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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#31

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 25.11.2010 21:04
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Zitat von Martinus
Es ist schon möglich, dass die Liebe zwischen Maslowa und Nechljudow zur Auferstehung wird...



Nein, ich meinte gar nicht so sehr die Liebe zwischen den beiden, sondern die Liebe im Allgemeinen, auch die, die beide unabhängig voneinander empfinden, die die sie empfunden haben und das, was sie daraus geprägt hat.
Die Auferstehung findet auf vielen Ebenen statt. Veränderungen, Neubesinnungen, Rückfall und Wiederbesinnung. Aber dahinter und vielleicht auch darüber steht eben jene Erhabenheit „Liebe“, zu der der Mensch durch sein Wesen und in so vielen Lagen und Schicksalsschlägen fähig ist.

Ob für Nechljudow und die Maslowa wieder eine gemeinsame Liebe möglich ist, scheint mir anhand ihrer verschiedenen Entwicklungen eher unmöglich. Vielleicht ein neues Gefühl füreinander, wer weiß.

Man sieht doch deutlich, z. B. im 46. Kapitel, wie der „gereinigte“ und handlungswillige Nechljudow, der seinen Hausstand auflösen, die viel zu große Wohnung verkaufen will, um ganz für Katjuscha da zu sein, sie notfalls auch zu heiraten (auch wenn er es ihr noch nicht mitgeteilt hat), sich sofort bereitwillig den Umständen unterwirft und das, was er so voller Elan vollziehen wollte, wieder hinten an stellt.
"Es lohnt sich nicht, meine Lebensweise jetzt zu ändern“, redet er sich ein, „solange die Angelegenheit der Maslowa nicht entschieden ist."

Eine Änderung seiner Lebensweise würde aber auch ohne, dass er die Maslowa als Ausrede benutzen müsste,umsetzbar sein, doch Nechljudow ruht sich lieber aus, schiebt zurück, was er doch so voller Pathos zuvor noch in die Tat umsetzen wollte. Die Begegnung mit der Maslowa, so philosophisch er (oder der Erzähler) ihr neues und darum notwendig sich so entwickeltes Dasein auch zusammengefasst hat, hat ihn verletzt und zögerlich gemacht. Nicht umsonst grübelt er über die Unmöglichkeit nach, „die Maslowa“ wieder in Katjuscha zurückverwandeln, die nun einmal nicht mehr existiert, weil eben die Maslowa Katjuscha ist, mit all ihren dem Leben unterliegenden Wandlungsprozessen. Die Frau, die heute so gleichgültig und sowohl den Umständen angepasst als auch durch sie geprägt ist, ist immernoch die gleiche, nur eben verändert. Rückgängig ist daran nichts zu machen, und das ahnt Nechljudow wohl, warum er auch erst einmal wieder sein Leben so aufnimmt, wie es zuvor war. Er selbst ist mitschuldig an dieser Verwandlung, hat mit seiner Leidenschaft und der darauf folgenden, egoistischen Handlung ihren Weg mit gepflastert, aber Entwicklung findet so oder so statt, auch wenn er nicht so gehandelt hätte.

Zitat von Krümel
Tolstoi möchte ja so gerne, dass der Mensch das ist, was er innerlich ist und keine aufgesetzte Fassade. So, dabei sind alle seine Gedanken nur gut und moralisch. Gibt es denn tatsächlich nicht den Mensch, der von sich aus, aus sich heraus schlecht ist oder zumindest schlechtere Züge hat?
Ist man von innen immer gut?


Das von "innen immer gut" ist ein Anfangsstadium und dann ein Entwicklungsprozess.
Ich habe darüber auch schon häufig nachgedacht (wer nicht) und bin vorerst zu dem Schluss gekommen, dass der Mensch durchaus gut ist, "gut" zur Welt kommt, und es die Umstände, Umgebungen, Begegnungen sind, die ihn prägen und verändern, vielleicht auch schlecht handeln lassen. Dann ist er "von innen" nicht mehr gut. Seine Handlungen und sein Sein machen aus, was er ist. Und wie er der Welt und den Menschen begegnet, so wird sich auch sein Inneres daran anpassen. Oftmals wirken z. B. schüchterne Menschen im ersten Moment nur darum abweisend, weil sie unsicher sind, jedoch wird, wenn sie auf Menschen reagieren, ihr Inneres sie erkennen lassen, wie sie gehandelt haben. Wenn sie unfähig sind, es zu ändern, dann sind sie immer noch nicht mit sich selbst im Reinen (selbst wenn ihre Handlungsweise erst einmal nur auf Unsicherheit beruht).
Gut und Schlecht an sich sind schwer zu unterscheiden, weil vieles einfach nur "ist". Jeweils der Blickwinkel macht aus, wer wie empfindet, wo die Grenze liegt. Wenn jemand bösartig handelt, so hat er dafür einen Grund und später auch eine Erklärung zur Hand und wird sein Handeln nicht mehr als schlecht empfinden. Natürlich gibt es auch die krankhaften Fälle, die überhaupt kein Bewusstsein für Moral und Ethik, Gut und Böse, Richtig oder Falsch haben, doch das ist eben eine Abnormalität.
Sollte man hier den Menschen als geistig gesund näher betrachten, ist er für sich nie schlecht, denn er weiß instinktiv, was gut oder schlecht ist, wie er handeln muss. Er betrachtet seine Welt und handelt in und nach ihr. Wenn die Welt ihm dann enttäuschend erscheint, entwickelt er die Rechtfertigung, auch so oder schlechter handeln zu dürfen. Ein Säugling aber, der gerade auf die Welt kommt und langsam heranwächst, wird nie schlecht handeln oder denken oder sein. Ein Mensch, der sich über sich selbst bewusst geworden ist, ebenfalls nicht (mehr).

Jetzt muss ich aber erst einmal ordentlich aufholen.

Liebe Grüße
tAxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 25.11.2010 21:24 | nach oben springen

#32

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 26.11.2010 10:19
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine


Zitat von Krümel
Tolstoi möchte ja so gerne, dass der Mensch das ist, was er innerlich ist und keine aufgesetzte Fassade. So, dabei sind alle seine Gedanken nur gut und moralisch. Gibt es denn tatsächlich nicht den Mensch, der von sich aus, aus sich heraus schlecht ist oder zumindest schlechtere Züge hat?
Ist man von innen immer gut?


Das von "innen immer gut" ist ein Anfangsstadium und dann ein Entwicklungsprozess.
Ich habe darüber auch schon häufig nachgedacht (wer nicht) und bin vorerst zu dem Schluss gekommen, dass der Mensch durchaus gut ist, "gut" zur Welt kommt, und es die Umstände, Umgebungen, Begegnungen sind, die ihn prägen und verändern, vielleicht auch schlecht handeln lassen. Dann ist er "von innen" nicht mehr gut.




Grundsätzlich sage ich, es gibt das Gute im Menschen. Oft handeln wir aber aus Emotionen heraus, die uns überwältigen, wie Wut und Ärger, und weil wir manchmal an solchen Emotionen kleben, machen wir Handlungen, die wir später bereuen. Eine Lebenskunst ist, sich nicht von solchen Emotionen überschatten zu lassen (das kann man üben, ist aber, nicht so einfach, weiß ich, aber trotzdem, üben kann man das).

