Literaturnobelpreis
Charakterbildnisse...
"Im täglichen Leben, auch allein, stelle ich mich, wenn auch nur mir, selber dar; und das will ich gar nicht abstellen: es käme vielmehr darauf an, in dieser Selbstdarstellung nichts von sich wegzulassen: jede Untat, die man einmal begangen hat, gehörte, vielleicht nur als kurzes Stutzen, zur Selbstdarstellung, worauf man jedoch aufgeklärter weiterspielte oder vielleicht überhaupt erst einmal aufhörte zu spielen; durch das Einbeziehen der eigenen Untaten in sein Selbstbild ist auch nichts an den anderen einem mehr fremd (die Untaten, das Versagen werden nicht, wie üblich, überspielt, sondern bilden gleichsam den Verfremdungs- und Erkennungseffekt im täglichen, lebensnotwendigen Selbstdarstellungsspiel – die ideale Haltung eines Schriftstellers)"
(Peter Handke "Das Gewicht der Welt, ein Journal")
Es ist immer schön, wenn es den Richtigen trifft. László Krasznahorkai hat den Literaturnobelpreis 2025 gewonnen. Mein erstes Buch von ihm war "Melancholie des Widerstands".
Die Leute wundern sich bzw. sind überrascht, warum Krasznahorkai den Literaturnobelpreis gewonnen hat. Es ist, wie gewohnt, eine politische Entscheidung, siehe engl. Wikipedia:
"Krasznahorkai verurteilte die Politik der ungarischen Regierung gegenüber der russischen Invasion in der Ukraine scharf. Ministerpräsident Viktor Orbáns Darstellung des Konflikts als „innerslawische Angelegenheit“ bezeichnete er angesichts der früheren russischen Invasionen Ungarns als moralisch nicht vertretbar und historisch inkohärent. Krasznahorkai argumentierte, Neutralität angesichts einer Aggression käme einer Komplizenschaft gleich und verglich die Argumentation der Orbán-Regierung mit einer Form psychologischer Verleugnung. Er bezeichnete das Regime als „psychiatrischen Fall“, motiviert von einer fatalistischen und selbstzerstörerischen Logik, die, in seinen Worten, den Tod des eigenen Kindes in Kauf nehme, um die eigene Mutter zu schonen, nur um den Tod beider zu bewirken."
Es war 1956 übrigens kein Aufstand gegen die "russischen Invasionen", sondern ein Aufstand gegen die sowjetische Besatzungsmacht und kommunistische Partei. Dass fast nie eine Unterscheidung zwischen Russland und der Sowjetunion gemacht wird, führt zu den heutigen Missverständnissen und der Möglichkeit einer ins Extrem getriebenen Aufrüstung und Hetze gegen all diejenigen, die diese Entwicklung ablehnen. Hierfür wäre vielleicht auch die tiefere Beschäftigung sinnvoll, was die Sowjetunion war und wer tatsächlich in den höheren politischen Führungspositionen saß.
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