HirngespinsteAustausch zwischen Literatur und Kunst |
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Relativ Neuentdecktes:
Nabokov, Vladimir
Die Kunst des Lesens - Meisterwerke der russischen Literatur
Fischer Verlag 1991
Sammlung von Vorlesungstexten; so auch über Werke Dostojewskis (47 S.). Dem feinnervig verklärten Dostojewski-Liebhaber mag die anzutreffende Reduktion in den Texten übel aufstoßen. Man muss sich ja nicht in allen Punkten seinen Einschätzungen anschließen. Gleichwohl empfinde sie als ausgesprochen belebend, kurzweilig und gewinnbringend.
Das Ding ist klasse. Davon wollte ich mehr! Gibt es wohl in Deutsch nicht.
www.dostojewski.eu


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RE: Dostojewski
in Die schöne Welt der Bücher 09.10.2012 22:30von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
Zitat von Jatman1 im Beitrag #374
Ach übrigens. Um Dein Dostojewskibild tut es mir sehr leid. Wo voll im Ernst sein tut. Die jetzige Startseite ist ja eine profane Sache, passt aber einfach besser ins Konzept. Ich habe es jetzt hier untergebracht. Da passt und gehört es hin. Klingt zwar paradox, aber ich finde es sehr schade, dass es "nach hinten" gerückt ist.
Verkrafte ich schon. Habe ja wegen deiner Dostojewski-Seite auch massig Resonanz erhalten.

Zitat von Jatman1 im Beitrag #375
Gerade gelesen. An dem Satz bin ich hängen geblieben. Er fasziniert mich, kann ihn aber nicht fassen. Ist es denn zu fassen?!
"Großinquisitor zu sein ist des Menschen, wie irren menschlich ist."
in Grigorij Pommeranz Euklidische und nichteuklidische Vernunft
!
Den Satz sollte der Autor noch einmal in Ruhe überdenken und umformulieren.

Zitat von Jatman1 im Beitrag #376
Relativ Neuentdecktes:
Nabokov, Vladimir
Die Kunst des Lesens - Meisterwerke der russischen Literatur
Fischer Verlag 1991
Sammlung von Vorlesungstexten; so auch über Werke Dostojewskis (47 S.). Dem feinnervig verklärten Dostojewski-Liebhaber mag die anzutreffende Reduktion in den Texten übel aufstoßen. Man muss sich ja nicht in allen Punkten seinen Einschätzungen anschließen. Gleichwohl empfinde sie als ausgesprochen belebend, kurzweilig und gewinnbringend.
Das Ding ist klasse. Davon wollte ich mehr! Gibt es wohl in Deutsch nicht.
Davon wolltest du mehr und auf Deutsch? Meinst du von Nabokov? Da gibt es noch tolle Eindrücke über die europäische Literatur und über Cervantes. Zwei weitere "Kunst des Lesens"-Bücher. Oder meintest du ähnliche Gedanken über Dostojewskis Werk?
Ich finde Nabokov in seinen Literaturbetrachtungen auch großartig. Der schmeißt alles raus, was Überfluss und unwichtig ist und lobt, was einzigartig bleibt. Seine Vorlesungen waren damals ja gut besucht und statt den Stoff zu lehren, hat er seinen Studenten beigebracht, wie man Werke richtig liest, z. B. Fragen gestellt, wie: Welche Farbe hatte die Tapete in Dickens "Bleak House"... (frei aus dem Kopf zitiert, kann sich auch bei der Frage um eine andere Tapete aus einem anderen Roman handeln.

Ich hätte von Nabokov auch gerne mehr Biografien gehabt, so wie die in "Die Gabe" über Tschernyschewski, die nicht idealisierte, sondern auf Wahrheit beruhte, ihn als Mensch, nicht als "neuen Menschen und russisches Vorbild" zeigte. Das konnte er neben dem Schreiben auch besonders gut, auch wenn man mit ihm nicht immer einer Meinung sein muss.

