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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#61

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 06.01.2011 15:56
von Krümel • 499 Beiträge

Das kann ich jetzt schon anfügen, und man sieht es auch schon deutlich bei meiner Zusammenfassung, richtig prägnante Zitate wie aus den anderen Werken Tolstois habe ich bisher nur wenige gefunden. Die philosophische Auseinandersetzung wie in Anna oder auch "Auferstehung" ist ganz mager vorhanden, es gibt ein paar Gedankengänge von Pierre und Andrej, Charakterisierungen einiger Figuren und den KRIEG. Das tut dem Werk keinen Abbruch, ich denke schon, dass man es gelesen haben sollte , aber es ist eben (oder nur für mich) nicht so interessant wie seine anderen Werke. Mir scheint es diesmal eher wie ein historisches Werk über den Krieg von 1807 bis 12 zwischen Russland und Napoleon, und ein bisschen Beiwerk dazu. Allerdings einmal im Leben reicht völlig aus

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#62

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 07.01.2011 20:40
von Krümel • 499 Beiträge

Und dann kam das große Verhängnis, warum all das eben nicht kam was sich der Leser so erhofft … Krieg und Frieden

Der große Ball Natascha und Andrej verlieben sich ineinander. Doch der alte Fürst macht es seinem Sohn ganz schwer, die beiden sollen ein Jahr warten, weil Natascha meilenweit unter Andrejs Stand steht. Das erste Halbjahr vergeht rasch vorbei, die Liebenden sehen sich täglich und sind vergnügt, doch dann tritt Andrej seine Deutschlandreise an, eine Kur möchte er machen und einen Schweizer-Lehrer für seinen Sohn mitbringen.
Man muss bedenken Andrej ist doppelt so alt wie Natascha, und sie gerade mal 16 Jahre alt. Da spielt die schöne Helénè (die Frau von Pierre) ein „nettes“ Spiel mit ihr, ist ja ihr Hobby. Sie bringt ihren Bruder mit Natascha zusammen, wohl wissend, dass dieser längst verheiratet ist, aber wunderschön aussieht. Und der Plan geht auf. Genauso wie Andrej und Pierre verfällt auch Natascha der Schönheit, nur da sie eine Frau ist, hat sie den höchsten Preis dafür zu tragen.

Ja und auch mir ist es so ergangen, dass ich großes Mitleid mit Natascha hatte. Insbesondere da es Tolstoi ziemlich arg mit ihr getrieben hat: Ihre Mutter war nicht da, nur eine blöde Tante hat in Moskau die Aufsicht, der Vater kümmert sich nicht richtig um seine Damen. Dann wird dieses linke Spiel von Hélène eingefädelt, keinem fällt was auf, außer der naiven Sonja. Diese Passage empfand ich bisher als einzig sehr konstruiert, da wurde ganz planvoll eine Falle eingebaut.

III. Band
Natascha erkrankt ernstlich! Wie soll auch so ein junges Ding damit umgehen: Ihre Verlobung geplatzt, der Mann, mit dem sie durchbrennen wollte ist verheiratet, man hat sie missbraucht und ihr böse mitgespielt, das schafft dieses zarte Persönchen nicht. Aber Pierre ist ja da, kümmert sich gut um sie und natürlich verliebt er sich in Natascha.

Danach wird dann die Schlacht von Borodino 1812 ganz genau beschrieben. Allerdings kurz vor dieser unsagbaren Schlacht : Pierre ist als Zuschauer dabei, er möchte sich den Krieg einmal vor Ort selber anschauen, und ich weiß nicht was ihn treibt, oder ist sein Pferd durchgegangen, stand aber nicht so beschrieben, auf jedem Fall:

Zitat von Tolstoi
Alle sahen sie mit den gleichen mißbilligenden und fragenden Blicken auf diesen dicken Menschen mit weißem Hut, der, ohne daß jemand wußte weshalb, plötzlich mit seinem Pferde durch die Reihen trabte.



Die sich so schön formiert hatten für die Schlacht. Das war so grotesk das ich hell auflachen musste. Gut platziert vom Autor, denn danach wurde es ziemlich blutig. Andrej wird dabei auch tödlich verletzt, lebt aber derzeit noch. So, bis hierhin bin ich nun …

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#63

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 09.01.2011 13:19
von Krümel • 499 Beiträge



Passt einfach gut!

zuletzt bearbeitet 09.01.2011 13:20 | nach oben springen

#64

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 14.01.2011 23:00
von Jatman1 • 1.103 Beiträge

Ich drängel mich mal rein. Hier ein, jedenfalls für mich, absolut interessanter und auch überraschender Text zur Rezeption von Tolstoi und dem Umgang der Russen selbst mit ihrem Helden:
Über die Jubiläumsmanie und das Leben ohne Genies: Vor hundert Jahren starb Lew Tolstoi


www.dostojewski.eu
zuletzt bearbeitet 17.01.2011 20:47 | nach oben springen

#65

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 17.01.2011 18:11
von Krümel • 499 Beiträge

Es wird der Rückzug aus der Hauptstadt Moskau geplant. Die Russen überlassen ganz gewollt den Franzosen das Feld, sie räumen die Stadt und setzen sie anschließend in Brandt. Man kam sich zwar als Feigling vor, aber die Moskauer gingen und ließen alles zurück:

Zitat von Tolstoi
Sie gingen fort, weil es für einen Russen die Frage, ob es sich unter französischer Herrschaft in Moskau gut oder schlecht werde leben lassen, überhaupt nicht gab. Ein Leben unter französischer Herrschaft war ganz einfach unmöglich und das Schlimmste, das man sich Überhaupt denken konnte.



Die Rostows packen zusammen, sie sind eine der letzten Familien die Moskau verlassen. Hach die Szene habe ich noch so sehr vom Film im Kopf als dann Natascha alles wieder auslädt und lieber die Verletzten mitnimmt. Und wen nehmen die Rostows da mit? Natürlich Andrej!

Eine schreckliche Szene als Moskau in Flammen steht:

Zitat von Tolstoi
W. ist in einem ordentlichen Gerichtsverfahren zum Tode verurteilt worden, dachte R., obwohl W. tatsächlich vom Senat nur zu Zwangsarbeit verurteilt worden war. Er war ein Hoch- und Staatsverräter, ich durfte ihn nicht ungestraft lassen, und auf diese Weise (ich schlug zwei Fliegen mit einer Klappe): habe ich das Volk durch ein Opfer beruhigt und einen Bösewicht bestraft.

W. wurde gelyncht.

Und dann gab es noch eine Erklärung dazu, warum Moskau in Schutt und Asche brannte: Denn die Stadt war eine Holzstadt, aus Holz gebaut. Und ein bloßer Funke reichte aus. Es war damals alltäglich, dass es irgendwo in Moskau brannte.

Band IV.

Zitat von Tolstoi
Alle Erzählungen und Schilderungen aus dieser Zeit sprechen ausnahmslos von nichts anderem als von der selbstlosen Hingabe, der Vaterlandsliebe, der Verzweiflung, dem Leid und dem Heroismus der Russen. [size=85](Also dass man Moskau aufgab.)[/size] In Wirklichkeit lagen die Dinge ganz anders. ...
Die Mehrzahl der Menschen jener Zeit kümmerte sich um den allgemeinen Gang der Dinge überhaupt nicht, sondern ließ sich von rein persönlichen Interessen des Augenblicks leiten. Und gerade damit haben diese Menschen damals der Allgemeinheit den denkbar größten Nutzen gebracht.



Das ist Tolstois These, jetzt schließt er aufgrund dieser auf das:

Zitat
Nur die unbewusst ausgeübte Tätigkeit bringt Früchte, und der Mensch, der in einem historischen Vorgang eine Rolle spielt, begreift den Sinn dieses Vorgangs nie. Versucht er zu begreifen, so ist sein Tun zur Fruchtlosigkeit verurteilt.



Stimmt das wirklich so?

Zitat von Tolstoi
“Alles und alle lieben, allenthalben sich selbst um der Liebe willen verleugnen, das hieß niemanden Lieben, das hieß keinen Anteil mehr an diesem Erdenleben haben. Und je mehr ihn diese Liebe durchdrang, um so mehr wandte er sich vom Leben ab und um so gründlicher rief er jene furchtbare Schranke nieder, die dann zwischen Leben und Tod steht, wenn diese Liebe fehlt. (Tod von Andrej)



Die Franzosen sind aus Moskau aus-marschiert, warum auch immer?, aber was hätten sie auch bleiben sollen? Den Soldaten ging das Warten auf die Nerven , so weit von Zuhause entfernt, und so hat sich nun Napoleon dazu entschlossen.

Und was geschah nun? Etwas Unvorhersehbares!

Ein von den russischen Kosaken und Bauern entfachter Partisanenkrieg, ohne große Taktik, sondern wie tollwütige Hunde sind sie über die Franzosen hergefallen, ohne Ruhmessucht und Kriegskunst, und machten den Franzosen den Garaus. Denn von der großen Kriegskunst, so wie Napoleon es beherrschte, verstanden die Russen kein bisschen und führte immer nur zum großen Chaos.

