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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#1

Ken Wilber

in Sachen gibt's - Sachbuch 05.02.2010 19:22
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Da wohl mehrere Leute sich (dank Roquairol) mit Wilber auseinandersetzen werden, dachte ich mir, fasse ich das Buch, das ich lese, hier einfach einmal nach und nach zusammen. (Vielleicht lässt sich später vergleichen oder einige Gedanken austauschen. Vielleicht wird mir dadurch auch einiges selbst noch viel klarer. )

Zu:
Eros, Kosmos, Logos

Zunächst: Was mir an Ken Wilber und seiner Schrift – der erste Teil einer noch folgenden Trilogie – gefällt, ist seine klare Darstellung, das Öffnen des Denkens auch für Gebiete und „Räume“, die sich gar nicht so einfach erklären lassen.
Ihm gelingt das Hinweisen auf die verschiedenen Sackgassen vieler Denker und ihrer Theorien, die er aber darum noch lange nicht alle verwirft, sondern sie als Ansätze befürwortet, ihnen lediglich den Wert einer einzigen Lösung abspricht.
Er zeigt anhand von Fakten und Beispielen, dass die Welt, das Sein, alles, um uns herum, sich nicht lediglich auf materielle Weise oder als ausschließlich innerliche Vorgänge erklären lassen. All das ist komplexer, der Blick gehört in viele Richtungen gerichtet, warum wir, als Mensch, auch die Fähigkeit haben, begreifen zu können, wenn auch nie das Gesamte, das Alles-Umfassende, das Absolute oder wie auch immer man es ins Wort, in einen Begriff fassen möchte. Es wird immer nur Teil von etwas sein, und das Gesamte ist schon darum nicht möglich zu begreifen, weil es kein Ende gibt, kein „das Alles“, kein Ganzes als letzte Instanz.

Um Wilber zu verstehen, muss man sich bewusst machen, dass alles Hierarchie, nichts ohne Hierarchie möglich ist. Jene, die von Heterarchien träumen und diese in ihren „Systemen“ und notwendigen Veränderungen sehen wollen, weil Hierarchie in ihren Augen immer „pathologisch“, mit Gewalt und Macht zu tun hat, wollen nicht verstehen, dass eine Entwicklung, egal auf welchem Gebiet, in welcher Beziehung, unter welchen Bedingung, immer eine Hierarchie ist.
Heterarchie ist nur auf einer Oberfläche, einer einzigen Ebene möglich, aber nichts besteht nur aus einer Ebene. Sobald Wachstum und Veränderung vorherrscht, herrscht eine positive (natürliche) Hierarchie. Nur deshalb kann man von einer höheren Entwicklung sprechen. Heterarchie ist dagegen ein „eindimensionales Flachland ohne Entwicklung“, es bedarf aber Hierarchien, die die Ebenen aufeinander abstimmen, auf das sie selbst höher steigen.

Unter beiden sich vor Augen geführten Bedingungen droht pathologisches Verhalten. Die Hierarchie kann zur Machtausnutzung und Unterdrückung führen, die Heterarchie zu einer so gleich getrimmten Einordnung, in der sich nichts mehr hervorhebt, sondern in dieser Gleichheit untergeht, sich angreifbar und lenkbar macht. In letzterer, pathologischer Situation findet einer seine Identität nur noch durch andere.
In einer pathologischen Hierarchie wiederum sieht sich der/das nicht mehr als Teil eines Ganzen, sondern nur noch als das Ganze, lehnt damit auch etwas über ihn hinausgehendes (das notwendig folgende größere Ganze) ab.
Grundsätzlich also muss natürliche Hierarchie (= Höherentwicklung, Wachstum) vorherrschen.

Deutlicher wird es am Beispiel des Wertens: Jeder Mensch wertet. Hier gibt es keinerlei heterarchischen Ansatz. Es gibt immer Dinge, die höher oder niedriger eingeschätzt werden. Der eine Mensch erhebt Egoismus zum einzigen Trieb, der andere stellt die Liebe zum Menschen z. B. über das Leben eines einfachen Miteinanders. Letzteres ist ein guter und menschlicher Ansatz (betrachtet man den Inhalt des Gewerteten), jedoch wird aufgrund des Inhalts oft nicht erkannt, dass auch hier gewertet wurde. Er hält sein Werturteil der Liebe für höher. Selbst im Gedanken, nicht urteilen zu wollen, liegt ein Wert. Eine getroffene Entscheidung ist Erhebung über andere Möglichkeiten.

Darum ist es z. B. auch völlig unsinnig, mit dem Moralisieren alles Bestehende als schlecht abzutun oder ausschließen zu wollen, denn eine Ebene vergrößert sich nur, wenn sie die gewesene absorbiert und in sich aufnimmt, um darüber hinaus weiter heranwachsen zu können, sich weiterzuentwickeln. (Bei einer Heterarchie z. B. würden die einzelnen Faktoren nur Haufen bilden, könnte sich nicht vergrößern, nicht wachsen.) Wilber warnt davor, den Blick auf die Dinge zu begrenzen oder Thesen aufzustellen, ohne die eigene Wertung dabei erkennen zu wollen, die dadurch trotzdem elitär sind, sich selbst aus der geforderten Heterarchie zur Hierarchie gestalten. Aussagen werden immer nur in einer Ebene gemacht und als „wahr“ anerkannt. In der nächsten Ebene sind sie schon wieder zu hinterfragen.

Ebenen sind damit Holons, Teil/Ganze, verbundene Ebenen.

Für Wilber besteht alles aus Holons. Holons sind Ganze, die Teil eines nächsten, übergeordneten Ganzen sind. Sie sind damit Teil/Ganze, da ein für sich stehendes Ganzes nie tatsächlich ganz sein kann, da es immernoch Teil eines weiteren Ganzen ist. Dieses wird nun als Holon bezeichnet, um das auch Relativierte mit einzubeziehen.

