background-repeat

Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#1

Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 16:41
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge

Tolstoi ist mir ein Koloß an Gedanken und ein Meister des klassischen Romans.
Er sagt:

Zitat von Tolstoi Tagebücher
Alles, was in die Tiefe geht, ist klar bis zur Durchsichtigkeit!


(aus den Tagebüchern)

Hier spricht er mir aus der Seele.
Ich lese im Moment "Anna Karenina" von ihm, ein wohl bekannter Roman, der mich sofort fasziniert hat. Tolstoi schreibt in einer leichten und schwungvollen Art und Weise.
"Anna Karenina" steht neben "Effi Briest" von Fontane und Flauberts "Madame Bovary" in einer Reihe, doch wo Flaubert sich fast übergeben musste, als er seine Madame Bovary Gift nehmen ließ und Fontane Effi Briest leicht langatmig in Zeilen fasst, so steht doch die Leichtigkeit Tolstois, seine Charaktere zu zeichnen, fast ohne Konkurrenz, wobei ich Flaubert ebenso schätze.

Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie aber ist auf ihre Art unglücklich.
schreibt Tolstoi in "Anna Karenina".

Fast modern könnte man diesen Roman nennen. Für meine folgenden Gedankengänge gilt: Ich durchdenke und berichte, während ich lese. So sind die Ahnungen eben nur Ahnungen, müssen nicht den Verlauf der Geschichte in aller Deutlichkeit sofort erfassen. Die Geschichte entwickelt sich also hier, ich fasse sie nicht erst hinterher zusammen.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 14.05.2010 16:49 | nach oben springen

#2

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 16:42
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge

Fast mit einem Satz werden wir in die Ereignisse geführt. Wir lernen Stiwa Oblonskij kennen, der gerade seine Frau betrogen hat, die ihn darauf nun verlassen will.

Zitat von Tolstoi
Und das furchtbarste ist, dass ich an allem schuld bin – ich bin an allem schuld und kann doch eigentlich nichts dafür.



Doch natürlich sieht er seine Schuld nicht ein, er lächelt sogar bei der Konfrontation mit dem Betrug.

Zitat
Er hatte es nicht verstanden, sein Gesicht der Lage anzupassen… usw.



Das zeigt dieses Verstecken, dieses „Ich lege für jeweilige Situation die und die Maske, das und das Gesicht auf.“. Er fühlt sich wohl schuldig, weil er ertappt wurde, nicht, weil er den "Betrug" bedauert. Auch seine Überlegung, dass dies nun „Reflexe des Gehirns“ sein mussten, war amüsant. Tolstoi versteht es, den Menschen vor den Augen des Lesers lebendig zu machen. Alles wird sofort erfassbar, man ist mittendrin.

Auch fand ich in diesem Zusammenhang der Schuld (Ehestreit) die Reaktion von Oblonskij so herrlich:

Zitat von Tolstoi
... das vergnügte Lächeln kam von der guten Verdauung. Aber dieses vergnügte Lächeln erinnerte ihn sofort an alles, was geschehen war, und er wurde nachdenklich.




Erst mal vorsichtig die Lage abschätzen, nicht allzu viel offenbaren. Die Wut der Frau raucht durch die Räume und ist irgendwo nachvollziehbar.

Das Verhältnis des "geknickten" Oblonskij zu seinen Bediensteten (die alle auf seiner Seite stehen) ist klar verdeutlicht.
Sein Kammerdiener Matwej und Oblonskij verstehen sich blind, was sicherlich ein jahrelanges Miteinander ausmacht, wobei intime und geschäftliche Eingriffe das Wesen des Herrn deutlicher zeichnen.

Hier ein herrlicher Einblick in das Wesen Oblonskij:Zitat:
Obwohl weder Wissenschaft noch Kunst noch Politik ihn sonderlich interessierten, hielt er auf all diesen Gebieten an den Anschauungen fest, denen die Majorität und seine Zeitung anhing, und änderte diese Anschauungen nur dann, wenn auch die Majorität es tat, oder, richtiger gesagt, er änderte sie nicht, sondern sie änderten sich ganz von selbst in ihm, ohne dass er es merkte.

(Diese Einstellung hat sich bis in die heutige Zeit bei vielen Menschen kaum geändert. )

Tolstoi gab sich hier auch seinen eigenen Werten hin, indem er diese überzogen darstellte.
Für ihn galt allerdings das Gegenteil (im Kopf, in Wirklichkeit hat er es wohl nicht immer so umsetzen können.) Er sagte: Zitat:
Je höher ich in der öffentlichen Meinung steige, um so mehr sinke ich in meiner eigenen.


Für Oblonskij gilt:

Zitat von Tolstoi

Ansichten zu haben war für ihn genauso notwendig, wie einen Hut zu besitzen.




Danach folgen dann Tolstois tatsächliche Überlegungen über die Religion. Bevor sein "Wandel" sich vollzog, (und das war ja weit nach "Anna Karenina") galt für ihn:
Ich suche Gott außerhalb der Kirche.

Den Gottesdienst, wie er hier darstellt wird, kann er nicht ohne Schmerzen in den Beinen aushalten und gerade darum nicht begreifen,


Zitat von Tolstoi
was für einen Zweck dieses ganze großspurige, hochtrabende Gerede von jener Welt haben sollte, da es sich auch in dieser Welt sehr lustig leben ließ.




Oblonskij ist also eher der schlichtere, doch gutmütige Mensch, der sich in seiner Haut aber durchaus wohlfühlt. Ich finde es auch interessant, wie sich Oblonskij hier fast blind auf den gutgemeinten Ratschlag seines Kammerdieners verlässt. „Das renkt sich schon wieder ein!“, und Oblonskij glaubt immernoch daran, auch wenn er beim ersten Herantasten an seine Frau keinerlei Möglichkeit dafür sieht. Dieser gute Glaube erweckt in mir ein Bild eines Menschen, der irgendwo an bestimmten Gebräuchen und Aberglauben festhält.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 14.05.2010 16:49 | nach oben springen

#3

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 16:44
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge

Dann lernen wir auch Oblonskijs Freund Lewin kennen, ein Mann vom Lande, der dort ein Gut besitzt.
Für beide gilt:

Zitat von Tolstoi
Jeder hielt das Leben, das er selbst führte, für das einzig richtige und das Leben des Freundes für ein Phantom.



... weshalb die Herren in ihren Ansichten oft aneinanderknallen. Aber Oblonskij gleicht alle Streitigkeit immer wieder mit einem gutmütigen Lächeln aus. Lewin selbst ist sehr leidenschaftlich und stolz. Er verachtet die Dekadenz der "guten" Gesellschaft, liebt sein Leben auf dem Lande. Stadt und Land stehen hier für Reichtum und Mittelschicht.

Wir werden schön in die damalige Zeit geführt, in die Gesellschaft, die mit ihren Ritualen ringt. Wir lernen auch die nächsten Charaktere kennen. Wronskij, Kitty, (Dolly - die Frau von Oblonskij)und Anna Karenina (Oblonskijs Schwester).
Wronskij fasst sein Umfeld ganz richtig ins Auge:
Er redete mit ihr, was man gewöhnlich in der Gesellschaft redet, allerlei Unsinn…


Kitty schwärmt für die Bälle, während Anna sie mittlerweile, weil gereift, nur noch langweilig oder weniger langweilig findet.

In kleinen Andeutungen wird man auf das Kommende zugeführt. Als Anna mit dem Zug eintrifft und von Oblonskij und Wronskij abgeholt wird, begegnen sich die schöne Frau und der junge Mann zum ersten Mal. Während der Zug noch hält, wird ein Mann überfahren. (Ich schätze, Tolstoi übt hier einmal leise Kritik (der überfahrene Familienvater, der Kinder und Frau zurücklässt), aber hauptsächlich lauten Zuspruch für den Fortschritt. Was vorher wohl in Tagen und zu Pferd und Kutsche erreicht wurde, wird nun in Stunden eingegrenzt.
Auch dieses Bild, wie die reichen Damen dort auf ihrem Platz im Zug verharren, bis die Bediensteten alles für den Ein- und Ausstieg arrangiert haben, fand ich interessant.)
Anna erwähnt später vor Kitty nicht die Spende Wronskijs für den Überfahrenen, weil sie ahnt, dass diese Geste etwas mit ihr zu tun hat und sich so nicht gehört. Wronskij ist geschmeichelt um die Zuneigung Kittys zu ihm und fühlt sich durch diese Liebe als besserer Mensch. Dagegen wird uns auch die Beziehung zwischen ihm und seiner Mutter kurz angedeutet, für die er keine Liebe empfindet. Ja, uns wird ein kleiner Rückblick gegönnt, in dem die Frau Mama viele Liebschaften unterhielt, was vielleicht auch den Charakter Wronskijs erläutert, der ja so aufgewachsen ist. Sein Wesen wird als sehr charmant und angenehm umschrieben, während Lewin eher aufbrausend und in der Nähe von der Frau, die er liebt, schüchtern wirkt. Lewin schwärmt nämlich auch für Kitty.
Doch da sie sich in Wronskij verliebt hat, und ihre Familie diesen Herren auch dem ländlichen Lewin um jeden Preis vorzieht, lehnt Kitty den schüchtern hervorgebrachten Heiratsantrag von Lewin ab (Es darf nicht sein...) und bricht ihm damit das Herz. Während er sich auf sein Landgut zurückzieht, muss Kitty dann erkennen, dass Wronskij nicht vorhat, ihr einen Heiratsantrag zu machen, und die Gerüchte häufen sich, dass er für die schöne Anna Karenina schwärmt. Er fährt ihr nach Petersburg nach, wo sie lebt, und richtet sein Leben nach ihren Bedürfnissen ein. Das heimliche Treffen wird zum prickelnden Genuss, während aber die Lüge in gleicher Kraft an ihnen zerrt.

Noch ein paar Gedanken zu Lewin:

Die konservative Einstellung von Lewin bleibt ja auch ausgereizt, denn nicht nur, dass er Veränderung ablehnt, so teilt er auch die Ansicht seines Bruders, dass alle sozialen Einrichtungen sinnlos seien. Zudem bringt die Aristokratie für ihn einen unangenehmen Beigeschmack mit sich, wo er sich doch auf dem Land in Bescheidenheit übt und sogar beschließt, sich noch weniger Luxus zu gestatten. Wohl um dieser ganzen Dekadenz zu trotzen? Ob wohl nur die Liebe zu Kitty ihn in diese Kreise gelockt hat? Oder die Freundschaft zu Oblonskij? Hier teilt sich ja das Leben in Stadt und Land, wobei die Stadt für mich für Spaß und Reichtum steht und das Land trotzdem für harte Arbeit und "am Brotkanten nagen". Auch wenn Lewin jetzt etwas mehr Geld besitzt, setzt er es doch anders ein, als die Familie von Oblonskij oder Kittys Eltern.
Dagegen sind die Missstände von seinem Bruder ganz richtig geschildert worden:

Die Arbeiter und Bauern tragen bei uns die ganze Last der Arbeit und sind so gestellt, dass sie nie aus ihrer viehischen Lage herauskommen, und wenn sie sich noch so abquälen.

Und gleichzeitig steht Lewin hier auch als Gutsherr, hat also Menschen, die für ihn arbeiten, was wiederum den Vorwurf des Bruders mit sich bringt, der ihn mit dem gemeinsamen Stiefbruder (der wieder ein ganz anderer Mensch ist) in eine Schublade steckt.
So pendelt Lewin hier irgendwo zwischen dem Reichtum seiner Freunde und Bekannten und dem „viehischen Leben“ der Arbeiter und Bauern.

Zusatz: Tolstoi selbst hat ja später ebenfalls seinen Wohlstand gegenüber den ärmeren Menschen und Bauern als ungerecht empfunden, hat aber, ähnlich wie Lewin trotzdem nicht auf jeglichen Luxus verzichtet, auch wenn er sich dann in Bauerntracht schmiß und mit Schuhen herumlief, die durchgetreten und zerrissen waren, blieb er mit seiner Familie im großen, "reichen" Haus wohnen.
Ich erkenne hier schon ein paar Parallelen, obwohl Tolstoi sein "Weltbild" erst nach "Anna Karenina" radikal änderte.


Für mich war der Anfang des zweiten Teils Anlass zum Schmunzeln, weil ich mal wieder den Vergleich zu Flaubert ziehen konnte, auch wenn es sich hier nur um eine kleine Szene handelt. Ich meine den berühmten Arzt, der Kitty untersucht. Da musste ich sofort an den berühmten Arzt denken, der bei Madame Bovary auftritt, kurz bevor sie Gift nimmt. Beide werden verehrt, umschmeichelt, bewundert, in Unterwürfigkeit empfangen, hier bei Tolstoi ist es der Hausarzt der Familie, bei Madame Bovary war es der Apotheker, und beide großen Ärzte treffen irgendwo sinnlose Entscheidungen, sind hektisch und kurz angebunden und ziehen medizinische Methoden heran, die im Endeffekt nichts bewirken. Da musste ich schon lachen. Wohl von Tolstoi wie auch Flaubert hier eine winzige Anspielung auf "die Machtlosigkeit in Weiß".
Auch im Vergleich der beiden Ehemänner sehe ich Ähnlichkeiten, denn beide bekommen zur Rechtfertigung für den Betrug der Frau (denn das war doch immernoch etwas anderes, als wenn der Mann die Frau betrügt) den einen oder anderen Makel angehängt. Zunächst sind sie von einem recht langweiligem Gemüt mit zu schätzenden Charakterzügen, doch ihre harte Arbeit nimmt sie zu sehr ein, so dass sie sich nicht ihren Frauen widmen können, und Anna Karenina stellt so herrlich widersprüchlich fest:

Zitat von Tolstoi
Er ist doch so ein guter Mensch, aufrichtig, gütig und bedeutend in seinem Wirkungskreis (...) Aber warum stehen seine Ohren so merkwürdig ab? Hat er sich vielleicht die Haare schneiden lassen?



Dann lernen wir endlich Annas Ehemann Alexej genauer kennen. Er ist ein introvertierter, emotionsloser Mensch, der sich oft in schönen Reden ergeht. Er hat eine Aversion gegen das Tierische der Eifersucht, gegen das „Gefühl“ selbst. Während Anna längst für Wronskij Gefühle entwickelt, bemerkt dieser das Verhalten seiner Frau ja auch nur, weil die Gesellschaft seltsam reagiert, weil es Gerede geben könnte. An Reaktionen anderer schließt er auf sich selbst.
Als er Anna zur Rede stellt, reagiert sie (in meinen Augen) etwas scheinheilig, weil sie sich ihre Rechtfertigung für die Gefühle für Wronskij aus dem Wesen ihres Mannes erklärt, was ich zu einfach finde. Dieser lebt nun einmal seine (eigene) Welt, in der seine Frau eine schicke Attrappe ist und will sich nicht damit auseinandersetzen, dass sie unabhängig von ihm Emotionen haben oder gar anders denken könnte. Trotzdem ist es seine Art von Liebe. Dass er Vertrauen voraussetzt und von Anna erwartet, dass sie ihn nicht verletzen/betrügen würde, wo er auch sicherlich von sich ausgeht, ist löblich und vornehm, nur sehen wir ja, dass das Leben ein anderes Spiel spielt und Gefühle nun einmal unberechenbar sind.