Zitat von Tolstoi
Er (Pierre) hatte erkannt, daß, wenn es auf der Welt keinen Zustand gibt, in welchem der Mensch glücklich und vollkommen frei ist, es ebenso wenig einen Zustand gibt, in welchem er unglücklich und unfrei ist. Er hatte erkannt, daß es eine Grenze der Leiden und eine Grenze der Freiheit gibt ...



Kurz-Resümee:
Ich habe das Werk sehr gerne gelesen, es liest sich ja auch leicht und fließend, aber die Thematik „Krieg“ wird mich nie so ansprechen wie zahlreiche andere Themen, und so wird dies wirklich meine einzige Lektüre bleiben und die „Anna“ werde ich demnächst bestimmt mal wieder lesen.
Wie schon geschrieben, ist „Krieg und Frieden“ eher ein historischer Roman, ein gutes Stück Zeitgeschichte, aber für mich nicht so packend wie die anderen Werke von Tolstoi.

zuletzt bearbeitet 17.01.2011 18:12 | nach oben springen

#66

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 10.02.2012 13:50
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Krieg und Frieden

… aber in Wirklichkeit bist du einfältiger und unverständiger als ein kleines Kind, das mit den Teilen einer kunstvoll gearbeiteten Uhr spielt und sich erdreistet zu sagen, dass es die Bestimmung dieser Uhr nicht verstehe…

Wenn ich nun für mich rekapituliere, so kann ich sagen, dass es sich für mich gelohnt hat, „Krieg und Frieden“ zu lesen (bis auf den grauenhaften Epilog, den man sich in jeder Hinsicht sparen kann, den sich auch Tolstoi hätte sparen sollen (dazu später)). Man nimmt mit dieser Fülle an Seiten ja einiges auf sich, wird aber auch ganz und gar in diese Welt hineingesogen. Tolstois Kosmos umgibt einen, lässt einen seine Welt ganz und gar erfassen, weckt Sympathie für diesen gewaltigen Schriftsteller samt seiner Ungereimtheiten und Patzer. Sie weckt in mir so viel Interesse, dass ich mich auch noch einmal der Urfassung zuwenden werde, die viele Unterschiede enthält.
Endlich gehört auch dieses Werk zu denen, die ich kenne, ja, die ich schätze, so man bereits so vieles davon gehört hat oder auf Erwähnungen desselben gestoßen ist. Mir geht es dann doch immer so, irgendetwas grummelt in mir, wenn z. B. in anderer Literatur über Klassiker geredet wird, deren Inhalt mir nicht bekannt ist oder doch nicht in der notwendigen Ausführlichkeit, um sich tatsächlich ein eigenes Bild machen zu können. Keine Kritik, kein Lob, keine Verallgemeinerung kann mir sagen, ob das Buch für mich persönlich gut oder schlecht ist und ob ich es nun gelesen haben muss. So springe ich dann eben in den Brunnen der Lektüre, auf die Gefahr hin, mich zu langweilen oder eben auch nicht.

Erfolgreich habe ich mich bei „Krieg und Frieden“ davon abhalten können, den Film zu sehen, bevor ich das Werk gelesen habe und mir damit die Spannung erhalten. Das Buch besteht aus starken und schwachen Szenen, die ineinander vermengt einander irgendwie ausgleichen. Man watet sozusagen durch etliche Seiten, Szenen, Ereignisse und damit durch Höhen und Tiefen und geht dennoch befriedigt daraus hervor.
Besonders schön sind die Charaktere. Sie wachsen einem ans Herz, wie es bei Tolstoi eigentlich immer ist, und machen im Buch eine nie enden wollende Entwicklung durch, an der der Leser teilhat. So schließt er mit jeder Figur seine Freundschaft oder Feindschaft, ganz automatisch, fühlt sich zu einem Charakter hingezogen und von einem anderen abgestoßen. Hin und wieder lässt der Leser sich auch von Tolstoi täuschen und gewinnt ein falsches Bild oder ändert seine Ansicht mit der Entwicklung der Figur. Das fand ich besonders interessant.
Die Figuren sind unverwechselbar, die Namen, Häuser und ihre Zusammenhänge ebenfalls. Keinen einzigen Menschen verliert man aus den Augen. Sie kehren immer wieder zurück.

Trotzdem muss ich sagen, dass „Krieg und Frieden“ hinter Werken wie „Anna Karenina“ und auch dem Spätwerk Tolstois zurücksteht, alleine weil es mir häufig noch sehr unausgereift erscheint, stilistisch nicht ganz einwandfrei (mit vielen Wiederholungen und Vergleichen, unnötigen Ausschmückungen und ähnliches) und auch von der Handlung her hin und wieder aus klarer Prosa in etwas „weibisch“ oder rührselig Verklärtes kippt, besonders wenn Tolstoi sich der Liebe zuwendet, die in den wechselhaften Gefühlen der Protagonisten manchmal gar nicht so richtig nachvollziehbar sind und wenn, dann sogar kitschig oder vorhersehbar herüberkommen. Anders ist es eben mit jenen Momenten, wenn sich Tolstoi dem Krieg, dem Sein, seinen Figuren auf anderer Ebene zuwendet.
Man verzeiht Tolstoi die weniger gelungenen Stellen vielleicht auch gerade darum, weil er an anderer Stelle durch seine Genauigkeit die Figuren und Szenen wunderbar lebendig zu machen versteht oder sich Thematiken wie Kriegsdefinitionen, Sinnsuche, dem Tod, dem Hass und der Liebe zuwendet, die auch zur Hassliebe verschmelzen können (hier besonders beeindruckend der Rummel um den alten Fürsten Bolkonski und sein sehr genau festgehaltener Tod oder der Tod des Fürsten Andreis, der dadurch, was er fühlt, erkennt, dass er bereits im Sterben liegt: „Alles und alle lieben, stets sich selbst um der Liebe willen zum Opfer bringen, das hieß niemanden lieben, das hieß an diesem irdischen Leben nicht teilhaben.“),. Dann strahlt etwas sehr Großes und Wertvolles aus seinen Zeilen, das tief ins eigene Denken eindringt.

Auch die Vielfalt der Orte, Handlungen und Menschen ist berauschend und abwechslungsreich, geeignet dazu, die Spannung immer wieder neu zu entfachen und stellen- … ja, seitenweise aufrechtzuhalten. Die Szenen, die den Krieg näher beschreiben, halten den Leser bei Laune, insbesondere nach einer Schlacht, wenn die Soldaten sich zusammensammeln und die Verluste begreifen. Solche Szenen hätte ich mir z. B. bei Stendhal gewünscht, der es vorzog, vom Kriegsschauplatz (die Hoffnung des Anfangs) in der „Kartause von Parma“ direkt ins kitschige Liebesspektakel zu wechseln und dort kleben zu bleiben, bis er den Leser mit stümperhaft kreierten Szenen durch Langweile erschlägt. Wie bildhaft dagegen Tolstoi, wenn er von den inmitten von Kälte, Schnee und Hunger am Feuer sitzenden, nackt schwitzenden Husaren berichtet, die Pfeife rauchen und sich Geschichten erzählen. Oder wie er ein Landgut vor und nach der Übernachtung eines Heeres darzustellen weiß, herzerwärmend die Verwüstung und Desillusionierung der Dorf- und Landbevölkerung, die zurückgeblieben ist, zusammenfasst. Auch versteht Tolstoi es, die verschiedenen Klassen und Schichten im Krieg selbst zu umreißen, so vom einfachen Soldaten über die Offiziere zu den Anhängern und Höflingen der beiden Kaiser. Eine für mich in dieser Hinsicht bereichernde Szene ist der Einblick in ein Lazarett, in dem Rostow einfache Soldaten auf Stroh inmitten eines beißenden Gestanks auf dem Boden dahinsiechen sieht, zusammengepfercht, kaum gepflegt, unter den Kranken der eine oder andere Tote, während daneben drei offene, helle Räume mit Betten für die Offiziere liegen. Je nachdem, aus welcher Perspektive Tolstoi berichtet, ist der Krieg höflich, ruhmreich, armselig oder dreckig.

Tolstoi weiß dabei sowohl die eine Seite (Krieg und Geschichte) als auch alle anderen (Liebe, Leben, Gesellschaft, Traditionen, Glaube, Denken, Sein) bis hin zu den philosophischen Gedanken und Nebenhandlungen lebendig zu beleuchten, den Leser innerhalb der Historie als auch in seinem erdachten Zivilleben herumzuführen, den Glanz und die Umstände dieser Zeit erneut heraufzubeschwören. Besonders interessant finde ich auch die jeweilige Entwicklung der Menschen, die sich entweder vom Hof abwenden oder hoffen, innerhalb dieser Kreise aufsteigen zu wollen und dafür ihren gesamten Charakter ändern (wie der junge Boris).
Auch wenn ihm immer einmal wieder stilistische oder inhaltliche Patzer unterlaufen, manchmal auch absurde Szenen geraten, so sieht man doch ob des Gesamtkunstwerkes oder auch nur aufgrund der vorangegangenen Seiten und Ereignisse gerne darüber hinweg. Wenn Tolstoi sich z. B. besonders bemüht, seine Anschauungen zu verdeutlichen und diese dann zunächst in einer doch eher naiven Weise philosophisch einleitet (um daraufhin aber dann doch auf den Punkt zu kommen oder mit einem einzelnen funkelnden Satz zu glänzen, wie u. a. dem, mit dem meine Rezension eingeleitet ist), dann treibt mich das lediglich in ein Lächeln, nicht in das Verdrehen der Augen. Tolstoi ist und bleibt eben doch… Tolstoi, samt seiner Stärken und eben auch zahlreichen Schwächen.