Betrachtet man das Holon als eine Ebene, so zeigt sich, dass je tiefer mehrere Ebenen übereinanderlagern, ihre Oberflächenstruktur abnimmt.

Ein Holon kann sich
1) (Agenz) selbst erhalten (Bsp. Wasserstoffatom, das ein Wasserstoffatom bleibt)
2) (Kommunion) sich anpassen (Bsp. ein Elektron reagiert auf die Anzahl aller Elektronen im Raum, wird Teil des Ganzen)
3) (Transzendenz) transformieren, damit verändern (Bsp. zwei Wasserstoffatome und ein Sauerstoffatom verschmelzen und ergeben etwas Neues – Wasser, Ganze kommen zusammen und bilden ein neues Ganzes.)
4) auflösen (damit rückfällig werden, Schritt für Schritt (in der Selbsttranszendenz) zurückschreiten, solange keine äußeren Einflüsse dazwischenkommen.


Das Kreuz des Holon: Selbsterhaltung und Anpassung horizontal gegenübergestellt, Transzendenz oder Auflösung vertikal gegenübergestellt.

Wichtig ist, dass Holons immer Holons von anderen sind, damit ein Kontext, der immer ein Kontext von einem Kontext von einem Kontext ist. Das bedeutet in unendlicher (Vor-)Nachfolge.
Dieses Holon nun ist sowohl ein Atom, sowohl ein Gedanke, sowohl ein Mensch, sowohl eine Kultur, sowohl ein Staat, sowohl die Natur, sowohl die Sterne… usw., begreift man es als Teil/Ganzes.
Dabei unterscheidet Wilber in höhere und niedrigere Holons. Aus den jeweils niedrigeren Ebenen entsteht eine komplexere, die mit der niedrigeren immernoch verbunden ist. Sie weist allerdings neue Merkmale auf, die zwar mit der niedrigeren übereinstimmen, umgekehrt aber nicht, was heißt: nicht jedes Merkmal der höheren ist auch in der niedrigen Ebene vorhanden (weil diese sich ja auch aus der niedrigeren entwickelt hat). So kann man sich die Form vielleicht auch besser klarmachen, dass je mehr Ebenen übereinander liegen, desto kleiner die Spanne, je mehr Tiefenstruktur, desto kleiner die Oberflächenstruktur ist. Gleichzeitig sind alle Ebenen miteinander verbunden.

Hier also sieht man die Physiosphäre (Materie) als niedrigeres Holon als die Biosphäre (Leben) als niedrigeres Holon als die Noosphäre (Geist). Gleichzeitig wird deutlich, dass sobald man die höhere Ebene vernichten würde, damit auch alle anderen höheren mit verschwinden würden, jedoch die niedrigere erhalten bleibt. Nicht umgekehrt.
Darum ist auch die Biosphäre ein niedrigeres Holon als der Mensch, damit grundlegender für den Kosmos, während der Mensch, als höheres Holon, weil komplexer, für den Kosmos bedeutender ist. Je niedriger ein Holon, desto grundlegender, weil es alle ihm höheren Holons mit vernichtet.
Hier spricht sich Wilber deutlich gegen die aus, die die Natur als absolut und bedeutungsvoller gegenüber dem Menschen sehen wollen, da sie immernoch ein niedrigeres Holon als der Mensch ist, jedoch nicht weniger grundlegend und wichtig für den Kosmos. Vernichtet man (sich) der Mensch, ist die Natur immernoch da. Aus ihr ist aber der Mensch als sich aus der Natur transzendierendes Holon (wesentlich komplexer) entstanden, warum seine Bedeutung für den Kosmos auch wichtiger ist. Er ist z. B. die Höherentwicklung des Primaten… usw. Höheres Säugetier entstand aus niedrigerem Säugertier, entstand aus Reptil, entstand aus Vielzeller, Einzeller und so weiter.


Für Wilber besteht auch das Gehirn aus drei Gehirnen – Reptilienhirn – niederes Säugtier – höheres Säugetier. Das darf man nicht so auffassen, als ob wir im Kopf drei Gehirne mit uns herumtragen, sondern erschließt sich aus dem Aufbau der Holons, der Ebenen, dass wir als höheres Säugertier automatisch auch die zwei anderen Ebenen (Gehirne) besitzen, da wir uns aus diesen entwickelt haben und darum immernoch mit den jeweilig unter uns liegenden Holons verbunden sind.

Wilber teilt das Sein, die Welt, damit jedes Holon in vier Quadrate. Rechts oben und unten sind die äußerlichen Merkmale und Beobachtungen (Strukturalismus), wo all das an Handlung, Verhalten und ähnlichem gewertet und gemessen wird, und Links oben und unten sind die innerlichen Reaktionen (Hermeneutik), wie Empfindung, Denken, Erfahrungen, Innenraum. Die oberen (rechten und linken) Quadrate sind jeweils die Individuellen (Ich und Es), die unteren (rechten und linken) die Sozialen (Wir und kulturelles Es).
Wilber macht gut deutlich, dass man nicht nur im Strukturalismus oder nur im Hermeneutischen das Sein erklären kann, denn für ihn vermischen sie sich nicht nur, sondern, wie schon erwähnt, birgt jedes Holon (bis ins kleinste Teil) alle vier quadratischen Ebenen, die auch alle mit einbezogen werden müssen. Man kann z. B. eine Gesellschaft nicht nur an ihren äußeren Merkmalen erklären, einen Menschen, nur anhand seines Verhaltens. Für das „innerliche Erfassen“ bedarf es Ehrlichkeit, Vertrauen, Aufmerksamkeit… usw. des Betrachters, ebenso Aufrichtigkeit des Menschen, der betrachtet wird. Alleine, was er sagt oder wie er reagiert, macht ihn noch nicht in seinem Gesamten aus.

