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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#1

Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 05.04.2012 09:06
von LX.C • 2.691 Beiträge

Da hat man aus einem "Gedicht"(schon mehr eine öffentliche Meinungsäußerung in Gedichtform verpackt) wieder mal ein Politikum gemacht, obschon es doch nur vor Überreaktionen und Überhitzung der Situation warnt, einen maßvolleren Umgang Israels UND der westlichen Kräfte sowie eine Kontrolle der Atomprogramme auf allen Seiten fordert.
Allem voran aber um Frieden wirbt!
Sogar als antisemitisch hat man Grass beschimpft. Womit genau das eingetreten ist, was er im Gedicht voraussagt und ebenfalls kritisiert, dass offene Kritik an der Politik Israels per se mit dem "Totschlagargument" des Antisemitismus beantwortet werden würde.
Natürlich muss man auch Israels Position berücksichtigen und mit dem Hintergrund der Lokalität, der Geschichte und der Verfassung Israels deren Reaktion betrachten und zu verstehen suchen.
Aber jemanden, der sich um den Frieden sorgt und seine Meinung dazu kund tut, mal wieder derart vor den gesellschaftlichen Schafott zu führen, erscheint doch unverhältnismäßig. Bei den Kommentaren und Urteilen kam es mir auch so vor, als wenn das Gedicht gar nicht in Gänze gelesen wurde und ein Urteil sich einmal mehr undifferenziert verselbstständigt und verbreitet hat. Ich finde, nicht Grass, sondern Politik und Medien haben den Bogen mal wieder überspannt. Was haltet Ihr davon?

"Was gesagt werden muss" - das Gedicht im Wortlaut


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 05.04.2012 09:08 | nach oben springen

#2

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 05.04.2012 11:49
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo LX.C,

danke für das Thema und ich freue mich, dass auch du die Kritik an Günter Grass für überzogen hälst. Typisch deutsch, Mäuler zu reißen, obwohl das Gedicht offenbar nicht sorgsam inhaliert wurde. Hier meine Ansichten:

Kommentar zum Gedicht von Günter Grass: "Was gesagt werden muss"

Das Land, welches den Erstschlag ausführt, wird immer als der Bösewicht dastehen. Das ist doch klar. Eine Atombombe, egal wer sie zündet, kostet unendliches Leid, kostet verseuchte Landstriche. Es geht hier nicht um Länder, es geht um Menschen. Selbstverständlich könnte Israel Iran auslöschen. Allerdings wäre es genauso schlimm, wenn der Iran Israel auslöschen würde. Günter Grass bezeichnet Mahmud Ahmadinedschad als „Maulhelden“. Mit „Maulheld“ will sich Grass sicherlich auch auf die unverschämte Holocaustleugnung des iranischen Herrschers beziehen. Es ist keineswegs so, dass Günter Grass sich auf die Seite Irans geschlagen hat. Grass fordert ganz klar und deutlich „eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz.“ D.h., Grass fordert eine atomare Abrüstung beider Länder, dagegen überhaupt nichts einzuwenden ist. Nur eine beiderseitige Abrüstung kann Frieden und Sicherheit bringen. Jede Atommacht gefährdet den Weltfrieden. Wenn Deutschland Atom-U-Boote nach Israel schickt, lässt es sich auch nicht von der Hand weisen, dass Deutschland ein Land militärisch unterstützt, welches Atomwaffen produziert. Grass sagt, es ist nicht bewiesen, dass Iran eine Atombombe hat. Wir sollten uns nicht von Emotionen leiten lassen, sondern einfach nur versuchen, sachlich zu betrachten. Deutschland liefert nicht nur nach Israel Rüstung. Nach dem Internetlexikon „wikipedia“ ist Deutschland drittgrößter Waffenlieferant. Deutschland verdient sich dumm und dämlich damit. Nach einem Bericht von zeit – online am 07.12. 2011 „wurden „Waffenlieferungen im Wert von 152,5 Millionen Euro für Saudi-Arabien genehmigt.“ (siehe hier). Günter Grass fordert Atomabrüstung und kritisiert Waffentransporte nach Israel. Grundsätzlich müssen natürlich weltweit Rüstungstransporte eingestellt werden. Die Rüstungsindustrie muss ausgeblutet werden. Günter Grass bezieht sich in seinem Gedicht nur auf Israel und den Iran. Er sorgt sich aber gänzlich um den Weltfrieden. Es kann Grass noch nicht mal vorgeworfen werden, er hacke hier nur auf Israel herum, denn der Iran gefährdet genauso den Weltfrieden, wenn dort Atombomben gebaut werden, darum ja dort auch eine internationale Kommission die Atomindustrie zu kontrollieren hat, wie Grass es ja auch fordert. Günter Grass einen Antisemitismus vorzuwerfen ist einfach Flachhirnidiotie. Er selbst fühlt sich Israel verbunden. „..dem Land Israel, dem ich verbunden bin..“ Ein israelischer Atomschlag wäre natürlich noch fataler, wenn Iran keine Atombombe hat. Weiterhin kritisiert er Israels Sonderstellung, dass dort nicht kontrolliert wird, wie es dort ausschaut im Atombombenpotential: „...- wenn auch geheimgehalten - ein wachsend nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist?“ Wenn hier jemand Israels Politik und Sonderstellung kritisiert, hat das rein gar nichts mit Antisemitismus zu tun. Selbstverständlich verstehe ich, wenn Deutschland sich gegenüber Israel immer noch wegen der Naziverbrechen schuldig fühlt, trotzdem muss mit rechtem Augenmaß gewaltet werden. Israels Sonderstellung, die Israel offenbar hat und gerne darauf besteht, darf nicht in dieser Weise verstanden werden, dass die Politik Israels nicht kritisiert werden darf. Solch ein Irrdenken ist fatal. Israel hat genauso abzurüsten wie der „Maulheld“ aus Teheran. Das gilt für alle Atomstaaten. Günter Grass hat sicher bewusst die Form des Gedichtes gewählt, weil die Literatur Tabuthemen ansprechen darf und auch soll.
Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 06.04.2012 06:28 | nach oben springen

