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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#46

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 02.12.2010 20:11
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine


Mehr aber bald, wenn Martinus soweit ist.



Sagen wir mal so. Ich bin im dritten Teil, Kap. 5. Schreibt morgen ruhig schon rein, wenn's in den Nägeln brennt. Mich stört die Nullspoilerey ja sowieso nicht. Morgen lese ich einen großen Schwung, aber nicht alles. Und am Samstag, wenn's läuft wie geplant, fahren wir nach München ins Literaturhaus und dann zum Weihnachtsmarkt.

Bisher kann ich auch nicht erkennen, dass Nechljudow in seinem Vorhaben schwächelt. Er bereut auch das, was er zu seinem Schwager gesagt hat.

Beeindruckend fand ich die Passage, wie die Beamten an den Tod an zwei Häftlingen (Sonnenstich)schuldig sind, aber ihnen einzeln keine Schuld nachgewiesen werden kann. Sie sind alle in einem verbrecherischen System verwickelt, was ihnen gar nicht so bewusst ist, einem System, was kein Mitgefühl für die Menschen entfaltet hat. Diese Analyse Tolstois ist doch großartig. Dazu werde ich mogen noch Stellen zitieren, auch noch zu anderen Passagen, die mir gefallen haben. Heute bin ich einfach zu müde dazu.

Die Gewalt einzelner Soldaten gegenüber Häftlingen ist allerdings eine andere Schiene. Weil diese Gewalt nicht bestraft wird, wird für diese Gewalt ein Boden bereitet. Die schlimmen Zustände in den Zugwaggons, da dachte ich an die Züge nach Auschwitz.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 02.12.2010 21:33 | nach oben springen

#47

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 02.12.2010 22:11
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Martinus


Beeindruckend fand ich die Passage, wie die Beamten an den Tod an zwei Häftlingen (Sonnenstich)schuldig sind, aber ihnen einzeln keine Schuld nachgewiesen werden kann.



Das war das berühmte Kap. 40 im Zweiten Teil

Zitat von Tolstoi

Und das Schrecklichste von allen ist, daß man ihn getötet hat und niemand weiß, wer ihn getötet hat.



Einzelne Beamte wirken im Zahnrad eines ganzen Systems. Maslennikow gibt eine Anordnung, der Gefängnisarzt untersucht nur die Häftlinge, der Inspektor ist nur einer Anordnung nachgekommen, eine bestimmte Anzahl von Zwangsarbeitern zu transportieren usw. Welcher einzelne nun die Schuld am Tod der Gefangenen hat, ist schwer auszumachen. Der Grund liegt einfach darin, diese Beamten haben das Mitgefühl, die Menschlichkeit ausgeblendet. Zu diesen Schlüssen gelangt Nechljudow. Indem er so denkt, bleibt er doch seiner bisherigen Denkungsart treu. Die Liebe ist das wichtigste überhaupt, die allumfassende Liebe, das große Stück Kuchen von Menschlichkeit. Weil in dieser Bürokratie diese Menschlichkeit fehlt, passieren all die Katastrophen und Ungerechtigkeiten, darum Tolstoi diesen Roman überhaupt geschrieben hat. Wie bei Dostojewskij geht es um Schuld und Sühne. Ich verweise auf ein Zitat, welches Tolstoi vor Romanbeginn als Motto anführt:

Zitat von Tolstoi
Da trat Petrus zu ihm und sprach: "Herr, wie oft muß ich denn meinem Bruder, der zu mir sündiget, vergeben?. Ist's genug siebenmal?" Jesus sprach zu ihm: "Ich sage, nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. Matth. XVIII,21/22



Wenn ein Mensch die allumfassende Liebe in sich verwirklicht hat, kann er immer vergeben, weil er liebt. Das ist ein elementarer Bestandteil des Christentums. Davon handelt der Roman. Nechljudow ist bisher immer noch dieser Mensch, der nach diesen Idealen strebt, auf diesem Weg er sein Gewissen reinwaschen will, nicht aus persönlichen Gründen, sondern wegen Gottes Gerechtigkeit (davon sprach ich schon mal) und ich gehe mal aus, es ist auch Gottes Wille. Die russische Bürokratie ist demnach gottlos. Wenn die Liebe da wäre, würden einzelne Offiziere Gefangene nicht quälen. Wenn wir dem Apostel Paulus glauben schenken wollen, taugt der Mensch nicht viel, wenn er keine Liebe hat. Das hat alles mit dem Roman zu tun. Tolstoi hat an Gott geglaubt, nur nicht daran, was die Kirche aus Jesus gemacht hat.

Und dann kommt der herrliche Satz, den auch der Apostel Paulus hätte predigen können:

Zitat von Tolstoi
Wenn es möglich wäre anzunehmen, daß irgend etwas ...wichtiger ist als das Gefühl der Menschenliebe, sei es auch nur für eine Stunde und nur in irgendeinem einzigen Ausnahmefall, so gebe es kein einziges Verbrechen, das man nicht ohne sich für schuldig zu halten, an den Menschen begehen könnte.



Meine Behauptung: Das Kapitel 40 aus Teil II ist das wichtigste Kapitel des Romans.


Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 03.12.2010 07:30 | nach oben springen

#48

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 05.12.2010 11:59
von Krümel • 499 Beiträge

Kommen wir zu Potte, und schreiben noch ein wenig zum Buch, zum Schluss, über Tolstoi … (Und ich hoffe, ich bekomme nie so eine verbraten von Taxine wie Jatman, denn im kryptischen Schreiben bin ich auch ganz groß.)

Ich denke mal, mein Problem mit Tolstoi ist seine rückläufige religiöse Denkweise. Anstatt der aufkeimenden Idee von Marx und Engels, Gleichheit, Freiheit und Einigkeit, der sozialistischen Demokratie, die ja nie so gelebt wurde wie einst erdacht, sich anzuschließen; verfällt dieser Dichter in so altmodische Ansichten zurück (man lese auch „Meine Beichte“), dass ich mit Erstaunen den Idealisten aus „Anna Karenina“ nicht wiedererkenne.

Zudem ist mir seine von Beginn durchscheinende Theorie, der Mensch ist innerlich nur gut, zu wider. Das sind dann zwei sehr subjektive Beweggründe, aber lesen ist nun mal subjektiv, also zumindest meine Lesart, denn wissenschaftlich will ich gar nicht lesen, ich möchte mich emotional getragen fühlen oder eben verärgern lassen.

Also diese verkrampfte Haltung der Schuldfrage an der unschuldigen Katjuscha, diese Wiedergutmachung, die dann zum Schluss in den Evangelien ihren Abschluss findet, nein ich mochte das nicht. Übrigens hat Tschechow zu diesem Schluss, „Moralphilosophie“ getauft, folgendes geschrieben: >>Die Erzählung hat keinen Abschluss; denn das, was dasteht, kann man nicht als Abschluß nennen. Schreiben, schreiben, und dann alles nehmen und auf einen Evangelientext abwälzen – das ist schon richtige Theologenart. …<<

Ja, ein richtig aufdringlicher Theologe war Tolstoi am Ende seines Lebens.

Schönen zweiten Advent
Krümel

zuletzt bearbeitet 05.12.2010 12:00 | nach oben springen

#49

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 05.12.2010 16:07
von Taxine • Admin | 5.896 Beiträge

Besonders stark drückt sich Tolstois Rückständigkeit, das Festhalten an den Evangelien und seine dermaßen kleinkarierte (weil aus sich selbst heraus unzufriedene) Deutung dieser in "Die Kreuzersonate" aus. Tolstoi neigte im Alter stark dazu, sein Sein, Leben und seine Meinung zu verallgemeinern und damit als einzig richtig für die ganze Welt zu empfinden und darauf zu beharren. In "Auferstehung" kam mir das Heranziehen der Schriften und die Rechtfertigung seiner Handlung durch diese auch etwas zu einfach vor. Statt Nechljudow durch sich selbst erkennen zu lassen, immerhin hat er einen weiten Weg dafür zurückgelegt, findet er Bestätigung bei Matthäus, was einiges erklärt, jedoch genau, wie es Tschechow ausgedrückt hat (Danke für das Zitat, Krümel), reine Abwälzung ist.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 05.12.2010 16:16 | nach oben springen

#50

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 05.12.2010 23:24
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Krümel
Ich denke mal, mein Problem mit Tolstoi ist seine rückläufige religiöse Denkweise.



Zitat von Tolstoi
Besonders stark drückt sich Tolstois Rückständigkeit, das Festhalten an den Evangelien



Weil wir heute offenbar in einer Zeit des Atheismus leben, und ich einiges im Netz von Atheisten zu hören bekomme, mal eine grundsätzliche Frage: Wenn ich eure Äußerungen so lese, habe ich das so zu verstehen, dass ihr es als rückständig betrachtet, wenn man im Sinne der Evangelien festhält (Ich habe die Kreuzersonate mal gelesen, allerdings ist mir deren Inhalt restlos aus meinem Gedächtnis gewichen)? Ich habe schon mal das Argument gehört, wie kann man nur so einem bronzezeitlichen Glauben anhängen (obwohl es damals schon Eisen gab).

Literarisch gesehen macht es sich Tolstoi am Schluss natürlich recht einfach, in dem er nur aus Matthäus zitiert, den Schluss, die Entwicklung Nechljudows aber mit literarischen Ideen nicht ausbaut. Das ist die Schwäche des Schlusses, wie auch Taxine dieses hervorgehoben habt, und ihr beide mit dem Tschechow-Zitat. Da stimme ich mit euch überein. Es hat den Eindruck, Nechljudow sei das alter ego von Tolsoi selber, jedenfalls in manchen Ideen wie der Idee gegen Eigentum zu sein, gegen die orthodoxe Kirche u.ä. Nechljudow/Tolstoi klammert sich am Ende an die Heilige Schrift, weil er darin die Wahrheit zu finden glaubt. Leider, und das ist ein allgemeines Dilemma, diese Erkenntnis der Moral, deren Inhalte ja nicht schlecht sind, und ich solche Sätze aus dem NT auch nicht für rückständig halte, diese Moralerkenntnis alleine aber eine Gesellschaft nicht ändern kann. Vielleicht stand Tolstoi am Ende seines Lebens vor diesem Dilemma.