Äußerst tragisch und traurig sind die Fälle wie beim Kindermörder von Bodenfelde. Als Mensch ist er Mensch wie ich. In Kommentaren zu diesem Fall lese ich oft, man solle wieder die Todestrafe einführen, man wünscht seinen Tod usw. Wenn ich jemanden seinen Tod wünschen würde, würde ich mich schlecht fühlen, weil ich dann, ja sagen wirs so, böse sein würde. Ich wäre nicht besser als ein Mörder. Ich habe überhaupt nicht das Recht, jemanden seinen Tod zu wünschen. Die Tat ist zu verurteilen und zu bestrafen, ja, natürlich, aber deswegen muss ich mich nicht von Rachegefühlen überschatten lassen und in Gedanken, auch wenn Gedanken frei sind, jemanden umbringen. Das ist ja nur ein Beispiel zu einem aktuellen Thema. Mir fehlen auch die Worte dafür, warum ein Mensch so etwas tun kann. Wie krank muss ein Mensch sein, der so ein Verbrechen begeht?

Zitat von Taxine
Man sieht doch deutlich, z. B. im 46. Kapitel, wie der „gereinigte“ und handlungswillige Nechljudow, der seinen Hausstand auflösen, die viel zu große Wohnung verkaufen will, um ganz für Katjuscha da zu sein, sie notfalls auch zu heiraten (auch wenn er es ihr noch nicht mitgeteilt hat), sich sofort bereitwillig den Umständen unterwirft und das, was er so voller Elan vollziehen wollte, wieder hinten an stellt.
"Es lohnt sich nicht, meine Lebensweise jetzt zu ändern“, redet er sich ein, „solange die Angelegenheit der Maslowa nicht entschieden ist."

Eine Änderung seiner Lebensweise würde aber auch ohne, dass er die Maslowa als Ausrede benutzen müsste,umsetzbar sein, doch Nechljudow ruht sich lieber aus, schiebt zurück, was er doch so voller Pathos zuvor noch in die Tat umsetzen wollte. Die Begegnung mit der Maslowa, so philosophisch er (oder der Erzähler) ihr neues und darum notwendig sich so entwickeltes Dasein auch zusammengefasst hat, hat ihn verletzt und zögerlich gemacht. Nicht umsonst grübelt er über die Unmöglichkeit nach, „die Maslowa“ wieder in Katjuscha zurückverwandeln, die nun einmal nicht mehr existiert, weil eben die Maslowa Katjuscha ist, mit all ihren dem Leben unterliegenden Wandlungsprozessen.



Ja, Nechljudow schwankt und ist zögerlich. Ich will mich mal so ausdrücken, ihn ihm besteht ein innerlicher Kampf zwischen zwei Polen, das liegt daran, dass der Mensch alle diversen MÖglichkeiten in sich hat. Man vergleiche hierzu mein weiter o.g. Zitat aus Kap. 60. Es wird sich ja noch zeigen, wohin Nechljudow letzten Endes hinsteuert. Ich kreide es Nechljudow auch nicht an, dass er seine persönlichen Veränderungen erstmal aufschiebt. Am Ende des zweiten Buches wird doch klar, dass er sich weiterhin einsetzt, Maslowa zu helfen und gegen die Schlamperei der Justizbehörden vorgehen will. Das ist doch wohlig anzuerkennen. Man stelle sich doch vor, was alleine dieses schon für ein Energieaufwand darstellt. Kein Wunder, wenn er zwischendurch mal zweifelt. Nechljudow ist im Roman der Mensch, der sich auf dem Weg einer Läuterung (Reinigung) befindet, zwischendurch mag es Stolpersteine geben.

So, nun wird weitergelinst im herrlichen Schmöker

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 26.11.2010 10:23 | nach oben springen

#33

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 27.11.2010 17:55
von Martinus • 3.194 Beiträge

Ich lese mich in den Zweiten Teil hinein, die Kapitelzählung beginnt wieder von vorne.

Nechljudow setzt seinen Vorsatz um, Eigentum abzugeben, setzt sich auf diese Weise zum Wohle der Gemeinschaft ein, d.h., das Land gehört nicht mehr dem Größgrundbesitzer, die Bauern sind auch keine Leibeigenen mehr, sondern er will sich an die Grundsätze des amerikanischen Ökonomen Henry George umsetzen:

Zitat von Tolstoi
Das Land kann nicht Gegenstand von Eigentumsrechten, kann nicht Gegenstand von Kauf und Verkaufsein, so wenig wie Wasser, wie Luft, wie die Sonnenstrahlen. Alle haben das gleiche Recht auf das Land und auf die Vorteile, die es den Menschen bietet.



Nechljudow will in der Umsetzung dieser Ziele so Konsequent sein, dass auch er selbst kein Anspruch auf Land hat. Den Bauern will er nun den Boden für eine Rente verpachten.

Zitat von Tolstoi

..diese Rente aber sollte man diesen selben Bauern als Eigentum zuerkennen, mit der Auflage, daß sie dieses Geld einzahlten und für die Steuern und Gemeindeangelegenheiten verwendeten.



Die Bauern sind anfangs gegenüber Nechljudows Ideen misstrauisch, weil sich mit Großgrundbesitzern bisher schlechte Erfahrungen gemacht haben, die nämlich normalerweise auf Kosten Leibeigener in ihre eigene Tasche gewirtschaftet haben.

Jetzt erahren wir auch, warum Maslowa es gelassen sieht, in die Zwangsarbeit zu kommen. Ihr Leben damals als Hure war viel schlimmer.

Zitat von Tolstoi
....weinte sie lange über ihr verdorbenes Leben. Kap 13



Sie ist sie gegenüber Nechljudow reserviert, weil sie erkennt, das Nechljudow Schuld an ihrem verdorbenen Leben hat. Es bleibt die Frage offen, ob Maslowa es schafft, wie Nechljudow auch daran arbeitet, eine Läuterung zu erlangen.

In Leningrad will Nechljudow eine Kassation ihres Urteils erreichen.

Henry George machte als Ursache für Armut die ungleiche Landverteilung aus. Daraus ergibt sich für mich eine Frage, ob heutzutage die Idee des "Bedingungslosen Grundeinkommens", mit der Idee von Henry George sich verträgt. Ging es damals um gerechtere Landverteilung, so geht es bei dem "Bedingungslosen Grundeinkommen" um gerechte Verteilung des Geldes, was ebenso Armut verringern soll.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 27.11.2010 17:59 | nach oben springen

#34

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 28.11.2010 15:01
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Immer deutlicher wird die Wandlung, die Nechljudow durchmacht und die ihn dazu zwingt, sich und sein Handeln näher zu betrachten. Wo er am Anfang noch zögerlich war (ich meine, es ist ja nun auch nicht so einfach, einfach einmal auf seinen Besitz zu verzichten), zeigt sich, dass er trotz allem nicht scheut, auch die Gefangenen aufzusuchen und sogar die Politische, der er einst ebenfalls geholfen hat. Hier offenbart sich sowieso, dass Nechljudow zwar in den Sumpf von Militär und Dekadenz geraten ist und darin einige Jahre stagnierte, dass aber das, was in ihm schon in seiner Jugend wach geworden ist, nicht verloren gegangen ist - jener Sinn für Gerechtigkeit, überhaupt das Erkennen von Unrecht.
Dass er für die Maslowa da sein möchte, ist eine Art der Sühne, die jedoch nach seiner Handlung noch nichts darüber ausgesagt hätte, ob er tatsächlich einen Wandlungsprozess durchmacht. Er hätte hier genauso gut für sich selbst handeln können, um sich durch Wiedergutmachung endgültig von der einstigen Schuld zu reinigen. Darum geht es ihm aber nicht nur (und auch Tolstoi nicht, der seine Figur hier beeindruckend in ihrem Prozess gestaltet). Es geht um dieses Wachwerden, sowohl gegenüber der Ungerechtigkeiten als auch gegenüber der Menschen. Das Leid der Gefangenen, Bauern, die Armut selbst sind das, was Nechljudow bewusst wird. Und er blickt nicht nur, sondern handelt. Dass die Bauern ihm natürlich skeptisch gegenüber stehen, da er der Herr ist und sie voraussetzen, dass er sie hintergehen will, war vorauszusehen. Auch sie haben eben aus ihren Erfahrungen gelernt. Nechljudow hilft es zu der Erkenntnis, dass allgemein etwas im Land schief läuft: (Teil 2/Kap. 6)

