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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#1

Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 25.12.2009 11:53
von LX.C • 2.673 Beiträge

Don Quijote von der Mancha, Band I 1604/1605, Band II 1614/15.

"er versenkte sich so tief in die Bücher, dass er über ihnen die Nächte vom letzten bis zum ersten Licht und die Tage vom ersten bis zum letzten Dämmer verlas, und der knappe Schlaf und das reichliche Lesen trockneten ihm das Gehirn ein, so dass er den Verstand verlor."

(Cervantes: Don Quijote von der Mancha, Hanser, München 2008, S. 31)

Hoffen wir, dass es uns nicht ähnlich ergehen möge.


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zuletzt bearbeitet 26.12.2009 12:45 | nach oben springen

#2

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 27.12.2009 11:47
von LX.C • 2.673 Beiträge

Erster Teil, Kapitel I bis VIII

Der Erzähler unterrichtet uns zunächst über die Lebensverhältnisse des Don Quijotes und dessen Leidenschaft, das Lesen von Ritterromanen. Über ihnen verliert Quijana, wie sein wirklicher Name lauten soll, den Verstand.
Er rüstet sich mit der Ritterrüstung seiner Vorfahren und reitet aus zu den ersten Abenteuern. Von einem Wirt, den er für einen Burgherren und Kastellan hält und dessen Schenke er gehörig in Unordnung bringt, lässt er sich zum fahrenden Ritter schlagen und kehrt schließlich nach einigen ersten Schlachten gebeutelt, verbeult und wehrlos auf dem Rücken des Nachbarn Esel zurück. Als er eintrifft halten Angehörige und Freunde bereits Rat über den verrückt gewordenen Quijana.

Interessant ist die Diskussion, die zwischen Hauswirtschaftlerin, Nichte, Pfarrer und Barbier um das Medium Buch, speziell die Gattung Roman, entsteht. Vergleichbar mit Auseinandersetzungen, die heute über Film, Fernsehen oder Computerspiele geführt werden, wirft man dem Roman negative Wirkungen wie Eskapismus, den Rückzug in Parallelwelten, in ein eigenbrötlerisches Leben vor, Vernachlässigung und Stück für Stück Aufgabe des Alltagslebens, Realitätsverlust sowie Gewalt und Aggression zu verherrlichen, gar zu schüren.

„‚Drei Tage ist er schon fort, und mit ihm Pferd, Schild, Lanze und Rüstung! Ach, ich Unglückswurm, ich könnte beschwören – so wahr, wie ich geboren wurde, um zu sterben, - seine verfluchten Ritterbücher, die er so eifrig liest, haben ihm den Verstand verdreht.’“ (Cervantes: Don Quijote von der Mancha, Band I, Hanser, München 2008, S. 59)

Ein Debatte über die negativen Auswirkungen von Medien, die uns heute ganz bekannt in den Ohren klingelt, ein Diskurs der Medienwirkungsforschung, einer, der nach jedem neuen Amoklauf auch in der Öffentlichkeit wieder verstärkt in den Vordergrund gerückt wird. Auch unser Don Quijote wird jedes Mal wenn er unschuldige Menschen angreift, die ihm rein zufällig begegnen, zum Amokläufer. Seit Aufkommen der Unterhaltungsliteratur, im deutschsprachigen Raum verstärkt mit dem Boom der Literatur seit dem 18. Jahrhundert, werden solche Vorwürfe gegen den Roman erhoben. Später gingen diese auf neue Medien wie Radio, Fernsehen, Computer über, mit denen das Buch seine Vormachtstellung eingebüßt hatte. Das Rad dreht sich also auch in der Medienwelt seit Jahrhunderten immer wieder um die gleichen Themen.
Hauswirtschaftlerin, Nichte, Barbier und Pfarrer wissen sich keinen anderen Rat, als das Mittel der Bücherverbrennung.