#3

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 05.04.2012 12:33
von Krümel • 499 Beiträge

Nach dem ich das Gedicht gelesen hatte, vorab hatte ich die Tagesschau im Ersten gesehen, und dachte "Oh Mann was hat sich denn da der Grass geleistet?" - war ich doch schon sehr erstaunt, was die Medien aus dem Gedicht gemacht haben.
Ich sehe es ganz genauso wie LX.C, dem ist nichts hinzu zu fügen. Mir ist es selbst in einem Forum schon mal so ergangen, dass ich als Antisemitin bezeichnet wurde, obwohl ich nur leise Kritik an der israelischen Politik kundtat. Warum ist das so? Und warum steht bei manchen Menschen im Fernsehen im Moderations-Hinweis "Jude"? Also Christ, Moslem und Buddhist habe ich da noch nie gelesen. Immer noch alles sehr seltsam

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#4

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 05.04.2012 12:48
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge

In einem Land wie Deutschland, in dem seit Jahren keine Kritik an der Politik Israels möglich ist, obwohl etliche Kriegsverbrechen begangen werden, ist Grass' Gedicht ein Lichtblick und ein wirklich mutiger Schritt aus der Begrenzung und dem akzeptierten Verschweigen hinaus. Die geschichtlichen Verbrechen können nicht immer wieder von Neuem als Ausrede dienen, die Augen vor aktuellen Verbrechen und jenem Größenwahn zu verschließen, den Grass in seinen Zeilen anspricht. Die Diskussion über Israel ist in anderen Ländern eine ganz andere und viel offenere. So sollte es, im Sinne der Meinungsfreiheit, auch sein. Die (durchaus vorhersehbare) maßlos überzogene Reaktion auf Grass' Ehrlichkeit zeigt, wie sehr die deutschen Medien und Politiker sich diesem Thema immer noch bewusst verweigern und weder Bezug auf die Zeilen, noch auf die Aktualität der politischen Vorgänge nehmen.
Ich teile gleichfalls LX.Cs Gedanken.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 05.04.2012 14:45 | nach oben springen

#5

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 05.04.2012 12:53
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo Krümel,

