background-repeat

Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#1

St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 24.06.2010 20:51
von Taxine • Admin | 5.960 Beiträge

Erschöpft, im Geist voller Bilder, bin ich gerade aus Frankfurt zurückgekehrt, muss nun erst einmal entspannen. Ich glaube, ich bin noch nie soooooooooo viel gerannt, habe noch nie so viel auf einmal gesehen, als ob sich der Tag für mich über die 24 Stunden hinaus gedehnt hat. Es ist der Wahnsinn. Eine Stadt, die so riesig, so prächtig, so mächtig und an anderen Orten so verfallen und voller Armut ist. Ich bin verliebt und habe auf sie geschimpft, doch sie ist, was sie ist. Ein Traum für eine Reise.


(Blick von der Peter und Pauls-Festung über die Newa, rechter Hand erkennt man die Eremitage)


(Blick von der Isaakskathedrale auf die Stadt)


(Isaakskathedrale)


Bald der ganze Bericht, bis all das aus meinem Schädel ins Wort gegossen ist.

Liebe Grüße
Taxine

Angefügte Bilder:
peterpaulfest3_1.jpg
stadtblick_oben.jpg
kat2.jpg



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 24.06.2010 21:01 | nach oben springen

#2

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 24.06.2010 22:14
von LX.C • 2.726 Beiträge

Schöne Eindrücke. Willkommen zu Hause.


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
nach oben springen

#3

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 25.06.2010 09:53
von Patmöser • 1.080 Beiträge

Alle Russlandreisenden, die ich kenne, die haben über Moskau nur zwei, drei Sätze verloren. Von St. Petersburg allerdings träumen und sprechen sie immer wieder.
(Und von den mehrwöchigen Flussfahrten auf der Wolga...)

zuletzt bearbeitet 25.06.2010 09:53 | nach oben springen

#4

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 25.06.2010 11:07
von LX.C • 2.726 Beiträge

Hört man ja immer wieder, von den zwei unterschiedlichen Welten. Im ICE nach Köln bin ich auch mal mit einem ins Gespräch gekommen, der aus Russland zurückkam. Moskau fand er beeindruckend, sein Herz aber hatte er an Sibirien vergeben. Von dort kam er auch mit dem Zug, nach tagelanger Reise war er gelassener als ich.

Vielleicht gibt's ja noch eine Galerie. Würde mich freuen.


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 25.06.2010 11:50 | nach oben springen

#5

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 25.06.2010 12:54
von Martinus • 3.195 Beiträge

Ich freue mich schon auf deinen Bericht und auf all die Bilder.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)
nach oben springen

#6

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 25.06.2010 22:59
von Taxine • Admin | 5.960 Beiträge

Ein herzliches Hallo an alle. Ist schön, wieder hier zu sein.

Klar folgen Bilder, Worte und der gesamte Bericht. Es sprudelt nur so hervor. Die Stadt hat eine wahnsinnig inspirierende Wirkung. Man kann kaum mehr stehen, der normale Alltag pendelt sich erst ganz allmählich ein, aber schreiben kann man, schreiben bis in alle Ewigkeit...

Zitat von LX.C
Vielleicht gibt's ja noch eine Galerie. Würde mich freuen.


Ja, die Galerie ist schon einmal mit den ersten Bildern gefüllt. Etliche werden folgen.

So also beginnen wir:

Eindrücke von St. Petersburg
Teil 1


(Blick auf die Stadt von der Peter und Paul-Festung.)

„Nicht wie eine europäische Stadt
Mit dem ersten Preis für Schönheit
Sondern wie's drückende Exil am Jenissei,
Wie eine Versetzung nach Tschaita,
Zum Ischim, ins trock'ne Irgis,
Ins berühmte Atbasar,'
Zum Vorposten Swobodn
Zum Leichengestank faulender Koje
So erschien mir diese Stadt
In jener Mitternacht, hellblau -
Diese Stadt, gefeiert vom ersten Dichter,
Von uns Sündern und von dir.“

(Gedicht von Anna Achmatowa für Ossip Mandelstam über Leningrad)

Sollte man die Stadt St. Petersburg in ein Wort fassen, so würde ich spontan sagen: mächtig. Gleich danach käme mir das Wort: überwältigend in den Sinn, aber vielleicht auch nur, weil mein Auge dermaßen gebläht, mein Hirn so viel Stoff gesammelt hat, dass es mir nun wie eine kleine Ohnmacht in der Rückkehr erscheint. All das rattert wie eine Filmsequenz an mir vorüber und durch mich hindurch, wuchtet ein Bild nach dem anderen zu Tage, dass all das nun zu ordnen eine glatte Herausforderung ist und gleichzeitig so leicht von der Hand geht. So will ich es gerne versuchen.

St. Petersburg, eine Stadt, scheinbar gebaut für Riesen. Man fühlt sich kaum als Mensch, mehr als eine Ameise, die versucht, in dieser Überdimensionalität zu überleben. Beschreitet man die Straßen, kommt man kaum voran. Die Macht des Zaren, des Staates, des Häuserbaus. Geschäfte, Reisebüros, Banken sehen in der Innstadt aus wie riesige Bahnhofshallen, Häuser mit hohen Rundbögen, Säulen, gewaltigen Eingängen. Die Newa, ebenso groß, fließt unter Brücken hindurch und trennt den Winterpalast, der sich über die ganze Seite in grün elegantem Anblick erstreckt, von der Kunstkammer, Peter-Pauls-Festung und einige hunderte Meter weiter auch von dem berüchtigten Kresty-Gefängnis, wo u. a. Solschenizyn, Punin, und der Sohn Lew von Anna Achmatowa einsaßen, wo etliche Menschen gequält und gefoltert und nach Sibirien oder in die Gulags verschickt wurden, gemahnt durch zwei Statuen als eine Sphinx mit doppeldeutigem Gesicht. Während die Seite zur Stadt hin gesund und satt aussieht, ein halbes menschliches Gesicht, ein gut genährter Tierkörper, so ist die Seite zum Fluss und zum Gefängnis hin als Totenkopf und Skelett dargestellt, als Sinnbild für die Scheinheiligkeit der Ereignisse. In der Achse beider Statuen steht ein Denkmal von Anna Achmatowa, die in jener Haltung abgebildet ist, in der sie immer an genau diesem Ort stand und auf das Gefängnis blickte, um ihrem Mann und ihrem Sohn in der Gefangenschaft vom Ufer aus beizustehen. Viele Tafeln zitieren Gedichte und Gedanken verschiedener Schriftsteller zu den Ereignissen.

(Eine der zwei Sphinxen, mit dem zweigeteilten Gesicht von vorne.)


(Die Sphinx von der Skelettseite. Die mittige untere Tafel ist von Solschenizyn beschrieben, wo er sein Bedauern für die damaligen Umstände ausdrückt.)




(Die Kirche, um die das Gefängnis in rotem Backstein gebaut wurde. Im Moment sitzen dort nur noch Verbrecher in U-Haft. Ein weiteres berühmtes Gefängnis sind die Baracken in der Peter und Paul-Festung, wo sowohl Dostojewskij als auch Bakunin und andere einsaßen. Irgendwie gruselig.)

An anderer Stelle, in der Nähe einer unglaublich schönen Moschee, trifft man übrigens ganz zufällig auf einen unscheinbaren Balkon, auf den einst Lenin gestanden und zum Volk gesprochen hat.

(Haus mit dem berüchtigten Balkon. Unterhalb ist eine Tafel angebracht, die darauf hinweist. Größere Bilder oben in der Galerie.)




(Anna Achmatowa in ihrer gewohnten Pose als Denkmal in genau mittiger Achse zu den Sphinxen und gegenüber dem Gefängnis)


„In den schrecklichen Jahren des Justizterrors unter Jeshow habe ich siebzehn Monate mit Schlangestehen in den Gefängnissen von Leningrad verbracht. Auf irgendeine Weise »erkannte« mich einmal jemand. Da erwachte die hinter mir stehende Frau mit blauen Lippen, die meinen Namen natürlich nie gehört hatte, aus jener Erstarrung, die uns allen eigen war, und flüsterte mir ins Ohr die Frage (dort sprachen alle im Flüsterton):
»Und Sie können dies beschreiben?«
Und ich sagte:
»Ja,«
Da glitt etwas wie ein Lächeln über das, was einmal ihr Gesicht gewesen war.


