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Hirngespinste

Austausch zwischen Literatur und Kunst


#256

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 16.03.2011 10:05
von LX.C • 2.666 Beiträge

Die Sanfte

„Die Stolzen sind sogar besonders schön, wenn … nun, wenn man an seiner Macht über sie nicht mehr zweifeln kann.“ (22)
Vom faustischen Mephistopheles inspiriert nutzt ein Pfandleiher die Existenzkrise eines jungen Mädchens aus und heiratet es. Er will es sich ganz seinen Motiven entsprechend unterwerfen und fügsam machen.
Aus dem Regiment wurde er unehrenhaft entlassen, weil er sich passiv verhielt, als einer seiner Vorgesetzten beleidigt worden war. Nun fühlt er sich ungerecht behandelt. Er wurde seiner Ansicht nach für etwas bestraft, was nicht in seiner Verantwortung gelegen hätte. Und dafür soll die Gesellschaft, von der er sich verspottet fühlt, seine Rache spüren, die letztlich nur auf das Einzelindividuum zielen kann.
Mit Schweigen, Distanz und Strenge will der Pfandleiher seine Frau erziehen, die ihrem Charakter nach zur „neuen Richtung“ gehört und somit auch nicht besser ist als die Gesellschaft - das gehört ihr seiner Meinung nach ausgetrieben. „Mit einem Wort: Schon damals, als ich mit mir so sehr zufrieden war, hatte ich mir ein ganzes System aufgebaut.“ (25)
Das System umzusetzen fällt ihm nicht schwer, denn es habe sich ganz von selbst aus seinem Geiste entwickelt, entspricht also vollkommen seinem militärisch geprägten Charakter.
Ihrer Annäherungsversuche widersetzt er sich hartnäckig, schließt den spontan euphorischen Glücksmoment für ein kontinuierliches langfristiges Glück aus, was mit Hörigkeit der Sanften gleichzusetzen ist.
„Sie hatte sogar ein- oder zweimal versucht, diesem Zustand ein Ende zu machen, indem sie mir leidenschaftlich um den Hals fiel. Da aber diese Ausbrüche von Leidenschaft krankhaft und hysterisch waren, ich aber nach einem dauerhaften Glück strebte, so blieb ich in solchen Fällen kühl.“ (30)

Sie aber vermisst die Anerkennung als Frau und sucht Bestätigung ausgerechnet bei des Pfandleihers Erzfeind. Die Hingabe der Sanften zum Offizier Jefimowitsch ist ein Hilferuf, der in letzter Konsequenz auf die Aufmerksamkeit des sich verweigernden Ehegatten zielt.
Als ihr die Zuwendung auch nach Entdeckung der Affäre versagt bleibt kommt es nach einem retardierenden Moment zum Eklat. Statt der erwarteten Eifersuchtsszene und der großen Aussprache folgt zunächst wieder Schweigen, einen ganzen Winter lang, in dem sich eine totale Verkehrung der Verhältnisse vollzieht.
Die Sanfte gibt all ihre Bemühungen auf und entwöhnt sich, nimmt ihn gar nicht mehr zur Kenntnis, ignoriert ihn letztlich total. Bei dem Pfandleiher fällt die „Binde“, wie er sich ausdrückt, man könnte auch sagen der Groschen, als er das bemerkt. Er gesteht ihr seine Liebe, kriecht ihr zu Füßen, küsst den Boden auf dem sie stand, stammelt herum, unterwürfig, bis zur totalen Erniedrigung. Und quält sie immer wieder mit neuen Plänen.
Doch: „Sie erwiderte nichts darauf. Sie lächelte nur. Sie lächelte wohl mehr aus Zartgefühl, um mich nicht zu verletzen. Ich sah ja, dass ihr diese Auseinandersetzungen über unsere Zukunft lästig waren.“ (68)
Was der Pfandleiher als Zartgefühl verkennt, scheint dem Leser vielmehr eine Zäsur, ein Moment des Triumphes, der die Gewissheit über ihren Sieg verheißt.
Durch die Beteuerung, ihm zukünftig die beste Ehefrau sein zu wollen, schürt sie noch einmal das Feuer und holt nur wenig später zum vernichtenden Schlag aus. Sie stürzt sich aus dem Fenster und ihn damit in eine weitere strafende Niederlage.
Noch im Tode bleibt die Sanfte erhaben. Einzig einen Dessertlöffel Blut hat sie gespuckt. Ohne Verletzungen, schön wie einst brennt sie sich in sein Gewissen und in seine Sehnsüchte, die nun marternde Ausmaße annehmen und ihm endlich das Eingeständnis entlocken: „Ich habe sie zu Tode gequält, das ist es!“ (77)

