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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#301

RE: Dostojewski 2

in Die schöne Welt der Bücher 06.01.2018 21:01
von Taxine • Admin | 5.952 Beiträge

Dann also ein paar Gedanken zu dem Frühwerk Dostojewskis. Reihefolge war "Onkelchens Traum", „Das Gut Stepantschikowo“, „Arme Leute“, „Herr Prochartschin“, "Weiße Nächte" und "Ein kleiner Held". In der Gesamtausgabe von Zweitausendeins, die ich besitze, sind diese Werke in zwei Bänden enthalten.

1. Dostojewski
„Onkelchens Traum“


Auch bei diesem Werk trägt die gute Übersetzung von E. K. Rahsin (alias Less Kaerrick) stark zur Faszination für den Text bei. Sie findet (gegenüber anderen Übersetzern) fast immer einen Ton, der unterhaltsam und fließend zugleich ist, der irgendwie anders packt und mitreißt. Daran reichen weder die vielgelobte Swetlana Geier noch Übersetzer wie Hermann Röhl oder Krofiz Holm.

In dieser Hinsicht spielt für mich weniger die wissenschaftlich perfekt ausgearbeitete Übersetzung eine Rolle als ein übertragener Stil, der mich trägt und begeistert. Das gelingt Rahsin immer und hat mir die Lektüre deutlich näher gebracht, die gegenüber den Spätwerken dann doch etwas wässriger ist, eben weil die Tiefe noch fehlt. Ob ein Titel dann ungenau übersetzt ist, was für neue Ausarbeitungen teilweise so wichtig war, interessiert mich herzlich wenig. Bezeichnungen wie „Verbrechen und Strafe“, „Schuld und Sühne“, „Raskolnikow“ … oder „Die Dämonen“ bzw. „Die Teufel“ haben auf den Inhalt wenig Einfluss.
Tatsächlich gefallen mir die alten Titel sogar besser, finde ich „Die Dämonen“ gelungener als die korrekte Auswahl „Die Teufel“. Für mich entscheidend ist ein leichter und mich fesselnder Takt in der Wortwahl und Wortreihenfolge bei der Übersetzung. Schon ein Roman, der russische Namen verallgemeinert, verliert für mich an Wärme. (Wenn Dostojewski drei Verniedlichungen eines Namens aufzählt, wie z. B. im „Gut Stepantschikowo“, lässt Röhl das weg, während Rahsin den Inhalt beibehält. Das sind nur Kleinigkeiten.)

„Onkelchens Traum“ ist als Satire gestaltet, hat mich dann doch überrascht, zumal ich das Frühwerk von Dostojewski weniger kenne und die Reife und Tiefe kaum voraussetzen konnte. Das Ganze wurde aber bereits nach seiner Verbannung verfasst und gewinnt daher erste Züge der Dostojewski’schen Prägnanz. Andererseits ist Tiefe bei dieser Geschichte gar nicht notwendig, vielmehr zeigt sich Dostojewski als ausgezeichneter Psychologe und erzählt gleichsam in ähnlichem Stil aus Tratsch und Klatsch, den seine Figuren pflegen, der vielleicht nicht jeden ansprechen mag, für meine Lesestimmung aber sehr anregend war. Da sprudelt die Story im Kleinstadt-Milieu nur so dahin und zieht auch so manchen Lacher nach sich.

Erzählt wird die Geschichte einer angesehenen Gesellschaftsdame, die sich ihre hohe Position und Macht durch Tricks und Lügen erschlichen hat. Das ist in einer Gemeinschaft, die allgemein aus falschen, reichen und niederen Menschen besteht, nicht unbedingt hinderlich. Doch ein Skandal um die Tochter Sinaida machte der Dame unlängst zu schaffen, da diese sich ausgerechnet in einen armen Lehrer verliebte, der nicht passend für das Kind zu sein schien, und sie dann bei Ablehnung der Heirat öffentlich bloßstellte. Später bereut er und stirbt an Schwindsucht, während die Versöhnung am Totenbett rechtzeitig erfolgt, wobei Dostojewski bereits in diesem Roman das typische Repertoire hervorholt, das auch seinen anderen Roman eigen ist.
Die Gestalt der Tochter Sina ist geprägt von Gutherzigkeit und Wahrheitswunsch, die Falschheit ihrer Mutter geht ihr gänzlich ab. Damit gesellt sie sich zu einer ganzen Reihe ähnlich gestalteter weiblicher Figuren in Dostojewskis Romanen.