Das dieser Roman allg. im religiösen Tenor endet, war abzusehen. Nechljudow betrachtete seinen Weg als den Willen Gottes usw., bloß leider ist die literarische Außeinandersetzung am Schluss nur zu einer theologischen Predigt abgesumpft. In diesem sonst so gut ausgearbeiteten Roman hätte dieses nicht so passieren dürfen. Vielleicht hat dem russischen Grafen am Schluss seine Energie verlassen.

Nechljudows Suche nach den Gründen und Ursachen des Leides, und nach seinen geistigen Zielen, erinnerte mich an den Buddhismus.

Zum Roman gibt es Gemälde von Leonid Ossipowitsch Pasternak. "Nechljudows Morgen" und ein Bild, wie Nechljudow das Gefängnis besucht. Im deutschsprachigen Internet habe ich diese Bilder nicht gefunden.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 06.12.2010 08:38 | nach oben springen

#51

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 06.12.2010 11:32
von Krümel • 499 Beiträge

Zitat von Martinus
Leider, und das ist ein allgemeines Dilemma, diese Erkenntnis der Moral, deren Inhalte ja nicht schlecht sind, und ich solche Sätze aus dem NT auch nicht für rückständig halte, diese Moralerkenntnis alleine aber eine Gesellschaft nicht ändern kann. Vielleicht stand Tolstoi am Ende seines Lebens vor diesem Dilemma.



Tolstoi steckte am Schluss seines Lebens wirklich in einem Dilemma, und meiner Meinung nach hat er selber keinen rechten Ausweg gefunden, und hat dann sein Problem "krampfhaft" in vorgeschriebene Religionsdeutungen gepackt, obwohl das nicht (meiner Meinung) seine wirkliche, innerliche Problembewältigung war. Das Bild passt nicht! (Er war ja gar gewalttätig zum Schluss, wenn man seiner Frau glauben darf.) Vielleicht auch ein Grund warum es bisher keine vernünftige Bio über ihn gibt? Denn er bleibt ein Rätsel für die Außenwelt ...

Spitznahmen wie Moralapostel und Religionsphilosoph prägen ihn dann, obwohl in "Anna Karenina" die Frau die Scheidung einreichen durfte. Am Ende sieht sein Frauenbild wieder ganz anders aus. (rückläufig)

Liebe Grüße
vom Krümel

zuletzt bearbeitet 06.12.2010 11:33 | nach oben springen

#52

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 06.12.2010 11:42
von Krümel • 499 Beiträge

Ach so, was ich vielleicht noch schreiben sollte ...

Zitat
und hat dann sein Problem "krampfhaft" in vorgeschriebene Religionsdeutungen gepackt,



Es gibt nicht den Weg nach Rom, sondern jeder hat seinen eigenen Weg, der nach Rom führen kann

zuletzt bearbeitet 06.12.2010 11:42 | nach oben springen

#53

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 06.12.2010 11:42
von LX.C • 2.691 Beiträge

Wie ich neulich so nebenbei in einer Vorlesung über "Anna Karenina" erfahren habe, ist Anna Karenina auch nur eine Geschichte innerhalb der Geschichte. Die Geschichte über den Ehebruch Kareninas entstand schon lange vor dem Roman, war Tolstoi zu banal und macht so auch nur einen geringen Teil des Buches aus? Im Endeffekt soll es um seine ökonomisch/philosophischen Ansichten gehen? Reformation des Bauernstandes usw. Kann das jemand bestätigen?


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 06.12.2010 11:44 | nach oben springen

#54

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 06.12.2010 11:58
von Martinus • 3.194 Beiträge

Der Ehebruch um "Anna Karenina" ist nur eine Episode. Einmal geht es um Anna und Wronskij, dann um Ljewin und Kitty. Wenn es im Roman nur um Anna K. gegangen wäre, wäre der Roman nichts besonderes. Es geht um verschiedene Ansichten der Ehe, um Philosophie und Ökonomie, Großgrundbesitzer u.ä. Uneingeschränkt ein großartiges Meisterwerk.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 06.12.2010 12:05 | nach oben springen

#55

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 06.12.2010 12:03
von Krümel • 499 Beiträge

Zitat von Martinus
Der Ehebruch um "Anna Karenina" ist nur eine Episode.



Aber er ist vorhanden, oder? Also ganz unterm Tisch kehren kann man das auch nicht.

Zitat von LX.C
Im Endeffekt soll es um seine ökonomisch/philosophischen Ansichten gehen? Reformation des Bauernstandes usw. Kann das jemand bestätigen?



Ja, das macht einen großen Teil des Buches aus. Als ich damals die Anna gelesen habe, hatte ich mich sogar beschwert, warum das Buch "Anna Karenina" heißt

zuletzt bearbeitet 06.12.2010 12:03 | nach oben springen

#56

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 06.12.2010 12:23
von LX.C • 2.691 Beiträge

Zitat von Krümel
Als ich damals die Anna gelesen habe, hatte ich mich sogar beschwert, warum das Buch "Anna Karenina" heißt



Schön. Im Umkehrschluss ist das für mich wiederum ein Grund, das Buch mal zu lesen. Danke euch.


