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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#31

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 23:44
von Taxine
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Hallo...

Erst jetzt komme ich wieder zum Lesen.
Ich muss sagen, diese Szene mit dem Ochsen birgt wirklich alles Groteske, besonders, weil alles so harmlos beginnt, in ein bisschen Unvorsichtigkeit, in der kleinen Überheblichkeit des Schweizers, der sich für einen Kenner hält und ein zu dünnes Seil mitnimmt. Auch, wo er dann hinterhergeschleift wird, wirkte alles noch komisch. Doch als dann die Frau auf die Hörner genommen wird, und ganz besonders, als der Ochse sich nachher in Zerstörungswut der Leiche annimmt, da wird es ernst. Hamsun vesteht mit kleinen Sätzen das ganze Szenarium zu steigern und endet dann mit einem läppischen Eimer Wasser, der das erregte Tier wieder beruhigt.
Hier zeigt sich mir ganz deutlich diese Langweile, dieses Spiel der kränkelnden Reichen, die sich an der Natur versuchen und dabei ihre Gewalt unterschätzen.
Schon zuvor, als Herr Fleming sich ins Bett von Daniel legt, in einfaches Stroh und endlich Schlaf findet, wo er mit Madame d'Espard seine Buttermilch trinkt, um das Urige, den Blick in die Kindheit ein bisschen auszukosten, habe ich schon darüber nachgedacht.
Daniel steht hier für den armen, bodenständigen Menschen, der gutmütig das aufreibende, übersteigerte und nervöse Treiben der dekadenten Prominenz aus der Ferne betrachtet. Diese stehen daneben mit ihrer dünnen Haut und nehmen ihn als Maskottchen für die Gegend, als Teil ihrer Spielchen und Abwechslungen.
Hier steht das Feste dem Wackligen gegenüber - wacklig darum, weil aller Halt nur durch den Reichtum bestimmt wird.
Auch das Benehmen des Schweizers, der in diesem ganzen "Ochsenkampf" nicht die Gefahr, sondern die Abwechslung, das Abenteuer, die Herausforderung im eigenen Kräfteerproben sieht, ist ein schöner Entwurf Hamsuns, wie der Mensch in seiner Dekadenz seine eigenen kleinen Wirklichkeiten erschafft, und sich daraus mit selbst auferlegtem Glanz emporheben will.
Kein Wunder, das darauf dann

In Antwort auf:
Eine Zeit voller Unruhe und Unfrieden.

... folgt.
Lieber Martinus, ich lese jetzt das sechste Kapitel, hinke etwas nach, hole aber wieder auf.

Liebe Grüße
Taxine

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#32

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 23:45
von Taxine
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Das Verhalten des Herrn Fleming erschien mir zuerst ein bisschen verwirrend. Solange er sich schlecht fühlt, sucht er die Nähe zu Madame d’Espard, ersucht sie gar zu bleiben, als sie gehen muss, sogar auf seine Kosten, worauf sie sich aus kleiner Dankbarkeit seinen Annäherungsversuchen ergibt – Hamsun sagt es so schön ironisch:

In Antwort auf:
Manche nennen es freien Willen.

- und sobald es ihm wieder besser geht, ist er völlig gelangweilt von ihr, weicht ihren „hohen Fragen“ aus. Hier soll wohl die Angewohnheit verdeutlicht werden, dass er Menschen wie Spielzeug behandelt.
Dann gesteht er, dass er dadurch, dass er sterben wird, wohl auch den Betrug und Gelddiebstahl nicht gescheut hatte.
In Antwort auf:
Ich bin kein unschuldiger Mann, sagt er und lächelt kläglich.

Er nimmt das Leben nicht mehr so wichtig, wenn es ihn sowieso verlässt, und, falls er geheilt werden würde, dann würde er seine Schuld schon begleichen, sich stellen.
Hm... Naja, wer weiß. Ich glaube, seine Krankheit ist auch ein bisschen Ausrede für sein Verhalten, und der bevorstehende Tod treibt ihn erst in die Gewissensbisse.
Jetzt erklärt sich auch seine Vorliebe für Daniels Hütte, da er aus ähnlichen Verhältnissen kommt.

Der Kreis um ihn erinnert mich stark an die Meute um den Doktor in „Mysterien“. Hier wird Nagel auch immer eingeladen, um mit einer Skurrilität zu unterhalten. Ähnlich werden hier der Selbstmörder und der „Aussätzige“ dazu gerufen, um die Langweile, das monotone Geschwätz zu durchbrechen. Schön dann die Enttäuschung, weil der Selbstmörder in sich versunken ist, nicht mit Tollheiten glänzt, wie man es gewohnt war, und auch die Feststellung, dass der andere wohl viel sympathischer ist, wenn er nicht so unansehnlich wäre.

Was mir gefällt, ist die Freundschaft zwischen den beiden "Außenseitern".

Liebe Grüße
Taxine

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#33

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 23:45
von Martinus
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wenn wir eine Zusammenstellung der Charaktere erarbeiten würden, hätten wir so etwas ähnliches wie Canettis Ohrenzeuge .

Das Sanatorium ist schon so etwas wie ein Ferienhotel. Viele sind abgereist:

In Antwort auf:
ja, es wird Herbst, die Ferien für die Sommerfrischler in den Bergen sind zu Ende.


