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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#76

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 16.02.2009 13:04
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge
Hallo Martinus,

ja danke, dass du zusammengefasst hast. Das ist auch für uns dann übersichtlicher.
Zunächst muss ich sagen, dass Hamsun wirklich ein Meister der knappen Beschreibung ist. In diesem Roman wirkt sich das manchmal so dahergesagt aus, dass man fast über eine Situation hinwegliest, bevor man merkt, dass da gerade etwas geschehen ist.
Zum Beispiel die Situation zwischen Lolla und dem alten Brodersen. So schnell konnte ich gar nicht gucken, als er da die Bettszene beschrieb, sie immer näher aneinanderrücken ließ, um sich zu wärmen, und schon war es geschehen und sie erhoben sich wieder und lächelten bereits in der Erinnerung. Also wirklich... Da denkt man sich auch, dass Hamsun den Spannungsbogen etwas weiter hätte spannen können.
Überhaupt hat er eine ungewöhnliche Art zu Schreiben. Manchmal wirkt es auf mich, als würde er sich selbst ironisieren. Wenn er in einem Satz: Wie macht er das? So macht er das - Ausdrücke benutzt. Die Gespräche sind knapp und besagen kaum etwas. Der Tod der Mutter ist vielleicht nicht wichtig, weil er nur aufzeigt, in welchen Verhältnissen Abel aufgewachsen ist. Da ist die schwindsüchtige, unglückliche - das muss man ja auch erwähnen - und darum alkoholkranke Mutter und der knorrige, geizige Brodersen, der an seinen Erinnerungen als Kapitän hängt. Durch Hamsuns knappe Beschreibungen und menschliche Begegnungen wirkt das manchmal erst später im Kopf nach, wie er sich in bestimmten Situationen verhält, z. B., dass man von ihm behauptet, er hätte zwei Sparkontos, oder dass er gerade einer Frau wie Lolla verfällt, nicht nur aus ihrer Jugend und ihrer erotischen Anziehungskraft heraus, denn, sobald sie verheiratet sind, ist er ja auf einmal zu alt, sondern, weil er sein Geld versteckt und nur zögerlich herausgibt, höchstens dann, wenn er ein innerliches Schuldgefühl ausgleichen will, wo er z. B. Geld für Abel gibt oder der Familie Robertsen etwas zur Entschädigung geben will, weil er dort immer gegessen hat.
Zitat von Hamsun
Es tat gut, Geld loszuwerden, dass man zu Unrecht behalten hatte.

Hier sehen wir den alten Geizkragen, der sein Geld irgendwo hortet, um "auf eine letzte Ruhestätte" zu sparen. Schön, wie sein zynischer Kumpel dann sagt, er würde doch noch lange leben. Hamsun deutet nur an, wir wissen aber, wie unsinnig so ein Verhalten ist, denn im Tod kann er mit dem Geld nicht mehr viel anfangen. Er verfällt einer Frau wie Lolla auch aufgrund seines Geizes, weil er im ständigen Gedanken an sein Geld, das er ausgeben muss (wie schön, wenn Hamsun beschreibt, dass Lolla ihn etwas mehr Butter oder viel zu viel Öl (für das Boot) kostet), nicht erkennt, dass ihre Gefühle nicht echt sind.
Auch ist es einerseits verwunderlich, andererseits nicht ganz so erstaunlich, dass Abel sich nicht mehr meldet. Er hat geheiratet und ist unbeständig, soweit erfahren wir es als Leser.
So stehen die Dinge wieder gleichberechtigt. Olga hat sich mit dem Theologen verlobt, hat dann die Verlobung gelöst und sich mit dem Juristen verheiratet, der nicht unbedingt "hell im Kopf" ist. Ich bin sicher, hier wird die Ehe nicht die Grenze zwischen Olga und Abel bilden, denn sie sind beide verheiratet.
So zusammengefasst ist also das erste Tabu bereits die Heirat zwischen dem alten Brodersen und der jungen Lolla, die ihn dabei auch noch aufgrund der Schulden ihres Vaters heiratet, aus Berechnung. So eine Liebe, wie Hamsun schön zeigt, ist schrecklich kalt, dass selbst der Leser Mitgefühl mit dem alten Geizkragen bekommt.

Liebe Grüße
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 16.02.2009 13:15 | nach oben springen

#77

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 17.02.2009 16:24
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo Taxine,

ich habe mich bis einschließlich dem 10 Kapitel durchgelesen.
Zitat von Taxine

Manchmal wirkt es auf mich, als würde er sich selbst ironisieren. Wenn er in einem Satz: Wie macht er das? So macht er das - Ausdrücke benutzt.


Ich habe noch so ein merkwürdig belustigenden Satz entdeckt, auch wenn er tragischen Inhalts ist:

Zitat von Hamsun
Alle redeten ständig davon, daß er etwas werden müsse. Warum denn? Alle wurden etwas, aber nur so viel wie die andern, nicht mehr.


Da frage ich mich schon, macht sich Hamsun einen Spaß über gesellschaftliche Gepflogeheiten, man müsse halt was werden. Wirklich. Wer wird denn schon was besonderes, wenn den Leuten im 10. Kapitel kein Lohn gezahlt wird, weil das Sägewerk pleite geht. Das dort ja Zustände wie heute, Firmen gehen Konkurs, und was wird dann mit der Belegschaft. Nicht jeder hat die Gabe eine Studium zu beenden, dann Theologe oder Rechtsanwalt zu werden.

