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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#271

RE: Gedanken vom Tag - allgemein Nr. 3

in Gedanken vom Tag 14.05.2012 22:25
von Taxine • Admin | 6.070 Beiträge

Zitat von Krümel

Zitat von Roquairol
Man muss Benn mit Empathie und Emotion lesen, aber gerade nicht mit Verstand.



So verhält es sich doch grundsätzlich mit Lyrik, das schreibt man aus dem Bauch...




Woooaaasss? Mehr... viel mehr...

Denn Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (die hat man früh genug), - es sind Erfahrungen. Um eines Verses willen muss man viele Städte sehen, Menschen und Dinge, man muss die Tiere kennen, man muss fühlen, wie die Vögel fliegen, und die Gebärde wissen, mit welcher die kleinen Blumen sich auftun am Morgen. Man muss zurückdenken können an Wege in unbekannten Gegenden, an unerwartete Begegnungen und an Abschiede, die man lange kommen sah, - an Kindheitstage, die noch unaufgeklärt sind, an die Eltern, die man kränken musste, wenn sie einem eine Freude brachten und man begriff sie nicht (es war eine Freude für einen anderen -), an Kinderkrankheiten, die so seltsam anheben mit so vielen tiefen und schweren Verwandlungen, an Tage in stillen, verhaltenen Stuben und an Morgen am Meer, an das Meer überhaupt, an Meere, die hoch dahinrauschten und mit allen Sternen flogen, - und es ist noch nicht genug, wenn man an alles das denken darf. Man muss Erinnerungen haben an viele Liebesnächte, von denen keine der andern glich, an Schreie von Kreißenden und an leichte, weiße, schlafende Wöchnerinnen, die sich schließen. Aber auch bei Sterbenden muss man gewesen sein, muss bei Toten gesessen haben in der Stube bei dem offenen Fenster und den stoßweisen Geräuschen. Und es genügt auch noch nicht, dass man Erinnerungen hat. Man muss sie vergessen können, wenn es viele sind, und man muss die große Geduld haben, zu warten, dass sie wiederkommen. Denn die Erinnerungen selbst sind es noch nicht. Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht mehr zu unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, dass in einer sehr seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen ausgeht.

(Rainer Maria Rilke "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", Insel Verlag, S. 19/20)





Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 14.05.2012 23:05 | nach oben springen

#272

RE: Gedanken vom Tag - allgemein Nr. 3

in Gedanken vom Tag 15.05.2012 12:37
von Krümel • 499 Beiträge

Zitat von Taxine

Zitat von Krümel

Zitat von Roquairol
Man muss Benn mit Empathie und Emotion lesen, aber gerade nicht mit Verstand.



So verhält es sich doch grundsätzlich mit Lyrik, das schreibt man aus dem Bauch...




Woooaaasss? Mehr... viel mehr...




Ist für mich Bauch, vom Kopf her würde ich dir Statistiken, Analysen und Wahrheiten schreiben. Das einzige was aber mein Verstand bei meinen Gedichten darf, ist ab und an Silbenzählen, ansonsten hat er sich rauszuhalten

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#273

RE: Gedanken vom Tag - allgemein Nr. 3

in Gedanken vom Tag 15.05.2012 19:33
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Genau - ist ja alles richtig, was Taxine und Rilke meinen, nur mit Verstand hat das alles nichts zu tun ...




Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
Facebook: http://www.facebook.com/people/Klaus-Mendler/1414151458
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#274

RE: Gedanken vom Tag - allgemein Nr. 3

in Gedanken vom Tag 16.05.2012 00:54
von Taxine • Admin | 6.070 Beiträge

Zitat von Roquairol
Genau - ist ja alles richtig, was Taxine und Rilke meinen, nur mit Verstand hat das alles nichts zu tun ...





Vielleicht wird es mit Walt Whitman sichtbarer:

"In jedem Ding, Gebirge, Baum und Stern - in jeder Geburt und
jedem Leben,
Als Teil von jedem - aus jedem entwickelt - Bedeutung hinter
dem Geprang,
Harrt ungefaltet eine Chiffre mystisch."


(Whitman "Grashalme")




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zuletzt bearbeitet 16.05.2012 01:20 | nach oben springen

#275

RE: Gedanken vom Tag - allgemein Nr. 3

in Gedanken vom Tag 16.05.2012 11:53
von LX.C • 2.805 Beiträge

Ich denke, wenn man den Verstand nicht gebraucht, wird man so manches Gedicht nicht verstehen können - ebenso gilt das für Empathie und Emotion. Doch diese reichen oftmals nicht aus.