„Die Sanfte“, ein Spätwerk von 1876, ist geschickt angelegt. Dostojewski (1821-1881) will nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern Stimmungen fühlbar vermitteln. Der Leser soll nicht allein durch den erzählten Inhalt seine Schlüsse ziehen, sondern über die Erzählweise für die Situation sensibilisiert werden. Die Verwirrung und Verzweiflung des Pfandleihers, der unmittelbar vor seiner toten Frau steht und retrospektiv das Geschehen zu fassen sucht, wird durch personales Erzählverhalten, die Erzählinstanz tritt vollständig hinter die Figur zurück, transparent und lebendig. Der Schock und die Verzweiflung, das psychische Elend und die Konfliktsituation, in denen der Pfandleiher, der sich mehrmals verrechnet hatte, erst durch Schweigen und Distanz, dann durch Reden und Nähe, nun zurückgelassen bleibt, werden durch einen wechselnden Erzählstil, mal hektisch, mal verwirrt, mal aufgeräumt, durch wechselndes Adressat: „mal spricht er zu sich selbst, bald wendet er sich an einen unsichtbaren Zuhörer, gleichsam an seinen Richter“ (6), so der Autor, und die Widersprüche, in die er sich verstrickt, geradezu spürbar.
Durch eine vorausgehende Anlehnung an Victor Hugos „Die letzte Tage eines Verurteilten“ (1829) stellt der Autor ein Bezug zum hilf- und machtlosen Verurteilten her, der seiner Strafe nicht mehr entgehen kann und in seiner Verzweiflung nach letzter Fassung ringt. Wie bei Hugos Verurteilten bleibt auch für den Pfandleiher die ersehnte Begnadigung aus: „Sie hat nicht einmal ein paar Zeilen hinterlassen, ein Zettel mit den Worten: ‚Niemand ist an meinem Tode Schuld’“ (75)
Er, der „starke“, „tugendhafte“, „moralisch integere“ aber doch unehrenhaft entlassene Offizier, der sich dem schwachen Geschlecht bemächtigen und noch einmal das geliebte Überlegenheitsgefühl herstellen und spüren wollte, verliert am Ende erniedrigt und bestraft gegen die Sanfte, die durch ihren Freitod über sein Ego triumphiert.

(Zitate: Dostojewski, Fjodor: Die Sanfte, Anaconda Verlag, Köln 2010.)


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zuletzt bearbeitet 16.03.2011 10:14 | nach oben springen
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#257

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 19.03.2011 16:04
von Krümel • 499 Beiträge

Bin soeben zurück, und möchte vorweg schon mal anmerken, dass mir eine starke Ähnlichkeit mit der Kreutzersonate von Tolstoi sowie von dessen Frau Tolstaja "Eine Frage der Schuld" aufgefallen ist. Gleicher Frauentyp in schwieriger Ehelage, gleicher Typ von Mann , Seitensprung und am Ende der Tod der Sanften ... Frage an die Russen-Experten: Ist dies eine Anlehnung, Zufall oder gewollt. Irgendwie haben doch Dostojewski, Tolstoi und Turgenjew ständig irgendwelche Fehden gehabt, jeder wollte es doch besser schreiben

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#258

RE: Dostojewski

in Die schöne Welt der Bücher 19.03.2011 18:42
von LX.C • 2.666 Beiträge

So mal auf die Schnelle (wenig Zeit) würde ich sagen, dass die Intention bei Dostojewski eine andere ist. Auch die Herangehensweise, vollkommen, klar. Kreuzersonate hat wenig bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Die Sanfte hingegen sehr.
Nun ja, literaturhistorisch wird man das Thema immer wieder finden, insbesondere aber im ausgehenden, beginnenden 19./20. Jh., von Dostojewski bis Fontane.

