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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#16

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 03.01.2010 16:34
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Zitat von LX.C
Ja, da stellt sich die zentrale Frage, was edle Vorsätze überhaupt wert sind, wenn sie nicht dem gesellschaftlichen Kodex entsprechen. Sie verkehren sich ins Gegenteil, ins Unrecht. These und Antithese ...


Ganz genau. Die Zeit ist eine andere, und mag sie sich auch nicht mehr an Ideale halten, ist alles, was Don Quijote da zum Ideal erklärt - z. B. solche Worte: … kein Mensch ist mehr als ein andrer, wenn er nicht mehr vollbringt als ein andrer -, nur ein wahnwitziger und gewaltvoller Akt, der für das Nichts geführt wird, was jeden noch so gut gemeinten Vorsatz ins Gegenteil verkehrt.
Zudem scheuen sie sich ja nach all diesen Auseinandersetzungen auch nicht, die Leute auszurauben, sich ihr Proviant und anderes anzueignen, was sie irgendwo zu gewöhnlichen Dieben macht.


Zitat von LX.C
Was unsere Vergleichzitate angeht, schießt dein Braunfels mit seinen "liederlichen Dirnen" ja den größten Vogel ab.


Ja, eine gleich zweifache Wertung. Braunfels scheint öfter mal etwas freier übersetzt zu haben, insbesondere bei den schwierig übertragbaren Sprichwörtern.

Eine Frage: Ist bei euch ein Unterschied im Erzählschreibstil und den Worten, die Don Quijote als Ritter von sich gibt?

Es ist ganz erstaunlich, wie Don Quijote sich seine Welt zurechtredet, dass selbst ein dümmlicher Bauer wie Sancho Pansa allmählich mitbekommt, dass mit seinem Herrn da etwas gewaltig nicht stimmt, der oftmals lachen muss, wenn Quijote sich in seinen Hirngespinste treiben lässt, wo dann selbst eine Barbierschüssel zum goldenen Helm gerät und dann, als Barbierschüssel erkannt, vom goldenen Helm zu einer Barbierschüssel geschmolzen wurde, dass damit Don Quijotes Irrglaube in keinster Weise erschüttert wird. Die Erklärung schlechthin: Er (also dem, dem sie die Schüssel abgenommen haben) musste einen sehr großen Kopf gehabt haben. (21. Kapitel)
Mitunter trifft man auf wirklich lustige Szenen, so als Sancho Pansa meint, er würde mit seinem großen Schwert angreifen wollen, wobei er lediglich ein Messer bei sich trägt, wo sie, durch die Einnahme des Wundertrunkes, sich beide aufeinander übergeben, oder als Sancho Pansa sich heimlich erleichtert und Quijote sich inmitten des Gestanks über die angebliche Angst seines Schildknappen wundert, während sie vor der "Gefahr" der Walkmühle am Wasserfall (20. Kapitel) zittern.
Auch, als Sancho Pansa seine Geschichte mit den übergesetzten Ziegen erzählt, die er darum nicht weitererzählen kann, weil Quijote sich die Anzahl der Ziegen nicht eingeprägt hatte, musste ich lachen. Eine Art moderne Erzählversion, die Quijote lobend anerkennt:

Zitat von Cervantes
„In Wahrheit sage ich dir“, entgegnete Don Quijote, “du hast da eine ganz neue Mär oder Erzählung oder Geschichte vorgebracht, eine der merkwürdigsten in der Welt, die jemand zu erdenken vermöchte, und eine solche Art, sie zu erzählen und sie abzubrechen, wird man all seine Lebtage nicht so leicht wiederfinden und hat sie noch niemals gefunden. Ich habe in der Tat von deinem Scharfsinn nichts andres erwartet.“


Herrlich. Don Quijote, der den „Scharfsinn“ seines Knappen anerkennt. Wer auch sonst könnte so eine Erzählung anerkennen. Sicherlich wäre er auch für DADA oder andere Schreibexperimente offen gewesen.