(Anna Achmatowa - Vorwort aus "Im Spiegelland" (Gedichte))

2.
Der Trend der Stadt scheint wohl im Moment das Limosinenfahren für Brautpaare zu sein. Etliche dieser Fahrzeuge entdeckt man inmitten des chaotischen Verkehrs. Überhaupt habe ich so viele Brautpaare gesehen, da sie natürlich all die Orte aufsuchen, die prächtig und bekannt sind. Gleichzeitig waren die Schauplätze so unterschiedlich, dass man sowohl im Katharinenpalast in Puschkin auf die Verliebten traf, als auch Verrückte vorfand, die sich am eher hässlichen Gemäuer der Peter und Paul-Festung fotografieren ließen. Jeder eben ganz nach seinem Geschmack.

(Eine dieser ewig langen Limousinen, geblickt aus dem Eingang der Isaakkathedrale.)


Aus der Budapeschskaja, wo meine Großmutter lebt und wohnt, schlendere ich über die Straße zur nächsten Bushaltestelle. Die Stadt ist aufgrund ihrer Ausmaße tatsächlich kaum zu begehen, sondern eher von einem Schau-Ort zum anderen, von einer Pracht zur nächsten, ja, fast schon von einer Straßenseite zur anderen zu befahren. Dazu dienen Taxen, Busse, Trolleybusse und natürlich die Metro. Die Busse sind zahlreich und manchmal reine Kleinbusse, in denen nicht mehr als sechs, sieben Leute sitzen. Die Busfahrer, wie überhaupt alle Fahrenden, sind geübt, dass die sechsspurige Straße schnell befahren wird, man so zügig wie möglich vorankommt, bis sich der Verkehr wieder staut. Hierfür bedarf es nicht einem Erreichen der jeweiligen Haltestelle, sondern sobald sich der Verkehr staut, werden die Bustüren geöffnet und die Menschen springen heraus, um den Rest der Strecke zu Fuß zurückzulegen, entweder, um ihr Ziel so zu erreichen, oder an einer nächsten Haltestelle wieder einen neuen Bus zu besteigen. Das ist eine gute Methode, die mir gefallen hat. Sie ist so spontan und verhindert das nervige Warten. Man kommt damit irgendwie immer voran. Riesige Reklametafeln verkünden Werbung für Ketchup in übermächtiger Plastikflasche und Mc Donalds, was mich, lese ich die russischen Buchstaben, irgendwie amüsiert.
Überschreitet man einen Fußgängerweg, so zeigt die Ampel die Zeit an, die gewartet werden muss (rote Ziffern) als auch die, die man nun hat, um die großen Straßen zu überqueren (grüne Ziffern). Einerseits natürlich ein hilfreiches Mittel, andererseits wie ein bewusst wahrgenommenes Ablaufen an Zeit, als ob einer mit der Stoppuhr daneben steht und dich zur Eile auffordert, dass man nach den schwindenden Zahlen gehetzt über den Zebrastreifen flüchtet. Bei dem Verkehr, der wie ein Raubtier in den eigenen Abgasen wartet, während eine rote Ampel eher einer gut gemeinten Richtlinie entspricht, als der expliziten Aufforderung zum Stehenbleiben (kennt man ja auch aus anderen Ländern), ist die Methode vielleicht doch notwendig, wenn sie dem gelassenen Menschen auch einiges seiner Gelassenheit nimmt.

Vom Flughafen ging es mit einem Taxi zu der angegebenen Adresse. Bei den Taxifahrten werden die Preise vorher festgelegt. Natürlich sind die Stände am Flughafen stark überteuert. Dafür aber kommt man bequem voran, gerade wenn der Koffer fast schwerer wiegt als man selbst. Leicht kaputt, da der Flug bereits um sechs Uhr morgens ging, ich sowieso kaum geschlafen hatte (die Zeit wird dann in Russland zwei Stunden vorgestellt), blickte ich aus dem Fenster, ließ die leicht grau bewölkte Stadt als ersten Eindruck auf mich wirken.

Im Flugzeug (wie auch in Bussen und anderen öffentlichen Verkehrsmitteln) staunte ich mal wieder über das Massenvertrauen der Leute, dass schon nichts geschehen wird, dass auch mich erfüllte. Wir werden fliegen, wir werden durch die Wolken steigen, auf die Stadt blicken und schließlich dann irgendwann, so weit entfernt von Deutschland, wieder sicher landen. Eine Bedingung, die man voraussetzt, während die Stewardess die Sicherheitsmaßnahmen erklärt.
Und doch, aus blauem Himmel tauchte man durch eine Wolke ins Nichts, der Kapitän erklärte, dass aus zwanzig Grad auf einmal 12 geworden sind, wir landeten in St. Petersburg, mussten zuvor noch jenes Dokument ausfüllen, dass man nicht verlieren durfte, damit man bei der Rückreise überhaupt wieder aus dem Land gelassen wurde, und setzten sicher auf. Die Phase des Aufsteigens und des Landens sind die schönsten.
Die mafiösen Bedingungen, dass jeder, egal ob er privat wohnt oder irgendwo sonst bei Verwandten unterkommt, trotzdem für die Zeit seines Aufenthalts ein Hotelzimmer bezahlen muss, auch wenn er dieses nicht nutzt, sind zum Glück wieder abgeschafft, dafür hat man nun drei Tage Zeit, um sich gegen eine gewisse Summe sozusagen zu registrieren. Man geht zu einer Poststelle, besorgt sich die Dokumente, muss dann zur Bank, um das Geld zu bezahlen, dann zurück zur Post, um sich den Stempel zu holen. Kein Wunder also, dass man drei Tage Zeit hat, die man sich dann auch wirklich nehmen muss, nicht einfach so verstreichen lassen kann. (Die kleine Geschichte dazu später.)

3.
Immernoch im Taxi, vom Flughafen zur Wohnung meiner Großmutter, empfand ich tiefe Sympathie für den Taxifahrer, da aus seinem Radio wunderbarer Jazz melodisierte. Man lehnte sich zurück, das Auto war neu, nicht so klapprig wie später die unzähligen Busse, und blickte auf die vorüberziehenden Häuser. Der Taxifahrer wird nicht der Einzige bleiben, der mit Jazz eine eigenartig musische Stimmung erschafft, so dass man sich dann doch auf dem Weg nach Puschkin mal eben erkundigt, ob derlei Musik vielleicht von der Zentrale vorgegeben sei oder der Fahrer aus eigener Vorliebe diesen Klängen frönt. Die Antwort lautete, dass alle anderen Sender ihm auf den Keks gingen.
So also traf man bei mehreren Fahrten auf Jazz-Liebhaber, die man sich direkt in die kleinen Cafés dachte, wie sie um den Samowar sitzen und auf verrauchte Bühnen blicken. Tatsächlich kann man in St. Petersburg mit einem Schiff über die Newa fahren, das gleichzeitig Bar ist und live Jazz-Musik spielt.
Gleich nach der an den Taxifahrer gerichteten Frage, ging mir natürlich durch den Kopf, dass „Service“ hier doch eher ein Fremdwort war, dass eigentlich jeder machte, was er wollte, so gut und schlecht, wie es ihm möglich war. Dieses zweite Taxi aber, in dem der Fahrer erneut Jazz hörte, verführte zu der Frage. Fahren allein wäre für mich hier schon eine Herausforderung, und ich bin froh, dass all die Taxifahrer ihre Aufgaben so hervorragend erfüllten, dazu noch derartige Töne aus dem Radio plätscherten, die einen mit sich trugen und dann eben auch innerlich erfüllten.
Es gab dann später natürlich auch noch ganz andere Typen, solche, die nur quasselten, von Rasputin faselten, von dem Betrug Nostradamus, der nichts vorhersehen konnte, weil, so ein anderer Taxifahrer, Gott diese Seherfähigkeiten direkt vermitteln würde und die Gabe nicht einem Einzigen gab, der sie auch noch auf eine unsichere Zukunft anwandte. So müsse Gott auch ihm derlei Fähigkeiten eingeben, worauf er sowieso warten würde. Bis dahin fuhr er eben Taxi. Nostradamus aber sei eine Lüge. Ich sagte ihm, dass Nostradamus’ Sohn sich umbrachte, weil er nicht die gleichen seherischen Kräfte in sich spürte, wie sie sein Vater hatte, weil er, im Gegensatz zu seinem Vater, einige Ereignisse falsch voraussagte. Er winkte ab und kam auf Rasputin zurück, der mittellos gestorben sei. Ich erwiderte, dass Rasputin ermordet wurde. Er winkte ab und erklärte, dass er hungrig und arm verreckt wäre, dass Gift und Mord ihm nichts anhaben konnten. Ich sagte, es gäbe sogar „Erinnerungen“ eines der Mörder, vom Fürsten Jussupoff, dass es sogar Bilder seines Leichnams gab. Er sprach von Lügen. Auch erzählte er, als er hörte, dass Deutsche in seinem Wagen saßen, dass die Deutschen wenigstens die Hitlerzeiten bereuten, während die Russen die Schandtaten Stalins bis heute nicht bedauerten.
Dieses Pauschalisieren ging mir leicht auf den Wecker, überhaupt sein lautes Geschwätz und die Bum Bum Musik, die all das untermalte, die irgendwie seinem Charakter entsprach, was meine Ansicht über Taxifahrer in ihrer lässigen Jazz-Haltung dann auch wieder schnell widerlegte. Wenigstens zeigte er mir, wo Rasputin wohnte, ein Haus mit rundem Vorbau, bestehend aus drei oder vier Etagen, wobei Rasputin in der dritten gelebt haben sollte, schmiss seine Fahrgäste dann aus dem Taxi, da es mal wieder einen Stau gab, erklärte ungefähr, wohin wir gehen müssten und haute uns dann noch um 500 Rubel übers Ohr. Was ihnen allen natürlich fast schon im Blut liegt, ist die Kenntnis der Straße. Sie wissen haargenau, wann ein nächstes Schlagloch, eine überhohe Schiene kommt, vor der man stark abbremsen muss. Die Straßen sind übersät mit Löchern und Stolperfallen. So sei ihm gegeben, was die Kunst des Fahrens verlangt.

