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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#16

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 27.06.2010 13:51
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Eindrücke von St. Petersburg
Teil 3


(Vorplatz der Eremitage)

9.
Der klaftertiefen Metro entstiegen, stehe ich gleich darauf auf dem Newski Prospekt und begaffe diesen in der Literatur so häufig beschriebenen Platz. Hier ist alles gemacht und gepflegt, restauriert und für das Auge bereinigt. Man gerät fast zugleich in den Strom der Menge, der zügig voranrückt.

(Nähe Metro, Newski Prospekt)

Schräg vor mir ist das Dom Kniga, ein übergroßes, uraltes Büchergeschäft. Blickt man nach rechts, sieht man die Blutskirche in ihrem ganzen Glanz, ein Ort, wo das Attentat auf den Zaren verübt wurde, so dass als Dank für sein Überleben die Kirche errichtet wurde. Innen sind unzählige, kunstvolle Mosaike, die sich über jegliche Wände und Höhen und Decken erstrecken. Prachtvoll und gleichzeitig so modern bunt, da alle Farben und Zerstörungen wieder restauriert und ausgebessert wurden. Auf Fotografien kann man die Kriegshinterlassenschaft betrachten, als diese Kirche fast in ihren Ruinen lag. Die Fliesen zertrümmert, Holzbalken, die kreuz und quer über dem Boden im völligen Durcheinander liegen. Zerschmetterte Fenster. Oh schönste Glaskunst. Eine Bombe, die nicht hochgegangen ist, die als zerfressenes Metall von Staub bedeckt aus dem Stein ragt. Nichts davon ist mehr zu erkennen.
Mitten in dieser bunten Vielfalt der Heiligenbilder sieht man ein abgezäuntes Stück Straßenpflaster, welches natürlich genau dem Fleck entspricht, wo der Zar in seinem Blut lag. Die Kirche wurde, irgendwie makaber, um diese Fast-Todesstelle herum errichtet, gespendet durch den Dankbaren für Gott und Mensch.

(Ansicht Blutskirche, direkt am Newski Prospekt, in der Nähe der Metro)




(Das Innere der Blutskirche)

Von hier aus treibt es mich natürlich sofort zur Eremitage. Man läuft eine Weile und biegt dann rechts ab, gerät in einen Innenhof und durch eine Art Triumphbogen auf den Vorplatz des Winterpalastes.



(Alexandersäule, die Eremitage befindet sich linker Hand)

Direkt in exakter Achse zum Triumphbogen, sobald man ihn durchschritten hat, erhebt sich die Alexandersäule, wie man es in vielen, weltweiten Städten beobachten kann. Erblickt man einen Triumphbogen, ein Tor oder ähnliches, ist nicht weit davon entfernt ein Obelisk oder eine sehr hohe Säule zu finden.
Tiefgreifende Symbolik von männlich-weiblichem Charakter mit gegensätzlich aufeinander wirkenden Energien eines, wollte man den leicht abweichenden Vergleich dennoch wagen, Yin und Yang Verhaltens.
Die Alexandersäule schmückt genau in der Mitte den Vorplatz des Winterpalastes, wurde nach dem Sieg der Russen gegen das napoleonische Frankreich erbaut. Ein Meisterwerk der Architektur, wie so vieles in dieser Stadt. Auf der Säule befindet sich ein Engel, der Züge von Alexander dem Ersten trägt und ein Kreuz zum Himmel erhebt. Fast wäre aus dem reinen Engelsgesicht zu gewissen Zeiten das Stalins geworden, zum Glück kamen diese Pläne nie zur Durchführung.

Ich habe ein erstaunliches Glück, da in der Eremitage gerade eine Picasso-Ausstellung stattfindet, die sich über mehrere Ebenen und Räume erstreckt.