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zuletzt bearbeitet 03.01.2010 17:03 | nach oben springen

#17

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 03.01.2010 17:09
von LX.C • 2.666 Beiträge

Ach doch, natürlich, lachen kann man viel, für Spaß ist gesorgt.

Die wörtliche Rede Don Quijotes setzt sich bei Lange von der Alltagssprache der anderen Protagonisten ab, und auch deutlich vom Erzählstil. Vermutlich dürfte man das gar nicht anders übersetzen, weil er ja in seinen oder besser aus seinen Büchern lebt.


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#18

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 03.01.2010 17:47
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo,

in meiner Tieck-Übersetzung hebt sich Don Quixotes Sprache in keiner Weise hervor.

Im elften Kapitel erzählt Don Quixote vom Goldenen Zeitalter, welches auch antike Autoren gepriesen haben. Ich bin mir nicht sicher, ob der Quixote hier das Zeitalter der Ritter meint oder ob er, wie antike Autoren vor ihm, ein mythisches Zeitalter meint. Auf jedenfall ist Quixote danach bestrebt, das Zeitalter der Ritter in die Gegenwart zu holen, und seine Verehrung nach Dulcinea, die er nie gesehen hat, ist sein nostalgischer Versuch, die Minne wieder aufleben zu lassen. Diese Sehnsucht nach dem Mittelalter ist an sich das Merkmal der Romantik. Ist schon faszinierend, das Cervantes hier so etwas, natürlich auf belustigende Weise, eine Art Romantik vorwegnimmt.

Don Quixote ist zwar in seinem Wahn verblendet, aber trotzdem ein kluger Mann mit guter Bildung. Das zeigt sich im Gespräch mit dem Zigeuner Pedro, den er oft korrigieren muss.(12. Kapitel). Don Quixote kennt sich in Sachen Astronomie aus (Eklipsis) und erzählt von König Artus. Wenn das so weiter geht, haben wir es hier u.a. mit einem BIldungsroman zu tun, d.h. Cervantes streut das Wissen seiner Zeit in den Roman hinein (interessant natürlich der Aufbau des Romans, wie ein Tagebuch mit Abenteuern und eingestreuten Gedichten und Geschichten.

Hochinteressant die Geschichte über Marcella und Chrysostomos. Marcellas Rede von ihrer Unschuld am Tode des Chrysostomos beweist Cervantes' Kenntnisse in der Platonlektüre des Symposion und Phaidros:

Zitat von Cervantes, Buch I, Kap.14
Die Ehre und die Tugend sind Schmuck der Seele, ohne welche der Leib, wie er auch sei, niemals schön erscheinen kann.



Marcella lebt abseits von den Menschen, sie lebt mit Bäumen und Tieren, ist frei von Leidenschaft. Sie ist so etwas, wie Platon es meint, wenn er von der himmlischen Aphrodite oder von dem Schönen an sich spricht. Man würde sich nicht wundern, wenn hier noch Pan aufgetaucht wäre, Marcella eine Figur wie aus einer Idylle, ziemlich göttlich. Es heißt:

Zitat von Cervantes

...sie ist wahrlich die einzige auf der Welt, die mit so edlen Vorsätzen lebt.



Ich sehe schon, habe es auch befürchtet, dass ihr mich textlich im Fluge überholt. Ich kann den alten Tieck, bzw. Cervantes nur langsam lesen. Das finde ich aber nicht schlimm. Es gibt eben Bücher, die nur langsam gehen. Vielleicht hole ich morgen noch ein Stück auf, da arbeite ich noch nicht.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 03.01.2010 18:01 | nach oben springen

#19

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 03.01.2010 22:42
von LX.C • 2.666 Beiträge

Zitat von Martinus
Diese Sehnsucht nach dem Mittelalter ist an sich das Merkmal der Romantik. Ist schon faszinierend, das Cervantes hier so etwas, natürlich auf belustigende Weise, eine Art Romantik vorwegnimmt.