Wie oder ob die Herren Russen diesbezüglich wetteiferten, da müssen wirklich andere was zu sagen

Mich interessiert übrigens, ob noch jemand die weibliche Seite näher beleuchtet. Mein Fokus liegt ja mehr auf dem Erzähler bzw. Pfandleiher. Bin gespannt.


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zuletzt bearbeitet 19.03.2011 18:53 | nach oben springen
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#259

Die Sanfte

in Die schöne Welt der Bücher 19.03.2011 20:36
von Krümel • 499 Beiträge

Zitat von LX.C
Mein Fokus liegt ja mehr auf dem Erzähler bzw. Pfandleiher. Bin gespannt.



Ist mir heute Nachmittag auch aufgefallen, und du hast ihn auch ziemlich negativ dargestellt, vor allem seine Verfehlung, die ich persönlich gar nicht als Verfehlung empfand, sondern sogar als mutig. Okay sympathisch ist was anderes, aber irgendwie habe ich seine Opferstellung auch spüren können. Er war nicht nur Täter. So, und das habe ich danach geschrieben:

Sie ist gerade mal 16 Jahre, schön und ein Opfer des frühen Todes der Eltern, dadurch wurde sie bei Tanten aufgenommen, die sie mehr als Putzfrau einstuften denn als eine Verwandte. Auch klingt es heraus, dass sie gebildeter ist und von höherem Stande entspringt als der Erzähler, was sie, die Sanfte, als williges Opfer für seine Verfehlungen macht. Denn mit seinem Geld, was er von in Not geratene Menschen, erzielt, so wie sie einst den Schmuck ihrer Mutter verpfändet hat, um ein wenig Bildung zu erhaschen; kauft er sie bei den Tanten los. Sein Beruf wird immer zwischen ihnen stehen!

Er selber ist auch ein Opfer der Zeit, denn zu seinem Beruf ist er durch die Missachtung des Ehrenkodex gekommen. Man wirft ihm Feigheit vor, weil er sich nicht duelliert hat, sondern eine geringe Verfehlung mit Hinwegsehen begegnet ist. So wurde er aus dem Regiment und Stand verstoßen, mit 3000 Rubeln musste er neu beginnen und er wählte den Weg des geringsten Widerstandes, obwohl er widersteht … In dieser Erzählung findet der Leser gleich zwei Opfer-Täter und deren Geschichte.

zuletzt bearbeitet 19.03.2011 20:39 | nach oben springen
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#260

RE: Die Sanfte

in Die schöne Welt der Bücher 20.03.2011 01:04
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Ja, auch das ist Dostojewskis Kunst des Schreibens. Er lässt den Leser hängen und weist ihm keine Richtung, in die er gehen soll, was zu den unterschiedlichsten Deutungen führt. Er soll sich aus dem Chaos der Gefühle eine eigene Meinung bilden, warum Sympathien und Antipathien auch niemals von vorne herein klar sind. Tolstoi neigt z. B. immer dazu, seine Ansicht zu vermitteln, bezieht eine eindeutige Stellung.

Die Russen als Russen wetteiferten (im Sinne: wer das bessere Verständnis für Russland hatte), die Russen als Schriftsteller eher nicht (denn jeder hatte seinen Stil und sein eigenes Thema). Was sich bei Tolstoi allmählich zum Vorwurf gegen das weibliche Geschlecht gestaltet, würde bei Dostojewski nie Thema sein. Sein Augenmerk liegt immer auf den inneren Vorgängen im Zwischenmenschlichen. Die Beweggründe und Handlungen, die daraus entstehen, sind eher Skizzen und Nebensächlichkeiten. Er blickt auf die Entwicklung der Menschen in schwierigen Umständen und Situationen wie Leid, Not, gegenseitige Achtung oder Missachtung voreinander.
Auch hier, in "Die Sanfte", sehen wir zwei Perspektiven und erkennen kaum eine gemeinsame Basis, auf der Liebe überhaupt möglich wäre. Bei Tolstoi in der "Kreuzersonate" spürt man die einstige Liebe beider Protagonisten, bei Dostojewski kommt diese gar nicht erst zustande. Dazu sind beide sehr verschieden und kennen trotzdem die gleiche Not. Er, in seinem damaligen Absturz, sie durch den Tod ihrer Eltern durch das Leben bei ihren Tanten, während aber die Sanfte (in meinen Augen ) ihrem Wesen treu bleibt, entwickelt sich der Pfandleiher weiter.