Wenn z. B. im Ludwig Museum oder noch besser (ist natürlich kein wirklicher Vergleich) im Wallraf-Richartz-Museum eine Ausstellung der Impressionisten stattfindet, dann werden die im festen Bestand enthaltenen Bilder nach unten in die Ausstellung geholt. Die St. Petersburger haben das nicht nötig. Während die Picassobilder an etlichen Wänden, in mehreren Räumen hängen, darunter die blaue Periode, das Bild seiner Frau Olga, seine kubistischen Phasen, alle Bilder von einem einzigen Sammler entliehen, so besitzt das Museum natürlich auch noch zwei weitere Räume, mit festem und unangetastetem Bildbestand, die man nach all den gekeuchten Durchgängen dann noch zusätzlich bewundern kann.
Auch er hängt hier, wie selbstverständlich:


(Matisse)

… wobei mich die Größe, wie damals in Paris bei Monet, wirklich erstaunt hat. Man kann sich unter bestimmten Maßangaben dann doch keine genaue Vorstellung machen und steht völlig überwältigt vor riesiger Leinwand.
Die Räume, in denen die Moderne hängt, sind eher leer. Die, die vertreten sind, findet man „raumweise“, nicht „bildweise“. Von Renoir bis Sisley, Cezanne und Gauguin.

(Raum voller Gauguins)

Zuvor spazierte ich durch die verschiedenen Epochen, durch russische, flämische, niederländische, spanische, italienische Kunst. Vor Ribera und Murillo fiel ich fast auf die Knie. Diese Größe und Genauigkeit. Dieses so lebendige, weiße Fleisch. Auch ein Caravaggio war zu sehen – „Der Lautenspieler“.
Manche Bilder sind so gewaltig, dass man die eigene Nichtigkeit verspürt.

(Saal: Italienische Kunst – „Der Lautenspieler“ von Caravaggio, an der Tür orientiert und auf sie geblickt, ist das untere, zweite Bild links.)

All diese Säle ließ ich nur ungern hinter mich. Auch ohne die Bilder erstrahlten sie in ihrer Prächtigkeit, mit ihren kunstvollen Decken und schönen Böden. Die alten Meister sprachen mich fast noch mehr an als die Modernen, aber vielleicht auch nur, weil die Bewunderung für diese Art der Malerei keine Grenzen hat, man auf einem Bild so viel vorfindet wie auf zehn der folgenden Perioden. Geschichten über Geschichten. Die Bibel, vor uns ausgebreitet. Menschen, so lebendig, dass sie aus dem Bild zu springen scheinen. Später, im russischen Museum, wo ich auf die russischen Realisten treffe, wird mir durch den Schädel fahren, dass, hätten diese Meister die Welt erobert, die Fotografie vielleicht bis heute noch nicht existieren würde.

Gerade treffe ich auf einen neuen Raum - ohne Plan kann man sich in der Eremitage schnell verlaufen, sie erscheint mir so groß wie der Louvre, und wenn man leicht schusselig ist, gerät der Weg auch schon einmal ins Unbekannte – auf einen Raum also, in dem nach den ganzen Rodins noch eine Fotoserie von Picasso und über Picasso hängt, die ich Bild für Bild abschreite, als auf einmal das gesamte Licht abgeschaltet wird und man regelrecht im Dunklen steht. Jedes einzelne Bild ist für sich mit kleinen Lampen ausgeleuchtet, so dass unter diesen Umständen die Bilder auf einmal völlig schwarz und unkenntlich sind.
Schon schlurft aus dem Nebenraum ein Treiber (Aufseher) heran, fuchtelt mit seiner Taschenlampe und forderte alle auf, zügig die Räume Richtung Ausgang zu verlassen, da das Museum schließen würde. Es ist zehn Minuten vor der Zeit. Diese Barschheit, das Voranscheuchen, dass man sich in Finsternis vorsichtig vorantasten muss, durch die Räume läuft, ohne auch noch ein Bild im Vorbeigehen bewundern zu können, entspricht ebenso jener russischen Mentalität. Da wird nicht lange gefackelt, sondern deutlich sichtbar gemacht, dass das Museum sich mehr als genau an seine Öffnungszeiten hält.
Ich möchte nicht wissen, was passiert, wenn man aus Versehen einige Minuten länger bleibt oder sich in diesem Wert an Kunst verirrt, was bei der Anzahl der Treppen, Etagen und unzähligen Räume durchaus möglich ist. Mit dieser Methode jedenfalls können die Türen dann tatsächlich Punkt 18 Uhr verriegelt werden.


