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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#16

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 21.11.2010 19:24
von Zypresserich • 2.872 Beiträge

Krieg und Frieden hab ich gelesen, aber die Szenen im Schlachtfeld irgendwann nur noch überflogen. Die waren mir dann doch zu detailliert von wegen der dritte Tote von links hatte dieunddie Knöpfe an demunddem Wams.


https://zumabgesaegtenast.wordpress.com/...n-hat-ein-ende/
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#17

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 22.11.2010 10:48
von LX.C • 2.679 Beiträge

Mir wäre das glaube ich auch alles viel zu langatmig.


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
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#18

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 22.11.2010 17:53
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine

Zitat von Krümel
Und deshalb ist natürlich der Titel "Auferstehung" schon richtig greifbar.


Über den Titel habe ich auch nachgedacht. Wer "ersteht auf"?




Greifbar wird für mich die "Auferstehung" während der orthodoxen Messe zum Osterfestes. Gleich mehrmals lesen wir in den betreffenden Kapiteln "Christus ist auferstanden". Keineswegs zufällig, sondern genau zu diesem Ereignis, kommt Nechljudow zur hohen Erkenntnis und Erfahrung der Liebe, d.h. der geistige Aspekt seines Wesens kommt zum Vorschein, und das mutet sehr spirituell an. Die Verbindung von der Körperlichkeit ("jungfräulich) zum Geistigen:

Zitat von Tolstoi
..die Liebe zu allen und zu allem, nicht nur zu dem Schönen, Guten, das es in der Weld gibt, sondern auch zu jenem Bettler, den sie geküßt hatte. Kap. 15



Das Verliebtsein ist so schön, weil man die ganze Welt umarmen möchte. "Seid umschlungen Millionen" Im Zustand des Verliebstseins sich alles um den Gegenstand der Liebe zentriert, dieses Gefühl Tolstoi sehr schön zelebriert:

Zitat von Tolstoi
Ihretwegen glänzte das Gold der Heiligenwand...Kap 15



Bemerkenswert ist, dass Nechljudow diese an spirituell grenzende Erfahrung während der orthodoxen Zelebration der Messe erfährt, an derem Ende es heißt "Christus ist auferstanden", der, der die Welt geliebt hat.

Es ist nun tragisch, aber so passiert es oft genug, dass dieser geistige Aspekt abtaucht, und das animalische Wesen zum Vorschein kommt. Und so passiert es auch hier: Nechljudow will mit Katjuscha schlafen, die Leidenschaft bricht durch, die Reinheit der Liebe wird gebrochen, der geistige Aspekt des Menschen unterliegt.

Warum muss das so sein? Das ist ja auch ein Problem in den Religionen? Ohne missionieren zu wollen, heißt es in einem Korinhterbrief sinngemäß, Heiraten ist gut (damit man nicht/weniger sündigt), aber Jungfräuligkeit sei besser. Natürlich ist sexuelle Vereinigung nur mit begehrlichem Motiv vorstellbar, und es kann ja nicht schlecht sein, weil der Trieb natürlich ist, wir, oder die/einige Religionen bes. das Christentum diese Angelegenheit problematisiert hat, der Mensch eben aus beidem besteht: aus Geist und Körper. In anderer Bibelstelle (in den Briefen, NT) allerdings auch sinngemäß gesagt wird, der Körper ist eine Wohnung Gottes, somit der Körper an sich auch etwas heiliges ist ( und dieser nun nicht ehebrecherisch versündigt werden sollte).

Entschuldigt meine religionsphylosophischen Ausführungen in den Zeiten des Atheismus, aber mit diesen Problemen wird sich Tolstoi doch auch herumgeschlagen haben.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 22.11.2010 22:46 | nach oben springen