Auch sieht Wilber das Bewusstsein nicht als inneren Raum, sondern als Tiefe, aus der sich alles ableitet.
„Weil das Bewusstsein Tiefe ist, kann man ihm keine Eigenschaften zuschreiben. Es ist Tiefe und nicht eine bestimmte, mit Eigenschaften ausgestattete Ebene der Tiefe wie Empfindung, Impuls, Wahrnehmung oder Intention: das sind Formen des Bewussteins, nicht Bewusstsein an sich.“

Daraus erschließt sich, dass es gleichgültig ist, wo man das Bewusstsein in der Zeit ansetzt oder in welchen Lebewesen es vorhanden ist oder ob es in Pflanzen vorhanden sein kann, da es sich hierbei nur um Formen des Bewusstseins handelt, aus Bewusstsein aber erst alles hervorgeht. Es reicht bis in die Tiefe, ist ohne Eigenschaften, ohne Qualitäten. Bewusstsein ist kein Ding oder Prozess, sondern eher, wie im Mahāyāna-Buddhismus, „reine Leere“, nach Wilbert dann eben reine Tiefe.

Da jedoch konkretes individuelles Bewusstsein selbstreflexiv an der Tiefe teilhat, vermag es die Leere zu realisieren.

Damit wird ebenso sichtbar, dass man bestimmte Dinge, wie z.B. das Unbewusste, nicht einfach abtun kann, dass weil ein Holon immer Kontext ist, nie etwas ganz erschlossen ist, sondern immer nur als Teil/Ganzes eines Teil/Ganzen eines Teil/Ganzen. Es ist damit den Menschen nur noch nicht gegenwärtig. Das Holon als Ganzes als Teil eines anderen Ganzes usw. Die erschlossenen Bereiche stoßen nie auf irgendwelche Grenzen, sondern grenzen sich selbst ein, da immer derjenige, der sich wissenschaftlich damit auseinandersetzt, seine Meinung und Ansicht als „höchstes Holon“ setzt, wo schon Foucault mit dem ganz guten Ausspruch: „Jede Wahrheit ist beliebig!“ später dann die Arroganz einer solchen Aussage erkennen musste, denn wenn jede Wahrheit beliebig ist, so auch die Wahrheit, die die Wahrheit als beliebig erkennen will.
Hier ließe sich höchstens im Sinne des Epimenides ein Paradoxon aufstellen:

Keine Wahrheit ist besser als die andere, auch diese nicht.

… was dann wiederum aber auch mehr Spielerei wäre.
Man kann das Gehirn nicht nur an seinen äußeren Merkmalen erklären, ebenso wenig die Welt und das Sein lediglich auf die Atome zurückführen, den Menschen nicht nur auf seine Libido. Jedes der bereits erschlossenen Gebiete trägt seinen Wahrheitsgehalt, seine wichtige Erkenntnis. Der Mensch ist auch (wie Freud sagt) durch die „Verdrängung“ seiner Libido bestimmt, das Gehirn auch anhand seiner Aktivität, Neurotransmitter, Synapsen, die Welt auch anhand seiner Atome zu erfassen (Reduktionismus), jedoch nicht ausschließlich. Daran lassen sich lediglich die äußerlichen Prozesse überschauen, doch wissen wir z. B. über die Struktur und Eigenschaft eines Gehirns noch lange nicht, warum sich ein bestimmter Gedanke oder ein bestimmtes Gefühl entwickelt (auch wenn reduktionistische Ansätze dieses gerne als einfache Gehirnaktivität erklären wollen, das sagt z. B. noch nichts über die Wirkung des Gedankens aus). Darum kann sich die rein wissenschaftliche Analyse äußerlicher Bedingungen auch immer nur in die völlige Ablehnung bzw. das Abtun mit Illusionen flüchten, da hier die Erklärung eben aufhört, sich nicht mehr materiell erfassen lässt. Die kognitiven Vorgänge bleiben unbeachtet.
Noch einmal zusammengefasst: Kein Holon existiert in einem der Quadrate, sondern alle vier Quadrate in jedem Holon, und alle Quadranten sind miteinander verflochten. Jedes Quadrat ist vom anderen abhängig, aber nicht auf jeweiliges reduzierbar.
Grob, die Welt (wie auch alles andere) lässt sich nicht nur anhand ihrer Bestandteile (Elemente) erklären und auch nicht nur anhand ihrer innerlichen Vorgänge. Wir haben keine eindimensionale Oberfläche vor uns, sondern eine drei- und mehrdimensionale. Ansonsten wird (die Pyramide des Lebendigen zum Gewebe des Lebendigen: Tiefe wird zu Spanne eingeebnet.)
(Und selbst wenn ein Holon also ist, die Welt ist, damit nicht in Gegensätze einteilbar ist, so ist z. B. Mitleid trotzdem immernoch besser als Mord, während man nicht sagen kann, dass Quarks besser als Photonen sind. An diesem Beispiel zeigt sich, was alles mitbeachtet werden muss. Auch darum ist alles miteinander verbunden.)

Wer also versuchen will, den Kósmos anhand von äußerer Spanne und empirischen Formen zu erklären, wird nur einen völlig wertentleerten Kosmos finden.

Oder mit den Worten Charles Taylor:

Zitat von Taylor
Finale Ursachen und die damit zusammenhängende Sicht des Universums als einer sinnhaltigen Ordnung qualitativ differenzierter Ebenen wichen zuerst dem Bild einer Welt von mathematischer Ordnung und schließlich dem modernen Bild einer Welt [quantitativer] Beziehungen, die durch empirische Beobachtung aufzuschlüsseln und dazustellen waren. (Hegel, S. 4)



Was ganz einfach betrachtet folgende wilber’sche Schlussfolgerung nach sich zieht, betrachtet man die Seiten der Quadrate linker und rechter Hand:

… da jedes Ereignis auf der linken Seite stets irgendeine Entsprechung auf der rechten hat, kann es in der Tat so aussehen, als könnte mit einer erschöpfenden Beschreibung der rechten Seite alles gesagt sein, was zu sagen ist. Aber der Rechte Weg kann den Kósmos nicht ausschöpfen, er registriert und vermisst nur die Spuren dessen, was wirklich vorgeht.