Zitat von Tolstoi
Und er begriff jetzt, warum er sich geschämt hatte, daran zu denken, wie er die Angelegenheit in Kusminskoje geregelt hatte. Er hatte sich selber betrogen. Obwohl er wusste, dass der Mensch kein Recht auf den Boden haben konnte, hatte er dieses Recht für sich in Anspruch genommen und den Bauern einen Teil dessen geschenkt, auf das er, wie er in der Tiefe seiner Seele wusste, kein Recht hatte.


Seit jeher ist es erschreckend, dass der Mensch in eine Welt hineingeboren wird, in der alles bereits Besitz ist, vergeben und aufgeteilt, und die, die in Armut aufwachsen, konnten nie aus dieser entkommen. Nechljudow erkennt die Tragik darin (Kap. 6):

Zitat von Tolstoi
Das Volk stirbt aus und hat sich mit seinem Aussterben abgefunden; es haben sich bei ihm die dem Aussterben eigentümlichen Lebenserscheinungen herausgebildet: die hohe Sterblichkeit der Kinder, Arbeit der Frauen über ihre Kräfte, der Mangel an Nahrung für alle, besonders für die Alten. Und so allmählich ist das Volk in diese Lage geraten, dass es selber ihr ganzes Grauen nicht wahrnimmt und nicht darüber klagt. Daher glauben wir, dass das natürlich und notwendig sei.



Aber nicht mehr für Nechljudow, der seine Seele neu läutert und wieder für seine Ideale öffnet. Er weiß nicht, was mit ihm geschieht, er weiß nur, dass es richtig ist (Kap. 8):

Zitat von Tolstoi
Alles das zu begreifen, das ganze Werk des Herrn zu begreifen, liegt nicht in meiner Macht. Aber seinen Willen zu erfüllen, der in meinem Gewissen offenbar wird, liegt in meiner Macht; das weiß ich unbezweifelbar. Und wenn ich ihn erfülle, bin ich ruhig.


Dass ist das Streben der "wahren Religion" (Christentum, Buddhismus...usw.) Nicht hinterfragen und über das Nie-zu-Beantwortende grübeln, nicht (nur) für einen Gott (Buddha), sondern in jenen Werten handeln, die die Religion vermittelt. Darum wendet sich Tolstoi gegen die Künstlichkeit der Kirche und predigt den Glauben und das Handeln in diesem Glauben, wo immer der Mensch sich befindet.

Am Lachen des Anwalts (Kap. 11), den Nechljudow aufsucht und der ihn, als er Nechljudow über die Ungerechtigkeiten im Gefängnis reden hört, sofort zu einem Gesprächsabend zwischen Künstlern, Literaten und Gelehrten einlädt, ist typisch für die Sorte Mensch, die gerne über Themen diskutiert, jedoch unfähig ist, darüber hinaus zu denken. Er sieht, dass Nechljudow hier eine belustigende Bereicherung für einen netten Abend wäre, wie auch der rotgesichtige, korpulente, als Dummkopf geschimpfte Maslennikow, der der Maslowa eine Stelle im Krankenhaus verschafft, weil es in seiner Macht liegt und er Nechljudow einen Freundschaftsdienst erweisen will, nicht weil er Nechljudows Empörung teilt. Auch er lauscht mit halben Ohr, auf das, was Nechljudow ihm über die Leiden der Gefangenen berichtet und sehnt sich nach dem Gelächter der feierfreudigen Gäste, das vor seiner Tür ohne ihn stattfindet (er könnte ja einen guten Witz verpassen) und so viel aufregender wäre, als die langweiligen Nöte, von denen ihm Nechljudow berichtet. „Das ist Philosophie!“ sagt der Anwalt (wieder zurück zu Kap. 11) zu Nechljudow, der ihn fragt, wozu die Gerichte da seien, wenn der Staatsanwalt alles in der Hand hat und sowieso alleine entscheidet. Das sind dann diejenigen, die nur reden, die sogar gerne über derartige Themen sprechen, jedoch nur um ihren Eitelkeiten zu frönen und sich selbst darzustellen, ähnlich derer, die gerne spenden, solange aber genügend Leute sehen, wie großzügig sie sind. Über diese Ebene hinaus sind sie nicht in der Lage, das Unrecht zu erkennen oder ziehen überhaupt in Erwägung, etwas ändern zu wollen bzw. zu können. Das, was sie Philosophie nennen, ist nur Gedankenschmuck, Gerede, das ins Leere führt.

Liebe Grüße
tAxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 28.11.2010 17:41 | nach oben springen

#35

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 28.11.2010 18:58
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Zitat von Martinus
Jetzt erfahren wir auch, warum Maslowa es gelassen sieht, in die Zwangsarbeit zu kommen. Ihr Leben damals als Hure war viel schlimmer.

Sie ist sie gegenüber Nechljudow reserviert, weil sie erkennt, das Nechljudow Schuld an ihrem verdorbenen Leben hat. Es bleibt die Frage offen, ob Maslowa es schafft, wie Nechljudow auch daran arbeitet, eine Läuterung zu erlangen.



Ich glaube, die Maslowa macht schon eine Art Läuterung durch. Sie hat ihre Vergangenheit verdrängt und sich durch das viele Brandweintrinken betäubt. Nun, wo sie im Krankenhaus arbeitet, sehnt sie sich ab und an nach dem Trinken, aber lediglich um den Schmerz zu bekämpfen, weil sie es wohl nicht anders gelernt hat. Trotzdem aber hat sie für Nechljudow und die Stelle im Krankenhaus das Trinken aufgegeben. Auch die Erkenntnis, was in ihrem Leben schief gelaufen ist, ist ein Fortschritt und eine Entwicklung. Ich glaube gar nicht so sehr, dass es die Maslowa als Prostituierte viel schwerer hatte als im Elend der Gefangenschaft, auch wenn die eine Zeit nicht besser als die andere ist. Ich denke, die Rückbesinnung an diese Zeit, zeigt ihr, wo sie sich hat gehen lassen, wie einfach sie eine Gelegenheit hat verstreichen lassen, wie häufig sie unglücklich war und trotzdem nicht gehandelt hat. Sie sieht und begreift ihre eigenen Schwächen. Dass sie sich bereits als Zwangsarbeiterin empfindet, ist keine Gelassenheit, sondern das Los, das sie nach all dem Leid als eine weitere Schicksalsfügung des Elends empfindet, ähnlich der Bauern, die ihr Leid nicht sehen, weil sie sich daran gewöhnt haben.