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 06.12.2010 12:24 | nach oben springen

#57

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 06.12.2010 22:47
von Taxine • Admin | 5.896 Beiträge

Zitat von Martinus
Weil wir heute offenbar in einer Zeit des Atheismus leben, und ich einiges im Netz von Atheisten zu hören bekomme, mal eine grundsätzliche Frage: Wenn ich eure Äußerungen so lese, habe ich das so zu verstehen, dass ihr es als rückständig betrachtet, wenn man im Sinne der Evangelien festhält (Ich habe die Kreuzersonate mal gelesen, allerdings ist mir deren Inhalt restlos aus meinem Gedächtnis gewichen)? Ich habe schon mal das Argument gehört, wie kann man nur so einem bronzezeitlichen Glauben anhängen (obwohl es damals schon Eisen gab).



Ich meinte mit rückständig, Tolstois Ansichten über die Ehe, wo er z. B. Enthaltsamkeit predigt oder die Abschaffung der Kinder, weil sie nur Last sind, oder seine Empörung, dass die Frau ihr Kind nicht selbst stillt ... und dieser ganze Unsinn, den man während des Lesens der "Kreuzersonate" noch als Wahn des Protagonisten abtut, wäre da nicht das Nachwort Tolstois, worin er genau diese Punkte noch einmal aufgreift und als seine eigene Sicht der Dinge darstellt. Die Menschheit, so erklärt sein Protagonist, redet sich damit heraus, dass sie nicht fortdauert, wenn sie nicht der Liebe frönt, aber wozu, erklärt er weiter, sollte so eine triebhafte und nur triebhafte Gesellschaft überhaupt weiter existieren müssen? Sollen sie doch alle aussterben, so das Plädoyer.

Tolstoi erschien mir immer als ein weiser Schriftsteller, der die Dinge behutsam betrachtet, doch mit zunehmendem Alter war er unfähig, seine Erzählungen und Romane (ganz im Gegensatz zu anderen Schriftstellern) von vielen Perspektiven aus zu gestalten. In allem ist er selbst vorhanden, und selbst die geäußerten Dummheiten stellen sich dann als seine eigenen Überzeugungen heraus. Was in „Anna Karenina“ oder „Krieg und Frieden“ noch gerecht geformte Frauengestalten waren, sind in der "Kreuzersonate" Überbleibsel an Blut und Sperma saugenden Gewaltherrschaften, die den Mann unterwerfen und ihm die geistig überlegende Seele zertrümmern, ihn vorher mit unheilvoller Verführung täuschen. Was Menschlich-allzumenschlich ist, ist bei ihm die Klage an die Sittenlosigkeit einer sich weiterentwickelnden und aufgeklärten Zeit, die ihren eigenen Abgrund gestaltet, nicht, weil sie sich bekämpft oder falschen Idealen folgt, sondern weil sie an ein Ideal wie Liebe glaubt, die Ehe eingeht oder dem tierischen (Natur gegebenen) Trieb folgt.

Für ihn existierte die sinnliche Liebe nie (es gibt, wenn überhaupt, nur die Reibung), und genau das wird in "Die Auferstehung" auch noch einmal sichtbar. Kein Gefühl, keine Leidenschaft, nur die Erwähnung Tolstois, dass die Maslowa Nechljudow liebt, jedoch nicht nachvollziehbar oder für den Leser erspürbar, sondern lediglich, weil Tolstoi es so schreibt und festgesetzt hat. Auch Nechljudow ist höchstens einmal der Eifersucht verfallen, nicht aber der Frau, die ihn neu in ihren Bann zieht.
Für diesen Prozess, den Nechljudow durchmacht, bedurfte es natürlich keiner leidenschaftlichen Gefühle, jedoch hätte Tolstoi die Liebe zwischen diesen beiden Menschen stärker ins Bild setzen können.

Die frühen Werke, wie "Krieg und Frieden", "Anna Karenina" sind noch von einem ganz anderen Tolstoi verfasst. Der ältere Tolstoi wurde zunehmend sturer und verbitterter.

Liebe Grüße
tAxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 06.12.2010 22:54 | nach oben springen

#58

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 06.12.2010 23:34
von Martinus • 3.194 Beiträge

Herzlichen Dank für den Einblick in die Kreuzersonate. Ich werde mir den Text noch einmal vornehmen.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#59

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 07.12.2010 00:02
von Taxine • Admin | 5.896 Beiträge

An sich ist diese Erzählung ein wunderbar geschriebenes Innenleben-Ding, das sich prächtig entfaltet, nimmt man das Ganze als Wahn. Die Erzählung für sich bleibt auch das. Gelungen. Spannend. Mitreißend. Dahinter aber sammelt sich der fade Schatten der Ernüchterung und legt sich breit über den chauvinistischen Geist des Schriftstellers, der seinen aus der Luft gegriffenen Schuldzuweisungen Raum bereitet und diese noch so unabdingbar zur Allgemeingültigkeit erhebt.

