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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#1

Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 14.07.2009 20:59
von LX.C • 2.673 Beiträge

Hatte Max Frisch 1958 im Anti-Engagement der Literatur noch eine Art Opposition gegen die politischen Umtriebe der jungen Bundesrepublik und den Kalten Krieg sehen wollen,
warnte Günter Eich 1959 vor der gelenkten Sprache der Macht, die den Dichter Mundtod machen solle, indem sie mit einfachen, vorgefertigten und austauschbaren Antworten, die ethnisch nicht anzuzweifeln und zu widersprechen sind, die Menschen bombardiere. Mit dem Prinzip der gelenkten Sprache formuliert Eich eine Erklärung für die Inhaltslos- und Formlosigkeit der Literatur unserer Zeit:

In Antwort auf:
Ebenso bedrückend wie das hohe Ethos ist ein Verwesungsgeruch, der die Räume immer mächtiger erfüllt. Wir möchten gerne das Fenster öffnen oder wenigstens fragen. Aber es gibt keine Fragen mehr und keine Fenster die sich öffnen lassen. Nichts steht in Frage, es ist alles beantwortet […] Es gibt nur noch Antworten. Sie werden im Mengenrabatt abgegeben, so billig, dass man den Eindruck haben muss, es lohnt sich nicht, zu fragen. Und es soll sich nicht lohnen. Inzwischen sind schon die Gitter ins Mauerwerk eingepasst. (81)

Dieser gelenkten Sprache etwas entgegenzusetzen, sei Aufgabe des Dichters:

In Antwort auf:
Wenn unsere Arbeit nicht als Kritik verstanden werden kann, als Gegnerschaft und Widerstand, als unbequeme Frage und als Herausforderung der Macht, dann schreiben wir umsonst. (86)

Beim Blick auf die Auslagen in den Buchläden müssen wir den Tatsachen ins Auge sehen. Eichs Warnung hat nicht gefruchtet, das Prinzip der gelenkten Sprache hat sich durchgesetzt, wir leben in einem Land, in dem Dichtung

In Antwort auf:
ihren Platz irgendwo zwischen Plattenspieler und Eisschrank, Sexualität und Touristik hat. (78)


Quelle der Zitate: Günter Eich 1959, in: Büchner-Preis-Reden 1951-1971, Reclam, Stuttgart 1972.


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#2

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 14.07.2009 21:06
von Zypresserich • 2.872 Beiträge

Zitat von LX.C
Beim Blick auf die Auslagen in den Buchläden müssen wir den Tatsachen ins Auge sehen. Eichs Warnung hat nicht gefruchtet, das Prinzip der gelenkten Sprache hat sich durchgesetzt, wir leben in einem Land, in dem Dichtung

[quote]ihren Platz irgendwo zwischen Plattenspieler und Eisschrank, Sexualität und Touristik hat. (78)

Ist ja heute ähnlich. Deswegen fand ich die underground Anthologien des Acheron Verlages so gut. Schade, dass es die nicht mehr gibt. Das war so ein richtig schöner Gegenpol zum geschliffenen Mainstream.


https://zumabgesaegtenast.wordpress.com/...n-hat-ein-ende/
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#3

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 14.07.2009 21:15
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Das ist irgendwie auch der Fluch der Zeit. So wie sich der Mensch immer mehr zur Fläche wandelt, schön gefördert durch das Mediale, bleibt die Kunst auf der Strecke oder wird abartiger, nutzloser, kalt. Da fing einst die Dichtung in schön gemalten Worten und Beschreibungen an, war gefeiertes Epos oder beschrieb eine ganze Schlacht, wurde dann schöngeistig, düster, melancholisch oder schmierig süß, um schließlich durcheinander gewürfelt, verworfen, zertreten, zertrümmert, neu zusammengesetzt, benutzt... schändlich benutzt... zu werden. Kein Wunder, dass dann nur noch, wie auch in der Kunst, oftmals "der Leichnam" zurückbleibt.
Sollte jemand wagen, die Dichtung erneut als Rausch der Sinne zu vernehmen und zu verfassen, so würde er sofort mit dem Stempel auf der Stirn enden: Altmodisch!

Der Inhalt selbst verflüchtigt sich zugunsten des modernen Gedicht-Designs.

Und gefördert wird es nun auch nicht gerade. Da liegt tatsächlich die Hand dessen darüber, der entscheidet, und der beweist oftmals wenig Geschmack. Vielleicht ein Vorurteil.




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zuletzt bearbeitet 14.07.2009 21:30 | nach oben springen

#4

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 16.07.2009 13:44
von LX.C • 2.673 Beiträge

In Antwort auf:
Was von der Literatur unserer Tage übrig bleiben wird, kann nur Monolog sein. Weil der Monolog genau der Situation des im Dickicht abstrakter Wahrheiten verlorenen Menschen entspricht.

(Nossack 1961, in: Büchner-Preis-Reden 1951-1971, Reclam, Stuttgart 1972.)