Für sie ist es natürlich gut, dass Nechljudow ein Fürst ist und sich ganz anders um die Angelegenheiten kümmern kann, als wäre er nicht vermögend. Er hat Beziehungen und kann verschiedene Leute schneller aufsuchen, auch wenn ihm dieser Gang nicht leicht fällt. (Kap. 15)

Zitat von Tolstoi
... und wie immer fiel es Nechljudow schwer, sich mit einer Bitte an einen Menschen zu wenden, den er nicht achtete.


Trotzdem ist er durch seine voranschreitende Entwicklung bereit, gegen seine Abneigung und für die Menschen, die seiner Hilfe bedürfen, weiterhin zum Bittsteller zu werden.
Bei seiner Tante Katerina Iwanowna in Petersburg („Alle verstehen mich, nur mein Mann nicht.“) bemerkt Nechljudow, wie er die ernste Lage ins Scherzhafte treibt, um sich auf ihr Niveau zu begeben und sie in dieser Art zu erreichen. Diese Menschen sind immerhin alle in ihrer Welt gefangen und haben in dieser Welt ihre Ansichten, die sie bis aufs Blut verteidigen. Die Tante schätzt ihn für seinen Mut („Er ist ein Narr“, sagt sie über ihn, „aber helfen Sie ihm...“), lehnt aber aufgrund ihrer eigenen Überzeugungen die Menschen ab, für die er sich einsetzt. (Zudem gehört sie zu den Herrschaften, die eine Religion nicht aus Überzeugung schätzen, sondern weil es schick und angesagt ist.)
Das ist trotzdem ein guter Weg, den Nechljudow da geht, der besonders darum beeindruckt, weil sich Nechljudow nicht einschüchtern oder durch sich selbst von seinem Vorhaben abbringen lässt, weil er nicht die Geduld verliert, obwohl er weiß, auf welch dekadente Menschen er trifft. Er folgt trotzdem weiterhin seinem Herzen.


Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 28.11.2010 23:48 | nach oben springen

#36

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 28.11.2010 23:45
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Tja, liebe Leute, ich kann nicht anders. Der Tolstoi packt mich und zerrt mich an den eigenen Ohren kreuz und quer durch die eigenen Gedankengänge...

Apropos Gänge:
Bei seinem Gang über die höheren Instanzen, wird Nechljudow sich nach und nach bewusst darüber, dass hier nicht nach Gerechtigkeit gesucht, nicht der Aufklärung von Schuld und Unschuld gedient, sondern immer im Interesse der Reichen und Satten gehandelt wird. Tolstoi entwirft etliche Charaktere, die dieses Klischee erfüllen. Die Anwälte, die ihre Arbeit für eine höhere Stellung verrichten und darum blind und taub für die Wirklichkeit sind, die Geschworenen, die kaum Interesse für das bezeugen, was vor ihnen geschieht, die etlichen reich geschmückten, allzu bequemen Büros mit eleganten, feinen Beamten und eleganten, feinen Gesprächen, die in ihrer gläsernen Welt von Luxus und Dekadenz keinen Finger krümmen würden, solange nicht etwas für sie herausspringt. Auch die Urteile für die etlichen falschen Schuldigen, die alle ihre Unschuld beteuern, was ihnen von jenen, Entscheidungen treffenden Besserwissern als Lüge vorgeworfen wird, werden nicht im Sinne der Menschheit und der Gefahrenbegrenzung getroffen, sondern um Eitelkeiten zu befriedigen, Karrieren anzuleiern und weitere Türen solcher Eitelkeiten zu öffnen, und Nechljudow erkennt diese Bedingungen ganz deutlich (Kap. 27):

Zitat von Tolstoi
… da kam ihm mit ungewöhnlicher Klarheit der Gedanke, dass man sie alle keineswegs deshalb ergriffen, eingesperrt und deportiert habe, weil sie sich gegen die Gerechtigkeit vergangen und die Gesetze verletzt hatten, sondern nur, weil sie die Beamten und die Reichen daran hinderten, den Reichtum zu genießen, den sie dem Volke weggenommen hatten.



Ob er nun auf einen alten Freund trifft, der, ähnlich wie er selbst, einen Lebensweg eingeschlagen hat, der, bei allem, was er macht, nicht „das Rechte“ ist, und an dem er so gut erkennt, was ein Handeln gegen die eigenen Überzeugungen aus dem Menschen macht, insofern er nur höflich sein will, was sogar bis in einen vorgetäuschten Glauben führt, oder auf große Verantwortliche wie Toporow (Kap. 27), der an nichts glaubt, aber die Befürchtung hegt, das Volke könne in den gleichen Sumpf geraten (und damit gefährlich werden), und darum dafür sorgt, dass es weiterhin im Aberglauben verhaftet bleibt (wie auch die ganzen Sekten und künstlichen Religionen, denen die Dekadenz sich anschließt, nur weil es schick und angesagt ist und weil der Priester oder Vorsteher der Sekte verkündet, Jesus hätte bereits für sie alle gelitten, darum dürfen sie auf Erlösung hoffen, ohne etwas dafür tun zu müssen), an allem bestätigt sich Nechljudow der Wahn dieser alles regierenden Welt, die nicht im Sinne der Menschheit handelt. Gerade solche Leute wie Toporow zeigen das überdeutlich, der seine fehlgerichteten Überzeugungen sogar dafür benutzt, etliche Unschuldige einzusperren und getrennt voneinander (Familien auseinander reißend) deportieren zu wollen, nur um sich Ruhe zu verschaffen und das Volk in Abhängigkeit zu halten, womit er zu den zerstörerischen Menschen gehört, die zwar selbst aufgeklärt sind, jedoch „ihr Licht nicht dazu gebrauchen wozu sie es gebrauchen sollten, nämlich um dem sich aus der Finsternis der Unwissenheit mühsam herausringenden Volk zu helfen, sondern im Gegenteil, um es darin festzuhalten.“

Auch Mariette, die er durch seine Tante geleitet, fragt, ob sie etwas für eine der politischen Gefangenen tun kann, die „gegen ihre Prinzipien handelt“, indem sie ihren Mann darum bittet und auch Erfolg damit hat, spielt ihr eigenes, eitles Spiel, in das Nechljudow kurz hineingezogen wird. Sie ist schön und weiß sich genau in ihn hineinzuversetzen (sagt ihm, was er hören will), doch in ihr schlägt auch nur ein kaltes Herz, das nach Aufmerksamkeit giert. Sie unterscheidet sich nicht von jenen großen Damen, die ihre Dekadenz und Herrschsucht frei ausleben, sie verdeckt diesen hässlichen Charakterzug nur durch Schauspiel und Verschleierung. (Kap. 28)

Zitat von Tolstoi
Widerwärtig ist das Tier im Menschen, dachte er; aber wo es sich unverhüllt zeigt, da siehst du von der Höhe deines geistigen Lebens auf es herab und verachtest es, und ob du gefallen bist oder ob du widerstehen konntest – du bleibst derselbe, der du gewesen bist. Wenn sich jedoch dieses Tier unter einer vermeintlich ästhetischen, poetischen Hülle verbirgt und Verehrung für sich verlangt, dann versinkst du ganz darin, und indem du das Tier anbetest, unterscheidest du nicht das Gute vom Bösen.



