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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#61

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 10.04.2012 14:18
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine


Mit dem Mythos des Auserwähltseins (der in diesem Sinne rein religiös geprägt ist)



Tja. Es ist überaus interessant, dass sich ein moderner Staat auf einen alttestamentarisch religiösen Gründungsmythos beruft. Auf dem Landstrich gab verschiedene Nomadenvölker und jedes Nomadenvolk hatte seinen eigenen Gott gehabt. Man lese mal im Alten Testament. Dort gibt es den Gott Labans, den Gott Issaaks, den Gott Abrahams usw. Diese veschiedenen Götter wurden später zu einem Gott, um den Zusammenhalt verschiedener Nomadenvölker zu demonstrieren, die in einem bestimmten Gebiet leben. Das es sich um Juden handelt und um keine ethnische Volksgruppe, könnte man auf die Idee kommen, Israel bestehe auf einen religiösen Staat. Das ist vielleicht übertrieben, weil in Israel auch Menschen anderer Religionen leben. Logisch. Ich meine, es gibt keinen christlichen Staat und keinen buddhistischen Staat. Israel ist insofern auch etwas besonderes. Ob es günstig ist, dass sich ein moderner Staat auf uralte Gründungsmythen beruft und darauf besteht, dass bestimmtes Landgebiet deswegen nur ihnen zugesprochen sei, ist aber eine andere Frage. Dies scheint aber ein Problem zu sein. Wie will man denn die Kluft von über 2000 Jahren einfach so überbrücken? Es wird allgemein auch poblematisch angesehen, dass sich die röm. kath. Kirche in mancher Beziehung sich der modernen Welt nicht öffnen kann (das nur als grober Vergleich).

Es gibt das Buch des israelischen Historikers SHLOMO Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand. Propyläen Verlag, Berlin 2010, der also diesen Gründungsmythos anzweifelt. Ich habe das nicht gelesen, weiß auch nicht, inwieweit das Buch tauglich ist oder nicht. Der Autor behauptet, der Gründungsmythos Israels sei eine Erfindung europäischer Zionisten im 19. Jahrhundert. Natürlich wurde dieses Buch kontrovers diskutiert. Man lese hier. Wenn Religion mit Politik gemixt wird, sind Probleme vorprogrammiert.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 10.04.2012 14:19 | nach oben springen

#62

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 10.04.2012 14:38
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge

Zitat von Martinus
Das es sich um Juden handelt und um keine ethnische Volksgruppe, könnte man auf die Idee kommen, Israel bestehe auf einen religiösen Staat. Das ist vielleicht übertrieben, weil in Israel auch Menschen anderer Religionen leben. Logisch. Ich meine, es gibt keinen christlichen Staat und keinen buddhistischen Staat. Israel ist insofern auch etwas besonderes.


Naja... so weit würde ich gar nicht gehen, dass ich hier von jüdisch, christlich oder buddhistisch rede, wenn ich mich auf den Staat beziehe und was hier existiert, nicht existiert oder besondere Stellung einnimmt. Gegen die dort lebenden Menschen, welcher Religion auch immer, ist nichts einzuwenden, auch nicht gegen den Ursprung ethnischer Volksgruppen. Nur die Gebiete, die besetzt werden und deren Besetzung mit jener "Theorie" bekräftigt wird, gegen die ist etwas zu sagen, denn das ist nicht rechtens.
Der Autor des von dir benannten kritischen Buches sagt es richtig, wenn er behauptet, dass die Palästinenser eher die Nachfahren der "Geschichte" sind. Wer sich kritisch mit beiden Seiten auseinandersetzen möchte, für den ist dieses Buch vielleicht ein guter Ansatzpunkt, um die Einseitigkeit, der uns aufgeprägt erlaubten Denkweise etwas zu verbreitern.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 10.04.2012 14:43 | nach oben springen

#63

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 10.04.2012 14:51
von Roquairol • 1.065 Beiträge

