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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#46

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 09.04.2012 18:01
von Patmöser • 1.080 Beiträge

Scheint so, als ob sich die immer so gern "andienende" Journaille an das eigene Bein gepinkelt hat. Diese "ach so völkischen" Reaktionen hat man nicht erwartet und schwenkt nun ganz sachte um.
Was die ganze Sache dann noch ekelhafter macht.
Egal, ich habe heute nachmittag MRR Buch (Mein Leben) erfolgreich an die Frau gebracht, ich konnte dieses "Antlitz" des fleischgewordenen Größenwahns schon lange nicht mehr sehen. Denn sein menschenunwürdiges "Duett" mit Frau Löffler, das habe ich ihm niemals vergessen können.
Damit ist diese Angelegenheit für mich erledeigt, soll heißen - meine Linklisten sind merklich weniger geworden.

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#47

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 09.04.2012 18:45
von Taxine • Admin | 5.962 Beiträge

Ja, der Schuss ging nach hinten los.
Ich hätte mich auch gewundert, wenn die Einheits-Ansicht weiter so vehement wie am Anfang vertreten worden wäre, wo sie mit der Mehrheit der Menschen nicht übereinstimmt und sich die kritischen Gegenstimmen immer häufiger hervorwagen (insbesondere, wenn sie aus Israel selbst kommen und den deutschen Medien den Vogel zeigen). Das hätte bedeutet, dass das persönliche Einschätzungsvermögen der Menschen einem widerlichen Gleichdenkergeist gewichen wäre, der einfach nachbellt, was ihm (in den Medien und politischen Ansichten) vorgegeben wird, der altbekannt ist und grundsätzlich bedenklich und gefährlich... Das hätte auch bedeutet, dass die Medien ihre Grenzen nicht sehen und weiter dumm und blind, den Tatsachen gegenüber, gegen eine Wand rennen (das hat ja dennoch lange genug gedauert). Einschüchterungsversuche mittels geschichtlichen Mustern und Leid können die öffentliche Meinung zwar (gerade bei diesem sehr sensiblen Thema) stark beeinflussen und unsicher machen, dennoch, wie sich gezeigt hat, nicht unterdrücken (und das natürlich auch Dank des Internets). Das war nun wirklich auch zuviel des Schmierentheaters, und all die, die ihre Klappe nicht (wenigstens) halten konnten, haben gezeigt, wer sie sind und was für eine Rolle sie in den Medien spielen.

Zitat von Patmos
Egal, ich habe heute nachmittag MRR Buch (Mein Leben) erfolgreich an die Frau gebracht, ich konnte dieses "Antlitz" des fleischgewordenen Größenwahns schon lange nicht mehr sehen.


Hehe... du trennst dich von der Biografie eines Größenwahnsinnigen, und ich lege mir eine zu, nämlich dann eben doch noch die von Grass.
Als seine Biografie damals erschien, habe ich mich diesem Medienhype dann doch lieber entzogen und mich bewusst dagegen entschieden, nun bin ich neugieriger geworden und möchte wissen, was er da so schreibt.
Ob man nun Grass als Schriftsteller schätzt oder nicht, ist immer individueller Geschmack, dass er aber für die Wahrheit eintritt und trotz der Vorgaben, was sich gesagt gehört und was nicht, ausspricht, was er denkt, das verdient meine Achtung.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 09.04.2012 18:56 | nach oben springen

#48

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 09.04.2012 18:58
von Patmöser • 1.080 Beiträge

Zitat von Taxine

Als seine Biografie damals erschien, habe ich mich diesem Medienhype dann doch lieber entzogen und mich bewusst dagegen entschieden, nun bin ich neugieriger geworden und möchte wissen, was er da so schreibt.




Im allgemeinen Hickhack der SSerei ist die Leistung der typisch Grassischen Erzählwut, damals, leider nur von wenigen gewürdigt worden. Daher - nur zu empfehlen, denn hier erzählt Grass wie lange nicht mehr.
(Vorausgesetzt, man nimmt die typisch güntherianischen Hudeleien nicht allzu ernst, aber ansonsten-wirklich lesbar!)