Der Russe ist für seine Detailliebe bekannt und diese führt er meisterhaft vor. Keine Bewegung, kein Naserümpfen, keine noch so kleine Reaktion bleibt unerwähnt, so dass der Leser genau sehen kann, was geschieht. Kein Film, obwohl doch Bilder zur Verfügung stehen, könnte die Menschen und Handlungen, die Orte und Begebenheiten besser veranschaulichen und lebendiger machen.
Von „Krieg und Frieden“ gibt es, wie bereits gesagt, eine Urfassung und eine von Tolstoi noch einmal revidierte und ausführlichere Ausgabe, die das Standardwerk geworden ist. Unterschiede liegen z. B. darin, dass…

Zitat
* …in den späteren Fassungen Tolstoi seine geschichtsphilosophischen Exkurse ebenso wie einige historische Ausführungen und Schlachtenbeschreibungen deutlich ausbaute.
* Einige "Exkurse" der Urfassung übernahm er dagegen nicht.
* Im Gegensatz zu den späteren Fassungen überlebt Andreij Bolkonski, eine der Hauptfiguren des Romans, in der Urfassung.
* Der Schluss des Werkes wurde gegenüber der Urfassung - das mit einer Doppelhochzeit schließt - deutlich verändert und ausgeweitet, ein Epilog kam neu hinzu.
* Etliche Stellen nahmen in der Urfassung deutlich weniger Rücksichten auf die moralischen Normen und "politisch korrekten" Ansichten seiner Zeit. So gibt es in der Urfassung etwa eine mehrseitige Beschreibung der Initiation Nikolaij Rostovs in die Männerwelt der Armee durch einen Bordellbesuch, die in den späteren Fassungen fehlt. Der Tod Hélèn Besuchovs wird noch schnörkellos auf eine Fehlgeburt nach einer Schwangerschaft durch einen ihrer Liebhaber zurückgeführt und es tauchen Plünderungen durch russische Soldaten auf, die in späteren Fassungen gestrichen sind.
* Tolstois Pazifismus ist in der Urfassung erheblich deutlicher benannt, etwa wenn er die Toten einer Schlacht als die "in der Schlacht ermordeten" russischen wie französischen Soldaten bezeichnet.
* Tolstois Auffassung, dass im Krieg niemand die Ereignisse wirklich kontrolliert und die Möglichkeiten eines einzelnen Menschen wie Napoleons, den Lauf der Geschichte zu beeinflussen, äußerst begrenzt sind, wird in der Urfassung klar ausgedrückt, in späteren Fassungen nur noch angedeutet.


(... zitiert aus Wikipedia)

Genau aus diesen Gründen möchte ich die Urfassung auch noch einmal lesen. Gerade der Epilog ist völlig unnötig, die Figur des Fürsten Andrei Bolkonski war mir so lieb, dass ich sie gerne lebendig sehen möchte, wenn auch sein Tod trotzdem bereichernd für das Buch war, alleine durch die Gedanken, die er vor dem Sterben entwickelt, den Unterschied, zwischen einem Menschen, der überlebt und am Leben noch teilnimmt, und einem Sterbenden, der längst andere Sphären erspürt, sich daher auch anders gegenüber der lebendigen Welt verhält. Wenn ich nun die Urfassung noch einmal lese, werde ich wohl den Eindruck im Hinterkopf behalten und mich am Überleben des Fürsten erfreuen. Auch interessiert mich natürlich die wirkliche Auffassung Tolstois, sein Pazifismus und die Rücksichtslosigkeit auf die damals politisch korrekten Ansichten.

Dass Tolstoi ein Szenenentwerfer ist, seine Figuren lebendig und im Licht ihrer Kristallleuchter auftreten lässt und somit einführt, ist unbestritten. Auch versteht er, bestimmte Eigenarten seiner Charaktere festzuhalten, durch die ein Leser in Gelächter ausbricht.
So z. B. die Beschreibung des Italieners, der im Kreis Anna Pawlownas verkehrt, dessen Mimik zwischen männlicher und weiblicher Begegnung blitzartig wechselt:

Das Gesicht des Italieners veränderte sich mit einem Schlag und nahm den geradezu beleidigend heuchlerischen, süßlichen Ausdruck an, der ihm anscheinend im Gespräch mit Frauen zur Gewohnheit geworden war.

… oder Lisas, als sie ihrem Angetrauten, Fürst Bolkonski, vorwirft, dass er in den Krieg zieht, was aber nicht so sehr aus Furcht um sein Leben zu sein scheint, als vielmehr darum, weil sie aufs Land muss und darum nicht mehr mit ihren Petersburgern Bekannten verkehren kann.

Ihr Ton war jetzt mürrisch und zänkisch; die Oberlippe zog sich in die Höhe, was dem Gesicht in diesem Fall keinen fröhlichen Ausdruck verlieh, sondern den eines erregten Eichhörnchens.

Lisa ist ein Paradebeispiel, das im Grunde für alle Damen gilt, die die hohen Kreise gewöhnt sind. Ein Wetteifern um das schönste Kleid, die schönste Erscheinung, das beste Benehmen findet als ein indirekter Machtkampf zwischen der holden Weiblichkeit statt, während die Herren der Schöpfung sich eher kriecherisch, einschmeichelnd, träge, mürrisch, politisch entweder interessiert oder unbedarft verhalten. Den Durchblick scheinen wenige zu haben. Die meisten vertreten allgemeine Ansichten, weshalb störrische Köpfe wie der junge Pierre Besuchow, der eben aus Frankreich zurückkehrt ist, auch sofort auffallen.


Fürst Andrei Bolkonski zieht in erster Linie darum in den Krieg, weil er ein Leben führt, dass nicht nach seinem Geschmack ist. Er möchte den häuslichen Verhältnissen entkommen, scheut sich nicht, seine Frau Lisa, die schwanger ist, aufs Land zu schicken, während er sich ins Schlachtgetümmel stürzt. Er empfiehlt seinem Freund Pierre:
„Heirate niemals, mein Freund, niemals. Oder ich will meinen Rat so formulieren: Heirate nicht eher, als bis du alles geleistet hast, wozu deine Kräfte dich befähigen, und nicht eher, als bis du die Frau, die du dir ausgewählt hast, aufgehört hast zu lieben, nicht eher, als bis du ein völlig klares Urteil über sie hast; andernfalls begehst du einen Fehler, der sich grausam rächt und sich nicht wiedergutmachen lässt. Heirate, wenn du ein Greis bist, der zu nichts mehr taugt. Sonst wird alles, was in dir Gutes und Hohes wohnt, zugrunde gehen. Alles wird für nichtigen Kram verausgabt werden.“
Fürst Andrei empfindet sein Leben als trostlos und unvollkommen. Er möchte sich selbst beweisen, dass er dazu taugt, ein Held zu sein, sich für sein Land zu opfern, seine Tapferkeit zu erproben. Erst dann wird er sich wieder als ganzer Mensch fühlen. Er versteht noch nicht, dass eine Familie haben, bereits ein hohes Glück ist.

Monsieur Pierre dagegen ist ein Anhänger Napoleons, hält ihn, naiver Weise an dessen Freiheit und Gleichheit glaubend, für den größten Herrscher der Welt, übersieht die Selbstkrönung, die Hinrichtungen, die Napoleon ohne Gericht verfügte, und verehrt ihn und den Weg der Revolution. Seine Meinung wird sich mitsamt der Entwicklung und dem ausbrechenden Krieg schnell wandeln. Insbesondere dann, als er das ganze Leid des Krieges am eigenen Leib spürt und sichtbar vor Augen hat. Noch ist er unerfahren und störrisch, soll sich nach einem geeigneten Beruf umsehen, woraufhin Fürst Andrei ihm die Gardekavallerie vorschlägt. Doch Pierre fühlt sich nicht in der Lage, gegen Napoleon auf Seiten der Engländer und Österreicher zu kämpfen.
Fürst Bolkonski sagt daraufhin: „Wenn alle Menschen nur nach Maßgabe ihrer Überzeugungen Krieg führten, so würde es keinen Krieg geben.“
Pierre: „Das wäre ja aber wunderschön.“

Hier drückt sich Pierres Charakter schon andeutungsweise aus, der nicht weiß, sich in den adligen und angesehenen Kreisen Petersburg zu benehmen, da er offen seine Ansichten vertritt und sich nicht an die Höflichkeitsregeln und Etikette hält, jedoch trotzdem Aufmerksamkeit zu erregen versteht. Er wirkt noch sehr jugendlich und idealistisch, lehnt Krieg ab, bejubelt Napoleon, glaubt an die Freiheit und Gleichheit der Menschen. Er weiß noch nicht, wer er ist und wo er steht, was für ihn im Leben wichtig sein wird. Auch ist er der Ausschweifung zugeneigt und trifft auf eine abenteuerliche Wette. Auf einem Fenstersims erklärt sich Dolochow bereit, eine Flasche Rum auszutrinken, ohne sich am Fensterrahmen festzuhalten. Die Wettenden gehen davon aus, dass er hinab in den Hof stürzt, sobald er die Flasche ausgeleert hat.
Pierre Besuchow (wie später dann noch intensiver Nikolai Rostow) ist der Lewin unter den Figuren, d. h., er verkörpert Tolstois Ideal-Wesen. Später wird er zum Glauben finden, den Ausschweifungen durch den Eintritt in den Freimaurerorden abschwören und sich den Bauern auf dem Land widmen, dies dann aber auch nur in kurzer Ausführung, da er sich unsterblich in Natascha verliebt und auf den Krieg trifft, um sich ganz und gar zu verändern. Seine Suche wird Entwicklung sein und etliche Irrtümer enthalten. Noch aber ist davon nichts zu spüren.