Mein Eindruck also war folgender:
Hier haben wir wirklich die Verführung von Mephistos aus dem „Faust“ vor uns. Der Pfandleiher, der geübt darin ist, aus dem Leid der Menschen seinen Vorteil zu ziehen, trifft auf ein junges und sich im Elend befindendes Mädchen, das sich aber seinen Stolz bewahrt hat. Sie ist eine Waise, die von ihren Tanten unterdrückt und an einen trunksüchtigen Krämer verschachert werden soll, während der Pfandleiher, beeindruckt durch ihren Charakter, sich „erniedrigt“, um sie aus ihrem Elend in ein anderes Elend – nämlich das von ihm bestimmte – zu führen. So zumindest ist es anfangs seine Absicht. Er macht ihr einen Heiratsantrag und wundert sich über ihr Zögern. – Wenn schon einmal ins Unglück, hier wie dort, sollte es da nicht besser sein, das größere Unglück zu wählen?

Der Pfandleiher und Ich-Erzähler, der vor ihrem aufgebarten Leichnam steht und sich an sie erinnert – Aber morgen, wenn man sie fortträgt, wie… wie soll ich dann alleine bleiben? – war erpicht darauf, für seine „gute Tat“ die Belohnung ihrer Zuneigung, ihrer Dankbarkeit zu erhalten. Er handelt einerseits berechnend aber auch teilweise aus Mitleid, wo er ihr bereits vor ihrer Heirat unnötigen Krempel abnimmt, den er nicht loswird. Er möchte, dass sie in ihm den „edlen Menschen“ sieht, ohne dass er es aussprechen muss, alleine durch sein Handeln. Er möchte sich durch seine Tat als ein besserer Mensch fühlen, bemerkt jedoch gleichzeitig, dass er keinen Zugang zu ihr bekommt. Und weil sie diesen scheinbaren Großmut nicht begreift, schreibt er die Schuld ihrem Alter zu, statt sich selbst zu hinterfragen.
Jugend ist hochherzig, das heißt gute Jugend, hochherzig, aber heftig; hat wenig Duldsamkeit. Entspricht etwas nicht dem Ideal, so wird es sofort verachtet.

„Im Herzen aber wollte ich, dass sie sie mich anbetete für meine Leiden.“ sagt er. Sie aber kennt seine Geschichte nur vom Hörensagen und dem, was er ihr in Worten (nicht in Gefühlen) mitteilt. Seine Weigerung, sie näher an sich heran zu lassen und trotzdem dabei noch zu erwarten, dass sie schon begreifen würde, verhindert von vorneherein ein gegenseitiges Verständnis füreinander.

Der Wandel vollzieht sich schließlich als ein Begreifen des Pfandleihers, dass ihr Wesen für ihn unerreichbar bleiben wird, damit ihre Seele und ihre Liebe. Und immer noch ist sie standhaft, akzeptiert, was immer er von ihr fordert. (Das wirkte auf mich, als ob er sie ständig kalter Zugluft aussetzt, und alles, was sie dagegen tut, ist sich eben woanders zu wärmen.) Sie ist in seinen Augen fast erloschen, und trotzdem singt sie… Er glaubt, der Schritt zur Heirat wäre der einzig notwendige, und verweigert ihr das Wichtigste: Gefühle, Zuwendung, Aufmerksamkeit. Wenn überhaupt, bewundert er sie aus der Entfernung, jedoch erst später, als ihm diese ganze Seele auf einmal sichtbar wird.

Das Wesen des Pfandleihers ist durch den Vorwurf der Feigheit, den ihm schließlich höhnisch auch die Sanfte macht, geprägt. Durch seinen Schritt zu heiraten, versucht er eine neue Welt zu betreten, der er aber nicht gewachsen ist, weil er hofft, seine alte darin beibehalten zu können. Er, der angeblich Feige, sie, die, trotz all ihrer Armut, immer noch Stolze, die einfach erträgt, während er nicht fähig ist zu ertragen, sondern vor langer Zeit schon aufgegeben hat, dazu auch noch Pfandleiher geworden ist, statt sich den Vorwürfen zu stellen und aus seinem Leben etwas anderes zu machen. Erst durch sie hat er diesen Abgrund überwunden und erkennt es erst, als es zu spät ist.