„‚Ganz genau’, sagte der Pfarrer, ‚und mein Wort, noch bevor der morgige Tag vorüber ist, soll ihnen der Prozess gemacht werden, und dann auf den Scheiterhaufen mit ihnen.’“ (Cervantes: Don Quijote von der Mancha, Band I, Hanser, München 2008, S. 60)

Kulturschändung als Mittel, die homogene Gemeinschaft aufrechtzuerhalten. Alles muss vernichtet werden, was dieser diametral und somit schädlich scheint. Ein barbarischer Akt, den wir heute zunächst immer mit dem 10. Mai 1933 in Verbindung bringen. Diese symbolische Gebärde, die Stärke und Macht demonstrieren soll, der im Eigentlichen aber Angst vor dem Unbekannten und unbekannt machtvollen inhärent ist, die Haushälterin denkt gar, dass den Büchern böse Zauberfiguren entspringen, worüber selbst der Pfarrer lachen muss, soll auch in unserem Fall der Machterhaltung oder Kontrolle über Don Quijotes Verhalten dienen, also die bestehende Ordnung aufrechterhalten.
Cervantes hat sich dies nicht aus den Fingern gesogen, die Geschichte der Bücherverbrennungen ist eine weit zurückreichende und immer wiederkehrende. In Madrid verbrannte man 1364, also noch vor Erfindung des Buchdrucks, jesuitenkritische Schriften, um bei einem Beispiel aus Spanien zu bleiben. Auch in ihren rituellen Bestandteilen scheinen sie sich zu gleichen. Das Kapitel VI widmet sich allein der „gründlichen Prüfung, welcher der Pfarrer und der Barbier die Bibliothek unseres geistvollen Hidalgos unterzogen“.
Werk für Werk wird mit Autor und Titel verlesen, die gründliche Prüfung muss der geglaubten Kenntnis über das Werk weichen, Urteil oder Begnadigung folgen. Auch wertvolle Bücher finden sich aus der Sicht des Pfarrers, der sich durchaus als Literaturliebhaber zu erkennen gibt, bei unserem Autor Cervantes, der ganz selbstreferenziell auf dieser Liste auftaucht, ist man sich jedoch noch nicht ganz sicher. Am Ende aber muss auch der Gerechte (E-Literatur) für den Sünder (U-Literatur) büßen und allesamt werden sie dem Feuer übergeben.
Cervantes übt hier einerseits auf burleske Weise Kritik an der schändlichen Praxis der Bücherverbrennung. Nicht umsonst steht unser Pfarrer als Vertreter der Kirche im Mittelpunkt dieses Treibens, die immer wieder als Schirmherr dieses Rituals auftrat, wenn’s um die Aufrechterhaltung ihrer weltlichen Macht ging. Andererseits versucht Cervantes eine art Kulturelles Gedächtnis zu erzeugen und einen Kanon aufzustellen. Wir erfahren über die gängigen Ritterromane und Dichtungen, die zur damaligen Zeit vermutlich verschlungen wurden, und auch, wie trivial bis unsinnig viele dieser Romane gewesen sein müssen. Hierin wäre auch ein Motiv zu finden, das Cervantes zu „Don Quijote von der Mancha“ bewog. Doch zurück zu diesem.

Wie man durch jegliche Bücherverbrennungen den Lauf der Geschichte nicht aufhalten konnte, so kann man auch unseren Don Quijote nicht aufhalten. Er bricht unbeirrt, inzwischen zu seinem durchaus realistischen Gegenpart Sancho Panza gekommen, wieder auf zu neuen Abenteuern, was uns gegen Ende des ersten Teils noch die berühmte Windmühlenszene beschert.


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#3

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 27.12.2009 15:45
von Martinus • 3.194 Beiträge

Danke, LX.C, für die einführenden Worte (und schon bei den verderblichen Medien) Ich habe Weihnachten herumgekränkelt und konnte noch nicht mit der Lektüre beginnen; ab morgen werde ich aber einsteigen können.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#4

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 28.12.2009 09:16
von LX.C • 2.673 Beiträge

Ich plane eh auf längere Zeit. Gute Besserung!


