:
Zitat von Maurina - Dostojewskij-Menschengestalter und Gottsucher
Wir lesen ihn, wenn wir es satt haben, uns mit den talentvollen und talentlosen Epigonen zu beschäftigen, und uns die Kunststücke der Trapezartisten der Angst von Kierkegaard bis Sartre langweilen. Dostojewskij hilft uns die zu allen Zeiten und bei allen Völkern gleichen Probleme entwirren, er beunruhigt uns durch die Fragen: Wer bin ich als Mensch an sich, losgelöst von Eltern, Nation und Geschichte? Warum lebe ich? Welch eine Verantwortung trage ich dem Ich und dem Du gegenüber? Er bedrängt und bestürzt den Leser, er macht es ihm unmöglich, in der gewohnten Gleichgültigkeit weiterzuvegetieren.

Das trifft es auf den Punkt. Besser kann man es nicht ausdrücken. Mir geht es fast "wortwörtlich" so, aus diesen Gründen greife ich nach seinen Romanen und Erzählungen.

Liebe Grüße, werter Martinus,
ich freue mich, dass du die andere Biografie bekommst.
Dann können wir schön vergleichen.
tAxine

P.S. Auf "Beerenreiche Gegend" bin ich sehr gespannt.



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#39

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 08.02.2009 21:38
von ascolto • 1.289 Beiträge
Als der alte Russ muich anschmauste, uich war gerad auf der Flucht von dem Ego der Landarbeiter die nun der Industrie die Händ(siehe Bauernsterben/Kroetz), so um die 14jahr. Die mich gezottelt und in uihrem Pelz aus groben Verhaltensmustern in die Enge, da, nach dem Licht des Gorki, den mir die Händ einer Nachbarin, da blitzte durch meinen verträumten Schopf, ein Sprachfürst, ein Fragmentarier der muir die Seele, wenn ich Eine in mir, der säuselte mir nicht Allein zu Sein! Und so lese ich Uihn noch heute, den muir in seiner KRAFT ein Gleichgesinnter, ein Mensch im versuch um die Deutung des Wohlklang, dass sezieren des Herzen, hinter dem Verstand!
So tief ist meine Beuge, so verneig ich mich....

vorm ollen D, dadd kleene a

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#40

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 10.02.2009 11:08
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine
Der Fürst selbst hat einen Sohn Aljoscha, wohl Dostojewskijs erster Entwurf des „lieben Menschen“, nur ist er nicht nur lieb, sondern auch sehr kindlich und naiv (man könnte sagen, fast schon dumm (nicht ganz so schön, wie Fürst Myschkin)).


Aljoscha ist doch vom Edelmut des Myschkin weit entfernt, er lässt sich zwischen Katja und Natascha wie ein Ping Pong - Ball herumtreiben. Überrascht war ich doch, als Fürst Walkowski dann doch seine Meinung umgerissen hat, Aljoscha solle Natascha und nicht Katja heiraten. Eine hinterlistige List lässt sich hier schon erspüren, denn der Fürst, den es nur um Katjas Erbe geht, hat Katjas Vermögen sicher nicht vergessen. Aljoscha ist keineswegs standfest. Er lässt sich durch andere Personen hin-und hertreiben. Selber scheint er keine handfeste Meinung zu besitzen.
Wanja erzählt:

Zitat von Dostojewski
Er war für sein Alter unverhältnismäßig naiv und verstand so gut wie nichts vomvom wirklichen Leben; übrigens würde er, scheint mir, auch im Alter von vierzig Jahren nichts davon verstehen. Solche Menschen sind gleichsam zu ewiger Unmündigkeitverurteilt.


Wirklich seelisch hin – und hergerissen ist Natascha. Sie hat ein schlechtes Gewissen, weil sie ihre Eltern im Stich gelassen hat, und weil sie Wanja enttäuschen musste. Da Wanja ihr vergeben hat, wünscht Natascha sich, dass er zu ihren Eltern geht, damit diese sehen, Wanja habe vergeben, und Natascha darin ihre letzte Chance sieht, dass ihre Eltern ihr vergeben. Es ist eine Frage der Schuld, diejenigen, die sich schuldig fühlen, sind zerrissene Gestalten. Der dumme Aljoscha kann solch eine Dimension gar nicht erfassen,er ist viel zu naiv dazu.