Und wo wir gerade dabei sind:
Das Gegenstück „Eine Frage der Schuld“ wurde zwar von der Gräfin Sofja A. Tolstoja als Antwort auf diese Anschuldigungen Tolstois geschrieben, jedoch zu Lebzeiten beider nicht veröffentlicht, um den Ruf des großen Tolstois nicht in Frage zu stellen. So konnte sie sich gegen diese Verleumdung nicht einmal zu Wehr setzen, musste weiter die Rolle der treuen, ergebenen Gattin spielen, die sich durch seine Äußerungen nicht verletzt fühlte.
Vielleicht noch einmal ausführlicher: Tolstoi erhebt die Frau in seiner "Kreuzersonate" zur verteufelt verruchten Verführerin, die zunächst verlockende Falle ist, dann jedoch grausame Rache übt (wobei am Anfang selbstverständlich die allgemein weibliche Dummheit nur durch die Verblendung der Liebe im Ohr des Mannes geistreich klingt, weshalb er sich dann auch doppelt betrogen fühlt). Ähnliches Blendwerk unterstellt Tolstoi auch der Musik, die verführt und nicht in höhere Sphären erhebt, sondern lediglich aufwühlt und dadurch zur gefährlichen Täuschung wird. (In Wirklichkeit spielte und hörte Tolstoi sehr gerne Musik und war stark von der "Kreuzersonate" beeindruckt.)
Die Frau ist eine Furie und wird dem Mann zur Last, zum Bremsklotz, weil er durch sie gezwungen ist, die gegen die Moral und jede Sitte verstoßende Ehe einzugehen (...die christliche Ehe gibt es nicht, sagt Tolstoi in seinem Nachwort), warum er in diesem Gefängnis selbst zur rasenden und eifersüchtigen Bestie mutiert (wie sein sich in die Eifersucht hineinsteigernder Protagonist ja auch so schön spannend veranschaulicht), was eine ganz natürliche Folge ist. Der Mann ist das Opfer, die Frau die grausame Rächerin, eine Rolle, die sie in wahrer Glanzleistung zunächst unter Schönheit und ihren Reizen verbirgt, um dann mit ihrer Sorge um Kinder und Familie und ihrem Wunsch nach sinnlicher Liebe jeden Mann verrückt zu machen. Da möchte man fast meinen, Tolstoi hätte auch Weiningers Ansichten samt der ihm folgenden, dümmlichen Adepten, wie u. a. die Heulsuse Strindberg, hoch geschätzt und gemeinsam mit ihnen sein trauriges Los eines Mannes besungen, der nicht selbstverschuldet, sondern einfach nur geblendet (als hätte man ihm eine Vergewaltigungsdroge ins Glas gemixt) unter die Fuchtel solcher Harpyien geraten ist.

Sofja Tolstoja dagegen schreibt nicht so sehr gegen den Mann an, wenn sie auch trotzdem Kritik übt (z. B. wenn sie Prosorskis Befassen mit der Philosophie als Schwäche auslegt, wie sie auch im wirklichen Leben mehrmals Tolstois philosophische Ergüsse aus seinen Romanen strich; so heißt es da u. a.: „Er schrieb Aufsätze, und viele glaubten, er sei tatsächlich sehr klug. Nur sensible und kenntnisreiche Leute sahen, dass die Philosophie des Fürsten in Wirklichkeit überaus dürftig und lächerlich war", sie seien „nichts als der Abklatsch abgenutzter Ideen von Denkern aus alten und neuen Zeiten“, sondern versucht die Sicht der Frau ins richtige Licht zu rücken, ihre Unerfahrenheit und Unsicherheit, denn immerhin war sie bei der Heirat achtzehn Jahre alt und Tolstoi zwanzig Jahre älter.
Bei ihr sieht man den Anfang der Beziehung nicht als Trugwerk, als gemeines Hintergehen im Ausdruck von vorgetäuschtem, weiblichem Intellekt, sondern einen von der Natürlichkeit eines jungen Mädchens beeindruckten Mannes, der ihr sofort Vorschriften macht, was sie an Philosophie zu studieren hat und schmeichelt, wie einfach alles in ihrem Leben wirkt.

Erst fünfundsiebzig Jahre nach ihrem Tod erschien der kleine Roman, der die gleiche Geschichte erzählt, von einem Mann, der seine Frau ermordet, jedoch aus der weiblichen Perspektive. Während bei Tolstoi alles auf den Trieb reduziert wird, zeigt sie das der Frau geistig vorschwebende Ideal der Liebe, das ihre Liebe nährt. Aus Posdnyschew (Kreuzersonate) wird der Fürst Prosorski (Eine Frage der Schuld), der zwanzig Jahre älter ist als die Protagonistin Anna.
Was Posdnyschew bei Tolstoi als enttäuschende Flitterwochen bezeichnet, in der sich Mann und Frau auf einmal in der Zweisamkeit nichts mehr zu sagen haben, was (schon wieder verallgemeinert) in seinen Augen eine ganz natürliche Folge dieses männlich-weiblichen Konflikt ist, sobald die erste Verliebtheit sich gelegt hat (was ja im Sinne Tolstois automatisch mit der Hochzeit einhergeht)), zeigt Sofja Tolstoja etwas anders. Sie war erschüttert durch die etlichen Vorgeschichten ihres Mannes, dem sie sich als unerfahrenes, junges Mädchen fügte*, während er sich nicht die Mühe machte, ihr das Liebesleben näherzubringen. Sie quälte sich mit dem Schatten vieler Frauen und traute sich nicht, sich in diesen Schatten einzureihen, davon abgesehen, dass sie nicht wusste, wie, und er nicht verstand, es ihr zu zeigen oder sie dafür zu gewinnen.
Man kann sich förmlich vorstellen, wie kalt und krampfhaft die beiden da in ihrer ersten Nacht aneinander geraten, was Tolstoi in der Stimme Posdyschews zum Vorwurf gegen die Schamhaftigkeit gestaltet, während Sofja sich zu rechtfertigen sucht, weil sie jung, unerfahren und treuherzig war. Da der Leser in der „Kreuzersonate“ gewaltig auf die Eifersucht eines Tolstois trifft, ist auch ihr Argument nachzuvollziehen, wenn sie ausruft:
Er begriff nicht, dass die von ihm wenn auch spät geweckte Leidenschaft ihm allein vorbehalten bleiben würde (…) und ihm für immer seine Ehre und Ruhe gewährleisten würde.