Der Selbstmörder will sich nicht mehr umbringen, er genießt Bergtouren, es wird sich dann besondrs im Kapitel 8 noch zeigen, dass er philosophiert. Er hinterfragt Dinge, die andere einfach so hinehmen. Er verkörpert das Leben und den Gedanken an den Tod. Der Streit mit Moß ist ja auch irgendwie amüsant. Sehr frech, aber sie vertragen sich immer wieder. Magnus verkörpert das Seelische, Moß das Physische (seine Hautausschläge).

Was von dem Fräulein d'Espard zu halten ist, bin ich mir noch nicht im klaren. Drollig finde ich, wie sie von dem Stubenmädchen von einem Nebenzimmer aus abgelauscht wird. D'Espard liest laut aus einem Buch, und das Mädchen denkt, sie klagt und weint.

Der Tod des Stubenmädchens verläuft genauso grotesk, wie der Tod des Konsuls. Hamsun verstreut ja einiges im Text über den Tod:

In Antwort auf:
der Tod. Er war kein großes Unglück, kein Verlust für die Welt...


In Antwort auf:
Aber dieser Todesfall - so zufällig und wenig wichtig er war -


Über den Tod des Konsuls heißt es:

In Antwort auf:
Ja, das Leben war nicht ohne Komik, und der Tod auch nicht.


Für Hamsun ist der Tod etwas völlig natürliches, darum nichts weltbewegendes, wenn jemand stirbt. Die grotesken Tode im Roman sollen vielleicht gerade dieses Aussagen.

über Fräulein d'Espard:

In Antwort auf:
Die Herren sind anfangs begeistert von ihrer Erscheinung, diesem Blick, der aus einem Paar Augen kommt, die ein wenig schräg liegen und sie eigentümlich machten...sie spielt nicht mit, nimmt an nichts Anteil, ist nicht lebendig. Sie ist zu lauter Mechanismus geworden: zieht sie auf, und sie wird erzählen und fabeln, wird ihre gefesselte Phantasie loslassen, bis sie stehen bleibt.


Schön beschrieben wie ein Uhrwerk. Das siedas gestohlene Geld von dem sog. Grafen unter der Brust trägt, hat ja auch was erotisches. Da ihr das Geld nun als Schenkung zugewiesen worden ist, hat sie nur einen Teil von dem Herrn, der andere Teil ist im Gefängnis. . Sie gibt immer schön an, dass sie französisch kann, in Wirklichkeit ist sie aber keine Vollblutfranzösin. Das mag ihr wunder Punkt sein. Sie will trotzdem heiraten. Bloß wen nun?

In Antwort auf:
Fräulein d'Espard befindet sich in einer Art Hysterie, sie strahlt vor Hoffnungslosigkeit und Sehnsucht nach der Ehe....


Martinus
zuletzt bearbeitet 15.08.2007 23:47 | nach oben springen

#34

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 23:48
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Hallo Martinus,

Canetti, interessant.
Hamsuns Gestalten werden aber eher von "außen" gezeigt, in ihrer Handlung und in ihren Gesprächen dargestellt, so dass der Leser hier seine eigenen Vermutungen anstellt.

Schön fand ich, als Madame d'Espard vor ihrer Reise nach Kristiania noch einmal durch die Räume stolziert, sich der Antipathien weiblicher Rivalität bewusst, um dann in der Welt festzustellen:

In Antwort auf:
Im Zug war sie allen unbekannt.

Herrlich, wie Hamsun das so knapp feststellt.


Als Madame d'Espard belauscht wird, habe ich es so verstanden, dass sie tatsächlich geklagt und geweint hat, und das sie das laute Lesen nur als Ausrede gegenüber dem Mädchen gebraucht hat. Sie scheint überhaupt in einem sehr wankenden Zustand zu sein. Fleming muss ihr schon etwas bedeutet haben. Auch ihre devote Art zuvor (während er sie nach Lust und Laune ertrug), scheint mir ein Zeichen ihrer Zuneigung, die aber nichts mit Liebe zu tun hat. Zuerst dachte ich ja, dass sie den "Grafen" umschwärmt, um Eingang in seine "Welt" zu finden, aber mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher, dass es ihr nur um die Verbindung zu einem vermögenden Mann geht. Sie hat das Geld und ist trotzdem unzufrieden. Ein bisschen ist sie fixiert auf Fleming, vielleicht ist das ihre Krankheit. Oder, es ist einfach die Angst vor der Zukunft, als Frau alleine zurechtkommen zu müssen. Auch, wie sie sich dann dem Bauern an den Hals wirft, obwohl sie normalerweise immer nach vermögenden Männern Ausschau hält. Das lässt vermuten, dass sie hier die Erinnerung an Fleming und sein Wesen sucht und ein bisschen mit ihrer neuen "Macht" in der Bluse spielt, dabei durch den "Trunk" etwas leichtsinnig wird. Sie findet aber keinen Zugang zur alten Gruppe, weil sie nun ein anderes "Gewissen" mit sich schleppt, dass sie verändert hat. Mal sehen, wohin es führt.

Dass alle das Sanatorium verlassen, wunderte mich zuerst auch, doch Hamsun folgt ihnen ja kurz durch die Augen der Madame d'Espard.
Schön, mal wieder in Kristiania herumzuspazieren.