--------------
Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
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#276

RE: Gedanken vom Tag - allgemein Nr. 3

in Gedanken vom Tag 04.07.2012 23:45
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Heute Diskussion zum Fiskalpakt - kaum zu glauben, das alles. Die europäischen Staaten sollen da einen Vertrag unterschreiben, der nie mehr zu kündigen ist, also für alle Ewigkeit gelten soll. Und unter anderem steht dort drin, dass die Staaten ihre Schulden nicht durch Einnahme-Erhöhungen abbauen dürfen. Das bedeutet also konkret, dass es in Zukunft für alle Ewigkeit in Europa verboten sein soll, die Steuern für Reiche zu erhöhen! Unfassbar!




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#277

RE: Gedanken vom Tag - allgemein Nr. 3

in Gedanken vom Tag 19.08.2012 23:05
von Taxine • Admin | 6.070 Beiträge

Und hier haben wir also noch einen, der es wagt, auszusprechen. Ich erinnere zunächst an diese Gedanken von Patmos:

Zitat von Patmos

Eigentlich interessiert mich Kafka wenig, ich mochte ihn, ehrlich gesagt, noch nie so besonders. Kafka war schon lange vor Kafka, und das viel besser und Melvillekser, oder Poester, oder Gogolesker. Bei den Deitschen wäre es dann E.T.A.H., und wenn ich dann einmal einen unkakfkaesken Bogen zu Tschechow schlagen darf und an das Krankenzimmer Nr. 6 denke, zum Beispiel, oder einigen anderen Tschechowschen Kleinoden, so empfinde ich den Ausdruck - Kafkaesk irgendwie als Verschlagwortungs - Talmi, als ewiger Hype schleimig äffender Intellektueller.



... oder:

Zitat von Patmos
Mir geht es um die Dogmatik der beliebigen Instrumentalisierung derjenigen Autoren, die als die unberührbaren Heiligen gelten, oder je nach Geschmäcklichkeiten - zu gelten haben.
Und da ist von Shakespeare über Nietzsche bis Kafka, jedenfalls bei mir, kein Kniefall zu erwarten. Oder anders gesagt: Warum sollte ich mich Joyce nur knieend nähern, wenn doch O'Brien...



Und Vollmann nun wieder schreibt so darüber:

Zitat von Vollmann
Das ist alles immer noch schön in den witzigen und nachdenklichen kleinen Stücken Kafkas; der Roman aber hält das nicht aus, und der Leser gar nicht: je genauer er liest, desto schneller wird er dieses Wesen leid, diesen traurigen Tiefsinn, dieses leere Kreisen im syntaktischen Nichts, dieses bodenlose Verlorengehn in keiner Welt. Schwer zu sagen, wer wir damals waren, als wir das mochten; genießen Sie jetzt den Anblick, wenn Dichter von ihren Sockeln fallen, und bedenken Sie vergnügt, was wir alles haben dulden müssen von denen, die uns mit Kafka die Welt erklären wollten. Mit jedem Dichter, den wir vom Sockel holen, auf den die Ausleger ihn gestellt haben, wird die Welt ein bisschen größer und heller.


(Rolf Vollmann "Die wunderbaren Falschmünzer", btb)


Das nenne ich Brüder im Geiste. Da kann mir Vollmann ja nun echt nichts Neues erzählen...




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zuletzt bearbeitet 19.08.2012 23:14 | nach oben springen

#278

RE: Gedanken vom Tag - allgemein Nr. 3

in Gedanken vom Tag 19.09.2012 08:35
von Martinus • 3.195 Beiträge

Es ist immer wieder erstaunlich, was in uns drin steckt, in unserem Unterbewusstsein. Ich schreibe aktiv in einer Schreibgruppe. Bei unseren Treffen wird ein Thema gestellt, worüber jeder etwas schreibt. Gedicht oder Prosa. 20 Minuten hat jeder Zeit. Ich finde das faszinierend. Unter einem enormen Zeitdruck etwas zustande bringen - was soll das? Den Zeitdruck spüre ich meistens gar nicht, sondern es stellt sich so ein, dass Gedanken und Ideen einfach in den Fluss kommen. Und das ist der Sinn der Sache. Dieses spontane Schreiben ist eine Übung, aus mir das herauszuholen, was in mir steckt. Vielleicht ist das auch eine gute Übung gegen Schreibblockade. Eine andere Übung, die mich fasziniert, ist, eine Assoziationskette von Wörtern über eine halbe Din A4-Seite aufzuschreiben, dann Wörter herauspicken, daraus ein Gedicht machen. Das geht sehr gut frühmorgens oder nachts.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)
zuletzt bearbeitet 19.09.2012 08:36 | nach oben springen