Und der Schüttelfrost erzählerischen Wirrwarrs, wie bei seinem ossiotischen "Fontipsychosen", der bleibt einem hier wirklich erspart.

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#49

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 09.04.2012 19:04
von Taxine • Admin | 5.962 Beiträge

Zitat von Patmöser

Im allgemeinen Hickhack der SSerei ist die Leistung der typisch Grassischen Erzählwut, damals, leider nur von wenigen gewürdigt worden. Daher - nur zu empfehlen, denn hier erzählt Grass wie lange nicht mehr.
(Vorausgesetzt, man nimmt die typisch güntherianischen Hudeleien nicht allzu ernst, aber ansonsten-wirklich lesbar!)


Andererseits stelle ich es mir immer schwierig vor, über sich zu erzählen, wenn man sich den Lesern noch stellen muss. Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit lässt sich ja auch dadurch etwas eingrenzen, indem man nur erzählt, wozu man Lust hat und vieles einfach weglässt. Grass sagte ja so etwas wie: es musste endlich raus... oder so ähnlich. Naja... ist alles nicht so einfach in der heutigen Zeit, gerade in diesem ganzen Biografie-Wahn von z. B. C-Promies, die man schon in den Medien nicht erträgt, die dann von ihren Erfahrungen und Leben und Begegnungen berichten. So etwas zu lesen, macht wirklich nur Sinn und Spaß, wenn jemand interessant genug ist. Die meisten sind es nicht, da rettet auch keine großspurige Biografie von begabten Ghostwritern. Manchmal wünschte ich mir in dieser Hinsicht... nun ja... mehr Demut.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 09.04.2012 19:07 | nach oben springen

#50

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 09.04.2012 19:13
von Patmöser • 1.080 Beiträge

Zitat von Taxine
Manchmal wünschte ich mir in dieser Hinsicht... nun ja... mehr Demut.



Ich selbst hätte diese Demut nicht, denn ich bin mir selbst alles andere als "grün". Aber das wäre schon wieder eine ganz andere Geschichte, liebes Taxinchen.
Ich höre gerade nebenbei (Telefon), eines lieben Freund Wauwi ist heute gestorben..., nun denn, wird ein traurige abend...

Dir alles Feine, Taxinchen

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#51

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 09.04.2012 19:15
von Taxine • Admin | 5.962 Beiträge

Zitat von Taxine
Andererseits stelle ich es mir immer schwierig vor, über sich zu erzählen, wenn man sich den Lesern noch stellen muss.



Dann aber wiederum ist es für den Leser gleichfalls erträglicher, wenn ein Schriftsteller sich selbst zu einer "Beichte" und Biografie entschließt, als dass nachher seine Tagebücher vermarktet werden oder die ganzen Aasgeier der Biografen ihre schnaufenden, nach Sensation gierenden Riecher über ein Leben senken (und ihre Sicht der Dinge entwerfen).
Man ist da ja auch immer so hin- und hergerissen, gerade in diesem Bereich an Menschen und Ansichten. Ich les' so etwas ja sehr gerne.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 09.04.2012 19:19 | nach oben springen

#52

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 09.04.2012 19:16
von Taxine • Admin | 5.962 Beiträge

Zitat von Patmöser

Ich höre gerade nebenbei (Telefon), eines lieben Freund Wauwi ist heute gestorben..., nun denn, wird ein traurige abend...

Dir alles Feine, Taxinchen


O... das tut mir leid. Dir auch alles Gute, lieber Patmos.




Surreale Vorstellungen
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#53

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 10.04.2012 00:56
von Martinus • 3.195 Beiträge

Zitat von Taxine


Zitat von Patmos
Egal, ich habe heute nachmittag MRR Buch (Mein Leben) erfolgreich an die Frau gebracht, ich konnte dieses "Antlitz" des fleischgewordenen Größenwahns schon lange nicht mehr sehen.