So einheitlich ist das aber keineswegs - soweit ich weiß, berufen sich nur die ganz orthodoxen Israelis auf die Tora, um die Ansprüche auf ihr Siedlungsgebiet zu rechtfertigen.
Der Zionismus, der zur Gründung des Staates Israel führte, war im Gegenteil anfangs gar keine religiöse, sondern eine eher weltliche (auch vom Sozialismus beeinflusste) Bewegung. Theodor Herzl erhob überhaupt keine religiösen Ansprüche auf Palästina, sondern wollte dort siedeln in der Annahme, dass dort genug Platz sei (womit er leider eher falsch lag) ...




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#64

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 10.04.2012 22:55
von LX.C • 2.691 Beiträge

Zitat von Taxine
Ich habe keinesfalls irgendetwas glorifiziert oder Partei für eine Seite ergriffen, sondern nur bekannte Tatsachen aufgezeigt.


Tut mir leid, eine solche Behauptung ist für mich keine Tatsache und auch wenn das Wort glorifizieren doch unglücklich gewählt war, so darf man den Iran eben auch nicht verharmlosen oder unterschätzen:

Zitat von Taxine
Er [der Iran] begeht keine Verbrechen gegen dort lebende Menschen


Zuvor sprachst Du auch davon, wenn ich mich richtig erinnere, was inzwischen abgeändert ist, er würde keine Verbrechen gegen die Menschlichkeit verüben. Sind totalitäre Methoden im inneren des Landes für Dich keine Verbrechen gegen die Menschlichkeit?

Außerdem schmeißt Du alle Verfehlungen Israels in einen Topf, um mir Blauäugigkeit zu beweisen. Natürlich hat die Siedlungspolitik nichts mehr mit den NS-Verbrechen gegen die Juden zu tun. Und natürlich sind die Spannungen vor Ort von verschiedenen, sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren bestimmt, die man hier im einzelnen gar nicht hinreichend behandeln könnte. Ich aber sprach explizit davon, dass der Gründungsmythos, das Berufen auf die Shoah durchaus eine Verstehensgrundlage eröffnet, dass Israel sein Volk gegen mutmaßliche Aggressoren von außen so vehement verteidigen will - wenn Du mal kurz von Deiner ganz eigenen Sichtweise, die Du wiederum als die richtige siehst, abweichst.
Und natürlich nehme ich diesen als solchen in Kauf, da er zur Geschichte der Juden gehört. Deswegen billige ich noch lange nicht die Mittel, derer man sich bedient! Die muss man hinterfragen und auch sachlich kritisieren dürfen. Von einem Staat, der sich als westlich-demokratisch verstanden wissen will, erwarte ich, ein gewisses Maß Meinungsvielfalt auszuhalten und sachliche Kritik zumindest zu tolerieren – daher habe ich selbstverständlich diese heftige Reaktion gegen Grass nicht erwartet.
Aber die Shoah als Gründungsmythos einfach wegwischen zu wollen und zu sagen, das war einmal, das hat nichts mehr mit dem heutigen Staat oder seinem außenpolitischen Verhalten zu tun, steht uns in der Beurteilung nicht zu und ist insofern eine Anmaßung, da jeder Staat sich historischer, kultureller, auch religiöser Gründungsmythen bedient, zur Festigung der Gemeinschaft und zur Legitimierung seiner Politik.
Wieweit dabei gegangen werden darf, um einen solchen nicht überzustrapazieren, das wurde hier wiederum ja schon diskutiert und bietet auch immer wieder Anlass zur Diskussion, die sich Israel, um in seiner Haltung auch zu wachsen, durchaus gefallen lassen müsste, ganz richtig. Vor der man sich in Deutschland in den öffentlichen Medien und der Politik aber nach wie vor scheut, wie die einseitige Polemik gegen Grass wieder gezeigt hat. Nicht nur aufgrund jüdischer Meinungsmacher, die hinlänglich kritisiert wurden. Man zieht den kurzen medialen personellen Skandal - verkauft sich ja auch gut - einer öffentlichen Debatte zur Sache vor, aus Angst, sie könnte ausarten und die Bundesrepublik in ein Licht rücken, in das sie aufgrund ihres Gründungsmythos nie wieder gerückt werden will.