Damit wird sie sich gegen seine Vorwürfe verteidigt haben. Im echten Leben war sie stärker von der Eifersucht befallen, diese bestimmte ihre ganze Gefühlswelt, was ich mir in einer Ehe auch schwierig vorstelle.
Natürlich ist der ganze Roman eine Verteidigungsschrift gegen solche pikanten Details, die Tolstoi sich nicht scheute auszusprechen, und eine ins Reine geschriebene Verbesserung ihrer Person, selbstredend eine Selbstdarstellung (… sie war eine stattliche, energische Frau von berückender Schönheit geworden.).
Man kann die Situationen fast übereinanderlegen, was von Sofja ja auch so gedacht war, und die Ereignisse damit von beiden Perspektiven verfolgen. In der Mitte steht das nackte Geschehen zweier Menschen, die unfähig waren, einander etwas zu geben, die Erwartungen an den anderen stellten, ohne die fremden erfüllen zu können.
Auf der anderen Seite steht dann eben auch die Eifersucht, die Sofja Tolstoja als Anna plagt. Auch sie ist ebenso jähzornig, hasst die Frauen, die vor ihr „den Fürsten beglückten“. Sie versteht nicht, dass ihr Mann ihr gegenüber gleichgültig ist, nur Aufmerksamkeit bekundet, wenn er Lust auf sie hat, sie danach erneut gleichgültig oder gar gereizt behandelt.

Tolstoi spricht von der Unfähigkeit, seine Kinder wirklich lieben zu können, weil sie nicht die Liebe ihres Lebens, sondern einfach nur reine Plagen wären, für die die Frau sich aufopfert, während der Mann zu kurz kommt und ihre Sorgen ertragen muss, mit ihrem ständigen Kummer, ob es den Kindern gut geht, belästigt wird. Auch bei Sofjas Roman beugt sich der Fürst über Anna, die gerade ihren ersten Sohn bekommen hat und sagt: „Na so etwas ist nichts für unsereins. Soll er mal groß werden, dann ist es etwas anderes.“ Das hat sie schwer erschüttert, ob es der Wirklichkeit entspricht, weiß ich nicht.

Anna empfindet die Leidenschaften ihres Mannes, wenn er aus seiner Gleichgültigkeit in seine Gier taucht, als belästigend. Sie erkennt, dass das, was er Liebe nennt, nur die sporadische Leidenschaft ist, die ihn überkommt.
Er dagegen sehnt sich auch nach dem Vorleben, die Vielfalt der Weiblichkeit. Vielleicht wäre es für beide einfacher, wenn jeder machen könnte, was er will. Die Frau aber ist an Kind und Heim gebunden, für die Kinder, nicht durch ihren Mann, sondern durch ihre Pflichten, er aber kann in der Welt herumreisen oder der Jagd frönen, ist unabhängiger, was sie wohl auch stark belastet hat. Das ist die Krux der Weiblichkeit, die keine noch so emanzipierte oder moderne Zeit überbrücken kann. Sobald Kinder da sind, ist sie gebunden und freiwillig unfrei. Der Mann dagegen teilt das Los nicht (oder muss es nicht von Natur aus teilen), was häufig zur Entfremdung zwischen den Eheleuten führt.

* Übereinstimmungen zum echten Leben sind die von beiden erwähnten Tagebücher, die Tolstoi Sofia zum Lesen gibt und die sie tief erschüttern. In ihren Tagebüchern schreibt sie:

Zitat von Sofja Tolstoja
„Einmal brachte er mir Lew Nikolajewtisch, der täglich zu uns kam, seine Tagebücher mit. Die Lektüre dieser Tagebücher, die er mir aus allzu großer Gewissenhaftigkeit vor der Eheschließung zu lesen gab, erschütterte mich. Hätte er es lieber nicht getan! Ich habe viele Tränen vergossen bei den Enthüllungen seiner Vergangenheit.“



Darauf kommt sie immer wieder zurück. Gleiches gilt auch für die Situation der Eifersucht zu der Bäuerin (Kreuzersonate und Eine Frage der Schuld), was Tolstoja so in ihrem Tagebuch festhält (16.12.1862/S. 53):

Zitat von Sofja Tolstoja
Ich glaube, irgendwann tue ich mir noch etwas an aus Eifersucht: „Verliebt wie nie!“ Dabei ist sie nichts als eine dicke weiße Bauersfrau, schrecklich. Ich habe mit solch starkem Verlangen meinen Blick auf den Dolch und die Gewehre gerichtet! Nur ein Stich – es wäre ganz einfach. Bevor das Kind auf die Welt kommt. Sie ist hier, nur wenige Schritte entfernt. Ich fahre aus, kann ihr gleich begegnen. Sie also hat er geliebt! Könnte ich doch nur sein Tagebuch verbrennen und alle Spuren seiner Vergangenheit auslöschen!



