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RE: Dostojewski 2
in Die schöne Welt der Bücher 26.01.2013 22:44von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
Zitat von Jatman
„Teilnahme Dostojewskis an spiritistischen Sitzungen bei A. N. Aksakow mit N. P. Wagner, Leskow und anderen. A. N. Aksakow hat sich in drei Schriften mit Swedenborg beschäftigt, bzw. ihn auch übersetzt. Dostojewski besaß sie in seiner Bibliothek.“
Onasch, Konrad; Dostojewski-Biographie S. 105
Die von Aksakow initiierten medialen Sitzungen, fanden in der Öffentlichkeit viel Beachtung.
Ist irgendwie aber auch eigenartig, sich Dostojewski bei einer spirituellen Sitzung vorzustellen.

Art & Vibration

Dostojewski schreibt am 20.03.1968 aus Genf:
„Widerlich ist es, mit unseren Gescheiten zusammenzutreffen. O armselige, nichtige Menschen, o welch ein vor Eigenliebe aufgeblasener Dreck, o Scheiße! Widerlich! Herzen habe ich zufällig auf der Straße getroffen, wir unterhielten uns etwa 10 Minuten in feindselig-freundlichem Ton mit Spötteleien und gingen auseinander. Nein ich gehe nicht hin. Wie sie zurückgeblieben sind, wie sie so gar nichts begreifen.“
Was politische Dinge anbelangt, trifft der letzte Satz auch auf ihn selbst zu. Leider.
www.dostojewski.eu


RE: Dostojewski 2
in Die schöne Welt der Bücher 30.01.2013 15:51von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
Stelle mir solche Spirituellen immer sehr dürr, fast durchsichtig vor. Glatt rasiert. Die Augen nach innen gerichtet.

Art & Vibration

Die Stimmen für eine spirituelle Sitzung hatte er jedoch.
Das Thema ist ja bereits „durch“. Aber ich bin jetzt nochmal bei Kjetsaa auf eine Essenz gelangt, zu der wir einige Zeit brauchten:
„Außerdem war das Spiel ein gutes Mittel, ihn (Dostojewski) an sich (Anna) zu binden. Sie wusste, er würde am Ende in ihre Arme flüchten.“
Also eben doch nicht soooo altruistisch.
www.dostojewski.eu


Mir gefallen irgendwie von Dostojewski die kurzen Werke (ich lese derzeit "Weiße Nächte") besser. In ihnen finde ich den Autor stimmig, die Figuren verkörpern etwas, man erkennt eben, dass sie etwas darstellen und keine menschliche Wesen sind. Ich kann mich damit abfinden und mich voll auf die Gedanken und Intentionen konzentrieren, und somit wird das Lesen zum Genuss. In seinen langen Schinken, wenn die Figuren gleichzeitig Menschen charakterisieren sollen, wirkt es stur als Konzept.