Dass er sie aus Mitleid geheiratet hat, dass konnte sie wohl durch ihren Stolz lange nicht akzeptieren, immerhin hatte sie in dieser Hinsicht keine andere Wahl. Als sie es jedoch ganz und gar akzeptiert hat, samt seiner nach dem auf ihn gerichteten Revolver geforderten Trennung voneinander, begreift sie seine Veränderung nicht, kommt mit seinem plötzlichen Erwachen nicht zurecht, erträgt seine Zuneigung, seine Liebe nicht (hat sie schließlich immer wieder versucht, ihm näher zu kommen). Sie hat sich längst mit allem abgefunden, so dass es kein Zurück mehr gibt. Alles in ihr ist erkaltet, was auch ihre einzelnen Schritte verdeutlichen. Sein Mitleid war schließlich für sie erträglich, auch das „einfach so“ nebeneinander leben, all das blieb ihre einzige Möglichkeit, in dieser Ehe zu existieren. Als er dann aber auf einmal, durch einen inneren Wandel, den nun wiederum sie nicht begreift, Gefühle, Liebe erhofft, zieht sie den Tod einem falschen und scheinheiligen Gefühl, das sie hätte aufbringen müssen, vor. So zumindest habe ich ihren Selbstmord empfunden. Gleichzeitig leuchtet mir aber auch deine Deutung ein, LX.C, denn sie hat häufiger den Versuch unternommen, ihn in seine Schranken zu verweisen, bis schließlich nichts als Verachtung zurück blieb. Ihr Tod als Sinnbild seines Versagens an ihr, ist nicht von der Hand zu weisen.


Was ich bei Dostojewski wiederum sehr bewundernswert finde, ist der innere Monolog, das Verwirrte des Sprechenden und Ich-Erzählers, die sich nur vage eröffnenden Hintergründe, die man Puzzle für Puzzle zusammensetzen muss. Tolstoi z. B., obwohl auch er den Wahn großartig dargestellt hat, bleibt immer linear, während Dostojewski mit Andeutungen und Sprüngen jongliert, in denen sich der Leser verliert, bis er diese für sich ordnen kann.
Was herauskommt, ist, wie sich auch hier wieder gezeigt hat, eine Vielfalt an Interpretationen.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 20.03.2011 01:59 | nach oben springen
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#261

RE: Die Sanfte

in Die schöne Welt der Bücher 20.03.2011 11:46
von Krümel • 499 Beiträge

Danke Taxine du hast es mal wieder auf den Punkt gebracht! Ich stimme dem fast komplett zu, außer dass ich schon den Seitensprung als Verfehlung bei der Sanften sehe, da ist sie von ihrem Weg abgekommen, was m. M. n. auch mit zum Selbstmord führt. Eine Handlung ihrerseits, wo sie zum Täter wird und die auch im Ganzen mitwirkt.

So, und jetzt drückt mir mal ganz fest die Daumen, dass es mit unserem Umzug endlich klappt, dann werde ich noch ein paar Monate nicht so präsent und zuverlässig sein können, wie es eigentlich mein eigen ist. Aber dann, ja dann ... dann freue ich mich auf wunderbare Leserunden und Literaturdiskussionen mit euch.

Liebe Grüße
Krümel

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#262

RE: Die Sanfte

in Die schöne Welt der Bücher 22.03.2011 19:54
von Jatman1 • 1.091 Beiträge

Ich habe mir jetzt, den Jüngling als grünen Jungen geholt - also die Übersetzung von S. Geier. Zum ersten Mal einen Dostojewski zum zweiten Mal. Dieses Paradoxon werde ich demnächst bedienen. Mal sehen, ob da nun tatsächlich Welten zwischen den Übersetzungen liegen und ob sie mir liegt. Ich werde es vermutlich sogar schaffen, mich mit 5 Sätzen dazu zu äußern.


www.dostojewski.eu
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#263

RE: Die Sanfte

in Die schöne Welt der Bücher 22.03.2011 21:06
von Jatman1 • 1.091 Beiträge

Ich bin ja eher für das schnörkellose Klare. Auf den ersten vergleichend gelesenen Seiten, kann ich mich spontan mit der Schlichtheit von Geiers Stil nicht anfreunden.(Ich vergleiche mit einer Übersetzung von Hermann Röhl) Der Text an sich verliert etwas an Zauber. Ich will doch eine Geschichte von früher lesen. Die muss dann auch das Gefühl von "früher" in sich tragen. Das scheint Geiers Übersetzung nicht im Angebot zu haben. Goethes und Schillers Briefwechsel, wären in der "Eindeutscheung" von Geier eine schiere Katastrophe.