Wenn man aus dieser oberen Gesellschaftsschicht wie Anna kommt, dann ist so eine Affäre schon radikal. Wir hören ja von kleinen Flirts, und bei den Männern wie Oblonskij scheint so ein Seitensprung recht alltäglich zu sein, aber ich schätze, Anna als Frau, die sich einen jüngeren Mann sucht, obwohl sie doch verheiratet ist, steht nun geächtet, weil jeder von ihrem Verhältnis zu Wronskij weiß. Aus der Gesellschaft verstoßen würde sie aber schon, sobald der angesehene und geachtete Alexej entscheiden würde, sie zu verlassen, denn da sie "Attrappe" ist, ist sie auch Teil seiner Welt und somit der oberen Gesellschaft, wenn sie aber mit einem jungen Offizier durchbrennt, dann verliert sie alles.

Noch ein paar Gedanken zu Alexej: Er ist nicht gefühllos. Er ist an gewisse gesellschaftliche Rituale gebunden, doch verschließt sich vor den Tatsachen. Fast verbissen will er nicht wahrhaben, was er im Inneren weiß. Er erreicht ja sogar einen Punkt, bevor Anna ihm alles gesteht, dass er, wenn sie nur lügen würde, sagen würde, dass er sich irrt, ihr sofort alles glauben würde, auch wenn sein Gefühl ihm etwas anderes sagt. Zudem besteht er auf den "äußeren Schein", er will seinen Ruf wahren, einen Skandal verhindern. Auch seine Art, den Sohn mit der gleichen Kälte,... "Junger Mann" usw. zu behandeln, als unbewusste Bestrafung für Anna, die er ebenso kälter behandelt, bedingt diese innere Zerrissenheit. Er handelt, ohne sich den Tatsachen zu stellen, übernimmt damit also auch ein bisschen die Art und Weise, wie Anna diese Dinge angeht, und zwar mit Verdrängung. Anna ist noch radikaler und winkt immer ab, wenn es ihr zu viel wird. Alexej wirkt auf mich, wie ein Mann, der immer die Fassung behalten möchte, wie in der Kutsche, wo er besorgt um die Emotionen Annas um Wronskijs Sturz, die Maske eines Toten auflegt.

Schließlich verlässt Anna ihn endlich, das Spiel ist schon zu lange gespielt, oder vielmehr trifft sie eine Entscheidung, worauf Wronskij dann etwas zurückhaltend reagiert. Allerdings kann ich das gut nachvollziehen, denn nun gehört ihm ihr Wesen, er war Auslöser dafür, dass ihr gewohntes Leben auseinanderbricht, er kann also nicht so einfach davonlaufen, wie es wohl sonst seine Art war.
Doch mit dem Ausspruch:

Alles ist aus! (...) Ich habe nichts mehr als dich. Vergiss das nicht!

spricht Anna eine Art Drohung aus, die sich in harter Realität auf die ersten zarten Gefühle legt und ein kleines Entsetzen wohl bei beiden hinterlässt.


Danach treffen wir wieder auf Lewin, der sich durch Arbeit und Landleben von seinen Emotionen für Kitty ablenken möchte. Nur wird ihm von seinen Bauern und Arbeitern recht deutlich vor Augen geführt, was sie von ihm halten, wenn er in Erhabenheit seine Befehle erteilt. Der Verwalter macht, was er will, Lewin ärgert sich darüber, ohne etwas an der Situation ändern zu können, und besonders lustig fand ich die Szene in Kap. 13, als er dem Bauern Ipat erklären möchte, was zu tun sei:

Nun, Ipat, müssen wir nicht bald säen?


und dieser nur spöttisch und recht trocken antwortet:


„Vorher müssen wir pflügen, Konstantin Dmitritsch!“

Ja, der Herr zu Ross ist geduldet, aber wird nicht so ernst genommen, man setzt voraus, dass er die Arbeit der Bauern nicht praktisch versteht. Hier tritt übrigens auch schön die innere Ruhe Lewins zu Tage, im Kampf mit seinem Ansehen, dem Überwachen seines Gutes und der Arbeit des Organisators.


Die Familie von Kitty erholt sich an einem Badeort. Kitty hatte durch die Umstände ihre Depressionen, worauf ihr Erholung verordnet wurde.
Dort fühlt sie sich von einem Mädchen namens Warenka angezogen, die warmherzig und bescheiden ist. Diese macht ihr schön bewusst, wie unnötig diese Verbitterung, diese Schmach doch ist, dass Kitty hier Wronskij nicht verzeihen kann. Warenka versteht es zwar nicht ins Wort zu fassen, weil sie nur eine Ahnung hat, weil es, wie sie so schön sagt, doch vielen Menschen so geht, dass die Liebe eben nicht immer erwidert wird, aber sie gibt ihr einen Anstoß in der bloßen Andeutung, über sich selbst zu reflektieren.
Dann auch Kittys langsame Veränderung, ihre Bemühung um die Kranken, die Reaktion ihrer Familie. Der Gang mit dem Vater, wo Kitty das "Elend" um sich nicht mehr bemerkt, weil es doch zur Alltäglichkeit und Gewohnheit geworden ist, während der Vater sich an aller Gebrechlichkeit stößt und erschrocken ist.
Doch bald erkennt Kitty ihre Unehrlichkeit gegen sich selbst, dass sie nur eine "Rolle" spielt, dass sie im Inneren ihrer selbst anders, ja oberflächlicher fühlt und nimmt ihre "höheren Gesellschaftsrituale" wieder an.

Lewin diskutiert mit seinem Bruder über "Schulen für die Bauern", die er für unnötig hält. (Ein Bauer, der lesen und schreiben kann, ist ein viel schlechterer Arbeiter, sagt er einerseits.) Doch sein Bruder ist ein "Philosoph", geht die Probleme mit den Kopf an, während Lewin eine Möglichkeit sucht, etwas tatsächlich zu bewegen.
Lewin fühlt sich hier durch alle Theorie seines Bruders in die Ecke gedrängt, aber er lässt seine Gleichgültigkeit eben doch, wie auch Kitty, durchbrechen, denn im Grunde muss er sich darum nicht kümmern, weil es für ihn nicht existenziell ist. Er möchte einerseits dieses Landleben inmitten der Bauern verbringen, aber anderseits trotzdem nicht gleich gesinnt.
Hier steht Lewin mit dem Argument:

„Ich glaube, dass die Triebfeder aller unserer Handlungen immer das persönliche Glück ist.“


Für Lewin wirkt Sergej, als ob ihn die Fragen des „allgemeinen Wohls und der Unsterblichkeit der Seele nicht tiefer zu Herzen“ gehen „als ein Schachproblem oder die sinnreiche Konstruktion einer neuen Maschine“.
Auch fühlt er sich unangenehm berührt um das Faulenzen des Bruders (der seinen Stand repräsentiert), wo sich Sergej, während Lewin sich auf dem Feld abmüht, lieber in schöngeistige Gespräche vertieft und das Leben auf dem Land als Genuss der „ukrainischen Faulenzerei“ preist. Lässt sich ja auch leicht sagen, wenn man zu Besuch ist.
Sie sind völlig gegensätzlich in ihrer Auffassung. Während sein Bruder durch die Landschaft stolziert und ihre Schönheit versucht in Worte zu fassen, gilt für Lewin:Zitat:
Konstantin Lewin liebte Gespräche über die Schönheit der Natur nicht. Die Worte nahmen dem, was er sah, die Schönheit.


Hier steht der Denker dem Tatenmensch gegenüber…
Während der eine sich ins Gespräch ergießt, möchte der andere lieber zur Tat schreiten.

Diese Wiesenufer erinnern mich immer an ein Rätsel – weißt du noch? Das Gras sagt zum Wasser: Wir schwanken und schwanken.
Ich kenne dieses Rätsel nicht, antwortete Lewin trübselig.


Lewin, der das Mähen als körperliche Ertüchtigung und Beruhigung seiner Nerven sieht, versucht diese niedere Arbeit dem Bruder gegenüber zu rechtfertigen, worauf dieser mit Unverständnis reagiert und die Dinge aus seiner Sicht in Frage stellt.
„Du kannst dir doch nicht eine Flasche Lafitte und eine gebratene Pute hinausschicken lassen. Das wäre doch peinlich…“

Auch die Reaktion der Bauern war zu erwarten.
„Naja, er ist ja der Herr, er arbeitet für sich selber!“

Doch hier zeigt sich dann das Bild "Arbeit macht frei" (auch wenn wir es nicht mehr ohne ein Schauern über den Rücken aussprechen wollen, weil wir andere Dinge damit verbinden), die Lewin in Selbstvergessenheit geraten lässt. Zitat:
„Du glaubst gar nicht, wie gut diese Lebensweise gegen alle möglichen Dummheiten hilft.“

Hat mir aber gefallen, dieses „Gemeinsam Arbeiten“ und das kurze Zusammenwachsen, wobei die Bauern hier großzügig waren und es verstehen, Belohnung zu setzen, um sich selbst zu motivieren. Trotzdem war es ihnen unangenehm, dass ihr Herr mit aufs Feld kommt, weil sie eben um seinen Zeitvertreib wissen, während es bei ihnen ums Brot geht.


Kapitel 7
:
Der Kampf von Dolly auf dem Lande, wo sie sich doch eigentlich erholen sollte, wieder die Phrase „Es wird sich schon alles einrenken!“, und tatsächlich, irgendwie tut es das auch immer. Das einfache Volk mit seiner Bauernweisheit liegt selten daneben. Matwej am Anfang des Romans, Warenka in ihren Ratschlägen, die sie nicht begründen kann, die Matrjona, die sich hier von gleich zu gleich mit der Frau des Verwalters anfreundet und für ihre Herrin alles regelt.
Doch so sehr Dolly auch rackert, innerlich fühlt sie:

Zitat von Tolstoi
Aber diese Sorgen und diese Unruhen waren das einzige Glück, das Darja Alexnadrowna noch kannte. Wäre das alles nicht gewesen, so hätte sie nichts gehabt als die Gedanken an ihren Mann, der sie nicht liebte.




In Kap. 8 dann ein Persönlichkeitsbild von Dolly:

Zitat von Tolstoi
Sie hatte eine eigene, seltsame Religion, glaubte fest an die Seelenwanderung und kümmerte sich wenig um die Dogmen der Kirche. Aber in ihrer eigenen Familie erfüllte sie – nicht nur, um ein Beispiel zu geben, sondern von ganzem Herzen – alle Forderungen der Kirche, und es beunruhigte sie sehr, dass ihre Kinder fast ein Jahr nicht mehr zum Abendmahl gegangen waren.




Hier wirft Tolstoi die verschiedenen Ansichten auf, die man zu solchen Zeiten gerade in Russland nicht so gerne hörte. Eine seltsame Religion. Da fällt mir ein.
Es gab neben der Kirche ja auch eine Sekte, eine von der russisch-orthodoxen Kirche abweichende (und nicht anerkannte) christliche Religionsgemeinschaft, auf die Tolstois Werk großen Einfluss hatte. Die nannten sich Duchoboren (auch Duchoborzen) und wurden verfolgt, weil sie zum Beispiel den Heiligenbildern (darum nannte man sie auch Bilderstürmer oder „Geisteskämpfer“ keine Verehrung zollten und sie „Bretter“ nannten. Ihre Ketzerei wurde besonders dadurch als gefährlich eingestuft, weil ihre Lebensweise auf den sittlichen Grundsätzen beruhte und ihre Hauptsorge darin bestand, das allgemeine Wohl zu fördern, weil sie die Erlösung nur von guten Handlungen erhofften. Die Duchoboren wurden deswegen sogar zum Tode durch Verbrennen verurteilt, dann aber begnadigt und nach Sibirien geschickt. Sie weigerten sich zum Beispiel, den Militärdienst zu verrichten, Gewalt anzuwenden… usw. Die Haltung nannte sich religiöser Kommunismus. Diese Lehre war die erste Reaktion aus den Lehren Tolstois. Aber, genug der Abweichungen…

Dann in Kap. 10, Lewin inmitten von Dollys Kinder, wie er sich wohlfühlt und jubelt, bis er wieder mit seiner Abneigung gegen alle Aristokratie konfrontiert wird, wo Dolly ihre Tochter zwingt, nicht in russisch, sondern in französisch nach ihrem Spielzeug zu fragen.

Man bringt ihnen Französisch bei und gewöhnt ihnen die Aufrichtigkeit ab.


Irgendwo schon gut ausgedrückt, denn die ganze Natürlichkeit des Kindes wird durch das Vornehme, das Künstliche vernichtet. Eine höfliche Bitte gerät zur Floskel, wohl einer dieser Flüche der reichen Gesellschaft.

Doch, so sehr Dolly ihre Kinder auch dahin erziehen will, noch sind sie Kinder, und zwar:
... nicht nur ganz gewöhnliche Kinder, sondern sogar unartige, schlecht erzogene Kinder mit rohen, brutalen Instinkten...


Oder, besser gesagt, einfach noch nicht in der Lage zu begreifen, was "Höflichkeitsfloskeln" sind.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 14.05.2010 16:53 | nach oben springen

#4

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 16:52
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge

Zwischengedanke:
Tolstois Entschluß, seine Familie am Ende seines Lebens zu verlassen, begründete sich hautpsächlich (neben dem Krieg, den er geistig mit seiner Ehefrau führte) auf den erbitterten Kampf um sein Testament.
Ich kann mir vorstellen, dass ein Lebender hier ziemlich betroffen ist, wenn die Familie wie Hyänen um seinen Tod pokert.
Er wollte sein ganzes Werk laut Testament der ganzen Welt übergeben, aber seine Familie wollte das nicht zulassen. So herrschten dort wilde Kämpfe. Zudem kreiste da ja immernoch die Ablehnung jeglicher Besitztümer in seinem Kopf, was seine Frau ablehnte.
Am ?. November, im Morgenrauen, ging Tolstoi heimlich von zu Hause fort, begab sich zu seiner Schwester, die Nonne geworden war, nach Schámardino, fühlte sich verfolgt, reiste weiter, ließ auch seine Lieblingstochter nachkommen, und wurde dann krank, so dass man bei der ersten größeren Station Halt machen musste. Das war dann Astápowo (der Bahnhof), wo er starb.


Lewin hat noch einen anderen Bruder, der ein eher "verruchtes" Leben führt. Er lebt mit einer Prostituierten zusammen und hat keine Lust, sich an bestimmte Regeln der Gesellschaft zu halten. Nun leidet er an Schwindsucht. Als er Lewin besuchen kommt, wird ihr eigentlich inniges Verhältnis ein bisschen gestört, weil sie beide nicht wagen, den sichtbar gewordenen "Tod" anzusprechen. Keiner wagt das Wort an den anderen zu richten.
Doch er trifft innerlich mehrere Entscheidungen:

Zitat von Tolstoi
Lewin hatte dieses Leben oft mit Bewunderung angesehen, er hatte oft Menschen beneidet, die so lebten, heute aber war ihm zum erstenmal (... ) der Gedanke gekommen, dass es nur von ihm abhinge, das so bedrückende, müßige, unnatürliche, egoistische Leben, das er führte, gegen dieses arbeitsame, reine, dem Gemeinwohl dienende, herrliche Leben einzutauschen.




Zitat von Tolstoi
Aber sein Werk war begonnen, und er mußte ausdauern, bis der Tod kommen werde. Alles schien ihm dunkel und düster, und der einzige Leitfaden in dieser Finsternis war für ihn sein Werk, seine Tätigkeit, denen er alle seine Kräfte widmen wollte.




Mit der Konfrontation mit der Krankheit seines Bruder erkennt Lewin die Endlichkeit des Lebens, wo sie früher gleich stark und fast gleich jung waren, zerfällt nun der eine. So ist er erst recht entschlossen, die Zeit zu nutzen.
Tolstoi selbst hat sich sehr oft mit dem Tod befasst. In Krieg und Frieden sagt er:
Der Tod ist ein Erwachen.