#19

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 22.11.2010 22:44
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Ja, das sind schöne Gedanken, Martinus. Ich habe einmal eine Dokumentation über eine russische Glaubengemeinschaft gesehen, die als kleines Dorf in ihren eigenen Ritualen lebte. Sie schufen sich alles mit eigenen Händen und lehnten die Technik ab. Die Vorsteher der Kirche, die dann zu Ostern erwartet wurden, wirkten wie erhabene und fast heilige Geschöpfe, deren Aufgabe wohl darin lag, zu versuchen, die Menschen auf den rechten Weg zu führen und sie zu segnen. Für die Gemeinschaft war die Ankunft dieser Kirchenvertreter das wohl größte Ereignis des Jahres. Die Dorfbewohner lebten von dem, was sie anbauten und selbst erbauten. Und das, woran sie glaubten, war eine Form der Religion, die einer Sekte gleichkam. Sie bauten also ihre Felder ohne Gerätschaft an, lebten in den wackligsten Hütten, jedoch war die Kirche, die sie dort besuchten, der wohl beständigste Bau der Umgebung. All das war angenehm zu betrachten. Man spürte die Erhabenheit ihrer Handlungen und Lebensweise. Das war u. a. auch darum interessant, weil sie sogar ein eigenes, unglaublich schweres, zusammengeschweißtes Bügeleisen hatten, mit dem sie ihre eher schäbige Kleidung bügelten, um... sich fein und würdig zu machen... für die Kirche. Im Interview mit den Machern der Dokumentation berichteten die Männer und Frauen, was sie sich von einem erfüllten Leben erhofften. Familie, Zufriedenheit, Glauben. Und in ihren Gesichtern war genau das zu lesen.
Auch bei Tarkowskij findet man diese bestimmten, religiösen Vorgänge, z. B. in seiner H'ommage auf „Andrej Rubljow“, dessen Ikonen wir ja kennen.

Ich denke, Tolstoi wirft gleichzeitig einen Blick auf die Zeremonien und weist (später) auch auf die versteinerten Rituale der Kirche hin, die mit dem Glauben und insbesondere mit Jesus nichts mehr zu tun haben. Einerseits gibt es dem Menschen Hoffnung und Liebe, andererseits verführt es zu einem Konflikt, den du so gut erkannt hast: Geist und Körper, deren Einigkeit man nicht einfach abtun kann. Natur und Seele, Geist und Organismus, Trieb und Sehnsucht gehören nun einmal zueinander, sind jene Grenzen, die nur der menschliche und insbesondere kirchliche Verstand zu ordnen versucht. Gleichzeitig wird auf die Sünde beharrt.
Die einen gehen (in den Augen Tolstois) in die Kirche, weil sie sich Rettung erhoffen, die anderen, weil es die anderen machen, und die Gottesdiener und Repräsentanten jener Bauten mit allmächtigem Kreuz, um die „Show“ zu vollführen. Zu Ostern aber herrschen in Russland große Traditionen. Da wird dargebracht und Gebäck und Brot gebacken. Alles wirkt einfach und eindrucksvoller als jede Zeremonie. Die ganze Gemeinschaft macht sich ans Werk und freut sich aneinander und den eigenen Gaben. (Gleiches findet man in Griechenland vor.) Die Liebe untereinander ist in solchen Augenblicken sehr sichtbar.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 23.11.2010 13:47 | nach oben springen

#20

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 23.11.2010 11:39
von Krümel • 499 Beiträge

Zitat von Martinus
Greifbar wird für mich die "Auferstehung" während der orthodoxen Messe zum Osterfestes. Gleich mehrmals lesen wir in den betreffenden Kapiteln "Christus ist auferstanden". Keineswegs zufällig, sondern genau zu diesem Ereignis, kommt Nechljudow zur hohen Erkenntnis und Erfahrung der Liebe, d.h. der geistige Aspekt seines Wesens kommt zum Vorschein, und das mutet sehr spirituell an. Die Verbindung von der Körperlichkeit ("jungfräulich) zum Geistigen.



Ja, in der Messe wird mehrfach Jesus-„Auferstehung“ verwendet, das hatte bei mir allerdings, wie schon Taxine erwähnte, einen eher ironischen Beigeschmack, weil „gerade Jesus dieses ganze >Brimborium< verboten hatte, was hier vollführt wurde“. Die „Auferstehung“ nimmt eine höhere Ebene ein als dieses dekadente Christentum dort vollführt. Genau, eine höhere spirituelle, geistige Ebene. Für Tolstoi ist beispielsweise die Armut auch ein hohes Ideal oder diese Zeile:

Zitat von Tolstoi
… er wünschte von ihr nichts für sich selbst, sondern hatte einzig den Wunsch, daß sie ihre jetzige Wesensart ablegen und wieder zu jener zurückfinden möge, die er von früher her an ihr kannte.



Zitat von Tolstoi
Katjuscha gab es nicht mehr, nur noch eine Maslowa.