Zu diesen Menschen zählen auch die Künstler, Gelehrten und Literaten, die nur schönreden, nicht handeln, die ihre verkümmerte Seele in polierten Fassaden zur Schau tragen und von sich denken, sie hätten irgendwelche „höchsten, verfeinerten Gefühle“, die jeder bemerken muss, warum sie sie auch erst zur Schau stellen.
Tolstoi betrachtete die Kunst immer als eine Beschäftigung der Satten. Er meinte damit genau diese Situation, in denen sich Menschen maßlos den schönen Künsten und Plaudereien ergeben, dabei Champagner schlürfen und über Gott und die Welt „philosophieren“, während direkt neben ihnen etliche Menschen verhungern oder ganz langsam zugrunde gehen. Und die Menschen sind einerseits blind, aber mehr noch genau darüber im Bilde, was neben ihnen geschieht, gefallen sich aber in ihrer Position so gut, dass sie Erklärungen und Rechtfertigungen für ihre Beschäftigungen mit einem aufgeblähten Nichts finden und vorbringen, bis ihnen das Leid wie eine unangenehme Belästigung erscheint. Das ist ihre Art der Empörung, während ein anderer Mensch von tiefer Traurigkeit ergriffen wird. Nechljudow denkt:
… es kann nicht sein, dass alle jene Worte von der Gerechtigkeit, dem Guten, von Gesetz, Glauben, Gott und dergleichen bloße Worte sind, die den gröbsten Eigennutz und die roheste Grausamkeit verbergen.

Hintergründe, die sich bis heute nicht aufgelöst haben. Auch darf man dabei getrost hinterfragen, wie vernunftbegabte Menschen allgemein und in jetziger Zeit annehmen können, dass z. B. satte Politiker sich jemals für den Mann der Mittelschicht einsetzen würden oder überhaupt interessieren, statt auf ihren eigenen fetten Arsch bedacht zu sein. Das hat sich durch all die Jahrhunderte kaum verändert. Nur ist, wo alles demokratisch geregelt ist, der Mensch dem Trug einer Freiheit erlegen, in der er glaubt, eine Wahl zu haben, während die "Verbrechen" weiterhin wegdiskutiert werden, bis sie im Informationsüberfluss langsam vergluckern.

Oder im Sinne Tolstois: (Kap. 28)

Zitat von Tolstoi
Alles war klar. Es war klar, dass das, was für wertvoll und gut gehalten wird, nichtig und abscheulich ist und dass all dieser Glanz, all diese Pracht nur alte Verbrechen verdeckt, an die sich jedermann gewöhnt hat.





So, jetzt lasse ich aber auch euch wieder zu Wort kommen und schlendere derweil weiter mit Nechljudow durch Petersburg, dieser wahnsinnig schönen Stadt, auf Sumpf gebaut, mit all ihren verborgenen Grausamkeiten, die wohl für immer in den Steinen haften bleiben und unter dem Straßenpflaster und riesigen Prachtbauten und Plätzen begraben liegen.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 29.11.2010 00:19 | nach oben springen

#37

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 29.11.2010 12:42
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine

So, jetzt lasse ich aber auch euch wieder zu Wort kommen und schlendere derweil weiter mit Nechljudow durch Petersburg, dieser wahnsinnig schönen Stadt, auf Sumpf gebaut, mit all ihren verborgenen Grausamkeiten, die wohl für immer in den Steinen haften bleiben und unter dem Straßenpflaster und riesigen Prachtbauten und Plätzen begraben liegen.



Wie schön Sui das wieder geschrieben haben. Sui sind eine Dichterin.

Ich bin uihnen auf den Fersen durch Petersburg, also, von mir aus schreitens hurtig weiter.

Zitat von Taxine

Bei seinem Gang über die höheren Instanzen, wird Nechljudow sich nach und nach bewusst darüber, dass hier nicht nach Gerechtigkeit gesucht, nicht der Aufklärung von Schuld und Unschuld gedient, sondern immer im Interesse der Reichen und Satten gehandelt wird. Tolstoi entwirft etliche Charaktere, die dieses Klischee erfüllen.



Zu zwei Bürokratengestalten möchte ich noch was sagen:

Wolf, der sich für die Kassationsbeschwerde einsetzt, gibt sich nach dem Prozeß schon wieder uninteressiert:

Zitat von Tolstoi
Was soll man tun, lieber Fürst? Es gab keine genügende Begründung.

Und abgehakt.

und dann der alte General, der als "schwachsinnig" gilt. Hier finden wir Tolstois Kritik der Kaukasuskriege, die er dann in "Hadschi Murat" (posthum 1912) fortsetzen wird.

Zitat von Tolstoi
Er hatte im Kaukasus gedient, wo er dieses für ihn besonders schmeichelhafte Kreuz erhalten hatte, weil damals unter seinem Kommando von deren geschorenen, in Uniform gesteckten und mit Flinten und Bajonetten bewaffneten russischen Bauern mehr als tausend Menschen, die ihre Freiheit und Häuser und Familien verteidigten, getötet worden waren.



Und Tolstoi ist eben wunder war, wenn er ein paar Zeilen später noch dieses anhängt:

Zitat von Tolstoi
Er hielt sich streng an alle Vorschriften von oben und legte besonderen Wert auf deren Erfüllung, da er solchen Vorschriften eine besondere Bedeutung zuschrieb.



Jede Menge Orden, einen sicheren Job bis ins hohe Alter, genauer: als "gebrechlicher Greis". Hatte Heinrich Mann in "Der Untertan" nicht auch so einen Obrigkeitsfanatiker geschaffen? Es mutet an, dass Tolstoi den Fall des alten verkrusteten Bürokratenzarentum schon vorausgesagt hat.

Zitat von Tolstoi
Eine schlechte Handlung kann etwas Einmaliges sein, und man kann sie bereuen, schlechte Gedanken aber erzeugen schlechte Handlungen. Eine schlechte Handlung ebnet nur den Weg zu neuen schlechten Handlungen, schlechte Gedanken aber ziehen einen unaufhaltsam auf diesem Weg fort. Kap.25



Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 06.12.2010 15:44 | nach oben springen

#38

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 29.11.2010 16:51
von Krümel • 499 Beiträge

Zitat von Tolstoi
…; doch offenbar wird kriecherische Gesinnung durch Gewohnheit nur noch gesteigert, denn jede ihm von einer hochstehenden Persönlichkeit zuteil gewordene Aufmerksamkeit versetzte Maslennikow in die gleiche Begeisterung, in die ein Hündchen gerät , wenn sein Herr es streichelt, hinter den Ohren krault, ihm auf den Rücken klopft. Es wedelt mit dem Schwanz, krümmt sich, legt die Ohren an den Kopf und rennt wie besessen im Kreis herum.



Ganz anders ist das bei dem Dorfmädchen, es blickt Nechljudow ganz unbefangen und offen in die Augen, freundlich, ungekünstelt und brüderlich. Das gemeine Volk, das arme Volk besitzt mehr Tugend als der hohe Stand. Und deshalb sind auch die Bauern so skeptisch als Nechejudow ihnen das Land ganz fair verpachten möchte, und den noch ärmeren Bauern auf dem Gut der Tanten gar ganz abtreten möchte, von den Reichen ist man es im Grunde nur gewohnt ausgenutzt und übervorteilt zu werden.

Zitat von Taxine
Für sie ist es natürlich gut, dass Nechljudow ein Fürst ist und sich ganz anders um die Angelegenheiten kümmern kann, als wäre er nicht vermögend.



Ihre Schroffheit gegenüber Nechljudow würde sie aber nicht äußern, wenn er nicht reich und von Stand wäre. Natürlich kann er durch seine Stellung einiges für sie tun, aber ohne Fürst und Gedöns wäre es gar nicht so weit gekommen. Auch würde sie nun ihren Gefühlen, die wieder für ihn entbrannt sind, freien Lauf lassen, und ihn nicht andauernd vor den Kopf schlagen. Und genau das, ihren Standesunterschied erkennt sie, und will dieses Opfer nicht annehmen.