Wenn jemand die Politik Israels kritisiert hat das nichts mit Antisemitismus zu tun, genauso bin ich auch kein Nazi, wenn ich ein historisches Werk über den Nationalsozialismus lese. So einfach ist das. Punkt aus. Es gibt sogar Juden, die das so sehen, z.B. Herr Norman Finkelstein u. a. Dass das Thema immer wieder so seltsam hochgebauscht wird, liegt einfach daran, dass Israel sich immer noch wegen der Naziverbrechen in einer Sonderstellung fühlt, und das auch politisch ausnutzt. Ja, das hat auch was mit Politik zu tun (siehe meinen Beitrag im Forum zu Finkelstein "Die Holocaust-Industrie"). Ich werde niemals etwas dagegen haben, dass an den Holcaust gedacht wird, und er darf sich niemals wiederholen. Wie die Indianer von Bleichgesichtern dezimiert wurden, darüber allerdings wird sogar in den USA gerne geschwiegen.

Ist mir noch gar nicht aufgefallen, dass es einen Moderationshinweis "Jude" gibt. Lächerlich, tz tz, also, dass verstehe ich schon gar nicht. Ich kann ja in Zukunft mit "martinus, ein Heide", unterschreiben, was genauso lächerlich wäre.

Liebe Grüße
mArtinus, ich sitze aufmerksam still und denke nix




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#6

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 05.04.2012 13:11
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge

Zitat von Krümel
Und warum steht bei manchen Menschen im Fernsehen im Moderations-Hinweis "Jude"?


Einerseits sehen sich die Juden natürlich in erster Linie als Volk und Nation, nicht als Religion (weshalb der Hinweis dann ähnlich gehandhabt wird, wie z. B. "Deutscher", "Russe" usw.), zum anderen wird der Hinweis mitunter auch hin und wieder explizit darum gesetzt, um deutlich sichtbar zu machen, wer dort spricht, damit die Kritik sich wiederum in Grenzen hält, was dann weiterhin mit sich bringt, dass von vorneherein eine offene Diskussion gar nicht erst zustande kommt.
Es steht nicht nur "Jude" darunter, sondern die Verdoppelung, also "deutscher Jude", "französischer Jude" usw., damit die Position und "Offenheit" von vorneherein klar ist und die Diskussionspartner ihre Gegenargumente daran anpassen, damit aufpassen müssen, inwieweit sie sich in eine Diskussion überhaupt einlassen "dürfen" und abwägen, was sie überhaupt benennen können. Auf diese Weise ist eine Diskussion mit vernünftigen Argumenten nicht mehr möglich, da sofort jedwede Kritik in genau diese Schublade geschoben werden darf, die Grass - oder auch ihr gerade - angesprochen habt.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 05.04.2012 14:49 | nach oben springen

#7

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 05.04.2012 16:53
von Krümel • 499 Beiträge

Ganz genau Taxine, deshalb hatte ich es auch so schön - bei manchen Menschen - genannt Nur ist das heute leider immer noch nicht richtig machbar und Diskussionen werden eingeschränkt. Heute wird es eingeblendet (darf man hier ironisch sagen, den Stern benutzt man eben nicht), weil die Intention eine etwas andere ist. Maulklappen bekommt man dadurch angelegt, nur leider plappere ich meist was ich denke, und bin da durch meine Offenheit verdammt ehrlich, und habe schnell zu viel gesagt ...

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#8

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 06.04.2012 11:18
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Auf Spiegel online hieß es, Grass würde sich "antisemitischer Klischees" bedienen. Ich finde das vollkommen lächerlich. Das Klischee besteht im Gegenteil darin, den Antisemitismus-Vorwurf zu erheben, wenn jemand Israel kritisiert.
Oder Schirrmacher in der FAZ: Sein "Auseinanderschrauben" des Gedichts (offenbar hat er irgendwann mal was von "Dekonstruktion" gehört) läuft auf den Vorwurf hinaus, das Gedicht bedeute nicht, was die darin enthaltenen Worte bedeuten, sondern bestehe aus Anspielungen z.B. auf eine fünf Jahre alte Gedenkrede von Charlotte Knobloch. Also der alte Dichter erinnert sich nicht nur im Detail an eine fünf Jahre alte Rede(sofern er sie überhaupt je gehört hat), sondern setzt auch noch voraus, dass seine Leser eine solche Anspielung entschlüsseln können? Das ist doch völlig irrwitzig. Als ob einem das Wort "Fußnoten" nicht auch einfach so einfallen könnte ...