Die beiden Kameraden Magnus und Moß stehen auch für den äußeren und den inneren Schmerz, wobei sie sich in ihrer Gemeinsamkeit großartig ergänzen. Als säßen sie auf einer Waage, die sie durch ihre Streitigkeiten und Gespräche in Einklang halten.
Der Selbstmörder hat seine Absichten gerade durch Moß ein bisschen zurückgestellt. Auch schlummert noch ein Geheimnis in diesem Mann.
Auf jeden Fall sind die Streitigkeiten zwischen ihnen, die im 8. Kapitel intensiver gezeigt werden, Triebfeder, eine Art Lachen über sich selbst, das Akzeptieren der eigenen Gebrechen. Und das der eine den anderen damit aufzieht, stärkt dann wiederum im anderen die Lebensgeister. Die eigene Krankheit belächeln, um sich gegen sie in Humor zu wehren, während die eigene Schwäche für diese Art an Kampf gegen die Angst, die Krankheit und den inneren (Magnus) wie äußeren (Moß) Kummer
einmal
nicht alleine durchgestanden werden muss (diese Kameradschaft ist großartig beschrieben, ihr Zusammenhalt, ihr "auf gleicher Ebene"-Sein)
und zum anderen
gerade durch einen anderen Menschen bloßgestellt wird, um dem die Bitterkeit,den Ernst dahinter zu nehmen. Genauer: Wenn der eine den anderen das Leid aufzeigt, so stärkt es im anderen das Verteidigen, den Willen zum Leben.
Madame d'Espard dazwischen gefällt mir ganz großartig. Sie wirkt wie eine erfrischende Aufmunterung zwischen den beiden, obwohl sie sie nicht benötigen. Sie sind eins geworden, in ihrer Freundschaft und Sympathie zueinander. Trotzdem ist ein bisschen "kichernde" Abwechslung ebenso gut für die Lebensgeister.
Diese Gruppe trägt im Moment auf jeden Fall meine volle Sympathie.

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
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#35

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 23:48
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge
Hallo.

Das achte und neunte Kapitel enthalten alle Tragik. Zunächst im Miteinander der drei Heimatlosen (denn sie schinden ihre Zeit im Sanatorium, weil sie nicht wissen, wohin sie sonst sollen), dann im Unfall von Madame d'Espard (das schöne Gesicht nun entstellt), wie auch die Blindheit von Moß (dem man als Leser mit so viel Mitgefühl mitverfolgt).
Zwischen den Kameraden herrscht der bissige Sarkasmus, und doch spürt man die Wärme für einander, wenn zum Beispiel der Selbstmörder sich über seinen Ekel vor dem Ausschlag auslässt, aber anstandslos hilft. Er beschwert sich zwar am laufenden Band (das ist eben seine Rolle), hebt aber gutmütig den Seiden-Fetzen für den wunden Finger auf, oder stützt Moß, fasst ihn an... usw.
Dieser wiederum will sich seinen eigenen Zerfall nicht eingestehen, will einen Schein aufrecht erhalten.
"Ich sehe, ich bin nur gestolpert!" oder "Ich bin nur schneeblind!"

Magnus scheint von seiner Frau verlassen worden zu sein und sein Kind zurückgelassen zu haben, wenn ich das richtig aufgefasst habe. Vielleicht hat er es gar getötet, weil er sich als Vater nicht darum kümmern kann?
Diese Sehnsucht nach dem Selbstmord kann natürlich auch ein Schuldgefühl sein. Aber, noch kann ich das nicht glauben.

Ah... ein bisschen weiter wird's wieder klarer. Magnus sagt:
In Antwort auf:
Ich habe von einem Mann gehört, der seine Frau erschießen wollte - in die er übrigens verliebt war...

Er w o l l t e also nur, und danach sich selbst umbringen. Dieses aber beabsichtigte er, als er ins Sanatorium gekommen ist. Hm.
Der Selbstmord für eine Frau ist auch ein gleicher Gedanke, den Hamsun schon in "Mysterien" verfolgt hat. Hier im "letzten Kapitel" geht er aber tiefer, hinterfragt und baut die Gestalt des Selbstmordes weiter aus. Unter anderem den Unterschied zwischen Mord und Selbstmord, das Wofür ebenso.
In Antwort auf:
Selbstmord entehrt den Mord.


Was mir gar nicht einleuchtet, ist folgende Passage (bei mir Seite 215)

Als Madame d'Espard Moß ins Zimmer ruft.
In Antwort auf:
So? fragt sie treuherzig. Was für ein Platz? Eine Stellung?
Ja, eine leichte Stellung. Ich brauche nur mit einer Rassel herumzulaufen und unrein-unrein! zu rufen.
Das Fräulein starrt ihn entsetzt an und flüstert: Sind Sie...? Sie hält inne.
Moß nicht, erhebt sich und tappt zum Zimmer hinaus...

Ist er ... was?
Hat sie erkannt, dass er unheilbar krank ist?
Dass er in eine Irrenanstalt eingeliefert wird?
Dass er sterben wird?

Später heißt es ja:
In Antwort auf:
Dann fährt Moß ab (... ) fährt zu seinem Lebendigbegrabenwerden. Kein Wunder, dass er sich so lange gestäubt hatte, Torahus und das Leben zu verlassen ...



Liebe Grüße
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 15.08.2007 23:49 | nach oben springen

#36

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 23:50
von Martinus
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In Antwort auf:
Magnus scheint von seiner Frau verlassen worden zu sein und sein Kind zurückgelassen zu haben, wenn ich das richtig aufgefasst habe.


Er will über seine eigene Tragik nicht reden, darum redet er, dass er nur darüber gehört habe, das jemand eine Frau erschossen habe... er hält sich bedeckt.

Vorher schon, streitet er ab, dass er Frau und Kinder habe.

In Antwort auf:
Als sie ihn fragt, ob er kein Heim, nicht Frau und Kinder hat, leugnet er brüsk und antwortet, das wäre eine merkwürdige Vorstellung, was sie eigentlich dächte, wie ihr so etwas einfallen könnte? (bei mir Seite 153).