Zitat von Hamsun
Auch bei Alex daheim stand es schlimm. Einige Zeit, nachdem er bei der Säge arbeitslos geworden war, kam er eines Tages betrrunken heim und warf Lili ihr lasterhaftes Leben vor. Seitdem ein gewisser Jemand ohne Steuermannsexamen zur Stadt zurückgekommen wäre, sei Lili wieder verrückt geworden und laufe ihm überallhin nach.


Liegt dort die Vermutung nicht nahe, sie bändele wieder mit Abel an? Taxine, du hast ja oben die Vermutung schon mal ausgesprochen, es gehe mit Lili und Abel irgendwie weiter. Trotzdem hört sich das bis jetzt noch ziemlich wage an, da Hamsun mit Andeutungen spielt.

Mir ist übrigens aufgefallen, unser Roman ist wesentlich Handlungsärmer als z.B. "Das letzte Kapitel" oder "Segen der Erde". Aber trotzdem irgendwie brodelt es ja doch im Roman, es läuft nur noch nicht über.

Etwas brodelnder schon ein paar Zeilen später:

Zitat von Hamsun
Die sanfte Lili war erweckt worden, nach all diesen Jahren getreuer Ehe war sie erst jetzt zum wahrhaft erotischen Erlebnis erweckt worden. das vorübergehende war nur geduldige Pflicht gewesen, taube Pflicht und Fügsamkeit...


Na, hier wird schon Feuer geschürt. Da muss noch was kommen.

Da uns ja doch auch das Verhältnis zwischen Olga und Abel interessiert, komme ich darauf zurück. Nämlich, Abel trifft Olga und Clemens in einem Tanzlokal. Olga, deren Ehe ja auch langweilig ist mit einem nicht Hellen, kokettiert in Gegenwart ihres Mannes damit, das Abel in seiner Jugend in sie verliebt gewesen war. Dem Nichthellen Clemens scheint das nicht weiter zu belasten, sondern sagt im Vertrauen, dass er damals vor vielen Jahren nicht in Olga verliebt gewesen sei, sondern in Lolla, die bei Olga und Clemens Haushälterin war.

Mein Gott, da zuckt es ja voll von Andeutungen eines Schnitzlerreigens. Mal sehen was Hamsun mit diesem angedeuteten Material alles noch macht. Ich habe ein wenig recherchiert und irgendwo gelesen, dass dieses Hamsuns erotischster Roman sei. Außerdem wird noch angedeutet, Abel fange mit Lolla nur nichts an, weil sie seine Stiefmutter ist, außerdem sei aus ihr eine feine Dame geworden.

Ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt...

Liebe Grüße
mArtinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 17.02.2009 16:27 | nach oben springen

#78

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 18.02.2009 00:39
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge
Wertester Martinus,

die Spannung, ja, die hält sich bei mir wirklich in Grenzen. Tatsächlich finde ich den Roman gräßlich langweilig.
An die Frakturschrift habe ich mich schnell gewöhnt, an Hamsuns Art zu schreiben, nicht. Und, wieso wirkt dieses Buch ganz anders als die anderen auf mich? Selbst im "Letzten Kapitel", das längst nicht an seine genialen Werke wie "Hunger" und "Mysterien" heranreichte, fand sich doch ein schöner Kern, interessante Situationen, schöne Menschen. Es fand sich vor allen Dingen Spannung. Hier aber wirkt alles fad, Hamsuns Schreibstil ist grausam, schlecht, ohne Pfiff. Oft nimmt er vorweg, dann wechselt er von einer Zeit in die andere, von einer Betrachtung in eine Aussage, von einem Wort in einen Gedanken und kehrt dann wieder zurück in eine einfache Beschreibung. Schrecklich. Langweilige, eintönige Szenen und Wortwechsel. All das wirkt, als stammelt er einfallslos vor sich hin oder zieht all das ewig in die Länge.
Manchmal richtet Hamsun seine eigene, sowieso schon sehr eigenartige Stimme auch an seine Figuren. Zum Beispiel in der Betrachtung von Lolla:
Zitat von Hamsun
Aber Abel, du hättest sie damals sehen sollen, als sie nachts in deinem Motorboot in die Stadt brauste.


Wie kann man, wenn all das sowieso schon so knapp formuliert wird, noch solche Dinge dazwischen setzen? Oder so etwas:
Zitat von Hamsun
Vielen Dank für heute Nachmittag! sagte Clemens, grüßte und ging.
Die beiden, die zurückblieben sahen einander an.
Es entspann sich folgender Wortwechsel.