(Innenhof, wo man auch den Eingang ins Museum findet.)


(Seite der Eremitage, geradeaus geht es zur Newa.)

Auf dem Vorplatz, der sich endlos vor den Augen erstreckt, ebenso wie dieser riesige grüne Palast mit seinen Skulpturen und Verschnörkelungen, um den man herumgeht und schnellen Fußes mindestens eine halbe Stunde benötigt, stehen Kutschen und Menschen in Kostümen, die bekleidet mit den Prachtgewändern vergangener Zeit herumstolzieren. Man kann sich mit ihnen fotografieren lassen, gegen Aufpreis, das versteht sich von selbst. Die Kleider der holden Weiblichkeit sind wunderschön verziert.





Der Platz wird bereits vorbereitet, ein Konzert wird stattfinden, bis die weißen Nächte zu jener Nacht werden, in der sämtliche Schüler und Studenten von ganz St. Petersburg ihre Abschlüsse feiern, die Nacht zum Tage wird und die gesamte Stadt auf den Beinen ist, um das Schiff mit den roten Segeln zu bewundern.

10.
Was also sind die weißen Nächte genau? Man kann nicht sagen, dass die Nacht einfach trüb wird oder auf eine einzige als die Weiße reduziert werden kann. Mehrere Tage lang geht die Sonne ganz einfach nicht richtig unter, was bedeutet, dass man um 23 Uhr oder Mitternacht aus dem Fenster blickt und denkt, es wäre drei Uhr nachmittags. Das verwirrt natürlich, sowohl im eigenen Zeitgefühl als auch in der Müdigkeit. Taghell ist die Nacht, der Himmel blau, und der Schlaf lässt auf sich warten. Erst in den frühen Morgenstunden wird es leicht dunkel.

Ich habe überhaupt sehr wenig geschlafen. Wir waren zunächst zu viert in der Wohnung, meine Großmutter besitzt lediglich drei winzige Zimmer, so schliefen zwei in einem Zimmer, ein weiterer auf der Couch im Wohnzimmer und sie eben in ihrem Schlafzimmer, wo nicht selten bis zum frühen Morgen das Licht brennt, weil sie lange zu lesen pflegt. Das Bad und die Toilette sind auf zwei Räume aufgeteilt und unheimlich klein, dass man sich kaum drehen kann.
Doch die Wohnung samt ihrer Ereignisse unterliegt einem beständigen Wandel, denn die Russen sind feierfreudige Menschen, und wenn die Enkelin schon einmal zu Besuch ist, dann wird die gesamte Verwandtschaft, Bekanntschaft und Nachbarschaft eingeladen. Das bedeutet, die Zimmer werden neu zugeteilt, die Betten neu belegt, denn jene Bekannten und Verwandten kommen von weit her, reisen von Datschen und Vororten an und können nicht am selben Abend zurückfahren. Leicht kann es passieren, dass man eine Nacht lang das Bett teilen muss.
Das kostet schon einiges an Überwindung, gerade, wenn man sich an keinen erinnert, weil man selbst beim letzten Treffen mit der Bekanntschaft gerade einmal zehn Jahre alt war, von jedem unbekannterweise umarmt und geherzt wird, natürlich die obligatorischen Kind-Erwachsensein-Vergleiche über sich ergehen lassen muss. Dann wird gespeist und getrunken, und jeder sitzt am Tisch und referiert reihum einen Trinkspruch, die Leute haben viel zu sagen. Da fließt Dank und Gruß, Bewegtheit und Geschichte, auch so manches Gedicht über die Lippen, man umarmt sich erneut, und die Stimmung ist laut und ausgelassen, während am blauen Himmel gegen Mitternacht blaß der Mond zu sehen ist.
Die Gläser werden immer wieder neu mit jener klaren Flüssigkeit gefüllt, bis jemand den Selbstgebrannten hervorholt und versucht, die Leute zum Trinken zu nötigen, um herauszufinden, wie sein Gesöff wohl wirken mag, wobei es hier ratsam ist, sich schnell auf die Toilette oder auf den Balkon zurückzuziehen, während der Balkon die schlechtere Wahl ist, man dort umzingelt von Gerümpel und alten Säcken steht und irgendwie dann doch nicht richtig entkommt. Ablehnen aber ist unhöflich, genauso wie der totale Suff, es sei denn, sie versinken alle gleichzeitig darin. Dann holt einer die Gitarre hervor und zusammen werden russische Volkslieder in die helle Weite getragen, bis die Wangen von innen glühen, die bevorstehende Nacht der Enge keine Rolle mehr spielt, man Geschichten erzählt, sich mit Salaten, Bilischi, Pelmeni (die werden in vielen Cafés und Restaurants übrigens in kleinem Töpfchen serviert, mit einem Klecks Smetana (saure Sahne, die aber anders schmeckt als die, die wir kennen)), mit Krebsfleisch, roter Beete und Fisch vollstopft, um all das Flüssige irgendwie zu kompensieren, und der Blick allmählich glasig und schielend wird. Doch man kommt, ob man will oder nicht, kaum um diese Sitte herum, da wird immer wieder aufgetischt, wie wenig auch ansonsten da ist, die Leute sind fröhlich und zeigen, wer alles geheiratet, wer alles Kinder bekommen hat, kurz: wer sie sind. Bescheidene und trotz aller Widrigkeiten lebensfrohe Menschen, die man schnell ins Herz schließt und wenn man wieder fährt, lange zu kennen glaubt.