Moß erhält einen Platz in der Anstalt (also ist er wohl psychisch krank?). Zuerst dachte ich, er wolle mit der Rassel simulieren, es scheint aber so, dass er über seinen Zustand noch etwas Humor loslassen kann.

In der Folge lernt das Fräulein d'Espard Daniel näher kennen. Offenbar ist sie nicht in der Lage, alleine zu sein. Jetzt willsie sich an Daniel hängen. Leicht schmunzelnd, als ich las, wie zaghaft und etwas ungeschickt und unsicher die beiden zusammen kommen (Daniel ist zu anfangs etwas stürmisch, so dass sie verschwindet). Bei einem Wiedersehen ergreift das Fräulein die Initiative.

Daniel sieht nicht ihre Zahnlücke und sieht über die Narbe am Kinn hinweg, weil er sie liebhat.

Nochmal zurück zu Kapitel 8: Interessante Passagen, in denen Magnus anhand des gelehrigen Schuldirektors das Gelehrtentum anprangert.

In Antwort auf:
Wie kann man doch einen Papagei abrichten, was kann ein Mensch sich nicht aus Büchern eintrichtern! Aber er wird nur ein Kastenmensch, wie Schuldirektor Oliver einer von der Kaste der Philologen. Er kann 'Sprachen' und sonst nichts.
Ein wenig früher im Roman gab es schon mal eine Fachgelehrtenkritik, als der Schuldirektor über seinen Bruder, den Schmied, erzählte. Der Vorwurf war dort, was nütze ein großes Gelehrtentum, wenn man in lebenspraktischen Dingen versagt.

Liebe Grüße
Martinus

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#37

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 23:50
von Taxine
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Ja, dazu wollte ich ja auch noch zwei Zitate von Magnus erwähnen.
Einmal:

In Antwort auf:
Das Leben ist so kurz, dass man keine Zeit zum Papageien hat. Sprachen lernen sollen nur die besonders Berufenen, die es nicht weiterbringen können, als sich zu Spezialisten, zu Übersetzern, Dolmetschern, Dragonmanen auszubilden, nicht aber die gewöhnlich Sterblichen, (... )

Und dann im nächsten Satz:
In Antwort auf:
Natürlich muss man die großen Sprachgenies, die Entdecker, ausnehmen. Die Rede ist von uns, den nickenden Automaten.

Ein bisschen Widerspruch steckt in Magnus Worten, aber er meint genau die Menschen, die ihn hier umgeben, und wenn Madame d'Espard als einziges Gegenargument anführt, dass durch das Erlernen von Sprachen ein gebildeter Mensch gemacht sei, dann hat er schon recht. Sie möchte sich mit ihrer Fremdsprache schmücken. Eine Sprache erlernt man doch, um sich zu verständigen, nicht, um damit zu zeigen, wie gebildet man ist.

Daniel und Madame d'Espard - ein seltsames Duo. Mich wundert sein forsches Vorgehen, das wohl seine Klobigkeit, den Bauern verdeutlichen soll. Das gute Herz in rauher Schale. Er ist das Starke, was ihrer hysterischen Zerbrechlichkeit entgegen wirkt.

Der Selbstmörder kann manchmal richtig philosophisch werden:
In Antwort auf:
Aber so gehen wir, so wandern wir. Wir werden ohne Unterlass geführt, was Alter und Zeit nicht in uns vernichten, das schaffen sie jedenfalls um bis zur Unkenntlichkeit. Wenn wir dann eine Zeitlang gewandert sind, dann wandern wir noch eine Weile, wir wandern einen Tag, darauf die Nacht, und endlich in der Dämmerung des nächsten Tages ist die Stunde gekommen, und wir werden getötet, in Ernst und Güte getötet. Das ist der Roman des Lebens mit dem Tod als letztem Kapitel. (... ) Also waren wir im Grunde nur eine Mine, die auf den Funken wartete, und nach dem Knall liegen wir still, stiller als die Stille, wir sind tot. Wir versuchen ja, dagegen anzugehen, wir reisen hierhin und dorthin, um zu entwischen (... ) Wenn der Tod in die Tür tritt, stellen wir uns auf die Zehenspitzen und fauchen ihn an, und wenn er uns in den Arm nimmt, fangen wir an, großartig offenherzig gegeneinander zu sein, wir schlagen uns. Natürlich dauert es nicht lange, und wir liegen da, hier und dort ein bisschen blau. DAnn werden wir in die Erde eingegraben. Warum das geschieht? Damit das Sterben für die Zurückbleibenden gesünder wird! Aber wir selbst liegen da mit Würmern in den Augen, zu tot, um sie wegwischen zu können. Ist das nicht alles so? Und das ist dabei nur die Hälfte. Wir haben nur davon gesprochen, was der Tod verrichtet, wenn er nur so für sich hin geht und pflückt, aber das befriedigt ihn nicht immer, mit Krieg, Erdbeben, Seuchen tritt er auf als Majestät, mit immer abwärts gewandtem Daumen: der Tod watet im Leben...


So schön, dass ich es hier einfach mal in aller Länge festhalten musste.

Lieben Gruß
Taxine

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#38

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 23:51
von Martinus
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Madame d'Espard überrumpelt Daniel dann ja auch noch, sodass Daniel völlig baff ist.

In Antwort auf:
Aber Daniel, sagte sie kläglich lächelnd, wenn eine Spur von Liebe in dir wäre, so würdest du jetzt um mich anhalten!
Was - ?