Für Tolstoi besiegten die einfachsten Menschen die Angst vor dem Tod, worauf er selbst sich ständig hinterfragte, wieso diese Bangigkeit ihn so mitnahm. Aber in "Krieg und Frieden" hatte er diese Furcht ein bisschen überwunden.
In seinen Tagebüchern schrieb er oft:
Bin am Leben, aber lebe nicht.


Tolstoi pflegte in seinen Tagebüchern gerne das Datum des nächsten Tages hinzuzufügen mit dem Zusatz: „Wenn ich am Leben sein werde…“

Ende drittes Buch:
Ich habe die ganze Zeit hin und her überlegt, warum Lewin so gegen die Bildung der Bauern und Arbeiter ist. Aber er bringt es ja herrlich auf den Punkt:

Zitat von Tolstoi
Schulen helfen da nicht, helfen kann nur eine Wirtschaftordnung, durch die das Volk reicher wird und mehr freie Zeit bekommt - dann werden die Schulen ganz von selbst entstehen.


So leuchtet natürlich diese Einstellung ein, und ich muss Lewin recht geben. Die Russen, die irgendwelche Traditionen aus Europa übernehmen wollen, ohne sie zu hinterfragen, stehen in ihrer Verachtung den Bauern gegenüber.
Lewin versucht einen Weg zu finden, diese Menschen an der Arbeit und am Feldbesitz zu beteiligen, eben darum, damit sie sich mehr Mühe geben, neue Entwicklungen akzeptieren und selbst mitdenken. Wo sie jetzt auf Ruhe aus sind und die Feldarbeit so gut es eben geht erledigen, ist die Idee von Lewin, die Arbeiter am Erfolg der Wirtschaft teilhaben zu lassen, sie somit einzubeziehen und ihr Interesse zu wecken, sehr geschickt. Ich musste auch lachen, dass er zuerst nur den sehr schlichten Iwan dazu bewegen kann.
Und er trifft auf neue Probleme, denn die Arbeiter sind skeptisch, aber nicht wegen seiner Vorschläge, sondern weil:
... es sich hier nicht um einen zufälligen, sondern um dauernden Widerstand handelte, der im Geist des Volkes begründet lag.

Und Lewin ist ja nicht nur an Erleichterungen für die Arbeiter interessiert, sondern profitiert eben auch davon. Denn, wenn jeder sein eigenes Feld bearbeitet, wird er sich mehr Mühe geben, Gewinn einbringen wollen... usw.


Ich muss sagen, ich habe noch nie einen Roman gelesen, in dem so viele Menschen so oft errötet sind.
Auch die Wortfindungen, die Tolstoi hin und wieder in das Geschehen schmettert, sind witzig:

Sie hechelten die Leute gründlich durch, die erwartet wurden, (...)

oder
Der Prinz erfreute sich einer sehr guten Gesundheit, wie sie sogar bei Prinzen selten ist; durch Turnen und gute Körperpflege war er so kräftig, dass er trotz des Übermaßes, mit dem er sich diesen Vergnügungen hingab, so frisch war wie eine große, grüne, glänzende hölländische Gurke.


Und direkt zum Anfang des vierten Buches:

Wir erleben die Veränderung im Hause Karenin. Besonders bei Wronskij, der sich wandelt, irgendwo reift, sich versucht zu finden. Auch schön der Vergleich zwischen der "grünen Gurke" (Prinz)und ihm. Wo er sonst selbst den Menschen erhaben gegenübersteht, sieht er nun in dem Prinzen einen "unangenehmen Spiegel“, bei dem er froh ist, ihn dann wieder los zu sein. Er hinterfragt dabei sein eigenes Wesen, das aus der Ich-Perspektive sein Verhalten immer als vornehmen Zug angesehen hat, jetzt aber, wo er nicht gleichberechtigt, sondern unter dem Prinzen steht, sieht er, dass dieses „geringschätzige Wohlwollen“ keine Charakterstärke, sondern wohl eher eine Beleidigung dem anderen Menschen gegenüber ist.
Wronskij über den Prinzen:

(...) er ist ein gut gefüttertes Stück Vieh, wie sie auf den Ausstellungen erste Preise bekommen, und weiter nichts...

und
Die Bildung solcher Leute ist von ganz anderer Art. Er hat sich diese Bildung offenbar nur deshalb angeeignet, um ein Recht zu haben, jegliche Bildung zu verachten, wie diese Leute alles verachten, außer tierischen Genüssen.

Hm, wirkt auf mich, als ob Wronskij "erwachsen" wird, Verantwortung für sich und sein Denken übernimmt, denn er ist ja irgendwo in ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen (Erinnerungen an die Mutter und ihre ständig wechselnden Liebhaber), und hat auch ein ähnliches Leben geführt, aus dem er sich immer mehr zurückzieht.

Anna, die nun in der ungeklärten Atmosphäre hängt, die auch ihren Gatten sowie Wronskij stört, weil jeder vom anderen erwartet, eine Lösung herbeizuführen, verfällt immer häufiger in Eifersuchtsanfälle. Wronskij steht dem unmächtig und erschrocken gegenüber. Da Anna jetzt an der Seite ihres „erkalteten“ Mannes lebt, sucht sie nach Wärme, diese Wärme aber ist mit Ungewissheit gezeichnet, was sie zu verwirren scheint. Nach dem Motto:

„Zwei Menschen verletzen einander nur, wenn sie an der Liebe zueinander zweifeln.“

So steht Anna vor uns. Vorher hat sie diese Liebe auf ihren Sohn übertragen, denn ihr Ehemann war schon immer recht gefühlsarm. Jetzt klammert sie sich an das, was sie für Liebe hält.

Sie benennen diese Eifersucht und das Überwinden auch recht bezeichnend: "Den Teufel austreiben".

Und hier wiederum schön ins Wort gefasst, was Wronskij für Anna empfindet:

Zitat von Tolstoi
Er sah sie an, wie ein Mensch eine welke Blume betrachtet, die er abgerissen hat und in der er nur mit Mühe die Schönheit wieder erkennt, um derentwillen er sie abriß und vernichtete.




Ganz kurz zu Dolly. Sie wird ja "wissentlich" von ihrem Mann betrogen, sieht die Sache also von dieser Perspektive. Und wo sie mit dem Betrug ihres Mannes nicht klarkommt, sich schlecht fühlt und an seiner Liebe zweifelt, so sieht sie natürlich in Annas Verhalten den Dorn, der sie selbst sticht. Sie ist gegen alle Sünde, während der gute Stiwa ja predigt, dass der Mensch zur Sünde geschaffen ist.

Dass Alexej hier so geduldig ist und trotzdem zu den Oblonskijs geht, spricht für die "gute Seele" in ihm (und es wird noch interessanter, aber ich will nichts vorwegnehmen), und Oblonskij selbst zeichnet sich durch einen herrlichen Charakterzug aus, indem er vorher zu Alexej, der die Behauptung aufstellt, dass sich das Verhältnis zwischen ihnen nun durch die bevorstehende Scheidung ändern muss, sagt:

Warum denn? Das sehe ich nicht ein. Gestatte mir zu glauben, dass du, ganz abgesehen von unseren verwandtschaftlichen Beziehungen, mir wenigstens zum Teil jene freundschaftlichen Gefühle entgegenbringst, die ich immer für dich empfunden habe... und aufrichtige Hochachtung. (...) Selbst wenn deine schlimmsten Vermutungen zuträfen, würde ich es nie wagen, über die eine oder die andere Partei den Stab zu brechen, und ich sehe keinen Grund, warum unser Verhältnis sich ändern sollte.

Da spürt man diese Herzlichkeit wie einen warmen Strom. Alexej, der im Taumel seiner Wut gefangen ist, aus Petersburg flüchtet, kehrt hier zurück in etwas "Vergangenheit" und besteht diese Prüfung recht gut, wie ich finde.

Kitty und Lewin finden wieder zueinander, wobei Lewin hier einen schönen Satz über die Diskussion im Allgemeinen ausspricht, die immer in Streitigkeit gerät

Zitat von Tolstoi
Meistens streitet man nur deswegen so erbittert, weil man nicht bereifen kann, was der Gegner eigentlich beweisen will.




(Das stimmt. Da treffen die unterschiedlichsten Ansichten und Meinungen aufeinander und jeder will seinen Standpunkt erörtern und verteidigen. Darum läuft eine Unterhaltung selten auf ein gemeinsames Ziel hinaus, weil der eine den anderen nicht überzeugen kann und will, sondern hofft, dass der Andere endlich seine Ansicht akzeptiert oder versteht. Da der Andere aber ebenso denkt, bricht sich das Gespräch meistens am Unverständnis und der Desillusionierung um alles Nicht-Begreiflich-Machen-Können. Und dann folgt Resignation.)

Welch ein tragischer Einschnitt mit der Konfrontation des Todes. Zuerst liegt Anna während der Geburt ihrer Tochter von Wronskij im Sterben, danach versucht Wronskij sich zu erschießen. Eine erstaunliche Wendung, wie ich finde.
Alexej kehrt nach Petersburg zurück, aufgrund eines Briefes von Anna, in dem sie erklärt, dass sie sterben wird. Er hadert mit sich selbst, fährt schließlich aber doch, mit dem inneren Verlangen, dass der angekündigte Tod eintrifft. (Ja, grausam.)
Doch, sobald er sie liegen sieht, geschieht ein Wandel, er verzeiht ihr, er verzeiht Wronskij, hat sogar Mitleid mit ihm und schließt das Neugeborene in sein Herz.
Und Wronskij, um diese Erinnerung an Alexej in seiner Vergebung:

Sie können mich in den Schmutz treten und mich zum Gespött der Welt machen, ich verlasse sie nicht und sage Ihnen nie ein Wort des Vorwurfs... Meine Pflicht ist mir klar vorgezeichnet: ich muss bei ihr bleiben und werde bei ihr bleiben.

... steigert sich in einen Anfall mit eben diesen Selbstmordversuch.

Was mich wundert, ist die Kälte von Anna. Im Fieber spricht sie von Vergebung und Reue, doch sobald sie wieder zu sich kommt, sind erneut die Barrieren zwischen ihr und ihrem Mann aufgebaut.
Während Tolstoi über ihren Mann schreibt:

Zitat von Tolstoi
Alexej Alexandrowitsch hatte einen Fehler gemacht: als er sich auf das Wiedersehen mit seiner Frau vorbereitete, hatte er nicht bedacht, dass ihre Reue aufrichtig sein könnte, dass er ihr verzeihen könnte, dass sie am Leben bleiben könnte, und dieser Fehler trat ihm zwei Monate nach seiner Rückkehr aus Moskau in aller Klarheit vor Augen. Aber dieser Fehler war nicht nur dadurch gekommen, dass er diesen Fall nicht erwogen hatte, sondern auch daher, dass er bis zu dem Wiedersehen mit seiner todkranken Frau sein eigenes Herz nicht gekannt hatte.


... vollzieht sich in Anna (und aus dem Grund habe ich auch keinerlei Sympathie für sie) erneut der Hass, die Selbstsucht. Sie liebt Wronskij, so kann ich das verstehen, doch sie ist respektlos und bemitleidet sich selbst, obwohl Alexej ihr die Freiheit lässt, eine eigene Entscheidung zu treffen, ob sie Wronskij empfangen möchte, der sich nach seiner Genesung von ihr verabschieden will. Mir leuchtet nicht ein, warum sie vorher nach Alexej ruft, weil sie stirbt, und ihm hinterher wieder vorwirft, dass er überhaupt existiert.
Sie verachtet ihren Mann eben, daran ist nicht zu rütteln. Sie empfindet richtigen Ekel vor ihm. Und während sie das Kind ablehnt, das sie entbunden hat, empfindet Alexej Zuneigung zu dem unschuldigen Geschöpf, sorgt und kümmert sich.
Irgendwie finde ich auch, sucht Anna nach Gründen, sich selbst zu martern, unterstellt Alexej, dass er ihr Vorwürfe macht, jammert und droht mit

Mein Gott, warum bin ich nicht gestorben.

Sehr unangenehm, diese Dame, die nur um sich selbst leidet.



Ich fand diese Sätze interessant:

Zitat von Tolstoi
Lewin, der selbst nicht gläubig war, aber den Glauben anderer achtete, war es immer sehr schwergefallen, bei kirchlichen Zeremonien zugegen zu sein und daran teilzunehmen. Jetzt, da er sich in dieser empfindsamen, weichen Stimmung befand, fiel es ihm nicht nur schwer, zu heucheln, sondern es schien ihm ganz unmöglich.




Zitat von Tolstoi
Wie die meisten seiner Zeitgenossen, nahm Lewin der Religion gegenüber eine sehr unbestimmte Haltung ein. Glauben konnte er nicht, war aber gleichzeitig nicht fest überzeugt, dass das alles unrichtig sei.



Zitat von Tolstoi
Und weil er nicht imstande war, an die Bedeutsamkeit dessen zu glauben, was er jetzt tat, oder es gleichgültig wie eine leere Förmlichkeit anzusehen, hatte er während dieser ganzen Vorbereitungszeit ein Gefühl der Verlegenheit und Scham, dass er etwas tat, was er selbst nicht verstand, also etwas Verlogenes und Schlechtes, wie eine innere Stimme ihm sagte.

Und auch der Satz von Lewin zum Geistlichen, auf den dann dieser das von Martin benannte antwortet:

Zitat von Tolstoi
Meine größte Sünde ist der Zweifel. Ich zweifle an allem und bin fast immer im Zweifel.
Das Zweifeln ist der menschlichen Schwachheit eigen…“

(der Geistliche)

Schon Zenon von Elea hat gesagt, dass man nichts als gegeben hinnehmen soll und alles hinterfragen kann. Dass das Zweifeln selbst hier als eine Schwäche hingestellt wird, ist für mich typisch "kirchlich". Am besten blind vertrauen und glauben.

Bei dem Beichtzeugnis sieht man recht schön, wie die Kirche immer auf das Schuldbewusstsein angeht. „Wie wollen Sie ihre Kinder erziehen, wenn Sie an Gott zweifeln…“ "Wenn Sie Ihr Kind lieben, dann... Bevor man sich hier auf eine Diskussion einlässt, (und da helfen auch nicht die warmen, sanften Augen des Geistlichen (bei mir)) die sowieso zum Scheitern verurteilt ist, weil der Geistliche wohl kaum sein Weltbild ändern wird, reagiert man doch lieber mit Wortknappheit, oder wie in diesem Fall, Lewin hier mit knappen und dumm wirkenden Antworten. Doch alleine, weil er ansprechen kann, dass er zweifelt, fühlt Lewin sich besser, und das ganze Drumherum kommt ihm nicht mehr ganz so scheinheilig vor, weil er sich nicht verstellen muss.

Auch der Satz seines Freundes ist provokativ:

Ich bin kein Feind der Ehe, ich bin nur für Arbeitsteilung. Leute, die nichts anderes können, sollen Menschen erzeugen, aber die anderen sollen an der geistigen Bildung und dem Glück der Menschen arbeiten.

Und Lewin über seine bevorstehende Ehe:

... ich kann in meiner Seele keine Spur von Bedauern über den Verlust meiner Freiheit finden.



Bei der Eheschließung empfindet Lewin erneut mehr "Vertrauen" zur Kirche, durch den Ausspruch:

Der du die Entfernten zusammengeführt hast zur Vereinigung und sie mit dem Band der Liebe verbunden hast...
Auf ihn und Kitty trifft dieser Satz in vollem Gewicht zu, worauf Lewin die Worte für tiefsinnig hält.
Das machen die Menschen ja sowieso recht gerne. Aus allen möglichen Sätzen und Zitaten ihr Eigenes herauszuziehen, auf sich selbst anwenden und dann erstaunt feststellen, dass alles irgendwo passt.