Aber Taxine, was hältst du davon: Ist nicht Wanja selbst hier nicht so etwas wie ein Myschkin? Er hat das Herz der Vergebung (christliche Vergebung), ist die Selbstlosigkeit in Person; es wird gesagt, er habe „ein goldenes Herz". Seine christliche Nächstenliebe geht so weit, dass er die kranke Jelena von der unbarmherzigen brutalen Alkoholikerin entzieht, und sich selbst Jelena annimmt. Hier sehe ich die große Menschenliebe, die ich auch Dostojewski gerne unterstelle: Agape und Barmherzigkeit. Schon in den ersten Seiten des Romans, drückt Dostojewski dem Leser ans Herz. Dieses traurige Sterben von Herrn Smith und seinem Hund, so etwas berührt mich. Es ist auch gar nicht kitschig, sondern ganz ehrlich und realistisch erzählt. Solch ärmlische Menschen wird es in Petersburg wirklich gegeben haben ("Arme Leute"). Und noch mal auf Jelena zurückzukommen. Jelena ist noch ein Kind (13 Jahre alt). Von Fürst Myschkin wissen wir, dass er Kinder geliebt hat (wie auch Jesus).

Lange Rede kurzer Sinn: Bisher glaube ich daran, Wanja sei ein würdiger Vorläüfer von Fürst Myschkin.

Zitat von ascolto
ein Mensch im versuch um die Deutung des Wohlklang, dass sezieren des Herzen, hinter dem Verstand!


Ja, solch Figuren wie Wanja und Myschkin musst du lieben, nicht wahr? Mir geht es auch so.

Liebe Grüße
und mit Freude sich dem Roman ergeben

mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#41

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 10.02.2009 16:12
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Hallo Martinus,

ja, Wanja kommt nahe an Myschkin heran, aber nicht im Wesen selbst, sondern in seinen Handlungen. In Aljoscha und Katja versuchte Dostojewskij die erste Idee des "schönen Menschen" zu verwirklichen, die aber noch sehr unausgereift war. Die Figuren werden oberflächlich, dumm, insbesondere Aljoscha, der wird sogar richtig hässlich durch sein Verhalten. Man hat keinerlei Sympathie mit ihm, ganz im Gegenteil zu Wanja, den man sehr mag, selbst die beiden Alten in ihren Eigenwilligkeiten mag man, wie auch Jelena (oder Nelly) in ihrer verschreckten, stolzen Art. Der Fürst und Aljoscha sind zwar Gegensätze in ihrem Charakter, doch bewirken sie beide Unsympathie beim Leser. Man verachtet beide aus verschiedenen Beweggründen. Myschkin dagegen war wunderschön, Wanja stelle ich mir irgendwie anders vor, vielleicht, weil er Dostojewskijs Züge trägt, vielleicht, weil er nicht krank ist, sondern nur arm. Myschkin strahlte durch sein Wesen fast schon "göttlich". Beide sind Figuren, wie sich Dostojewskij den "guten Menschen" vorstellt, der nach seinem Herzen handelt, beide stellen sogar ihre eigene Liebe für die Frau zurück, damit sie glücklich ist. Meistens sind sie es nicht, weil sie unglücklich lieben. Es ist interessant, dass Dostojewskij "Die Beleidigten und Erniedrigten" schrieb und dann in der Wirklichkeit das Gleiche erlebte. Die Suslowa betrog Dostojewskij mit dem "heißblütigen Spanier", der sie daraufhin verließ. Dostojewskij reiste mit ihr nach Paris und versuchte sie vergeblich zurückzugewinnen. Sie aber rächte sich bei ihm für das Verhalten des Anderen. Es erscheint, als ob Dostojewskij sein eigenes Schicksal vorausgeschrieben hat und ebenso wie Wanja zu einer Randfigur im Spiel der Liebe, zum platonischen Freund wird. Ähnlich war es mit "Der Spieler", obwohl Dostojewskij zu der Zeit schon Roulette spielte. Doch die eigentliche Sucht, die der des Protagonisten im "Spieler" gleicht, trat dann später auf, als er schon mit Anna Grigorjewna verheiratet war, als er mit ihr ins Ausland fuhr, sie in Dresden sitzen ließ, nach Wiesbaden fuhr, mit der Ausrede, Geld heranschaffen zu wollen (indem er es gewinnen würde), während er dann alles verspielte, und Anna Grigorjewna schmerzlich feststellen musste, dass Dostojewskij nicht spielte, um zu gewinnen, sondern, um zu spielen. Im "Spieler" stellt Dostojewskij diesen Rausch gut dar.

Den Anfang des Romans "Die Erniedrigten und Beleidigten" mit dem Tod von Smith und seinem Hund Arsorka fand ich auch sehr bewegend, dieser Moment des Anstarrens, während man doch weiß, dass er aus bestimmten Gründen vor sich hinstarrt und niemanden tatsächlich damit verletzen will, und seine Reaktion, wie er sich sofort erhebt und gehen will... ach... das bleibt im Herzen des Lesers lange zurück. Das war sehr emontional und toll geschrieben.