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#5

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 28.12.2009 22:24
von LX.C • 2.673 Beiträge

Der Erzähler

Weit ist der Weg, auf den man sich begibt, wenn man „Don Quijote von der Mancha“ folgen will. Gut 1500 Seiten. Verschaffen wir uns also einen ersten Eindruck von der Instanz, die zwischen uns und der Geschichte vermittelt, dem Erzähler. Mit ihm müssen wir schließlich gut auskommen, wollen wir diesen Weg erfolgreich und gewinnbringend beschreiten.
Was zunächst interessiert ist natürlich die erzählte Welt unseres Don Quijotes. Der Erzähler lässt sich (bis zum Ende des Zweiten Teils - Stand meiner Lektüre) außerhalb der Rahmenerzählung verorten. Er gehört nicht zum Figurenensemble, bedient sich der Er-Form und wird vermutlich unserem fahrenden Ritter nie über den Weg laufen. Da dieser, wie wir inzwischen erfahren haben, ziemlich unberechenbar ist, kann man den Erzähler dazu nur beglückwünschen.
Auffällig ist, dass er häufig versichert, eine wahre Geschichte zu erzählen. Er will uns davon überzeugen, ein zuverlässiger Erzähler zu sein. Das gelingt ihm auch dadurch ganz gut, da er die Geschehnisse in chronologischer Abfolge präsentiert und immer wieder betont, nichts vorenthalten zu wollen. Nicht selten klärt er über die Quelle seines Sujets auf, mal ganz nebenbei, mal ausführlicher. Auch das soll ihn glaubhaft erscheinen lassen.
Zu Beginn des Zweiten Teils beispielsweise macht der Erzähler eine Pause, das Geschehen lässt er kurzzeitig ruhen, um uns mitzuteilen, unter welchen Umständen er an Material gelangt ist, um uns lückenlose Aufklärung über den Fortgang der Geschichte unseres Antihelden verschaffen zu können. In einem Rückblick außerhalb der Histoire Don Quijotes, einer externen Analepse, wird er damit selbst zur handelnden Figur. Er berichtet, er habe das Dorf unseres fahrenden Ritters aufgesucht, in dem er noch Menschen vermuten würde, die über Don Quijote berichten könnten.
Ob er diese gefunden hat und uns noch vorenthält oder später vielleicht finden wird, wissen wir noch nicht. Das Material, das ihm zufällig in die Hände gefallen ist und der passende Übersetzer dazu haben ihn vorerst zufrieden gestellt und dazu gebracht, die Diegese fortzuführen.
Interessant ist aber, dass sich der Abstand zwischen Handlung und Präsentation der Handlung durch den Erzähler mit der Vermutung Zeitzeugen oder Nachfahren dieser Zeitzeugen zu finden als relativ zeitnah bestimmen lässt. Dass er auf den gealterten Quijana treffen könnte, lässt sich also doch noch nicht so ganz ausschließen, das würde erzähltechnisch wieder einiges auf den Kopf stellen.
Eine ähnlich clever inszenierte Erzählinstanz findet sich beispielsweise in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“. Meine Ausgabe ist nachträglich mit dem Untertitel ergänzt: Erzähltextanalyse. Dokument einer Krise! Das könnte ein Indiz dafür sein, warum die Betrachtung über unseren Erzähler an dieser Stelle ihr vorläufiges Ende nimmt.


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zuletzt bearbeitet 28.12.2009 23:22 | nach oben springen

#6

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 01.01.2010 17:02
von Martinus • 3.194 Beiträge

Seltsam dieser Don Quixote, der die Fantasien, die er in Ritterromanen findet, in sein reales Leben transportiert. Doch was ist real. Don Quixote erscheint seiner Umgebung verrückt, weil er abseitig realer Wahrnehmung existiert. Der Ritter, der meint mit Riesen zu kämpfen, stattdessen seine Lanze in Windmühlenflügel fahren lässt, fühlt sich überhaupt nicht verrückt, würde auch gar nicht verstehen, warum man seine Büchersammlung verbrennt. Erhaltenswert scheint kaum ein Buch zu sein. Die Devise: Möglichtst alles verteufeln, vernichten, ist Quixote doch wegen seiner Bücher verrückt geworden. Bemerkenswert ist doch, dass nach der Vernichtung der Ritterromane, die Vernichtung der Poesie kommt, die, so denke man doch, einen höheren literarischen Werte habe. Die Begründung der Nichte ist verheerend: Habe man den Oheim von seiner Rittersucht geheilt, könne er der Poesie verfallen und Schäfer werden wollen. Auf das eine folgt das andere. Fängt man einmal an, Bücher auzusondern und zu verbrennen, verbrennt man irgendwann alle Bücher.