Darin enthalten ist natürlich die animalische Enthaltsamkeit, aber insgesamt geht es darüber noch hinaus zum absoluten Idealismus, ganz rein und fern aller „Schwächen“ und Untaten, die wirkliche Bergpredig ohne Schuld und Sünde. (Ständig habe ich bei Tolstoi auch so blitzartige Gedanken wie jetzt, das tendiert alles zum Kommunismus, was auch zeitlich stimmig sein könnte. Gleichheit, Freiheit …)

Zweiter Schwerpunkt der „Auferstehung“ ist meiner Meinung nach die Frage, wie sehr man sich selber lebt, aus sich selber heraus, und was von außen auferlegt wird sowie inwieweit man das Außen schon als Innen erlebt. Darauf geht Tolstoi ständig ein, wie auch am Beispiel der Prostitution:

Zitat von Tolstoi
Um etwas leisten zu können, muß jeder seine Tätigkeit für wichtig und gut halten. Daher wird er sich, welcherart seine Stellung auch sein mag, stets eine Lebensanschauung bilden, die ihm seine Tätigkeit als wichtig und gut erscheint.



Zitat von Tolstoi
Menschen, die durch das Schicksal oder einen Fehltritt in eine bestimmte Lage geraten sind, werden sich allemal eine Lebensauffassung aneignen, die dazu führt, daß sie ihre Lage, wie verwerflich sie auch sein mag, dennoch für gut und achtenswert halten. Und um sich einen Rückhalt für diese Auffassung zu verschaffen, schließen sie sich instinktiv, einen Kreis von Menschen an …

auch Reiche, Feldherren und Herrscher …

Eine andere „Auferstehung“ war ein paar Seiten zuvor das Ausgraben des Tagebuchs von Nechljudow, den inneren Monolog wieder fortzuführen. Auch hier zu sich selber finden, das Tagebuch als spiritueller Weg? (Auch nicht schlecht.)

Insgesamt kann man schon kaum die Gesamtheit vom Buch wiedergeben, es ist sehr komplex und dadurch natürlich großartig

zuletzt bearbeitet 23.11.2010 11:43 | nach oben springen

#21

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 23.11.2010 13:53
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Ja, da hast du recht, Krümel. Die Szenen sind so vielfältig, dass man sie schwer alle wiedergeben kann.

Ein wahres Prachtbild der Beschreibung ist z. B. die „liegende Dame“, Sofja Wassilijewna. Sie ist dünn, lächelt „ein gekünsteltes, falsches Lächeln, das aber einem natürlichen ganz ähnlich sah“ und hat dazu noch lange, gemachte Zähne, ist eine „sich immer noch jugendlich herrichtende Brünette“, die wohl ein Verhältnis mit ihrem Hausarzt Kolossow hat.
(Sie)… hatte ihr sehr feines und sehr gutes Mittagessen beendet, das sie immer allein einzunehmen pflegte, damit niemand sie bei dieser unpoetischen Tätigkeit sehe. (Kap. 27)

Die Fürstin ist die Mutter von Missi, die sich eine Ehe mit Nechljudow erhofft, die nicht "die Seine werden, sondern ihn zu dem Ihrigen machen" will. Ihre Mutter liegt in Gold, Seide und Spitzen gehüllt bereits seit acht Jahren und empfängt in dieser Weise die Leute. Hier wirft Tolstoi einen Blick auf die pure Dekadenz. Missis Vater ist einer jener Generäle, die reich sind (sich also nicht hinaufdienen müssen) und trotzdem zum Militär gehen, um ihre Perversitäten auszuleben. Dieser ließ Soldaten grundlos auspeitschen und sogar aufhängen. Tolstoi beschreibt ihn als fetten, widerlichen Mann, der mit vollem Mund Befehle erteilt, vor dem selbst Nechljudow die Achtung verliert.

Als Nechljudow vor der liegenden Dame steht, bemerkt er über sie und Kolossow: (Kap. 27)

Zitat von Tolstoi
Während er bald Sofja Wassiljewna, bald Kolossow zuhörte, sah er erstens, dass sowohl Sofja Wassiljewna wie auch Kolossow sich weder für das Drama noch füreinander interessierten; wenn sie sprachen, so taten sie es nur zur Befriedigung des physiologischen Bedürfnisses.