Das aber nur vorerst ein spontaner Eindruck. Ob der sich als nachhaltig ausweist, muss sich noch zeigen . . .


www.dostojewski.eu
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#264

RE: Die Sanfte

in Die schöne Welt der Bücher 22.03.2011 21:43
von Jatman1 • 1.091 Beiträge

Hm. Ich sehe mich die 800 Seiten nicht lesen. Ein ganz neues Leseerlebnis. So liest man nicht selten. Ich sehe nicht, dass es sich bei mir einstellen wird. Und ein zweiter Effekt stellt sich, unabhängig von der Übersetzung, bei mir ein. Ich las bisher noch nie ein Buch zweimal und dachte bei Dostojewski sei es nun mal an der Reihe. Ist es nicht. Bei jeder Seite bin ich von dem Gefühl getragen "Och. Das kennste ja schon." Ein Gefühl der Unlust. Muss ich nicht haben. Bei Seite 50 werfe ich dann das Handtuch, falls nicht noch ein Wunder geschieht.

Ja. Trist. Der Übersetzungsstil ist (wirkt auf mich) trist.
Entweder die Frau hat alles auf heutigen Sprachgebrauch simplifiziert oder sie hat 1:1 übersetzt. Zweiteres sagt man ihr ja nach. Ich kann kein russisch, kann/will es aber nicht glauben. Es hat doch vor 150 Jahren niemand so gesprochen wie heute. Da staune ich aber Bauklötzer, mit welcher Phantasie alle anderen bisherigen Übersetzer zu Gange gewesen sein müssen. Ist für mich eher nicht nachvollziehbar.

Ihre 5 Elefanten zertrampeln mir in meinem Dostojewski-Laden eher das Porzelan, als dass sich mir neue Horizonte anbieten. Ob an es nun an ihr oder mir liegt, sei unbesehen.
Mir scheint es jedoch mal wieder ein Hype zu sein - mit dem üblichen Ergebnis: es wurde sehr dick augetragen. Zumindest für meinen Geschmack, denn es scheint eine Geschmacksfrage zu sein.


www.dostojewski.eu
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#265

RE: Die Sanfte

in Die schöne Welt der Bücher 23.03.2011 01:41
von Martinus • 3.194 Beiträge

Zitat von Jatman1
Es hat doch vor 150 Jahren niemand so gesprochen wie heute.



Swetlana Geier hat Dostojewskij's Romane ins heutige Deutsch übertragen. Solche zeitgemäßen Anpassungen erfahren doch Klassiker häufig. Gerade deswegen werden doch Klassiker in jeder Generation neu übersetzt.




„Wäre die Erde eine Bank, dann hättet Ihr sie bestimmt schon gerettet!" (Greenpeace)

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#266

RE: Die Sanfte

in Die schöne Welt der Bücher 18.04.2011 19:43
von Jatman1 • 1.091 Beiträge

Der Hartnäckige mal wieder mit einem tendenziellen Anhaltspunkt in Sachen Dostojewski und Verdacht.

In den Erinnerungen von Sonja Kowalewsky, der Schwester von Anna Krukowskaja findet sich folgende beschriebene Begebenheit: Dostojewski erzählte im Kreise der Kinder Sonja Kowalewsky, Anna Krikowskaja und deren Mutter eine Idee zu einem Roman:
Dem Gutsbesitzer war, als müsste er sich an etwas erinnern. Aber was war es nur? Er dachte angestrengt nach. Und plötzlich erinnerte er sich wirklich an etwas, und zwar mit größter Lebhaftigkeit; und alles war wieder greifbar nahe und verbunden mit einem furchtbaren Ekel vor sich selbst, daß er meinte, es sei nicht vor zwanzig Jahren, sondern gestern geschehen. Zwanzig Jahre lang war er davon nicht mehr beunruhigt worden.
Er erinnerte sich, wie er nach einer durchschwärmten Nacht, von betrunkenen Kameraden dazu aufgestachelt, ein achtjäriges Mädchen vergewaltigt hatte.
Als meine Mutter dies hörte, rang sie verzweifelt die Hände und flehte Dostojewski an: Fjodor Michailowitsch, erbarmen Sie sich! Denken Sie doch an die Kinder."