Was ich auch lustig fand, war folgende Situation:

Zitat von Tolstoi
Die Verlobten versuchten ein paarmal zu erraten, was sie nun tun mussten, machten es aber jedesmal falsch, und der Priester korrigierte sie flüsternd.


Oder die "Lästereien" von den Hochzeitsgästen, die nicht unbedingt aus der Familie stammen:

Zitat von Tolstoi
Warum sieht sie denn so verweint aus? Vielleicht heiratet sie ihn nur ungern."

"(...) Hör nur, wie der Diakon brüllt: "Sie sei ihrem Manne untertan."


Und wie es sich für eine Hochzeit, vielleicht sogar eine russische Hochzeit gehört, herrscht auch ordentlich viel Aberglaube, zum Beispiel, dass derjenige, der zuerst den Schritt auf den Teppich vor dem Betpult setzt, der Herr im Haus sein werde. (usw.)
Bei den Russen gibt es überhaupt viel Aberglauben. Sie verhängen die Spiegel mit schwarzem Tuch, wenn ein Mensch gestorben ist, oder es heißt, dass ein Mensch nicht den Sarg eines Familienmitgliedes mittragen darf, weil sonst dieser Mensch wenige Wochen später ebenfalls sterben wird. Da gibt es schon ein paar "Gerüchte".




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 14.05.2010 16:58 | nach oben springen

#5

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 17:04
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge

Während Anna in ihrem Taumel der Liebe schwebt, ihren Sohn nur ab und zu vermisst und versucht, sich ein bisschen für die Umstände zu schämen, was ihr vor lauter Glücksempfinden aber nicht so recht gelingt, zetert Wronskij mit sich selbst. Das Staubkorn an Glück.
Auch bei der Begegnung mit dem alten Freund wird das recht deutlich, wo Tolstoi schreibt:

Zitat von Tolstoi
...Wronskij hätte nie geglaubt, dass er sich über ein Wiedersehen mit Golenischtschew so freuen könnte, aber er wusste wohl selbst nicht, wie sehr er sich langweilte.


Und auch hier:

Zitat von Tolstoi
Die sechzehn Stunden des Tages mussten irgendwie ausgefüllt werden, da er und Anna im Ausland in vollständiger Freiheit lebten, fern von jenem gesellschaftlichen Leben, das in Petersburg so viel Zeit beanspruchte.


Welch Ironie.

Dass Wronskij malt, um sich die Zeit zu vertreiben, sieht man an der Art, wie er malt. Nicht mit Leidenschaft, nicht aus der Seele, nur Abbilder anderer Gemälde und Stilrichtungen.
Genauer:

Zitat von Tolstoi
... aber er konnte sich nicht vorstellen, dass man gar nicht zu wissen braucht, was für Richtungen es in der Malerei gibt, und unmittelbar durch das angeregt wird, was man in der Seele hat, ohne sich darum zu kümmern, ob das, was man malt, zu einem bestimmten Genre gehört.


Er würde wohl einen guten Kritiker abgeben.


Zitat von Tolstoi
Da er das nicht wusste und sich nicht unmittelbar durch das Leben anregen ließ, sondern mittelbar durch ein in der Kunst schon verkörpertes Leben, ließ er sich sehr schnell und leicht anregen und erreichte ebenso schnell und leicht, dass das, was er malte, der Gattung sehr ähnlich war, die er nachahmen wollte.



Viel Befriedigung wird er darin nicht finden.

Er erliegt seinen Selbsttäuschungen, redet sich ein, dass er ein bescheidener Künstler ist, der aufgrund einer Liebe und seinen neuen Umständen den Ehrgeiz aufgegeben hat. Die einmal gewählte Rolle muss nun konsequent weitergespielt werden.


Und hier noch ein Gedanke über den Freidenker:

Zitat von Tolstoi
… früher war ein Freidenker ein Mann, der in den Begriffen der Religion, des Gesetzes, der Moral aufgewachsen und selbst durch Kampf und Arbeit zum Freidenkertum gelangt war. Heute aber haben wir einen neuen Typus von Freidenkern, solche, die es gleich von Geburt an sind, die aufwachsen, ohne überhaupt gehört zu haben, dass es Gesetze der Moral und Religion und Autoritäten gegeben hat. Sie wachsen einfach in der Idee der allgemeinen Negation auf, das heißt als Wilde.





Ich glaube, Tolstoi zeigt hier die Unterschiede zwischen Wronskij und einem echten Maler auf, um die falsche Eitelkeit Wronskijs und seinesgleichen hervorzuheben.
Der Maler ist aus dem Herzen Künstler, Wronskij, um sich die Zeit zu vertreiben. Die Liebe und das Herzblut fehlt ihm, das wird besonders deutlich, als die "reichen Russen" mit ihren Technik-Geschwafel daherkommen, um zu zeigen, dass sie Ahnung haben.
Der Maler aber denkt:

Zitat von Tolstoi
Er hatte das Wort Technik oft gehört, konnte aber nicht begreifen, was damit gemeint war. Er wusste, dass man unter diesem Wort die rein mechanische, vom Inhalt völlig unabhängige Fähigkeit zu malen und zu zeichnen verstand. Oft hatte er gemerkt, wie auch bei dem jetzigen Lob, dass man die Technik dem inneren Gehalt gegenüberstellte, als ob es möglich wäre, etwas Schlechtes gut zu malen. Er wusste, dass viel Aufmerksamkeit und Vorsicht nötig war, um das Werk nicht zu beschädigen, wenn man die Hüllen von dem Idealbild abnahm, das einem vorschwebte, und um wirklich alle Hüllen zu entfernen, aber das war eben die Kunst des Malens – die Technik hatte nicht das geringste damit zu tun.


Dagegen noch mal Wronskij:

Zitat von Tolstoi
... aber er konnte sich nicht vorstellen, dass man gar nicht zu wissen braucht, was für Richtungen es in der Malerei gibt, und unmittelbar durch das angeregt wird, was man in der Seele hat, ohne sich darum zu kümmern, ob das, was man malt, zu einem bestimmten Genre gehört.


Hier sieht man schön den Unterschied zwischen Wronskij, der sich als Künstler fühlt und dem Maler, der ein Künstler ist.
Auch, als er dann seine Bilder zeigt, für die der Maler nur Mitleid und Abneigung empfindet, eben weil sie nur "Abklatsch" sind, nichts innerlich Empfundenes, wird das offensichtlich.
Wronskij und sein Freund schließen aus der Abneigung des Malers in ihrer Verblendung, dass er neidisch sein muss, auf ihren Reichtum, auf ihre Möglichkeiten, auf die Tatsache, dass Wronskij erst seit kurzer Zeit malt und schon ähnliche Qualität leistet (freilich nur in seinem Geist.)

Zitat von Tolstoi
Wronskij nahm Michajlow in Schutz, aber im Grunde seines Herzens glaubte er es selbst, denn seiner Ansicht nach musste ein Mensch aus einer niedrigen Gesellschafsschicht ihn einfach beneiden.


Hier erneut die Unterschiede der Klassen, die Tolstoi wohl nun am Beispiel der Malerei aufzeigen wollte.
Auch schön sein eigen gezeichnetes Bild, als der Maler denkt:

Zitat von Tolstoi
Man kann einem Menschen nicht verbieten, sich eine große Wachspuppe zu machen und sie zu küssen.


Die Selbstverliebtheit Wronskijs, der dann schnell wieder die Malerei aufgibt, indem er auch seine Bilder nicht zu Ende bringt, kann man kaum besser ins Wort fassen.

Zitat von Tolstoi
Aber wenn dieser Mensch mit seiner Puppe käme uns sich vor einem Verliebten hinsetzte und anfinge, seine Puppe so zu liebkosen, wie der Verliebte sein Mädchen liebkost, wäre das dem Verliebten unangenehm.


Und darum auch die Abneigung des Malers, weil er aus seiner Perspektive gar nicht nachvollziehen kann, auf was Wronskij so stolz ist, obwohl sie Beide ja augenscheinlich die gleiche Neigung zur Malerei haben.


Auch bei Lewin und Kitty, deren Traum von der liebevollen Beziehung durch kleinliche Streitereien ein bisschen ins Wanken gerät, benutzt Tolstoi ein schönes Bild für den Vergleich:

Zitat von Tolstoi
Auf Schritt und Tritt empfand er, was ein Mensch empfindet, der vom Ufer aus einen sanft und glücklich auf dem See dahingleitenden Kahn entzückt beobachtet hat und nun selbst in diesen Kahn gestiegen ist. Plötzlich sieht er, dass es nicht genügt, nur still zu sitzen und nicht zu schaukeln - man muss überlegen, darf keinen Augenblick vergessen, wohin man will, dass man Wasser unter sich hat und rudern muss, dass die Arme von dieser ungewohnten Arbeit wehtun, dass es leicht ist, nur zuzuschauen, dass aber das Rudern, obwohl es viel Freude macht, doch sehr schwierig ist.




Mit einem Seufzer las ich diesen Abschnitt:

Zitat von Tolstoi
Wenn er früher noch als Jungegeselle das Familienleben anderer Leute gesehen hatte, ihre kleinlichen Sorgen, Streitigkeiten und Eifersüchteleien, hatte er im stillen nur verächtlich gelächelt. Er war fest überzeugt, dass in seiner künftigen Ehe nichts dergleichen vorkommen könne, und glaubte, dass sogar die äußeren Formen seines Familienlebens in allem ganz anders sein müssten als bei anderen. Und nun hatte sein Zusammenleben mit seiner Frau gar nichts Besonderes, im Gegenteil, es setzte sich aus denselben nichtigen Kleinigkeiten zusammen, die er früher so verachtet hatte, die aber jetzt gegen seinen Willen eine außerordentliche unbestreitbare Bedeutung erhielten.


Ja, sobald die Gewohnheit auf die Gemüter trifft, eine Art Sicherheit vorhanden ist, dann fallen so manche Hüllen, die Menschen wandeln sich.
Lewin erkennt nun in Bezug auf seine Frau:

Zitat von Tolstoi
Er begriff, dass sie ihm nicht nur nahestand, sondern dass er jetzt nicht mehr wusste, wo sie aufhörte und er anfing.




Selbst Anna und Wronskij sind von ihrem Freund Golenischtschew gelangweilt/genervt, weil:

Zitat von Tolstoi
... der fühlte, dass er eigentlich nichts zu sagen hatte und sich damit betrog, dass seine Ideen noch nicht ausgereift seien, dass er sie noch austragen und Material sammeln müsse.


Und wo dieser dann daran verbittert, reagiert Wronskij wesentlich sympathischer und hört "ohne ein Wort der Erklärung oder der Rechtfertigung auf, sich mit der Malerei zu beschäftigen." Wenigstens erkennt er seine "Unbedarftheit", doch sobald er und Anna sich wieder langweilen, die Gardinen auf einmal schmutzig und fleckig werden, wird die "Flucht" zur Falle. Darum wollen sie schließlich wieder zurück nach Rußland.

Und zu Lewin und Kitty:
Das ist eben das Dilemma. Weil Lewin sich die ganze Zeit Gedanken macht, ob Kitty sich nicht langweilt und dadurch dann seine Arbeit vernachlässigt, um dann selbst daran zu verzweifeln, dass er nichts mehr für sich tun kann, (die Freiheit, die er vorher so gerne entbehren wollte, nun völlig vermisst) vertieft die Unzufriedenheit ihrer Ehe. Und wo Kitty sich tatsächlich langweilt und ihre kleinen Spielchen treibt, sich versucht zu beschäftigen und trotzdem nicht anders kann (wenn auch aus Liebe) und Lewin für sich haben will, ihn also bewusst von der Arbeit abhält, die ja noch Zeit hat (... die ist ja nicht so eilig ), die sie also herabwürdigt, bleibt all das nicht die beste Voraussetzung für eine harmonische Ehe.
Schlimm, wenn der eine am anderen zerrt und ihm keinen Freiraum gönnt.



In Lewins religiösen Zweifeln dürfte Tolstoi seine eigenen Anschauungen dargestellt haben. Diese Zweifel werden von Tolstoi ja irgendwann "umgesetzt", mit dem Glauben und dem Kampf für das Gute.

Doch selbst im Alter schreibt er in seinen Tagebüchern:

Zitat von Tolstoi Tagebücher
Die gewöhnliche Verschrobenheit in den Köpfen, erzeugt durch den gewaltsam aufgedrängten Glauben, ist von der Art, dass ein Mensch entweder Götzendiener oder Materialist werden muss, was ungefähr auf das gleiche hinauskommt. Der Glaube an die Materialität unserer Vorstellungen ist ein Glaube an einen Götzen, und die Folgen sind dieselben: man muss ihm Opfer darbieten.




Vergleiche ziehe ich auch aus folgendem Tagebucheintrag:

Zitat von Tolstoi Tagebücher
Die Menschen beruhigen sich im Kampf gegen Lüge und Aberglauben oft mit der Menge des Aberglaubens, den sie bereits zerstört haben.




Ja, Kitty und Lewin sind wirklich verliebt, halten sich aber, weil einander noch fremd im gemeinsamen Umgang, ein bisschen von ihren alltäglichen Dingen ab. Doch, liest man weiter, so steht die Harmonie doch recht gewaltig vor Augen. Ihre Liebe wird einiges überwinden, zudem ist Kitty schwanger. Auch, als Lewins Bruder im Sterben liegt, beweist Kitty, dass ihre Anhänglichkeit durchaus eine positive Wirkung ausübt, wo Lewin sich alleine nicht zu helfen gewusst hätte.

Der Sterbenskranke im Vergleich mit dem "gesunden" und fröhlich wirkenden Besuch:

Zitat von Tolstoi
Sie hatte noch nicht zu Ende geredet, da erschien auf seinem Gesicht wieder der strenge, vorwurfsvolle Ausdruck des Neides, den ein Sterbender gegen einen Lebenden empfindet.


So sehr es auch am Anfang aufdringlich von Kitty wirkt, dass sie Lewin zu seinem totkranken Bruder begleiten will, so zeigt sich doch, dass sie es versteht, diesen Kranken zu pflegen, ihm den nötigen Aufwand zu geben, dass er wieder Hoffnung schöpft. Unberechenbar, dieser Tolstoi.

Dann auch der im Sterben Liegende und Lewins Gedanken zur letzten Ölung:

Zitat von Tolstoi
Lewin kannte seinen Bruder und seine geistige Entwicklung; er wusste, dass Nikolajs Unglaube nicht daher rührte, dass er es leichter fand, ohne Glauben zu leben, sondern daher, dass die modernen wissenschaftlichen Erklärungen der kosmischen Phänomene seinen Glauben Schritt für Schritt zurückgedrängt hatten, und darum wusste er auch, dass seine jetzige Rückkehr zum Glauben keine echte war, die sich auf dem Weg des Denkens vollzogen hatte, sondern dass sie nur der Not des Augenblicks, dem Egoismus und einer wahnsinnigen Hoffnung auf Genesung entsprang.




Das habe ich doch so ähnlich auch schon irgendwo gelesen, ich glaube bei Fuentes "Nichts als das Leben".

Und wo er an Heilung glaubt und sich selbst täuscht, mit der Sehnsucht des Kranken, drängt sich die kalte Realität in die Räume.