Nechljudow ist mir an dieser Stelle noch recht zerrissen. Als die Maslowa angeblich etwas mit dem Heilgehilfen hat, fühlt er sich gleich von jeglicher Verpflichtung befreit (schon alleine dieses Wort fand ich hart, aus Verpflichtung geht man keine Ehe ein und man tut auch nichts Gutes aus reiner Verpflichtung heraus). Über eine lange Strecke liest sich die innerliche Haltung von Nechljudow verkrampft und nicht freiwillig, rein aus gutem Willen. Diese Antriebskraft lässt ihn auch ziemlich im luftleeren Raum stehen. Manchmal las ich gar Berechnung heraus.

Da ich mittlerweile das Buch beendet habe, und immer weit vor war, weiß ich nie genau was ich schreiben darf, ohne etwas zu verraten.

Krümel

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#39

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 29.11.2010 17:31
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Krümel

Nechljudow ist mir an dieser Stelle noch recht zerrissen. Als die Maslowa angeblich etwas mit dem Heilgehilfen hat, fühlt er sich gleich von jeglicher Verpflichtung befreit (schon alleine dieses Wort fand ich hart, aus Verpflichtung geht man keine Ehe ein und man tut auch nichts Gutes aus reiner Verpflichtung heraus). Über eine lange Strecke liest sich die innerliche Haltung von Nechljudow verkrampft und nicht freiwillig, rein aus gutem Willen. Diese Antriebskraft lässt ihn auch ziemlich im luftleeren Raum stehen. Manchmal las ich gar Berechnung heraus.



Ja, das ist schon seltsam mit dieser Verpflichtung. War es noch zu anfangs bei der Ostermesse eine Liebe, die auch die bedingungslose Liebe zu allem in sich trug, ist es nun zu einer Verpflichtung geworden. Irgendetwas scheint nicht zu stimmen. Nechljudow fühlt höchstens sich seinem Gewissen gegenüber verpflichtet seine Schuld zu sühnen. Ihm lastet selber seine Vergangenheit. Ist dieser Antrieb nicht egozentriert oder kommt sein Schuldbewusstsein vom Christentum? Es heißt ja, er wolle mit ihr verheiratet sein, auch wenn es vielleicht nur auf dem Amtspapier so steht. Man kann doch, wenn es schon um Schuldbewusstsein geht, diese Schuld nicht durch eine Art Ablasszettel vom Amt freikaufen.

Aber nun folgendes:

Zitat von Tolstoi
..Nechljudow liebe sie nicht um seinetwillen, sondern und ihret - und um Gottes willen. Kap. 29



Wie man sieht, scheint er eine Verpflichtung vor Gott erfüllen zu wollen, denn er hat ja schon im Kap. 27 erkannt, was für ein Schindluder im Namen Gottes getrieben wird:

Zitat von Tolstoi
..es kann nicht sein, daß alle jene Worte von der Gerechtigkeit, dem Güten, von Gesetz, Glauben, Gott und dergleichen bloße Worte sind, die den größten Eigennutz und die roheste Grausamkeit verbergen!



Komme zu dem Schluss, Nechljudow gehe es um Gottes Gerechtigkeit (und nicht um Heuchelei im Namen des HERRN).

Zitat von Tolstoi
Da ich mittlerweile das Buch beendet habe, und immer weit vor war, weiß ich nie genau was ich schreiben darf, ohne etwas zu verraten.



Von mir aus, kannst drauf los schreiben. Ich habe keinen Spoilerwahn. Übrigens, mein Gehirn liest langsamer, bis Donnerstag bin ich auch fertig.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 29.11.2010 17:40 | nach oben springen

#40

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 01.12.2010 16:08
von Krümel • 499 Beiträge

Nach dem es dann bekannt war, die Maslowa war zur Zwangsarbeit auch in der Berufung verurteilt, bekommt Nechljudow oder der Erzähler, das war oft so fließend, dass man das nicht auseinanderhalten konnte, so eine „Vision“: Er stellt sie als vollkommen unschuldig dar, ihr ganzes Schicksal beruht auf seinen Fehltritt. Sie ist das Opfer der Gesellschaft, sie die Unschuld in Person.

Zitat von Tolstoi
Ich bin schuld, während sie bestraft wird. Sie ist völlig unschuldig.



Auch hier wird wieder angedeutet, dass der Mensch als vollkommen gut zur Welt, was nicht meinen Ansichten entspricht. Ein unbeschriebenes Blatt ist der Mensch bei der Geburt, wohin er sich entwickelt, wird sich zeigen. Und so hat mich Tolstoi im letzten Drittel oft gelangweilt oder genervt, zu pathetisch und „aufdringlich“ kam mir so manche Passage vor. Auch zu viele Pauschalisierungen findet man über weite Strecken.

Das Kapitel 32, dieses Gespräch zwischen N. und seinem Schwager, ist sehr aufschlussreich für das Buch. Dieses Pro und Kontra fand ich dann mal sehr erfrischend.

Was ist Recht und wer darf Recht aussprechen, und was ist Gerechtigkeit?

Die Kosten für Gefängnisse belaufen sich höher, als wenn man es in die Bildung stecken würde, und wer wird von den Kosten belastet? Seit Jahrhunderten werden Verbrecher bestraft, aber gibt es dadurch weniger Verbrecher? (Das schien mir dann sehr aktuell.)

Zitat von Tolstoi
Vor allem empörte ihn, daß in den Gerichten und Ministerien Leute saßen, denen von dem Geld, das man dem Volk abgepresst hatte, hohe Gehälter gezahlt wurden, …



Zitat von Tolstoi, der Alte am Fluss
„Die Gesetze!“ wiederholte er verächtlich. „Zuerst hatte er alle ausgeraubt, hat den Menschen alles Land, ihren ganzen Besitz genommen und sich selbst angeeignet, hat alle niedergemacht, die sich gegen ihn erhoben, und dann hat er ein Gesetz geschrieben, daß man nicht rauben und nicht töten darf. Dieses Gesetz hätte er vorher schreiben sollen.“



Zitat von Tolstoi
Demoralisierte Menschen maßten sich an, andere demoralisierte Menschen zur Moral zu erziehen, …



So, und nun zum Schluss. Ganz ehrlich, den finde ich fast peinlich

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#41

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 01.12.2010 17:24
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Interessant, deine Anmerkungen, Krümel.

Eine feine Beschreibung gelingt Tolstoi über die "graue Masse", über den Aufbruch der Gefangenen:

Zitat von Tolstoi
Reihe auf Reihe zogen die unbekannten Wesen von seltsamem und schrecklichem Aussehen an ihm vorüber, die sich mit tausend gleichbeschuhten Füßen und gleichbekleideten Beinen bewegten und im Takt zu den Schritten, gleichsam um sich aufzumuntern, die freien Arme schwenkten. Sie waren so viele, sie glichen einander so sehr, und sie befanden sich in einer so eigentümlichen und seltsamen Lage, dass es Nechljudow so vorkam, als seien sie keine Menschen, sondern irgendwelche fremden, fürchterlichen Geschöpfe.



Nechljudow erlebt diesen Gefangenentransport als Unmenschlichkeit. Bürokratismus siegt erneut über die Umstände, dass die Hitze darum auch mehrere Menschenleben kostet. Das Ereignis dieser Beschreibung hat wirklich stattgefunden, warum die Empörung Tolstois auch besonders laut durch seine Zeilen dringt.