Die pikierte Gesellschaftsdame plant nun, Sina mit einem senilen alten Fürsten zu verheiraten, in der Hoffnung, dass dieser bald sterben und Sina alles erben würde. Die Planung und Ausführung wird spannend dargestellt und misslingt am Ende noch viel besser. Schritt für Schritt wird die Scheinheiligkeit der Gemeinde aufgedeckt, in ihrer Falschheit genauso wie in ihrem Klatsch
Die Geschichte ist erstaunlich gelungen. wenn man davon absieht, sie mit seinen großen Werken zu vergleichen. Besonders schön sind Sina, der schusselige Fürst und die raffgierige Mutter Marija Alexandrowna dargestellt. Einen Höhepunkt bildet die Szene, als letztere ihren Mann für ihren Lügen-Auftritt benötigt und diesen dann ganz außerordentlich gut zur Sau macht, während sie ihn für den Vorgang präpariert, vorbereitet und ausstattet. Er darf nur „Hm“ antworten, wenn man ihn etwas fragt und erweist sich als lustiger Gegenpart zu dem ihn drangsalierenden keifenden Weib.

Doch, hier hat Dostojewski so ewas wie Humor bewiesen, auch den typischen psychologischen Ernst, kombiniert mit einer guten Geschichte, die in sich stimmig ist. Die Guten gewinnen, die Schlechten zum Teil auch. Alles passt. Bei weitem gibt es schlechtere „Klassiker“. Mir hat das Buch gefallen.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 06.01.2018 21:21 | nach oben springen

#302

RE: Dostojewski 2

in Die schöne Welt der Bücher 06.01.2018 21:09
von Taxine • Admin | 5.952 Beiträge

2. Dostojewski
„Das Gut Stepantschikowo“


In diesem etwas umständlicher formulierten Werk schafft es Dostojewski, einen niedrigen Charakter so hassenswert darzustellen, dass sich selbst der eine oder andere Leser über dessen Verhalten empört und die anderen In-Mitleidenschaft-Gezogenen bedauert. Das Buch strotzt anfangs irgendwie von teilweise recht absurden Einfällen, wobei ich mich ständig frage, woher Dostojewski seine Ideen bezieht, was in ihm vorgegangen sein mag, um diese Charaktere und Umstände zu schaffen.
Belegt ist, dass Dostojewski ein starkes Interesse an neurotischen und pathologischen Charakteren hatte, während er1844 mit dem Arzt A. E. Riesenkampf in Petersburg zusammenlebte, dessen Patienten ihn interessierten und denen er auch häufig begegnete. Viele dienten als Skizzen und Vorlagen für seine Figuren, hinter denen der Autor, selbst als Erzähler in der Geschichte und Ich-Figur, komplett verschwand.

Erste Andeutungen der Figur-Zeichnung verweisen schon auf später sporadisch in Romanen auftretende Gestalten, wobei dieses Werk einen einzigen schlechten Charakter und einen einzigen sehr guten (und damit nervigen) Charakter spiegelt. Teilweise sind die Figuren stark überzogen kreiert (was bei Dostojewski nicht selten geschieht, hier aber in extremer Form erfolgt), darunter der so anfällige und schwache Onkel oder der besonders miese Foma.

Das Buch ist lustig zu lesen, geht einem aber auch etwas mehr auf die Nerven als andere Werke. Dostojewski feiert nicht so sehr den schlechten Menschen, als das er zeigen möchte, dass auch im schlechten Menschen Gutes steckt, häufig mehr als erwartet. Er ruft Szene um Szene hervor, die das untermalen soll, wobei die Wiederholung dann einiges vom Leser abfordert, insbesondere Geduld.
Um sich die Details zu merken, benötigt man wirklich nur den Namen Foma Fomitsch, um die ganze Erinnerung an diesen Roman wiederzubeleben. Der Rest ist eine Art Drum-Herum und die Aussage ist: gibst du einem überheblich kleinlichen Menschen Freiraum und förderst die Eitelkeit, kriegt er Höhe und wird zum Tyrann. Schuld daran ist nicht nur er selbst, sondern gerade auch das Umfeld, das dem Ganzen den Raum bietet, die Leute, die das eitle Wesen unterstützen und mit unangebrachter Ehrfurcht fördern. Dostojewski sieht diese Gefahr bei Menschen, die sich ungebildet fühlen und die Bildung bei anderen Menschen überschätzen.




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