Die liegende Dame ergibt sich ganz dem Geplauder, faselt von Mystizismus, Poesie und Aberglaube, dirigiert dabei in voller Anstrengung den (von Tolstoi extra betont) schönen Diener, der die Vorhänge zuziehen soll, damit kein Sonnenstrahl auf die Fürstin fällt, die sich durch ungünstiges Licht vielleicht in ihrem wahren Alter verraten würde. Zumindest geht die liegende Fürstin davon aus, dass keiner weiß, wie alt sie ist und dass sie da, hingeräkelt, wohl jung und schön erscheinen muss. Ihr gieriger Blick, ihre Art, Menschen zu empfangen, die sie ebenso als Untergebene, als Spielball ihrer Launen betrachtet (sie unterhalten sich ja nicht einmal ernsthaft, sondern reden nur das, was gerade so angesagt ist), zeigen Nechljudow, in welchen Kreisen er (zuvor gerne, nun, durch die Begegnung mit Katjuscha, mit starkem Widerwillen) verkehrt. Auch hier ist seine Umgebung Spiegel seiner selbst (Und plötzlich begriff er, dass jener Abscheu, den er in der letzten Zeit vor den Menschen empfunden hatte (…), dass dieser Abscheu der Abscheu vor sich selbst war.), sein animalisches und verformtes Ich tritt deutlich hervor und deutet an, wohin er sich hätte entwickeln können. Das Lob der Fürstin für seine Malerei (ein Vergleich mit dem angesagten Maler Repin, der übrigens Tolstoi gezwungen hat, barfuss zu posieren, in seinem berüchtigten Tolstoi-Hemd, damit er wie ein einfacher Prediger erschien, was Tolstoi nicht behagte, er sich jedoch trotzdem gefallen ließ) zwingt ihn, diese Umgebung ganz und gar als Trug und Heuchelei zu erkennen.


Repin "Tolstoi", hängt im russischen Museum in St. Petersburg

Als Nechljudow über seine tote Mutter nachdenkt, die ein Künstler so offenherzig porträtiert hat, während ihm nur die abgezerrte und kranke Frau vor Augen ist, gleiten seine Gedanken auch zurück zur Familie von Missi, die er nicht mehr heiraten will. (Auch hier vielleicht ein langer, schmerzvoller Tolstoi’scher Wirklichkeitsausruf, wenn Nechljudow schimpft):

Zitat von Tolstoi
Schändlich und abscheulich. Abscheulich und schändlich.
Nein, nein, dachte er, man muss sich freimachen, muss sich lösen von all diesen verlogenen Beziehungen…

(Kap. 28)

Und ein weiterer Aufschrei: (e.d.)

Zitat von Tolstoi
Damals war er ein frischer, freier Mensch gewesen, vor dem sich unendliche Möglichkeiten eröffneten; jetzt fühlte er sich von allen Seiten im Netz des dummen, leeren, ziellosen, nichtigen Lebens gefangen, aus dem er keinen Ausweg sah, ja, aus dem er gewöhnlich gar nicht einmal heraus wollte. Er erinnerte sich, wie er ehemals auf seine Geradheit stolz gewesen war, wie er es sich damals zur Regel gemacht hatte, immer die Wahrheit zu sagen und wirklich wahrhaftig gewesen war, und jetzt war er ganz in die Lüge verstrickt, in die allerschrecklichste Lüge, die seine ganze Umgebung für die Wahrheit hielt. Und es gab kein Entrinnen, wenigstens sah er keine Möglichkeit dazu. Und er versank in diese Lüge, gewöhnte sich an sie und hätschelte sie.



Vielleicht hat Tolstoi durch seine Werke versucht, mit seiner Familie neu zu kommunizieren, weil er sie im normalen Gespräch nicht mehr erreichte? Oder wollte er wenigstens festhalten, was ihn so sehr belastete? In solchen Ausbrüchen verwandelt sich Nechljudow vor meinen Augen in Tolstoi und zurück, Figur und Schriftsteller verschmelzen:

Zitat von Tolstoi
Wie konnte er sein Verhältnis zu Marja Wassiljewna und ihrem Mann so lösen, dass er sich nicht schämen müsste, ihm und seinen Kindern ins Gesicht zu sehen?(…) Wie sich aus dem Widerspruch herausarbeiten, dass er einerseits anerkannte, Eigentum an Grund und Boden sei ungerecht, und andererseits sein mütterliches Erbe in Besitz genommen hatte, das er zum Leben brauchte?


und

Zitat von Tolstoi

Wie ungeheuer groß die Kluft zwischen dem, was er war, und dem, was er sein wollte, auch sein mochte, dem erwachten geistigen Wesen schien alles möglich.