Mittels des literarischen Monologes soll der Mensch zu seiner eigenen Wahrheit und Wirklichkeit finden. Nossack formuliert hier zwei Jahre später, 1961, auch eine Möglichkeit, der (nach Eich) "gelenkten Sprache" zu entkommen und ein Feld, auf dem sich Literatur neben den neuen Massenmedien, den Antwortenmaschinerien, behaupten könnte. Um diesen für den Leser allein verbindlichen Monolog zu ermöglichen, müsste Literatur, anders als die historische Sprache der Politik, Wirtschaft und Presse, ahistorisch faktisch sein.

Der Blick auf die durch Zeit und Wissenschaften doch sehr selektierten klassischen Werke lässt oft vergessen, dass ein Massenbuchmarkt nicht erst seit heute, sondern bereits seit dem 18.Jh besteht. Mich würde mal interessieren, ob und welche Werke der Gegenwartsliteratur, die ihren Platz abseits von "Plattenspieler und Eisschrank, Sexualität und Touristik" beanspruchen, ihr guten Gewissens empfehlen würdet.


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#5

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 16.07.2009 14:02
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

So auf die Schnelle fallen mir folgende ein:

Javier Marías - Harry Mulisch - Cees Nooteboom - Thomas Pynchon - Julio Cortazar - Miquel de Palol - Milorad Pavic - Jean-Philippe Toussaint - Michail Jelisarow - Erica Jong - Yasmina Reza - einiges von Tabucchi - Josef Winkler, Undine Gruenter...

Klar gab es schon im 18. Jahrhundert den Massenbuchmarkt, zumindest das Oberflächliche in verschnörkelter Sprache oder den Hinterhof- und Salonklatsch - doch war es immernoch etwas anderes, sich ein Buch aufschneiden zu lassen, als es bunt und als "noch ein Buch, das die Welt nicht braucht" in den übervollen Regalen zu finden. Der Markt war noch nicht pures Marketing, nicht jeder konnte ein Buch schreiben (oder lesen) und, wenn sich jemand ein Buch leistete, nahm er sich dafür Zeit (so wie die Brüder Goncourt sich dann aufregten, dass sie in ihrem Buchladen nicht mehr sitzen konnten, um ein Buch zu kaufen).




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zuletzt bearbeitet 16.07.2009 14:28 | nach oben springen

#6

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 16.07.2009 14:22
von LX.C • 2.673 Beiträge

Na, ich sollte präzisieren. Da es um einen kritischen Blick auf unsere Gesellschaft oder ausgehend von unserer Gesellschaft auf die Welt geht, beschränkt sich meine Frage auf deutsche Gegenwartsliteratur.


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#7

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 16.07.2009 14:27
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Ahh... wird schon schwieriger.
Der Verfall der Gesellschaft ist natürlich nicht nur im Deutschen Lande zu finden, der sich dann in der Literatur widerspiegelt.

Ulrich Woelk fand ich in einigen seiner Romane nicht schlecht. Würde ihn aber nicht "guten Gewissens" in diese Kategorie reihen...




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zuletzt bearbeitet 16.07.2009 15:56 | nach oben springen

#8

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 16.07.2009 21:16
von LX.C • 2.673 Beiträge

Natürlich war der Markt anders als heute. Ganz klar. Aber man spricht für das Ausgehende 18. Jh. von einer Leserevolution, die durch extensivere Lesegewohnheiten gekennzeichnet war. Dass die vorwiegend im bürgerlichen Milieu stattfand ist richtig. Aber wie wird diese Leserevolution ausgesehen haben, wenn man schon im ausgehenden 15. Jahrhundert europaweit an die 20 Millionen Exemplare verschiedenster Druckwerke ausgeht. Diese Leserevolution des ausgehenden 18. Jh. brachte auch einen Boom des "Berufsschriftstellers" mit sich. Und das waren eben nicht Autoren wie Hölderlin, Moritz, Wieland, Goethe oder Schiller, die einen hohen Anspruch hatten, aber in der damaligen öffentlichen Wahrnehmung kaum stattfanden. Sondern Autoren von Schund- und Unterhaltungsromanen, vorwiegend Rittergrotesken und so ein Zeugs, die reißend Absatz fanden, oder auf das Theater bezogen beherrschte das triviale Illusionstheater die Bühnen, Kotzebue, Iffland und andere, während Goethe und Schiller lokale Phänomene blieben und auf den Theaterspielplänen außerhalb Weimars kaum stattfanden.
Was ich damit sagen will, ist eben, dass unsere heutige Wahrnehmung der klassischen Literatur eine sehr selektierte ist, die ganz sicher nicht der damaligen Buchmarktsituation entspricht. Aber ähnlich wie dem Leser damals ergeht es uns vielleicht mit der heutigen Gegenwartsliteratur, an die sich noch nicht einmal, selektiv, die Literaturwissenschaften herantrauen. Man steckt immer noch in der klassischen Modere und streitet dort herum. Aber das ist wieder ein anderes Thema.