Außerdem scheint Cervantes` Kritik an die Kirche durchzuschimmern, wenn sich der Pfarrer sehr schludernd und unbedacht verhält.

Zitat von Cervantes
"Bei diesen ist nichts weiter zu beachten", sagte der Pfarrer, "als das man sie der weltlichen Arme der Haushälterin überliefere, und zwar ohne mich zu fragen, warum, weil wir sonst niemals fertig würden."



Der Pfarrer gibt seine aufgesetzte Kompetenz an eine Haushälterin ab. Das ist schon ein Hammer. Hier knallt die Dummheit eines Pfarrers durch, und Cervantes meint damit etl. die ganze Kirche.

Nocheinmal zu Don Quixotes Wahn: Durch seine Realitätsverkennung bringt er beihnahe Menschen in Gefahr. Den Schwertkampf mit dem Biskayer am ende des achten Kapitels lässt der Erzähler sogar abbrechen. Es ist noch nicht abzusehen, wohin das alles noch hinführen möge und ob Sancho Pansa seinen Scheinritter behilflich werden könnte.

Die Dirnen der Schenke übersetzt Tieck mit liederlichen Mädchen. Würde mich mal interessieren, wie das bei Lange heißt.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#7

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 01.01.2010 17:20
von LX.C • 2.673 Beiträge

Zitat von Martinus
Die Dirnen der Schenke übersetzt Tieck mit liederlichen Mädchen. Würde mich mal interessieren, wie das bei Lange heißt.



Meinst du im zweiten Kapital? Als er die Schenke in den Abenstunden erreicht?

"Zufällig standen vor der Tür zwei lustige Mädchen von denen, die man Lustmädchen nennt, die nach Sevilla unterwegs waren, im Tross von ein paar Viehtreibern" (Cervantes: Don Quijote von der Mancha, Band I, Hanser, München 2008, S. 37)


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#8

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 01.01.2010 17:50
von Martinus • 3.194 Beiträge

Ja, das ist die Stelle. Ich habe mir gleich gedacht, das Tieck hier mit liederlich bewertet.




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#9

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 01.01.2010 18:13
von LX.C • 2.673 Beiträge

Wie lautet diese Stelle bei dir genau?


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#10

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 01.01.2010 18:46
von Martinus • 3.194 Beiträge

es gibt zwei Stellen

Zitat
Unter der Tür standen von ungefährt zwei Mädchen, von denen, die man die gutwilligen nennt, die mit einigen Maultiertreibern, welche in dieser Schenke ihr Nachtlager hielten, nach Sevilla gingen.



Zitat
Da er aber sah, daß er zögerte, Rosinante auch begierig war, sich dem Stalle zu nahen, so nahte er sich der Tür der Schenke und sah dort die beiden liederlichen Mädchen stehen, die ihm zwei schöne Fräulein oder zwei anmutige Damen schienen, sich vor dem Tore des Schlosses in der Frische ergingen.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#11

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 01.01.2010 19:40
von LX.C • 2.673 Beiträge

Guck an. Na dann guck hier

"Da sie sich aber Zeit damit ließen und Rocinante Richtung Stall drängte, machte er sich zum Tor der Schenke auf und sah die zwei freimütigen Mädchen, die ihm als liebliche Burgfräulein erschienen oder als bestrickende Bräute, die sich dort verlustierten." (Cervantes: Don Quijote von der Mancha, Band I, Hanser, München 2008, S. 38)

Mädchen, die man gutwillig nennt, das ist aber auch gut

Sprache lebt


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#12

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 02.01.2010 18:52
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Hallo ihr Beiden.