Nach einem Skandal, wird Pierre nach Moskau verbannt. Dort trifft der Leser auf die Familie Rostow und die übereifrige Anna Michaelowna Drubezkoi, die für ihren Sohn Boris eine Stellung bei der Garde erbitten will und dieses bei dem von ihr gelangweilten Fürst Wasili auch erreicht. Dieser, nebst drei weiteren Schwestern, ist der Sohn eines im Sterben liegenden Fürsten Besúchow, dessen unehelicher Sohn gleichfalls Pierre ist. Ein Wettstreit um das Testament beginnt, die Befürchtung, dass der alte Fürst Pierre in einem Anfall geistiger Umnachtung das ganze Vermögen überschrieben hat und ihn als Sohn legitimiert, bewahrheitet sich. Pierre wird zu einem vermögenden Mann und wirkt damit wie ein unreifes, tollpatschiges Kind, das sich nun jeden Wunsch erfüllen kann, ohne dabei zu wissen, was es wirklich will.

Im Haus Rostow lernten wir die dreizehnjährige Natalia Rostow kennen, die in Boris verliebt ist, der ihre Liebe in deren gemeinsamer Jugend noch erwidert, bis er in der Gesellschaft aufsteigt und die Familie Rostow als peinlich empfindet. Dennoch kann er sich Nataschas Charme nicht entziehen. Wie immer kreiert Tolstoi in seiner weiblichen Hauptfigur ein quirlig nerviges, selbstverliebtes Geschöpf von außergewöhnlicher Schönheit. Tolstois Frauen werden im Grunde hässlich, wenn sie schön sind und sich anders benehmen, als sonst, oder schön, wenn sie hässlich sind, wie die Schwester Andreis, die Prinzessin Marja, die in ihrer Hässlichkeit oder später auch Traurigkeit schöne Augen bekommt. Auch ist die Einstellung zu Frauen, die Tolstoi häufig oberflächlich und naiv darstellt, deutlich herauszulesen. So sagt er zum Beispiel über Sonja, die in Nataschas Bruder Nikolai verliebt ist, dass man von ihr keine Entwicklung an Schönheit mehr erwarten darf, da sie bereits das neunzehnte Jahr erreicht hat. Dagegen reift Natascha weiter zur Schönheit heran. Noch aber tobt die junge Generation durch die leicht angestaubten Gespräche der Älteren.

Was auffallend gut bei Tolstoi ist, ist der Übergang von Kapitel zu Kapitel. Sobald er auf eine andere Szene schwenkt, wird das, was zuvor geschehen ist, kurz in seinem Ausgang erläutert. Dies geschieht entweder im Gespräch der neuen Atmosphäre oder in der Mitteilung eines Briefes oder auf andere Art und Weise. Damit gestaltet Tolstoi einen stark zusammenhängenden, roten Faden, damit der Leser, trotz der vielen Figuren, seinerseits den Faden nicht verliert. Natürlich umkreist Tolstoi einen ganz bestimmten Kreis an Figuren, die unverwechselbar bleiben und dem Leser schnell im Gedächtnis bleiben. Je tiefer Tolstoi dann in die Materie eindringt, desto weniger bedarf er dann dieses Mittels. Geführt und dann ganz im Buch versunken ist der Leser fast selbst Teil der Ereignisse.

Neben den einzelnen Ereignissen in Moskau und Petersburg, in denen der Krieg noch gut im Vergessen eingebettet liegt, was sich bald ändert, je mehr Napoleons Truppen sich Moskau nähern, wendet sich Tolstoi dem Schlachtfeld zu und beschreibt den Vorgang lebendig und ausdrucksstark. Die Einzelheiten der Aufstellungen, das Voranrücken gegen den Feind, die Zwischenphasen des Marschierens, gepaart mit einzelnen Szenen, die näher auf eine Figur eingehen, kommen hervorragend zur Geltung. Eindrucksvoll schildert Tolstoi einen in den Anfangsphasen fast schon höflich zu nennenden Krieg, in dem Offiziere parfümierte Tücher schwenken und auf ihr Aussehen und die saubere Uniform achten. Bald wechselt das Bild, wenn die Gegner aufeinander treffen oder die einfachen Husaren den Kanonenkugeln zum Opfer fallen. Zwischen Taktiken und Leid schafft es Tolstoi immer wieder, auch das Menschliche durchschimmern zu lassen, häufig in ganz simplen Szenen, wie z. B. dieser, als ein Wagen fortziehender Einwohner an den Soldaten vorbei fährt:

Zitat von Tolstoi
„Die Augen aller Soldaten richteten sich auf die Frauen, und solange der Wagen, der nur Schritt vor Schritt vorwärtskam, über die Brücke fuhr, bezogen sich alle Bemerkungen der Soldaten nur auf die beiden jüngeren weiblichen Wesen. Auf allen Gesichtern lag fast das gleiche Lächeln, welchem unanständige Gedanken mit Bezug auf diese Frauen zugrunde lagen.“



Fürst Andrei versucht sich währenddessen als Kurier, muss er bei den Österreichern, an deren Seite die Russen kämpfen, feststellen, dass die überbrachte Nachricht vom ersten Sieg durch russische Truppen beim Kaiser und Kriegsminister kaum Beachtung findet, da es eben keine österreichischen Erfolgsnachrichten sind und Wien durch Napoleon und die Franzosen längst eingenommen ist. Die Begegnung mit dem Kaiser ist auch recht ernüchternd, trotzdem findet sich Andrei danach in der Hofgesellschaft wieder und erhält verschiedene Orden.
Der Unterschied zwischen dem Schlachtfeld und diesem Luxus ist extrem, als Fürst Bolkonski allerdings schon wieder los muss, um schlechte Nachrichten vom Erfolg der französischen Truppen zu überbringen. Mit Tricks wird gearbeitet, mit gelogenen Waffenstillständen und anderen Mitteln, um einander zu täuschen.
Auch fehlt es ab und an nicht an Humor. Lustig ist die Szene, als sich bei einem vorübergehenden und trügerischen Waffenstillstand die Russen und Franzosen gegenseitig beschimpfen, wer wen fertig machen wird. Da sitzen sie fast Nase an Nase und drohen einander mit der Faust. Und dabei dann auch die typische Verwunderung, dass Krieg überhaupt ist, wo man so wartend, Mensch auf Mensch, beieinander sitzt und über die eigenen Drohungen herzlich lachen muss:

Zitat von Tolstoi
„Auf ein solches Gelächter konnte, wie es schien, nichts anderes folgen, als dass man aus den Gewehren die Ladungen herausnahm und alle Soldaten sofort auseinandergingen und in ihre Heimat zurückkehrten.
Aber die Gewehre blieben geladen…“



In diesem Krieg ist noch nichts von dem bestialischen Hass aufeinander zu spüren, der später aufkommt (mit dem auch Soldaten des Zweiten Weltkriegs oder in heutigen Kriegen aufeinander losgehetzt wurden und werden). Noch herrscht eine andere Achtung voreinander, Würde und Ehrenhaftigkeit, besonders das Zugeständnis der Russen, dass Napoleon ein außerordentlich guter Feldherr ist. Als die Schlacht um Austerlitz verloren ist und zahlreiche Russen in Gefangenschaft geraten, ist das Lob aus dem Munde Napoleons, der anerkennend von der ehrenhaft getanen Schuldigkeit des russischen Heers spricht, eine Wohltat für die Kriegsgefangenen und Offiziere… „ein Lohn für den Soldaten“.

Die Begeisterung Nikolai Rostows für den zarten und ruhmreichen Zaren Alexander ist dagegen mehr als übertrieben (stellenweise sogar peinlich), während der Zar mit Lorgnette vor den Augen der Schlacht beiwohnt und Tränen in die Augen bekommt, wenn er auf Verwundete trifft (dreckig schlammig blutige Verwundete, für die sich Nikolai vor dem Kaiser schämt, der seinerseits mit der Übelkeit kämpft) und behauptet, der Krieg sei etwas ganz Furchtbares. Dagegen sind die Zweifel des Fürsten Bolkonski an diesem Krieg eine regelrechte Wohltat, der immer wieder auf die Scheinheiligkeit, Eitelkeit und den Trug solcher Schlachten stößt, während darüber ein großer, weiter und gerechter Himmel zieht. Nicht einmal der Held Napoleon ruft noch Ehrfurcht in ihm wach, als er dem Tod ins Auge geblickt hat.