Einseitigkeit kann eben nie ganz erfassen, so sehr auch versucht wird, das so darzustellen.

Das einmal zu den ersten 180 Seiten.




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#2

RE: Ken Wilber

in Sachen gibt's - Sachbuch 06.02.2010 11:30
von Bea • 680 Beiträge

Muss ich noch gründlicher lesen, Danke! Mach mich mal schlau über Ken Wilber...




Der Bezug des Menschen zu Orten und durch Orte zu Räumen beruht im Wohnen. Bauen/ Wohnen/ Denken - Heidegger Martin

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#3

RE: Ken Wilber

in Sachen gibt's - Sachbuch 06.02.2010 13:39
von Bea • 680 Beiträge

Nun ja, dass sehe ich auch so!

Zitat
Für Wilber besteht auch das Gehirn aus drei Gehirnen – Reptilienhirn – niederes Säugtier – höheres Säugetier. Das darf man nicht so auffassen, als ob wir im Kopf drei Gehirne mit uns herumtragen, sondern erschließt sich aus dem Aufbau der Holons, der Ebenen, dass wir als höheres Säugertier automatisch auch die zwei anderen Ebenen (Gehirne) besitzen, da wir uns aus diesen entwickelt haben und darum immernoch mit den jeweilig unter uns liegenden Holons verbunden sind.



Nichts neues für mich, da ich das Buch von John J. Ratey - Das menschliche Gehirn/ Eine Gebrauchsanweisung gelesen habe.

Zitat
Für Wilber besteht alles aus Holons



Na ja, scheint halt s-eine Idee zu sein.

Zitat
Da jedoch konkretes individuelles Bewusstsein selbstreflexiv an der Tiefe teilhat, vermag es die Leere zu realisieren.



Diesen Satz finde ich interessant und daran arbeite ich ja auch. (Nietzsche - Wittgenstein)

Wird dieser Mann nun mit Wilbert oder Wilber geschrieben?

Interessant finde ich seine Ansichten, aber ich bleibe bei meinem Denken!




Der Bezug des Menschen zu Orten und durch Orte zu Räumen beruht im Wohnen. Bauen/ Wohnen/ Denken - Heidegger Martin

zuletzt bearbeitet 06.02.2010 13:52 | nach oben springen

#4

RE: Ken Wilber

in Sachen gibt's - Sachbuch 06.02.2010 13:59
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Hallo Bea,

erst einmal. Er heißt Wilber.
Seine drei-Gehirn-Version ist nicht neu, auch nicht durch ihn geprägt, sondern nach MacLean und Jantsch.

Auch das Holon ist nicht von Wilber, sondern wurde schon durch viele andere Wissenschaftler und Theoretiker geprägt.

Wilber orientiert sich an vielen Schriften und zeigt darin die Sackgassen auf oder die guten Ansätze. Auch stimmt er in vielen Ansichten mit Habermas überein, der viele Grundgedanken schon vor oder doch zumindest parallel zu ihm verfasst hat.

Diese von mir bereits hier festgehaltene Zusammenfassung ist ja nur die Einleitung, um zu verdeutlichen, worauf Wilber hinauswill. Gerade für diese Ausführlichkeit bin ich ihm dankbar, weil ihm wichtig ist, Mißverständnisse auszuräumen. Er möchte ja im Grunde auf das Bewusstsein eingehen, die Rolle der Spiritualität. Dafür bedarf es dieser Darstellung der vier Quadrate, die miteinander betrachtet werden müssen, ohne auf nur eine Fläche (zumeist die äußere Betrachtung) reduziert zu werden. Das Holon ist dabei wichtig, weil alles aus Holons besteht.

Im Moment widmet sich Wilber dem Geist, bei dem er aufzeigen möchte, dass er neutral, nicht männlich oder weiblich ist. Hoch interessant, nur bin ich noch nicht weit genug, um darüber an dieser Stelle reflektieren zu können.

Werde bald mehr dazu sagen können.

Liebe Grüße
Taxine




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zuletzt bearbeitet 06.02.2010 14:48 | nach oben springen

#5

RE: Ken Wilber

in Sachen gibt's - Sachbuch 06.02.2010 15:37
von ascolto • 1.289 Beiträge

Zitat von Taxine

Im Moment widmet sich Wilber dem Geist, bei dem er aufzeigen möchte, dass er neutral, nicht männlich oder weiblich ist. Hoch interessant, nur bin ich noch nicht weit genug, um darüber an dieser Stelle reflektieren zu können.



Keen Buddhismus....mehr... bitte.... (Beschrieben im Schatzhaus des höheren Wissen/Vasabandu 3 Jahrh.)

Grusl vom Mission A r


zuletzt bearbeitet 06.02.2010 15:38 | nach oben springen

#6

RE: Ken Wilber

in Sachen gibt's - Sachbuch 06.02.2010 15:41
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Erst müssen's Beweise heranbringen, dass das schon im Buche und Schatzhaus vorhanden ist. Sonst wird's ja fast wirklich Mission. Zu zerstören???


Ab in den Missionierungsordner.




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zuletzt bearbeitet 06.02.2010 15:46 | nach oben springen

#7

RE: Ken Wilber

in Sachen gibt's - Sachbuch 06.02.2010 15:58
von ascolto • 1.289 Beiträge

Vertrauens-Bruch....

aber wenn sui wüll..dann könnte man tja endlich.... aus den Vollen?