Die Häuser der Außenbezirke sind stark zerfallen, schrecklich im Anblick. Die Russen nutzen die Balkone als Lagerplatz, da die meisten dieser alten Bauten keine Keller enthalten. Ähnlich ist es mit Fahrstühlen, die zwar vorhanden sind, aber grundsätzlich, egal, wohin man auch kommt, nicht funktionieren. Man fragt sich aber in erster Linie, wie diese brüchigen Gestelle, die sich da Balkon nennen, überhaupt so viel Gestautes aufnehmen oder betreten werden können, denn sie wirken, als ob ein Schritt genügt, um all das zusammenstürzen zu lassen. Schlimm. Die Häuser sehen aus, als würde Krieg herrschen oder man durch ein Besetzungsgebiet reisen. Man spürt regelrecht die Not dieser Leute, die dort leben. Trotzdem sind es riesengroße Häuser, viele Etagen, Fenster über Fenster. Ich erinnere mich an bestimmte Bezirke in der DDR, wo alte Kasernen die Plattenbauten ablösen. Diese wirken gegen solche Häuser fast luxuriös.
Die Behausungen wechseln durch Neubauten, ebenso riesig, ganz anders und überteuert, und auf den Balkonen hinter Glasfront erkennt man das gleiche Gerümpel, chaotisch übereinander gestapelt, so dass ein Haus nach dem anderen wie ein abstraktes Kunstwerk wirkt. Man sieht hier, dass die Jahre lang erprobten Gewohnheiten auch in neu bezogener Wohnung nicht nachlassen.
Obwohl es warm ist, ist die Stadt Wolken verhangen, trägt einen nebligen Schleier, als würde sie ihre Wolken, ihr Wetter selbst produzieren.

4.
Aus dem Bus springe ich hinaus, er ist eine Weile mit offenen Türen gefahren, was einen guten Fahrtwind ins stickige Innere einlässt. Die Hand des Fahrers ruht auf einem Teppich, auf diesem liegt das in Scheinen bezahlte Geld, auf dem Boden aber klimpern die Kopeken und Einrubelstücke. Sie liegen überall. Die Russen werfen sie weg, weil sie fast wertlos sind.
Die nächste Haltestelle ist die Moskowskaja. Dort steigt man in die Metro. Zuvor trifft man noch auf das letzte und riesige Lenindenkmal vor dem Haus des Sowjets. Dort üben sich die Jugendlichen auf dem riesigen Platz unter jener mit Mütze in der Hand dargestellten Gestalt im Skateboard- und Radfahrern und an den Parkeingängen stehen die alten Frauen, die Blumen verkaufen, die sie wenige Meter weiter aus irgendeiner Hecke gerissen haben.

(Leninstatue vor dem Haus des Sowjets. Im Moment arbeiten dort die Sekretäre von Medwedew.)

Angefügte Bilder:
peterpaulfest4.jpg
achm_sphinx2.jpg
achm_sphinx4.jpg
achm_sphinx5_solschenizyn.jpg
achm_gefang3.jpg
balkonlenin_1_kl.jpg
balkonlenin_kl.jpg
achmatowa1.jpg
limo.jpg
mos_lenin2.jpg



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 19.10.2010 21:52 | nach oben springen

#7

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 25.06.2010 23:57
von Taxine • Admin | 5.960 Beiträge

Einige Steinstufen hinab, trifft man auf die Schalterhalle der Metro. Mit einem Märkchen geht man durch eine automatische Schranke, von denen einige anfangen zu kreischen, falls irgendetwas nicht hinhaut, und fährt dann eine enorm lange Rolltreppe hinab, die wirkt, als wäre sie mehrere Kilometer lang.


(Leider kann man diese Ewigkeit auf keinem Foto einfangen. Es wirkt, als fahre man durch einen langen Schlauch, während man in abnorme Tiefen blickt.)

Man steht und steht und rollt hinab, ganze Ewigkeiten vergehen. Die Treppe nach unten stehen die Leute rechter Hand und links wird gelaufen. In der Mitte sind Lampen angebracht, dahinter rollen wiederum die Leute hinauf, die von der Bahn kommen. Ist man nach mehreren Minuten unten angelangt, so trifft man auf einen riesigen, in Marmor gehauenen Saal, an dem rechts und links braun gestrichene Eisentüren sind. Wenn diese aufgehen, so findet sich dahinter der Eingang in die Bahn selbst.
Dann heißt es auch schon: „Vorsicht. Die Türen schließen.“, die Stimme fordert alle Menschen auf, Behinderte, ältere Menschen und Mütter mit Kindern sitzen zu lassen, und die Bahn fährt an. Sie bremst auch sehr aprubt, man wird ganz schön hin und her geschüttelt. Sieben Stationen sind es, bis man zum Newski Prospekt gelangt, vorbei auch am Technologischen Institut, wo meine Mutter und mein Vater früher studiert haben. Meine Mutter erzählte mir, dass man im Winter, wenn man morgens aus der Metro stieg, keine Knöpfe mehr am Mantel hatte, so voll waren die Wagons. Jetzt aber ist es verhältnismäßig leer, auch wenn man nicht sitzen kann, sich an den oberen Eisenstangen festhält.
Die Leute wirken auf mich irgendwie sehr erschöpft. Viele schlafen, egal, um welche Uhrzeit man fährt. Ihre Gesichter sind traurig, müde, ganz selten sieht man jemanden lächeln. Auch auf der Straße ändert sich das Bild nicht. Sie hetzen (wenn ein Volk rennen kann, dann diese St. Petersburger) und blicken grimmig vor sich hin. Aber die Frauen sind wunderschön. Auf sehr hohen Absätzen stolzieren sie, eine so schön und langbeinig wie die andere, dahin, und laufen gleichzeitig so schnell, wie ich mit meinen Turnschuhen kaum vorankomme. Ich staune über ihre Vielfalt an Außergewöhnlichkeit. Wunderschön zurechtgemacht, geschminkt und dabei doch gleichzeitig auch völlig verschieden.