Zitat von Tolstoi
Niemand ist schuldig, und doch sind diese Menschen getötet worden, und zwar durch dieselben Leute, die an diesen Todesfällen unschuldig sind.



Besonders gut nachvollziehbar ist die Luft, die Nechljudow aus dem glühend heißen Zugwagon "wie aus einem Badestubenofen" entgegenschlägt, als er die Maslowa kurz durch das Fenster spricht.

Die Diskussion zwischen ihm und seinem Schwager war wirklich aufschlussreich, besonders durch die eigenartige Lösung, die Nechljudow anbietet. Er ist für Todesstrafe und Bestrafung durch körperliche Züchtigung, da diese einen Zweck erfüllen (… das wäre grausam, aber zweckmäßig..., körperliche Züchtigung merkt sich der Mensch, und sollte er wirklich eines Verbrechens schuldig sein, muss man ihm den Kopf abschlagen), das Einsperren und Verbannen jedoch würde keinen Zweck erfüllen, sondern nur die Ungerechtigkeit vermehren und zum reinen Bürokratismus verkommen, der den Menschen nicht mehr als Menschen betrachtet, sondern als ein Fall, der aus der Welt/Gesellschaft geschafft werden muss (insbesondere in Bezug auf die politischen Gefangenen). Das Thema Gefangenschaft und Verbannung hat ja selbst Tschechow mit seiner Insel Sachalin aufgegriffen, so haben sich etliche Schriftsteller ganz unterschiedlich damit auseinandergesetzt. Auch finde ich, muss man unterscheiden, ob die Schuld politisch ist oder aus einem Verbrechen resultiert.
Andererseits hat Nechljudow Recht, wenn er behauptet, dass das Laster erst im Gefängnis vermehrt wird, und auch, wenn er ausruft: „Man sagt ihm: Stiehl nicht! Er sieht und weiß aber, dass die Regierung mit all ihren Beamten ihn in Form von Steuern unaufhörlich bestiehlt.“
Das sind eben die Schwierigkeiten der Moral, wenn der normale Mensch sich Gesetzen unterwerfen soll, aber tagtäglich erlebt, wie die, die die Gesetze machen, sie brechen oder durch ihr bloßes Vorhandensein handeln, wie der kleine Mann nie handeln darf. Da werden über die Köpfe des Volkes ganz selbstverständlich Gelder verschoben und geliehen, und dann vom Volk wieder in mittlerweile unverfrorener Höhe zurückverlangt.
Nechljudow prangert aber nicht nur das Strafsystem oder die Unfähigkeit solcher Leute wie sein Schwager an, die über das Gelernte und Verinnerlichte hinaus nicht mehr eigenständig oder vernünftig denken, sondern auch den Umgang der Wachdienste, die das „einfachste Gefühl des Mitleids“ verloren haben. Der Dienst scheint in seinen Augen das zu sein, was die Menschen zu Robotern, statt Menschen macht. Solange sie nach Vorschriften und Pflichten handeln, schalten sie den Verstand und insbesondere das Herz aus und handeln lediglich auf Befehl. (Wir wissen nur zu gut, wohin das führen kann.) Das wird dann wohl auch die gleiche Abneigung sein, die Tolstoi für das Militär empfindet.
Irgendwie musste ich allerdings auch an Ärzte denken, die sich ebenfalls nicht leisten können, auf jeden Patienten individuell einzugehen, Routine gerät grundsätzlich in die Abläufe, so auch hier bei den Wachen und Polizisten, die die Gefangenen in die Züge treiben.
Nechljudow aber sagt:

Zitat von Tolstoi
Wenn es möglich wäre anzunehmen, dass irgend etwas – was es auch sein möge – wichtiger ist als das Gefühl der Menschenliebe, sei es auch nur für eine Stunde und nur in irgendeinem einzigen Ausnahmefall, so gäbe es kein einziges Verbrechen, das man nicht, ohne sich für schuldig zu halten, an den Menschen begehen könnte.


Hier macht es sich Tolstoi wahrhaftig zu einfach. Das sind jene Grenzen, die er im Gegensatz zu Dostojewskij nicht überschreitet. Hier hält er fest, dass die Welt so geordnet ist, wie er sie sieht, nimmt sich selbst als das Vorzeigebeispiel, wie ein Mensch grundsätzlich handeln würde, was absurd ist. Die Menschen sind so verschieden, und darunter sind dann eben auch die, die, auch wenn sie sich für schuldig halten, trotzdem weiter gegen dieses Gefühl handeln. Oder die, die bewusst gegen die Moral handeln und ihr Handeln sofort zu rechtfertigen verstehen.

Für Tolstoi und seinen Protagonisten wird die Menschlichkeit gegen Regeln getauscht, das natürliche Empfinden von Gut und Böse durch Vorschriften ersetzt, die den Menschen abstumpfen und in Situationen nicht mehr spontan reagieren lassen. Dadurch verliert er auch den Sinn einer innerlichen Hinterfragung und moralischen Auseinandersetzung mit sich selbst.

„Alles kommt davon“, denkt Nechljudow, „dass diese Leute das als Gesetz anerkennen, was kein Gesetz ist, und das, was ein ewiges, unabänderliches, unabdingbares, von Gott selbst in das menschliche Herz geschriebene Gesetz ist, nicht als Gesetz anerkennen.“ (Kap. 40)

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 01.12.2010 17:29 | nach oben springen

#42

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 01.12.2010 18:59
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine
Er ist für Todesstrafe und Bestrafung durch körperliche Züchtigung, da diese einen Zweck erfüllen (… das wäre grausam, aber zweckmäßig..., körperliche Züchtigung merkt sich der Mensch, und sollte er wirklich eines Verbrechens schuldig sein, muss man ihm den Kopf abschlagen), das Einsperren und Verbannen jedoch würde keinen Zweck erfüllen, sondern nur die Ungerechtigkeit vermehren und zum reinen Bürokratismus verkommen, der den Menschen nicht mehr als Menschen betrachtet, sondern als ein Fall, der aus der Welt/Gesellschaft geschafft werden muss (insbesondere in Bezug auf die politischen Gefangenen).



Ich war enttäuscht, weil Nechljudow für die Todes - und Prügelstrafe ist. Grundsätzlich muss ich so etwas ablehnen, aber lassen wir mich aus dem Spiel. Nechljudow wird als grundauf gut dargestellt, weil er gegen MIssstände in seinem Lande ankämpft und danach strebt, sein eigenes Gewisen zu läutern, und dann ist es natürlich ein starker Kontrast, wenn er für die Todesstrafe plädiert. Natürlich waren die Gefängnisse und Arbeitslager damals katastrophal und für den Menschen nicht förderlich. Es wäre doch viel gescheiter, Haftbedingungen zu verbessern anstatt Menschen umzubringen....tz

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 01.12.2010 18:59 | nach oben springen

#43

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 01.12.2010 19:34
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Seine Ansichten zur Todesstrafe stehen auch im völligen Widerspruch zu dem, was er in Kapitel 40 denkt.

Zitat von Tolstoi
Die ganze Sache ist die, dass die Menschen glauben, es gebe Situationen, in denen man mit den Menschen ohne Liebe umgehen dürfe; solche Situationen gibt es aber nicht. (...)
Und es kann auch gar nicht anders sein, weil die Liebe der Menschen zueinander das fundamentale Gesetz menschlichen Lebens ist. Es ist wahr, dass der Mensch sich nicht ebenso zwingen kann zu lieben, wie er sich zwingen kann zu arbeiten, aber daraus folgt nicht, dass man mit den Menschen ohne Liebe umgehen dürfe, besonders wenn man etwas von ihnen verlangt.