Hehe... du trennst dich von der Biografie eines Größenwahnsinnigen, und ich lege mir eine zu, nämlich dann eben doch noch die von Grass.
Als seine Biografie damals erschien, habe ich mich diesem Medienhype dann doch lieber entzogen und mich bewusst dagegen entschieden, nun bin ich neugieriger geworden und möchte wissen, was er da so schreibt.
Ob man nun Grass als Schriftsteller schätzt oder nicht, ist immer individueller Geschmack, dass er aber für die Wahrheit eintritt und trotz der Vorgaben, was sich gesagt gehört und was nicht, ausspricht, was er denkt, das verdient meine Achtung.




Werteste Taxine, meinen Sui "Dadd Häuten der Zwiebel" oder "Mein Jahrhundet". Ich denke das erste. Lesen will ich beide. Könnte einem ja doch leid tun, das die Kritik teilweise ziemlich wild über diese Bücher gefahren ist. Aber die eigene Meinung bildet sich immer bei Selbstlektüre und manche Kritiken von der "Zwiebel" sind auch wohlwollend. Ich fand seinen Badtour zur SS nicht so schlimm. Wir müssen bedenken, er war siebzehn Jahre alt und ist dort mal kurz hibńeingerutscht. Aber vorher kommen mir "Sämtliche Gedichte" ins Haus (dtv). In dem Gedicht "Was gesagt werden muss" konnte ich bisher nicht erkennen, warum das ein Gedicht ist. Ich nehme mir das in dieser Hinsicht noch einmal unter die Lupe.

Im Eifer des Gefechts unter dem Eindruck der Schelte habe ich zwei Gedichte (vielleicht sind das ja welche ) formuliert. Man könnte sie als gegenwärtige Stimmungen bezeichnen. Mehr kann und will das zügig zusammengeschriebene nicht sein. Wenn ich in fünf Jahren darauf schaue, erinnere ich mich an ein wildes Ostern 2012. Eines davon setzte ich mal hier hinein;

Mit Günter Grass in die atomwaffenfreie Zone - Wider dem synchrongeklonten Geisteskollaps


Meinungen ziehen über das Land

hält die Demokratie das stand?

Meinungsvielfalt ist üblich,

Geistesfreiheit natürlich.


Aber wenn kreischen synchron

Stimmen durchs Megafon,

lodert gefährlicher Brand.

Wars das Deutschland?


Wir wollen nicht brennen im Klonbreigelaber.

Wir wollen buntes Meinungsgeschnatter.

und wird mal Benjamin N. kritisiert,

dann ist das kein Problem, garantiert.


Falsch gedacht. -


Mediengemunkel

brennt wie eine Furunkel.

Manche Pseudoklugeliten

motzen scharf mit Biss Leviten.


Schaurig die geklonten Geister,

Sie kleben in ihrem Gleichklangkleister.

Demokratie hat andere Meister.


Dichter und Denker,

keine Flachdenker.

Wir brauchen gewitzte Denker,

auch denkende Dichter.


Meinungsvielfalt kunterbunt.

Löscht den Gleichschaltungsverbund!


Neu ist das nicht,

das zu sagen ist Pflicht:

Atombombe ist Teufelei,

Teufelsbrand keine Spielerei.


Nicht rückwärts -

vorwärts in die Atomwaffenfreie Zone

Frieden -

Dieser Vorschlag, ein alter Hut.

Weiß ich auch. Aber gut.


(09.04.2012)

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)
zuletzt bearbeitet 11.04.2012 06:31 | nach oben springen

#54

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 10.04.2012 10:29
von LX.C • 2.726 Beiträge

MRR spricht in der FAS davon, dass Grass aussprechen würde, was doch alle wüssten und dass man dies aber nicht öffentlich sagen dürfte. Hallo? Geht’s noch? Das ist tatsächlich der Wille und Aufruf zur Meinungs- und Medienzensur! Ich finde auch, dass die Tatsachen total verdreht werden. MRR gebetsmühlenartig in dem Interview vom Sonntag, dass Grass gegen die Israelis hetzen würde und von einer Gemeinheit, immer wieder und wieder von Hetze und Gemeinheit, ohne ein einziges stichhaltiges Argument anzubringen. Er wurde dabei in meinem Empfinden mit jeder Wiederholung dieser Schlagwörter selbst zum gemeinen Hetzer. – Denn in Grass Gedicht steht nicht einziges deformierendes Wort.