Aus der Metro ausgestiegen, steht man erneut die etlichen Minuten auf der Rolltreppe, denn diese ist nicht nur an einer Station so lang, sondern an allen. Die Bahn selbst scheint ein regelrechter Stream zu sein, und an manchen, wenigen Haltestellen kann man dann umsteigen, was ich allerdings nur am letzten Tag gemacht habe, als ich ins Dostojewskij-Museum wollte und bis zur Wladimirskaja/Dostojewskaja-Haltestelle fuhr, noch kurz vor dem Rückflug, fast auf dem Sprung und mit dem unguten Gefühl, den Flug vielleicht zu verpassen, denn alleine die Fahrtzeit kostete schon einige Stunden.
Doch gerade dieses Haus, wo er gelebt und auch gestorben ist, wo er die „Brüder Karamasow“ geschrieben hat, wollte ich unbedingt noch sehen, bevor ich endgültig wieder fahre, ohne zu wissen, was mich dort erwarten würde, wollte vielleicht etwas von seiner Atmosphäre wiederfinden, sehen, wie er mit seiner Familie in den letzten Tagen seines Lebens in der Kusnetschnyj pereulok gelebt hat.


(Das Haus, indem Dostojewskij zum Schluss lebte und starb. Unten ist der Eingang zum Museum.)

Die Wohnung liegt in der zweiten Etage (der erste Balkon, wo die Tür offen steht) und besteht aus einem langen Gang und vier Zimmern, die im Quadrat angeordnet sind. Hier lässt sich doch erkennen, dass es Dostojewskijs Familie zu dieser Zeit verhältnismäßig gut ging. Natürlich sind die Räume nicht mehr original erhalten, während der Revolution- und Kriegszeiten haben sich hier Soldaten breitgemacht, und bald war das Innere auch völlig zerstört (wie es so vielen Sehenswürdigkeiten erging). Die Räume sind also wieder neu und nach den bekannten Vorgaben errichtet, sowie durch verschiedene Gaben der Familie ausgestattet. Der Inhalt (Möbel, Manuskripte und anderes) ist also original.
Zunächst betritt man das Zimmer der Kinder, wo Schaukelpferd und Puppe auf einer Bank zu sehen sind, wo Anna Grigorjewna auch mit den Kindern geschlafen hat. Die Aufseherin (so möchte man diese bissigen Weibsbilder dann doch gerne nennen, die dort und überall sitzen und die Besucher fixieren) erzählt später, etwas besänftigt, da ich mehrmals meine Karte und die Erlaubnis zum Fotografieren vorzeigen musste und mich darüber nach dem vierten Mal dann doch etwas empört habe, dass die erste Frage, die Dostojewskij stellte, sobald er das Haus betrat, war: „Was machen die Kinder?“ Er liebte sie über alles, und in seinen Briefen kann man auch sehen, wie schwer ihn der Tod seines Kindes getroffen und lange belastet hat. Weiter geht es in das Zimmer seiner Frau, in dem ein Sekretär steht, auf dem sie die Rechnungen verfasste und die Manuskripte ins Saubere schrieb. Sie verlegten und verkauften Dostojewskijs Werke selbst und konnten später dadurch endlich die Schulden begleichen. Auf dem Sekretär liegt ein Fragment aus den „Brüdern Karamasow“, geschrieben in ihrer Handschrift.



Dann wendet man sich nach links und betritt das Wohnzimmer, wo man auf Fotografien an der Wand und einen Tisch trifft, auf dem sein Tabak und seine leeren Zigarettenhüllen liegen. Auf der Tabakdose hat seine Tochter am Tag seines Todes mit Bleistift notiert: 28. Januar 1881. Papa ist heute gestorben. Während Dostojewskij gearbeitet hat, rauchte er fast 50 Zigaretten, obwohl er bereits lungenkrank war. Er ließ in diesen Dingen nicht mit sich reden.


(Die Tabakdose mit der Schrift der Tochter.)


(Das Wohnzimmer mit dem Tisch, auf dem der Tabak und die Zigarettenhülsen liegen.)

Noch im Wohnzimmer stehend kann man einen Blick in sein Arbeitszimmer werfen, wo er geschrieben und auch geschlafen hat. Der Schreibtisch, die Couch und eine Ikone am Fenster lassen ahnen, wie er sich über seine Manuskripte beugte. Eine Uhr zeigt den Augenblick an, in dem er gestorben ist. Mittwoch, der 28. Januar um 20.36 Uhr. Die Zeiger wurden durch Markevich mit der Hand gestoppt. Das Arbeitszimmer darf man nicht betreten, es ist durch ein Seil abgesperrt.

(Sein Schreib- und Arbeitstisch, auf dem einige Manuskripte liegen. Auf dem oberen Bild ist er selbst zu sehen. Im Schrank sind einige Bücher.)

Über seiner Schlafcouch erkennt man das Bild der Raphael’schen Madonna, das Dostojewskij beeindruckte und von dem er bedauerte, es nicht als Replikat in gleicher Größe erwerben zu können. Er erhielt die Madonna dann als Geschenk von Sofia A. Tolstoja und stand häufig vor dem Bild, um es zu bewundern. Diese Angaben findet man in den Memoiren seiner Frau Anna Grigorjewna.


(Seine Schlafcouch, auf die er sich dann in den Morgenstunden hinlegte, um niemanden zu stören.)


(Die Uhr, auf der der Zeitpunkt seines Todes vermerkt wurde. Oberhalb des Fensters befindet sich eine Ikone.)

Zurück durch das Wohnzimmer kehrt man wieder in den Flur zurück, wo sein Hut unter einer Glasglocke zu sehen ist.

(Dostojewskijs Hut und der Flur, auf dem man wieder zum Ausgang gelangt. Aus dem Wohnzimmer heraus kommt man von links, während ganz rechts, am Hut vorbei, der Ausgang liegt.)

Neben der Wohnung gibt es dann noch eine Art Ahnengalerie und Lebenslauf, gestaltet hinter Glas in ganz dunklem Raum, wo man seine Originalmanuskripte (Dostojewskij hat eine schön geschwungene, saubere Handschrift und auch häufig Zeichnungen am Rand gemacht), seinen Werdegang, Bilder seines Aufenthalts in Baden Baden, Erstdrucke seiner Romane, das Bild des liegenden Christus von Holbein, dem Jüngeren, das ihn so sehr bewegt hat und das in „Der Idiot“ von ihm beschrieben wird, sowie seine Totenmaske bewundern kann.

(Der Christus aus „Der Idiot“ von Hans Holbein, dem Jüngeren)


(Dostojewskijs Totenmaske)

Es gibt von Dostojewskij auch ein Holzhaus in Staraja Russa, wo er von 1875 bis 1878 und 1880 gelebt hat, das heute ebenfalls ein Museum ist. Sein Grab habe ich nicht besucht, da das Betreten des Friedhofs Geld kostete und der Preis mir zu hoch erschien, um einen Ort zu besuchen, der nach ihm errichtet wurde und eigentlich nichts mehr mit ihm zu tun hat, bin aber am Friedhof vorbeigelaufen und habe mir die dortige Kirche angesehen, in die man nicht ohne Kopftuch eintreten darf. Jemand lieh mir ein Tuch, so konnte ich die innere Pracht bewundern. In solchen Kirchen und Kathedralen läuft man immer mit dem Blick nach oben. Die hohen und prachtvoll gestalteten Decken verführen zur Nackenstarre, die man dafür jedoch gerne in Kauf nimmt.

(Morgen folgt Teil 2)

Dank euch für das Willkommen.
Liebe Grüße
Taxine

Angefügte Bilder:
dost_tabak.jpg
dost_tabak_1.jpg
dost_haus.jpg
dost_sekr.jpg
metro.jpg
dost_arbeitstisch.jpg
dost_arbeitstisch_schlafcou.jpg
dost_arbeitstisch_uhr.jpg
dost_hut_flur.jpg
dost_christus.jpg
dost_christus_1.jpg
dost_totenmaske.jpg



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 19.10.2010 23:52 | nach oben springen

#8

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 26.06.2010 09:39
von Patmöser • 1.080 Beiträge

Phantastisch, diese Eindrücke.
Danke, liebes Taxinchen, du kannst ja deinen mitreißenden Reisebericht die "gebundene Buchform" folgen lassen...