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zuletzt bearbeitet 11.04.2012 00:21 | nach oben springen

#65

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 11.04.2012 00:34
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge

Zitat
Zuvor sprachst Du auch davon, wenn ich mich richtig erinnere, was inzwischen abgeändert ist, er würde keine Verbrechen gegen die Menschlichkeit verüben.


Ja, ich wusste nicht genau, ob diese Bezeichnung politisch korrekt war und habe sie lieber näher definiert.

Zitat von LX.C
Außerdem schmeißt Du alle Verfehlungen Israels in einen Topf, um mir Blauäugigkeit zu beweisen.


Nein, ich habe die Verfehlungen Israels nicht aufgezählt, um dir Blauäugigkeit vorzuwerfen, sondern nur verdeutlicht, weshalb ich die Frage, die du ja als mein Zitat zitiert hast, gestellt habe, inwiefern Naziverbrechen die dortigen Vorkommnisse rechtfertigen, also in welchem Zusammenhang die Frage für mich steht.


Und hier verdrehst du die Tatsachen völlig (also das, was du glaubst, aus meinen Worten herausgehört zu haben):

Zitat
Aber die Shoah als Gründungsmythos einfach wegwischen zu wollen und zu sagen, das war einmal(...) ist insofern eine Anmaßung, da jeder Staat sich historischer, kultureller, auch religiöser Gründungsmythen bedient, zur Festigung der Gemeinschaft und zur Legitimierung seiner Politik.


Ja, aber nicht jeder Staat besetzt illegal und völkerrechtswidrig MIT dem Argument seines Gründungsmythos palästinensische Gebiete. Seit 1967 hat die UNO regelmäßig Resolutionen erlassen, damit diese illegal besetzten Gebiete geräumt werden, woran sich Israel bis heute nicht hält, stattdessen immer weitere Siedlungen erbaut. Und nur das habe ich in diesem Zusammenhang auch gesagt. Darum ist das, was ich gesagt habe, auch keine Anmaßung. Ich habe auch die Shoah als Gründungsmythos nicht weggewischt, sondern klar gesagt, dass in friedlicher Absicht alles ganz anders aussehen würde. Das ist allein deine Auslegung meiner Worte gewesen. Auf deine Auslegung bin ich weder eingegangen noch habe ich diese vertreten.




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zuletzt bearbeitet 11.04.2012 00:37 | nach oben springen

#66

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 11.04.2012 00:49
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge

P.S. Wahrscheinlich haben wir dann beide etwas aneinander vorbeigeredet. Na, ist auch nicht schlimm. Weiteres morgen. Gute Nacht.




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#67

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 15.04.2012 12:14
von Martinus • 3.194 Beiträge

Er schrieb mit letzter Tinte.
In einem anderen Gedicht hat er seine Tinte umgestürzt, weil jemand ihn doch nachkleckern soll, "das Fäßchen aufzufüllen", dabei sich die Finger schmutzig machen, denn Schreiben färbe ab."

(Das Gedicht heißt "Zum Abschied" aus "Fundsachen für Nichtleser").




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zuletzt bearbeitet 15.04.2012 12:16 | nach oben springen

#68

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 19.04.2012 23:38
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Ich wundere mich immer mehr darüber, dass von all dem empörten Kritikern offenbar niemand auf den Gedanken gekommen ist, die (angeblich) so irrwitzigen Äußerungen von Grass auf sein hohes Alter und eine vielleicht damit verbundene Senilität zurückzuführen, und deshalb höflich darüber zu schweigen! Aber nein, der deutsche Kritiker muss immer gleich die schwersten Geschütze auffahren, egal ob es sich um die Äußerungen eines 35jährigen oder 85jährigen handelt: Pardon wird nicht gegeben!