Zitat von Tolstoi
Die Wirklichkeit des Leidens zerstörte alle Hoffnung, und nichts blieb, kein Zweifel, ja nicht einmal die Erinnerung an frühere Hoffnungen…




Szenenwechsel zu Alexej im Kampf mit sich selbst:

Zitat von Tolstoi
Er fühlte, dass er den Hass der Menschen nicht von sich abwenden konnte, denn dieser Hass kam nicht daher, dass er ein schlechter Mensch war, dann hätte er sich ja bemühen können, besser zu werden, sondern daher, dass er auf schmähliche, widerwärtige Weise unglücklich war. Er wusste, dass sie gerade deswegen, weil sein Herz zerrissen war, erbarmungslos gegen ihn sein würden. Er fühlte, dass die Menschen ihn vernichten würden, wie Hunden einen andern von Wunden zerfleischten, vor Schmerz winselnden Hund totbeißen. Er wusste, dass die einzige Rettung vor den Menschen war, seine Wunden zu verbergen, und das hatte er in diesen zwei Tagen unwillkürlich zu tun versucht…



Nun erfahren wir auch, dass Alexej damals ein bisschen „genötigt“ wurde, Anna einen Heiratsantrag zu machen.
Er hatte nie viel Freunde und findet auch nicht den Zugang zu zwei Männern, denen er ein bisschen Sympathie entgegen bringt. An Frauenfreundschaften denkt er nicht einmal, denn:

Zitat von Tolstoi
Alle Frauen waren ihm einfach als Frauen entsetzlich und widerwärtig.
Immer wenn Tolstoi von den „gelben Schultern“ der Lydia Iwanowna redet, die aus einem Korsett ragen, muss ich lachen.



Kap. 25
Alexej sucht durch Lydia seine Zuversicht im Glauben. Er weist Schuld von sich und hinterfragt die Gesundheit und den Erfolg anderer Menschen mit ihren "dicken Waden", hinterfragt, ob diese wohl "anders fühlen, anders lieben, anders heiraten", als er selbst.

Zitat von Tolstoi
Er wies diese Gedanken von sich, er suchte sich einzureden, dass er nicht für das zeitliche, irdische Leben, sondern für das ewige lebe, dass in seiner Seele Frieden und Liebe wohnten. Dass er aber in diesem zeitlichen, nichtigen Leben einige, wie er meinte, nichtige Fehler begangen hatte, quälte ihn so, als wenn es die ewige Erlösung, an die er glaubte, gar nicht gäbe.



Hier wieder ein Vergleich mit Tolstois Tagebüchern:

Zitat von Tolstoi Tagebücher
… weil ich früher kein ganzes Leben gelebt habe, sondern nur das irdische. Um an die Unsterblichkeit zu glauben, muss man hier ein unsterbliches Leben leben.




Ich muss sagen, die Szene hat mich wiederum sehr berührt, wie Anna sich ins Haus schleicht, um ihren Sohn zu besuchen, ihn an sich drückt, wie dieser vorher noch den Wunsch ausstößt, dass sie zu seinem Geburtstag kommen wird, weil er nicht glaubt, dass seine Mutter tot ist, und dieser Wunsch dann in Erfüllung geht. Das war eine sehr schöne Szene. Tief bewegend.

Die "gelbschultrige" Dame ist überhaupt ein bedenklicher Einfluss auf Alexej. Serjosha ist neun Jahre alt, und doch sieht er erstaunlich klar, was sich vor ihm abspielt. In Ahnungen begreift er.
Wenn man sich das so überlegt, ist das Missverständnis zwischen Serjosha und seinem Vater und Lehrer wohl genau dieser große, meist unüberwindbare Graben zwischen Schüler und Lehrer:

Zitat von Tolstoi
Nach Ansicht des Vaters wollte er einfach nicht lernen, was man ihn lehrte. In Wahrheit aber konnte er es nicht lernen. Er konnte es nicht, weil seine Seele Forderungen erhob, die für ihn viel wichtiger waren als die, die sein Vater und der Lehrer an ihn stellten. Diese beiderseitigen Forderungen standen im Widerspruch zueinander, und so lag er beständig im Kampf mit seinen Erziehern.




(Das ist auch der Unterschied zwischen Jugend und Alter. Wo das Alter nicht begreift, wie aufgeweckt ein Kind sein kann, dass es seine Welt ganz eigen für sich begreift, blickt es auch nicht tiefer, sondern verurteilt. Das ist schade.)


Buch VI/Kap. 11
Zwischen Lewin und Oblonskij krachen die Fronten. Während Lewin überhaupt von allem Besuch recht überrumpelt ist, bringt Stiwa auch noch einen verwöhnten, jungen, "strotzenden" Mann mit.

Zitat von Tolstoi
In letzter Zeit hatte sich zwischen den beiden Schwägern eine geheime Feindschaft herausgebildet; es war, als wenn sie ,seit sie mit zwei Schwestern verheiratet waren, miteinander rivalisierten, wer sein Leben besser eingerichtet habe (…)



Streitgespräche um Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit über den Verdienst von Oblonskij, im Vergleich mit schäbigen betrügerischen Kaufmännern. Dieser hält Lewin wiederum den Verdienst seiner Ernte mit der erbärmlichen Ernte eines armen Bauern als Vergleich vor und hinterfragt geschickt, ob das dann nicht auch Betrug sei.
Lewin hat theoretisch gute Ansätze, kann sie aber nicht verteidigen und bezieht sie auch selten auf sich selbst. Hier steht dann auch Tolstois Gedanke. Für die Bauern Mitleid haben, aber nicht auf den eigenen Besitz verzichten wollen. Lewin kann seine Ideen nicht ausbauen, schon gar nicht ins Wort fassen, weil sie ihm selbst nicht so klar sind.
Das ist in etwa mit einem Tierschützer zu vergleichen, der für die Rechte der Tiere kämpft, während er ein gegrilltes Schweinesteak ißt. Oder, der mit aller Kraft für die Tiere kämpft und die Menschen verachtet.

Als sie gemeinsam auf die Jagd gehen, wobei Lewin vorher aufgrund des jungen Gastes, den Oblonskij mit angeschleppt hat, von grausamen Eifersuchtsanfällen geplagt wird, die er aber mit Kitty wieder klärt, überlässt Stiwa den "nervigen" unbeholfenen Mann Lewin, der sich so nicht auf die Jagd (und seinem Vergnügen daran) konzentrieren kann, während Stiwa selbst seine Ruhe sucht. Die Konflikte zwischen den Männern werden immer "gereizter".

Es hat mich nur erstaunt, dass Tolstoi in Kap. 12 bei der Jagd Lewins Hündin Laska denken lässt. Das wirkte auf mich ein bisschen übertrieben.

Lewin ist ein leidenschaftlicher Mensch, und wo er seine Kitty liebt, schmeißt er schließlich den nervigen, mit seiner Frau flirtenden Besucher aus dem Haus, was Oblonskij als lächerlich abtut, da er nicht nachvollziehen kann, warum Lewin das Familienleben so wichtig nimmt. Er kann sich nicht vorstellen, dass man sein Leben nur mit einer Frau verbringen kann und diese dann auch noch - wie auf der Lauer - bewacht.

Kap. 16
Als Dolly Anna besuchen fährt, findet sie auf dem Weg dorthin zum ersten Mal die Zeit, sich über alles Gedanken zu machen. Dabei fällt ihr auf, dass sie Anna um ihre neue Freiheit beneidet, um den Mut, aus einer unglücklichen Beziehung auszubrechen mit allen Konsequenzen. Sie ergeht sich in Phantasien, wie es wohl wäre, wenn sie Stiwa die Nachricht einer Trennung und neuen Liebe überbringen würde und reibt sich in Gedanken die Hände über sein verdutztes Gesicht.

Als sie Anna antrifft, zieht sie Vergleiche über ihre erstrahlende Schönheit, weil sie sie glücklich glaubt, während sie sich selbst alt, unzufrieden und schäbig vorkommt. Der Reichtum, auf den sie trifft, erschlägt sie fast. Sie sagt zu Anna, die fragt, wie sie nun über sie denkt:

Ich denke gar nichts, aber ich habe dich immer sehr gern gehabt, und wenn man jemand gern hat, liebt man den ganzen Menschen, wie er ist, und nicht, wie man ihn haben möchte.

(Das verkennen viele in ihren Beziehungen, dass das Ideal, das man sich beim Verlieben erschafft, meist nicht dem Menschen dahinter entspricht…

Schließlich erkennt Dolly die ersten Risse im Hause Wronskijs. Anna verweigert die Scheidung, was Wronskij sehr mitnimmt, da er hier auf dem Lande etwas aufgebaut hat und nicht einmal in der Lage ist, es weiterzuvererben, denn ihre gemeinsame Tochter gilt als eine Karenin, und solange Anna und Alexej sich nicht scheiden lassen, wird das bei jedem Kind auch so bleiben. Anna selbst kämpft mit eigenen Problemen, die vorerst nur angedeutet werden. So ist sie zum Beispiel, als sie Dolly in freudiger Erregung ihr Töchterchen zeigen möchte, nur Gast in den eigenen Räumen. Es ist etwas völlig Ungewöhnliches, dass die Mutter ins Kinderzimmer tritt. Sie weiß noch nicht einmal, wieviele Zähne ihre Kleine bekommen hat, findet das Spielzeug nicht, möchte vor Dolly aber die stolze Mutter verkörpern. Sie erklärt, dass alle Freiheit auch bewirkt, dass sie für nichts mehr richtig Zeit findet, was bei ihrem Sohn damals anders gewesen ist. Zudem hat sie ja ihre ganze Liebe auf das Kind konzentriert, die sie jetzt an Wronskij vergibt.
Auch ist Dolly verwirrt um die Gäste, die bei Anna und Wronskij „nisten“. Während die Gesellschaft in Petersburg Anna und Wronskij mit Ablehnung strafte, sogar mit Beschimpfung und Verunglimpfung, so scheint der Rückzug ein paar Menschen angelockt zu haben, die aus ihrer Flucht profitieren. Dolly erkennt das recht anschaulich:

Zitat von Tolstoi
Besonders unangenehm war es ihr, zu sehen, wie Prinzessin Warwara der materiellen Vorteile wegen, die sie hier genoss, den beiden alles verzieh.


Von Wronskij selbst hält Dolly zuerst wenig.

Zitat von Tolstoi
Sie hielt ihn für sehr stolz und fand nichts an ihm, worauf er hätte stolz sein können, von seinem Reichtum abgesehen.


Doch als sie ihn reden und seine Ansichten vertreten hört, gefällt ihr diese Lebhaftigkeit.

Sie stellt dann schnell fest, dass Wronskij sich um alles kümmert, während Anna in ihrer Herrlichkeit wie ein Gast ist, sich bewirten lässt. Besonders fällt ihr an Anna eine neue Eigenart auf. Zitat:
Sie kneift vor ihrem eigenen Leben die Augen zusammen, um nicht alles zu sehen.

Wronskij baut auch an einem Krankenhaus, in dem aber nur Menschen mit "nicht ansteckenden Krankheiten" gebettet werden sollen. Das wirkt auf mich wie ein dekadentes Spektakel, um zu beweisen, dass er nicht geizig ist. (Anna deutet so etwas an.) Er baut das Krankenhaus nicht, um den Bauern aus der Not zu helfen, sondern um sich selbst besser darzustellen.


Nun klären sich Annas Sorgen ein bisschen auf. Sie hat Angst davor, auf diesem Gut, in diesem riesigen, beschmückten Haus, alleine zu bleiben, während Wronskij seine Erledigungen und Reisen macht.

Wo Dolly auf der Hinfahrt über die zahlreichen Schwangerschaften nachgedacht hat, die sie bereits hinter sich hat, erscheinen ihr die eigenen Gedanken auf einmal egoistisch und kaltherzig, wo sie sie aus dem Mund der "verwöhnten" Anna hört, die ihr klipp und klar sagt, dass sie keine Kinder mehr möchte. Dolly kann das gar nicht fassen.
Dolly atmet immer mehr bei der Erinnerung an ihr eigenes Leben auf, weil sie hier trotz allem Luxus die Starre spürt. Das gemeinsame Essen der Gäste ist angespannt, nicht wie in einer privaten Laune, sondern wie in der edlesten Gesellschaft, steif und kalt. Dolly fühlt sich unwohl.

Wir erfahren, dass Anna sich unglücklich fühlt, so unglücklich, dass sie immer öfter vor dem Schlafengehen Morphiumtropfen nimmt. Sie klammert sich an Wronskij, der um Freiheit ringt, und sie kann ihr Kind nicht lieben, so sehr sie es auch versucht.

Der Reiche hat immer mehr zu verlieren, als der Arme. So steht auch trotz allem Prunk hier der Geiz und die Langweile des Hauses Wronskij in aller Klarheit vor Augen. Die Pferde bekamen hier gerade mal ein Maul voll Hafer, wo fremde Pferde, wie der Kutscher berichtet, bei ihnen (die nicht viel haben) immer so viel fressen dürfen, wie sie wollen.
„Ein geiziger Herr.“ sagt man von Wronskij.

Zurück zu Lewin, der sich in Moskau (in der Stadt) langweilt, jedoch wegen Kittys Schwangerschaft diese Rastlosigkeit auf sich nimmt.
Wir erleben den Wechsel von der alten Partei in die neue, bei der Lewins Bruder Sergej eine wichtige Rolle spielt. Wronskij und Oblonskij sind auch anwesend, wobei Wronskij sich immer mehr als Gutsbesitzer fühlt und insgeheim irgendwann auch auf ein Amt hofft, während Oblonskij in allem nur einen Spaß sieht. Lewin dagegen langweilt sich, versteht nicht viel, weiß auch nicht, wen genau er wählen muss. Er durchschaut die Korruption der Parteien und ihrer Anhänger nicht und möchte es auch gar nicht.
Lustig fand ich diese Szene, als er sich aus dem Saal mit den wählenden Menschen schleicht, wo dann auch verkündet wird, wer gewählt wurde, und sich langweilt.

Zitat von Tolstoi
Er war verstimmt, besonders deswegen, weil er sah, dass alle lebhaft, eifrig und beschäftigt waren und nur er allein und ein uralter zahnloser, kleiner Herr in Marineuniform, der sich neben ihn gesetzt hatte und ununterbrochen mit den Lippen schmatzte, teilnahmslos und unbeschäftigt war.




Anna beschließt, nachdem sie Wronskij unter falschen Umständen wieder zu sich zurückgelockt hat (angeblich ist das Kind krank), sich von Alexej entgültig scheiden zu lassen.

Buch VII/Kap. 5
Kitty trifft zum ersten Mal weider auf Wronskij und erkennt, dass sie nichts mehr für ihn empfindet.

König Lear auf der Heide:
Schön, dass Tolstoi hier auch ein paar Gedanken zur Musik äußert. Die neuen Einflüsse, neue Kompositionen, die eine moderne Richtung nehmen, wilde Klänge, die das Gefühl sich nicht ausklingen lassen, irritieren Lewin.


Zitat von Tolstoi
Jedesmal, wenn irgendein Gefühl in der Musik Ausdruck zu gewinnen schien, löste sich sofort alles wieder in Bruchstücke neuer musikalischer Elemente auf, manchmal auch nur in komplizierte, allein durch die Willkür des Komponisten verbundene Tonfolgen. Diese Bruchstücke von mitunter ganz hübschen musikalischen Gedanken wirkten unangenehm, weil sie völlig unerwartet kamen. Fröhlichkeit, Trauer, Verzweiflung, Zärtlichkeit und Jubel erschienen ganz unmotiviert, wie die Gefühle eines Wahnsinnigen. Und wie bei einem Wahnsinnigen gingen diese Gefühle dann auch wieder ganz unerwartet vorüber.




Ohne das Programm und die Verse von Shakespeare kann man der Musik nicht mehr folgen. Man benötigt also einen Richtweiser, kann sich nicht alleine auf sein Gefühl im Hörklang konzentrieren.

Da muss ich immer an Tolstoi denken, wie er völlig empört aus der Wagneroper Siegfried gestürzt ist.
Genauer:
Tolstoi im Brief an seinen Bruder über die Oper „Siegfried“ von Wagner:

Zitat von Tolstois Brief
Gestern war ich im Theater und hörte die berühmte neue Oper „Siegfied“ von Wagner. (...)