Bla bla…
All das, nachdem sie zuvor doch sowieso schon miteinander geredet haben. Grausam. Und dann, wenn man meint, es könnte sich ein kleiner Spalt Spannung öffnen, zum Beispiel gerade in diesem genannten Beispiel, als Olga und Abel allein bleiben und ihr Mann sie zurücklässt, da gucken sie sich doch tatsächlich an, erklären, sie könnten unter diesen Bedingungen nicht miteinander weggehen, geben sich die Hand und gehen auseinander. Was soll der Unsinn? Hamsun lässt alle drei Figuren auftreten, sich über nichts unterhalten, lässt Olga dann endlich erwähnen, dass sie sich mit ihrem Mann nicht mehr gut versteht, lässt den Mann dann gehen und… nichts geschieht. Alles verläuft im Sande, wie auch schon in einigen Szenen zuvor oder danach, z. B., als Robertsen Abels Unterschrift fälscht. Man denkt sich als Leser, da könnte etwas passieren, aber wenige Sätze später hat sich all das schon wieder geklärt. Sie weinten auf der Straße. Abel nahm die Sache in die Hand. Robertsen gab ihm die Hand. Gäääähn! Ein unheimlich schlechter Stil, eine grauenvolle Sprache, ein fürchterliches Buch, nichtssagend, mit sehr schlecht ausgebauten Figuren, banalen Situationen. Und immer wieder: nichts passiert. Hamsun kürzt ab, lässt Abel mal eben kurz mehrere Jahre überspringen, lässt ihn dann wieder auf den Straßen erscheinen, die Leute werden arbeitslos, in allen Haushältern bricht der Streit zwischen den Eheleuten aus, wo vorher friedliche Stimmung herrschte, der Frust macht sich breit, der Kummer und die Armut, selbst Olga und ihr Mann verstehen sich nicht mehr… ja gut, und weiter? Und dann springt der Autor von einer Figur zur nächsten, beschreibt mal da ein Gespräch um das Nichts, mal da ein Kleidungsstück, ohne, dass das alles auf irgendetwas hinausführt. Von Erotik spüre ich darin überhaupt nichts. Abel verkommt in seinem Nichtstun und in seiner eigenen Lustlosigkeit. Scheinbar hat er ein gute Herz, Hamsun macht sich aber kaum die Mühe, das auszuleuchten. Abel rettet einen Menschen oder verschenkt sein Geld. Er ist nicht, wie sein Vater, er gibt gerne, auch wenn er mit sich selbst nichts anzufangen weiß. Aber irgendetwas hat ihn ganz grausam abstumpfen lassen, vielleicht die unerfüllte Liebe zu Olga, andererseits verachtet er sie auch in ihrem oberflächlichen Wesen, oder eben der mysteriöse Tod seiner Frau, die vielleicht durch seine Hand gestorben ist. Sein Wesen leuchtet mir noch nicht ein. Das ganze Buch wirkt, als hätte Hamsun es selbst in größter Lustlosigkeit geschrieben.
Von Hamsun bin ich wesentlich Besseres gewöhnt. Ich hatte einmal gelesen, dass er auch Trivialromane schrieb, ich weiß nicht, ob das, was mir da im Kopf herumschwirrt, sich wirklich auf ihn bezog, aber … dieser Roman ... ist eindeutig in diese Kategorie zu ordnen. Nichts passiert, nichts wird gesagt, kein einziger guter Satz funkelt dazwischen. Langweile zieht sich von Zeile zu Zeile.
Mal eine typische Szene für den Eindruck:
Zitat von Hamsun
Die Alte lächelte und schüttelte den Kopf über ihre Torheit: Ja, Lolla hat mich mitgenommen.
Warum sollte sie auch nicht? Jetzt sind Ihre Kaktuspflanzen wohl abgeblüht?
Ja, aber sie sind doch immer noch schön. Wir haben zwei in jedem Fenster und den großen Stock auf dem Tisch.
In Kentucky wuchsen sie wild, sagte Abel zu sich selber.


Hm...

Alles, was mir als Leser im Moment übrig bleibt, ist das Mutmaßen, worauf das träge Spiel wohl hinauslaufen könnte, um eine eigene Form an Spannung zu erzeugen. Zum Beispiel, dass Abel seine Frau erschossen haben könnte und Lawrence im Gefängnis die Schuld für ihn absitzt. Das könnte der Grund sein, warum er ihm immer wieder Geld schicken will. Allerdings gelingt es Hamsun eben nicht, das alles geheimnisvoll durchschimmern zu lassen. Er macht es eher plump, lässt den Revolver verschwinden, worauf Abel dann erklärt, damit wäre seine Frau erschossen worden. Noja...
Oder die Geschichte um die beiden Armbänder, das eine, das er damals als Kind für sie geklaut hat und das andere, das er ihr später schenken will, und das Olga in beiden Fällen ablehnt und erst dann annehmen möchte, als sie Geld benötigt. Auch hier wieder die leise Enttäuschung für mich als Leser: Abel sagt kurzerhand zu, schlendert mal eben zur Kirche und hat direkt Werkzeug dabei, um in die Kirche einzubrechen. Ach Hamsun, hätte er doch wenigstens ein paar Lücken gefüllt... Vielleicht war das Armband ja auch von seiner Frau, vielleicht hat er ihr es gar entwendet, um es seiner "wahren Liebe" zu bringen, wer weiß. Dass Hamsun hier immer Szenen aufwirft und diese dann abrupt enden lässt oder einfach in die nächste springt, ohne, dass etwas passiert ist, ist anstrengend.

Immer mehr bekomme ich das Gefühl, dass das Lesen dieses Romans völlige Zeitverschwendung ist. Ich werde noch zwei, drei Kapitel lesen, wenn die Figuren dann immernoch im gleichen Sumpf vor sich hinvegetieren, dann pfeffere ich das Buch in die Ecke und widme mich wieder schöneren Zeilen.