Zitat von Taxine
Was hat das alles denn mit den Nazi-Verbrechen zu tun? Rein gar nichts. Diese werden immer wieder als Begründung angeführt, um damit die aktuell gefährlichen Entwicklungen herunterzuspielen



Mit den Verbrechen der NS-Zeit gegen die Juden hat das insofern etwas zu tun, dass diese als Gründungsmythos nationbildend festgeschrieben sind. Unter anderem wird mit den NS-Verbrechen der Staat Israel gerechtfertigt, implizit dem Selbstverständnis, dass Israel alles daran setzen wird, zu verhindern, sich jemals wieder in eine Opfer-Rolle zu begeben. – Vergessen wir nicht die aggresiven antisemitischen Hasspolemiken Irans. - Das, finde ich, erklärt schon das Verhalten Israels, zumindest aber dessen politisches Selbstverständnis, ohne dieses in den einzelnen Auswirkungen billigen zu wollen.

Zitat von Taxine
Israels Reaktion war vorhersehbar.



Ich habe die Sanktion gegen Grass so nicht erwartet. Israel schließt sich damit doch selbst aus dem westlich demokratischen Verständnis aus. Für mich sind das totalitäre Methoden, die, wenn ich von „Person non grata“ und „Einreiseverbot“ höre unangenehme Assoziationen bei mir wecken. Bei jemandem, der wirklich gegen das Volk oder die Religion hetzen oder den Holocaust leugnen würde, könnte ich es absolut verstehen. Aber nicht bei einem Schriftsteller, der sich - ohne zu hetzen! -, um den Weltfrieden sorgt.

Öffentliche Meinungsmacher wird es und gibt es auf jeder Seite und wird es immer geben. Ich bin dagegen, „Gleiches mit Gleichem“ zu vergelten und sie im Einzelnen ohne dass der direkte Zusammenhang deutlich wird mit Vorwürfen zu belegen.
Ich habe vor einiger Zeit mal ein jüdisches Mädchen aus Israel kennen gelernt und habe festgestellt, dass sich in ihr nichts von dem widergespiegelt hat, was man in Deutschland öffentlich nach außen vertritt. Die israelische Jugend ist säkularisierter, liberaler, demokratischer und versöhnlicher!, so war mein Eindruck, als es diese öffentlichen Meinungsmacher in Deutschland vermitteln. Diese Begegnung hat mein Bild mehr geprägt, als die gängigen Medienfiguren.


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 10.04.2012 11:32 | nach oben springen

#55

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 10.04.2012 12:59
von Taxine • Admin | 5.962 Beiträge

Zitat von Martinus
Werteste Taxine, meinen Sui "Dadd Häuten der Zwiebel" oder "Mein Jahrhundet". Ich denke das erste.



Hallo Martinus. Ich meinte "Das Häuten der Zwiebel", ich glaube, "Mein Jahrhundert" ist weniger autobiografisch, als über Deutschland und seine Entwicklungen selbst, oder?

Ja, wenn derartige Entrüstung und ungerechtfertigte Meinungsmache losbricht, dann wird man schon nachdenklich, damit auch kreativ. Grass hat natürlich die "Gedichtsform" gewählt, um sagen zu dürfen, was er sagen wollte, jene literarisch gestattete Meinungsfreiheit. Hätte er das alles einfach als Essay oder Ansicht formuliert, wäre zwar das Gleiche losgebrochen, aber er spielte wohl mit der Hoffnung, dass sein "Gedicht" gestatteter sei. Leider ein Irrtum. Besonders fragwürdig fand ich auch die Menschen, die gerade die Qualität des Gedichts angriffen, als ob der Inhalt nicht wichtiger wäre.


Zitat von LX.C

Mit den Verbrechen der NS-Zeit gegen die Juden hat das insofern etwas zu tun, dass diese als Gründungsmythos nationbildend festgeschrieben sind. Unter anderem wird mit den NS-Verbrechen der Staat Israel gerechtfertigt, implizit dem Selbstverständnis, dass Israel alles daran setzen wird, zu verhindern, sich jemals wieder in eine Opfer-Rolle zu begeben. – Vergessen wir nicht die aggresiven antisemitischen Hasspolemiken Irans. - Das, finde ich, erklärt schon das Verhalten Israels, zumindest aber dessen politisches Selbstverständnis, ohne dieses in den einzelnen Auswirkungen billigen zu wollen.