Zitat von Tolstoi
„Und überhaupt erschien ihm alles, alles so wertlos und nichtig gegenüber jener ernsten, erhabenen Gedankenreihe, welche die Abnahme seiner Kräfte infolge des Blutverlustes, der Schmerz und der Hinblick auf den nahen Tod in seiner Seele hervorgerufen hatten. Während Fürst Andrei dem Kaiser Napoleon in die Augen sah, dachte er an die Nichtigkeit menschlicher Größe und an die Nichtigkeit des Lebens, dessen Sinn und Bedeutung niemand begreifen kann, und an die noch größere Nichtigkeit des Todes, dessen wahres Wesen kein Lebender zu verstehen und einem andern zu erklären vermag.“



Was mir bei Tolstoi auffällt, sind die häufig eigenartigen Beschreibungen seiner Figuren, die den Charakter vielfältig erscheinen lassen, statt exakt zu treffen, als würde der Autor in seiner Beschreibung alle Gerechtigkeit hineinlegen wollen, die möglich ist. Sowohl als auch sind seine Leute gutmütig und mit falschem Lächeln, haben warme Augen, etwas einigermaßen Komisches aber auch sehr Anziehendes… usw. Das wiederum macht es dem Leser schwer, zu erkennen, auf welche Art Mensch er trifft. Kleine oder verschwitzte Händchen, trübe Augen oder rote Nasen… alles ist noch kein Hinweis darauf, wer sich als Charakter hinter diesen Eigenschaften verbirgt. Auch ist es schön für den Tolstoi-Fan, zu sehen, dass auch in „Krieg und Frieden“, wie in „Anna Karenina“, etliche Leute erröten oder rote Flecken im Gesicht bekommen.

Das Verschollen-Sein des Fürsten Bolkonski war für mich sehr spannend. Einige kehren aus dem Krieg zurück, um sich zu entspannen und ihren Urlaub nach der verlorenen Schlacht zu nehmen. Darunter auch der junge und arrogante Rostow, der in einer herrlichen Szene von seiner heranspringenden Familie willkommen geheißen wird, oder der Rüpel Dolochow, der am Anfang des Buches die Wette mit der Rumflasche gewann und von dem nun gesagt wird, er hätte ein Verhältnis mit der schönen Helene, die der nun reich gewordene Pierre, mehr unter dem Druck der allgemeinen Erwartung als aus Liebe, zur Frau genommen hat. Pierre wiederum ist von tiefer Schuld ergriffen, ihr gegenüber falsch gehandelt zu haben, trotzdem ist er eifersüchtig, während sie wiederum ihm hochmütig und eiskalt begegnet. Nach einem eher unglücklichen Duell mit Dolochow, das beide überleben, erschlägt er sie fast vor Wut.

Als Fürst Bolkonskis Frau Lisa endlich ihr Kind bekommt, seine gläubige Schwester an ihrer Seite ist, ohne ihr mitzuteilen, dass Andrei womöglich längst auf dem Schlachtfeld gefallen ist, kehrt dieser kurz vor der Geburt zurück, gerade noch rechtzeitig. So schön diese überraschende Rückkehr auch ist, so lieblos hat Tolstoi den Tod Lisas bei der Geburt dargestellt. Andrei hört den Schrei des Kindes, tritt ins Zimmer und sie ist tot. (Das geht doch nicht… das kann man doch nicht so lieblos schreiben, Tolstoi!!! Der wollte die Figur wohl so schnell wie möglich loswerden. Dabei war sie doch in ihrer Art und Weise trotzdem sehr gelungen, samt ihrer bockigen und beharrten Oberlippe. Naja… schade.)

Stil verschlechternd wirkt auf mich auch Tolstois Angewohnheit, Vergleiche anzustellen. Er schrie, wie es junge Menschen zu tun pflegen. Oder (wiederholt innerhalb einer Seite): sie blickte in sich hinein, wie es nur Schwangeren eigen ist, oder ganz beliebt: wie das bei jungen (ggf. alten) Leuten nicht selten vorkommt. Ausgeglichen wird so etwas aber durch die wunderbare Fähigkeit Tolstois, seine Szenen durch Details unglaublich lebendig zu machen.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 11.02.2012 13:49 | nach oben springen

#67

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 10.02.2012 13:50
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Obwohl Tolstoi ein großer Schriftsteller ist und die einzelnen Situationen, Entwicklungen seiner Figuren und Charaktere wunderbar sichtbar macht, so scheitert er häufig an der eigenen Glaubwürdigkeit.
Beim Spiel und den Verlust großer Summen zeigt sich dann eben doch, wie genial Dostojewski diese rasende Situation darstellt, und wie übertrieben und mit eher absurden Gedankenvorgängen Tolstoi sich daran versucht. Da verspielt der junge Nikolai Rostow so hohe Summen, macht weiter und weiter (wobei man sich dann doch irgendwann fragt: wieso? – hat er schließlich längst eingesehen, dass er kaum noch die Summe zurückgewinnen kann, obwohl man ihm das Setzen noch eher glaubt, als das, was in seinem Kopf vor sich geht) und denkt dabei völligen Unsinn zusammen, wie sehr er den Kartenbetrüger Dolochow (der sich hier für Sonjas Abweisung rächt) liebt und dass es ja schon in Ordnung ist und warum er nicht aufgehört hat und was er denn am Anfang nur wollte – derartig seichte Gedanken, die in so einer Situation wohl kaum ein verschuldeter Mensch tatsächlich denken würde. Tolstoi hat in seiner Jugend wohl auch häufiger gespielt und verloren, ich kann mir aber kaum vorstellen, dass er solche Gedanken beim Verlieren entwickelt hat. Hier spricht dann doch eher der Moralist und Schöpfer einer idealen Figur, der man allerdings diese Gedanken kaum abnimmt.
Besonders absurd ist die letzte Karte, die dann gewinnt. Hier hat Dolochow seine Summe, die er ihm abknüpfen wollte, erreicht und gleicht den winzigen Überschuss durch einen Sieg aus, und alles, was Rostow dazu meint, ist: ich bin müde. Ich denke doch, wenn ein Mensch so viel verloren hat und die erste und einzige Karte schließlich gewinnt, dann versucht er erst recht, weiterzuspielen, hier aber wird so getan, als hätte diese Veränderung rein gar keine Bedeutung. Nach so vielen Verlusten muss so eine Karte doch eher Hoffnungsschimmer sein oder doch wenigstens Erstaunen auslösen.
Hier gelingt Tolstoi keine Spannung. Das zeigt sich dann besonders gut an der Schnelligkeit, wie das Geld beschafft und bezahlt wird. Wiederum schön war die Szene zwischen Vater und Sohn. Was also Tolstoi vermurkst, gleicht er durch andere Sätze wieder aus. Und so wie Dolochow seine Rache genießt und den abgelehnten Heiratsantrag damit verdaut, so ist auch die Reaktion Denisows auf Nataschas Absage auf seinen Antrag knapp und humorig zusammengefasst. Fast könnte man meinen, das wäre Tolstoi unabsichtlich gelungen. Er gibt eine Abschiedsfeier, wird auf einen Schlitten gelegt und kann sich nicht entsinnen, wie das geschieht und welche die drei ersten Stationen sind. Hier darf der Leser seine Fantasie bewegen und sich vorstellen, wie mächtig der Suff ausgefallen ist, mit dem er sich tröstete. Solche Situationen wiederum mag ich.

Die Frau Pierres, die schöne Helene, die gleichzeitig die Tochter des Fürsten Wassili ist, ist in ihrer Schönheit auch ein leerer Spiegel (wie Tolstoi betont, während sich in ihrem dumpfen Kreis an Geistleere gerne kluge Männer aufhalten) und keine treue Ehefrau. Nach Dolochow macht sie auch dem jungen Boris schöne Augen, später will sie gleich zwei Männer auf einmal heiraten, während sie mit Pierre noch verheiratet ist. In dieser Fassung muss sich der Leser allerdings viel dazu denken, wenn er den Charakter Helenes einschätzen will. Nicht ganz klar wird, ob sie Pierre nun wirklich betrogen hat oder nicht, aber ihr späteres Benehmen zeigt doch, dass sie in diesen Dingen nicht ganz unbehelligt ist. (In der Urfassung wird Helenes Trieb scheinbar dann doch besser und genauer dargestellt, zumal ihr Tod ja auch ein ziemlich eindeutiger ist.) Pierre verlässt daraufhin seine Frau und tritt in den Freimaurerorden ein, was mich einige Male zum Lachen gebracht hat, da Tolstoi so übertreibt. Ausgerechnet der zaghafte und dicke Pierre gibt als sein größtes Laster die Weiber an. Ausgerechnet er, der zuvor eine Frau auf Drängen seiner Umgebung geheiratet hat und ihrer Schönheit erlegen ist. Viel eher würden noch Heftigkeit, Trägheit und Müßiggang zutreffen, aber nein, bei Tolstoi sind es natürlich die Weiber. Auch ist der Streit unter den Freimaurern, der mehrfach aufkommt, irgendwie eigenartig, zumal der Orden befiehlt freundlich, ohne Groll und Feindschaft gegen einen Bruder zu sein. All das klärt sich später aber noch ausführlich auf, so wird der Orden von einigen Leuten auch genutzt, um höher stehende Fürsten kennenzulernen oder sich durch den Eintritt anders hervorzutun. Tolstoi übt hiermit gleichfalls Kritik. Pierre muss schnell feststellen, dass es schwierig ist, seine Werte aufrechtzuerhalten, er beginnt Tagebuch zu führen, die Freimaurer anzuzweifeln und nimmt den Rat des Alten an, der ihn auf den Freimaurerorden aufmerksam gemacht hat und einzig umsetzt, was er gepredigt hat:

Zitat von Tolstoi
Die wichtigste Pflicht eines wahren Freimaurers besteht, wie ich Ihnen schon sagte, in der Vervollkommnung des eigenen Selbst. Aber wir denken oft, wir könnten dadurch, dass wir alle Schwierigkeiten des Lebens von uns fernhalten, dieses Ziel leichter erreichen. Das Gegenteil ist richtig, mein Herr! Nur inmitten der Erregungen, die das Leben in der Welt mit sich bringt, können wir die drei Hauptziele erreichen: 1. Selbsterkenntnis, denn der Mensch kann sich selbst nur durch Vergleich erkennen, 2. Vervollkommnung; denn zu dieser gelangt man nur durch den Kampf, und 3. die Haupttugend: Liebe zum Tod; denn nur die Widerwärtigkeiten des Lebens können uns von der Wertlosigkeit des Lebens überzeugen und so die uns angeborene Sehnsucht nach dem Tod oder nach einer Wiedergeburt zu einem neuen Leben verstärken.



Selbstvervollkommnung, die wir unabhängig vom Außen jederzeit umsetzen können, um dann auf andere zu wirken, ist eine wertvolle Empfehlung, die Liebe zum Tod aber bedient sich am Christentum als eine Belohnung „Tod“ gegenüber dem Leben. Dies finde ich wiederum bedenkenswert.

Fürst Andrei kämpft währenddessen mit seinem Schuldgefühl gegenüber Lisa, zieht sich auf das Land zurück und verflucht die Welt. Er geht davon aus, dass Leben bedeutet, für sich selbst zu sorgen und keinem anderen zur Last zu fallen. Pierre öffnet ihm die Augen, dass Glück erst durch Mitgefühl und Hilfe für andere Menschen möglich wird. Andrei befreit daraufhin seine Bauern, während Pierre, der Vorreiter all dieser Ideen, auf seinen Gütern weniger Erfolg hat, da er die Aufgaben Leuten in die Hand legt, die ihn hintergehen und den Bauern, statt Erleichterungen zu verschaffen, noch mehr Arbeit auflasten. Und während Andrei an seinen Aufgaben wächst und sich durch eine alte Eiche, die knorrig und einsam seine Sicht der Dinge repräsentiert, selbst erkennt, verfällt Pierre immer mehr in Traurigkeit und Unzufriedenheit. Bald darauf verliebt sich Fürst Bolkonski auch noch in die nun sechzehnjährige Natascha und macht ihr einen Heiratsantrag, der jedoch erst nach einem Jahr Bedenkzeit für sie und ihn Geltung finden soll. Er selbst ist an den Antrag gebunden, ermöglicht Natascha aber völlige Freiheit, sollte sie innerhalb dieses Jahres aufhören, ihn zu lieben. Eine gewisse Ahnung erfasst den Leser hier schon, dass der Ausgang dieser Liebe dramatisch wird. Währenddessen reist Fürst Andrei auf Wunsch seines Vaters ins Ausland, während Natascha zurückbleibt und sich nach ihm sehnt, ihre Gefühle aber gut verbirgt.

Die Familie Rostow ist immer mehr verschuldet und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Die Gräfin hofft auf die Heirat Nikolais mit der nun vermögenden Julia. Dieser aber hängt (wenn auch leicht halbherzig) an Sonja, die auch ihn immer noch liebt. Sonja aber ist arm und abhängig von den Rostows und sie gefällt Nikolai eigenartigerweise erst dann, als sie einen Schnurbart trägt. () Er gibt ihr ein Versprechen, sie zu heiraten, das ihm bald eine ganz neue Belastung wird. Es ist schön zu beobachten, wie Nikolai reifer und erwachsener wird, seiner Verantwortung bewusst. Auch ist es nachvollziehbar, dass sich seine Gefühle erneut ändern, von der Zuneigung gegenüber Sonja zu einer reiferen Empfindung gegenüber der Prinzessin Marja führt, die er aus der Menge aufsässiger Bauern rettet.

Die noch sehr unstete und junge Natascha macht gleichfalls eine erhebliche Veränderung in ihrem Wesen durch. Als sie das erste Mal in die Welt gelassen, sich gleich in einen Aufreißer und Schwerenöter verliebt, statt an die innige Liebe zu Bolkonski zu glauben, versucht sie sich nach dem Scheitern dieses Gefühlschaos, umzubringen. Nur Pierre, der sich in sie verliebt, kann sie etwas aufbauen. Aus dem sprunghaft selbstverliebten, quirligen Mädchen wird ein nachdenkliches und verzweifeltes, das die Verlobung mit Bolkonski gelöst hat und diesen dafür um Verzeihung bittet. Die ganze Entwicklung Nataschas hat Tolstoi etwas verkürzt dargestellt. Die pubertären Fehlentscheidungen sind zwar nachvollziehbar, aber mir fiel es schwer zu begreifen, weshalb Natascha einem Anatol verfallen kann, der ihr schöne Augen macht. Wohl ist es ihre eigene Selbstverliebtheit, die hier ihr Wesen regiert (die Tolstoi nicht nur einmal erwähnt), der Blick in den Spiegel, die Begeisterung darüber, Bewunderung auslösen zu können und die Macht, die ihr ihre eigene Schönheit verleiht, dennoch wirkt das alles viel zu plötzlich. Natascha – auf die Welt losgelassen – wirft alles über den Haufen, um mit einem bereits verheirateten und oberflächlichen Menschen durchzubrennen, der ihr verliebt in den Rücken starrt und sie entführen will, und all das auch noch so kurz vor der Rückkehr Andreis. (Möglich, dass mich hier allerdings auch meine Sympathie für den Fürsten leitet.) All das ist dramatisch ins Bild gesetzt.

Tolstoi vertritt die Auffassung, dass nicht ein Mensch oder eine Entscheidung oder ein Ereignis zum Krieg führen kann, sondern das Zusammenspiel aller Bedingungen und kleinsten Vorgänge. Wäre nur ein Ereignis nicht eingetroffen, hätten sich auch die anderen nicht in dieser Weise zusammengesetzt, wie es geschehen ist.
Dies veranschaulicht er häufig an schönen Beispielen, das, was sichtbar und nicht sichtbar ist. Über den Krieg sagt er:

Zitat von Tolstoi
Es ist natürlich, dass jemand, der den Gang einer Maschine nicht versteht, beim Anblick ihrer Tätigkeit meint, der wichtigste Teil der Maschine sei das Spänchen, das zufällig in sie hineingeraten ist und nun in ihr herumwirtschaftet und ihren Gang stört. Wer die Konstruktion der Maschine nicht kennt, kann nicht begreifen, dass nicht dieses Spänchen, welches den Mechanismus hemmt und verdirbt, sondern jenes kleine Übertragungszahnrad, das sich geräuschlos herumdreht, einer der wichtigsten Teile der Maschine ist.


Um seine doch etwas vage gehaltene These zu untermalen, scheut sich Tolstoi nicht, ab und an historisch ungenau zu werden. Statt mittels Fakten z. B. zu analysieren, warum Napoleon gegen die Russen unterlag, wie die schlechte Ausrüstung, die Eiseskälte oder das Feuer in Moskau, betont Tolstoi zunächst, dass die Russen hier keine Taktik anwendeten und Napoleon die Lage unterschätzt hat, die Truppen einfach durch die Umstände überrollt wurden. Soweit mag das richtig sein. Doch weshalb Moskau in Flammen aufging, ob durch Brandstifter oder andere Bedingungen, erklärt Tolstoi so, dass Moskau einfach abbrennen musste, weil es von den Einwohnern geräumt und durch Feinde besetzt wurde, denen gleichgültig war, wo sie ihr Essen über offenem Feuer kochten. Tolstoi behauptet, dass Moskau so oder so abgebrannt wäre, weil Franzosen sich dort breitmachten und die Stadt in feindlichen Händen lag.

Der Sieg Russlands über Napoleon, dessen Heer wesentlich stärker war, während Tolstoi gerade das ganze Chaos russischer Strategien und Taktiken demonstriert, ebenso das Geschwätz der Salons, in denen einfach nur „Ansichten“ vertreten werden, ohne das Ausmaß eines Krieges abschätzen zu können, geschah nicht aufgrund von guter Planung.
Auch wenn die Historiker die Taten im Nachhinein rühmen und die Lage ruhmreicher darstellen, wollten die Russen Napoleon nicht taktisch nach Moskau locken und Napoleon hat auch nicht taktisch nicht gehandelt und sich von den Umständen überrollen lassen, sondern die Lage einfach falsch eingeschätzt. Tolstoi betont, dass hier kein Genie, sondern hinter der Fassade des ruhmreichen Bonaparte immer noch ein Mensch zu finden ist, der die gleichen Fehler macht, wie jeder Mensch: d. h. er kann sich irren.