Da habt ihr ja schon schön vorgelegt. Mit Braunfels Übersetzung bin ich sehr zufrieden. Liest sich wunderbar. Bei mir lauten die Sätze übrigens so:

Zitat von Cervantes
Hier standen von ungefähr an der Tür zwei junge Frauenzimmer, aus der Zahl jener, welche man Die von der leichten Zunft benennt; sie waren auf der Reise nach Sevilla mit Maultiertreibern, die zufällig diese Nacht in der Schenke Rast hielten.



Und der andere:

Zitat von Cervantes
Da er aber sah, dass man zögerte, und Rosinante nach dem Stall Eile hatte, ritt er vor die Tür der Schenke und erblickte die beiden liederlichen Dirnen, die dort standen und die ihm als zwei schöne Fräulein oder anmutvolle Edelfrauen erschienen, die vor der Burgpforte sich erlusten mochten.



Interessant die verschiedenen Wortbildungen. Auch an dieser Stelle finde ich einen groben Unterschied:

Zitat von LX.C zitiert aus Don Quijote
„‚Drei Tage ist er schon fort, und mit ihm Pferd, Schild, Lanze und Rüstung! Ach, ich Unglückswurm, ich könnte beschwören – so wahr, wie ich geboren wurde, um zu sterben, - seine verfluchten Ritterbücher, die er so eifrig liest, haben ihm den Verstand verdreht.’“ (Cervantes: Don Quijote von der Mancha, Band I, Hanser, München 2008, S. 59)


... denn bei mir sind es statt drei sechs Tage, und zwar:

Zitat von Cervantes
Sechs Tage ist's her, dass weder er noch der Gaul, weder die Tartsche noch der Speer noch die Rüstung zu sehen sind. Ich Unglückselige! Ich denke mir, und so sicher ist's die Wahrheit, als ich geboren bin, um zu sterben, dass diese verwünschten Ritterbücher, die er hat und so regelmäßig zu lesen pflegt, ihm den Verstand verdreht haben...