(Sie setzt ihn unter Druck )

Taxine, wenn du nicht die Passage von Magnus zitiert hättest, dann hätte ich es getan. Er philosophiert um das Grundthema des Buches. Später dann kommt Magnus wieder zum Thema (Kap.11):

In Antwort auf:
Das Leben ist eine billige Ware für den Tod, sagte er, der nächste von uns ist schon vorgemerkt!


Gegenüber Fräulein d'Espard öffnet Magnus sich:

In Antwort auf:
ich hatte eigentlich gedacht, heimzureisen und ein oder zwei Schüsse abzugeben.


Magnus erzählt das ein wenig gebrochen, sodass ich mir einiges zusammenreimen muss. Um das Kind, was krank ist, wird sich wenig gekümmert, der Neue von seiner Ex ist ein Trinker und Magnus' Exfrau lehnt den "Selbstmörder", ihren Exmann ab. Eine traurige Geschichte. Dieser Mann, war ein Jugendfreund von Magnus, wollte die Frau heiraten, Magnus kam aber dazwischen.

Hoffentlich habe ich diese Dinge einigermaßen richtig wiedergegeben, erzählt Magnus diese Vorgänge doch etwas schwammig. ist wohl beabsichtigt. Auf jedenfall verstehen wir ihn jetzt noch besser: seine Selbstmordmelancholie, seine Äußerungen zum Tod. Er ist der Mahner, der bewusst macht, dass unser Leben irgendwann zu Ende geht. Im Kapitel 11 entsteht der Eindruck, Todesfälle werden sich noch häufen.

Trotz aller Komik und Skurilitäten ein sehr nachdenklicher Roman, gelle?

Lieb gegrüßt
Martinus

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#39

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 23:51
von Taxine
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Ja, das stimmt. Skurril durch die Figuren in ihrer Handlung, die durch ihre "Überdrehtheit" einen unterschwelligen Kummer aufzeigen. Als ob jedes skurrile Erlebnis hier zur Unterhaltung dient,ein bisschen Aufregung in die trüben Leben bringt. Der Selbstmörder, der sich selbst eine Karte schickt, der Doktor, der nachts Schlittschuhlaufen will, Fräulein Ellingsten, die das Leben zu einem riesigen Kriminalroman gestaltet, bis sie atemlos nicht mehr weiter weiß und den Faden verliert... Oder hier im elften Kapitel durch das Lob von Bertelsen:

In Antwort auf:
Das Fräulein schwillt, eine Anerkennung von dieser Seite ist beinahe mehr, als sie ertragen kann...

Und noch besser: Um ihre überdrehten Übertreibungen real zu machen, um endlich ein bisschen besser dazustehen, hofft sie sogar auf den Tod, den sie vorhergesagt hat.
Das erinnert mich an ein Zitat:
Manche Menschen würden sogar einen Weltuntergang in Kauf nehmen, wenn sie ihn wenigstens vorausgesagt hätten.
(Ganz frei zitiert!)
Über das Fräulein heißt es ganz schlicht:
In Antwort auf:
Ach, das große, hübsche Fräulein Ellingsen mit dem unfruchtbaren Lesen von Detektivromanen und der erhitzten Phantasie, sie ertrug jetzt keine Niederlage, es wäre so gesegnet für sie gewesen, wenn sie diesmal gesiegt hätte, ...


Die Geschichte des Selbstmörders habe ich auch so verstanden. Seine Frau hat ihn betrogen, er hat sie öfter dabei erwischt, für sie war es kein Betrug, weil sie ihm in allen Zeichen und Hinweisen zu verstehen gegeben hat, dass sie mit ihm alleine nicht glücklich war. Der Jugendfreund und seine Frau führen ein Lotterleben, sind oft betrunken, während das Kind ein bisschen vernachlässigt wird. Magnus ist nach Kristiania gefahren, um sich zu erschießen, hat dann aber sein altes Zuhause beobachtet, sich gefreut, dass sein Zimmer unangetastet ist, wo es da in Dunkelheit liegt, was ihm das Gefühl gibt, sich "ein bisschen weniger obdachlos" zu fühlen.
Er hat sich aber nicht scheiden lassen, soweit ich das verstanden habe. Er hält nichts davon, darum ist er ja auch immernoch so hin und her gerissen, wegen dem Kind und seiner Erniedrigung gegenüber seiner „leichtfertigen Frau“.
In Antwort auf:
Wenn ich daran dachte, kam ich zu dem Schlusse, dass Scheidung die Frage durchaus nicht löse, sie löst nur Bande. Was sollte sie mit der Scheidung? Sie konnte sie entbehren und erwähnte nichts davon. Ich selbst war zuwenig mutig und männlich, um sie zu verlangen. Man ist jämmerlich. Man ist Mensch.

Vielleicht wartet er ein bisschen darauf, dass sie endlich die Entscheidung trifft, mit Sack und Pack loszieht, ihn verlässt, alles mitnimmt, dass er in das leere Heim zurückkehren kann.

In diesem Kapitel finden sich einige schöne Zitate:
In Antwort auf:
Die Menschen krochen und krochen, einige hier, andere dort. Zuweilen trafen sie sich, und keiner wollte ausweichen. Zuweilen aber kroch einer über die Leiche des anderen.


Dazwischen immer wieder Hamsuns Kunst der Personenbeschreibung in wenigen Zuweisungen.
In Antwort auf:
Er (… ) war wohlhabend genug, um ehrlich zu sein.