11.
Meine Großmutter besitzt wenig Geld, hat lange bis ins Alter gearbeitet und bezieht eine magere Rente, die für nichts ausreicht. So geht es vielen Russen, aber ich habe auch andere erlebt, Architekten, die einige Angestellte, ein schönes Auto und zwei Büros besitzen. Diese können es sich leisten, den Touristen herumzukutschieren und ihn mit Insider-Informationen zu versorgen. Armut aber ist immer sichtbar. Sie zeigt sich im Staub, in den Wänden, in den Gesichtern. In Gewohnheiten und sogar in Zähnen.
Bei meiner Großmutter ist die Bude zerfallen, auf die Stühle wagt man sich kaum zu setzen, die Schränke stehen zur Hälfte offen, da sie sich nach der langen Zeit im Gebrauch nicht mehr schließen lassen, das Geschirr ist bunt zusammengewürfelt und stark zerkratzt. Die Messer sind stumpf, wie lange man sie auch schärft. Der Teppich zerschlissen. Das Essen im Kühlschrank ist oftmals längst abgelaufen, wird aber (man wage es nicht) sicherlich nicht weggeschmissen. Ein Fremder benötigt hier einen doch eher robusten Magen (oder spüle gegebenenfalls mit Wodka).
Ich bewundere, wie geschickt diese Frau mit all dem zurechtkommt. Sie ist fast 87 Jahre alt und rennt schneller als ich, hat eben mal für acht Personen ein ganzes Essen bereit, kocht aus wenigen, manchmal befremdlichen Zutaten die schmackhaftesten Speisen und spielt Rommé bis tief in die Nacht.
Die Möbel, Betten und Zimmer sind allesamt kleine Ruinen für sich, doch sie besteht darauf, diese zu behalten, da in ihnen all das Andenken anderer Zeiten ruht, Erinnerungen an ihren verstorbenen Sohn und Mann, deren Tod nur eine Woche auseinander liegt. Unter der Couch, die keinerlei Bequemlichkeit bietet, wie auch sonst nichts im Raum, lagern Konserven und Gläser, deren Inhalt leicht obskur erscheint. So würde ich mich nicht wundern, wenn ich unter diesen gläsernen Gefäßen ein eingelegtes Embryo oder Augen entdecken sollte. Wer arm ist, muss sich zu helfen wissen, wie alt die Sachen sind oder um was es sich dabei genau handelt, könnte ich nicht sagen. In der ganzen Wohnung sind solche Gläser verteilt, und wenn etwas nicht mehr schmeckt, wird es als Schüssel auf den Balkon, der sich in der zweiten Etage befindet, für die Katzen und Vögel bereitgestellt, oder für anderes Getier, von dem man sich lieber keine Vorstellung macht. Einer der Bekannten, ein starker Trinker, der mit seiner Freundin angereist kam, die früher mit dem verstorbenen Sohn meiner Großmutter zusammen war, erzählte, er hätte vor dem Eingang eine Ratte gesehen, die so groß wie ein fetter Kater war. (Flüchtig glimmt der Gedanke auf, ob die Ratte vielleicht rosa war.)