Und genau, wie Tolstoi, so führt auch Nechljudow Tagebuch, um sich zu reinigen und wieder neu zu ordnen.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 23.11.2010 14:15 | nach oben springen

#22

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 23.11.2010 15:00
von Krümel • 499 Beiträge

Zitat von Taxine
Und genau, wie Tolstoi, so führt auch Nechljudow Tagebuch, um sich zu reinigen und wieder neu zu ordnen.



Diese Verschmelzung bemerke ich auch ständig und zwar auch fließend. Oft ist es so, dass zunächst aus der Perspektive von Nechljudow erzählt wird und er ohne Übergang zum Erzähler wird. Oder aus der Erzählerperspektive bricht förmlich Nechljudow hervor (meist mit seinen ganz hohen Idealen).

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#23

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 23.11.2010 16:01
von Martinus • 3.194 Beiträge

Ja, ihr habt schon vieles gesagt
Nechljudow befindet sich im Prozess einer inneren Wandlung. Zuerst die Erkenntnis dessen, was er Maslowa angetan hat, er schämt sich in Grund und Boden, dann eine Nachlässigkeit bei Gericht, die dazu führt, dass Maslowa zu vier Jahren Zwangsarbeit verurteilt wird.

Zitat von Tolstoi
wie er es sich damals zu Regel gemacht hatte, immer die Wahrheit zu sagen, und wirklich wahrhaftig gewesen war, und jetzt war er ganz in die Lüge verstrickt....



Nebenbei gesagt, dass ganze Gericht auch ziemlich dekadent erscheint, der Vorsitzende die Verhandlung schnell durchziehen will, weil er am Tage sich noch mit einer Schweizerin treffen will, durch unglückliche Zufälle und Nachlässigkeiten es zum Fehlurteil kommt. Tolstoi von Rabelais erzählt, der einmal, um zu einem Urteil zukommen, gewürfelt habe. Maslowa in Verbindung mit Suggestion/Hypnose (Charcot) zu bringen, war an sich schon lächerlich.

Zitat von Krümel
Für Tolstoi ist beispielsweise die Armut auch ein hohes Ideal oder diese Zeile:



Nechljudow hinterfragt sein bisheriges Leben, auch sein Reichtum, seine Erbschaft. Er will sein bisheriges Leben umkrempeln, nimmt sogar die Idee auf, Maslowa evtl. zu heiraten, der Missi will er erzählen, dass er "ein liederlicher Mensch" sei.

Nur durch solch eine Bewusstwerdung und Umarmung seines Leides, wird er wohl zu einer Reinigung, d.h. Bewusstwerdung seines geistigen Wesens, kommen.

Mal sehen, wie es weitergeht.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 23.11.2010 20:12 | nach oben springen

#24

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 23.11.2010 17:43
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Zitat von Martinus
Ja, ihr habt schon vieles gesagt


Lesen wir eventuell etwas zu schnell, werter Martinus? Besser etwas langsamer lesen, damit alle gleichzeitig reflektieren können, oder?

Liebe Grüße
tAxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 23.11.2010 17:46 | nach oben springen

#25

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 23.11.2010 22:11
von Martinus • 3.194 Beiträge

Bisher komme ich ja so in etwa schon mit. Morgen lese ich voraussichtlich bis etwa einschließlich
Kap. 42, vielleicht auch ein wenig mehr.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 23.11.2010 22:12 | nach oben springen

#26

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 24.11.2010 17:52
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Krümel


Ja, in der Messe wird mehrfach Jesus-„Auferstehung“ verwendet, das hatte bei mir allerdings, wie schon Taxine erwähnte, einen eher ironischen Beigeschmack, weil „gerade Jesus dieses ganze >Brimborium< verboten hatte, was hier vollführt wurde“. Die „Auferstehung“ nimmt eine höhere Ebene ein als dieses dekadente Christentum dort vollführt. Genau, eine höhere spirituelle, geistige Ebene.



Ja. Jetzt verstehe ich schon. Man blicke auf Kap. 40, der Gottesdienst im Gefängnis. Hier verschont Tolstoi gar nichts. Man bete in seinem Kämmerlein und nicht in den Tempeln. Insgesamt sei, so steht's geschrieben, das ganze Brimborium des Gottesdienstes

Zitat von Tolstoi
die größte Lästerung und Verhöhnung des gleichen Jesus sei, in dessen Namen alles geschah.