Dann schnell zu meinen ersten Gedanken, damit ich euch weiter einholen kann :
Die Haushälterin, in ihrer "totalitären" Ablehnung aller Romane, die bei Don Quijote im Zimmer stehen, verkörpert den naiven Menschen, der Literatur schlechthin ablehnt, weil er keinen Zugang zu ihr hat (weder im Geist noch in der Zeit), und sich aus eigener Sicht der Gefahren bewusst wird, die Romane auf den Menschen ausüben. Sie, eben selbst kaum in der Muße, die Romane zu lesen, die sie da mit Vergnügen aus dem Fenster wirft, vergleicht mit den Umständen der Wirklichkeit und dem Verhalten ihres Herrn. Eine Welt, die sie nicht kennt, muss sie darum ablehnen, gerade wo sich die Farben der Fantasie auf ihren Herrn zu übertragen scheinen, der sich dadurch in Gefahr bringt. Die Romane haben ja nun tatsächlich den Verstand des Junkers verdreht, wenn auch nicht in negativer Weise, wie angeblich heutzutage Horrorfilme und Killerspiele Einfluss auf junge Menschen haben sollen.
Ritterromane nahmen wohl damals den Platz heutiger, eher seichter Romane ein, auch der Pfarrer lobt das eine oder andere Buch. Die Kunstgattung muss bedacht werden, und da wohl das Lesen von Romanen zu dieser Zeit allgemein eher als Zeitvertreib, nicht als Bildung galt, lässt sich auch die Einstellung von Pfarrer, Barbier und Haushälterin als verschieden gebildete Menschen gut unterscheiden.
Durch die Stimme des Pfarrers spricht im Geschmack eindeutig Cervantes selbst, (natürlich neben der kirchlichen Präsenz, die er auch kritisiert, schön in den Augen des Barbiers beschrieben – (56) Dieses Urteil bestätigte der Barbier und erachtete es für recht und durchaus sachgemäß; denn ihm war wohl bewusst, dass der Pfarrer ein so guter Christ uns so großer Freund der Wahrheit war, dass er um aller irdischen Dinge willen nie etwas als eben die Wahrheit gesagt hätte. – die Autorität wird grundsätzlich nicht angezweifelt), der sich, wie bereits im Vorwort als Erzähler, darüber ergeht, was Literatur ist und was nicht. Der eine schreibt ihm zu dreist, der andere hat einen zu hölzernen Stil. Geschätzt wird wohl die realistische Darstellung, während das Abschweifen in Fantasie und Kampf gegen Ungeheuer und Riesen im Auge des Gebildeten eher verpönt ist, verschwendete Lese-Zeit.
Für Cervantes scheinen aber auch noch andere Hintergründe zu gelten.
Gerade im Vorwort verweist er ja auf die Unnötigkeit, sich mit fremden Federn zu schmücken, auf den damalig häufig genutzten Stil, so viel Wissen und Bildung wie nur möglich in die Romane zu fassen, deutet ironisch auf all die Zitate hin, die benannt werden und damit das eigene Buch füllen und Bewunderung und Achtung bei den Lesern hervorriefen, während es doch eigentlich keine Kunst ist, Zitate zu verwenden, wo der Satz auch selbst formuliert hätte werden können oder die eigene Ansicht vertreten gehört. All das zeigte eben lediglich die Belesenheit des Schriftstellers.
Der Verfasser entschuldigt sich beim Leser, dass sein Roman wahr und einfach ist, nicht auftrumpfen will, sondern nur eine Geschichte erzählt. Er nennt sich selbst den Stiefvater von Don Quijote, nicht den Vater, vielleicht, weil Cervantes in die Rolle des Erzählers schlüpft, wo dieser dann vom Vater (Schöpfer der Figur) zum Stiefvater (Berichter über das Leben der Figur) gerät. Cervantes schreibt also nicht im Sinne seiner Zeit, sondern mit dem Wissen, dass seine Geschichte bei der Leserschaft vielleicht keinen so großen Anklang findet, was sich dann ja zum Glück nicht bewahrheitet hat.
Auffallend sind die zahlreichen Verwechslungen von Cervantes (oder dem Erzähler), der als Beispiel zitiert und dann den dazu falschen Verfasser benennt. Vielleicht, so habe ich überlegt, handelt es sich nicht um ein schlechtes Gedächtnis, sondern um das ironische Deuten darauf, wie tief Sätze eben in ihrer Wirkung bestehen bleiben, weil sie häufig verwendet und wiederholt wurden, während der Verfasser, durch eben diese häufige Verwendung, dahinter dann keine Rolle mehr spielt, austauschbar ist.
Die Ritterromane sind in ihrer Art nun das Gegenteil, die übertrieben erzählte Geschichte, die sich auf Saga und Mythos beruft und keinerlei Wirklichkeit zulässt, ein Massenmedium, das darum auch nicht umsonst so häufig gelesen wird, weil es nicht das Denken fördert, sondern nur die Vorstellungskraft. Hier, wo der Erzähler eben auf seine wahre Geschichte verweist, schwimmt er zwischen beiden Richtungen der Literatur, der gebildete Roman wird dem Fantasieroman gegenübergestellt, vielleicht auch um zu verdeutlichen, wo er seinen eigenen Roman einzureihen hofft.
Im Übergang zu den Dichtwerken zerteilt sich der Pfarrer in Cervantes (Geschmack) und Kirchvertreter (Einstellung), der auf Cervantes selbst verweist und ihm (und sich selbst) einen neutralen Platz einräumt. Der Pfarrer wird der Betrachtung von Büchern müde und befiehlt die Verbrennung, um dann selbst belehrt zu werden, weil darunter ein weiteres Buch ist, das er schätzt. Für mich ein Zeichen dafür, wie häufig Buch ist gleich Buch verbrannt wurde, weil es nicht um den literarischen Wert ging, sondern um den Skandal oder die Gefahr zu offen gesagter Wahrheiten, die gefürchtet wurden, was nur zu oft die Kunst gekostet hat.
Wenn ich mir dieses Feuer im Hof vorstelle, (auch mit dem Hintergedanken an das von dir Erwähnte, LX.C), die wertvoll eingeschlagenen Bücher, die dort in den Flammen zucken, so ist diese Szene auch für mich tragisch. Ich bringe es nicht einmal fertig, ein Buch einfach wegzuschmeißen, insofern es mich überhaupt nicht interessiert oder einfach nur schlecht ist, denn irgendwie finde ich, ein Buch wegzuschmeißen, ist eine Art Aberkennung der Mühe dessen, der es geschrieben hat. Lieber lege ich die Bücher dann irgendwo aus, wo sie jemand mitnehmen kann. In den Müll oder ins Feuer gehören sie jedenfalls nicht.