„die Figuren verkörpern etwas, man erkennt eben, dass sie etwas darstellen und keine menschliche Wesen sind.“
Dass Dostojewski nicht meins ist, (wie paradox) habe ich hier ja schon einige Male zunehmend feststellen müssen / können. Deine Beschreibung ist vermutlich auch ein wesentlicher Grund bzw. zunehmender Grund für meinen wachsenden Abstand zu seinem Werk. Er meint immer was, will immer was mitteilen, nichts ohne Sendungsbewusstsein. Dass Du die kurzen Werke bevorzugst überrascht mich nicht sehr. Die Weißen Nächte sind halt noch ein Geschichte. In seinen langen Schinken geht für viele durchschnittliche Leser, so wie mich, die Geschichte zunehmend verloren. Er hat Überlängen bis zum abwinken, die bereits beginnen die Story zu erdrosseln. Dann verbrät er zudem noch reichlich eigenständige Geschichten in seinen „Schinken“. Aber nicht die eingesprenkelte Geschichte ist es, sondern noch ein Gedanke, den er mitteilen möchte. Wird aber schwierig, weil im zunehmenden Verlauf er die eigentliche Story noch weiterhin überfrachtet.
Als ich Dostojewski früher gelesen habe, hatte ich vermutlich noch die Power, seine Exkurse gelassen auszublenden und zu meinen, ein Buch könne halt auch erst nach 50 Seiten richtig beginnen. Heute geht weder das eine noch das andere. Ich habe halt seine Storys gelesen, die Dämonen, Schuld und Sühne, das Totenhaus. Und dieses ungeheuerliche Bedeutungsschwangere, auf mehrere Ebenen verteilt, habe ich vermutlich nur im Ansatz wahrgenommen – und bin auch heute nicht zu mehr in der Lage. Das dürfte Dostojewski halt für viele schwer genießbar lassen. Wer aber in der Lage ist, seine Polyphonie in Gänze wahrzunehmen, bekommt eben eine intellektuell hochwertige und zugleich philosophisch ansprechende Konstruktion geboten und kann sie angemessen goutieren.
Inzwischen ist mir auch viel klarer, wie religiös und missionarisch vieles von ihm angelegt ist. Hätte er nicht beschlossen vom Schreiben zu leben und es dann auch noch zu müssen, wären eventuell nur irgendwelche Traktate zustande gekommen. Seine Produkte musste er jedoch am Markt zu einem akzeptablen Preis an den Mann bringen. Und das noch in der Form einer Daily-Soap. So musste er alles noch einigermaßen verpacken. Vermutlich ist deswegen bei Dostojewski ein bisschen mehr los als bei Gontscharow, Tolstoi oder Turgenjew. Gelitten hat halt die literarische Qualität und bringt nicht die Gediegenheit der zuvor Genannten mit. Dostojewski hat sich öfters beschwert, weder ausreichend Zeit noch die ausreichende Muße zum Schreiben wie die anderen zu haben – da hatte er sicherlich völlig recht. Wären diese Umstände jedoch für ihn nicht so prekär ausgefallen, hätte man sicherlich irgendetwas Gutes bekommen, aber alles andere einen Dostojewski. Und in der gesellschaftlichen Wahrnehmung hätte er es nicht annähernd so weit gebracht.
So zumindest, glaube ich es.
Der Bezug Deinem Kommentar?! Sorry - irgendwie verloren gegangen ;- )
www.dostojewski.eu

Zitat von Jatman1 im Beitrag #203
Der Bezug Deinem Kommentar?! Sorry - irgendwie verloren gegangen ;- )
Ja, ja, ich merk schon, du bist doch ein wahrer Dosto-Fan

Aber das kommt ja noch hinzu. Auf der einen Seite sind es diese nicht glaubhaften Figuren, weil sie völlig am Leben vorbei handeln und wirken, es eben reine Typen, Klischees oder Idealisierungen sind. Und auf der anderen Seite dann noch dieser Glämmer, Glitter, das Überladene, selbst jetzt auf 90 Seiten beginnt er damit zu nerven. Ich habe diese Typisierung längst verstanden, aber er erklärt weiter ...
Du hast recht Jatman, vielleicht ist es genau das, was sein Schreiben so schwerfällig macht. Dass er eben Texte oder Intentionen schreibt, die für helle Köpfe schnell erfassbar sind, er aber aufgrund seiner Geldsorgen für die Masse schreiben musste. Drum dieses fortwährende Wiederholen, Ausholen und nochmals umschreiben. Mich nervt das total. Aber der Gedanke ansich, das was er ausdrücken möchte, das interessiert mich sehr wohl, deshalb lese ich ihn ja auch immer wieder. Die Aussagen in seinen Büchern sind tief und philosophisch, eigentlich genau das, was ich mag. Ist scheinbar eine Hassliebe


„selbst jetzt auf 90 Seiten beginnt er damit zu nerven. Ich habe diese Typisierung längst verstanden, aber er erklärt weiter ...“
Ja! Da bin ich zu hundert Prozent bei Dir!
Übrigens bin ich zu dieser Thematik auf eine Textstelle bei Taxine gestoßen, die ich einfach mal von Ihrer Seite klaue:
„Es ist natürlich schon eigenartig, wenn man von der Literatur Wirklichkeit erwartet. Ist nicht jede Figur, streng genommen, trotzdem nur eine Karikatur, so real sie auch gezeichnet sein mag? Vereint sie nicht mehrere Charaktereigenschaften oder eine einzige, dann jedoch überspitzte oder idealisierte in sich?
(. . . ) Die Suche war eine andere, als die bloße Darstellung von Charakteren, auch immer eine selbst erforschende. Seine Figuren dienten ihm eher als Ausdruck bestimmter Eigenschaften.“
Diese Beschreibung trifft in gewissem Grade sicherlich jeden Schreibenden. Und wie Du, Krümel und auch ich empfinde, kann lediglich als störend empfunden werden. Nicht das Prinzip, sonders dessen überstrapazierte Handhabung.
www.dostojewski.eu