Mal sehen, gespannt auf das, was passiert, bin ich keineswegs mehr...

Dich, werter Martinus, grüße ich herzlich,
gute Nacht
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 18.02.2009 02:11 | nach oben springen

#79

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 18.02.2009 16:03
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo Taxine,

oha, da machens das wie Somerset Maugham, gelle?

Zitat von Somerset Maugham
Kein Lesen ist der Mühe wert, wenn es nicht unterhält.


Also, quälen sollst dich mit alten Büchl. Es st richtig, das begonnene Spannungsmomente wieder im Sande versacken. Da fällt mit Alex\' Wut auf Abel ein, der ihn fast umgebracht hat mit seiner Pistole. Ein paar Seiten später ist wieder alles friedlich zwischen den beiden. Das andere was ich vermisst habe, was hat Alex denn erreicht, als er auf Wanderschaft war, was hat er überhaupt gemacht. Es ist war, es passieren dramatische Dinge, der Leser wird nur kurz darauf gestupst, und dann geht es irgendwie weiter.

Natürlich werden einige Stränge weiterhinverfolgt, aber Lücken dazwischen sind groß. Das Kapitel 4 fängt an mit

Zitat von Taxine
Dann schrieb Abel nicht mehr.


Erst sehr viele Kapitel später erfahren wir, dass seine Frau erschossen wurde. Man kann eigentlich kaum von einem Handlungsbogen sprechen, nur von Puzzlestückchen, die sehr viel später allmählich zusammengefügt werden. Über die genauen Umstände des Todes muss der Leser weiterrätseln. Hamsun verrät (noch) nichts. Es zieht sich schon in die Länge, etwas dröge, dass ist war. Aber gerade bin ich zum zum 15. Kapitel gelangt und dort tut sich mir etwas auf. Es geht um Abels Lebenstil, seinen Unwillen, etwas erreichen zu wollen:

Zitat von Hamsun"
Es wurde nach und nach ein immer unwirklicheres Leben, die innere Wahrheit war daraus entschwunden. Er hätte es wohl kaum ausgehalten, wäre er es nicht von seinen Jahren in Kentucky her gewohnt gewesen; so aber waren es nun unglaublich gute und gemütliche Tage für ihn.


Mit seiner Lebenssituation , er hat nichts, darum kann er auch nichts verlieren, damit fährt er ganz gut. Will Hamsun nicht hier eine Person stilisieren, die mit sich selber zufrieden ist, und nicht viel haben muss? Natürlich ist er ein Außenseiter, er tut aber für seine Mitmenschen gutes, so weit es ihm möglich ist. Im Gegensatz zu Abel steht Alex mit seiner Familie. Abel hat ein Haus, es droht aber ein Verlust des ganzen Hauses. Alex hat es im Gegensatz zu Abel besonders schwer, eben darum, weil er eine Familie hat und natürlicherweise besorgt ist, weil er einige Jahre schon arbeitslos ist (Abel ist auch ohne Arbeit, aber er hat kaum etwas, ist trotzdem glücklich).

So sagt Alex:

Zitat von Hamsun
Von mir aus kann alles gehen, wie es will, es handelt sich aber um die Kinder und um Lili. Ich für mein Teil könnte ja wieder in die weite Welt hinaus und an viele Orte reisen; aber das geht nicht so gut, es ist wieder etwas Kleines unterwegs, so kommt gleich alles auf einmal


Abel und Alex ähneln ziemlich einander, bloß hat der eine viel zu verlieren, der andere nicht.

Olga verliert auch etwas, nämlich ihren Ehestand: Sie lässt sich scheiden.

Also Taxine, das ist die Philosophie des Romans: Nicht an das Habenwollen gebunden sein, macht glücklich. Und so lebt Abel sehr sorglos in die Tage und Wochen hinein.

Zitat von Hamsun
"Lebst du vollkommen allein hier im Schuppen?"
"Dann und Wann besucht mich eine Katze.


Das gefällt mir, weil hier die Philosophie flimmert.

Zitat von Taxine
Und dann, wenn man meint, es könnte sich ein kleiner Spalt Spannung öffnen...


wird die Spannung abgewürgt. Da gebe ich dir völlig recht. Auf vielen Seiten schweift der Text ziellos herum, aber, seit diesem 15. Kapitel habe ich etwas mehr Hoffnung noch, da hier die Philosophie zum Glühen kommt.

werteste Leserin, ich lese weiter und sieh' auch nach, was Ferguson, des Norwegers Biograf, über den Roman sagt.

Liebeste Grüße
mArtinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 18.02.2009 16:07 | nach oben springen