In einem anderen Land gab es vor ein paar Wochen einen ähnlichen Fall: Ein alter, verdienter Künstler machte in einem Interview einige politisch sehr bedenkliche (antisemitische) Äußerungen. Aber in diesem Fall ging keine Welle der Empörung durch das Land, sondern die Leute (inklusive Journalisten) sagten sich, dass der gute Mann auf seine alten Tage wohl leider nicht mehr so ganz bei Verstand ist - und deckten den sanften Mantel des Schweigens darüber. Das nenne ich eine Haltung, die einer Kulturnation würdig ist.




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zuletzt bearbeitet 20.04.2012 08:31 | nach oben springen

#69

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 20.04.2012 02:42
von Martinus • 3.194 Beiträge

Mal ganz ehrlich: Ich hätte Henryk M. Broder mit "pesona non grata für den Journalismus" betitelt. Was sich der Typ geleistet hat, ist giftiger, schäbiger Jounalismus. Sein Atikel war darauf ausgerichtet, Grass fetig zu machen. Möge Broder doch zur BILD-Zeitung wechseln. Dort könnte er sich zu Hause fühlen.

Ich weiß nicht, ob senil und so. Ich fand Grass' Argumente in dem Inteview im 3 Sat sehr erhellend. Der Mann macht sich einfach Sorgen um den Weltfrieden. So habe ich auch das Gedicht verstanden. Alles andere, diese Unterstellungen, er würde den Juden Schuld geben, sie seien eine Gefahr für den Weltfrieden, ist genauso schäbig und giftig wie das elende Gezeil von Herrn Broder. Es ist Grass zu Gute zu halten, dass er sich selber noch korrigiert hat und gesagt, er meinte nicht Israel an sich, sondern die jetzige Regierung Nethanjahus. Wer gibt schon gerne Fehler zu? Immerhin hat Grass darauf hingewiesen, dass sich Nethanjahu bei Obama für das Recht eines Angriffs auf den Iran stark gemacht hat. In der Diskussionssendung von Günther Jauch am letzten Sonntag Abend, hat der Politikwissenschaftler Michael Lüders gesagt, ein islamisches Land würde Israel nie vernichten, weil für Moslems Jerusalem auch heilig ist. Ahmadinejad sei auch nicht gefährlich, weil er im Jahre 2013 sowieso von der politischen Bühne wegtritt. Eine Atombombe haben die nicht. Dagegen kann mir doch keiner weißmachen, dass ein Land mit Atombomben doch gefährlich werden kann oder äh...könnte. So daneben hat Grass nicht gelegen.

Die Frage nach Senilität könnte man jetzt verdrehen. Warum ist von Journalisten oder Literaturkritikern nie in Erwägung gezogen worden, dass Literatur, hier das Gedicht, fiktionale Inhalte haben könnte. Literatur ist immer auch fiktional. Darauf ist tatsächlich niemand gekommen. Journalisten müssten so etwas aber wissen. Tatsache, hier wurde aufgebauscht, wo es nichts zum Aufbauschen gab. Im Grunde hat Grass, der Schlaufuchs, vorgeführt, wie sich in Deutschland oberflächlicher Journalismus herumtreibt. Natürlich ist es schäbig mit solch brachialer Wortgewalt über einen 85 Jährigen herzufallen. Mir hat es auch nie gefallen, dass MRR auf einem früheren Spiegeltitelblatt "Ein weites Feld" zerrissen hat. Literaturkritik darf keine Schlammschlacht sein und zu dem aktuellen Gedicht, gab es noch keine vernünftige literarische Auseinhandersetzung. Ansätze dazu habe ich nur hier gefunden.