Lange erscheint der Krieg bei Tolstoi, trotz der zahlreichen geäußerten Zweifel, heroisch. Ruhm und Ehre halten sich die Waage mit dem bedauerlichen Verlust. Es wirkt nicht, als ob der Leser inmitten eines dreckigen Schlachtfelds geführt wird, sondern als ob er dabei zusehen darf, wie die Generäle, Oberbefehlshaber, Minister und verschiedene Adlige auf einem großen Schachbrett die Figuren verrücken und ihre Taktiken festlegen. Das breitet einen eigenartigen Schleier über die tatsächliche Grausamkeit eines jeden Krieges. Die Menschen fallen oder das Heer verringert sich auf soundso viel Mann. Die Verbindung mit dem Tod, dem Leid, dem Blut, Geröchel, verlorenen Gliedmaßen kann der Leser darüber kaum herstellen. Anhand der Verletzungen, die ab und an erwähnt werden, oder in dem dann wiederum beeindruckenden Bild eines, über einem dunkel schlammigen Schlachtfeld, sich ergießenden Sonnenlichts, kann sich der Leser dann seiner eigenen Vorstellungskraft hingeben und sich das Notwendige ausmalen.
Doch dann spricht Fürst Bolkonski all das wenigstens in Worten aus, was man die ganze Zeit etwas vermisst. Die feinen Herren planen und bedenken nicht die vielen Toten, wenn sie ihren Rückzug anordnen, während das ganze Opfer dann umsonst war. Krieg ist kein Schachspiel und lässt sich nicht vorausplanen. Im Augenblick des Kampfes muss gehandelt und umgedacht werden. Bolkonski geht noch weiter und spricht davon, keine Gefangenen mehr machen zu dürfen.

… Das ist das einzige Mittel, um den ganzen Krieg umzugestalten und ihm einen minder grausamen Charakter zu geben. So aber haben wir immer den Krieg wie ein Spiel behandelt, und das ist falsch und töricht; wir spielen die Edelmütigen usw. Dieser Edelmut und diese Empfindsamkeit erinnern an eine Dame, der übel wird, wenn sie ein Kalb schlachten sieht: Sie hat ein so gutes Herz, dass sie kein Blut sehen kann; aber sie isst dieses selbe Kalb mit Appetit, wenn es mit Sauce zugerichtet ist.

Und in diesem Sinne hat er Recht. Entweder sieht man den Krieg als das an, was er ist, samt der Opfer, Toten und Verluste, oder man führt ihn eben nicht, weil das Menschenleben über den Machtkämpfen steht. Dieses Dazwischen ist reine Heuchelei. Einen wirklich höflichen Krieg gibt es nicht. Es wird gemeutert und geplündert und getötet… ja, gemordet.
Wenn diese Sucht, im Krieg den Edelmutigen zu spielen, in Verruf käme, so würden wir nur in solchen Fällen in den Krieg ziehen, wo sein Zweck es wert ist, dass man um seinetwillen in den sicheren Tod geht. (…) Der Krieg ist keine Liebenswürdigkeit, sondern die garstigste Handlung im menschlichen Leben; das muss man sich klarmachen und es nicht als Spiel betreiben.

Was Tolstoi überhaupt sehr gut darstellt, ist die Inkompetenz der führenden Offiziere und Kriegsplaner. Es ist ein Wunder, dass das russische Heer überhaupt irgendwelche Siege erringen konnte, so unorganisiert es agiert und so schlecht es ausgerüstet ist. Und auch die Franzosen sind in vielerlei Hinsicht zwar stärker, aber auch nicht viel besser dran. Im Grunde war es mehr der Umstand der Ereignisse und der Zufall, der den Krieg lenkte und ihm seine Verluste oder Siege bescherte, wobei die Verluste überwogen.

Zitat von Tolstoi
„Aber die Historiker haben diesem Verfahren nachträglich, nachdem die Ereignisse sich vollzogen hatten, schlau ersonnene Gründe untergeschoben, welche als Beweise für die Voraussicht und Genialität der beiden Feldherren dienen sollten, währen diese doch in Wirklichkeit von allen willenlosen Werkzeugen der Weltereignisse die sklavischsten und willenlosesten Faktoren gewesen sind.“



Aus dem Mund Napoleons wirken die gleichen Worte „keine Gefangenen machen“ wiederum ganz anders, als reiner Akt der Grausamkeit. Er will um jeden Preis siegen und schätzt die Lage nach diesem Gesichtspunkt ein. Er hat nicht das durchdacht, was Bolkonski erschlossen hat, und daher ist seine Forderung reine eitle und gewalttätige Willkür.

Von da an ändert sich die Beschreibung des Krieges. Mit der Kälte und der Räumung Moskaus wird Tolstoi genauer. Das Elend, der Tod, die Verwundungen und Opfer werden wesentlich sichtbarer.
Und dann treten wieder solche Zwischensituationen auf, die das Bild wahnsinnig schön beleuchten und vergrößern, wie der beeindruckende Gottesdienst und der sich vor der Gottesmutter schnaufend niederlassende, sehr korpulente Oberbefehlshaber Kutusow, der kaum wieder auf die Beine kommt. Oder noch besser… der Hase im Birkenwald:

Mitten in diesem Wald sprang vor ihnen ein brauner Hase mit weißen Läufen auf den Weg und geriet, erschrocken über das Getrappel so vieler Pferde, dermaßen in Verwirrung, dass er lange auf dem Weg vor ihnen herlief, wodurch er allgemeine Aufmerksamkeit und großes Gelächter erregte; erst als einige der Reiter ihn heftig anschrien, warf er sich zur Seite und verschwand im Dickicht.


Als sich dann auch noch Pierre wider die Vernunft in den Krieg stürzt, da ging mir dann doch das durch den Kopf, was auch die fragenden Soldaten dachten:

„Alle blickten sie mit dem gleichen unwillig fragenden Ausdruck nach diesem dicken Menschen mit dem weißen Hut hin, der sie ohne vernünftigen Grund in Gefahr brachte, von seinem Pferd getreten zu werden.“

… und vor allen Dingen sich selbst. Wieso, dachte ich mir, muss er sich das jetzt beweisen, wo er nicht einmal reiten kann, an anderer Stelle doch besser aufgehoben ist und hier gar nichts tun kann, außer Chaos anzurichten. Wie ein kleines Kind wird er auf die berüchtigte Schanze geleitet, wo es etwas weniger gefährlich sein soll, um sich die Schlacht von dort aus ansehen zu können. Pierre Furchtlosigkeit und Gutmütigkeit ist reines Unwissen darüber, dass eine Kanonenkugel „auf einen niederquatscht“ und einem „die Därme heraus“ drückt. Und all das hat natürlich dann in der Grausamkeit auch seine Wirkung.

Nach diesen Erlebnissen ist Pierre ein anderer Mensch. Noch steht er völlig unter Schock, irrt durch Moskau, das verlassen und angezündet wird, rettet ein Kind und wird als einer der Brandstifter verhaftet. Fünf andere Mittäter werden vor seinen Augen erschossen und ihm prägt sich diese Ungerechtigkeit inmitten des bereits überall geschehenen Unglücks verstärkt ins Gedächtnis. Als russischer Kriegsgefangener erkennt
Pierre endlich, was das Leben tatsächlich ausmacht, und spürt ein unsagbares Glück, ein bald darauf tiefes Vertrauen zum Leben. Er weiß zu schätzen, was er verloren und gewonnen hat. In der Kriegsgefangenschaft konnte er feststellen:

Zitat von Tolstoi
Das Fehlen des Leides, die Befriedigung der Bedürfnisse und als Folge davon die Freiheit in der Wahl der Beschäftigungen, d. h. in der Art der Lebensführung, das stellte sich ihm jetzt als das zweifellos höchste Glück des Menschen dar. Erst hier und erst jetzt lernte Pierre zum ersten Mal im vollen Umfang den Genuss des Essens schätzen, wenn er hungerte, den Genuss des Trinkens, wenn er durstete, den Genuss des Schlafens, wenn er müde war, den Genuss der Wärme, wenn ihn fror, den Genuss des Gespräches mit einem Menschen, wenn ihn verlangte, mit jemandem zu reden und eine menschliche Stimme zu hören. Die Befriedigung der Bedürfnisse (gute Nahrung, Reinlichkeit, Freiheit) erschien ihm jetzt, wo er alles dies entbehren musste, als das vollkommene Glück, und die Wahl der Beschäftigung, d. h. die Art der Lebensführung, erschien ihm jetzt, wo diese Wahl für ihn so beschränkt war, als eine ganz leichte Sache. Er bedachte dabei nicht, dass ein Überfluss von Annehmlichkeiten des Lebens die ganze Glücksempfindung über die Befriedigung der Bedürfnisse vernichtet und dass eine weitgehende Freiheit in der Wahl der Beschäftigungen, jene Freiheit, die ihm in seinem Leben seine Bildung, sein Reichtum und seine gesellschaftliche Stellung gewährt hatten, sowohl die Wahl der Beschäftigungen unendlich erschwert als auch sogar das Bedürfnis nach einer Beschäftigung und die Möglichkeit einer solchen vernichtet.