Mal sehen, vielleicht können deine liebevoll gestalteten Reiseskizzen meine Frau von dem überzeugen, was wir eigentlich schon längere Zeit im Hinterkopf haben.

Danke für diese wunderschönen Fotos und für deine glasklare Prosa, feine Sache. Das.

nach oben springen

#9

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 26.06.2010 12:51
von Martinus • 3.195 Beiträge

Hallo Taxine,

meine Eltern waren auch mal in St. Petersburg, auch in Moskau, Moskauer Ring (Nowgorod, Susdal usw.) Meiner Mutter wären über deine Zeilen zu Dostojewskij sicher Tränen gekommen. Sie wollten in die Straße, wo Dostojewskij lebte, konnten diese nur von weiten sehen, meinem Vater passierte, was an sich recht banal und doch menschlich ist und man nicht weiß, ob man darüber lächeln oder weinen muss, in diesem Moment dringend auf's Örtchen, dann mussten dann auch noch zügig zum Reisebus. Wenn ich mal die Gelegenheit hätte, eine große Reise zu machen, dann würde ich nach Portugal fahren und dann nach St. Petersburg.

Sehr schön, und ich bin hoch erfreut über deine speziellen persönlichen Eindrücke, die deinem Text einen hohen Wert geben. Nun rede ich schon, als ob ich dadd rezensieren müsste. So'n quatsch. Du kannst aber so schön einlullen mit der Zeilerey. Sei darum herzlich gedankt.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)
zuletzt bearbeitet 26.06.2010 14:40 | nach oben springen

#10

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 26.06.2010 14:01
von LX.C • 2.726 Beiträge

Freuen wir uns auf den zweiten Teil


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
nach oben springen

#11

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 26.06.2010 19:49
von Taxine • Admin | 5.960 Beiträge

Oh... das freut mich, dass es euch gefällt. Vielen Dank.

Dann also weiter im Text, es folgt:

Eindrücke von St. Petersburg
Teil 2


(Blick von der Isaakkathedrale auf die Eremitage)

5.
Jeder Tag ist an und ausgefüllt mit Sehenswürdigkeiten und Betrachtungen, mit Stadtgang und Stadtfahrt, mit weißen Nächten, Feuerwerken, Zarenreichtum und einer Gier, am liebsten alles auf einmal betrachten zu wollen. Doch die Stadt ist zu groß, birgt zu viele Besichtigungsorte, die weit von einander entfernt liegen. Am besten fährt man zuerst zum Newski Prospekt, er liegt sehr zentral, von dort gelangt man ziemlich schnell an die ersehnten Orte. Schreitet man Richtung Eremitage und gelangt zur Newa, findet man dort etliche Museen wie die Kunstkammer, Peter und Paul-Festung, die Isaakkathedrale usw.
Das Denkmal von Peter dem Großen, das in der Nähe der Isaakkathedrale liegt, erinnert mich stark an das von Alexander dem Großen in Thessaloniki. Die Haltung von Pferd und Reiter sind fast identisch. Nur auf Stein schleicht sich bei Peter dem Großen eine gewaltige Schlange heran.



Mein Blick ist wie ein Magnet, nimmt auf und auf, fast ohne zu verarbeiten, und auch jetzt, wo ich wieder zurück bin und allmählich zur Ruhe komme, treiben diese Bilder immernoch genauso intensiv am inneren Auge vorbei, legen sich langsam als Erfahrung und Erlebnis und prägen sich als Erinnerung ein. Meine Waden sind wie aus Stein gemeißelt. Ich habe das Gefühl, noch nie in meinem Leben so viele Strecken so schnell gerannt zu sein. Die Zeit hat sich gedehnt, hat sich irgendwie den Auswüchsen dieser Stadt angepasst. Jetzt, wenn ich so sitze und zurückdenke, erscheint mir das alles so unwirklich, so weit entfernt und gleichzeitig auch immernoch so nah, so voller Leben und Sein.

Ein buddhistisch „leerer Kopf“ lässt sich in dieser Stadt zumindest nicht lange aufrechterhalten, zu viel wirkt und schlägt regelrecht auf einen ein. Apropos „Einschlagen“: die Präsenz der Miliz und der Schlägertruppe von Putin, die sich OMON nennt und zu denen gehört, die erst prügeln, dann fragen, wenn sie überhaupt fragen, ist stark und erschreckend und beherrscht die gesamte Stadt.


(Die Miliz, in dieser Form fast überall vertreten.)

Ob diese Herden an Uniformierten nun aufgrund der weißen Nächte so massenhaft auftreten oder ob es sich eher um einen allgemeinen Zustand handelt, kann ich nicht sagen, doch scheint mir eine Gewohnheit darin zu liegen, die einen von der Polizei durchkreuzten Kontrollstaat wie Deutschland dann wiederum eher blaß erscheinen lässt.
Hier spürt man eine andere Gewalt, eine, die nicht fragt, bevor sie den Knüppel schwingt, die nach anderen Gesetzen lebt und handelt (die wir vielleicht in einigen Situationen sogar gesetzlos nennen würden). Auch das werde ich noch zu spüren bekommen, wenn diese eine bestimmte Nacht zu erleben und schließlich auch regelrecht zu überstehen sein wird.

Die Polizeiautosirene klingt wie ein überlautes und lästiges Orgelspiel als eine Art Melodie, so dass man die Sirene von überall quer durch die Stadt vernimmt, völlig gleichgültig, wie weit man entfernt ist. Es wirkt auf mich, als ob ein übereifriger Achtzehnjähriger mit seinem Auto vorfährt, um an seinem Wohnort vor Freunden mit seiner neu eingebauten Anlage anzugeben. Die Polizisten hier handeln ähnlich. Wenn sie ihr Gedudel durch die Stadt jagen, ist das durchaus nicht immer ein Zeichen dafür, dass sie augenblicklich zu einem Unfall- oder Gefahrenort eilen, sie stehen mit laufender Sirene und halten mit irgendeinem Menschen ein Schwätzchen, der sich durch ihr Fenster beugt. In anderen Situationen rast dann ein Polizeibus vorbei und lässt einen mit einem Klingeln im Ohr zurück, bis die gewöhnlichen Geräusche der Stadt nach und nach in den Gehörgang zurückfinden.

6.
Die Bewohner von St. Petersburg sind sehr genügsam und in dem, was sie tun und arbeiten, manchmal auch sehr unkompetent. Man vermisst eine Logik in den Vorgängen und Handlungsweisen, eine Notwendigkeit oder Richtung. Mit Effizienz kann man schon gar nicht rechnen, und ein gewisser Ehrgeiz ist bei diesen kläglichen Löhnen natürlich kaum zu erwarten. Meine Großmutter ist der festen Überzeugung, dass es nicht anständig ist, sich über Fehler aufzuregen oder die jeweiligen Beamten, auf die man so in ihrem Tran trifft, darauf anzusprechen, und damit teilt sie wohl die Meinung vieler Menschen. Es schickt sich nicht, auf sein Recht zu pochen oder die Stimme zu erheben, man soll die Menschen einfach machen lassen, gleichzeitig kommt der Verdacht auf, dass viele gar nicht wissen, was „Recht“ überhaupt ist. Sie treiben in diesen Lebenskonstellationen, durch all die Jahre tief geprägt, wie demütige, träge und anspruchslose Menschenplaneten, die schon froh sind, wenn die Schlange, in der sie stehen, voranschreitet, die Papiere, die sie ausfüllen, einen Stempel tragen, das Brot nicht teurer wird. Sie ergeben sich völlig den Situationen, auf die sie Tag für Tag treffen, und wenn Stunden dafür verloren gehen, dann ist das eben so. Die Russen sind es gewohnt, zu warten. Wo sie früher für Nahrungsmittel, Benzin und Kleidung anstanden, warten sie nun auf die Unkompetenz mancher Berufstätigen. Als ob, sobald der Arbeitsantritt erfolgt, dieses Volk das eigene Denken ausschaltet, nur noch handelt und erst wieder auflebt, wenn es Feierabend hat. Dazwischen verwandelt es sich von lebendigen Geschöpfen in mit Lumpen bekleidete Fleisch-Maschinen, (sie sind irgendwie viel zu menschlich, als dass man von Apparaten oder Maschinen sprechen könnte, gleichzeitig aber handeln sie, als müsste jemand bei ihnen den Schalter umlegen), solche eben, die Gewohnheit benötigen, für die es fatal ist, wenn irgendetwas mal anders läuft oder nicht in den natürlichen Ablauf passt.