@ Taxine
Wenn Du so weitermachst, nein, es ist ja schon so weit. Deine Homepage trägt, ganz Dostojewski-like, noch eine eigene Geschichte, in dem Fall Page, in sich. Die Ausmaße in Sachen Dostojewski, würden theoretisch bereits eine selbstständige Page über Dostojewski ausfüllen können.
So habe ich mir den Text zu den Briefen durchgelesen. Durchaus ansprechend. Gestolpert bin ich über folgendes Stückchen Text:
„Nicht nur ist dieses brüderliche Verhalten ganz allgemein ein Unding am Menschen, aber auch gerade im Blick auf all das, was Dostojewski später für dessen Familie tun wird, zeigen beide Brüder ein ganz unterschiedliches Wesen, aus dem Fjodor M. Dostojewski als großzügiger und besserer Mensch hervorgeht.“
Genau so hätte es Dostojewski sicherlich haben wollen!
Konkret der letzte Halbsatz nach dem letzten Komma. Das scheint mir doch etwas gewagt. Weshalb. Zu Lebzeiten hat Fjodor seinen Bruder ausschließlich für seine eigenen Zwecke instrumentalisiert und unter Druck gestellt. In der Verbannung hat Michail Fjodor hängen lassen, weil ihm diese Pause ausbleibender penetranter Bedrängnis durch Fjodor mal gut getan hat. Kaum hatte Dostojewski in Semipalatinsk etwas Fuß gefasst, griff er wieder nach seinem Bruder. Und der wusste sich nicht zu erwehren.
Nach dem Tode Michails hat Dostojewski sich um Michail Riesen-Schuldenberg gekümmert. Er hätte sich nicht um einen einzigen Rubel bemühen müssen, die Schulden wären schlichtweg verfallen. Damit hätte er sich und eben auch den Hinterbliebenen einen wesentlich größeren Gefallen getan. Mehr Geld für sich und so eben auch für die Hinterbliebenen.
Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass Fjodor Dostojewski durch sein schlechtes Gewissen gegenüber seinem Bruder, aber auch gegenüberseiner Frau (die er nie mochte, weil sie deutscher Abstammung war) sich diesen sinnlosen Frondienst auferlegt hat. In Sachen Selbstdarstellung war er nicht so unbedacht, wie man durch andere Weltfremdheiten von ihm annehmen sollte.
Ich sehe also Dostojewskis Eigensinn in Sachen Bruder somit auch nach dessen Tod schlicht weg fortgeführt. Dass Fjodor unter miserabelsten Bedingungen noch an sie Geld überwiesen hat, ist zu nicht geringen Teilen, der Entscheidung der Schuldenübernahme geschuldet, für die es keinen rationellen Beweggrund gab. Im Gegenteil.
Will man all diesen Erwägungen nicht folgen, sollte man doch eventuell ein pari pari gelten lassen. aber Fjodor im Vergleich, wenn überhaupt statthaft, der bessere Mensch?!
Ich find nö.
www.dostojewski.eu

Sankt Petersburg Weiße Nächte: zu Besuch bei Dostojewskis Urenkel.
in obigem Artikel heißt es: "Fjodor hat drei Dinge für alle seine Nachkommen besiegt: den Alkohol, die Epilepsie und die Spielsucht."
Das macht mich ja ein wenig neugierig. Dostojewski hat nicht abstinent gelebt. Das ist sicher. Dass er jedoch ein Alkohol-Problem gehabt haben soll, wäre mir neu. Aber was weiß ich . . .
Wer weiß weiß mehr
www.dostojewski.eu