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#8

RE: Ken Wilber

in Sachen gibt's - Sachbuch 06.02.2010 16:10
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Werter Ascolto. Hier geht's nicht um Vertrauen, sondern um Sachlichkeit und Fakten.
Wer etwas zu Wilber zu sagen hat, darf das gerne tun, anhand von Beispielen, Textbezügen oder einer eigenen Ansicht.
Was sui machen, ist Scherz und Auflehnung, weil sui an anderer Stelle ein Beispiel uirer Person als Angriff genommen haben. Das lag nicht in meiner Absicht, denn sui wissen, ich schätze uire Ansichten über den Buddhismus. Wenn sui das immernoch falsch verstehen wollen, dann kann ich uinen nicht helfen. Dafür bedarf es kein "aus den Vollen". Es sei denn, es ist auf das Thema bezogen.

Nichts für ungut.
Und liebe Grüße
Taxine




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#9

RE: Ken Wilber

in Sachen gibt's - Sachbuch 06.02.2010 16:22
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Danke, liebe Taxine, für die tolle Zusammenfassung.
Ich habe nur eine kleine Ergänzung, denn es kam mir so vor (oder habe ich was überlesen?) als führtest du die Begriffe "Tiefe" und "Spanne" ein, ohne sie näher zu erläutern. Diese Unterscheidung ist aber sehr wichtig.

Jedes Holon besitzt Tiefe und Spanne. Grob gesagt ist Tiefe die Qualität und Spanne die Quantität. Was bedeutet das im einzelnen?

Ein Atom hat (gemäß der modernen Atomtheorie) zwei Unterebenen, damit besitzt es eine Tiefe von 3 (Grundebene + 2 Unterebenen = 3). Die Spanne hingegen, also die Zahl der Atome im Universum, ist eine riesengroße Zahl (zig Trillionen oder sowas ...).
Schließen sich Atome zu einem Molekül zusammen, entsteht dadurch ein neues Holon mit einer neuen Ebene: Dessen Tiefe ist also vier. Zwangsläufig gibt es im Universum aber mehr Atome als Moleküle. Das bedeutet: Die Spanne der Atome ist größer als die der Moleküle. Die Tiefe der Moleküle ist hingegen größer als die der Atome. Für Wilber ist dies ein allgemeines Gesetz:
"Jede weitere Stufe der Evolution erzeugt größere Tiefe und geringere Spanne."

Man muss diese Unterscheidung immer im Hinterkopf behalten, weil viele Denkfehler auf die Verwechslung von Tiefe und Spanne zurückzuführen sind.




Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
Facebook: http://www.facebook.com/people/Klaus-Mendler/1414151458
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#10

RE: Ken Wilber

in Sachen gibt's - Sachbuch 06.02.2010 16:42
von ascolto • 1.289 Beiträge

Werte Dame,

uich fühle mich nicht angegriffen und war nicht in meinem Gleichmut beeinträchtigt! Dennoch möchte ich sui um Verzeihung bitten das uich mich uin uihrem Threat über Ken Wilber vielleicht ein wenig über uihren Humor hinaus verewigt habe.

So, und zum Faktum: Ken Wilber Ansichten- oder Einsichten über den Geist sind in der Herzsutra, die wir schon einmal leicht gestreift, ergibig beschrieben? Mein Hinweis bezog sich auf die Vabashikalehrmeinung des Hinayanabuddhismus und die ist so umfangreich, was den Geist betrifft, das hierzu ein Semester des wahrhaften Studium wohl eher nicht ausreicht! Es erschöpft sich über mehrere Kapitel: Die Enstehung des Nicht-Körperhaften....
Aus dem Vollem, für mich eine Redensart...gemeint könnte in diesem eine Bereicherung: Aus; Die Gleichheit dessen was verschieden erscheint (Seite 224), Unterkapitel hierzu. Geist und Geistesfaktoren,Grundlagen-Besitzer, Beobachtungsobjekt-Besitzer, Träger der Ausprägung des Objektes.....

Und nochmals Entschuldigung.....

Grüßendes A


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#11

RE: Ken Wilber

in Sachen gibt's - Sachbuch 06.02.2010 18:40
von Bea • 680 Beiträge

Zitat
Hoch interessant, nur bin ich noch nicht weit genug, um darüber an dieser Stelle reflektieren zu können.



Für mich halt nicht...aber muss es ja auch nicht!? Interessant fand ich schon seine Gedankengänge, aber mehr muss ich nicht wissen, weiß der Deibel warum. Aber falls dich das Thema interessiert, ich lese fleißig mit.




Der Bezug des Menschen zu Orten und durch Orte zu Räumen beruht im Wohnen. Bauen/ Wohnen/ Denken - Heidegger Martin

zuletzt bearbeitet 06.02.2010 18:41 | nach oben springen

#12

RE: Ken Wilber

in Sachen gibt's - Sachbuch 06.02.2010 18:45
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Du liest also mit, obwohl es dich nicht interessiert ...
Okay, muss ich wohl nicht verstehen.




Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
Facebook: http://www.facebook.com/people/Klaus-Mendler/1414151458
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#13

RE: Ken Wilber

in Sachen gibt's - Sachbuch 06.02.2010 19:30
von Bea • 680 Beiträge

Es interssiert mich nicht wirklich, weil es eine Idee ist, mehr nicht..Aber interessant, aber sicherlich ohne Beweise - also kein Vorwärtskommen! -kann mich aber täuschen, da ich nur dieses hier über ihn gelesen habe und was unter Wikipedia steht. Mit diesem Holon wird er nicht weiter kommen und wieder zurück gehen im Denken, glaube ich...aber bin mir nicht sicher, deswegen meine Neugier! Nu verstanden!?