#279

RE: Gedanken vom Tag - allgemein Nr. 3

in Gedanken vom Tag 19.09.2012 12:12
von Krümel • 499 Beiträge

Ja wenn es fließt, dann läuft alles rund. Bei mir klappt das momentan mit dem Schreiben gar nicht. Ich lasse lieber den Pinsel schwingen

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#280

RE: Gedanken vom Tag - allgemein Nr. 3

in Gedanken vom Tag 12.10.2012 14:02
von Taxine • Admin | 6.070 Beiträge

Gestern in der Frühe auf einer ansonsten eher ruhigen Straße auf einmal Getöse und laute Stimmen. Als ich auf den Balkon trat, sah ich etliche Menschen, gruppiert um einen Priester. Aus dem Haus wurde ein Sarg getragen, der Leichenwagen fuhr vor und die Menschen begaben sich wohl nach und nach auf die Beerdigung.
Später erfuhr ich dann, dass die Mutter der Nachbarin gestorben ist.
Heute hat sie das ganze Haus gereinigt und "gewaschen" (ein Brauch) und trägt nun ein Jahr lang schwarz.
Seltsam, was einem bei solchen Erlebnissen, ohne dass man direkt Teil daran hat, dennoch so alles durch den Kopf geht.




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#281

RE: Gedanken vom Tag - allgemein Nr. 3

in Gedanken vom Tag 25.10.2012 18:51
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Ich war mal in Griechenland, als die herzkranke Tochter der Nachbarin (und Tante) meines Pensionswirts gestorben ist. Das stundenlange Geschrei der Klageweiber war erschütternd und schon sehr bewegend. Ich hätte fast mitgeweint, obwohl ich die Leute kaum kannte ....




Homepage: http://www.noctivagus.net/mendler
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#282

RE: Gedanken vom Tag - allgemein Nr. 3

in Gedanken vom Tag 07.11.2012 20:18
von Taxine • Admin | 6.070 Beiträge

Es ist der Hammer. Ein Deja-vu. Die gleiche Abstimmung wie letztes Jahr in Athen. Und wo wir den Elfenbeinturm hatten ... Griechische Politiker, die sitzen in ihm und klappern ihre Sparmaßnahmen-Anträge durch, während draußen im Regen die Menschen protestieren. Und dazu verkünden die im Parlament gerade, dass die Gehälter auch bei den Angestellten im Parlament gekürzt werden und wundern sich dann, dass die drohen, die Leute von der Straße reinzulassen, um das Parlament zu stürmen.
Ein Elfenbeinturm ohne Gleichen.
Da kann man nur den Kopf schütteln.




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zuletzt bearbeitet 07.11.2012 20:21 | nach oben springen

#283

RE: Gedanken vom Tag - allgemein Nr. 3

in Gedanken vom Tag 07.11.2012 20:50
von Taxine • Admin | 6.070 Beiträge

Und dann Auszüge aus dem Deutschen Bundestag: Die Merkel: "Ja, man muss den Griechen sagen, dass sie in Schwierigkeiten sind ..." Klingt, als würde sie sich zu einer Gruppe Dreijähriger beugen und erklären: "Ja, du musst dem Jungen sagen, dass er böse war ..."

Die Prognose für Griechenland in Griechenland: Minus. Minus. Minus. Und dann, ist klar: Plus. (Was sonst.) Zahlt nur solange und beutet die Menschen weiter aus. Dann klappt das schon.




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zuletzt bearbeitet 07.11.2012 20:51 | nach oben springen

#284

RE: Gedanken vom Tag - allgemein Nr. 3

in Gedanken vom Tag 07.11.2012 21:25
von Jatman1 • 1.173 Beiträge

"Und dazu verkünden die im Parlament gerade, dass die Gehälter auch bei den Angestellten im Parlament gekürzt werden und wundern sich dann, dass die drohen, die Leute von der Straße reinzulassen, um das Parlament zu stürmen."
Der Wahnsinn. Hochdramatisch. Interessant.


www.dostojewski.eu
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#285

RE: Gedanken vom Tag - allgemein Nr. 3

in Gedanken vom Tag 08.11.2012 08:52
von Roquairol • 1.065 Beiträge

Die logische Grundvoraussetzung für einen echten Wandel wäre, dass erstmal diese korrupte Politikerkaste verschwindet, die den ganzen Mist verursacht hat. Aber dann kommt unser Schäuble wieder und warnt die Griechen, sie sollen es bloß nicht wagen, irgendwelche "Radikalen" zu wählen, sondern brav bei ihren "bewährten" Politikern bleiben (wie vor der letzten Wahl).

Vermutlich hat er Angst, dass sonst auch die Deutschen auf solche "dummen Gedanken" kommen könnten ....




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