Wieviel Liebe liegt denn in Prügel- und Todesstrafen? Und was soll der Mensch aus ihnen mehr lernen, als wenn man ihn in die Verbannung schickt? Ein geprügelter Hund denkt beim nächsten Mal nach? Wenn ihn aber eine Situation begegnet, in der er nicht nachdenken kann? Und der Tod als Lösung... Als ob hier zwei Welten nebeneinander gelegt und unterschiedlich bewertet werden. Vergebung ist Liebe. Tod als Lösung ist keine Vergebung. Ist eine Maßnahme, wie all die anderen, die Nechljudow den Gesetzgebern, Anwälten und Staatsdienern ankreidet...




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 01.12.2010 19:52 | nach oben springen

#44

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 01.12.2010 20:23
von Krümel • 499 Beiträge

Zitat von Martinus
Nechljudow wird als grundauf gut dargestellt, weil er gegen MIssstände in seinem Lande ankämpft und danach strebt, sein eigenes Gewisen zu läutern,



War das die Intention von Tolstoi? Ich hatte im letzten Drittel solche Probleme mit den Ansichten, dass ich jetzt am zweifeln bin, ob er wirklich das rüber bringen wollte. Für mich persönlich handelt Nechljudow aus falschen Beweggründen, verkrampft und pflichterfüllend, nicht aus reinem Herzen. Ich mag ihn zum Schluss gar nicht mehr

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#45

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 02.12.2010 19:05
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Die Absicht Tolstois bei der Figur Nechljudow würde ich so definieren, dass hier ein oberflächlich gewordener Mensch mit guter Seele, die aber über die Zeit gelitten hat, versucht, seine Sünden wieder gutzumachen, und während er dies versucht, gerät er aus der Eitelkeit (Ich tue das, um mich selbst zu läutern...) in eine allgemeine Hinterfragung der Umstände (die jedoch fragwürdig bleibt). Tolstoi entwirft hier einen mächtigen Widerspruch, da er sagt, dass die Gefangenen unter solchen Bedingungen verrohen, die Obrigkeit die alleinige Schuld daran trägt, jedoch seine Gefangenen alle von unterschiedlicher Gutmütigkeit und Liebenswürdigkeit sind. Sie rücken bei ihm durch die Umstände eher näher aneinander, von Verrohung kann nicht die Rede sein. (Lediglich die Wachhabenden verrohen oder sind schon durch und durch routiniert und unmenschlich.) Dazwischen gibt es ein paar Selbstdarsteller mit revolutionären, anarchistischen, marxistischen Ideen.
Nechljudows Antwort und neu gewonnene Sichtweise auf all das Erlebte wird am Schluss sehr deutlich. Auch ist die Müdigkeit irgendwo verständlich, denn man kann hier die Figur lebendig werden lassen und sehen, welche Mühe man selbst unter diesen Umständen hätte, wenn man, wie Nechljudow, nicht daran gewöhnt ist. Der Geist ist willig, der Körper ist schwach..., das ist ja in diesem speziellen, leicht abweichenden Sinne durchaus nachvollziehbar. Daraus kann ich allerdings wiederum nicht deuten, dass Nechljudow sich nicht gewandelt hätte oder dass er immernoch verkrampft und pflichterfüllend ist. Da schlägt schon ein gutes Herz in seiner Brust, das versucht zu helfen, jedoch auch scheitern muss. Er hat ja daraus auch eine ganz bestimmte Erkenntnis gewonnen. (Dazu später.) Letztendlich bleibt er ein Charakter, der sich selbst eingesteht, dass er auf Teufel komm raus einen Weg eingeschlagen hat, den er auf Dauer nicht durchhält, was Verrat an seiner eigenen Person wäre. Dass er aber an all dem, was er bereits getan hat, nicht gewachsen wäre, finde ich nicht. Nechljudow ist kein perfekter Mensch, keiner, der aus dem Nichts auf einmal zum erhabenen Engel wird. Er ist einfach ein Mensch, mit all seinen guten und eben auch nicht so guten Seiten, auch wenn er durchaus weiter geht, als andere Menschen seiner Kreise (wobei diese extrem auf das Podest gestellte Position Nechljudow als einziger Ausbrecher seiner Klasse (z. B. bei der Reaktion der Arbeiter, die ganz verwundert sind, dass er ihnen im Zug einen Platz anbietet) wiederum stark übertrieben, zu überspitzt und darum realitätsfremd wirkt.

Auch fand ich interessant, wie Tolstoi einerseits die politischen Gefangenen in bessere Umstände setzt, was damals, laut Solschenizyn ja noch der Fall war, bevor sich die Staatsgewalt umkehrte und die politischen Gefangenen schlimmer als die gefährlichsten Schwerverbrecher behandelt wurden, dann aber behauptet, wie schwer sie es haben.
Einmal sagt er z. B. in Kap. 1/Teil 3:

Zitat von Tolstoi
Die Versetzung in die Abteilung der politischen Gefangenen verbesserte die Lage der Maslowa in jeder Beziehung, und zwar nicht allein deshalb, weil die Politischen besser untergebracht und verpflegt und nicht so grob behandelt wurden, sondern auch insofern, als die Verfolgungen von seiten der Männer aufhörten...



Dann aber in seinen philosophischen Auseinandersetzungen wieder (Kap. 5):

Zitat von Tolstoi
Wie furchtbar und sinnlos die Qualen auch waren, denen die sogenannten Kriminellen ausgesetzt waren, so wurden immerhin bei ihnen vor und nach der Verurteilung Mittel angewandt, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Gesetzmäßigkeit hatten; in den Prozessen gegen die Politischen gab es nicht einmal diesen Schein von Gesetzmäßigkeit (...). Diese Menschen behandelte man so wie die Fische beim Fang mit dem Zugnetz: man schleppt alles, was hineingerät, ans Ufer, und dann liest man die großen Fische aus, die man braucht, ohne sich um die kleinen zu kümmern, die verderben und am Ufer ersticken. Auf ähnliche Weise wurden Hunderte von Menschen, die offenkundig nicht nur unschuldig waren, sondern der Regierung noch nicht einmal gefährlich sein konnten, verhaftet und manchmal jahrelang in den Gefängnissen festgehalten, wo sie schwindsüchtig oder irrsinnig wurden oder Selbstmord begingen, und man hielt sie deshalb fest, weil man keinen Anlass hatte, sie freizugeben.



Hier kam mir der Verdacht, dass Tolstoi seine Geschichte schreibt, aber sobald er in seine Philosophie und eigenen Ansichten verfällt, stark pauschalisiert und sich über Bedingungen empört, die in seiner eigenen Romandarstellung so gar nicht auftreten. Andererseits spricht er von Unterbringung und unschuldiger Verhaftung und Verbannung, zwei Aspekte, die man vielleicht doch getrennt sehen muss.

Der letzte Teil des Romans enthält für mich ein Highlight - der Alte (...jeder Glaube rühmt allein sich selbst...), der frei von allem ist. "Sei dir selbst ein Vorgesetzter, dann wird keine Obrigkeit mehr nötig sein."

Mehr aber bald, wenn Martinus soweit ist.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 02.12.2010 19:43 | nach oben springen


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