Art & Vibration


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Nabokow. Ich meinte über Dostojewski. Bei dem vielen Kram, eines DER erfrischensten Texte. Irgendwie freu ich mich, dass Du die Begeisterung, scheinbar aus den selben Gründen mit mir teilst :-)
"Der schmeißt alles raus, was Überfluss und unwichtig ist und lobt, was einzigartig bleibt." Jawoll Der Typ rockt.
Wenn es Texte über andere Autoren wären, hätte ich vermutlich nur geringe Freude daran, weil ich von denen nichts weiß.
"Großinquisitor zu sein ist des Menschen, wie irren menschlich ist."
Vielleicht: Der Mensch irrt und der Großinquisitor hat auch geirrt, obwohl er rationell im Recht ist. Der Mensch kann also auch irren, obwohl er im Recht ist.
Ja doch. Das könnt es sein.
Ach übrigens, macht wieder viel Freude mit Dir.
www.dostojewski.eu


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Zitat von Jatman1 im Beitrag #378
"Großinquisitor zu sein ist des Menschen, wie irren menschlich ist."
Vielleicht: Der Mensch irrt und der Großinquisitor hat auch geirrt, obwohl er rationell im Recht ist. Der Mensch kann also auch irren, obwohl er im Recht ist.
Ja doch. Das könnt es sein.
Ach übrigens, macht wieder viel Freude mit Dir.
Oder das egomane Streben nach Macht und Einfluss als Eigenschaft des Individuums, so fatal diese Eigenschaft auch ist, wie die jahrhunderte Menschheitsgeschichte lehren.
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[i]Poka![/i]


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Es gibt noch ein Stück Text. Ohne Argwohn gegen ihn. Und es fällt trotzdem so aus wie vieles über ihn - ein Kauz.
Es ist:
Kowalewsky, Sonja; Erinnerungen an meine Kindheit, Kiepenheuer Verlag Weimar 1963
Erinnerungen der Schwester von Anna Wasiljewna Korwin Krukowskaja, der Dostojewski einen Heiratsantrag gemacht hatte.
Sie beschreibt darin auch ihr Erleben Dostojewskis in ihrer Familie. D kommt nicht schlecht dabei weg, aber die Abteilung temporärer Sympathieträger taucht da auch nicht auf.
Übrigens noch ein Stück Text, das ganz klar aus der huldigenden Ecke herausfällt. Ernsthafte Konkurenz zu Nabokow:
Kropotkin, Petr; Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur, Suhrkamp Verlag 1975
Auf knappen neun Seiten äußert sich Kropotkin über Dostojewski. Er gibt kurze knackende Statements zu seinem Werk ab, deren Schärfe sehr erfrischend ist.
www.dostojewski.eu


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Ich werde demnächst immer gelegentlich kleine Sätze unkommentiert einstellen, an denen ich hängengeblieben bin. Vielleicht hat jemand seine Freude dran.
Geht gleich los:
"Daraum könne sich die Menschen Dostojewskis `zufällig` treffen: weil in ihren Treffen ohnehin das überzeitliche Wesen zum Wort gelangt, und da dessen erste Revelation ohnehin nicht anders als in Zeit und Raum geschehen kann, ist es gleichgültig, und kann die ontologische Notwendigkeit nicht berühren, wo und wann es geschieht."
oder / und
"Dem aber, der nur die Kausalitäten, des `Lebens` als Notwendigkeiten verfolgen kann, dem wird die Welt des Dostojewski eine chaotische, zusammenhangslose, mit Zufällen erfüllte sein."
Beides aus Georg Lukàcs, Dostojewski, Notizen und Entwürfe
www.dostojewski.eu


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RE: Dostojewski
in Die schöne Welt der Bücher 10.10.2012 21:36von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
Habe gestern mal wieder ausführlich deine Literatur-Dostojewski-Quellen-Seite studiert und mir nun beide Onasch Bücher bestellt. "Der verschwiegene Christus" und "Dostojewski als Verführer". Bin sehr gespannt, was da herum kommt.
Hatte ich schon zum tausendsten Mal erwähnt, dass ich deine Liste samt Kommentare einfach nur genial finde?
Hatte ich.
Na, dann noch einmal.