Ja, ich kenne diese Rechtfertigung nur zu gut, darum hinterfrage ich sie auch. Gut nicht, dass all das so schön weit weg ist, dann kann man auch so reden und argumentieren. Diese Einstellung zur Politik im Nahen Osten ist es ja gerade, die dort die Verbrechen ermöglicht, die weltweit die Narrenfreiheit Israels weiter duldet, die eine Meinungsmache, wie sie in Deutschland nun erfolgte, erst möglich macht. Und sie ist es auch, die ich eben in Frage stelle, denn wir sind im Jahr 2012.
Die antisemitischen Hasstiraden aus dem Iran, werden in gleicher Weise von Israel zurückgegeben, natürlich dann nicht antisemitisch genannt, sondern überhaupt nicht. Die einen dürfen also fordern, dass dort ein Regimewechsel stattfindet, die anderen nicht? Der Iran hat durchaus ein Recht auf ökonomische und politische Entfaltung und er, entgegen Israels, vertreibt keine dort lebenden Menschen für einen Glaubensmythos vom „gelobten Land“. Er begeht keine Verbrechen gegen dort lebende Menschen, lagert keine Atombomben mit fadenscheinigen Begründungen, beschießt keine Hilfsschiffe…
Stimmen aus Israel (hier Zuckermann) sagen selbst:

Zitat von Zuckermann
„Es ist schon bemerkenswert, wie gerade in jüdischem (vor allem jüdisch-israelischem) Munde die historische Leiderfahrung der Juden banalisiert wird und zum Mittel niedrigster Polemik verkommt. Aber was will man schon von Israels – einer Avigdor Lieberman unterstellten – Botschaft, wenn sich „sein“ Ministerpräsident nicht entblödet, Israels Lage im Jahre 2012 mit der von Juden in Auschwitz zu vergleichen bzw. die Unterlassung des US-amerikanischen Militärangriffs auf Iran der Nichtbeschießung des Vernichtungslagers während der Shoah gleichzustellen?“



(Quelle: Hintergrund)

Und genau das ist der Punkt. Hier ist nichts mehr mit der Vergangenheit zu rechtfertigen.

Dieser ganze Konflikt geht jedoch, wie auch schon, gerade in Israel selbst, angesprochen wurde, weit über diese beiden Forderungen hinaus, haben weniger mit dem Konflikt Israel – Iran zu tun, sondern mit dem seit Ewigkeiten bestehenden Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern, denn Israel will keinen Frieden. Das ist gleichfalls bekannt. Es will das Land weiter plündern, die Menschen vertreiben, sich dort mit aggressiven Mitteln gegen die Einwohner durchsetzen, weil es nicht Nase an Nase und gleichberechtigt mit den Palästinensern leben möchte (rein politisch betrachtet, die Zivilisation dort mag das anders sehen). Diese Verbrechen werden begangen, die Gebiete dort besetzt, dabei wollen die meisten Juden selbst nicht nach Israel (wie Köstler so schön gesagt hat, ebenfalls ein Jude). Weshalb soll man auch gezwungen sein, in die Wüste zu gehen, wenn man in z. B. Amerika oder anderen Ländern sein Leben aufgebaut hat?