Der Zusammenhalt dieser Menschen ist groß, auch wenn es immer Schwierigkeiten gibt. Obwohl keine Bindung zwischen der Frau und meiner Großmutter mehr bestehen müsste, kümmert sie sich, so gut sie kann, trotzdem um sie. Was einst war, wird nicht einfach gelöst. Nicht einmal, wenn jemand stirbt. Ihr neuer Lebensgefährte hat seine Macken, die nicht leicht zu verdauen sind. Der Suff zerstört die Menschen, hat sowohl den einen das Leben gekostet, wie dem anderen etwas vom Leben genommen. Er besitzt eine Einzimmerwohnung in Kirischi, und wenn er nichts zu trinken hat, dann wirft er sie manchmal einfach hinaus. Da reicht es schon, wenn sie nur anfragt, ob man den Fernseher leiser stellen könnte, der von Morgens bis Abends durch das Haus schallt.
Ich mag solche Leute nicht, aber eigentlich geht es mich auch nichts an. Sie wohnen ansonsten auf einem kleinen Grundstück, in einem Bauwagen, den sie um eine Etage aufgestockt haben. Wenn man dort auf das Plumskloh geht, trifft man auf eine schwarze Wand von Fliegen, dass so mancher Gast genötigt ist, sich stattdessen davonzustehlen und sein Geschäft irgendwo in der Wildnis zu erledigen.
Nun hat ausgerechnet der Sohn, der nicht von ihm, auch nicht vom Sohn meiner Großmutter, sondern von einem wiederum ganz anderen Mann stammt, eine Frau geschwängert, die wesentlich älter als er selbst ist. Nichts anderes als eine Heirat kommt in Frage. So teilen sie sich jetzt diesen Wohnwagen, der kaum für zwei Leute reicht, zu fünft, bis das Kind da ist, denn die wesentlich ältere Frau hat bereits einen Sohn im Teenageralter.
Die Wohnungsnot ist hier unbeschreiblich. Etliche der neu hochschießenden Gebäudekomplexe stehen leer, da sich kaum jemand die Miete leisten kann. Familien tauschen die kleinen, oftmals schäbigen Mietswohnungen untereinander aus. Wenn eine Tochter in einer anderen Stadt studieren will, dann wird bei Tanten und Onkeln nachgefragt, wo sie unterkommen kann. Viele haben zwei Jobs, um die immense Summe der Miete aufzubringen. Sich auf ein Grundstück oder jene Datschen zurückziehen zu können, ist schon ein Glücksfall.

