background-repeat

Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#46

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 20.07.2009 23:26
von larifant • 270 Beiträge

Hast du es schon angelesen?

Mit Strahlungen nicht zu vergleichen.
Das eine Buch ist von einem 20-jährigen Sturmtruppführer geschrieben, das andere von einem 45-jährigen Dichter-Philosophen.

In Stahlgewittern ist eine zähe Lektüre, aber eine lohnende.
Historisch und psychologisch.
Wie kann jemand so ein Buch schreiben und vom Krieg begeistert sein?

Gruß,
L.


nach oben springen

#47

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 20.07.2009 23:30
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Aus den von dir genannten Gründen bin ich da zögerlich. Der junge Sturmtruppführer... Es gibt ja auch ein Essay mit ähnlichem Inhalt "Der Kampf als inneres Erlebnis".
Die Frage, wie so ein Mensch vom Krieg begeistert sein kann, geht mir schon die ganze Zeit durch den Kopf. Auch später in den Strahlungen, wo er gleichzeitig philosophiert und von den ausgebrannten Häusern erzählt. Diesem "Wahn", den Krieg erleben zu wollen, unterlagen ja auch einige Maler, doch kehrten die völlig verstört daraus zurück. Jünger schien da irgendwie mehr "Fleisch" besessen zu haben oder hat den Krieg als Notwendigkeit betrachtet. Patriot war er wohl... durch und durch.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 20.07.2009 23:40 | nach oben springen

#48

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 20.07.2009 23:45
von larifant • 270 Beiträge

Zitat von Taxine
oder hat den Krieg als Notwendigkeit betrachtet. Patriot war er wohl...

Nicht nur als Notwendigkeit, sondern sogar als kommende Grundlage der menschlichen Gesellschaft im Zeitalter des "Arbeiters" (Arbeiter heißt bei Jünger in etwa Technokrat).

In Stahlgewittern enthält überraschend wenige patriotische Untertöne (in der 2ten Überarbeitung wurde ein bißchen was nachgeschoben und später getilgt)
Wofür überhaupt gekämpft wird, scheint dem Autor hier entweder selbstverständlich zu sein oder keine Rolle zu spielen.

Gruß,
L.


nach oben springen

#49

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 21.07.2009 00:07
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Siehste, "Der Arbeiter", den habe ich angelesen und schon einige Male wieder erbost zur Seite gelegt. Darin schwingt etwas so Totalitäres, so Patriotisches, auch etwas, das man im heutigen Terrorismus wiederfindet. So ein Satz z. B.:

Zitat von Jünger
So kommt es, dass der Mensch mit der Gestalt zugleich seine Bestimmung, sein Schicksal entdeckt, und diese Entdeckung ist es, die ihn des Opfers fähig macht, das im Blutopfer seinen bedeutendsten Ausdruck gewinnt.

Oder...wie ein Grundgedanke des amerikanischen Heldentums.

Auch spürt man in dieser Schrift die Zeit deutlich, denn nach dem zweiten Weltkrieg schrieb er in Essays wie "Der Waldgänger" ganz anders.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 21.07.2009 00:50 | nach oben springen

#50

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 23.07.2009 18:06
von LX.C • 2.689 Beiträge

Hier noch was ganz Feines, von "Haudrauf" Martin Walser *g*
das die Literatur "zwischen Plattenspieler und Eisschrank" und ihre Ursache aufs Korn nimmt. Zitat:

In Antwort auf:
Dem Daumenlutscher stirbt kein Gott. Er ist sein eigener Gott. Nicht die Leere der Gottlosigkeit ist sein Horror, sondern der Nächste, der Nebenmensch. Wie er sich selber Gott ist, so ist ihm der Nebenmensch die Hölle. Solidarität, bzw. Mitleiden wird verdächtigt, Kommunismus zu sein/ oder Boulevard; beides gilt als gleich schlimm. So zieht sich Literatur eingeschnürt zurück, der Schriftsteller wird das Kaufhaus des Narzißmus. Zu legitimieren ist eine Stimmung zwischen Leuten, die einander nicht brauchen. Ich merke inzwischen, dass mir Freundlichkeit und Teilnahme immer schwerer fallen. Es kommt mir vor, als werde ich erzogen zu einer feinsinnigen Feindseligkeit. [...] Bis jetzt habe ich immer feststellen müssen, dass ich konform lebe. Zu meiner eigenen Verwunderung sehe immer wieder, dass ich typisch bin. Dagegen habe ich nichts. Wenn ich also feststelle, dass ich mich am liebsten durch Teilnahmslosigkeit leidlos hielte, ahne ich, dass ich so wahrscheinlich dem ersten Gebot des jetzt herrschenden Gottes [er meint den Kapitalismus] gehorche: Kultur der Teilnahmslosigkeit. Das entlastende Gerechtigkeitsprinzip unseres Gottes: Vor der Leistung sind wir alle gleich, und nach der Leistung sieht man, was einer bringt. Wir wählen einen Gott nicht ab, weil er uns hilft. Wir haben ihn dazu gewählt, dass er unsere Unfähigkeit zu helfen legitimiert.