Und im Roman wird begründet warum. Nur in einem wird übertrieben, das mit dem Brot und Wein. Eine ähnliche Prozedur gab es schon bei den Essenern. Die Bedeutung ist diese, man nehme sinnbildlich den Leib und das Blut Christi in sich auf, damit seine Lehre in jedem Christen wirke. Es gibt da aber einen Haken, den ich nicht verstehe. Warum soll man den Körper Christi in sich aufnehmen, und nicht seinen GEIST, nur im GEIST kann eine Lehre weiterexistieren, der Körper verwest irgendwann. Nach meinem Verständnis des Abendmahls soll der Geist Christi in sich aufgenommen werden , das hat Jesus schon mit seinen Jüngern gemacht, dadurch die Lehre Christi im Bewusstsein der Menschen weiterleben kann. Natürlich gehe ich jetzt weiter und sage, warum kontemplieren Christen nicht darüber. Das Christenztum wird heute meist nur mit dem Vertand versucht zu erfassen (und jeder Verstand hat seine Grenzen). Praktisch gesehen, kommt durch die Kommunion der Geist Christi nicht zu den Menschen. Wie soll das gehen? Es ist doch nur ein Ritual.

Tolstoi hat natürlich recht, Jesus war es lieb, wenn sich jemand ohne Prunk in sein Kämmerlein zurückzieht, in die Einsamkeit, und dort betet. Für den Goldprunk einer Ikonostase hätte sich Jesus nicht interesiert. Menschen sind offenbar dazu anfällig, dass sie irgendetwas handfestes/materielles für ihren Glauben brauchen. Darum gibt es ja Ikonen (vgl. Bilderstreit, hatten wir schon). z.B. darf Mohammed nicht bildlich dargestellt werden. So ist es recht, wenn Krümel sagt, die Auferstehung nehme eine höhere Stellung ein, als das dekadente Christentum. Ich nun den Faden wiedergefunden habe, direkt zum Tolstoitext zu kommen:

Zitat von Tolstoi
Und vor allem, daß er *) nicht nur verboten hatte, über andere zu richten und sie in Kerkern festzuhalten - sie zu quälen, zu beschimpfen....Kap.40



*) gemeint ist Christus

Hier Tolstoi vom Jesuswort zu der Juristereykritik seiner Gegenwart einen direkten Bogen schlägt. Nechljudow die Gerichtspraktik für unmoralisch hält, auch mitten in einem Gerichtsverfahren sich den Weiterverlauf der Verhandlung erspart, lieber sich bemüht, Maslowa in dem Gefängnis zu besuchen.

Jetzt bin ich sehr gespannt, wie es weitergeht. Es ist ja durchaus schwierig ein Leben als Moralapostel zu führen. Man könnte leicht zum Spott werden. Darum große Spannung, wie es Tolstoi schaffen wird, mit diesem Stoff umzugehen.

Liebe Grüße
mArtinus

PS: Morgen werde ich den Teil I des Romans zu Ende lesen. Lesestand Kapitel 44.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 24.11.2010 17:59 | nach oben springen

#27

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 24.11.2010 17:57
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Ich finde, diese Stellen der Kirchenkritik im Kap. 40 kann man ruhig mal ausführlich zitieren:

Zitat von Tolstoi
Und niemandem unter den Anwesenden – von dem Priester und dem Inspektor bis zur Maslowa – kam es in den Sinn, dass derselbe Jesus, dessen Namen der Priester so unzählige Male mit wohltönender Stimme wiederholte, indem er ihn mit allen möglichen seltsamen Worten pries – dass gerade dieser >Jesus all das verboten hatte, was hier verrichtet wurde: nicht nur einen solchen sinnlosen Wortschwall und die gotteslästerliche Hexerei der Priester mit dem Brot und dem Wein, sondern auch dass die einen Menschen die andern Meister nennen; dass er die Gebete in den Tempeln verboten und jedem befohlen hatte, in der Einsamkeit zu beten. Dass er die Tempel selbst verboten und gesagt hatte, dass er gekommen sei, sie zu zerstören, und dass man nicht in den Tempeln, sondern im Geist und in der Wahrheit beten solle. Und vor allem, dass er nicht nur verboten hatte, über andere zu richten und sie in Kerkern festzuhalten – sie zu quälen, zu beschimpfen, hinzurichten, wie es hier geschah -, sondern dass er jegliche Vergewaltigung der Menschen verboten hatte, indem er sprach, dass er gekommen sei, die Gefangenen in Freiheit zu setzen.