#80

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 18.02.2009 16:33
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge
Ach, wertester Martinus, ich lese halt weiter, irgendwie ist mir der Hamsun als Schriftsteller eben doch (aus seinen anderen Romanen) sympathisch, dass ich ab und zu - wirklich keuchend (er hat doch noch nie so furchtbar formuliert???) - über seine schlechte Schreibweise hinwegsehe.
Aber, wo wir noch beim Aufzählen sind: Du sagst es. Alex geht weg, kommt wieder, und ganz nebenbei wird dann mal knapp erwähnt, dass Abel und Lili die ganze Zeit ein Verhältnis hatten, nein, nicht nur das, dass er sogar der Vater der zwei letzten Kinder ist. Hat Hamsun hier möglicherweise selbst die Zeit nicht mehr ganz so im Auge? Dass sie nicht einfach verschwindet, bloß, weil die Menschen auseinandergehen und wiederkehren? Das wirkte alles, als ob Alex für einige Wochen oder Monate weg ist, scheinbar waren es dann aber doch ein paar Jahre. Dann kommt er zurück, für uns als Leser, ist Abel zum ersten Mal bei Lili, übernachtet dort, schreckt dann hoch, weil Alex gerade in diesem Moment zurückkehrt (so wirkt es zumindest auf den Leser), ihn dann mit dem geklauten Revolver anschießt (wie lapidar diese ganze Szene… ich konnte es kaum fassen! Und, wo und wann geklaut? Unter welchen Bedingungen? Eine Art Schuldgefühl Abels, dass er mit dem Revolver angeschossen wird, mit dem seine Frau erschossen wurde???), wenige Augenblicke und Zeilen später schließlich Lili das Fremdgehen verzeiht, bis sich alles wieder irgendwie einrenkt. Was mich bewegt hat, doch weiter zu lesen, als ich dachte, war die kleine Regina (die einzige Tochter von Alex und Lili). Das Mädchen, das Bibeln und geistliche Schriften verkauft und dabei auch in Andeutungen sich selbst verkauft, siehe der Mann, auf dessen Schoß sie sich für den Verkauf ihrer Schrift setzen sollte. Auch finde ich - endlich - einen Zugang zum Wesen der weiblichen Figuren, insbesondere Lili, die hier auch noch unverschämt wird, obwohl Abel ihr geholfen, das Haus gekauft hat und auch immernoch hilft. Die Not macht aus den Menschen ein Raubtier. Lili und Olga verdeutlichen das am besten. Die eine pocht auf ein nicht vorhandenes Recht, die andere lässt sich scheiden, weil sie einen reicheren Mann im Auge hat. Wie wir jetzt sehen, hat das Ganze mit Abel nichts zu tun. Er war nie gut genug für sie, und in seiner Art zu handeln und zu leben, ist er nur gut genug, solange er Geld hat. Diese Dinge werden angedeutet. Es bleibt uns als Leser somit nichts anderes, als die Lücken, die Hamsun weitläufig gestreut hat, selbst zu füllen. Und durch deinen Hinweis auf das 15. Kapitel, habe ich doch etwas Hoffnung bekommen.
Ja, der Sinn des Romans ist durchaus einleuchtend. Hier ist der anspruchslose Abel, der sich nicht anpasst, der von den Meinungen hin und her gestoßen wird, ohne an seinem Zustand etwas zu ändern. Die anderen pochen darauf, dass er etwas machen, etwas werden muss, während er durch das Leben geprägt, mit kleinen Dingen zurecht kommt. Überhaupt ist er der Einzige, der sich wirklich zu helfen weiß. Das wird auch in den Worten Clemens zu Lolla schön sichtbar:
Zitat von Hamsun
Er will nichts werden, sagte Lolla.
Nein. Aber ist denn das so unbedingt notwendig? Ist er selbst unglücklich darüber?
Ich weiß nicht. Es setzt ihn aber so herab.
Empfindet er es so?
Das glaube ich nicht.
Na also. Wir anderen bringen es zu dem bisschen, was wir sind, weil wir so durchschnittlich sind. Er ist aus einem Grenzland, das uns unbekannt ist.



So, im Nachdenken, zeigt sich, dass die Armut und die Not die Leute kleinlich und hilflos macht, während sie, durch ihre Art der gesellschaftlichen Anpassung und dem Streben nach einer Position oder, indem sie etwas "geworden sind", trotz allem nicht gegen Bedrohungen wie Inflation oder Zusammenbruch von Aktien oder des Sägewerks gewappnet sind. Sie vergessen über den Blick des "Who is who" all das, worauf es im Leben ankommt. Das Miteinander, die Liebe, das Glücklichsein ohne den materiellen Wert von Dingen und Besitz. Sie verlieren alles und kehren auf einmal ihr liebes Gesicht in das zähnefletschende, das die Not und der Hunger aus ihnen allmählich formt. Abel dagegen lebt diesen Zustand schon lange. Das Geld seines Vaters war eine Nebensache für ihn, es hat ihm nichts bedeutet. Solange es da war, hat er es geteilt und ausgegeben, wo es dann verbraucht war, hat es ihm nichts ausgemacht. Hier stellt sich die Frage: Wer ist besser dran? Und es zeigt sich, dass der anspruchslose Mensch in jeder Bedingung mehr begriffen hat, dass er die Freude in sich selbst trägt, dass ihm äußere Umstände nichts anhaben können. Wo uns Abel vorher als faul und unbeständig erschien, so ist er tatsächlich nur bedürfnislos, ein Mensch, der sich im Leben treiben lässt und geduldig hinnimmt, was auf ihn zukommt.
Und das wird wahrscheinlich noch einiges sein, denn im guten Glauben und aus der eigenen Unentschlossenheit heraus muss er sich trotz allem den materiellen Dingen und Bedingungen stellen. In seiner Hilfe für die anderen Menschen hat er sich unabsichtlich einige Schulden aufgelastet.