Liebe Grüße
mArtinus




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zuletzt bearbeitet 20.04.2012 02:46 | nach oben springen

#70

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 20.04.2012 14:21
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge

Zitat von Roquairol
Ich wundere mich immer mehr darüber, dass von all dem empörten Kritikern offenbar niemand auf den Gedanken gekommen ist, die (angeblich) so irrwitzigen Äußerungen von Grass auf sein hohes Alter und eine vielleicht damit verbundene Senilität zurückzuführen, und deshalb höflich darüber zu schweigen! Aber nein, der deutsche Kritiker muss immer gleich die schwersten Geschütze auffahren, egal ob es sich um die Äußerungen eines 35jährigen oder 85jährigen handelt: Pardon wird nicht gegeben!

In einem anderen Land gab es vor ein paar Wochen einen ähnlichen Fall: Ein alter, verdienter Künstler machte in einem Interview einige politisch sehr bedenkliche (antisemitische) Äußerungen. Aber in diesem Fall ging keine Welle der Empörung durch das Land, sondern die Leute (inklusive Journalisten) sagten sich, dass der gute Mann auf seine alten Tage wohl leider nicht mehr so ganz bei Verstand ist - und deckten den sanften Mantel des Schweigens darüber. Das nenne ich eine Haltung, die einer Kulturnation würdig ist.




Eine der Taktiken in deutschen Medien war es durchaus, Grass als senil hinzustellen. Zum Beispiel, als Reich-Ranicki mit seinem „Ekelhaft“ loskrakeelte. In den verschiedensten Artikeln wurde das Alter des Literaturpapstes nicht erwähnt, bei Grass allerdings jedes Mal in Klammern die (84) dazu geschrieben. Bei dem einen, der das Gedicht in Frage stellt, spielt demnach das Alter keine Rolle (wird es immerhin nicht einmal erwähnt), bei dem anderen wird es jedes Mal dazugesetzt, mit einer ganz eindeutigen Absicht, die mehr als leicht zu durchschauen ist und die auch noch, so wie es nun für mich den Anschein hat, ihre Wirkung nicht verfehlt.

Diese ganze Diskussion in Deutschland ist armselig, lächerlich, furchterregend und rutscht immer weiter in den Sumpf eines völlig hirnlosen Fanatismus ab und dass Grass sich auch noch solchen Fanatikern stellt und sich anhören muss, dass er die Juden als Bedrohung darstellt, war keine besonders kluge Entscheidung, sollte er doch wissen, dass mit solchen Menschen nicht zu diskutieren ist, denn egal, wie er die Dinge klarstellen will, sie werden von vorneherein verzerrt und zu Unsinn verdreht. Alles was daraus zu vernehmen ist, ist: Grass ist ein Nazi. Die ganze Sendung ist nur dazu gedacht, nicht Klarheit in die Lage zu bringen, sondern Grass so sehr in die Ecke zu drängen, bis er nicht mehr weiß, wie er sich aus diesem Sumpf falscher Polemik befreien kann. Ich finde, er hat sich genügend zu seinem Gedicht geäußert und muss sich kaum mehr dieser armseligen Polemik schlechter Meinungsmache und Verfälschungen stellen, die nur die Absicht verfolgen, in Deutschland weiterhin eine Pro-Israelische Einstellung zu bewirken und der Regierung zu ermöglichen, Israel weiterhin in aller Seelenruhe mit Waffen zu versorgen und zu unterstützen.