Und wieder der Selbstmörder:
In Antwort auf:
… wir sind nichts als Kniefall und Gebet, wir suchen alle Heilung, aber keinem wird geholfen, der Tod holt uns ein.


In Antwort auf:
Man ist Mensch, … man wird seiner selbst überdrüssig und wirft sich weg.


Der Doktor ist verschwunden, der Selbstmörder wird verdächtigt. Im ersten Gedanken dachte ich, dass er zuvor mit Moß ja darüber geredet hatte, dass ein Mord den Selbstmord übertreffen würde. Aber, wenn ich mir sein Wesen betrachte, wo er in Wut noch nicht einmal seine Frau oder seinen Jugendfreund zur Rede stellen kann, dann erscheint mir diese Grausamkeit doch recht unsinnig. Mit Spannung lese ich weiter.

Liebe Grüße
Taxine

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#40

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 23:52
von Taxine
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Die Geschichte, um den Doktor, klärt sich schließlich auf. Auch er sehr bedacht, nicht lächerlich zu erscheinen, um so lieber fast zu erfrieren, als sich der Peinlichkeit auszusetzen, dass sein nächtlicher Lauf über das Eis schief gegangen ist.
Meine Güte.
Hier wird doch manches Denken und all diese Irrwege schön ironisch dargestellt. Menschen, die so bedacht darauf sind, in anderen Augen so zu erscheinen, wie sie erscheinen wollen, ohne zu sehen, dass sie sich in dieser zugeschneiderten Handlung selbst verlieren.
Die Priorität des guten Ansehens steht noch über der Gefahr, sich dabei zu verletzen oder gar zu sterben.

Über den Doktor heißt es:

In Antwort auf:
Er hatte seine Persönlichkeit in der Medizin wegstudiert, es war nichts weiter von ihm übriggeblieben (... ) Ein Kind mit Examen.


und:
In Antwort auf:
Ein frischer, undressierter Affe würde anders gedacht haben.

Ja, fragen wir mal Kafka und seinen Bericht für eine Akademie.

Und, wo "ein seltsames Grauen über der Stätte lag, wie vor einer Untat", ist Hamsun im Wort so brutal und knapp, dass ich schockiert zurückbleibe, wo ich vorher noch "belächelt" habe:
In Antwort auf:
Der Kreisarzt kam. Lungenentzündung. Er lieferte Tropfen und Mixturen und fuhr wieder ab. Als er am nächsten Tag wiederkam, ging es dem Patienten noch schlechter. Am dritten Tag starb er.

Mit diesem Ausgang hätte ich niemals gerechnet.


Dagegen wieder amüsant, wie der Selbstmörder jetzt alle Menschen nur noch als "die Überlebenden" bezeichnet.

Weitere Grüße
Taxine

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#41

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 23:52
von Martinus
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zum letztgenannten Zitat passt auch sehr gut dieses, was der Selbstmörder in Kap. 14 sagt:

In Antwort auf:
Ja, so geht es Fräulein d'Espard, wir sind Wanderer, wir wandern zur Heilstätte in den Bergen herauf und bleiben hier liegen.


Durch diese Lakonie wird es schon wieder humorig. Das Zitat erinnert an den ersten Absatz des Romans, und mir fällt dabei ein, es gibt auch eine "Wanderer-Trilogie" und "Landstreicher-Trilogie" von Hamsun. Ob das was damit zu tun hat?

Der philosophische Selbstmörder hat ja recht. Früher sagte er ja schon, wir seinen Gast auf dieser Erde. Wir sterben, damit andere Nachkommen eine Chance zum Leben bekommen(sinngemäß).

Die Kurzbündigkeit unterstreicht auch, dass der Zyklus von Leben und Tod was völlig natürliches ist, so natürlich, dass man darüber nicht viel Worte verlieren muss. Er hat ja recht. Ich denke, dass ist die Grundaussage des Romans.

Liebe Grüße
Martinus

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#42

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 23:53
von Taxine
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Ja, im Selbstmörder steckt der Mensch, der hinterfragt. Während die anderen einfach vor sich hinleben, ihre Wehleiden bejammern oder ihre kleinen Abenteuer berichten, stellt der Selbstmörder sich den Grundthemen der Lebensfragen. Tod und Dasein.
Dein Zitat kommt auch im 12. Kapitel

In Antwort auf:
Ach ja, wir sind Wanderer auf Erden, wir wandern hierhin und dorthin, manche von uns bleiben in einem Sanatorium.

und in einem weiteren Kapitel zuvor bereits vor, wie eine Lebensmaxime. Ich nehme an, Hamsun, der ja dieses „Wanderleben“ notgedrungen verfolgt hat, bis er Erfolg hatte, hat seine Lebensphilosophie schon ein bisschen darauf abgestimmt. Ein bisschen Alter Ego spricht aus dem Selbstmörder in seinen philosophischen Ergüssen. Der Mensch, der sein ganzes Leben lang sucht, auf Reise ist, und wenn es nur die innere ist.

Auch der neue Arzt hat seinen Humor, auf jeden Fall einen klaren Blick auf seine Patienten. Er nimmt sich den Selbstmörder vor, den er ein bisschen zu durchschauen scheint. Im gemütlichen Beieinander erzählt er die Geschichte von der kurierten Frau eines Mannes, die ihn betrogen hat, und der diese dann mit einem Rohrstock verprügelt hatte. Und als der Selbstmörder interessiert ist, ob es gewirkt hat, sagt der Doktor:
In Antwort auf:
Nun ja. Natürlich ist ein Rohrstock kein Mittel, das in jedes Milieu passt, alle Mittel müssen individuell gebraucht werden, zuweilen gehören Blumen dazu.