Ich grüße dich aus der Leserseele,
so lesen wir weiter
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 18.02.2009 16:58 | nach oben springen

#81

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 19.02.2009 16:25
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo Taxine,

ein Zitat von uihnen:

Zitat von Taxine

Ja, der Sinn des Romans ist durchaus einleuchtend. Hier ist der anspruchslose Abel, der sich nicht anpasst, der von den Meinungen hin und her gestoßen wird, ohne an seinem Zustand etwas zu ändern. Die anderen pochen darauf, dass er etwas machen, etwas werden muss, während er durch das Leben geprägt, mit kleinen Dingen zurecht kommt.


Da ist auch Olga die ihn fragt ob er heiraten wolle. Abel reagiert inzwischen schon humorvoll auf solche Gedankenanstöße:
Zitat von Hamsun

Ja eigentlich müßte ich jemand haben, der sich um das Melken und die Hühner und das Strümpfesticken bei mir daheim kümmert.(Kap.18 )


Abel ist inzwischen Kapitän eines Dmpfers geworden, der an der Küste entlangfährt, und Milchkübel an die Leute bringt. So ein normaler Beruf, kann Abel aber nicht glücklich machen:
Zitat von Hamsun

Der tägliche Stumpfsinn, einmal in Schwung gesetzt, blieb immer dasselbe, ohne Abwechslung, sanft am Leben erhalten durch Milchkübel, die an Bord kämen, und Milchkübel, die an Bord kamen. War das auszuhalten? (Kap.21)


Abel braucht seine Bindungslosigkeit und Freiheit. Vielmehr als um sich selbst, ist er besorgt um Alex' Haus und um Lawrence, er wird wieder auf Reisen gehen.

Robert Ferguson, Hamsuns Biograf ("Knut Hamsun - Leben gegen den Strom"):
Zitat von Ferguson

Immer wieder erinnert uns das im Grunde genommen Paradoxe an Abels Existenz, die paradoxen und unmoralischen Bemerkungen, die er macht, an den rätselhaften Stil von Laotse oder Chuangtse. Stärker als jedes andere Geschöpf Hamsuns ist er die bewußte rätselhafte Person, das lebendige Zen-Rätsel, vor dem jegliches konventionelle Moral-und Kulturverständnis in irritiertem Erstaunen zurückschreckt, und es besteht wenig Zweifel, daß Hamsun in Abel den Weisen schlechthin darstellen wollte, den Menschen, der >>den Weg<< gefunden hat. Das Leben, das er führt - sich wie Wasser treiben zu lassen, sich um nichts zu bemühen, außerhalb der Beschränkungen, die an die Gesellschaft mit den Worten >>richtig<< und >>falsch<< bezeichnet hat zu existieren -, kommt dem idealen Leben des taoistischen Weisen nahe.


Was für eine schöne Interpretation und wir waren dem Philosophiegeflimmer ja schon auf der Spur. Toll.

Liebe Grüße
mArtinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 19.02.2009 16:30 | nach oben springen

#82

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 19.02.2009 18:05
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge
Werter Martinus,

danke für den Ferguson'schen Einblick, ich bin jetzt bis ins 23 Kapitel vorgestoßen. Was mir auch noch aufgefallen ist: Abel, in seiner Armut und Bedürfnislosigkeit, scheut sich trotzdem nicht zu klauen. Zum Beispiel stiehlt er ja die Kiste mit Lachsdosen - hier ein guter Widerspruch, den Hamsun für den Leser kreiert: Abel hat nichts zu essen, bricht in den Zugwagon ein, findet ausgerechnet edlen Lachs, will noch Dosen mit Fleisch und Würstchen finden, wobei er dann erwischt wird und sich ganz hervorragend wieder herausredet. Da zeigt sich doch, wie geschickt er ist, wie sein Überlebensinstinkt arbeitet, den er auch mit Lawrence im "Dorf der Neger" gefestigt hat. Wie er dann seinen Besuchern im Schuppen den edlen Lachs anbietet und Lili oder Lolla fragen, ob er nicht noch etwas anderes da hat. Welch Ironie. Der Hunger wird mit Delikatessen bezwungen. Oder an anderer Stelle nimmt er Waffeln von Lilis Mutter. Er klaut aus der Not heraus, allerdings ohne schlechtes Gewissen. Er nimmt, was er findet. Bei der Waffelfrau gibt er zurück, indem sie nachher auf seinem Schiff verkaufen darf. Hier dann auch wieder: weil ihm alles gleichgültig ist, sollen sich andere darum kümmert, dass die Frau keine Fahrkarte hat. Dann wiederum setzt er sich für sie ein. Auch für den Friseur, der ihm in der Not umsonst den Bart rasiert und ihm das Messer geschenkt hat. Diese ganzen Gegensätze sind interessant gestaltet. Abel macht sich nichts aus Geld, er fühlt sich auch nicht wohl in einer "höheren Position", selbst Olga wimmert etwas, gibt zu, den neuen Mann nur darum geheiratet zu haben, weil "sie nicht ohne Taschengeld sein konnte". Sie deutet an, dass es ihr etwas leid tut, dass sie Abel immer von oben herab behandelt hat, scherzt, dass er ihr geheime Briefchen schreiben könnte, verwirft den Vorschlag dann ganz schnell. Abel selbst aber bedeutet all das nichts, darum flieht er auch wieder. Für Lolla bricht alles zusammen, was sie sich über ihn aufgebaut hat. Es zeigt sich, dass Lolla als Mensch eigentlich sympathisch ist, man hofft, dass sie irgendwann mit Clemens zusammen kommt, vergisst hin und wieder, dass sie tatsächlich genauso berechnend ist (wenn nicht schlimmer), wie alle anderen Frauen in Hamsuns Roman. Die Männer sind auch nicht besser dran. Die einen sind nicht gerade sehr schlau, die anderen Nichtsnutze. Auch Alex hat mit einer anderen Frau Kinder gezeugt. Überall herrscht Lug und Betrug. Für mich ist Abel in seiner Unabhängigkeit, der sich in manche Situationen nur darum drängen lässt, weil es ihm gleichgültig ist, weil er keinerlei Kraftaufwand aufwendet, um sich dagegen zu wehren, der einzige ehrliche, vielleicht sogar "wahre" Mensch, einer, der nicht hinterhältig ist, auch wenn der Diebstahl zu seinen Überlebenstaktiken zählt. Seine Antriebslosigkeit herrscht nur dort vor, wo er in etwas gedrängt wird, wo er etwas sein soll. Er scheut sich aber nicht, zu reisen oder ein Leben zu retten.