Auch finde ich die Aussage, das Alter von Grass zur Bedingung zu machen und dann lieber zu schweigen als eine „würdige Reaktion einer Kulturnation“, völlig Sinn verfehlt, nein, ich finde, so eine Aussage ist eine regelrechte Schweinerei, weil eine derartige Reaktion, wäre sie so erfolgt, auch noch zugesteht, dass Grass tatsächlich senil ist,… als armer, alter Mann nicht mehr weiß, wovon er redet. Was für ein Unsinn. Muss man noch einmal betonen, dass Grass weder antisemitische Äußerungen noch falsche Aussagen gemacht hat? Der einzige Mensch, der in Deutschland politischen Durchblick hat, ist Grass, der die Lage klar und deutlich erkannt hat. Dass es möglich ist, seine Aussage dermaßen zu verfälschen und durch genügend Fanatismus immer mehr in eine einzige Richtung zu drängen, da sei doch ein antisemitischer Unterton herauszuhören, ist für mich erschreckend und zeigt mir immer deutlicher, dass die Medien im Verfolgen ihrer Absicht auch noch Erfolg haben und Wirkung erzielen. Anscheinend muss man nur lange genug bei der Sache bleiben und den Unsinn wiederholen und wiederholen und wiederholen, damit ganz vergessen wird, was Grass eigentlich in seinem Gedicht benannt hat.

Wenn Grass sich traut, die Probleme laut anzusprechen, ist er darum noch lange nicht senil. Er ist auch nicht senil, weil er sich gegen Fanatiker nicht zu Wehr setzen kann, weil solche Menschen ein klares Ziel verfolgen, das mit den Tatsachen wenig zu tun hat und auch diese Rolle perfektioniert haben, auf jedes „Piep“ reagieren, um ihren antisemitischen Vorwurf darauf zu richten. Eine Aussage, wie: man hätte ihn doch einfach als alten Mann in Ruhe lassen sollen, wirkt auf mich so geschmacklos und gemein, fast noch schlimmer als die dämlichen Antisemitismusvorwürfe, weil diese für einen normal denkenden Menschen einfach als lächerlich abgetan werden können. Einen alten Mann in seinem Bedürfnis nach Wahrheit aber einfach übergehen zu wollen, um ihm auf diesem Weg deutlich zu zeigen, dass er nicht mehr für voll genommen wird, ist hinterhältig und hätte, wäre es in diesem Sinne geschehen, wesentlich schlimmere Auswirkungen gehabt, denn kein einziger Mensch hätte daraufhin über das Gedicht nachgedacht. Den Fanatikern noch zugestehen, dass sie schon recht haben, aber nicht so böse auf einen alten, senilen Mann losgehen sollen, ist völlig verfehlt. Ganz im Gegenteil zeigt Grass mit seinem Gedicht, wie klar und vernünftig er denken kann, was den deutschen Medien samt ihrem Hintergrund anscheinend völlig abgeht. Für mich wird immer deutlicher sichtbar: in Deutschland läuft irgendetwas völlig aus dem Ruder. Und das schon seit Jahren.


Zitat von Martinus
Die Frage nach Senilität könnte man jetzt verdrehen. Warum ist von Journalisten oder Literaturkritikern nie in Erwägung gezogen worden, dass Literatur, hier das Gedicht, fiktionale Inhalte haben könnte. Literatur ist immer auch fiktional. Darauf ist tatsächlich niemand gekommen.



Darauf ist zum Glück keiner gekommen, weil das Gedicht keinerlei fiktionale Inhalte aufweist. Das wäre ja noch schöner, zu sagen, Grass betrachtet die politische Lage rein fiktional, vielleicht noch als reine, hermetische Kunst...

Liebe Grüße
Taxine




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 20.04.2012 20:07 | nach oben springen

#71

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 20.04.2012 22:05
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Taxine

Zitat von Martinus
Die Frage nach Senilität könnte man jetzt verdrehen. Warum ist von Journalisten oder Literaturkritikern nie in Erwägung gezogen worden, dass Literatur, hier das Gedicht, fiktionale Inhalte haben könnte. Literatur ist immer auch fiktional. Darauf ist tatsächlich niemand gekommen.