Der ist schon lustig, wirkt auch irgendwie, trotz seiner Jugend, kompetenter.
Und das Zusammentreffen der alten Rivalen. Der Selbstmörder zum Schuldirektor:
In Antwort auf:
Schule heißt, der Natur zuwiderhandeln, den Schüler auf ein Nebengleis zu bringen, das in einer ganz andern Richtung als das ursprüngliche läuft. Schule heißt, diesem Nebengleis gerade in die Wüste hinein zu folgen.


Die Kritik am Schulwesen sollte man vielleicht auch nicht so einfach abtun, obwohl sie sicherlich viel Spiel und Frust enthält. Wie wirkt der Schuldirektor Oliver eigentlich auf dich?

Liebe Grüße
Taxine

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#43

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 23:53
von Martinus
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Hallo Taxine,

des Selbstmörders Argumentation gegen das Schulwesen ist sehr überspitzt dargestellt, wie auch der Charakter des Schuldirektors, der Fachstudierten, sehr überspitzt dargestellt ist.

Der Selbstmörder würde heute noch recht bekommen:

In Antwort auf:
'Schule' war ursprünglich Freizeit, ein Zeitvertreib für Erwachsene, sie ist eine Hölle für Kinder geworden.


Ist heute auch noch eine Hölle: Jugendkriminilatät, Gewalt in Schulen. Die Erziehung kommt zu kurz, stattdessen lernt man Zeugs, die den Kindern regelrecht nutzlos eingebleut werden. Was ist denn heute mit den musischen Fächern, woran sich Schüler wirklich
entwickeln könnten? Dies Fächer lässt man gerne ausfallen. Mathe ist wichtiger. Genau das ist es, was Magnus kritisiert. Paideia heißt Jugend, Erziehung, Bildung. Heute wird der Schwerpunkt nur auf Bildung gelegt, nicht auf den Menschen an sich.

Der Schuldirektor Oliver ist Repräsentant für einseitige Wissensvermittlung ohne den Aspekt von Erziehung zu berücksichtigen, ohne sicher auch auf spezielle Fähigkeiten seiner Schüler einzugehen. Er ist insofern wirklich beschränkt:

So heißt es über ihn:
In Antwort auf:
...aber Direktor Oliver wurde nicht Feuer und Flamme, sein Beruf war nicht, zu belustigen und zu trösten, sein Beruf war, zu unterrichten, er war im Grunde einsam ohne Schüler, ohne Zuhörer..


Oliver ist sogar humorlos, das schließe ich daraus.

Es ist natürlich so, Hamsun liefert uns Karikaturen. Durch die überspitzte Darstellung der Charaktere führt Hamsun aber dahin, über diese Problematiken nachzudenken.

Der Selbstmörder vertritt auch das Leben, weil er die sterile Lehrermaschine kritisiert.

Im Kapitel 13 kommen wir noch zu interessanten Charakterdetails von Daniel. Die Spannung hebt ein wenig an, finde ich.

Liebe Grüße
Martinus

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#44

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 23:53
von Taxine
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Das hast du schön ins Wort gefasst, Martinus.
Ich sehe das ähnlich. Kinder sind noch so formbar und werden dann mit so viel unnötigem Stoff bombardiert, oft von Lehrern, die ihren Lernstoff monoton und ohne Freude übermitteln, während das einzelne Wesen in seinen Talenten und Fähigkeiten untergraben wird. Der Selbstmörder hat recht, wenn er sagt:

In Antwort auf:
Schule macht ja keinen zum Menschen. In reiferen Jahren, wenn der Mensch in einem erst ordentlich ertötet ist, könnte davon die Rede sein, dass man eben eine solche Schule brauchte.

Erst, wenn das Selbst gefunden ist, ist man viel aufnahmebereiter, setzt sich mit der Welt auseinander und eignet sich das Wissen an, das man dafür jeweils benötigt. Davor ist es alles noch ein Muss, ein Zwang, eine Sich-Aussetzen an Bewertung. Darum sind die meisten Schüler auch so gelangweilt, weil sie einen riesigen Schwung an Allgemeinwissen aufgebrummt bekommen.
Stattdessen sollte man auch die Phantasie und die individuellen Interessen fördern.
Zum Beispiel ein Buch, zu dem man freiwillig greift, wirkt tiefer und verlangt ein eigenes Interpretieren und Denken, nicht ein durch einen Lehrer übermitteltes, das nur in der Übereinstimmung mit dessen subjektiven Meinung als "Richtig" eingestuft wird.

Aber auch der Schuldirektor hat seine Argumente:
In Antwort auf:
Leider ist es so, dass es Menschen gibt, die ihren Stolz darein setzen, unwissend zu sein, nichts zu kennen, kein Land, keine Sprache.


Der Selbstmörder führt an, was die Kinder in der Schule alles lernen, und erklärt:
In Antwort auf:
Aber alles das hat ja an und für sich keinen reellen Inhalt, man kann nur einen Zustand, eine Lebensform darin etablieren, es ist mechanische Dressur ohne ethischen Wert. Aber nun das, was im Menschen wohnt, wie steht es damit, mit der Seele, der Natur selbst? Unsere Seele ist nicht reich im Verhältnis zu dem, was wir aus Büchern gelernt haben, aber gerade im Verhältnis zu ihr können wir Büchergelehrsamkeit entbehren. Unsere Seele ist ja der Mensch selbst und ist ein Selbst.