Art & Vibration


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RE: Dostojewski
in Die schöne Welt der Bücher 10.10.2012 21:41von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
Zitat von Zitat Jatman
"Dem aber, der nur die Kausalitäten, des `Lebens` als Notwendigkeiten verfolgen kann, dem wird die Welt des Dostojewski eine chaotische, zusammenhangslose, mit Zufällen erfüllte sein."
Der Satz ist doch einmal wirklich eine Herausforderung. Wenn alles Urache und Wirkung ist und das Leben als dieses betrachtet wird, dann offenbart Dostojewskis Werk keinen einzigen Zusammenhang? Nur Zufälle??? Ich finde, es offenbart fast eine einzige Kausalität: Der Mensch birgt ein dunkles Inneres und wird sich ewig im Zweifel mit seinem Glauben befinden.

Art & Vibration


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Hattest Du. Hatte ich mich schon mal freudig für Dein angetanes Interesse bedankt?!
Hatte ich.
Na dann noch einmal- DANKE.
Zu Onasch. Wie in den Kommentaren ersichtlich; ziehmlich spezifisches Zeug. Aber eben genug Fleich für Normalsterbliche. Und das was ich verstanden habe fand ich hoch interessant.
Es hat sich schon einmal von mir Onasch aufquatschen lassen. Der war dann sehr begeistert. Ein Reinfall wird es bestimmt nicht. Ich hoffe Du hast Freude dran.
Aber was erzähl ich, die lapidaren Hinweise geben bei Onasch ja eine klare "Warnung" aus ;-)
www.dostojewski.eu


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RE: Dostojewski
in Die schöne Welt der Bücher 10.10.2012 21:49von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
Zitat von Jatman1 im Beitrag #385
Zu Onasch. Wie in den Kommentaren ersichtlich; ziehmlich spezifisches Zeug. Aber eben genug Fleich für Normalsterbliche. Und das was ich verstanden habe fand ich hoch interessant.
Es hat sich schon einmal von mir Onasch aufquatschen lassen. Der war dann sehr begeistert. Ein Reinfall wird es bestimmt nicht. Ich hoffe Du hast Freude dran.
Aber was erzähl ich, die lapidaren Hinweise geben bei Onasch ja eine klare "Warnung" aus ;-)
Ja, Onasch interessiert mich wiederum auch darum, weil du so schön hin- und hergerissen warst.

Werde dann sehen, wie viel ich davon begreife.
Du hast aber auch etliche "Diverse" zusammengesammelt. Erstaunlich wo du immer wieder neues Material auftreibst.
Ich würde gerne mal dein Regal sehen. Alles Dostojewski. Was sage ich: ein Regal. Zwanzig wahrscheinlich ...


Art & Vibration


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RE: Dostojewski
in Die schöne Welt der Bücher 10.10.2012 21:56von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
Zitat von Zitat Jatman
"Darum könne sich die Menschen Dostojewskis `zufällig` treffen: weil in ihren Treffen ohnehin das überzeitliche Wesen zum Wort gelangt, und da dessen erste Revelation ohnehin nicht anders als in Zeit und Raum geschehen kann, ist es gleichgültig, und kann die ontologische Notwendigkeit nicht berühren, wo und wann es geschieht."
Sehe ich ganz genauso. Dostojewski hat in menschliche Tiefen gegriffen, dass sie auf alle Zeiten anwendbar sind und immer wieder neu aktuell in der Hinterfragung: was ist der Mensch?
Wird sich so lange nicht ändern, bis der Mensch durch das Künstliche ersetzt bzw. neu definiert (Gene) ist.

Art & Vibration


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"D. empfindet auch - Turgenjew und Tolstoi als uneigentlich."
Da ist vielleicht etwas dran; faktisch ging ja alles Eigentliche an ihm vorbei.
&
"D. hat nie eine Ehe gestaltet. Entweder scheitert (oder siegt) eine große Liebe oder es ist eine Situation nach einer Ehe gegeben."
Beides aus Georg Lukàcs, Dostojewski, Notizen und Entwürfe
Profane Feststellung, aber eine akkurate Punktlandung. Wie hätte D. es auch können sollen?!
www.dostojewski.eu


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Zum Thema, dass Dostojewski eigentlich ein Dramatiker war:
"Im Drama ist man Held und lebt nicht als Held. Das Drama entsteht, wenn man das Leben adramatisch ausschließt."
aus Georg Lukàcs, Dostojewski, Notizen und Entwürfe
Treffend und effizient formuliert. Schon wieder eine Punktlandung, denn das hat Dostojewski bis zur Neige getan.
www.dostojewski.eu


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