Den Anwesenden, so Tolstoi, kommt es nicht in den Sinn, das, was sie hier erleben, als Lästerung zu empfinden und als „Verhöhnung von Jesus“. Darum treten bei Tolstoi auch solche Gestalten bei einer Gerichtsverhandlung auf, die sich, trotz dass sie Geschworene sind, weigern, ein Urteil zu fällen oder selbst einen Schuldigen zu verurteilen. Der Gottesdienst unterliegt der gleichen Heuchelei, wie Nechljudow sie in den Häusern der gutbürgerlichen Dekadenz vorfindet. Die Priester sind von Kindheit an in diesem Glauben erzogen, dass das, was sie hier vollführen, die „wahre Religion“ sei, die Gefangenen glauben an das Wiedergutmachen ihrer Sünden, solange sie am Gottesdienst teilnehmen und auf eine Bequemlichkeit für das künftige Leben und auch die Maslowa empfindet ein „halb andächtiges, halb gelangweiltes Gefühl“ beim Gottesdienst.

Sie ist Gefangene ihres Schicksals, fühlt bereits die Zwangsarbeiterin in sich, hinter der ihre Unschuld nach und nach verblasst. Tolstoi hat für die Überzeugungen, die im guten wie im schlechten Sinne die Handlungen bestimmen, eine wunderbar philosophische Erklärung (klar, für uns heute nichts Neues, aber dennoch so schön ins Wort gefasst):
In Kap. 45 sagt er:

Zitat von Tolstoi
Jeder Mensch muss, um handeln zu können, seine Tätigkeit für wichtig und gut halten. Seine Lage mag daher sein, wie immer sie wolle – stets wird er sich solch einer Ansicht über das menschliche Leben überhaupt bilden, die ihm seine Tätigkeit als wichtig und gut erscheinen lässt.
Man glaubt gewöhnlich, dass der Dieb, der Mörder, der Spion, die Prostituierte ihre Tätigkeit für schlecht halten und sich ihrer schämen müssen. Aber gerade das Gegenteil trifft zu. Diese Leute, die durch das Schicksal und durch ihre Sünden und Verirrungen in eine bestimmte Situation geraten sind, sei sie auch noch so schief, bilden sich eine solche Ansicht vom leben überhaupt, dass ihre Situation ihnen gut und ehrbar erscheint. Um aber eine solche Ansicht aufrecht zu erhalten, bewegen sich die Leute instinktiv in einem menschlichen Kreis, der jenen Begriff vom Leben und von ihrem Platz darin, den sie sich gebildet haben, anerkennt. Wir wundern uns, wenn Diebe mit ihrer Gewandtheit, Prostituierte mit ihrer Liederlichkeit und Mörder mit ihrer Grausamkeit prahlen. Aber es wundert uns nur deshalb, weil wir außerhalb ihres Kreises, ihres Lebensbereiches, der ohnehin beschränkt ist, stehen. Aber tritt nicht dieselbe Erscheinung auf unter den Reichen, die mit ihrem Reichtum, das heißt mit ihrem Raub prahlen? (…)



Genau das ist eben, warum diese Welten und vielseitigen Ansichten von Moral und Handlung nebeneinander existieren. Jeder hat seine Überzeugung von dem, was er tut. Und wenn er vielleicht genötigt ist, sich zu bereichern oder ein Verbrechen zu begehen, wird er dieses in seinem Sinne rechtfertigen. „Ich musste so handeln, weil…“ Selbst, wenn jemand gegen seine Überzeugungen handelt, wird er sein Denken erst einmal an seine Handlung anpassen, weil er sonst gar nicht handeln könnte. Das, was für den Außenstehenden dann unverständlich wirkt, ist aber das Gleiche, das auch er auf sein Tun in Form einer Erklärung anwendet. Nur der Ausdruck der Handlung unterscheidet sich und ist darum im jeweils fremden Auge ungerechtfertigt bis schlecht oder sogar bösartig.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 24.11.2010 17:58 | nach oben springen

#28

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 25.11.2010 18:58
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Ganz zum Thema passend, weil wir es zuvor gerade von dem Zusammenspiel von Körper und Geist hatten und der Strenge der Kirche, sagt Rosanow:

Es herrscht doch eine gewisse Unvereinbarkeit zwischen dem Christentum und den "gespreizten Schenkeln".