Liebe Grüße
tAxine



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zuletzt bearbeitet 10.02.2009 16:23 | nach oben springen
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#42

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 20.10.2010 20:42
von Jatman1 • 1.090 Beiträge

Erst mal kurz zu Zypkin. Ich meine auch, dass das Buch überhaupt nur Sinn macht, wenn man im Leben von D. etwas Bescheid weiß. Außergewöhnlich ist in jedem Fall die Form. Aus einem Guß, jedoch ohne konfus oder unverständlich zu werden. War amüsant. Aber ansich hat es mich nicht begeistert.


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zuletzt bearbeitet 20.10.2010 21:09 | nach oben springen
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#43

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 20.10.2010 20:54
von Jatman1 • 1.090 Beiträge

Zitat von Taxine
da musste ich irgendwie kurz denken: Das ist gruselig.



Finde ich ebenso. Mehr noch. Ich habe keine Anmerkung finden können, die davon zu breichten weiß, dass er mit irgendeiner Frau harmonische, romantische hatte. Von der Idee von Zärtlichkeit oder Einfühlungsvermögen ganz zu schweigen und wie Du weiter anführst, die zweite Frau war blanke Zweckgemeinschaft. Sie hatte jemand zum bemitleiden und beschützen und er hatte eine Erfüllungsgehilfin.Ist ja nicht gegen zu sagen. Nur Liebe trifft es sicherlich nicht.

Zitat von Taxine
Dostojewskij ist nun sicherlich kein Verführungskünstler (irgendwie wirkt er auf mich sogar recht a-sexuell)


Dacore. Über jede gegenteilige Argumentation würde ich mich freuen.

Zitat von Taxine
dass sie bei der Übertragung aus dem stenograpischen Original bereits Änderungen vorgenommen hat.


Wer tut es nicht. Es stößt nur unangenhem auf, wenn man eben noch weiteres Wissen um ihre spezielle Form der Besorgtheit besitzt.

Was mir unklar ist: Zu Zeiten seines Spielens. Wie hat die Frau das ausgehalten. Warum hat sie das ausgehalten. Stärke? Verzweiflung? Schlichtheit?


www.dostojewski.eu
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#44

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 20.10.2010 20:59
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Zitat von Jatman1
Was mir unklar ist: Zu Zeiten seines Spielens. Wie hat die Frau das ausgehalten. Warum hat sie das ausgehalten. Stärke? Verzweiflung? Schlichtheit?



Er hat ihr eben große Versprechungen gemacht und ist immer alleine gefahren. Sie hat seine Unruhezustände zuvor wahrgenommen und es dann lieber geduldet, dass er fährt. Sie fühlten sich ja in Deutschland auch sehr alleine, sehnten sich nach Rußland. Bei den ersten Malen hat sie sicherlich gehofft, dass er gewinnt. Dann wurde sie eines Besseren belehrt.
Dass sie ihm trotzdem immer wieder Geld schickte, war ja nötig, da er immer behauptete, er bräuchte Fahrgeld. Dass er es verspielt, konnte sie zunächst nicht ahnen. Und als er es verspielte, musste sie notgedrungen noch einmal Geld schicken, damit er endlich wieder zu ihr und den Kindern zurückkehren konnte. (Ein Teufelskreis).

Hinzu kommt, dass er auch immer völlig zerstört zurückkam. Wie macht man jemandem Vorhaltungen, von dem man genau weiß, dass er weiß, was für einen Mist er gebaut hat?
Vielleicht hat sie es sogar ein bisschen genossen, wenn er sich kniend vor ihr entschuldigte und um Vergebung bat. Abstruse Macht-Spiele, die beide brauchten.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 20.10.2010 21:07 | nach oben springen
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#45

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 20.10.2010 21:28
von Jatman1 • 1.090 Beiträge

Zitat von Taxine
Er hat ihr eben große Versprechungen gemacht und ist immer alleine gefahren. Sie hat seine Unruhezustände zuvor wahrgenommen und es dann lieber . . . . .


Ansprechende Überlegung. Ihre Aussichtslosigkeit umgemünzt in Momente der Überlegenheit. Zumindest emotional eine ausgeglichene Konstellation. Kann man sich gut vorstellen, passt zu ihrem pragmatisch ausgerichteten Charakter. Und er hatte die Freiheit die er benötigte.


www.dostojewski.eu
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