Und sie geht auch noch weiter, wenn sie in ihrer Eifersucht schreibt (gleicher Tag):

Zitat von Sofja Tolstoja
Ich las den Anfang seiner Werke: all die Stellen, die von Liebe und Frauen handeln, sind mir zutiefst zuwider. Ich möchte alles, alles verbrennen. Nichts soll mehr an seine Vergangenheit erinnern. Und weil ich aus Eifersucht schrecklich egoistisch geworden bin, täte es mir nicht leid um seine Werke.
Könnte ich auch ihn umbringen und ihn später neu als den erschaffen, der er war, selbst das würde ich mit Freude tun.



Auch dass der ältere Tolstoi lange vorher in ihrer Familie als Freund verkehrte und gerne gesehen war, bevor er ihr einen Heiratsantrag gemacht hat (Eine Frage der Schuld) und dass Sofia geweint hat, als sie frisch vermählt nach Jasnaja Poljana aufbricht und Tolstoi dafür überhaupt kein Verständnis hat (bei ihm in der „Kreuzersonate“ erwähnt), ist ebenso aus der Wirklichkeit gegriffen, was man in ihren Tagebüchern nachlesen kann.

Trotzdem war es Sofja Tolstoja, die sich beim Zaren für die Veröffentlichung der „Kreuzersonate“ einsetzte (die zuvor verboten war). In ihren Tagebüchern spricht sie davon, dass diese übertriebene Erzählung den letzten Rest der Liebe zwischen ihnen getötet hätte, sie fühlte sich gekränkt und wollte, gerade durch die Durchsetzung einer Veröffentlichung, der Welt beweisen (die längst von dieser Erzählung wusste, da sie kopiert wurde und überall kursierte), dass sie kein Opfer sei. Sie hoffte damit auch zu zeigen, dass der Inhalt der "Kreuzersonate" nichts mit ihr zu tun hat, musste dann aber wohl einsehen, dass das nicht möglich war. Mehrmals aber betont sie in ihren Tagebüchern, dass sie die Erzählung nicht mag, sie aber nicht auf ihre eigene Ehe bezieht.

Beide Werke, nacheinander gelesen, verdeutlichen die entgegengesetzten Ansichten von den banalen Alltagsdingen bishin zu den Idealen der Liebe, die Tolstoi nicht teilte und Sofja mit ihren Gefühlsüberdruck ins Absurde steigerte. Eine durchaus eindrucksvolle Lektüre. Auch bezeichend, fand ich, dass Sofjas Anna-Figur genauso stirbt, wie die Frau in Tolstois "Kreuzersonate". Sie opfert sich auch in der Literatur zugunsten ihres Mannes.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 07.12.2010 00:47 | nach oben springen

#60

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 06.01.2011 11:26
von Krümel • 499 Beiträge

Krieg und Frieden

I. Band
Das Buch beginnt ganz anders als der Film, der mir allerdings immer mehr und mehr ins Gedächtnis gerufen wird. Die Geschichte um Andrej und Lisa/Natascha beginnt chronologisch und nicht in Rückblenden.
Pierre ist genau wie Tolstoi ein Anhänger von Gleichheit und Freiheit, und ist so natürlich für Napoleon und der Befreiung des Volkes. Man merkt auch direkt, wie langweilig ihm die typischen Gespräche der dekadenten Gesellschaft sind.
Die erste Gesellschaft habe ich nun gelesen, man redet nach dem Mund, man heuchelt und wie schön die Damen aufgemacht sind.
Zu Beginn werden allerhand Bedeutungslosigkeiten geschildert, die Figuren werden vorgestellt, das russische Gesellschaftsleben wird beschrieben.

Zu den Hauptfiguren:
Pierre hält Andrej für "ein Muster aller Vollkommenheit", und dass er alle diese Eigenschaften, aber vor allem Willensstärke, nicht besitzt.
Wobei ich Pierre als "träumenden Philosophen" immer sehr gemocht habe. Aufgrund dessen, dass er "der Bastard" war, keinen offiziellen Vater besaß, kein Vermögen und keine rechte Familie, konnte er sich doch viel freier entwickeln. Er war dadurch diesem ganzen Standesdünkel nicht unterworfen, und deshalb war er mir immer lieb und sympathisch. Aber im Film war er nicht dick!