Liebe Grüße
Taxine



Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 19.02.2009 18:25 | nach oben springen

#83

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 20.02.2009 14:43
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo Taxine,

Zitat von Taxine
selbst Olga wimmert etwas, gibt zu, den neuen Mann nur darum geheiratet zu haben, weil "sie nicht ohne Taschengeld sein konnte". Sie deutet an, dass es ihr etwas leid tut, dass sie Abel immer von oben herab behandelt hat, scherzt, dass er ihr geheime Briefchen schreiben könnte, verwirft den Vorschlag dann ganz schnell. Abel selbst aber bedeutet all das nichts, darum flieht er auch wieder.


Olga hat materiell alles was sie braucht, ist aber unglücklich und unzufrieden, egal mit wem sie gerade verheiratet ist. Sie ist die wirklich tragische Figur im Roman.

Zitat von Hamsun
...eine Dame , die nichts zu tun hatte und unbefriedigt war, heftig und zärtlich, hysterisch.


Ihre verdeckte Zuneigung zu Abel, was sich nie zu einem Liebesverhältnis enrwickelt hat, ist wohl die Ursache für ihr Unglück. Abel mochte sie auch, kann sich aber nie binden, weil er sehr sprunghaft ist - mal ist er in der Heimat und dann wieder weit weit fort. Kein Typ, mit dem sie eine Familie hätte gründen können. Olgas verliebte Anspielungen sprechen für sich, dass der Eros in ihr heftig rumort. Das Gegenstück ist Abel, der ziemlich selbstlos ist, wie oben schon besprochen wurde. Das macht sich wieder bemerkbar in der Szene, wo er erklärt, dass es nichts bringt, wenn er Geld für die Zukunft zurücklegt. Das er stiehlt spricht gegen die Interpreation von Ferguson's Theoroe, er lebe dem Taoismus nahe. Ich denke, ein wahrer Zenschüler würde eher betteln als stehlen. Trotzdem eine sympathische Figur, der ja alle seine Probleme bereinigen will, z.B. die Sache mit Lawrence.

Lolla hat ihre gute Partie gezogen, Lilli eine Frau mit Herz, Alex mürrisch. So gehen die Figuren aus dem Roman dahin.

Die zweite Romanhälfte war nicht so zerhackt und in der Luft hängend wie die erste Romanhälfte. Darum hat Hamsun letzten Endes doch wieder meine Sympathien gewonnen.

In diesem Jahr werde ich noch die Trilogie "Der Wanderer" lesen.

Liebe Grüße
mArtinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 20.02.2009 14:44 | nach oben springen

#84

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 22.02.2009 10:50
von Patmos • 17 Beiträge

Überredet, überredet, überredet!

Gibt es eine gute (kommentierte) Werkausgabe von Hamsun?

Lieben Dank,

Peter

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#85

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 22.02.2009 11:38
von Martinus • 3.194 Beiträge
Hallo patmos,

Aufgrund von Recherchen konnte ich keine aktuelle Gesamtausgabe der Werke Hamsuns ausfindig machen. Man bediene sich antiquarischer Gesamtausgaben, bzw. Gesammelter Werke in den bekannten Onlineantiquariaten.

Als Kommentar bediene man sich der schon oft genannten Biografie von Robert Ferguson, "Knut Hamsun, Leben gegen den Strom." Man kann das nicht oft genug herunterbeten (antiquarisch).

Liebe Grüße
mArtinus



„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 22.02.2009 11:41 | nach oben springen

#86

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 22.02.2009 20:57
von Patmos • 17 Beiträge

Danke, Martin,

ich habe da eine Hamsun Werkausgabe unter den Tempelklassikern gefunden, die mir sehr zusagt. Um die Biographie von Ferguson werde ich mich kümmern und so hat man dann sein Tun. Übrigens, die Nordischen haben wohl immer so einen Hang zur Wehmut und Welttraurigkeit, als junger Knabe las ich Nexös Ditte Menschenkind und werde wohl die Ditte mein Leben lang nicht mehr vergessen. Auch Strindberg ist so ein wenig..., aber hier geht es ja um Hamsun.