Mit dem Mythos des Auserwähltseins (der in diesem Sinne rein religiös geprägt ist) und vergangenen Naziverbrechen wird also dort im Jahr 2012 immer noch gekämpft, werden Menschen ermordet und vertrieben, die dort wesentlich mehr Lebensrecht haben, als die Israelis. Weshalb ich also meine Frage stelle, was das heute noch mit den NS-Verbrechen zu tun hat, ist völlig berechtigt. Ein Verbrechen der Geschichte, das mehr als sechzig Jahre zurückliegt, ermöglicht also, dass durch ein religiös geprägten Mythos Land besetzt wird. Na gut. Würde all das friedlich erfolgen, wäre dagegen nichts zu sagen. Die Israelis (hier immer, damit das noch einmal betont ist, nicht die Zivilisten, sondern die politisch Engagierten) wollen aber nicht mit den dort ansässigen Palästinensern leben, sondern sie vertreiben. Was haben die Palästinenser also mit den Naziverbrechen zu tun? Weshalb müssen die Palästinenser für die Naziverbrechen büßen? Sollte man hier, nach der Logik, gerecht sein, müssten die Verbrechen dort abgebüßt werden, wo sie stattfanden. Dann würden aber nicht Palästinenser vertrieben, sondern Deutsche, und dann würden die Ansichten in Deutschland sicherlich ganz schnell wechseln und ganz andere sein, besonders wenn nach gleicher Taktik vorgegangen wird.

All diese Rechtfertigungen, die die Narrenfreiheit Israels weiter dulden, sind es gerade, die eine dermaßen dämliche Meinungsmache möglich machen, die die Augen vor den dort stattfindenden Tatsachen verschließen. Darum sage ich, dass Verbrechen der Geschichte heutige (dort stattfindende) nicht mehr rechtfertigen können. Da du diese Rechtfertigung ja gleichfalls in Kauf nimmst, ist es für mich dann auch nicht verwunderlich, dass du überrascht und schockiert bist, dass Israel gegen Grass ein Einreiseverbot ausspricht, dabei ist es ein ganz typisch israelisch politischer Zug und hat schon einige getroffen.

Zitat von LX.C
Öffentliche Meinungsmacher wird es und gibt es auf jeder Seite und wird es immer geben. Ich bin dagegen, „Gleiches mit Gleichem“ zu vergelten und sie im Einzelnen ohne dass der direkte Zusammenhang deutlich wird mit Vorwürfen zu belegen.


Dieses Recht spricht dir auch keiner ab, allerdings ist eine Vergeltung von "Gleichem mit Gleichen" mehr als weit hergeholt. Der direkte Zusammenhang besteht gleichfalls, wenn Namen genannt wurden, die ihre Medienrolle sofort spielten, um die Meinungsmache zu unterstützen.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 10.04.2012 19:52 | nach oben springen

#56

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 10.04.2012 13:02
von Krümel • 499 Beiträge

Ich habe vor ein paar Wochen das Buch "Für den Rest des Lebens" von Zeruya Shalev gelesen. Selbst dort übt eine Israelin leise Kritik an der israelischen Politik, anhand der Trockenlegung eines Sees und dessen Auswirkungen, sowie die Siedlungspolitik, auch am Millitär ...

Zitat von LX.C
Ich habe die Sanktion gegen Grass so nicht erwartet. Israel schließt sich damit doch selbst aus dem westlich demokratischen Verständnis aus. Für mich sind das totalitäre Methoden, ...



Ja, so sehen wir das. Aber wenn die USA Israel immer in Schutz nimmt, egal wobei und wofür. Wenn unsere Kanzlerin sagt: "Ich stehe immer hinter Israel." Wenn die Schuldkomplexe immer noch größer sind als der Verstand, dann kann der Schuss auch letztendlich nach hinten gehen. Und das ist es, wovor Grass warnt.

Dass die Arabische Liga hinter uns Westlern steht im Falle Syrien, finde ich ja schon großartig, so weit sind wir ja schon in der Welt. Aber dennoch ist der Grat schmal auf den der Weltfrieden gründet.

zuletzt bearbeitet 10.04.2012 13:02 | nach oben springen

#57

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 10.04.2012 13:26
von LX.C • 2.726 Beiträge

Zitat von Taxine
Dieses Recht spricht dir auch keiner ab, allerdings ist eine Vergeltung von "Gleichem mit Gleichen" mehr als weit hergeholt. Der direkte Zusammenhang besteht gleichfalls, wenn Namen genannt wurden, die ihre Medienrolle sofort spielten, um die Meinungsmache zu unterstützen.