Darauf ist zum Glück keiner gekommen, weil das Gedicht keinerlei fiktionale Inhalte aufweist. Das wäre ja noch schöner, zu sagen, Grass betrachtet die politische Lage rein fiktional, vielleicht noch als reine, hermetische Kunst...




Einige Kritikergestalten haben Grass vorgeworfen, er kenne sich mit der Nahostpolitik nicht aus. Israel wolle Iran gar nicht vernichten. Falls diese Kritikergarde recht hat, hätte das Gedicht schon etwas fiktives. Auf jedenfall ist Grass nicht auf die Rolle der USA eingegangen. Die USA ist Waffenlieferant für Israel, ähnlich wie Deutschland. Ohne die Waffenlieferungen aus den USA wird Israel einen Krieg warscheinlich nicht beginnen, es sei denn, Israel erpresst die USA so,indem die Israelis einen Krieg beginnen, Amerika dann einschreiten würde, um Israel zu unterstützen. Das wäre eine haarige Sache, weil Israel mindestens die Amis wieder in einen Krieg ziehen lassen würde. Das wäre tatsächlich chaotiasch und die Gefahr eines größeren Flächenbrandes wäre gegeben, wovor Grass ja warnt.




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zuletzt bearbeitet 20.04.2012 22:06 | nach oben springen

#72

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 21.04.2012 18:05
von Taxine • Admin | 5.891 Beiträge

So, jetzt noch einmal in aller Ruhe.


Zitat von Martinus
Einige Kritikergestalten haben Grass vorgeworfen, er kenne sich mit der Nahostpolitik nicht aus. Israel wolle Iran gar nicht vernichten. Falls diese Kritikergarde recht hat, hätte das Gedicht schon etwas fiktives.


Nein, so kann man das nicht sehen. Grass hat in seinem Gedicht nicht gesagt, Israel wolle den Iran vernichten, sondern nur, dass Israel es könnte. Israel verstößt mit seinen Atomwaffen gegen Richtlinien und UNO-Resolutionen, hält sich nicht an die Vorschriften und hat damit eine gefährliche Narrenfreiheit, die Grass in seinem Gedicht in Frage stellt. Dies als gefährlich einzustufen, ist notwendig und hat Grass auch getan. Damit zeigt er, dass er sich in der Nahostpolitik hervorragend auskennt. Wenn jedes Land sich an Richtlinien hält, Israel aber macht, was es will, dann ist das sehr bedenklich. Und Grass wollte darauf hinweisen. Daran ist dann in diesem Sinne auch nichts fiktiv, weder als Gedichtsform noch als Aussage per se.

Liebe Grüße
Taxine




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zuletzt bearbeitet 21.04.2012 18:06 | nach oben springen

#73

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 23.04.2012 23:34
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Zitat von Taxine

Auch finde ich die Aussage, das Alter von Grass zur Bedingung zu machen und dann lieber zu schweigen als eine „würdige Reaktion einer Kulturnation“, völlig Sinn verfehlt, nein, ich finde, so eine Aussage ist eine regelrechte Schweinerei, weil eine derartige Reaktion, wäre sie so erfolgt, auch noch zugesteht, dass Grass tatsächlich senil ist,… als armer, alter Mann nicht mehr weiß, wovon er redet. Was für ein Unsinn. M



Nein, darum geht es nicht. Ich hatte ja schon früher klargestellt, dass ich Grass keineswegs für senil halte.
Es geht mir darum, dass ich es nicht nachvollziehen kann, warum jemand, der (anders als ich) glaubt, dass Grass Unsinn geäußert hat, überhaupt nicht auf den Gedanken kommt, es könne darauf eine andere Reaktion geben als öffentliche Empörung.

Eben so wie in dem Fall aus dem anderen Land, wo ein geschätzter alter Künstler (meiner Ansicht nach) plötzlich Unsinn redet, aber das ganze Land wie auch ich aus Verehrung gegenüber jenem Künstler einfach - schweigt ...