Allerdings das mit dem Film lasse ich mal lieber einmal, denn beispielsweise habe ich auch diesen Andrej viel netter in Erinnerung (die natürlich auch haken kann, man weiß ja wie Erinnerungen funktionieren). Im Buch ist er wesentlich unsympathischer! Warum hat er eigentlich Lisa geheiratet, sah sie nur hübsch aus? Oder gab es da auch andere Kriterien? Seine Schwester nennt es "geistigen Hochmut", ja so kommt er rüber. Und der alte Fürst ist ja auch so eine Marke für sich, voller Stolz und Hochmut. Vater und Sohn lieben und verstehen sich auf ihre Weise, das liest man sehr wohl heraus, Ehre und Haltung sind beiden sehr wichtig, und sie hängen zu sehr in ihren Konventionen, als dass sie ihre Gefühle wirklich zeigen könnten.

Und dann kommt die erste Kriegsphase. Mit ihr beschreibt Tolstoi gut, wie aus Helden ganz normale Männer/Menschen werden. Zuerst die Freude, jetzt geht es in die Schlacht, aber wenn es ernst wird, dann bekommen auch Männer weiche Knie, und wenn sie gar verletzt werden, dann denken sie an Daheim, an die Familie, an Mama!

Am Ende meines ersten Bandes (meine Ausgabe aus dem Rütten & Loening Verlag, 1. Auflage 1954 besteht aus vier Büchern zwischen 600 und 750 Seiten) stirbt Pierres Vater, der es noch geschafft hat seinen Sohn, also Pierre, zu adoptieren und anerkennen. Und galt der dicke Tölpel noch in Armut als Spinner, gilt er nun als gute Partie und intelligent, ja so schnell geht das.

Zum Schluss ging es um die Schlacht bei Austerlitz, die Russen und Österreicher haben sich da eine Schlappe geholt, im Nachhinein kann ich mich auch an den Film erinnern wie Andrej da gelegen und Bonaparte ihn gefunden hat.

Rostow wird mir ungeheuerlich, der Krieg steigt ihm zu Gemüt und diese Zarenliebe kann ich auch nicht ganz nachvollziehen. Und Andrej stürmt mit der Flagge gegen den Feind, der gar nicht sein Feind ist, sondern Napoleon sein Hero ...??? Schöne Gegensätze.

II. Band
Die Schuldfrage oder Schuldzuweisung hat es Tolstoi ja angetan.
In Bezug Pierre und die Schöne Hélène

Zitat von Tolstoi
Aber habe ich denn damit eine Schuld auf mich geladen? Fragte er sich. Und wieder antwortete die Stimme: Ja, denn du hast sie geheiratet, ohne sie zu lieben, und hast damit dich selbst und sie hintergangen.



Zitat von Tolstoi
Und wie oft bin ich auf sie stolz gewesen, dachte er, stolz auf ihre majestätische Schönheit, stolz auf ihre gesellschaftliche Gewandtheit, stolz auf die Art, mit der sie ganz Petersburg in meinem Hause empfing, stolz auf ihre Unnahbarkeit und Schönheit. Und jetzt sehe ich, was das alles in Wirklichkeit war, worauf ich so stolz gewesen bin! Damals glaubte ich, ich verstünde sie nicht.



Er sagte: >>Je vous aime. Und das ist meine Schuld, und dafür muss ich büßen.<<

Genau wie in Auferstehung habe ich auch hier meine Probleme damit. Wobei es hier noch viel eindeutiger ist, er hat das ja nicht bewusst gemacht (sie geheiratet obwohl sie nur schön aber dumm war), das war kein Vorsatz. (Und sie hat ihn betrogen nicht umgekehrt.) Sicher hat er sich blenden lassen, aber welcher junger Mensch wird nicht von der Sinnlichkeit und Schönheit erfasst? Das alleine bringen unsere Hormone in jungen Jahren so zu Tage. Man kann ein schlechtes Gewissen haben, es kann einem leidtun, man möchte es wieder gutmachen, das kann ich alles nachvollziehen, aber die Schuldfrage ...

Dann geht es ja weiter, Andrej redet natürlich auch von Schuld. Er trägt ja jetzt die Schuld, dass seine Frau, Lisa, gestorben ist. Es scheint einfach ein Leitmotiv damals gewesen zu sein. In den Köpfen herrschte noch ein strafender Gott, der bitterböse war, wenn man Unrecht tat.

Pierre kommt nun an die Freimaurer, und möchte den Weg der inneren Erleuchtung gehen. Er möchte den 7 Tugenden folgen, die da wären: Bescheidenheit, Gehorsam, Reinheit im Lebenswandel, Menschenliebe, Mut, Freigiebigkeit und Liebe zum Tod. Und Pierre beginnt seinen Weg der Läuterung mit dem freudigen Gefühl von innen her. Das ist es einfach was mir bei "Auferstehung" immer gefehlt hat, das es von innen her kommt und die Seele freudig berührt. Bei Nechljudow war es immer ein Kampf, immer eine Verpflichtung.

Pierre hat viel von dieser naiven und unschuldigen Natur des Oblomows. Im Menschen hat nur das gute Platz hat, es sind halt Idealisten, die nach gewisser Lebenserfahrung schon sehen wie gut die Menschen sind ;-)
Und so findet nun Pierre wieder mit der schönen Hélène zusammen, diesmal allerdings aus reinem und "verstandesmäßigem" Pflichtbewusstsein.

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