Ich hatte viel Zeit, die Umstände, das Leben meiner Großmutter zu beobachten, Einblick in ihren Alltag zu erhalten. Diese Frau ist ein reines Phänomen, gerade wenn ich dagegen andere, gleichaltrige Frauen betrachte. Sie hat so vieles erlebt, gerade vor zweieinhalb Jahren eben jenen Überfall, wo der Einbrecher sie auch noch hochgehoben und gegen die Wand geworfen hat. Ich habe diesen einen Knochen gesehen, der aus ihrer Schulter bis durch das Kleid hindurch deutlich hervorsteht und sich anfühlt, als wäre er ein Fremdkörper. Er ist nach dem Einrenken irgendwann durch eine ungünstige oder zu schnelle Bewegung wieder aus dem Gelenk gesprungen. Kein Geld für Operationen. Kein Geld, um beraubt zu werden. Der Körper, obwohl so zerbrechlich, hält erstaunlich gut zusammen, doch der Schmerz muss unerträglich gewesen sein.
Sie aber kümmert das nicht. Sie grinst und zeigt ihre noch echten Zähne. Einige sind leicht abgebrochen, auch dafür ist kein Geld im Haus, was sie nicht bedrückt. Die Eitelkeiten legt man in Russland schnell ab, wenn es gilt, zu überleben. Manchmal könnte man meinen, sie hätte nur darum so gute Zähne, die so lange halten, weil sie keine Alternative hat.
Mein Großvater war da nicht ganz so gut bestückt. Er kam einmal dazu, als wir als Kinder jenes Spiel spielten, bei dem man auf bestimmte ärztliche Geräte tippen und sie dem richtigen Körperteil zuordnen muss und dann richtig oder falsch liegt. Als er uns sah, ließ er sich in den Sessel fallen, öffnete den Mund, forderte mich, die ich ein Plastikabhörgerät um den Hals trug, um das Spiel realistischer zu machen, auf, ihn zu untersuchen, ihm würde der Zahn wehtun, und nahm dann, ohne dass man es vorhersehen konnte, einfach sein Gebiss heraus. Danach lachte er lange über unseren Schreck.

Meine Großmutter ist durch ihr Leben geprägt recht knauserig geworden und lässt sich wenig schenken oder kaum helfen. Wenn man eine Wurstsorte (irgendeine russische, recht schmackhafte Salami) kauft, die sich um fünfzig Cent von der Sorte unterscheidet, die sie sich sonst alle drei Monate in gezählten Stücken gönnt, dann wird sie ungemütlich und erklärt, man würde prassen. Man kann sie auch nicht austricksen, denn sie kennt alle Preise. Das ist in vielen Situationen so, z. B., wenn man überlegt, weil man wenig Zeit hat, ein Taxi zu rufen, statt auf Bus und Bahn zurückzugreifen. Dann schüttelt sie erbost den Kopf und nennt die zahlreichen Busnummern, die alle in die gewünschte Richtung fahren, und man kann es irgendwo verstehen.
Gerade hier, im Vergleich, erkennt man, dass die eigene Anspruchslosigkeit immernoch reich und sättigend ist, und man solche Art an Hunger oder wirklicher Armut überhaupt nicht kennt.

Vor einigen Jahren schenkten ihr Verwandte einen neuen Fernseher, vielleicht, ohne groß nachzudenken, denn ich kann mir nur zu gut vorstellen, wie sie vor diesem unnötigen Gerät steht und das Geld in Essen umrechnet. Dieser Flachbildschirm wirkt regelrecht fehl am Platz, abstrakt und nicht ins Bild passend. Die Tapeten sind graubraun, die roten Teppiche längst von der Wand genommen, der Tisch und Rest spärlich.
Sie guckt natürlich Fernsehen, besonders gerne Sport. Auch die WM wurde trotz der Nichtteilnahme der Russen übertragen, die Spiele sogar wiederholt, so dass man sie nachts noch einmal sehen konnte. Mich wunderte allerdings die Art, wie die Russen Filme gucken. Da wird nicht synchronisiert, auch nicht mit Untertiteln gearbeitet. Man sieht einen Schauspieler und eine Schauspielerin, die sich unterhalten, und eine Stimme übersetzt einfach das von beiden Gesagte, während die echten Stimmen dahinter immernoch leicht verzögert zu hören sind. Ich hätte das kaum mitbekommen, da der Fernseher nur nebenbei lief, wenn nicht auf einmal die Frau in dem Film mit männlicher Stimme gesprochen hätte.