Ich konnte den ersten Akt nicht bis zu Ende absitzen und sprang von dort davon wie ein Wahnsinniger, und noch jetzt kann ich nicht ruhig darüber sprechen. Das ist ein dummes Kasperle-Theater, das für Kinder, die älter sind als sieben Jahr, viel zu schlecht ist, nicht aber Musik. Und da sitzen einige tausend Menschen und heucheln Entzücken.




Als sie danach über Wagner streiten, kommt ein bisschen davon herüber:

Zitat von Tolstoi
Lewin behauptete, Wagner und seine Nachahmer begingen einen Fehler, denn sie wollten andere Gebiete der Kunst in die Musik einbeziehen, und das sei derselbe Fehler ,den die Dichtung mache, wenn sie die Züge eines Gesichts beschreibe, was doch Sache der Malerei sei.




Was hätte ein Tolstoi wohl zu einem „Scambi“ von Henry Pousseur gesagt? Er wäre wohl vor Wut explodiert.


Zitat von Tolstoi
Und als Beispiel führte er einen Bildhauer an, der auf den Einfall gekommen war, rings um die Statue eines Dichters aus Marmor ausgehauene Schatten seiner Gestalten am Sockel des Denkmals aufsteigen zu lassen. „Diese Schatten sind alles, was man will, nur keine Schatten, und es sieht aus, als stiegen sie eine Leiter hinauf, statt zu schweben“, sagte Lewin.




Dagegen der Gesprächspartner viel aufgeklärter und moderner.


Zitat von Tolstoi
… die Kunst sei eins, und ihre höchsten Offenbarungen seien nur in der Vereinigung aller Kunstgattungen möglich.




Wenn die damals schon gewusst hätten, was wir heute alles als „Kunst“ bezeichnen, sie hätten wohl viel stärker rebelliert.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 14.05.2010 17:04 | nach oben springen

#6

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 17:05
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge

Oblonskij über die Ehe:

Wie dumm ist dieser alte Hokuspokus der kirchlichen Trauung! Kein Mensch glaubt mehr daran, er steht dem Glück der Menschen im Weg…


Lewin lernt Anna kennen und ist sofort völlig fasziniert von ihr. Als er Kitty davon berichtet, zerrinnt diese in Tränen, wirft ihm die „Schlange“ in Anna vor, die ihn bezirzt haben muss. Sie beruhigt sich wieder.
Für Anna ist das alles nur noch ein Spiel.
Sie windet sich in ihrer Einsamkeit und steigert sich in alle möglichen Hinter-Wahrheiten hinein. Sie weiß, dass Wronskij sie nicht belügt, aber hinter seiner Wahrheit muss noch etwas anderes liegen.
Sie zerbricht fast an ihren selbstinszenierten Eifersuchtsanfällen.

Zitat von Tolstoi
Sie war nicht auf irgendeine bestimmte Frau eifersüchtig, sondern nur darauf, dass seine Liebe erkaltete.




Wronskij wird immer abgestumpfter. Da er mit ihren Vorwürfen nicht umgehen kann, blockiert er, reagiert allmählich einfach mit "Ohren zu und durch...".

Anna zeigt ihre Schwächen und Besorgnisse nicht. Sie will Wronskij keinen Einblick in ihre Kümmernisse gewähren, will nur, dass er sieht, dass sie unzufrieden ist.
Besonders soll er nicht ihr Selbstmitleid mitbekommen.

Zitat von Tolstoi
Sie durfte sich selbst bemitleiden, nicht aber er sie.




Sie ist eine scheinbar starke Frau, die sich hinter einer dicken Mauer versteckt, doch im Inneren ist sie von Schwäche gezeichnet, die durch eine "verbissene" Liebe immer größer wird. Es muss schwer sein für Wronskij, diese zu durchbrechen. Fast wirkt es, als habe er den Versuch längst aufgeben.
Dieser falsche Stolz zeigt sich auch hier:

Zitat von Tolstoi
Sie freute sich über dieser Aufforderung zur Zärtlichkeit. Aber eine seltsame, böse Macht hinderte sie, ihrem Verlangen zu folgen, als wenn die Kampfregeln ihr nicht erlaubten, sich zu ergeben.





Oblonskij nimmt an einer religiösen Sitzung teil, die von Alexej und Gräfin Lydia (die in ihrem religiösen Eifer Alexej völlig unter Kontrolle hat) abgehalten wird und über das Schicksal von Anna entscheiden soll, und fühlt sich danach völlig leer und ausgehöhlt, als habe er einen schlechten Traum gehabt. Ob Alexej sich nun von Anna scheiden lässt, liegt in der Hand eines "Scharlatans", eines "Gurus", der im Schlaf spricht. Die Scheidung wird abgelehnt.

Ein schöner Satz:

Zitat von Tolstoi
Viele Familien bleiben jahrelang an demselben Ort wohnen, obwohl es beiden Ehegatten längst zuwider ist – nur deshalb, weil zwischen ihnen weder vollständige Zwietracht noch vollständiges Einvernehmen herrscht.




Anna und Wronskij geraten immer mehr in eine angespannte Stimmung.



Zitat von Tolstoi
Keiner von beiden sprach sich über den Grund seiner Gereiztheit aus, aber jeder war überzeugt, dass der andere im Unrecht sei und bemühte sich bei jedem Anlass, das zu beweisen.




Welch schrecklicher, trostloser Zustand einer Liebe, die so leidenschaftlich begann.

Alles erscheint Anna nun kalt und hässlich. Jeder Mensch hasst den anderen. Sie steigert sich immer mehr in ihre traurige Seele hinein, in ihren Verlust der Liebe und ihrer Sehnsüchte. Sie wird immer verwirrter, versucht zu Dolly zu fahren, um mit ihr über Wronskij zu sprechen, von dem sie glaubt, dass er sie nicht mehr liebt, dem sie unterstellt, dass er sie loswerden will. Diese Zerrissenheit zwischen ihrem Stolz und dem jämmerlichen Anblick im Spiegel, das Aufgelöstsein, die Suche nach allem Schlechten bringt Anna immer mehr in die Verzweiflung. Bei Dolly trifft sie auf Kitty, wird von ihrer Vergangenheit überrannt, sieht ihren mitleidigen Blick. Ich hasse sie und sie hasst mich. Danach will sie Wronskij nachfahren, verurteilt sich gleichzeitig um ihre Schwäche, ihm so völlig verfallen zu sein. Als sie am Bahnhof völlig neben sich stehend eintrifft, wirft sie sich vor lauter Verzweiflung vor den Zug.

Nach diesem ganzen "Horrortrip" bleibt man als Leser ein bisschen verstört und erschrocken zurück. Ich musste hier erst einmal wirken lassen. Es ist wie ein lebendiges Szenario, das den Geist und die Emotion packt und immer enger einschnürt, bis schließlich auf den Schmerzpunkt getrieben, der Tod von Anna eine Art Stille auslöst.
Toll geschrieben, dieses Hineinsteigern bis in die Unausweichlichkeit.



Die letzen Seiten erscheinen mir, wie ein (Nach)Ruf auf den Glauben. Lewin, der auf der Suche nach einer Erklärung vor der panischen Angst vor dem Tod seinen Glauben hinterfragt, stößt auf folgendes:

Zitat von Tolstoi
…beim Durcharbeiten vieler Bücher kam Lewin zu der Überzeugung, dass Menschen, die seine Anschauungen teilten, nichts anderes darunter verstanden als er und dass sie, ohne etwas zu erklären, die Fragen einfach leugneten, ohne deren Beantwortung er nicht leben konnte, und sich bemühten, ganz andere Fragen zu lösen, die ihn nicht interessierten…



Als Tolstoi Schopenhauer las, war er völlig begeistert. Auch seine Figur Lewin versucht sich mit Hilfe der Philosophen sein Weltbild zu erklären. Und trotzdem:


Zitat von Tolstoi
Aber er brauchte nur diesen kunstvollen Gedankegang zu vergessen und dann vom Leben her zu dem zurückzukehren, was ihn befriedigt hatte, wenn er dachte und den Faden weiterverfolgte – und plötzlich fiel dieser ganze kunstvollen Bau wie ein Kartenhaus zusammen, und es wurde ihm klar, dass dieser Bau nur durch eine Umstellung ein und derselben Worte errichtet worden war, vollkommen unabhängig von etwas, was im Leben viel wichtiger war, als die Vernunft.




Lewin sucht weiter nach einer Lösung:

Zitat von Tolstoi
Als er Schopenhauer las, setzte er an die Stelle des Willens die Liebe, und diese neue Philosophie befriedigte ihn ein paar Tage, solange er sich nicht aus ihrem Bannkreis entfernte; als er sie aber vom Leben her betrachtete, stürzte sie auch zusammen und erwies sich als ein Musselingewand, das nicht wärmte.



Ach, wie viele klagen, dass die Philosophie nur ins Wort packt und nicht auf das Leben anzuwenden ist. Dass ein winziger Gedanke bis ins Detail erklärt wird, ohne "Lösungen" zu finden. Warum nur verstehen diese Menschen nicht, dass überhaupt der Versuch einer Erklärung den Menschen erst ermöglicht, sich ein bisschen intensiver über sich selbst klar zu werden? Aus zahlreichen Schriften zieht man sein Eigenes heraus…


Zitat von Tolstoi
In der unendlichen Zeit, in der Unendlichkeit der Materie, im unendlichen Raum löst sich ein Organismus ab, ein kleines Bläschen, besteht eine Weile und platzt dann. Und dieses Bläschen bin ich.





Zitat von Tolstoi
Wenn Lewin darüber nachdachte, was er sei und wozu er lebte, fand er keine Antwort auf diese Fragen und geriet in Verzweiflung; sobald er nicht mehr danach fragte, war ihm, als wisse er , was er sei und wozu er lebe, denn er handelte und lebte fest und bestimmt.




Zwischengedanke:
Zunächst war ich doch verwirrt, warum Lewin plötzlich am Ende des Buches in diese Gedankenzweifel stürzt, mit der Auseinandersetzung um den Tod, wo er fasst an Selbstmord denkt. (Er meint es ja eher so: Zitat:
… und er hatte sich gesagt, dass er so nicht leben könne; entweder müsse er eine Erklärung seines Lebens finden, damit es ihm nicht mehr als boshafter Spott des Teufels erscheine, oder er müsse sich erschießen
Ich konnte einfach nicht so ganz fassen, woher dieser Umschwung kam.
Ich habe im Vorwort zu Sofia Tolstoja’s Tagebüchern dann aber die "Lösung" gefunden, dort schreibt die Herausgeberin der Schriften, dass seine Frau Tolstoi dazu veranlasste, die philosophischen Auseinandersetzungen aus seinen Romanen zu streichen, und z. B. bei „Anna Karenina“ erst verkürzt an den Schluss zu setzen (damit sich seine Literatur besser verkauft). Sie spricht hier von einem Lob, ich für meinen Teil hätte durchaus gerne mehr Philosophie und Überlegung im Text gefunden. Durch dieses "An den Schluss quetschen" wirkt Lewins Auseinandersetzung mit dem Dasein auf mich wie etwas Schweres, sehr Plötzliches. Aber trotzdem ist es interessant zu sehen, wie Lewin langsam zu sich selbst findet.

Und hier nun Tolstois Lösung für das Leben: Das Gute.

Was ist das Gute?

Zitat von Tolstoi
Wenn das Gute eine Ursache ist, dann ist es nicht mehr gut, und wenn es eine Folge hat, einen Lohn, ist es auch nicht gut. Also steht das Gute außerhalb der Kette der Ursachen und Folgen.




Was ist das Leben?

Zitat von Tolstoi
Eine Entwicklung aus welchem Zustand und in welchen Zustand? Ewige Entwicklung und Kampf? … Als ob es im Unendlichen irgendeine Richtung und einen Kampf geben könnte!




Der Verstand vernichtet die innere Stimme:

Zitat von Tolstoi
Er hatte (ohne sich dessen bewusst zu sein) auf der Grundlage jener geistigen Wahrheiten gelebt, die er mit der Muttermilch eingesogen hatte; aber als er angefangen hatte zu denken, hatte er diese Wahrheit verleugnet und geflissentlich umgangen.




Dann hinterfragt Lewin seine Zweifel:

Zitat von Tolstoi
Ich habe eine Antwort auf meine Frage gesucht. Aber eine Antwort auf meine Frage konnte mir das Denken nicht geben, es ist mit dieser Frage inkommensurabel. Das Leben selbst hat mir die Antwort gegeben durch mein Wissen, was gut und was schlecht ist. Aber dieses Wissen habe ich durch nichts erworben, es ist mir wie allen anderen Menschen gegeben worden, gegeben, weil ich es nirgendwoher nehmen konnte.




Die innere Stimme: der Ursprung, das Gute im Menschen, das längst vorhanden ist, noch bevor er denkt (Der Wille = das Gute)

Zitat von Tolstoi
... Bin ich etwa durch den Verstand darauf gekommen, dass man seinen Nächsten lieben muss und ihn nicht erwürgen darf? Nein, man hat mir das in meiner Kindheit gesagt, und ich habe es mit Freude geglaubt, weil man mir etwas sagte, was schon in meiner Seele vorhanden war.





Zitat von Tolstoi
" … habe ich nicht dasselbe getan, als ich durch den Verstand die Bedeutung der Naturkräfte und den Sinn des Menschenlebens zu erfassen suchte?" dachte er weiter.
"Und machen das nicht alle philosophischen Theorien, wenn sie den Menschen auf einem seltsamen Gedankenweg, der seinem Wesen gar nicht entspricht, zu der Erkenntnis dessen führen, was er schon lange weiß und so genau weiß, dass er ohne dieses Wissen überhaupt nicht leben könnte?"



Kleiner Einwand: Auch diese Erkenntnis hätte er nicht, hätte er sich nicht erst einmal mit dem philosophischen Gedanken auseinandergesetzt…


Sieht man nicht der Darlegung der Theorien jedes Philosophen deutlich an, dass er ebenso zweifellos … den Hauptsinn des Lebens schon vorher weiß und nur auf dem zweifelhaften Weg des Verstandes zu dem zurückkehren will, was allen bekannt ist?

Tja...


Wir zerstören nur, weil wir geistig satt sind.



In der Diskussion über den Krieg zeigt Lewin seinem Bruder, dass der einfache Mann aus dem Volk gar nicht begreift, was ein Krieg ist, während der andere auf Patriotismus pocht. Ein alter Bauer sagt: Zitat:
„Warum sollen wir denn denken? Unser Kaiser Alexander Nikolajewitsch hat immer für uns gedacht und wird auch weiter für uns denken.“

Lewin:

Volk ist ein sehr unbestimmter Begriff. … Die Gemeindeschreiber, die Lehrer und vielleicht einer von tausend Bauern wissen, um was es sich handelt. Die übrigen achtzig Millionen denken gar nicht daran, ihren Willen zu äußern, und sie haben überhaupt keine Ahnung, worüber sie ihren Willen äußern sollen. Was haben wir also für ein Recht zu sagen, as sei der Wille des Volkes?



Zitat von Tolstoi
Er gab zu, dass die Zeitungen viel Unnützes und Überflüssiges schrieben, nur um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und andere zu überschreien.




Kittys Vater ist hier sehr amüsant. Auf Sergejs (Bruder von Lewin) Argument, dass alle die „elementare Gewalt spüren und alle in eine Richtung treiben, sagt er gelassen:

Alle singen dasselbe Lied, wie die Frösche vor dem Gewitter.

Er zitiert Alphonse Karr:

Ihr seid der Ansicht, dass der Krieg notwendig ist? Schön. Wer den Krieg predigt, wird in ein Sturmbataillon gesteckt, und dann auf zum Sturm, zur Attacke, allen voran.