Sie nehmen ihre Medienrolle wahr, wie man sie schon von ihnen erwartet. Im Falle Friedmanns geschieht das beispielsweise vehement auch zu innerdeutschen Themen. Viel mehr sind die Medien zu kritisieren, wie es auch schon geschehen ist, dass sie nicht ausreichend für ein Gleichgewicht in der Meinungsbildung sorgen und auch solchen Stimmen ausreichend Gehör verschaffen, wie sie Martinus beispielhaft angeführt hat.

Zitat von Martinus
Der israelische Historiker Tom Segev über Günter Grass:

"Ja, also, ich habe manchmal das Gefühl, wenn ich so Äußerungen von Günter Grass lese, ich habe ja auch kürzlich mit ihm ein Interview, langes Interview gemacht. Ich habe manchmal den Eindruck, dass er das Bedürfnis hat, zu Unrecht angegriffen zu werden. Und das passiert ihm jetzt wieder. Aber wirklich zu Unrecht ... Er ist kein Antisemit, er ist nicht antiisraelisch, er ist auf keinen Fall gegen Israel in irgendeiner Weise. Er kritisiert die Politik der israelischen Regierung. Es hat sich noch in keinem Land jemand gefunden, der die israelische Regierung heftiger kritisiert als Israelis selber, und die sind auch nicht antisemitisch und sind auch nicht antiisraelisch. Im Gegenteil ist es oft so, dass Kritik an Israel ein Zeichen von Freundschaft und Unterstützung sein kann. "

Interview im Deutschlandradio mit Tom Segev



Man darf bei aller Hitzigkeit auch nicht undifferenziert werden. Den Iran sollte man keinesfalls glorifizieren. Das tut auch Grass nicht. Und Israel allein den Schwarzen Peter zuzuschieben ist auch nicht richtig. Alle Seiten wären zu Mäßigung und zu einer friedlichen Lösung aufgerufen.


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 10.04.2012 13:29 | nach oben springen

#58

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 10.04.2012 13:42
von Taxine • Admin | 5.962 Beiträge

Zitat von LX.C
Man darf bei aller Hitzigkeit auch nicht undifferenziert werden. Den Iran sollte man keinesfalls glorifizieren. Das tut auch Grass nicht. Und Israel allein den Schwarzen Peter zuzuschieben ist auch nicht richtig. Alle Seiten wären zu Mäßigung und zu einer friedlichen Lösung aufgerufen.


Ich habe keinesfalls irgendetwas glorifiziert oder Partei für eine Seite ergriffen, sondern nur bekannte Tatsachen aufgezeigt. Und es handelt sich dabei nun einmal um Tatsachen. Die Vorgänge dort sind Realität und werden in Israel selbst kritisiert.
Dass allen Seiten Mäßigung zu einer friedlichen Lösung nahegelegt werden müsste, ist unbestreitbar. Aber das ist leider eben doch nur Theorie und leicht dahergesagt und wird wohl kaum bei den gegenseitigen Bezichtigungen von Iran und Israel eine Rolle spielen. Das ist auch das Problem. Fanatiker lassen sich kaum dazu bewegen, als Erster nachzugeben, es sei denn, die Welt wacht endlich auf und besteht konsequenter auf eine friedliche, gemeinsame Lösung und bedenkt intensiver die dort immer weiter hochbrodelnde Bedrohung des Weltfriedens.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 10.04.2012 13:50 | nach oben springen

#59

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 10.04.2012 14:03
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Das definitive Urteil sprach heute ein Anrufer im Radio:
Das umstrittene Grass-Gedicht sei "gar nicht schön"!




Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
Facebook: http://www.facebook.com/people/Klaus-Mendler/1414151458
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#60

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 10.04.2012 14:12
von Taxine • Admin | 5.962 Beiträge

Zitat von Roquairol
Das definitive Urteil sprach heute ein Anrufer im Radio:
Das umstrittene Grass-Gedicht sei "gar nicht schön"!



O wai...
Ja, wenn all das sich wieder gelegt hat, wird bei manchen Menschen leider genau diese Ansicht zurückbleiben und die eigentlich von Grass benannten Probleme verdrängen. "Da war doch so ein Gedicht, das war aber wirlich gar nicht schön... Was gibt's zu essen?"




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 10.04.2012 14:13 | nach oben springen


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