Liebe Grüße,

Peter

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#87

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 11.06.2016 18:09
von Taxine • Admin | 5.884 Beiträge

Und wo ich gerade schon einmal hier bin, eine kleine, geteilte Freude.
Wie schön, dass ich es endlich geschafft habe, auch dieses Werk von ihm zu lesen, zumal die anderen Bücher mehr als dürftig waren.
„Segen der Erde“ reiht sich damit in meine Beliebten-Trilogie und steht an der glorreichen Seite von „Hunger“ und „Mysterien“, wobei ich fast gar nicht mehr daran geglaubt habe, dass Hamsun mich noch einmal packt, da mir nicht einmal „Pan“ gefallen hat.
Hamsun hat auch viel Schund geschrieben. Das kann ich nicht anders sagen. Aber dieser Roman, für den er den Nobelpreis bekam, hat mich sehr gefesselt und in allem erreicht.
Er handelt grob (Martin hat ja schon viel ausführlicher berichtet) von Menschen, die sich im Ödland ein Leben aufbauen, zeigt dem Leser ihre Sorgen, ihre Mühen, die Arbeit, die Probleme und Erfolge. Es ist ein sehr einfaches, aber so liebevoll geschriebenes Buch mit wunderschönen Charakteren.
Darunter auch die Frau und der Mann als Einheit und die Versuchungen, die ein eher karges und hartes Leben dennoch mit sich bringen, wobei der Zusammenhalt dann auch siegen kann, bei anderen von Lug und Trug begleitet wird.
Das Aufwachsen der Kinder, für die eine Zukunft geformt werden muss, neben dem damaligen Problem der Kindstötung, sind ebenfalls eine wichtige Auseinandersetzung im Buch, da Abtreibung in solchen Gebieten, und auch darüber hinaus, noch kaum ein Thema war und schwer bestraft wurde. Die Mütter erhielten dabei häufig sogar eine lebenslängliche Haftstrafe. Hier wird der Versuch gestartet, die Bedingungen menschlich und juristisch zu betrachten.

Ein weiteres Thema ist das Land- und Stadtleben in den Vorzügen und Nachteilen, wobei das Landleben in Hamsuns Augen eine entschieden bessere Wahl ist, während Menschen für das Stadtleben geeignet sein müssen. Für Hamsun ist eindeutig, dass in der Stadt Regeln und Luxus herrschen, die auf dem Landleben keinen Sinn ergeben und auch völlig überflüssig sind. Verdeutlicht wird das durch seinen ältesten Sohn Eleseus.

Der allmähliche Aufbau des Gehöfts von Isak, der, trotz seines einfachen Gemüts, ein glücklicheres Leben als die gewitzten und kaufmännisch geschickten Menschen führt, obwohl er im Nirgendwo mit einer einfachen Torfhütte begann, ist wunderbar mitzuverfolgen. Im Grunde führt der Roman auf zwei Lebensweisheiten hinaus, die zum einen sagen, das Leben sollte immer wertgeschätzt werden (was gelingt, je mehr Raum man der Natur zugesteht) und zum anderen, dass der Aufbau durch Arbeit und Fleiß ein zufriedenes Leben ermöglichen kann. Wer versucht, dagegen anzukämpfen, wird auch mit mehr Leid konfrontiert sein.
So einfach diese Lebensregeln scheinen, so gut hat sie Hamsun nach seiner ganz eigenen Art in Wort und Bild gesetzt. Der Roman ist alles andere als eine biedere und trocken aufgebaute Story. Im Gegenteil ist hier etwas Lebendiges zu finden, das in der Wirkung eigenartig auf den Leser übergeht.

Die beiden Grundaussagen drücken sich auch in folgenden Zitaten aus.
Einmal:

Zitat von Hamsun
„Der Mensch und die Natur bekämpfen einander nicht, sie geben einander recht, sie treten nicht in Wettbewerb, laufen nicht um die Wette irgendeinem Vorteil nach, sie gehen Hand in Hand.“



Zum anderen über die Menschen, die nicht auf ihr Inneres und die Natur hören:

Zitat von Hamsun
„Der Fehler ist, dass sie nicht im Takt mit dem Leben schreiten wollen, sie wollen rascher gehen als das Leben, sie jagen, sie treiben sich selbst wie Keile ins Leben hinein. Aber dann sagen ja ihre Flanken – halt, es knackt, such einen Ausweg, halt inne, die Flanken! Dann zerbricht sie das Leben, höflich, aber bestimmt. Und dann beginnen die Klagen über das Leben, das Toben gegen das Leben. (…) Man sollte das Leben nicht hart und streng beurteilen, man sollte barmherzig gegen es sein und es verteidigen: bedenke doch, mit welchen Mitspielern das Leben sein Spiel spielen muss!“.



Nicht umsonst wählt Hamsun für seine Protagonisten biblische Namen. Sie verkörpern das gläubige, bescheidene Leben, das ihnen neben Kampf und Entbehrung auch Lohn bringt, eben jenen „Segen der Erde“, mit dem der Roman als Titel überschrieben ist.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 11.06.2016 19:31 | nach oben springen

#88

RE: Knut Hamsun

in Die schöne Welt der Bücher 14.06.2016 03:13
von LX.C • 2.673 Beiträge

Na. Von dem hat man ja hier auch schon lange nichts mehr gelesen


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
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