Der Lehrautomat mit Münzeinwurf - gar nicht einmal so schlecht, um den Schuldirektor zu beschreiben. Auch seine Themen drehen sich nur um sein Ansehen und um Leute, die sein Ansehen nicht zu sehen verstehen. Es geht im Grunde um ihn, um seine Eitelkeit, um seine Belohnung dafür, dass er so viel gelernt hat. Er ist das typische Beispiel eines Fachidioten: Er versteht vielleicht sein Wissen an andere weiterzugeben, aber er sieht den Mensch dahinter nicht, den er unterrichtet.

In Antwort auf:
Das einzige, aus dem Menschen sich etwas machen sollten, ist Freude am Leben, Dankbarkeit für das Leben; aber die bekommt man nicht durch Liebe. Im Gegenteil, Liebe ist die Peitsche.

Dankbar für das Leben kann man nur sein, wenn man die Welt und die Menschen liebt. Ebenso ist die Freude am Leben nicht möglich ohne das Öffnen an Herz. Der Selbstmörder spricht von der Liebe in Verbitterung, weil sie ihn verwirrt und gedemütigt hat, so weit, dass er an den Tod denkt, aber das ist die Tragik aller Leidenschaften. Die Liebe wirkt wie eine Peitsche und kann gleichzeitig Berge versetzen.

Hier wiederum fehlt sie ganz und gar. Der Umzug der Madame d'Espard wirkt auf mich, wie eine Last, die sie sich da aufgebrummt hat, um endlich abgesichert zu sein. Alles an Liebenswürdigkeit, die Daniel in seinem einfachen Wesen ausstrahlt, mag sie im Moment noch rühren, aber für die Dauer einer Ehe wird sie schnell genug davon bekommen. Schon jetzt liegt eine gewisse Verachtung für sein Leben in ihrem Wesen.

Liebe Grüße
Taxine

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#45

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 15.08.2007 23:54
von Taxine
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Moß hatte also scheinbar Lepra, das war mir gar nicht so bewusst. Jetzt wird es verständiger, der Gang in den lebendigen Tod. Und der Selbstmörder, der nun alleine vor sich hin existiert, fügt sich die gleiche Wunde am Finger zu, die er offen hält, um sich an Moß zu erinnern, um ihm ein bisschen Schuld für alles zuzuweisen. Ihre gemeinsamen Schimpfereien sind in Frust und Einsamkeit ausgeartet, die niemand durchbrechen kann. Er denkt sich aus, dass er sich sicherlich bei Moß angesteckt haben muss.

Die feine Dame in einer bäuerlichen Hütte, nicht fähig zur Arbeit. Ganz am Anfang erfuhren wir schon von ihren einzigen Stärken, die im Lesen von französischen Büchern besteht.
Diese ganze Ironie, dass sie weiß, dass sie Daniel keine Hilfe sein kann, er das auch ablehnt, und sie ihm dann aus französischen Büchern vorliest, die er nicht versteht.
Würde sie nun norwegische Literatur lesen, um ihn bei seinen handwerklichen Arbeiten ein bisschen zu unterhalten… Aber nein, sie liest französisch und ist stolz auf sich, weil sie früh aufsteht, als wäre das alleine schon eine große Leistung.

Und Daniel, er nun brüstet sich gerne mit der feinen Dame, dichtet ihr mehr Können an, als vorhanden ist, drückt sich gewählt auf, bezeichnet alles als „vortrefflich“.
So scheint mir die Dame eher ein Schmuckstück für ihn zu sein, etwas, mit dem er im Kirchspiel hausieren gehen kann. Er verschafft sich allgemeine Achtung.
Schon am Anfang des Romans klang diese Eitelkeit ein bisschen hindurch, aber nicht so offensichtlich. Irgendwie wirkt Daniel auch nicht unsympathisch dadurch.

Und dann klärt sich auf einmal einiges auf.
Jetzt versteht man auch, warum Madame d’Espart so dringend nach einem Ehemann gesucht hat. Sie war schwanger. Darum also auch ihre plötzliche Unförmigkeit des Körpers. Das konnte ich vorher gar nicht so zuordnen. Ich dachte, sie hätte sich vor eigenem Kummer gehen lassen. Schon die Andeutung auf die geheimnisvolle Frau in der Stadt, die sie aufsuchen wollte, hat ja darauf hingewiesen. Nun ist das Kind da, ein Junge.
Sie gebraucht die Ausrede einer Frühgeburt durch den Schlangenbiss, um Daniel zu überzeugen, dass es sein Kind wäre.
Hamsun stellt diese ganze Szene wunderbar in Andeutungen dar. Daniel betont, dass das Kind groß genug ist, Madame Julie behauptet, es wäre viel zu klein, da es ja viel zu früh gekommen war. „Du weißt ja, wann wir uns kennengelernt haben.“

In Antwort auf:
Eine barmherzige Blindheit hatte sich über Daniel gelegt, er betrachtete sich und das Seine ohne Erkenntnis, seine Bedürfnisse waren gering, sein Familienleben zusammengelogen, aber seine Zufriedenheit war groß und gut.


Es ist ja auch so, dass in Daniel wohl noch etwas anderes kocht. Ein Rachegedanke, ein heimlicher Kummer um die verlorene Liebe Helena.
In Antwort auf:
Jawohl - es können schöne Wahrheiten in der Lüge sein. Wenn das Leben die Lüge nicht notwendig machte, so existierte sie nicht.

Da ist man gespannt, wie es weiter geht.

Nächtliche Grüße
Taxine

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