Ich wunderte mich schon am ersten Tag über diesen gewissen (Galgen) Humor, als ich über Schlammwege hinweg die Poststelle aufsuchte, die von außen nicht einmal wie ein Haus aussah, sondern eher wie eine zerfallene Baustelle, mit einer Tür versehen, durch die gerade einige Männer mit Bierflasche in der Hand traten, um die erforderlichen Anmeldungspapiere abzuholen. An der Wand klebten Plakate, auf einem davon starrte Putin streng herab, während darunter stand: „Arbeitet lieber! Ich sehe euch sowieso!“
Dort gab es drei Schalter, wobei der für mich nützliche gerade nicht besetzt war. Nichtsdestotrotz standen davor Menschen, eine korpulente Frau, ein grau blasser Typ, dessen Kleidung wirkte, als entstiege er gleich mehreren Kriminalfilmen auf einmal oder einem Patchworkteppich, als eine Gestalt, die sich selbst irgendwie mehr schlecht als recht zusammengesetzt hat, der mit zu großem Militärmantel und französischer Baskenmütze ausgestattet, an den Füßen Sandale trug, durch die dicke Socken quollen. All das war wohl irgendwie zusammengesucht, als eine Art neuartiger Stil verschiedenster Geschmacksnuancen und Zeitabschnitte. Er hielt seinen Koffer fest umklammert, den er mit einem Seil umwickelt hatte, um ihm Festigkeit zu verleihen.
Figuren, wie aus einer Geisterbahn, die so sehr in das Gesamtbild passten, dass man sich wie in einem Film fühlte, wobei der im Militärmantel wirklich kaum lebendig wirkte, weil sein Gesicht fast durchsichtig schimmerte. Vielleicht ein Drogenopfer oder ein übersensibler Typ, der möglicherweise kurz vorm Abnippeln war. Wenn er stand und vor sich hinträumte, wusste man nicht, ob er Mensch oder Wachsfigur war. Hinter ihm, im Sprung durch den Raum, stand einer der Männer, die zuvor mit der Bierflasche eingetreten waren. Dieser irrte in seinem Rausch von Schalter zu Schalter, stellte sein Bier mal hier und mal da ab, nahm es wieder auf, trank zwischendurch einen Schluck aus der Flasche, brüllte, wo denn nun die Postangestellte wäre, lachte und gurgelte, dass er keine Zeit hätte, während die anderen Anwesenden bedächtig nickten. Und doch, während man zwischen all diesen Menschen stand, spürte man den ihnen tief einverleibten und gewohnten Ablauf solcher Alltagsnotwendigkeiten.
Irgendwann drehte sich dann auch die dicke Frau um und röhrte quer durch den Raum, dass sie nun schon zwanzig Minuten hier wartete und ob die Pause der Postangestellten denn nun langsam vorbei wäre. Schon schleppte sich ein träges und mürrisches Mädchen heran, die Backen aufgeplustert, was ihr ein mongolisches Aussehen verlieh, tat dabei, als ob man sie belästigte, fragte, was denn nun gewollt würde, bis die Schlange sich endlich im Erfüllen der hoch angesetzten Wünsche (wie das Abschicken eines Briefes oder der Kauf eines Pakets) nach und nach verkleinerte.
Der blasse Typ mit seinem Koffer, verwandelte sich vor mir, als er an der Reihe war, in einen schlaksigen Hampelmann, machte einige abgehakt verrenkte Bewegungen, vor und zurück, als kippe er jeden Moment aus den Latschen, wobei er in jeder Position sekundenweise verharrte, beugte sich zu der Mürrischen und knurrte sie in eigenartig abwechselnder, leise und laut werdender Stimme an, als ob man ihm jeweils ein Mikrophon vor die Nase hielt und wieder entzog, sie würde schon sehen, diesmal wären sie schuld, nicht er, er würde dafür sorgen, dass die Dinge aufgeklärt werden, das sei kein Zustand. Der Fehler läge bei der Post, er würde diesmal die Konsequenzen nicht alleine ausbaden. Damit drehte er sich um und verließ den Raum, während die Pausbackige nur träge mit den Schultern zuckte und ihre Lippe kurz wulstig zusammenwölbte. Einige Sekunden später tauchte er schon wieder auf, irrte rastlos hin und her, unentschlossen, was zu tun sei, und mir schoss durch den Kopf, dass der Koffer vielleicht einen Inhalt barg, der sich gefährlich auf das Postamt samt seiner wartenden Menschen auswirken könnte. Genau so stellt man sich diese Typen vor, die, ohne Vorwarnung, auf einmal bedingungslos in die Menge ballern, weil ihnen alles genommen wurde oder der Hass auf die Menschen die Vernunft ausschaltet. Er aber schmiss schließlich nur die Tür hinter sich zu und stampfte dann wohl nach Hause oder ins nächste Magazin, um sich eine Flasche zu besorgen. (Wodka kostet in etwa umgerechnet ganze drei Euro.)

Die Menschen trinken hier häufig auf der Straße. Als ich an einem der Tage etwas einkaufen ging und auf einem mit Gebüschen überwucherten und nicht asphaltierten Schleichweg zurückkehrte, blockierte dort eine ganze Familie - Mutter, Vater, Sohn - den Weg, weil sie auf Ex eine ganze Flasche auf einmal leerten. Mit den Betrunkenen hat man hier Mitgefühl. Man beachtet sie nicht, aber duldet sie. Gerade zu den Feierlichkeiten der weißen Nächte trifft man häufig auf derlei schwankende Gestalten. Die Flasche Bier in der Hand ist genauso üblich, wie die Handtasche am Arm der Frau.

Endlich waren die notwendigen Papiere ausgehändigt, jedoch nur ein Exemplar, und da wir zu dritt waren, musste man selbstständig Kopien anfertigen, um dann auch drei Exemplare ausfüllen zu können. Es schien glatt unmöglich, dass die Postangestellte drei leere Exemplare aushändigte. Sie sah mich an, als wäre die Frage und mein Bedeuten, dass ich drei benötigen würde, völlig absurd. So gelangte man eine Tür weiter in das nächste Büro, von dem man nur ahnen konnte, um was es sich handelte oder wenigstens jemanden zur Hand haben musste, der sich auskannte.
Auch hier gab es wieder einen Schalter, einen Mann vor dem Schalter, schon den Arm aufgestützt, im Zeichen dafür, dass er Zeit hatte oder ihm schon einiges an Zeit genommen war, und hinter der Glaswand eine Frau, die mit russischer Geduld versuchte, ein Fax zu schicken. Zwei weitere, ältere Frauen standen zunächst, setzten sich dann und gingen. Das Fax aber wollte sich nicht abschicken lassen. Ein Mann kam kurz herein, winkte und rief, er bräuchte nur ganz kurz eine Kopie. Das gleiche Anliegen hatte ich, doch die Frau hinter dem Schalter verkündete ganz gelassen:
„Ist mir völlig egal. Ich versuche jetzt zwanzig Minuten das Fax zu schicken. Ob es klappt oder nicht!“
Damit setzte sie das Drücken des Knopfes fort, unfähig, dazwischen kurz einen anderen Arbeitsablauf einzufügen, wie ein Blatt nehmen, es auf den Kopierer zu legen, es zu kopieren und sich dann wieder dem Fax zuzuwenden, um einen nächsten Versuch zu starten, eine Minute also zu füllen, die sowieso ablief, ohne dass sie etwas am Fax ausrichten konnte, es benötigte ja seinen üblichen Wählvorgang. Ich schaute ihr dabei eine Weile fast schon fasziniert zu. Sie stand und wartete, ohne sich durch Blicke oder Rufe stören zu lassen, drückte den Knopf. Der Mann hinter mir rief:
„Mit euch erlebt man auch immer wieder etwas Neues!“
... und verließ den Raum. Auch mir verging allmählich die Lust, zwanzig Minuten beim Knopfdrücken zuzusehen, so verschob ich das Kopieren auf ein anderes Mal.