Quelle: Walser 1981, in: Büchner-Preis-Reden 1972-1983, Reclam, Stuttgart 1984.



--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 23.07.2009 18:06 | nach oben springen

#51

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 30.07.2009 19:17
von LX.C • 2.689 Beiträge

Kann jemand etwas zu Alexander Kluges "Die Lücke, die der Teufel läßt" sagen?


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
nach oben springen

#52

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 03.08.2009 18:36
von LX.C • 2.689 Beiträge

Volker Braun, der Mann ist der Wahnsinn, der entwickelt aus DDR-Kantinenfraß und Hinze dem Fresssack :)) ne Seitenlage philosophische Betrachtung über Freiheit (Hinze-Kunze-Roman). Überhaupt, welch satirische Blüten der Sozialistische Realismus treiben konnte, war mir in dem Ausmaß noch gar nicht bewusst.
Braun beherrscht eine spitzfindige Doppeldeutigkeit, wie sie sich, glaube ich, nur unter den Bedingungen einer Literaturzensur entwickeln konnte.
Da Braun sich auch nach der Wende und bis in die Gegenwart als kritischer Geist der Literatur etabliert hat, muss er an dieser Stelle unbedingt als lesenswert genannt werden.


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
nach oben springen

#53

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 03.08.2009 20:16
von Taxine • Admin | 5.889 Beiträge

Danke für den Tipp, LX.C. Auch der andere Roman aus einem Satz ist interessant. (Hat z. B. von der Art auch Zypkin in seinem Dostojewskij-Roman gemacht, dieses Schreiben ohne Punkt, nur hat er drei Sätze benötigt.)




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 03.08.2009 20:17 | nach oben springen

#54

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 04.08.2009 19:15
von LX.C • 2.689 Beiträge

Ja, ich feiere nur ab, der Hinze-Kunze-Roman ist einfach nur genial. Auch wie der Erzähler sich immer wieder einschalten. Da unterbricht er z.B. seine aus dem Ruder laufende Szene, hält einen Diskurs über Schreiben und Wirklichkeit und plädiert für wirklichkeitsgetreue Darstellung und schreibt anschleißend die ganze Szene noch mal im Sinne des Sozialistischen Realismus um, aber so genial überspitzt, dass man schon wieder ablachen muss. Nee. Ein Wahnsinn :))

Plane anschließend den Wendehals zu lesen.


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
nach oben springen

#55

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 04.08.2009 19:19
von LX.C • 2.689 Beiträge

Der andere Roman ist übrigens eine kurze Erzählung ;) Von daher sollte man Zyplin nachsehen, wenn er in drei Sätzen schreibt :)))


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
nach oben springen

#56

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 17.12.2009 17:07
von LX.C • 2.689 Beiträge

Zitat
Was im Herbst 1989 geschah und in den Jahren danach, läßt sich nicht mit steigenden Aktienkursen ins Gleichgewicht bringen. Die Politiker fahren weiterhin auf den alten eingefahrenen Gleisen und merken nicht, dass der Unterbau morsch geworden. Über Nacht wurde auch ihnen das Feindbild genommen, und plötzlich stehen sie dem eigenen Spiegelbild gegenüber. Was uns in Deutschland heute begegnet, ist das Gesicht einer späten Demokratie, in das die Selbstsucht, Korruption, aber auch die politische Lüge ihre Züge eingebrannt hat. Wir erleben eine Mehrparteiendiktatur, ihre Funktionäre fürchten den Runden Tisch, die Basis-Demokratie genauso wie der Teufel das Weihwasser.

(Cibulka, Hanns: Am Brückenwehr. Reclam, Leipzig 1995, S. 105.)