Der Hochmut des Verstandes blendet, und wo die Zeitungen angeblich die Meinung des Volkes predigen, ist (schon damals wie auch heute) nur die Manipulation Sinn des Gedruckten. Und da Lewin für sich nun das Gute begriffen hat, das er mit ein paar Rückschlägen, denn der Alltag holt ihn ein, mit allen Ärgernissen, Diskussionen und Schimpf, nun anwendet, ist der Krieg für ihn verkehrt, und er kann nicht wegen allgemeiner Interessen diesen Krieg wünschen.

Langsam legt sich eine innere Sicherheit über Lewin.
"Was verwirrt mich denn noch?" fragt er sich

Zitat von Tolstoi
... und fühlte schon, dass die Lösung seiner Zweifel, obwohl er sie noch nicht wusste, schon in seiner Seele bereit lag.




Und zu guter Letzt sagt er noch:

Zitat von Tolstoi
Und dieses Gefühl - ob es Glaube ist oder kein Glaube, das weiß ich nicht - ist ebenso unmerklich durch das Leid in meine Seele gekommen und sitzt jetzt ganz fest darin.



Und wo er weiß, dass sein Leben trotz dieser Erkenntnis genauso weiterlaufen wird, mit allen Streitereien und Ärgernissen, bleibt doch die Gewissheit:

Zitat von Tolstoi
Aber jetzt ist mein Leben, mein ganzes Leben, unabhängig von allem, was mir geschehen kann, jetzt ist jede Minute dieses Lebens nicht mehr sinnlos wie bisher, sondern hat einen unzweifelhaften Sinn: das Gute, das ich in mein Leben hineinlegen kann.



1205 Seiten "Anna Karenina". Ich schlage das Buch zu und atme auf. Ein bildgewaltiges Lesevergnügen mit mir lieb gewonnenen Charakteren.

Danke Tolstoi!




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 14.05.2010 17:07 | nach oben springen

#7

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 20.11.2010 13:06
von Martinus • 3.194 Beiträge

"Hadschi Murat"

Leo N. Tolstois Erzählung „Hadschi Murat“ beruht zum großen Teil auf wahre Begebenheiten.

Zitat von Tolstoi
Und ich erinnere mich einer alten Geschichte aus dem Kaukasus, die ich teils selbst erlebt, teils von Augenzeugen gehört und teilweise in meiner Phantasie ausgesponnen habe.


Historischer Hintergrund

Imam Schamil (1797- 1871) baute in den kaukasischen Bergen einen islamisch geprägten theokratischen Staat auf. In den Muridenkriegen (1834-1859) leisteten die Bergvölker des Kaukasus heftigen Widerstand gegenüber die Kolonialziele Russlands. Die Theokratie Schamils beinhaltete auch, dass die Gesetze der Scharia galten. Die Völker des Kaukasus sahen in dem Islam eine wirksame Waffe gegen Russland, sodass die kriegerischen Auseinandersetzungen u.a. auch religiös motiviert waren, auch damals im neunzehnten Jahrhundert im Kaukasus der Begriff des Dschihad gefallen ist, dieser Begriff offenbar damals schon sinnentfremdet als „Heiliger Krieg“ benutzt worden war.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, wenn Imam Schamil vor wichtigen erst mal die Augen schloß und verstummte.

Zitat von Tolstoi
Die Räte wußten, was das bedeutete; er vernahm die Stimme des Propheten, der ihm offenbarte, was zu tun sei.



Auf russischer Seite fällt im Krieg ein junger Mann. Von einem Regimentsschreiber erhält der Vater einen Brief, darin geschrieben, „daß Peter für seinen Kaiser, sein Vaterland und den rechten christlichen Glauben gefallen sei.“

In Tolstois Erzählung stoßen wir auf die Problematik, dass sich Religion in die Politik einmischt. Das hat der Menschheitsgeschichte noch nie was gutes eingebracht. Als Karl der Große gegen die Sachsen loszog, musste er sich auch eingebildet haben, er habe einen, bzw. den rechten Glauben, sonst wäre er nicht so brutal Gegen die Sachsen hergezogen, denn u.a. oder vor allem war dieser Krieg dazu bestimmt, den germanischen Götterglauben auszumerzen, Widukind schließlich, sich um des Friedenswillen habe taufen lassen müssen. Das war ein Kreuzzugsgemetzel vor den Kreuzzügen. Und Peter, von dem gerade die Rede war, gefallen im Kaukasuskrieg, hatte keine Kinder.

Zitat von Tolstoi
Ich bin freiwillig für meinen Bruder gegangen...Der hat fünf kleine Kinder, und ich hatte gerade geheiratet.



Für den Expansionswahnsinn eines Landes ist er unsinnig gestorben. Tolstoi beleuchtet den Krieg aus verschiedenen Blickwinkeln, so ist der Wahnsinn genauso groß, wenn die Toten eines Krieges verdrängt werden.

Zitat von Tolstoi

Der Krieg bestand in seinen Augen nur darin, daß er sich der Gefahr, dem möglichen Tod aussetzte, dafür belohnt wurde und die Achtung seiner Kameraden und seiner Freunde in Rußland genoß.



Auch wenn Hadschi Murat, der Stellvertreter Schamils, der sich mit dem Theokraten in einer Blutfehde befand, seine unter Gefangenschaft gehaltene Familie aus den Händen des Imam befreien wollte, dieser Hadschi Murat, der sich schon in vielen Schlachten als Kriegsheld bewährt hatte, wird nicht, und das ist das Entscheidene, nicht als Kriegsheld verklärt. Dass er einmal „sechsundzwanzig Kriegsgefangene hatte niedermachen lassen“ wird damit entschuldigt, es sei ja Krieg. Tolstoi zitiert bewusst das französische Sprichwort

à la guerre comme à la guerre - Im Krieg ist es einmal nicht anders

und unterstreicht damit die Banalität, wie regelrechter Mord im Krieg gerechtfertigt wird, auf diese Weise Hadschi Murats Heldentum einen deftigen Knacks bekommt. Tolstoi hinterfragt die Auswüchse des Krieges und landet beim Wahnsinn, darum ich diese Erzählung besonders zu schätzen weiß.

Tolstoi hat Sympathie für die kaukasischen Bergvölker und lässt russische Fürsten und militärische Befehlshaber vergreist, dumm, abgenutzt oder auch Intrigant auftreten. So lesen wir von einem dummen georgischen Fürsten, der meint, wenn Hadschi Murat „in Europa geboren wäre, so hätte er ein Napoleon werden können.“ Dieser Dummheit, die von einem westlichen Überlegenheitsgefühl herrührt, wird noch eins drauf gesetzt. Leo N. Tolstoi zeichnet in dieser späten Erzählung den Hauptverantwortlichen der kaukasischen Auseinandersetzung, den Zaren Nikolaus I., als einen politischen Menschen, der aus üblen Launen heraus wichtige politische Entscheidungen fällt und in ehebrecherischer Weise Frauen verführt, um sein Unrecht zu lindern, sich damit beruhigte, „was für ein großer Mann er sei.“

Die Tschetschenischen Kriege unter Boris Jelzin und Wladimir Putin waren genauso brutal wie der Krieg damals unter dem Zaren. Besonders leiden musste, wie auch in anderen Kriegen, die Zivilbevölkerung. Der kaukasische Aul, in dem sich Hadschi Murat versteckt hielt, bevor er zu den Russen überlief, wurde von den Zarentruppen zermalmt.

Zitat von Tolstoi
Die würdige Frau, die Hadschi Murat bei seinem Besuch bedient hatte, stand jetzt mit aufgelöstem Haar, in zerrissenem Hemd, das ihre alten herabhängenden Brüste sehen ließ, über die Leiche ihres Sohnes gebeugt, zerkratzte ihr Gesicht und heulte ununterbrochen.



Ich assoziiere die Beweinung Christi am Grabe, unterm Kreuz. Was für eine Assoziation auf moslemischem Territorium.

Die Beweinung Christi im zerstörten Grosny oder in den kaukasischen Bergen. Was wäre das für ein Motiv für Taxines Malkünste.

Weiterführende Literatur:

Anna Politkowskaja : Die Wahrheit über den Krieg
Manfred Quiring : Pulverfass Kaukasus
Karl Seeger: Imam Schamil – Prophet und Feldherr, 1937

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 20.11.2010 13:35 | nach oben springen

#8

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 20.11.2010 15:17
von Jatman1 • 1.100 Beiträge

Es wurde ja viel Vergleichendes zu Dostojewski und Tolstoi niedergeschrieben.
Momentan, meine ich den besten Vergleich der beiden zu lesen. Auch unabhängig vom Vergleich, bekomme ich auf Tolstoi als auch Dostojewski eine Sicht geboten, die anregend, zu Teilen neu, zusammenhängend und so noch nicht im "Angebot war. Nicht abgehoben und trotzdem auf hohem Niveau.

Mereschkowski, Dimitri; Tolstoi und Dostojewski, Karl Voegels Verlag Berlin 1919


www.dostojewski.eu
nach oben springen

#9

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 20.11.2010 16:13
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge

Vielen Dank, Jatman, für den Hinweis. Kannst ja dann mal die "neuen Aspekte" hier oder im "Dostojewski-Ordner" festhalten.

Nun also zu Tolstois "Auferstehung".


Ich lese die Winkler-Ausgabe, die von Wadim Tronin und Ilse Frapan aus dem Russischen übertragen wurde, gedruckt auf (ich zitiere) „Persia-Bibeldruckpapier“. Da es sich um eine Dünndruckausgabe handelt, ist das Buch nicht besonders dick, umfasst aber wohl doch seine 600 Seiten.

Mein erster Eindruck ist folgender:
Fast stichwortartig umreißt Tolstoi die Jahre vor der Gerichtsverhandlung, um zu verdeutlichen, wer vor uns sitzt. Tolstoi schreibt sehr häufig „die Maslowa“ oder nennt sie Katjuscha (ein Name zwischen Verachtung (Katka) und Verniedlichung (Katenka)). Sie ist bereits in jene Kategorie gerutscht, in der sie ihren Charakter eindeutig definiert. Sie ist vom rechten Weg abgekommen.
Sie hat vieles erlebt, musste sich gegen vieles zur Wehr setzen und ist dem Rauchen und Brandweintrinken verfallen. Sie scheint mir ein sehr ernster Typ zu sein, durch die Umstände geprägt. Sieben Jahre Prostitution. Zuvor zu häufig verführt, trotz des leicht schielenden Auges (dafür gibt Tolstoi ihr einen „vollen Busen“), zu vielen Versprechungen unterlegen, um nun in dieser neuen, dann gewohnten Umgebung selbst zu verführen, in jenem "unter dem wohlwollenden Schutz der regierenden Gewalt" stehenden, berüchtigten Milieu, das die Nächte zum Tag werden lässt und die Tage zum sich dahinschleppenden und mühseligen Vorgang der Vorbereitung auf den Abend.

Ganz im Gegensatz dazu wird Dimitrij Iwanowitsch Nechljudow in Glanz und Pomade gepackt und ins Bild gesetzt: „Als er sich dann mit kaltem Wasser den muskulösen, fetten, weißen Körper gewaschen und sich mit einem rauhen Tuch abgerieben hatte, zog er die saubere, geplättete Wäsche und die spiegelblank geputzten Schuhe an und setzte sich vor die Toilette, um mit zwei Bürsten den kleinen schwarzen krausen Bart und die vorn auf dem Kopf ziemlich dünn gewordenen, lockigen Haare zu bearbeiten. Alle Sachen, deren er sich bediente - das Toilettenzubehör, die Wäsche, die Kleider, die Schuhe, die Halsbinden, die Hemdknöpfe, die Krawatten -, waren von der allerbesten, teuersten Sorte, unauffällig, einfach, dauerhaft und kostbar.“
Schon anhand der Beschreibungen all der Dinge, mit denen er sich umgibt, kann man auf den Charakter schließen. Verwöhnt und leichtlebig. Zu schüchtern, um eine eigene Entscheidung zu treffen (warum er auch in Verhältnissen mit verheirateten Frauen landet, die ihn verführen), aber nicht zu schüchtern, um eine Dienstmagd wie Katjuscha zu verführen, sie zu schwängern und dann mit 100 Rubel abzuspeisen und zu verlassen, um sie dann ganz und gar zu vergessen. Die Maslowa verlor dieses Kind, wie auch ihre Anstellung.
Trotzdem schien Fürst Nechljudow in seiner Jugend noch gewisse Ideale gehabt zu haben, so hat er das vom Vater geerbte Land den Bauern geschenkt. Nun allerdings steht er vor einem größeren Erbe und kann auf das Eigentum nicht verzichten, weil er die Gewohnheiten eines luxuriösen Lebens angenommen hat, was den Verzicht umso schwieriger macht.
Vor uns sitzt also ein schwacher Mensch, der nun auch noch zum Geschworenengericht gerufen wird, in genau jene Gerichtsverhandlung, die Katjuscha betrifft.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 20.11.2010 16:28 | nach oben springen

#10

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 20.11.2010 19:20
von Krümel • 499 Beiträge

Vorweg, ich besitze die Rütten & Loening, Berlin, Ausgabe von 1979 übersetzt von Hermann Asemissen.

Zitat von Taxine
Schon anhand der Beschreibungen all der Dinge, mit denen er sich umgibt, kann man auf den Charakter schließen. Verwöhnt und leichtlebig. Zu schüchtern, um eine eigene Entscheidung zu treffen (warum er auch in Verhältnissen mit verheirateten Frauen landet, die ihn verführen), aber nicht zu schüchtern, um eine Dienstmagd wie Katjuscha zu verführen, sie zu schwängern und dann mit 100 Rubel abzuspeisen und zu verlassen, um sie dann ganz und gar zu vergessen. Die Maslowa verlor dieses Kind, wie auch ihre Anstellung.
Trotzdem schien Fürst Nechljudow in seiner Jugend noch gewisse Ideale gehabt zu haben, so hat er das vom Vater geerbte Land den Bauern geschenkt. Nun allerdings steht er vor einem größeren Erbe und kann auf das Eigentum nicht verzichten, weil er die Gewohnheiten eines luxuriösen Lebens angenommen hat, was den Verzicht umso schwieriger macht.
Vor uns sitzt also ein schwacher Mensch, der nun auch noch zum Geschworenengericht gerufen wird, in genau jene Gerichtsverhandlung, die Katjuscha betrifft.



Nechljudow hat seine Ideale der dekadenten Gesellschaft abgetreten, denn als Sonderling möchte und kann er nicht leben.

>>...daß es ihm schwerfiel, nach seinen eigenen Überzeugungen zu leben, denn dann hätte er die an ihn herantretenden Fragen fast ausnahmslos nicht zugunsten, sondern gegen sein animalisches, auf leichte Freuden bedachtes Ich entscheiden müssen; ließe er sich hingegen von anderen leiten, dann gab es nichts zu entscheiden, dann war bereits alles entschieden, und zwar immer gegen sein geistiges und im Sinne seines animalischen Ich. Darüber hinaus war er, wenn er sich von seinen eigenen Überzeugungen leiten ließ, stets der abfälligen Kritik seiner Umgebung ausgesetzt, deren Billigung er dagegen fand, sofern er dem Beispiel anderer folgte.<< (Seite 65)

Als ich eben dieses Kapitel gelesen habe, konnte ich das gar nachvollziehen, denn in der Jugend will man dabei sein. Ich denke Außenseiter als Heranwachsender ist was Schreckliches. Nach Tolstoi´s Beschreibung habe ich nun Hoffnung, das sich da etwas ändert

nach oben springen

#11

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 20.11.2010 22:09
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge

Ja, ab dem 13. Kapitel wird einiges klarer.