Kurz denkt man natürlich an all die Menschen, die tagtäglich auf derlei Unkompetenz treffen und dann auch noch darauf angewiesen sind, die keine Ausweichmöglichkeit haben. Die meisten besitzen kein Auto, und in dieser Gegend gab es nur gewaltige Schlaglöcher, Schlammwege und zerfallene Bauten. An allem zeigt sich die Armut, das Abgerissene der Kleidung, die müden und häufig alten Gesichter.
Die Gegend, in der meine Großmutter in gleichen Verhältnissen lebt, ist ein einzigartiger und brüchiger Zerfall, Häuser mit rostigen Türen, in deren Treppenhäuser der Uringestank Brechreiz auslöst, wobei man nicht ausmachen kann, ob er von Tier oder Mensch stammt. Das Begehen der Treppen ist eine Herausforderung für sich, wenn manchmal die Kanten so abgerundet oder zersplittert sind, dass man kaum einen Fuß darauf setzen kann. Die Lebensmittel werden in kleineren Magazinen besorgt, die jenseits von Gut und Böse sind, häufig in irgendwelchen Kellern liegen oder in eben diesen Gebäuden, die mich an Bau- oder Wohnwagen erinnern, in denen alles eng und stickig ist und manchmal riecht, als würde man ganz andere Ortschaften aufsuchen. Immerhin aber hatten manche von ihnen 24 Stunden lang geöffnet.

Nach diesen Erfahrungen mit der Post und dem vorerst misslungenen Kopierversuch ging es weiter zur Bank, um das Geld zu bezahlen, damit die Anmeldung überhaupt abgegeben werden durfte. Dort bekam man einen Beleg, damit die Postangestellte, auf die man sich dann irgendwie schon mit Schrecken freute, überhaupt im nächsten Schritt handeln konnte. Wie schon erwähnt, es herrscht keinerlei Logik in den engstirnigen Abläufen. Daran muss man sich in Russland sowieso gewöhnen. Alles erfolgt wohl schon seit Jahren nach bestimmter Reglung, die, egal was auch geschieht oder wie sehr sich die Umstände wandeln, nicht unterbrochen oder verändert wird. Nur ansprechen darf man derlei Unbequemlichkeiten nicht, allgemein nicht, auch nicht im privaten Umfeld, dann erwacht der allseits stark verbreitete russische Stolz und das Ausland wird Wort für Wort, manchmal mit starken Übertreibungen, zerfetzt und verspottet. Die Russen schimpfen häufig auf die eigenen Zustände, denen sie unterworfen sind, doch wenn ein Fremder zu schimpfen wagt, dann gibt es eine Art Zwei-Welten-Denken, dann ist das, was ihr Land ist, von außergewöhnlicher Schönheit und Wohlhabenheit, voller Gerechtigkeit und Güte.
Nur ganz kurz streifen dann bestimmte Orte oder Menschen durch das Gedächtnis, die man dann auch schnell wieder verwirft...



(Schlägertrupps von Putin, genannt OMON)

… oder zumindest durch die Allmächtigkeit ehemaligen Reichtums ersetzt. Ja schön, schön ist diese Stadt.

(Eremitage innen.)

Schön, ein wahres Fest für die Augen jedes Besuchers, nur fragt sich, wem nutzt all diese Pracht, die im Krieg gnadenlos zertrümmert wurde, wo ganze Zimmer geklaut und verschwunden waren, wo all diese Herrlichkeit einstiger, zaristischer Herrschaft immernoch nicht bis in die Wohnzimmer der Bevölkerung reicht.

In der Bank nun zieht man eine Marke und wartet, bis man aufgerufen wird. Nach dreißig Leuten kam man endlich an die Reihe, bewegte sich zum Schalter und musste dann der Bankangestellten erklären, was zu tun war, nicht umgekehrt. Sie wusste weder, wie hoch der Preis war, noch was es mit dem Dokument, welches auszufüllen ist, nun genau auf sich hatte. Nach mehreren Minuten war dann alles irgendwie geregelt, zumindest hatte man schon einmal das Geld bezahlt und einen Beleg erhalten. Doch wer nun glaubte, man könnte auf einmal zwei verschiedene Dinge gleichzeitig erledigen, wie in diesem Fall noch Geld wechseln, der war doch eher leichtgläubig, die Dame am Schalter war natürlich nicht für den nächsten Akt verantwortlich und deutete auf einen weiteren Schalter. Bei der Erkundigung, ob es möglich sei, einfach hinüberzugehen, wurde erläutert, dass es erforderlich wäre, eine weitere und neue Marke zu ziehen, was in Anbetracht der Menschenmenge zu ersten, tief überzeugten Seufzern verführte.
Gut, man gewöhnte sich schließlich an alles, durch die Häufigkeit der Ereignisse dann auch umso schneller, und die Zeit verflog an solchen Orten sowieso irgendwie rasend genug, so wurde nun mit dem nächsten Märkchen aufs Neue gewartet. Die Nummer wurde aufgerufen, jedoch durften erst noch mehrere andere Menschen ihre Marke vorlegen, da sie zusätzlich einen Chip in der Hand hielten, den sie auch alle eifrig vorzeigten. Als ein zaghaftes Wissenwollen, was es damit auf sich hatte, wurde begründet, dass der einzige Geldautomat der Bank gerade ausgefallen war, was bedeutete, dass all die, die einfach nur Geld abheben oder wechseln wollten, erst einmal vorgelassen wurden, während auch sie sich dafür zuvor an einen wiederum ganz anderen Schalter begeben mussten, um besagten Chip zu ergattern.
Mit dem leichten Erschöpfungszustand solcher Bedingungen stand man also weiter vor diesem Schalter, als ein Mann an die Reihe kam, der einen ganzen Beutel voller Scheine auf der Theke ausschüttete. Diese Wertlosigkeit des Geldes, dass hundert Rubel gerade einmal 2,60 Euro waren, was einen Wust an Scheinen mit sich herumzuschleppen erforderte (ich erinnere mich an eine Zeit, als ein Rubel einen Wert von etwa drei Mark hatte) ist schon bekümmernd. Ganz am Anfang dachte ich noch, dass die Russen ihre Münzen als Glücksbringer und Wunscherfüllung überall auf die Straßen und in die Gewässer warfen, wie man es in Rom beim Trevi-Brunnen tat. So kann man sich irren.
Der Mann ließ also jenes Geld zählen, als die Angestellte ihm mit reglosem Gesicht erklärte, dass von dem Geld die Hälfte Falschgeld sei. Der Mann, ebenso reglos, erkundigte sich daraufhin, wo er das Falschgeld denn noch umtauschen könnte. Die Bankangestellte zuckte mit den Schultern und meinte, dass Falschgeld wohl nirgendwo angenommen würde. Schon spürte man die erste Unruhe des Mannes, der von Touristen redete, die ihn wohl über das Ohr gehauen hätten.
„Ich kann Ihnen nur das echte Geld wechseln!“ zischte die Angestellte, zählte das Geld und händigte ihm sein Falschgeld seelenruhig wieder aus.
Lehrreich genug. Es gab in der Bank schon allerlei „Umstände“, so wurde einem alten Mann die Rente bezahlt, er wollte das Geld abheben, als die Bank ihm mitteilte, dass sie keine Geldscheine mehr vorrätig hätte, er sich bis zum nächsten Tag gedulden müsste. Der Mann sagte, dass er das Geld ganz dringend benötigte. Die Bankangestellte gab daraufhin an, dass bis zum Abend kein Geld mehr eintreffen würde. So musste der Alte dann einen weiteren Tag hungern.