Thomas Mann führt diese Episode in seinem Essay Dostojewski mit Maßen auch an, jedoch anoymisiert ohne Verweis auf die Quelle, um letztendlich vieldeutig und lakanisch anzumerken: „Ein befremdlicher Zeitgenosse muss er schon gewesen sein, dieser Fjodor Michailowitsch.“
Da bin ich mal ganz seiner Meinung.

Die Erinnerungen sind leider nur Kindheitserinnerungen. Sie lesen sich jedoch interessant. Sie vermittelt einen Einblick in das, was man früher für Erziehung hielt. Außerdem beschreibt es auch lebendig und nachvollziehbar, wie extrem launisch Dostojewski zwischen obergrantlig und äußerst liebenswürdig in kürzester Zeit schwankte schwankte.

Soweit aus dem Lande Dostojewski.


www.dostojewski.eu
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#267

RE: Die Sanfte

in Die schöne Welt der Bücher 26.04.2011 10:55
von LX.C • 2.666 Beiträge

Wir hatten es glaube ich schon mal. Aber ich muss noch mal fragen. Welche Übersetzung des Kellerlochs ist zu empfehlen? Habe jetzt eine von Hermann Röhl vorliegen und will es damit demnächst noch mal probieren.


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Prekrasnogo dnja tebje. Do vstretschi. Poka!
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#268

RE: Die Sanfte

in Die schöne Welt der Bücher 26.04.2011 19:19
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

E. K. Rahsin ist die beste Übersetzerin.




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#269

RE: Die Sanfte

in Die schöne Welt der Bücher 26.04.2011 19:33
von Taxine • Admin | 5.881 Beiträge

Zitat von Jatman
Ja. Trist. Der Übersetzungsstil ist (wirkt auf mich) trist.
Entweder die Frau hat alles auf heutigen Sprachgebrauch simplifiziert oder sie hat 1:1 übersetzt. Zweiteres sagt man ihr ja nach. Ich kann kein russisch, kann/will es aber nicht glauben. Es hat doch vor 150 Jahren niemand so gesprochen wie heute. Da staune ich aber Bauklötzer, mit welcher Phantasie alle anderen bisherigen Übersetzer zu Gange gewesen sein müssen. Ist für mich eher nicht nachvollziehbar.



Bei Geier bin ich auch immer noch skeptisch. Ich muss zwar den "Jüngling" sowieso noch lesen, werde dabei allerdings Rahsin den Vorzug geben, weil mich der Sprachstil vollkommen anspricht. Ich habe aber "Die Dämonen" (also "Böse Geister") von Geier vorliegen und werde mir dann auch ein Bild machen.
Ans Heute angepasst, irgendwie geht das bei Dostojewski doch gar nicht. Wichtig ist ja auch gar nicht einmal so sehr das Zeitgemäße einer Übersetzung, sondern das Aufkommen jener typisch dostojewski'schen Atmosphäre. Bisher, in den Übersetzungen von Rahsin, war sie immer in den ersten Sätzen sofort wunderbar vorhanden.




Surreale Vorstellungen
zuletzt bearbeitet 26.04.2011 19:50 | nach oben springen
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#270

RE: Die Sanfte

in Die schöne Welt der Bücher 26.04.2011 20:07
von Jatman1 • 1.091 Beiträge

Das diverse Details einer Anpassung an die Zeit notwendig sind, steht sicherlich außer Frage - aber eben dezent mit Augenmaß. Ich habe ein praktische Bespiel erlebt. Ich musste mal etwas Goethe in TOTALEM Original lesen. Das ging garnicht. Ich habe nicht mal die Hälfte verstanden. Die alte Sprache, sicherlich neu poliert, aber doch den Geist noch im Ausdruck belassen. Ohne S. Geier hätte ich mir nie Gedanken über Übersetzungen gemacht ;-)


www.dostojewski.eu
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