Der Einfluss der Literatur:
Betrachtet man den Junker Don Quijote, selbsternannter Ritter, so bleibt die Gefahr erst einmal nur in den Augen derer bestehen, die näheren Umgang mit ihm pflegen, sich einerseits sorgen und andererseits kein Verständnis für diese Fantasiewelt aufbringen. Letztendlich stellt Don Quijote keine Gefahr dar, außer vielleicht für sich selbst und den einen oder anderen, den er durch seine Auffassung von Ritterlichkeit in die Klemme bringt, was nicht eigentlich an dem gutherzigen Junker, sondern an der Schlechtigkeit so manchen Charakters liegt (siehe der Bauer, der seinen Gehilfen auspeitscht, für den ein Ehrenwort nichts gilt.) Ein naiver Glaube an die Ritterlichkeit und Gerechtigkeit sitzt im Wesen Don Quijotes, der selbst Wert auf Ehre und Kampf für das Gute und natürlich die Liebe legt. Soweit ist der Verstand nicht unbedingt ins Wahnsinnige verrückt, sondern lediglich ins Verblendete. Er erschafft sich seine eigene Welt, nicht weil ihm die Welt so schlecht vorkommt, sondern weil ihm die Romanwelt der Ritter einfach schöner und besser erscheint. Diese versucht er auf seine Weise in die Wirklichkeit zu projizieren und darin gerade im eigenen Verhalten umzusetzen. (Die Romane hatten also einen eher guten Einfluss auf ihn, sieht man davon ab, dass er dahinter die Wirklichkeit aus dem Auge verliert.) Es ist also nicht so sehr eine Flucht, sondern der Versuch, der Welt etwas wiederzugeben, das er in ihr verloren glaubt, auch wenn er voraussetzt, dass mit seinem Versuch der Ritterlichkeit, die Welt nun ihr eigenes Ritterbild trägt. Die Unmöglichkeit seines Vorhabens macht notwendig, dass er seinen Ritt auf alles ausdehnt, was ihm begegnet.

Liebe Grüße
Taxine

P.S. Der Wechsel der Erzähler wird wohl als Parodie auf die Ritterromane gemeint sein, die oftmals von mehreren Verfassern geschrieben wurden.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 02.01.2010 21:05 | nach oben springen

#13

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 03.01.2010 01:48
von LX.C • 2.673 Beiträge

Zitat von Taxine
Die Romane haben ja nun tatsächlich den Verstand des Junkers verdreht, wenn auch nicht in negativer Weise, wie angeblich heutzutage Horrorfilme und Killerspiele Einfluss auf junge Menschen haben sollen.
[...]
Letztendlich stellt Don Quijote keine Gefahr dar, außer vielleicht für sich selbst und den einen oder anderen, den er durch seine Auffassung von Ritterlichkeit in die Klemme bringt, was nicht eigentlich an dem gutherzigen Junker, sondern an der Schlechtigkeit so manchen Charakters liegt
[...]
Die Romane hatten also einen eher guten Einfluss auf ihn