Ja, Lust und Frust. Herrlichkeit und grau düsterer, urtypisch russischer Alltag. Da muss man oftmals wirklich mehrere Augen zudrücken oder die übermäßigen Seufzer unterdrücken. Es ist eine Herausforderung an den Verstand und die Geduld. Das Geld wechselte ich dann schließlich am nächsten Tag. Die Schlange der Menschen mit dem Chip in der Hand war einfach zu gewaltig, obwohl auf der Anzeige seit einer halben Stunde in roten Ziffern meine Nummer leuchtete. Ich wusste nun einmal, dass es durchaus vorkommen konnte, dass man bis Ladenschluss wartete und dann ganz einfach nicht mehr an die Reihe kam. Das wollte ich dann doch nicht erleben.
Aber das russische Chaos schleudert eifrig weiter, entfaltet seine etlichen Dimensionen. So sind zum Beispiel die Preise für den Besuch all der Sehenswürdigkeiten unterschiedlich hoch. Die Russen zahlen z. B. in der Eremitage 100 Rubel, Touristen dagegen 400 Rubel. Die Preise, obwohl schon ungleich, sind also nicht einmal nur verdoppelt, sondern gleich vervierfacht, und zwar überall. Ob man nun den Winterpalast, die Kunstkammer, das russische Museum, irgendeine Kirche, irgendeinen Friedhof betreten will oder direkt nach Puschkin fährt (eine Stadt etwas außerhalb von St. Petersburg, wo man das berühmte Bernsteinzimmer im Katharinenpalast (gegenüber dem Alexanderpalast) betrachten kann und wo Puschkin selbst das Lyzeum besucht hat. Die Stadt hieß früher Zarskoje Selo.), überall herrscht die gleiche „russische Gerechtigkeit“. Dazu zahlt man dann noch einen Aufpreis, falls man Fotos machen möchte, wobei man natürlich nicht in allen Räumen Fotos machen darf. Schilder verweisen darauf, ob ohne Blitzlicht fotografiert werden darf oder eben ein allgemeines Verbot herrscht.

(Katharinenpalast außen)

(Katharinenpalast innen)

(Puschkindenkmal in... nun ja... Puschkin.)


Bin im Elysium ich des Nordens,
Im Park von Zarskoje Selo,
Wo, Sieger ob dem Leun, voll Kraft, nur müd des Mordens,
Der Reußen Aar schlief, friedenfroh?
Fern, fern ist jene Zeit erhabenen Heldentumes,
Wo, unterm Zepterschutz der kaiserlichen Frau,
Ganz Russland trug den Kranz der Ehren und des Ruhmes,
Und Segen flog von Gau zu Gau.

Ach, alles weckt mit Kummermiene
Erinnerungen alter Zeit.
"Das Große liegt gestürzt, denn tot ist Katharine!"
Seufzt jedes Reußen Herzeleid.
Er sitzt ins Ufergrün im Bann des Sinnens nieder,
Die Lippe spricht kein Wort, den Winden lauscht sein Ohr,
Vor seinem Blick erstehn geschwundne Jahre wieder,
Sein Geist schwingt selig sich empor.

(Puschkin - Erinnerungen an Zarskoje Selo/1814 (Auszug))


Man hat Glück, wenn man einen Einheimischen an der Seite hat, der versuchen kann, russische Preise zu bezahlen, während man irgendwo leicht abseits steht und nicht reden darf. Wie leicht haben sich Menschen hier schon verraten, weil sie nicht unmittelbar vor dem Eingang, sondern viele Meter vor den jeweiligen Besichtigungsorten ganz unbedacht in ihrer eigenen Sprache sprachen und von irgendeinem Mitarbeiter entlarvt wurden, der extra dafür engagiert ist, um die Besucher zu belauschen. Da kann man sich dann an der Kasse noch so sehr zurückhalten, man trifft nur auf ein Kopfschütteln und muss die „andere Summe“ zahlen.
In der Eremitage wird sogar ein Ausweis verlangt, man kann also so oder so nicht tricksen. Wer keinen russischen vorlegen kann, zahlt Touristenpreise.
Die Russen erklären diese Festlegung der Preise dadurch, dass sie selbst eben weniger Geld verdienen würden als die Touristen. Nur besuchen eben nur Russen mit Geld die Prachtbauten und Ausstellungen, die arme Bevölkerung sieht man auf jenen Marmorböden und Vorplätzen selten.

(Morgen folgt Teil 3).

Liebe Grüße
Taxine

Angefügte Bilder:
isaakkat11_ausblick_eremita.jpg
peterdergroße_denkmal.jpg
miliz.jpg
achm_gefang1.jpg
miliz_omon.jpg
erm_innen.jpg
puschkin3.jpg
puschkin7_in.jpg
puschkininpuschkin.jpg



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 01.07.2010 16:33 | nach oben springen

#12

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 26.06.2010 23:48
von LX.C • 2.726 Beiträge

Wahnsinn - Wahnsinn, Wahnsinn. Deckt sich nach wie vor mit alten Klassikern russischer Literatur. z.B. was die Arbeitsmoral angeht oder die kauzigen, undurchsichtigen Typen. Aber was ist, wenn man kein Russisch spricht (toll, dass du die Menschen belauschen kannst, da bekommt man doch schon wieder einen ganz anderen Eindruck), dann ist man in diesem Anmeldeverfahren als Tourist doch ziemlich aufgeschmissen. Was passiert, wenn man sich nicht anmeldet? Wie kommen alte und kranke Menschen in diesen Verhältnissen zurecht, in denen auch deine Oma lebt? Und was ist passiert, dass du die Ordnungshüter zu spüren bekommen hast? Folgt sicher im 3. Teil. Ich bin gespannt.


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 26.06.2010 23:53 | nach oben springen

#13

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 27.06.2010 00:21
von Taxine • Admin | 5.960 Beiträge

Ja, da kann man schon leicht verzweifeln.
Wenn man sich nicht in diesen drei Tagen anmeldet, bekommt man auf der Rückreise Schwierigkeiten, wird möglicherweise nicht aus dem Land gelassen. Bereits im Flugzeug auf der Hinreise muss man einen weiteren Zettel ausfüllen, den man nicht verlieren darf. Und alles kostet zusätzlich Geld.
Ich kann mir vorstellen, dass jemand, der in einem Hotel wohnt, möglicherweise auf weniger "Umstände" trifft (was aber reine Spekulation ist, betrachtet man die dortigen Verhältnisse). Ich musste mich anmelden, weil ich bei meiner Großmutter untergebracht war. Auch sie musste später noch auf die Poststelle mitkommen, um ihre Unterschrift zu geben und ihren eigenen Ausweis vorzulegen. Die spinnen schon, die Russen.
Im Hotel gibt es dafür vielleicht eine andere Lösung.

Diese Menschen kommen, trotz aller Widrigkeiten, erstaunlich gut zurecht, auch wenn man ihnen, wie schon beschrieben, die Not ansieht. Ich werde noch darüber schreiben, sie wissen sich in allen Dingen zu helfen.

Jenes Ereignis folgt in Teil 3 oder 4. Spannung muss sein.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 27.06.2010 00:26 | nach oben springen

#14

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 27.06.2010 12:07
von LX.C • 2.726 Beiträge

Die letzten Fotos von den Denkmälern und dem Katharinenpalast sind übrigens sehr schön. Besonders das hier ist von Licht und Farbe doch der reinste Augenschmauß.



Ist die Eremitage im Katharinenpalast? Ich dachte das hellblaue Gebäude wäre die Eremitage.

Von dem Peter-Denkmal erzählt auch Belyj in "Petersburg", kann ich mich erinnern. (Und du schon in früheren Texten )


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 27.06.2010 12:11 | nach oben springen

#15

RE: St. Petersburg

in Gedanken vom Tag 27.06.2010 13:38
von Taxine • Admin | 5.960 Beiträge

Der Katherinenpalast liegt in Puschkin, ehemaliges Zaraskoje Selo. Die Stadt liegt etwas außerhalb von St. Petersburg und sieht wie eine Filmkulisse aus.





(Parkanlage zwischen dem Katharinenpalast und dem Alexanderpalast.)

Der sitzende Puschkin ist auch dort zu finden. Es gibt noch einen stehenden vor dem russischen Museum in St. Petersburg. (Foto folgt.)

Die Eremitage liegt direkt in St. Petersburg und hat eine grüne Front.

(Vorplatz Eremitage)


(Andere Seite zur Newa)

Angefügte Bilder:
erm_vorplatz2.jpg
erm_vorderseite1.jpg
puschkin2.jpg
puschkin4.jpg
puschkin8_in.jpg
puschkin1.jpg



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 27.06.2010 13:44 | nach oben springen


Besucher
0 Mitglieder und 1 Gast sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: Bananasplit
Forum Statistiken
Das Forum hat 996 Themen und 23144 Beiträge.

Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen | ©Xobor.de