Tatsächlich kam der Ritterroman während der Romantik vor allem aus England wieder groß in Mode. Mittelalterromane von Scott beispielsweise erreichten bis 1840 eine Verkaufszahl von an die zwei Millionen. Spiegel Bestsellerlisten verdächtig :P Das trieb auch in deutschsprachigen Landen Blüten. Insbesondere im Bereich der Trivialromane, ein jeder versuchte sich an ihnen. (Eines der bekanntesten Beispiele ist wohl Goethes Schwager.) Das konnte Cervantes natürlich nicht wissen oder ahnen. Seinem Don Quijote hat es jedenfalls, dank Tieck, über die Zeit geholfen.

Zitat von Martinus
Wenn das so weiter geht, haben wir es hier u.a. mit einem Bildungsroman zu tun, d.h. Cervantes streut das Wissen seiner Zeit in den Roman hinein



Entschuldige, dass ich dir in diesem Fall widersprechen möchte. Aber in einem Bildungsroman erleben wir die Entwicklung einer Figur, meist von frühster Jugend an bis zu einer gefestigten Identität. Das ist die Intention des Bildungsromans. Unser Quijote ist aber gerade dabei, eine gefestigte Ich-Identität aufzulösen. Es ist auch höchst fraglich, jedenfalls für mich zum jetzigen Zeitpunkt, ob Quijote überhaupt irgendeine Entwicklung durchmacht. Eine klare Ausrichtung auf ein teleologisch bestimmtes (humanistisches) Bildungsziel gibt es jedenfalls nicht.

Das mit Marcelas Rede und Platon ist sehr interessant. Danke für diese Anregung. Auf die wollte ich nämlich unbedingt auch noch mal zurückkommen und hatte mir schon meine Gedanken gemacht, allerdings aus einem anderen Blickwinkel. Auf Platon wäre ich auch nicht gekommen ;)


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#20

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 04.01.2010 12:43
von LX.C • 2.666 Beiträge

Zitat von Martinus
in meiner Tieck-Übersetzung hebt sich Don Quixotes Sprache in keiner Weise hervor.



Hm, ja gut, vielleicht aber in der ritterlichen Wortwahl und das Pathetische in seiner Rede, oder bilde ich mir das ein? Was meinst du genau, Annelie?


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#21

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 04.01.2010 19:16
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Das genau meinte ich. Bei Braunfels ist die Sprache ja auch relativ alt, aber trotzdem unterscheidet sich die pathetische Rede des Don Quijote vom Erzählstil, wenn auch nur leicht.
Ich dachte mir schon, dass Tieck den gleichen Stil beibehält, bei Lange der Unterschied wohl noch ein Stück weit deutlicher zu erkennen ist.

Braunfels Übersetzung kann man übrigens auch beim Gutenbergprojekt nachlesen.




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zuletzt bearbeitet 04.01.2010 19:22 | nach oben springen

#22

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 05.01.2010 19:00
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Beklagen sollten wir uns jedenfalls nicht, denn blicke man auf die erste Ausgabe des
Don Kichote de la Mantzscha,
so sieht man doch die Feinheiten all unserer Übersetzungen, ... selbst bei der von Tieck.

AN einem Ort der Landschafft Mantzscha oder Fleckenland / dessen Nahmens ich mich nicht erinnern mag / lebte vor wenigen Zeiten ein Rittersasse auß der Zunfft der jenigen / welche den Sperr vnterm Dach verwahrt liegen haben vnd mit einem Altväterischen Schilde / einem hagern Gaul vnd flüchtigem Windhunde versehen seynd. Drey Theil seines Gütleins vnnd Vermögens giengen vff seinen Vnterhalt vnd tägliche Speisung: in dem er zu seinem gewöhnlichen Gerichte etwas mehr Kuhfleisch als Schöpfens zur Abendmahlzeit / den mehrern theil nur Brüh zum titzschen vnd eintuncken / Kraut vnd Zugemühs des Sonnabends / Graupen vnnd Linsen des Freytags genoß / des Sontags aber jhm vber diß etwa noch eine junge Taub zurichten ließ.