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#74

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 24.04.2012 12:49
von LX.C • 2.691 Beiträge

Zitat von Taxine

Zitat von Martinus
Die Frage nach Senilität könnte man jetzt verdrehen. Warum ist von Journalisten oder Literaturkritikern nie in Erwägung gezogen worden, dass Literatur, hier das Gedicht, fiktionale Inhalte haben könnte. Literatur ist immer auch fiktional. Darauf ist tatsächlich niemand gekommen.



Darauf ist zum Glück keiner gekommen, weil das Gedicht keinerlei fiktionale Inhalte aufweist. Das wäre ja noch schöner, zu sagen, Grass betrachtet die politische Lage rein fiktional, vielleicht noch als reine, hermetische Kunst...




Das stimmt. Was man aber nicht berücksichtigt hat, aber hätte berücksichtigen müssen (und das meinte Martinus vielleicht), ist, dass die Form des Gedichts dem Dichter Mittel wie das der Hyperbel erlaubt, um "wachzurütteln".
So hat man sich beispielsweise auf eine angebliche Tatsachenbehauptung Grass des gewollten Erstschlages Israels zur Auslöschung des Irans festgebissen und das Gedicht damit inhaltlich deformiert, um Grass bloßzustellen.

Grass:
"Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte [...]"


Grass bedient sich hier dem Mittel der Hyperbel, denn bisher sprach man von israelischer Seite durchaus nur von der Vernichtung der Atomanlagen, und spricht, was ganz wichtig zu berücksichtigen ist, zudem noch im Konjunktiv.
Grass stellt hier also keine Tatsachenbehauptung dar, sondern generiert ein persönlich gefürchtetes Horrorszenario des Lyrischen Ichs. Es handelt sich um eine Überspitzung, eine Ausmalung des Schlimmsten bei Eskalation der Lage, sprich einem offenen Krieg, in der "Phantasie" des Lyrischen Ichs.
Gerade um solche Befürchtungen und Ängste äußern zu können, hat Grass ja vermutlich die lyrische Form gewählt, um sich weniger angreifbar zu machen und durch das erlaubte Mittel der Hyperbel aufrütteln zu können. Das ging aufgrund der gewollten medialen Deformierung und den überhitzten Polemiken gegen den Autor in die Hose. Es ging doch eigentlich nie um die Sache, sondern darum, die abgeebbte Kampagne gegen Grass nach der verspäteten Zwiebel-Beichte fortzusetzen.


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
zuletzt bearbeitet 24.04.2012 13:08 | nach oben springen

#75

RE: Grass: Was gesagt werden muss

in An der Literatur orientierte Gedanken 24.04.2012 13:13
von Martinus • 3.194 Beiträge

Hallo LX.C

die Sache mit dem "Ersrschlag" ist eben das, wo ein wenig Fiktion ins Spiel kommt. Mit Erstschlag assoziiere ich Atombomben. Und gerade das wird ja angefochten, dass Israel Iran total auslöschen will. Israel will Irans Atomanlagen auslöschen, dazu braucht man nicht unbedingt Atombomben. Das Israel für einen Angriff gegen Irans Atomanlagen bereit ist, gibt auch Israels Generalstabchef zu. Sie hier. Das heißt aber nicht, dass Israel mit Atombomben losschießt. Grass, und das ist es, wie du auch sagst, eben das schlimmste Horrorszenario eines Atomkrieges sich fiktional ausmalt, was schlimmsten Falls passieren könnte. Und an dieser Grass-Stelle empörten sich einige jüdische Geister, die in dem Gedicht eine jüdische Verschwörungtheorie aufflackern sahen, Juden wollten die Welt erobern und so ein Unsinn. Natürlich ist solch eine Kritik auch überzogen, weil es Grass ganz klar um die Kriegsgefahr ging und nicht um die Juden.

Liebe Grüße
mArtinus




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

zuletzt bearbeitet 24.04.2012 13:16 | nach oben springen


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