Ich habe immer wieder das Gefühl (noch ist es eins), dass es die Schriftsteller aus der ehemaligen DDR sind, die den schärfsten Blick beweisen und die klarsten Worte (wie auch immer man sie werten möchte) über unsere Gesellschaft formulieren.


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 17.12.2009 17:08 | nach oben springen

#57

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 10.01.2010 12:54
von LX.C • 2.689 Beiträge

Zitat
Eben hat ein Experte "ganz ruhig" die Arbeitsagentur Nord betreten und den Tisch der Sachbearbeiterin mit einem 5-Liter-Kanister Spiritus in Brand gesetzt. Sie hat einen Schock erlitten; aber auf dieses Mittel setzt Verf. nicht. Er hat das Meer vielleicht überfischt, aber den Gegenstand nicht ausgeschöpft. Er handelte in Not, die er gegeben sieht. Vielleicht muss sich die Menschheit noch einmal buchstabieren, und der neue Anfang der Geschichte heißt: für den Letzten soll die Welt gemacht sein. Gewohnt zu scheitern denkt er für sich, die eigentliche Arbeit hat noch gar nicht begonnen, sie wird der Gesellschaft den Atem verschlagen.


(Braun, Volker: Machwerk oder das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer, Suhrkamp, Frankfurt/M 2008, S. 220)


Brauns Machwerk ist ein Sammelsurium von politischen/gesellschaftlichen Begebenheiten der letzten zwei Jahrzehnte.
Von der Abwicklung der DDR-Industrie, Massenarbeitslosigkeit, über Themen wie die berühmten "blühenden Landschaften", Bevölkerungsschwund im Osten, Hartz IV, "Fördern und Fordern", 1-Euro-Jobs, Schwarzarbeit, Billiglohnkonkurrenz, Globalisierung, bis zum Elterngeld. Sogar Kurt Becks Arbeitslosen-Schelte ist vertreten. Und alles eingebettet in diesen meisterhaft satirischen Roman um den (Anti)helden Flick von Lauchhammer.

Mit dem Mythos des Fachkräftemangels, wie er herbeigeredet wurde, muss auch endlich mal aufgeräumt werden, bestehende Ressourcen, die mit Abwicklung der DDR-Wirtschaft freisetzt worden waren, wurden aus Bequemlichkeit und Profitsucht nur nie genutzt. Promovierte landeten in Wach- und Schließgesellschaften, Dipl. Ingeneure als Kurierfahrer. Auch das thematisiert Braun und dafür kann man ihm nur dankbar sein, weil hier ein Thema unserer Elterngeneration angesprochen wird, das für viel Verzweiflung sorgte.

Man muss jetzt auch nicht glauben, hier gehts um Gejammere und Ostalgie, auch das wird kritisch aufs Korn genommen, entsprechende Stimmen dürften also gleich wieder verstummen.


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 10.01.2010 14:43 | nach oben springen

#58

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 10.01.2010 15:16
von Zypresserich • 2.877 Beiträge

Ja, das werde ich mir dann mal ordern. Merci.


https://zumabgesaegtenast.wordpress.com
nach oben springen

#59

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 10.01.2010 17:41
von LX.C • 2.689 Beiträge

Das wird dich sicher stilistisch auch sehr interessieren. Bist doch son Stilfanatiker :) und Braun hat einen ziemlich einzigartigen.


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 10.01.2010 17:42 | nach oben springen

#60

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 10.01.2010 17:54
von Zypresserich • 2.877 Beiträge

Zitat von LX.C
Das wird dich sicher stilistisch auch sehr interessieren. Bist doch son Stilfanatiker :) und Braun hat einen ziemlich einzigartigen.

Ja, denke ich auch und grade drum. Hab mal reingelesen ins Buch (kann man ja heute hie und da, wenn Verlag und Vertrag und Plattformen etc. ...). Also vorher hatte ich mich ja noch nicht mit des Herrn Werken beschäftigt (was will man alles lesen). Aber das a) Sozialkritischgeschichtliche und b) Stilistische und c) Eigenesprithafte muss ich mir einfach reinziehen, das drängt sich (mir) auf. Bin grad selber am Wursteln in ähnlicher Brühe.


https://zumabgesaegtenast.wordpress.com
nach oben springen


Besucher
0 Mitglieder und 2 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: pain
Forum Statistiken
Das Forum hat 982 Themen und 22989 Beiträge.

Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen | ©Xobor.de