... usw.


(Quelle: Wikisource.org)




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zuletzt bearbeitet 05.01.2010 19:12 | nach oben springen

#23

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 05.01.2010 19:04
von Zypresserich • 2.864 Beiträge

Don Q.s Kampf gegen Flügel war eh vergeblicher als vergeblich, speisen uns doch heute die Nachfolger mit Windenergie. Stell ihn mir grad vor, wie er gegen Windkraftwerke zu Felde zieht.


https://zumabgesaegtenast.wordpress.com/...n-hat-ein-ende/
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#24

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 05.01.2010 19:09
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge



Obwohl eine Windmühle immernoch ein sehr beeindruckendes Bauwerk ist, steht man so Kopf nach oben gehalten davor und staunt ob der Bewegung, welche immer seltener und an so vielen Stellen durch nackte, metallschwere Hochstangenwindradmodelle ersetzt ward. Ein Jammer.




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zuletzt bearbeitet 05.01.2010 19:10 | nach oben springen

#25

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 05.01.2010 19:12
von Zypresserich • 2.864 Beiträge

Und wie die surren! Da könnt's einem echt Angst und Bange werden. Naja, damals ging's ja auch ums Mehl fürs täglich Brot, heut um die Unabhängigkeit von russischem Erdgas.


https://zumabgesaegtenast.wordpress.com/...n-hat-ein-ende/
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#26

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 05.01.2010 19:14
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Erscheinen irgendwie wie futuristische Feldbesetzer, fährt man an ihnen vorbei. Kraft durch Wind. Es geht wahrhaft nichts über diese Unabhängigkeiten, auch wenn sie weitaus monströser sind, als jede Windmühle, gegen die der gute Junker kämpft.




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#27

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 05.01.2010 19:15
von Zypresserich • 2.864 Beiträge
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#28

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 05.01.2010 19:17
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Ja, da steckt doch eine ganz andere Ruhe drin.




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#29

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 05.01.2010 19:26
von Zypresserich • 2.864 Beiträge
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#30

RE: Miguel de Cervantes Saavedra

in Die schöne Welt der Bücher 06.01.2010 11:22
von LX.C • 2.666 Beiträge

Zitat von Taxine
Beklagen sollten wir uns jedenfalls nicht, denn blicke man auf die erste Ausgabe des
Don Kichote de la Mantzscha,
so sieht man doch die Feinheiten all unserer Übersetzungen, ... selbst bei der von Tieck.

AN einem Ort der Landschafft Mantzscha oder Fleckenland / dessen Nahmens ich mich nicht erinnern mag / lebte vor wenigen Zeiten ein Rittersasse auß der Zunfft der jenigen / welche den Sperr vnterm Dach verwahrt liegen haben vnd mit einem Altväterischen Schilde / einem hagern Gaul vnd flüchtigem Windhunde versehen seynd. Drey Theil seines Gütleins vnnd Vermögens giengen vff seinen Vnterhalt vnd tägliche Speisung: in dem er zu seinem gewöhnlichen Gerichte etwas mehr Kuhfleisch als Schöpfens zur Abendmahlzeit / den mehrern theil nur Brüh zum titzschen vnd eintuncken / Kraut vnd Zugemühs des Sonnabends / Graupen vnnd Linsen des Freytags genoß / des Sontags aber jhm vber diß etwa noch eine junge Taub zurichten ließ.

... usw.



Übersetzung von 1648. Wahnsinn. Das Netz, archäologische Grabungsstätte für alle :))


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