Die andere Wand des Wohnzimmers schmückt ein reichhaltiges Regal voller Konvolute von Dostojewskij, Tschechow, Leskow, Tolstoi, Gogol, Bulgakow, Veresaev, aber auch Jack London und Remarque. Diesen liebt sie. Sie liest ihn immer, wenn sie sich traurig fühlt, besonders gerne „Drei Kameraden“, und wenn dann die Tränengewalt aufgrund der tragischen Geschichte hervorbricht, fühlt sie sich wieder besser. Ein Selbstreinigungsprozess.
Sie hat mir Fotografien gezeigt, als sie zwanzig Jahre alt war und studierte. Dort deutete sie auf mehrere Männer, die ihr den Hof gemacht haben. Die Aufopferungsbereitschaft und Sorge meines Großvaters, der sich bei ihrer Freundin ständig erkundigte, wie es ihr ginge, als sie eine Woche krank war, war dann wohl der ausschlaggebende Grund, diesen jungen Mann näher zu betrachten, um ihn dann schließlich zu heiraten, zu lieben und viele Jahrzehnte mit ihm zu leben. Für mich sind diese Erinnerungen berauschend, sowohl die ihren, als auch die meinen, das Kind, das ich einst war, als ich in diesen Räumen verkehrte und dort alles viel größer wirkte, wie es immer ist.
Ich betrachte ihr Gesicht und finde darin einen Ausdruck, der in Marmor gegossen oder gemalt gehört. Und an der Wand in der Küche hängt immernoch das uralte Radio, das ich bis heute nicht vergessen habe.

(Morgen folgt Teil 4)

Liebe Grüße
Taxine

Angefügte Bilder:
erm_vorplatz1.jpg
inn_metro.jpg
inn_blutskirche0.jpg
inn_blutskirche1_kl.jpg
inn_blutskirche2_kl.jpg
blutskirche_innen.jpg
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erm_picasso.jpg
erm_picasso_1.jpg



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 19.10.2010 16:55 | nach oben springen

#17

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 27.06.2010 14:15
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo,

die Schikane von Behörden, erscheint mir um ein vielfaches dramatischer, wie es im europäischen Ostblock, in Ungarn oder Rumänien, war. Das was jetzt noch in St. Petersburg zu erleben ist, vielleicht noch Restbestände des Sozialismus? Zu den Alkoholikern: Da lese man "Minus" von Roman Sencin. Auf jeder Buchseite Schnaps - Ausdruck eines Stillstandes in Lethargie. Die Behördenschikane, drückt das nicht dasselbe aus? - Depression, Unzufriedenheit eines ganzen Landes, ein Land ohne Zukunft? Man wünscht sich an dieser Stelle, dass die Menschen vom Schnaps und urinierten Getsank wegkommen.

Ich war mal in einem Hochhaus in Rumänien. Ublich dort, Wasser in der Badewanne zu sammeln, weil Wasserleitungen oft nicht funktionierten. Dann bin ich dort mal in einer Schule gewesen: Völlig verdrecktes Klo mit Steinfußboden (inzwischen ist die Schule aber renoviert), im öffentlichen Theater dasselbe, verdrecktes Örtchen. Dann wurde dort Fanta verkauft, die keine echte Fanta ist, sondern ein gefälschtes Produkt, was meinen Darm in übler Weise geärgert hat.

Da macht man schon was mit, im Osten.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 27.06.2010 14:16 | nach oben springen

#18

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 27.06.2010 14:27
von LX.C • 2.687 Beiträge

Zitat von Martinus
vielleicht noch Restbestände des Sozialismus?



Ich würde eher mutmaßen, Zeichen eines Verfolgungswahns, der sich tief in die russische Seele eingeprägt hat. Und auch Anzeichen einer neuen diktatorischen Herrschaft.


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#19

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 27.06.2010 14:31
von LX.C • 2.687 Beiträge

Zitat von Taxine
Die Eremitage liegt direkt in St. Petersburg und hat eine grüne Front.