Wir sind uns hier offenbar alle einig - und die deutsche Presse ist sich ebenfalls einig, nur mit der gegenteiligen Meinung. Das finde ich schon sehr erschreckend. Ich bekomme immer mehr den Eindruck, dass die deutsche Medienlandschaft eine Art Parallelwelt ist, die mit der Realität der Menschen "draußen im Lande" (wie Helmut Kohl sagen würde) nichts mehr zu tun hat. Das gleiche dachte ich neulich schon bei einem Vortrag des "Ökonomie-Rebellen" H.Flassbeck in Düsseldorf, wo Flassbeck sehr überzeugend und mit bezwingender Logik die wahren Hintergründe der Finanzkrise erläuterte, aber auch erzählte, dass er von den deutschen Medien konsequent ignoriert wird. Es ist wie im Märchen, wo das Kind sagt, dass der Kaiser nackt ist, aber vom lauten Chor der Pressevertreter niedergeschrieen wird, die die schönen kaiserlichen Kleider loben ...
Auf die Dauer kann dieser Irrsinn nicht gut gehen.
Ich kenne auch Leute, die diese öffentliche Meinung überhaupt nicht mehr ernstnehmen und sich hemmungslos aus der Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts bedienen, auch wenn manche sie dann als rechtsradikal bezeichnen - "ist doch sowieso egal".
Wenn der Antisemitismus-Vorwurf zu leichtfertig und ungerechtfertigt verwendet wird, dann wird er zu einem stumpfen Schwert, dass irgendwann auch dann nur noch belächelt wird, wo es wirklich nötig wäre! Das ist eine echte Gefahr, die mir Sorgen bereitet.




Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
Facebook: http://www.facebook.com/people/Klaus-Mendler/1414151458
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#9

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 06.04.2012 11:55
von Krümel • 499 Beiträge

Zitat von Roquairol
Das ist eine echte Gefahr, die mir Sorgen bereitet.



Stimmt, demnach sind wir nämlich alle rechts. Obwohl ich mir immer eingebildet habe, ich sei links

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#10

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 06.04.2012 12:15
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Roquairol
Das gleiche dachte ich neulich schon bei einem Vortrag des "Ökonomie-Rebellen" H.Flassbeck in Düsseldorf, wo Flassbeck sehr überzeugend und mit bezwingender Logik die wahren Hintergründe der Finanzkrise erläuterte, aber auch erzählte, dass er von den deutschen Medien konsequent ignoriert wird. Es ist wie im Märchen, wo das Kind sagt, dass der Kaiser nackt ist, aber vom lauten Chor der Pressevertreter niedergeschrieen wird, die die schönen kaiserlichen Kleider loben ...



Manchmal denke ich, ich lebe nicht in Deutschland, sondern in einem Irrenhaus. Bisher kenne ich niemanden aus meinem Kreis, der hinter der öffentlichen Medienmeinung steht. Ja, natürlich interessiert es den Mächtigeren nicht, was ein kleiner Firlefanz in seinem ollen Blog schreibt. Für diesen Irrsinn, der jetzt passiert, könnte ich wieder auf die Straße gehen oder wir machen einen Flashmob und müllen Pseudointelligenzien ihr E-mail-Postfach voll. Wir sollten Grass unterstützen. Ich schaue mal , ob ich ihm über dem sozialen Netzwerk oder Verlag eine Nachricht zukommen lassen kann.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 06.04.2012 12:18 | nach oben springen

#11

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 06.04.2012 12:19
von Krümel • 499 Beiträge

Zitat von Martinus
Wir sollten Grass unterstützen. Ich schaue mal , ob ich ihm über dem sozialen Netzwerk oder Verlag eine Nachricht zukommen lassen kann.



Wenn du noch schnell etwas findest, dann kann ich noch mitmachen, ansonsten bin ich dann über Ostern wech.

Frohe Ostern!

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#12

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 06.04.2012 12:24
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge

Eine der unverschämtesten Überschriften las ich von der "Welt": "Grass - Antisemit oder ahnungslos". (Quelle)
Alleine die Überschrift lässt also nur zwei Möglichkeiten zu: Entweder ist er ein Antisemit oder kennt sich in der Politik nicht aus, was absurd ist, da Grass sich sein Leben lang politisch engagiert hat, besonders den Frieden in Gefahr sieht und das durchaus auch ansprechen dürfen sollte. Hier soll mit zwei Auswahlmöglichkeiten die Ansicht des Lesers sofort eingegrenzt und manipuliert werden.