Der Bezug des Menschen zu Orten und durch Orte zu Räumen beruht im Wohnen. Bauen/ Wohnen/ Denken - Heidegger Martin

zuletzt bearbeitet 06.02.2010 19:30 | nach oben springen

#14

RE: Ken Wilber

in Sachen gibt's - Sachbuch 07.02.2010 13:43
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Zitat von Roquairol
Ich habe nur eine kleine Ergänzung, denn es kam mir so vor (oder habe ich was überlesen?) als führtest du die Begriffe "Tiefe" und "Spanne" ein, ohne sie näher zu erläutern. Diese Unterscheidung ist aber sehr wichtig.



Ja, vielen Dank, lieber Roquairol, für die Erläuterung. Die Tiefe und Spanne ist auch darum wichtig, weil Wilber daran verdeutlicht, dass jede Weiterentwicklung, jede Evolution, jede "Mutation des Bewusstseins" (Gebser) eben nicht gleichwertig ist, sondern sich in Tiefe und Spanne unterscheidet.


Zitat von Ascolto
Ken Wilber Ansichten- oder Einsichten über den Geist sind in der Herzsutra, die wir schon einmal leicht gestreift, ergibig beschrieben? Mein Hinweis bezog sich auf die Vabashikalehrmeinung des Hinayanabuddhismus und die ist so umfangreich, was den Geist betrifft, das hierzu ein Semester des wahrhaften Studium wohl eher nicht ausreicht! Es erschöpft sich über mehrere Kapitel: Die Enstehung des Nicht-Körperhaften....
Aus dem Vollem, für mich eine Redensart...gemeint könnte in diesem eine Bereicherung: Aus; Die Gleichheit dessen was verschieden erscheint (Seite 224), Unterkapitel hierzu. Geist und Geistesfaktoren,Grundlagen-Besitzer, Beobachtungsobjekt-Besitzer, Träger der Ausprägung des Objektes.....


Werter Ascolto,

das Weiblich/Männliche verfolgt Wilber erst einmal in ihrer Entwicklung, dass sich beide Geschlechter in ihrer Natur und ihrem Handeln, in Folge der Weiterentwicklungen, anpassen mussten, die Frau (später) ihre geistige Agenz, der Mann (früher) seine Vaterrolle entdeckte. (Werde dazu noch genaueres sagen.)

Wenn bei uinen "aus den Vollen" bedeutet, anhand buddhistischer Beispiele zu verdeutlichen, dann nur her damit. Der Vergleich wäre sehr aufschlussreich.

Liebe Grüße
Taxine




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zuletzt bearbeitet 24.08.2010 20:06 | nach oben springen

#15

RE: Ken Wilber

in Sachen gibt's - Sachbuch 07.02.2010 18:28
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Um zu verdeutlichen, dass wir in einer neuen, integral-aperspektivischen Phase (Schau-Logik) sind, geprägt durch oben bereits genannter “Mutation des Bewusstseins“ (nach Gebser), geht Wilber einige Schritte zurück, um sichtbar zu machen, wie sich das Religiöse, der Glaube an Gottheiten und Gott mit den verschiedenen Entwicklungsstufen der Stämme und Kulturen entwickelte. Er zeigt auf, dass der „sichtbare Stammesführer“ für eine sich entwickelnde und größer werdende Gemeinschaft zu einer weniger körperlich bedingten Identität wurde, der Glaube dazu notwendig war, um viele Menschen zu vereinen, ihnen das Gemeinsame über verschiedene Rassen, Gesellschaften und Staatlichkeiten hinaus zu implizieren.

Zitat von Wilber
Erst mit dem Übergang zu staatlich organisierten Gesellschaften übernehmen mythische Weltbilder auch die Legitimation von Herrschaftsordnungen (die bereits die konventionelle Stufe eines moralisierten Rechts voraussetzen).


Wo zunächst naive Einstellung und Magie (das nicht Erklärbare) vorherrschte, wurde dieses durch Mythos abgelöst. Bald danach bildete die Mannigfaltigkeit aller mythischen Erscheinungen eine Einheit. Diese drang zunächst nicht über die subtilen und transpersonalen Dimensionen hinaus, sondern blieb noch konkret und wörtlich in der Deutung (z. B. wurde angenommen, Moses hätte das Meer tatsächlich geteilt), bis schließlich hinterfragt wurde, Rationalität sich im Denken entwickelte (Selbsthinterfragung der eigenen Gedanken und Verhaltensmuster) und nach Gründen und Beweisen in Bezug auf den Glauben geforscht wurde.
Wilber betont, dass Rationalität nie trocken, abstrakt und gefühllos sei, sondern "tieferen Raum von Möglichkeiten schafft, in den tiefere und ausgreifende Gefühle fließen können."

Zitat von Wilber
Es trifft freilich zu, dass Rationalität, da sie einen relativ hohen Entwicklungsstand darstellt, ihre untergeordneten Holons, insbesondere Sexualität und Aggression, unterdrücken kann und dies, wenn es geschieht, zu pathologischen Entartungen führt. Diese Entgleisungsmöglichkeit hat der Rationalität ihren schlechten Namen eingetragen, aber sie ist alles in allem beileibe nicht so schlecht wie ihr Name.


Darum ersetzt Wilber das Wort „rational“ durch „vernünftig“.

Die auf einmal gestellten Fragen und Zweifel eines Plutarch, die Reaktion eines Sokrates, ließen erste Spuren der „heraufdämmernden Vernunft“ erkennen, aber

Zitat von Wilber
… die übrige Menschheit hingegen hatte es nicht so eilig mit dieser Transformation. Erst einmal wurden die traditionellen mythologischen Strukturen, als es zum Zusammenprall von Mythos und Vernunft kam, rationalisiert. Das heißt, die alten Mythen wurden mit rationalen Gründen abgestützt.