Ach, jetzt erkenne ich den Unterschied. Sehen irgendwie ziemlich ähnlich aus und das Grün aus der Ferne wie das Cyan des Palastes.


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#20

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 27.06.2010 14:40
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Ja, das stimmt. Der Baustil ist der gleiche. Auf Fotos kommt die Farbe auch nicht ganz so intensiv zur Geltung.




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#21

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 27.06.2010 23:47
von LX.C • 2.687 Beiträge

Das ist so interessant! Danke für die tiefen, insbesondere auch persönlichen Einblicke.

Zitat von Taxine
Familien tauschen die kleinen, oftmals schäbigen Mietswohnungen untereinander aus.


Wohl auch schon im Sozialismus gängige Praxis gewesen. Von Trifonow gibt es eine kleine Erzählung darüber, "Der Tausch".


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#22

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 28.06.2010 14:13
von LX.C • 2.687 Beiträge

Zitat von Taxine
Mitten in dieser bunten Vielfalt der Heiligenbilder sieht man ein abgezäuntes Stück Straßenpflaster, welches natürlich genau dem Fleck entspricht, wo der Zar in seinem Blut lag.


Hast du davon auch ein Foto?


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#23

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 28.06.2010 14:36
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Zitat von Martinus
Zu den Alkoholikern: Da lese man "Minus" von Roman Sencin. Auf jeder Buchseite Schnaps - Ausdruck eines Stillstandes in Lethargie.


Vielen Dank, werter Martinus, für den Lesetipp.

Liebe Grüße
Taxine




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zuletzt bearbeitet 04.08.2013 00:16 | nach oben springen

#24

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 28.06.2010 14:53
von LX.C • 2.687 Beiträge

Zitat von Taxine
Ich stell's trotzdem mal ein:


Ja umso schöner

Das Pflaster kann man nicht erkennen, aber man kann sich eine bessere Vorstellung machen. Danke.


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#25

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 28.06.2010 16:55
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Endlich finde ich Zeit, das alles zu lesen ...
Vielen Dank, liebe Taxine, für diese Eindrücke, und dass du wieder da bist!
Jetzt bin ich gespannt auf den nächsten Teil.




Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
Facebook: http://www.facebook.com/people/Klaus-Mendler/1414151458
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#26

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 28.06.2010 18:47
von Zypresserich • 2.877 Beiträge

Zitat von Taxine
Hm... ja, allerdings nur mit mir selbst im Vordergrund.

Yeah! Endlich sieht man se ma. Mich selbst interessieren ja eh eher Menschen auf Bildern als Häuser und Gemälde, am besten mit dranhängender, verschachtelter Familiengeschichte über Generationen, wer mit wem und so. Haste nich noch eins von der Oma? Die scheint mir doch verewigungswürdig hier ... Also die Omapassagen, die habe ich so richtig verschlungen.


https://zumabgesaegtenast.wordpress.com
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#27

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 28.06.2010 19:11
von Patmöser • 1.080 Beiträge

Auch von mir noch einmal einen lieben Dank für deinen einfach phantastischen Reisebericht.

Kann man sagen, das St. Petersburg die "russischte" aller russischen Städte ist?
Nicht Kiew, nicht Moskau, sondern doch Petersburg.

(Und das wir Taxinchen nun auch foddographisch bewundern dürfen, das ist oberfein. Obwohl, du sprachst ja mit deinem Gesicht schon hundertfach, zu uns, über dich, in deinen Bildern. Und durch die vielen Bilder im Bild.)

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#28

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 28.06.2010 20:22
von LX.C • 2.687 Beiträge

Brauch man doch bloß mal auf ihre Homepage schauen, da kann man sie schon immer sehen.


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zuletzt bearbeitet 28.06.2010 20:22 | nach oben springen

#29

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 28.06.2010 21:50
von LX.C • 2.687 Beiträge

Zitat von Taxine
nur ganz kurz, bevor dann Teil 5 folgt



Aber vergiss den 4. Teil nich


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#30

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 28.06.2010 21:51
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

... äh... genau, Teil 4!!!




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