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#9

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 16.07.2009 23:30
von LX.C • 2.673 Beiträge

Zitat von Taxine
Ahh... wird schon schwieriger.

Ulrich Woelk

Die Titel wirken ja so "verschlafzimmert" :)
Worüber schreibt der Mann?

Also als eine kritische Stimme unserer Generation würde mir auf jeden Fall immer Juli Zeh einfallen.

Von Kehlmann las ich kürzlich "Ruhm" und fand darin das wechselnde Rollenverhalten, das wir in der pluralisierten Gesellschaft an den Tag legen müssen, sehr gut eingefangen; würde es aber auch nicht ruhigen Gewissens benennen, dafür erscheint es mir zu schnell niedergeschrieben. Es wirkt zumindest so. Anders als z.B. Bölls "Ende einer Dienstfahrt", das ich gerade lese, da scheint alles sehr mit Bedacht.


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#10

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 16.07.2009 23:37
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Woelk ist auch Physiker, was in seine Romane einfließt ( z. B. in "Freigang" und "Die Einsamkeit des Astronomen"). Jetzt mal von "Schrödingers Schlafzimmer" abgesehen, lässt sich "Rückspiel" gut lesen, befasst sich mit dem Konflikt zwischen den Generationen, der Auflösung der DDR und dem Mauerfall.
Woelk fängt diese ganze Atmospäre Ost/West-Konflikt kurz vor der Mauereröffnung, die Verwunderung über diese erbaute Gefangenschaft schön ein, ohne darüber zu urteilen. Er beschreibt lediglich.

… denke ich, zumal ich selbst Schlangestehen nur mit Mühe ertrage, nicht weil ich es prinzipiell eilig hätte, sondern weil es einem klarmacht, dass man sich nicht anders verhält als alle.
(Aus "Rückspiel")




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zuletzt bearbeitet 01.08.2009 18:07 | nach oben springen

#11

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 16.07.2009 23:43
von LX.C • 2.673 Beiträge

In Antwort auf:
Woelk fängt diese ganze Atmospäre Ost/West-Konflikt, kurz vor der Mauereröffnung, die Verwunderung über diese erbaute Gefangenschaft schön ein, ohne darüber zu urteilen. Er beschreibt lediglich.


Hört sich schon mal nach Literatur im Sinne Nossacks an.


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#12

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 16.07.2009 23:43
von ascolto • 1.289 Beiträge

Juli Zeh... mir ist die Dame nur im "philosophischen Quartett" begegnegt, wo sie sich aus meinem Betrachtungswinkel sehr unangenehm Verhalten, also der Disziplin des Gesprächs nicht folgen konnte und mit ihrem philosophischen Ansatz der Individualität, sowie der Gemeinschaftsaufgabe eine sogennante"Bruchlandung" hinnehmen durfte. Es wurde von ihr ein Buchinhalt vorgestellt, der Titel ist mir entfallen, in dem es um eine sterile medizinische Krankenkassenwelt, also um ein "keimfreies" Verhalten geht. Hat das jemand aus der Runde gelesen und wie ist ihr Sprachstil???


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#13

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 16.07.2009 23:49
von LX.C • 2.673 Beiträge

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#14

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 16.07.2009 23:53
von ascolto • 1.289 Beiträge

Ja...herzlichen Dank!


zuletzt bearbeitet 17.07.2009 00:19 | nach oben springen

#15

RE: Zwischen Plattenspieler und Eisschrank

in An der Literatur orientierte Gedanken 17.07.2009 11:58
von LX.C • 2.673 Beiträge

Noch eine Grass-Meinung:

In Antwort auf:
O, schöne Fiktion des freien, beziehungsweise vogelfreien, des unabhängigen, beziehungsweise von Unabhängigkeit abhängigen Schriftstellers, beziehungsweise Dichters! Wer hat ihm das rührende Samtjäckchen des freien und unabhängigen Berufsstandes angemessen? Und wie viele Dichter sah ich, so äffisch gekleidet, ihre Freiheit und Unabhängigkeit gleich Schoßhunden spazieren führen? Wie selbstherrlich verstanden sie es, sich am eigenen, selbstgeflochtenen Zopf aus dem Sumpf, das heißt aus der Realität, die immer geneigt ist, unfrei und abhängig zu machen, herauszuziehen?

(Grass 1964, in: Büchner-Preis-Reden 1951-1971, Reclam, Stuttgart 1972.)

Dieses Zitat wäre meiner Meinung nach allerdings mit Vorsicht zu genießen, da Grass eine klare Positionierung zugunsten sozialdemokratischer Interessen fordert. Damit widerspricht er den Überlegungen Eichs und Nossacks, da er sich von der Politik vereinnahmen lässt.
Der Aspekt, dass der Schriftsteller und Dichter mit seiner Freiheit nicht umgehen kann und bequem wird, ist trotzdem interessant.
Dabei fällt mir eine Textstelle von Rio Reiser ein, die so wunderbar viel über die Freiheit aussagt: "Ich möchte frei sein, aber wohin soll ich gehn?"


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