Und wieder übt Tolstoi (wie er es dann auch in "Krieg und Frieden" tun wird) starke Kritik am Militärdienst. Fürst Nechljudow, der sich also für die "Gedanken der anderen" entscheidet und seine eigenen Vorstellungen von Moral und Ehre der Befriedigung unterwirft, von anderen gelobt und wohlwollend betrachtet zu werden, findet seine endgültige Verwandlung bei eben diesem:

Zitat von Tolstoi, S. 68/Kapt. 13
Der Militärdienst verdirbt überhaupt die Menschen, da er diejenigen, die sich ihm widmen, den Bedingungen vollständigen Müßiggangs unterstellt, das heißt des Fehlens jeder vernünftigen und nützlichen Arbeit, und da er sie von den allgemein menschlichen Pflichten befreit und als Ersatz dafür nur die konventionelle Ehre des Regiments, der Uniform und der Fahne bietet, dazu einerseits die grenzenlose Macht über andere Menschen verleiht, andererseits aber die sklavische Unterwürfigkeit gegen die Vorgesetzten fordert.



Nützlichkeit wird gegen Gehorsam getauscht. Ansehen und Verdienst gegen die eigene Gedankentiefe und Auseinandersetzung mit sich und der Welt. Hier erfährt Fürst Nechljudow, worauf es im Leben und in der Gesellschaft ankommt. Nicht mit Güte und Geist, sondern mit Sieg und Bereicherung gelangt man nach vorne. Wo er der Maslowa zuvor noch nahezu "kindlich", also in reiner Jugendliebe begegnet, kehrt er daraufhin verändert zurück. Das geistige Ich wechselt in ein animalisches, das sich zwischen den anderen "Raubtieren" bewähren muss, um dazuzugehören.

(In diesen Selbstzweifeln und Hinterfragungen (also entweder Selbstaufgabe und Anpassung oder ein eigener Weg und somit beständige Konfrontation und Missverständnis zwischen ihm und der Gesellschaft mit ihrer Ansicht davon, wie man zu leben hat), denen Nechljudow in seiner Jugend und auch später immer wieder unterworfen ist, erkenne ich auch viel von Tolstois eigenen Gedanken und häuslichen Problemen wieder. Auch er wurde von seiner Familie nicht verstanden, wie er es denn wagen könnte, seinen Besitz verschenken zu wollen, da er doch Kinder und für diese zu sorgen hätte. Tolstoi wollte ihnen eine Rente durch den Verkauf seiner Bücher ermöglichen, sie also nicht mit Nichts sitzen lassen. Jedoch wollte er alles andere verschenken. Seine Haltung blieb unverstanden, der innerliche Konflikt, ob all das nun richtig oder falsch sei, hielt ihn dann auch zurück, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen.)

Dieser Charakterzug, der sich dort in jener Vergangenheit bereits geprägt hat, wird auch während der Gerichtsverhandlung unter den Geschworenen sichtbar.
Fürst Nechljudow definiert sich auch hier (Kapitel 5) stark über die Ansichten anderer, die ihm wiederum nur Achtung aufgrund seines äußerlichen Erscheinungsbildes entgegenbringen. Ein ganz klarer Standpunkt der tolstoi'schen Gesellschaftskritik. Nechljudow ist gut und reich gekleidet. Er verließ die Armee, um sich der Malerei zu widmen, wobei ein Vorankommen hier an seinem eher trägen Talent scheiterte und er die Aufgabe der Kunst unterschätzte. Ihm lag an der Rolle des Künstlers nicht so sehr die Malerei als die erhoffte, erhabene Position, von der herab er die Menschen belächeln wollte, bis er einsehen musste, dass ihm diese Position unerreicht bleiben würde, nicht aufgrund des überhaupt erhöhten (wackligen) Podestes, sondern eben wegen seiner Unfähigkeit, sich weiterzubilden und in der Malerei voranzukommen. Somit wird die einst getroffene Entscheidung, das schön eingerichtete Atelier, ein Akt der Beklemmung und der Peinlichkeit.
Was ihm aus dieser Erfahrung trotz allem geblieben ist, ist die Einsicht, dass all das nichts ausmacht, solange man sich gut verkauft. Es bleibt ihm weiterhin die Anerkennung der anderen, die eben auch anders erreicht werden kann, die stets auf Äußerlichkeiten Wert legt, ohne sich um den inneren Vorgang zu kümmern, der nur für ihn zu erkennen ist. Er selbst kann sich diese Achtbezeugung lange nicht erklären, nimmt sie dann jedoch mit Befriedigung an und ist dann auch, ganz dem Charakterbild entsprechend, beleidigt, wenn sie nicht erfolgt.

Die alltäglichen Manipulationskünste im und um das Gericht, die verschiedenen Tücken und Machtansprüche, die bezahlten oder überehrgeizigen Advokaten (z. B. gut in Kapitel 7 beschrieben: "Er war so ehrgeizig und fest entschlossen, Karriere zu machen; daher hielt er es für notwendig, in allen Prozessen, in denen er die öffentliche Anklage vertrat, eine Verurteilung zu erreichen.“), die innerlichen Probleme und Nöte dieser hier antretenden, einzelnen Menschen, die über Leben und Strafe entscheiden oder doch die Angeklagten verteidigen sollen, sind recht bezeichnend. Darunter der stets zu spät kommende Matwej Nikititsch, der abergläubisch ist und bei all seinen Schritten ein Orakel befragt, indem er sich z. B. vormacht, dass eine richtige Anzahl Schritte zum Lehnstuhl seines Schreibpultes, sollte sie durch drei teilbar sein, dazu dient, sein Leiden zu heilen. Er macht also sechsundzwanzig Schritte und setzt noch einen winzigen siebenundzwanzigsten dazu, um seine Bitte und Vorhersage wahr zu machen. Hier wird das Vormachen eines solchen Aberglaubens schön von Tolstoi umschrieben. Gleichzeitig gibt das Aufschluss über die gesammelte Meute, die da Entscheidungen treffen soll.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 20.11.2010 22:50 | nach oben springen

#12

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 21.11.2010 11:02
von Krümel • 499 Beiträge

Zitat von Taxine
(In diesen Selbstzweifeln und Hinterfragungen (also entweder Selbstaufgabe und Anpassung oder ein eigener Weg und somit beständige Konfrontation und Missverständnis zwischen ihm und der Gesellschaft mit ihrer Ansicht davon, wie man zu leben hat), denen Nechljudow in seiner Jugend und auch später immer wieder unterworfen ist, erkenne ich auch viel von Tolstois eigenen Gedanken und häuslichen Problemen wieder.



Ja, daran dachte ich auch direkt, dass da viel autobiographisches Bezüge zu finden sind. Auch sein stark geändertes Frauenbild von "Anna Karenina" zu Maslowa, von der sich gerade emanzipierten Frau wieder zur schwachen Frau zurück, so wie man es in der "Kreutzersonate" vorfindet, und seine "Beichte" versucht zu erklären, all diese Krisen finden wir hier wieder. Und deshalb ist natürlich der Titel "Auferstehung" schon richtig greifbar.

Liebe Taxine du reflektierst großartig, dem gibt es nichts hinzu zu fügen

nach oben springen

#13

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 21.11.2010 12:23
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo,

ich lese aus der Ausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, 1959.. Es ist eine Lizenzausgabe vom Winkler-Verlag , Berechtigte Sonderausgabe für die Mitglieder der WBG (naja, ich bin zwar schon 26 Jahre Mitglied, habe es aber doch verhältnismäßig günstig aus den Händen eines Antiquars), dementsprechend ist die Übersetzung von Wadim Tronin und Ilse Frapan, 586 Seiten. An sich gehört in so eine schöne Ausgabe ein Lesebändchen, aber das hat sich die WBG gespart. Na, ja,

Da der erste Satz aus "Anna Karenina" so wichtig war, beginne ich hier mit dem ersten Satz. Vielleicht ist er auch schon wichtig für unsere Geschichte. Tja, da wird von ökologischer Umweltverschmutzung gesprochen. Menschen drängen auf engem Raum, zertrampeln den Boden, damit darauf nichts wächst. Mit Erzeugnissen durch Steinkohle und Erdöl wird die Luft verpestet, Vögel werden verjagt usw. und dann, ja es ist Frühling in der Stadt. Tolstoi kritisiert das städtische Leben. Städte haben den fruchtbaren Boden zunichte gemacht. Und Tolstoi? Er wohnt auf dem Lande (er mochte auch nicht die Eisenbahn...).

Die Maslowa/Katuscha - "Tochter einer unverheirateten Leibeigenen", der Vater ein "vorbeifahrender Zigeuner". Ein unerwünschtes Kind, keine guten sozialen Voraussetzungen, und so führt ihr Leben anden Rand der Gesellschaft. Weil sie schön, von Männern verführt, darum sie von diversen Arbeitgebern flüchtet, bis sie irgendwann in einem Bordell landet, dann im Gefängnis. Was für ein hartes Schicksal. In Sünde geboren, in Sünde geblieben, wobei die Männer, die sich an ihr heranmachten ja auch nicht besser sind. Doch wie lautet einer der Leitsätzedes Romans: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie". Bezeichnend auch, Katuscha fängt das Rauchen an, nur mit Branntwein kann sie die Schmach ihres Lebens betäuben.

Interessant find ich die Formulierung:

Zitat von Tolstoi
...die gesicherte ruhige, gesetzliche Stellung und der offene , vom Gesetz erlaubte, gut bezahlte beständige Ehebruch;



hach, köstlich, legalisierter Ehebruch, na, was blieb ihr anderes übrig.

Nechljudow:

piekfein, reicher Großgrundbesitzer, gute gesellschaftliche Stellung, schnöselig

Zitat von Taxine
Schon anhand der Beschreibungen all der Dinge, mit denen er sich umgibt, kann man auf den Charakter schließen. Verwöhnt und leichtlebig. Zu schüchtern, um eine eigene Entscheidung zu treffen (warum er auch in Verhältnissen mit verheirateten Frauen landet, die ihn verführen), aber nicht zu schüchtern, um eine Dienstmagd wie Katjuscha zu verführen



Ja, genau. Katjuscha war die Schwächere, an die sich Nechljudow herantraute. An verheiratete Frauen, da hatte er mehr Skrupel. Er ist auch Entscheidungsschwach, da er sich für eine Heirat mit der Tochter Kortschagins nicht enscheiden konnte. Zwar hat er noch eine verheiratete Frau am Hals, eine Zukunft mit ihr wohl im Sande verlaufen muss. Warum sich nicht gleich für die Korschagina entscheiden? Es werden ja allemöglichen Abwägungen aufgeführt, warum er sie heiraten könnte,und auch warum lieber doch nicht. Das fand ich amüsant. Trotz seines Wohlstandes ist Nechljudow ein einsamer Mann, der vor festen Beziehungen flieht.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 21.11.2010 12:26 | nach oben springen

#14

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 21.11.2010 13:57
von Taxine • Admin | 5.886 Beiträge

Zitat von Krümel
Und deshalb ist natürlich der Titel "Auferstehung" schon richtig greifbar.


Über den Titel habe ich auch nachgedacht. Wer "ersteht auf"? Die Maslowa, die eigentlich mehr der Macht ihres Schicksals unterworfen ist? Eigentlich unterliegt sie keinen inneren Veränderunen, bleibt ganz sie selbst, sondern nur den äußeren Bedingungen (höchstens reift sie in ihren Erfahrungen). Oder doch eher Nechljudow, der aus seinem "animalischen Ich", das mit der Zeit versteinert ist, wieder zu seinem geistigen zurückfindet, konfrontiert mit der Frau, die ihm nicht nur eine einstige Leidenschaft und Liebe und natürlich seine falsche Reaktion wieder in die Erinnerung ruft, sondern auch Spiegel seiner selbst ist?

Zitat von Krümel
Auch sein stark geändertes Frauenbild von "Anna Karenina" zu Maslowa, von der sich gerade emanzipierten Frau wieder zur schwachen Frau zurück...


Ja, die Emanzipation fehlt in "Die Auferstehung". Anna Karenina war eine starke Frau, die aber auch ihre schwachen Momente hatte. In der Maslowa entdecke ich allerdings auch eine Stärke, die jedoch nicht so ausgeprägt ist. Sie war damals sehr jung und verliebt, hat sich trotzdem eine Weile gegen Nechljudow gewehrt. Sie fand aufgrund falscher Versprechungen in die Prostitution, begegnet den Menschen im Gericht einerseits voller Traurigkeit, jedoch auch voller Kraft. Sie blickt ihnen in die Augen, stellt sich der Anklage, was z. B. dem Staatsanwalt nicht gelingt. Ihren Wunsch, sich nicht verteidigen zu wollen, deute ich nicht als Schwäche, sondern als ein Wissen, dass sie hier sowieso wenig tun kann, das sich durch ihre bereits erlebten Schicksalsschläge geprägt hat. Es wirkt eher als ein Überlassen in den Lauf der Dinge, nicht wie ein Aufgeben.

(Danke für das Lob, liebe Krümel. Und mich freuen eure Auseinandersetzungen. Tolstoi macht es einem aber auch einfach. )

Zitat von Martinus

Da der erste Satz aus "Anna Karenina" so wichtig war, beginne ich hier mit dem ersten Satz. Vielleicht ist er auch schon wichtig für unsere Geschichte.



Ganz im Gegensatz zu "Anna Karenina", wo wir direkt in die Geschichte geführt wurden, mit einem herrlichen Satz, der alleine schon der Reflektion bedurfte, fand ich den Einstieg in "Auferstehung" sehr ungewöhnlich, fast schon zu knapp. Es wirkte auf mich, als würde Tolstoi sich irgendwie in diese Erzählung hineinschreiben und dann nach und nach wieder zu sich selbst finden. Was er zuvor nur andeutet, stichwortartig, gelingt ihm Kapitel für Kapitel dann ausführlicher, so dass ich Tolstoi dann auch wiedererkannt habe. Gerade seine Ausführlichkeit, in der die Menschen auf uns, die Leser, so lebendig wirken, macht seinen Stil so unverwechselbar.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 21.11.2010 14:24 | nach oben springen

#15

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 21.11.2010 15:23
von Krümel • 499 Beiträge

Zitat von Taxine
In der Maslowa entdecke ich allerdings auch eine Stärke, die jedoch nicht so ausgeprägt ist. Sie war damals sehr jung und verliebt, hat sich trotzdem eine Weile gegen Nechljudow gewehrt. Sie fand aufgrund falscher Versprechungen in die Prostitution, begegnet den Menschen im Gericht einerseits voller Traurigkeit, jedoch auch voller Kraft. Sie blickt ihnen in die Augen, stellt sich der Anklage, was z. B. dem Staatsanwalt nicht gelingt. Ihren Wunsch, sich nicht verteidigen zu wollen, deute ich nicht als Schwäche, sondern als ein Wissen, dass sie hier sowieso wenig tun kann, das sich durch ihre bereits erlebten Schicksalsschläge geprägt hat. Es wirkt eher als ein Überlassen in den Lauf der Dinge, nicht wie ein Aufgeben.



Jetzt wo du das so niederschreibst, kommt mir der Gedanke, dass mich die Maslowa an den "Idioten" von Dostojewski erinnert, sich in sein Schicksal ergeben. Sie ist sehr passiv und vertraut auf ihre Unschuld.

So, jetzt lese ich mal wieder ein Weilchen ...

zuletzt bearbeitet 21.11.2010 15:24 | nach oben springen


Besucher
0 Mitglieder und 1 Gast sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: pain
Forum Statistiken
Das Forum hat 978 Themen und 22950 Beiträge.

Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen | ©Xobor.de