Viele Religionen sind darauf zurückzuführen.
Mit der Rationalität wurde sich der Mensch auch seiner selbst bewusst, seinem Platz in der Welt.
Aus Menschen wurden Völker mit gleichen Zugehörigkeitsrechten, die sich auch auf Frau, Sklave und Kind erstreckten.

Wilber hat sich erstaunlich viel mit dem Feminismus auseinandergesetzt, sowohl mit den liberalem wie auch dem radikalen. Ersterer behauptet, dass männliches und weibliches Vermögen und Kräfte im Grunde gleichwertig sind, letzterer behauptet, Männer seien hyperautonom, individualistisch, etwas machtbesessen (agenz-orientiert), Frauen mehr auf Beziehung und das Hegende angelegt (kommunion-orientiert), die radikalen Feministinnen befürworten weiterhin die Verbundenheit mit Frau, Natur und Körper, während die liberalen Feministinnen diese Zuweisung ablehnen, weil gerade dieser Vergleich die Unterdrückung gefördert hätte, die Frau damit auf ihre Natur reduziert wurde.

Wilber betont, dass die Frau immer schon ihre Geistigkeit und Intelligenz besaß und sich durch den Vorwurf der Unterdrückung zum dummen Schaf degradiert, sich damit selbst schadet. Er behauptet, die Frau hatte zuvor in ihrer Position nicht nötig, sich geistig hervorzutun, da sie andere Aufgaben übernahm. Weil Noosphäre und Biosphäre nicht wirklich differenziert waren, war auch kein Feminismus möglich, weil es noch nicht genügend Evolution gab. Ebenso hat sich viel früher der Mann an die neue Rolle des Vaters anpassen müssen.

Im Zeitalter der Fortschritte wurden z. B. viele Erneuerungen eingeführt, so dass die Rollen immer mehr zusammenwuchsen und sich neu verteilten. Natürlich gab es Unterdrückung und Unterjochung, doch sollte man sie nicht aus den heutigen Bewusstseinsstrukturen betrachten. So zeigt sich, dass Frauen nicht schwach und ahnungslos, Männer keine unsensiblen Rüpel waren. Wilber betont dabei (nicht umsonst): … „jedenfalls nicht über das natürliche und normale Maß hinaus.“, denn ich finde, dass der Frau durchaus "begrenzt" wurde, ihr eine Weiterentwicklung, aus welchen Gründen der Kleinhaltung auch immer (ich meine, ob nun durch sie selbst oder den Mann oder gesellschaftliche Umstände), gar nicht erst möglich war, da ihr von vorneherein die Mittel dazu fehlten. (Wie soll sich jemand, der klein gehalten wird, auch selbst hinterfragen, geschweige denn ihre Rolle, wenn sie sie als völlig normal ansieht?) Sicherlich spielt das im Endeffekt, betrachtet man das Heute, keine Rolle mehr, wenn Ökofeministinnen zum Beispiel darauf insistieren, dass eine Gleichheit möglich hätte sein können, denn es war nun einmal keine gesellschaftsbedingte Notwendigkeit. Gleichzeitig erkennt Wilber darin die Emergenz und die daraus folgende Bedingung, dass mit der Entwicklung sich die Biosphäre von der Noosphäre differenzierte, der Frau eine geistige Agenz möglich wurde, aufgrund der technischen Neuerungen und Erleichterungen. Mann und Frau mussten sich wieder umorientieren, standen sich nun gleichberechtigt im Agenzverhalten gegenüber.

Wie die Kulturen sich vom magisch/mythischen Glauben zum rationalen Glauben zum rationalen Denken entwickelt haben, genauer, von der präkonventionellen (magischen) über die konventionelle (mystische) zur postkonventionellen (rationalen) Stufe, entwickelt sich auch ein Kleinkind, woraus sich dann auch Wilbers kognitive Landkarte ergibt. Dazu aber später.

Weltsicht, Welt-Raum und Schau-Logik nennt Wilber „existentiell“ und „zentaurisch“.
Der Zentaur ist jenes mythische Fabelwesen, halb Mensch, halb Pferd, das ich (…) als Symbol für die Integration von Körper und Geist, Biosphäre und Noosphäre benutze.

Wilber geht also davon aus, dass sich das Bewusstsein beständig weiterentwickelt, wie auch alles andere, nur in verschiedener Schnelligkeit und mit unterschiedlichen Tiefen. Während die Evolution viel eher mäandert, emergiert der Geist in immer andere Tiefen, von der Differenzierung wieder zurück zum Körper, der Geist lernt den Geist betrachten, eine Schau-Logik ganz im Sinne einer Vernunft nach Hegel, der das Kennzeichnende dieser darin sah, dass sie Gegensätze vereinigte und die Einheit in der Differenz erkennen kann.

Zitat von Wilber
Die Schau-Logik ist also nicht der Versuch der systematischen Gesamtschau, sondern er stellt die Identität in der Differenz, die eingehende Vernunft heraus. Schau-Logik ist ein höheres Holon, das mit seinen untergeordneten Holons (etwa der einfachen Rationalität) operiert un sie darin transzendiert. So kann Schau-Logik auch Widersprüche umfangen, Gegensätzliches vereinigen, sie ist dialektisch und nichtlinear, und sie verknüpft scheinbar unvereinigte Dinge, solange sie nur in dem neuen und höheren Holon zueinander in Beziehung stehen, indem es ihre Partikularität negiert, das von ihnen eingebrachte Positive jedoch bewahrt.