Und:
Liebe ist ein Abmatten; sie quält und macht matt, und sie tötet, wenn sie unbefriedigt bleibt.
Deshalb ersteht gesättigte Liebe immer aufs neue.
Liebe ist Auferstehung.


(Gefunden in Rosanow: "Verwehte Blätter")

Ich kann mir denken, darauf will Tolstoi auch hinaus. Die Liebe als Auferstehung. Sowohl Nechljudow als auch die Maslowa werden auferstehen, durch ihre Verwandlung und Veränderung ... durch die Liebe.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 25.11.2010 21:48 | nach oben springen

#29

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 25.11.2010 20:29
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine


Es herrscht doch eine gewisse Unvereinbarkeit zwischen dem Christentum und den "gespreizten Schenkeln".



schon witzig, ja.

Es ist schon möglich, dass die Liebe zwischen Maslowa und Nechljudow zur Auferstehung wird, wobei ich in Bezug der Auferstehung in meinem Kopf die Auferstehung vom animalischen zum geistigen Menschen schwirrt. Maslowa ist im Gefängnis und lenht Nechljudows Heiratsantrag strickt ab. Wie du schon sagtest, sie identifiziert sich schon als Zwangsarbeiterin in Sachalin. Aber es kann sich ja noch ändern.

In diesem Zusammenhang passt sehr schön dieses Zitat, Kap. 60

Zitat von Tolstoi
Es ist einer der gewöhnlichsten und am weitesten verbreiteten Aberglauben, daß jeder Mensch nur eine einzige bestimmte Eigenschaft habe, die ihm zugehöre, daß ein Mensch entweder gut oder böse sei...Die Menschen sind wie Flüsse: das Wasser ist überall gleich, überall dasselbe, aber jeder Fluß ist bald schmal und rasch, bald breit und still, bald rein und kalt, bald trübe und warm. Ebenso ist es auch mit den Menschen. Jeder Mensch trägt in sich die Keime aller menschlichen Eigenschaften....



Und weil das so ist, schwankt Nechljudow vom Animalischem, zum Geistigen, dann wieder zum Animalischen. Es kommt nun drauf an, wo sich Maslowa und Nechljudow schließlich finden.

Es geht weiterhin um Misstände im Justizbereich. Im Gefängnis sitzen 130 Menschen wegen einer Lappalie: Ihr Pass war nicht verlängert. Bei einem Bauern kam es wie bei Maslowa zu einem Fehlurteil. Diese Ungerechtigkeit, diese Nachlässigkeit und dieses "Mir ist alles egal" - Einstellung von Justizbeamten bringt Nechljudow auf die Palme, sodass es ihm schon anekelt.

Zitat von Tolstoi
Es war klar: wie geschickt ausgedacht und wie alt und gewohnt die Gründe auch sein mochten, die den einen Menschen erlauben, den andern böses zu tun, ohne sich dafür verantwortlich zu fühlen - dem Inspektor konnte nicht verborgen bleiben, daß er einer der Mitschuldigen an dem Kummer war...Kap.57



Und hier schwingt das Entsetzen über die Widrigkeit der Umstände:

Zitat von Tolstoi
Wie schwer es ihn auch ankam, einen Mann zu bitten, den er nicht achtete und der Rutenhiebe zudiktierte - Kap. 58



Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 25.11.2010 20:33 | nach oben springen

#30

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 25.11.2010 20:50
von Krümel • 499 Beiträge

Zitat von Martinus
Es ist schon möglich, dass die Liebe zwischen Maslowa und Nechljudow zur Auferstehung wird, wobei ich in Bezug der Auferstehung in meinem Kopf die Auferstehung vom animalischen zum geistigen Menschen schwirrt.



Ja auch eine Auferstehung, dieser Gedanke kam mir auch schon. Eine andere, die Auferstehung des russischen Volkes, (aber ich bin schon weit im zweiten Teil. )

Noch ein Gedanke, den ich gerne teilen würde, ist: Tolstoi möchte ja so gerne, dass der Mensch das ist, was er innerlich ist und keine aufgesetzte Fassade. So, dabei sind alle seine Gedanken nur gut und moralisch. Gibt es denn tatsächlich nicht den Mensch, der von sich aus, aus sich heraus schlecht ist oder zumindest schlechtere Züge hat?
Ist man von innen immer gut?

(Morgen mehr, ich hoffe zumindest, dass ich Zeit finde.)

zuletzt bearbeitet 25.11.2010 20:51 | nach oben springen


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