Zum Ende hin kommt wahrlich noch einmal eine mächtige Spannung auf. Sowohl die äußeren Ereignisse des Krieges, der Besetzung Moskaus durch die Franzosen, die Plünderungen, der Brand, die Kälte, die Flucht der Franzosen und die Gefangennahme russischer oder französischer Soldaten, die mit dem jeweiligen Heer selbst an Hunger sterben, das ganze Elend und die Not sind mitreißend ins Bild gesetzt. Dennoch wunderte ich mich über Piere, der seinen kranken Freund meidet und ihn sitzen lässt, bevor er erschossen wird, ohne auch nur den Hauch eines schlechten Gewissens zu verspüren. Mag sein, dass ihn die Erkenntnisse gewandelt haben, dass das Glück, dass er nach der Befreiung und im Aufbau Moskaus empfindet, ihn vergessen lassen, wie er gehandelt hat, möglich auch, dass das Leid und die Umstände davor zu grausam waren, als dass er bestimmte Gefühlsregungen noch empfinden kann, dennoch sieht er in diesem hinter ihm abgeknallten Mann einen göttlichen Narren, auf den er immer wieder mit Liebe zurückkommt, während er ihm zuvor nicht einmal in die verschleiert blauen Augen blicken konnte.
Was aber überhaupt seine Veränderung angeht, die hat mir gefallen, dass er zu schätzen weiß, was er am Leben gewonnen hat und auch seine Begegnung mit Natascha, die ihrerseits durch den Tod des Fürsten Andreis so viel durchgemacht hat, war beeindruckend, wenn auch im Gesamtausgang dann doch stark verkürzt von Tolstoi dargestellt. Statt im Epilog sieben Jahre weiter zu driften, hätte er hier ruhig noch ausführlich werden können, wie Pierre und Natascha sich finden. So finde ich, wenn überhaupt, hätte der Roman mit der Begegnung Nikolais und Marjas dann gerne enden dürfen.


Und nun… zu diesem eigenartigen Epilog. Diesen (bis auf die Zusammenfassung über Napoleon) fand ich dann wirklich leicht gruselig. Nicht nur, dass Tolstoi über das eigentliche Zusammenkommen beider Paare schnell hinwegwischt und gar nicht mehr darauf eingeht, wie sich die Dinge entwickeln (auch nicht auf den Konflikt durch das gemachte und wieder gelöste Versprechen gegenüber Sonja, die einfach Teil der Familie wird, während sie und auch Nikolai zuvor doch etliche widersprüchliche Gefühle durchströmten), so kreiert Tolstoi auch aus seinen Figuren auf einmal ganz andere Charaktere und setzt Bedingungen, wie sie nach seinem Maß zu sein haben.

Besonders unangenehm ist die Beziehung zwischen Nikolai und Marja, die mich stark an die Atmosphäre in Tolstois eigenem Haus erinnert. Aber auch Pierre und Natascha nehmen einen ähnlichen Platz ein, über die Tolstoi einen Vorwurf gegen die eigene Frau erhebt. Pierre gerät zum Pantoffelhelden (der ab und an auf Urlaub gehen darf, um sich dann, obwohl (mit besonderer Betonung Tolstois) unschuldig, böse Vorwürfe anhören muss), genießt aber die Sklavenarbeit seiner Frau, solange er sich an ihre Vorschriften hält. Die vollblutige und brennende Natascha wird ein dickes, fruchtbares, reizbares „Muttertier“, gleichzeitig zur eifersüchtigen Megäre, ist aber trotzdem ihrem Mann völlig ergeben und liest ihm jeden Wunsch von den Augen ab. Sie lässt sich gehen (und freut sich – widersprüchlich genug – dann aber doch über einen mit Perlen besetzten Kamm, wie er damals Mode war), stellt für ihn alles zurück, was sie zuvor noch ausgemacht hat, was dann wiederum unglaubhaft ihren Charakter so stark verändert, wie er zuvor durch das Leid, die Wandlung, den Kummer (und wie schön war sie hier in ihrer Blässe und ihrem Sein) vielversprechend war, dass es auf mich wirkt, als schöbe Tolstoi zu guter Letzt einfach seine Figuren in sein moralisches Schemata und besonders die Frauen, die nach seinem Geschmack geformt immer (für den Mann und nur für diesen) opferungsbereit sein müssen (besonders, wenn sie zuvor eine eindrucksvolle Persönlichkeit waren, die dann perfekt mit dem Schatten des Mannes verschmilzt, ohne noch sie selbst zu sein), die (nicht freudig, sondern selbstverständlich) ihre Talente zurückstellt und Dienerin für Mann und Familie ist, dabei keinen Wert mehr auf Äußerlichkeit und ihre eigene Schönheit legt, da dies alles nur Nebensächliches und für den Ehegatten, der sie bereits besitzt, keine Rolle mehr spielt, der dann wiederum lieber auf seine Felder verschwindet und ganz und gar in seinen Interessen aufgehen kann, an denen er die Frau nicht teilhaben lässt, da er sich nicht mit „Weibergeschwätz“ abgibt.
All das ist ein Hoch und Tief voller Widersprüche. Im Grunde sind das dann wohl traumhafte Bedingungen – für den Mann. Die Frau dagegen wirkt nur gewollt glücklich und ist darum vielleicht auch beständig gereizt? (Und… hat sie in den Augen Tolstois überhaupt ein Recht auf ein eigenes Glück, das nicht in der Sklavenarbeit für den Mann liegt? Wohl kaum. Wie gut, dass selbst Streitgespräche dem Ehegatten hinterher seine eigenen Gedanken aus dem Mund der wieder versöhnten Frau offenbaren, gegen die sie zuvor so standhaft angekämpft hat.) Diese ganzen Veränderungen als dargestellter Ehealltag sind so unangenehm zu lesen, vernichten den Schimmer literarischer Weite und verkürzen diese auf zickig glanzlose Vorwürfe, die Mann und Frau sich notgedrungen machen. All das hat in so einem Roman dann eigentlich nichts zu suchen.

Auch wechseln bei Tolstoi die Figuren das Gesicht und werden sogar zum Autor selbst, was besonders schlimm in eben diesem Epilog auftritt und nach meinem Geschmack zu viel Privat- oder sogar Intimsphäre preisgibt. Vergleicht man Dostojewski, der keinen Standpunkt einnimmt, sondern seine Figuren in den tiefsten seelischen Prozessen auslotet, so sind Tolstois Charaktere simple Schablonen seiner Meinung. Und wo sie im Roman zuvor so schön alle ihre eigenen Entwicklungen durchmachen und lebendig sind, gerät z. B. Nikolai gerade in diesem völlig missratenen Epilog zu Tolstoi selbst, einem Tolstoi mit schlechten Manieren. In seinen Ansichten schimmert eine bedingungslose Erwartung und Kälte durch, die mich, als Leser, irgendwie kalt erwischt und ihn mir sehr unsympathisch werden lässt. Zum Beispiel sagt er, obwohl er zuvor noch annehmbar liebevoll als Vater (der natürlich seine Rechte auf Egoismus hat) dargestellt wird, über (s)ein Kind, es sei… „ein Stück Fleisch, weiter nichts“. Ähnlich ergeht es mir mit Natascha, die ganz und gar Tolstois Bild seiner eigenen Frau wird, von der er als Mann keine sehr gute Meinung hat.

Ich finde, mit dem völlig unnötigen Epilog hat Tolstoi viele vorangegangene, schöne Eindrücke, die den Roman im Gesamtbild natürlich trotzdem weiterhin ausmachen, auf eine gewisse Art und Weise zerstört, so dass man das Werk dann doch etwas genervt zuschlägt. Hier steht der Schriftsteller mit seinem erigierten Zeigefinger und erklärt, was selbst aus den schönsten seiner Figuren werden kann und in mancher Hinsicht auch werden muss. Wozu? Hat er doch alles zuvor so prächtig erschaffen und hätte, wenn es denn für ihn so notwendig ist, aus den vielfältigen Charakteren einen wählen können, der seinem – leicht morbiden – Geschmack entspricht. So aber ist der ganze Epilog missraten und verweist bereits auf den Tolstoi, der im späteren Leben immer fanatischer und unangenehmer in seinen Überzeugungen wird, der insbesondere sein Privatleben zur öffentlichen Schau macht, ein Los, dass man keiner Familie zumuten sollte. Und dennoch ist auch das irgendwie wieder… ganz Tolstoi.

Ich freue mich auf die Urfassung, auf die Unterschiede, auf den fehlenden Epilog.
„Krieg und Frieden“ ist also für mich noch keinesfalls erledigt und abgetan, wird wieder aufleben und mich erneut in seinen Bann samt Freuden und Ärgernisse hüllen.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 10.02.2012 15:23 | nach oben springen

#68

RE: Tolstoi

in Die schöne Welt der Bücher 10.02.2012 22:31
von LX.C • 2.679 Beiträge

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