Und mit der Entwicklung des Bewusstseins entsteht noch lange keine Gleichheit.
Wenn alle Perspektiven zusammenhängen und keine als endgültig gelten kann, heißt das noch lange nicht, dass sie alle gleichwertig sind.
Diesen Vorwurf macht er den Poststrukturalisten, die die Gleichstellung aller Perspektiven erkennen wollen, jedoch durch ihre eigene, nicht weniger privilegierte Perspektive.
Körper und Geist werden durch das zentaurische Bewusstsein zu einer neuen Transparenz verknüpft, als eine „Auferstehung des Körpers“, ein Annehmen der Körperlichkeit, ein „Urvertrauen in die Körperlichkeit – transparenter Körper-Geist“:
Auch räumt Wilber (und andere Denker mit ihm) ein, dass jede Emergenz genauso viele Pathologien hervorbringen kann, jede Weiterentwicklungen auch neue Fehler und Ängste entstehen lässt, jede Evolution einen falschen Verlauf nehmen kann und damit nie ganz vorhersehbar ist. Sie lässt sich höchstens rekonstruieren.
Das ist wichtig zu wissen, denn Wilber nimmt sich nicht, wie viele andere Wissenschaftler und Philosophen, heraus, von einem "wahren Ende" zu reden, damit die absolute Entwicklung oder Erfüllung der Vorhersagen. Alles bleibt nur Möglichkeit, da alles im Kontext steht.
Er sagt:
Wie immer: Wir müssen die Zukunft, die uns gegeben ist, erst herstellen.

Aus diesen Voraussetzungen der Schau-Logik und Hervorbringung einer Weltkultur wird sich auch eine daran angepasste, neue Religion entwickeln, während alle anderen keinen Zugang mehr ermöglichen, eine bestehen könnende im Computerzeitalter der Ströme, Virtualität, Netzverbindung.
Er erklärt:

Zitat von Wilber
Die „großen Weltreligionen“ (Hinduismus, Buddhismus, Christentum, Islam etc.), die heute noch existieren, bildeten sich alles in allem im Raum des mythischen Imperialismus und besitzen heute noch Oberflächenstrukturen (und eine Ethik), die zwei technologische Hauptepochen hinter der Zeit zurück sind. Keine dieser Religionen (und die früheren Stammesreligionen erst recht nicht) ging aus einer globalen Kultur hervor, und deshalb wird keine dieser Religionen die im Entstehen begriffene Weltkultur ansprechen (mögen ihre jeweiligen spirituellen Praktiken auch bedeutsam bleiben).
Wenn eine globale Kultur entsteht und ihre Oberflächenstrukturen zum Bestandteil einer gemeinsamen Sprache werden, so wird die neue Religion (oder die neuen Religionen) aus dieser globalen Kultur hervorgehen; sie wird diese globale Sprache sprechen, sie wird innerhalb dieses Diskurses agieren, aber auch über ihn hinausweisen. Die Zeit, da eine Religion in neues Territorium vordringen und es durch Gewalt (z. B. Christentum) oder Glaubwürdigkeit und echte Überzeugungskraft (z. B. Buddhismus) bekehren konnte, ist längst vorbei. Dass die neue(n) Religion(en) in den früheren verwurzelt sein werden, bezweifle ich nicht; dass sie einfach aus einer von ihnen hervorgehen werden, glaube ich nicht.
(…)
Die großen Weltreligionen bildeten sich innerhalb des mythischen und mythisch-rationalen Weltbilds und auf der technisch-ökonomischen Basis von Zugehörigkeit, Reichtum und den Zugang zum Göttlichen. Das Moralbewusstsein solcher Religionen äußerte und äußert sich häufig in Oberflächenstrukturen, die in der heutigen Welt kaum noch nachzuvollziehen sind: Iß kein Schweinefleisch, iß nicht mit der rechten Hand, schlaf nicht auf Wolle, laß keine Frauen in den Tempel…
Auch diese Religionen gingen natürlich in ihren esoterischen oder mystischen Strömungen über solche exoterischen Formen hinaus, aber sie konnten doch nie so recht aus ihrer Haut. Von den alten Ackerbaugesellschaften zur Moderne und von der Moderne zur Postmoderne: so weit können die überlieferten kontemplativen Ansätze sich ganz einfach nicht strecken (und zu schwierig ist es auch, sich des nicht mehr Brauchbaren und zu Ballast Gewordenen auf organische Weise zu entledigen.



All das – sowohl der nicht mehr für alle Menschen (in ihrer beständigen Weiterentwicklung) mögliche Zugang, das Unzeitgemäße solcher Ur-Strömungen - hat heute in eine New-Age-Vermischung geführt, mit immer neuen, nicht mehr erklärbaren, einfach oberflächlich reduzierten Weisheiten, die jeden Skeptiker nicht erreichen, jeden dafür offenen Menschen nicht befriedigen. All das ist ein zu grob vermischtes und zu vielfältiges Stimmen- und Glaubenschaos.

Zitat von Wilber
Deshalb wissen die allermeisten dieser Bewegungen nicht, wie sie sich des rationalen Weltbilds bedienen sollen, um es zu transzendieren, also zu negieren und einzubeziehen. Stattdessen regredieren sie nur allzu oft auf die Stufe des mythischen Imperialismus oder gar der Stammes-Magie. Alles dreht sich hier um Selbstverwirklichung, aber diese Selbstverwirklichung gerät immer wieder zu einem magischen Narzissmus, der zwar zu einer Mythologie der Welterneuerung aufgebaut wird, aber seine imperialistische Stoßrichtung kaum verheimlichen kann.



Echte Spiritualität, so Wilber, ist kein Produkt der Vergangenheit (kein Archetyp), jedoch die großen, spirituellen Gestalten in Ost und West, Buddha, Christus, Krishna, von al-Hallāj bis Yeshe Tsogyal, von Huineng bis Hildegard sind keine Mystiker der Vergangenheit, sondern ihrer Zeit und auch unserer immernoch voraus.

Sie sind keine Gestalten der Vergangenheit, sondern der Zukunft.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 08.02.2010 12:57 | nach oben springen


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