Na, das sehe ich ein bisschen anders. Bis auf die Szene mit dem Bauern und seinem Knecht (dem Jungen, den der Bauer verprügelt) und später, im Zweiten Teil zum Schutze der Marcela, bringt Don Quijote nicht nur sich und seinen Gefährten, sondern wahllos Menschen in Gefahr oder deren Hab und Gut. Beispiele: Die Szene vor dem Bauernjungen, als er die Viehtreiber daran hindert, Wasser für ihr Vieh zu holen und diese im Hof der Schenke lebensgefährlich! niederschlägt. Oder die Szene nach dem Bauernjungen, als er die Gruppe Handelsreisende provoziert und angreift. Die Mönche, die zwei Damen auf ihrer Reise begleiten und den dazugehörigen Basken, den Don Quijote ausnahmsweise mal siegreich schlägt. Sie hält er für Entführer. Ach, es gibt so viele Beispiele und sicher werden sie nicht weniger. Im Dritten Teil beispielsweise phantasiert er, zwischen zwei Fronten einer Schlacht zu stehen, dabei sind es zwei Schafsherden, von denen er sechs Stück einfach absticht. Ist es den Viehtreibern da zu verdenken, wenn sie ihr Eigentum verteidigen? Als guten Einfluss will Cervantes die Ritterromane vermutlich auch nicht verstanden wissen, nicht umsonst schreibt er eine Parodie.


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#14

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 03.01.2010 13:32
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Allerdings. Über die ersten Seiten hat man noch das Gefühl der Harmlosigkeit, dann aber wird es immer gefährlicher.
Wo Don Quijote z. B. von seinem Wunderbalsam erzählt, den Sancho Pansa ihm nur, falls sein Körper, was im Kampf oft geschehe, auseinander gespalten sein würde, auf eine der beiden Körperhälften zu salben braucht, wird schon deutlicher, dass dieser Junker irreal und kaum noch zu kontrollieren ist.

Auch wenn er in Gedanken von den Idealen träumt, vom Goldenen Zeitalter schwärmt:

Zitat von Cervantes
Damals schmückten sich die Liebesworte des Herzens mit derselben Einfachheit und Unschuld, wie das Herz sie gedacht, ohne nach künstlichen Wendungen und Redensarten zu suchen, um ihnen einen vornehmen Anstrich zu geben.



... so wird doch sichtbar, dass er einerseits die Ehren der Ritter preist, andererseits aber immer häufiger wirkliche Menschen angreift, in einer eingebildeten Gerechtigkeit, die natürlich, weil nicht tatsächlich, dann den guten Kern der Handlung verliert, stattdessen alle in Gefahr bringt, bishin zu wirklich bösen Verletzungen.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 03.01.2010 13:33 | nach oben springen

#15

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 03.01.2010 14:05
von LX.C • 2.673 Beiträge

Ja, da stellt sich die zentrale Frage, was edle Vorsätze überhaupt wert sind, wenn sie nicht dem gesellschaftlichen Kodex entsprechen. Sie verkehren sich ins Gegenteil, ins Unrecht. These und Antithese werden sehr schön in Kapitel 19, nach einem weiteren "Amoklauf" gegen einen kirchlichen Trauerzug in den Mittelpunkt gerückt:

"'Doch Euer Hochwürden sollen wissen, dass ich ein Ritter aus der Mancha bin, mit Namen Don Quijote, und es ist mein Amt und mein Beruf, durch die Welt zu ziehen, Unheil zu heilen und Unrecht zu rächen.' 'Von Unheil kann wohl kaum die Rede sein', sagte der Bakkalaureus, 'denn mich habt Ihr heillos krumm geschlagen und mir ein Bein gebrochen, das mein Lebtag nicht mehr heilen wird; und das Unrecht, das Ihr für mich gerächt habt, hat sich dergestalt an mir gerächt, dass nichts Rechtes mehr aus mir werden wird.'" (Cervantes: Don Quijote von der Mancha, Band I, Hanser, München 2008, S. 176)


Was unsere Vergleichzitate angeht, schießt dein Braunfels mit seinen "liederlichen Dirnen" ja den größten Vogel ab.


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zuletzt bearbeitet 03.01.2010 14:14 | nach oben springen


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