Ich bin mir sicher, dass Grass sehr wohl abschätzen konnte, wie die Reaktion auf sein Gedicht erfolgen wird und sich dennoch dazu entschlossen hat, auszusprechen, was einfach gesagt werden muss. Er sagt im Gedicht selbst: "... ich kann nicht mehr schweigen...", ich denke, genau das ist der Punkt, denn in Deutschland sollen die Leute am besten nicht denken, und wenn sie denken, wenigstens die Augen verschließen. Der Mediensturm, der mir, wie euch, völlig absurd erscheint, wirkt, als würde er, gleichgültig von Inhalten und Ansichten, los-explodieren, sobald jemand wagt, Kritik an der Politik Israels zu üben.

Zitat von Roquairol
Wenn der Antisemitismus-Vorwurf zu leichtfertig und ungerechtfertigt verwendet wird, dann wird er zu einem stumpfen Schwert, dass irgendwann auch dann nur noch belächelt wird, wo es wirklich nötig wäre! Das ist eine echte Gefahr, die mir Sorgen bereitet.


Diese Gefahr sehe ich auch. Die Menschen in der Masse sind manchmal stark oberflächlich beeinflusst. Wenn also die Empörung ungerechtfertigt lostobt, dann steht zunächst jene Ungerechtigkeit im Raum. Die Ansichten lassen sich schnell verallgemeinern und schon wird das gesamte Thema verharmlost, denn die Geschichte spricht nun einmal für sich. Ich finde auch, man sollte den Vorwurf des Antisemitismus nicht verallgemeinern und ständig anführen, wenn er einfach keine Tatsache ist. Er steht für bestimmte Ansichten und Ereignisse und sollte auch nur dort verwendet werden, um nicht in die Gefahr zu geraten, zerkaut zu werden und Geschichtsereignisse und Leid mit derartig absurden Vorwürfen gleichzusetzen, wie sie gegen Grass hervorgebracht werden.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 06.04.2012 12:30 | nach oben springen

#13

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 06.04.2012 12:30
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Krümel

Zitat von Martinus
Wir sollten Grass unterstützen. Ich schaue mal , ob ich ihm über dem sozialen Netzwerk oder Verlag eine Nachricht zukommen lassen kann.



Wenn du noch schnell etwas findest, dann kann ich noch mitmachen, ansonsten bin ich dann über Ostern wech.

Frohe Ostern!




Hallo Krümel,

weiß noch nicht, wie schnell ich was hinbiegen kann, aber auf der Grass-Seite im Netzwerk, kann man meinen Beitrag schon lesen, Hi,hi. Ich empfehle einfach erstmal Interessenten, Leserbriefe und Kommentare zu dreisten Zeitungsatikeln zu schreiben.

Liebe Grüße
und süße Schokoeier
martinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 06.04.2012 12:33 | nach oben springen

#14

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 06.04.2012 16:30
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge

Dass Bücher einen finden, nicht umgekehrt, und zudem auch noch zeitaktuelle Themen erfassen, ist schon beeindruckend. So auch hier:

Deutsche Journalisten lieben die Einheitsmeinung, je feiger, primitiver und denkfauler sie sind, desto größer ihre gespielte Entrüstung über Abweichler. Durch ein deutsches Journalistengehirn gequetscht zu werden, ist das Schlimmste, was einer Wirklichkeit passieren kann.

(Michael Klonovsky "Land der Wunder", S. 431, Kein & Aber)


Wie treffend. Und direkt in der gegenwärtigen Diskussion auf mehr als peinliche Art und Weise unter Beweis gestellt.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 06.04.2012 16:33 | nach oben springen

#15

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 06.04.2012 16:56
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge

Zitat von Martinus
Wir sollten Grass unterstützen.



Eine weitere Möglichkeit wäre, auf der eigenen Homepage ein persönliches Statement abzugeben und für Grass' Unterstützung zu plädieren.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 06.04.2012 16:58 | nach oben springen


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