Neuer Blog-Eintrag
Einfach mal auf ca. die Hälfte eingeschrumpft. Eigentlich den Versuch wert, es vergleichend zu lesen . . . Vielleicht ist es der Dostojewski, den ich brauche.
Man sieht übrigens, dass bereits 1925 schon Hartz für`s Kürzen zuständig war.
www.dostojewski.eu

Das wär mal eine Idee; "Verbrechen und Strafe" auf 250 Seiten bringen; oder bei "Brüder Karamasow" zwei Brüder unter den Tisch fallen lassen ...
Schade, dass unser Freund Konrad Halver nicht mehr ist; der schaffte es, während seiner EUROPA-Jahre aus dem Grafen von Monte Christo ein 40-Minuten-Hörspiel zu machen; Moby Dick wurde ähnlich eingedampft; für die Geschichtsbücher des Alten Testaments warens immerhin 60 Minuten :-)
Die EUROPA-Hörspiele sagen Dir wahrscheinlich nix ... das waren in der BRD der 70er Jahre unsere Schlüssel zur Weltliteratur ... Konrad Halver war Produzent - und vor allem der perfekte Winnetou-Sprecher. Er hätte sicher in jungen Jahren einen prima Aljoscha abgegeben.

RE: Dostojewski 2
in Die schöne Welt der Bücher 17.02.2013 14:45von Taxine • Admin | 6.701 Beiträge
Zitat von Jatman
Diese Beschreibung trifft in gewissem Grade sicherlich jeden Schreibenden. Und wie Du, Krümel und auch ich empfinde, kann lediglich als störend empfunden werden. Nicht das Prinzip, sonders dessen überstrapazierte Handhabung.
Ihr sucht in Romanen die lebendige Figur, die jederzeit in eine Wirklichkeit gesetzt werden kann. Ich suche wohl im Roman das Konzept, die Metapher, die als Figur ermöglichte Sichtweise einer Gegebenheit. Gerade der "ewige Text" seiner Figuren spricht mich immer wieder an. Bei Dostojewski darf man ruhig tiefer schürfen ...
Zitat von Jatman
Ich habe diese Typisierung längst verstanden, aber er erklärt weiter ...“
Es geht nicht nur um Typisierung. Es geht darum, sich über die Figur einer bestimmten Sichtweise zu bedienen und diese dann ins Extrem zu treiben. Immer wieder bewundere ich, wie gut es Dostojewski gelang, sich ganz und gar in seine Figuren und in jedwede Sichtmöglichkeit hineinzuversetzen und die Bedingungen (bis ans bittere Ende) durchzuspielen. Dass darüber möglicherweise die Lebendigkeit der Figur flöten geht, das stört mich weniger. Ich finde auch Gefallen am reinen Konzept. Andererseits stehen diesen dann wiederum Figuren wie der Staretz Sossima (Brüder Karamasow) gegenüber (eine für mich sehr lebendige Figur, die Dostojewski in dessen Tod dann allerdings erneut zu einem Konzept werden lässt - und wie genial, um den Mönchen ihre eigene Hinterfragung zu ermöglichen, Glaube und Verehrung, Aberglaube und Menschlich-Allzumenschliches.) Und die Figur Stawrogin - die ist und bleibt eine wahnsinnig schöne leere Hülle. Da gibt es kein Hinein, ohne im Vakuum zu enden und das Echo der Enttäuschungen zu vernehmen.
Zu den Brüdern Dostojewski:
Dostojewski hat sich seinem Bruder bedient ... na und? Wenn nicht am Bruder, wo sonst? Der Bruder verweigerte ihm seine Hilfe ja nicht in solchen Situationen und wer sich ausnutzen lässt, trägt dafür eine ganz eigene Verantwortung. Der Bruder verweigerte seine Hilfe in den Zeiten, wo es auf diese ankam und daher ist das auf einmal "Abstand-Suchen" auch eine untragbare Angelegenheit gewesen.
Zitat von Jatman
... aber Fjodor im Vergleich, wenn überhaupt statthaft, der bessere Mensch?!
Ich find nö.
Mag sein. Ich find: doch.
Zitat von fedja
Das wär mal eine Idee; "Verbrechen und Strafe" auf 250 Seiten bringen; oder bei "Brüder Karamasow" zwei Brüder unter den Tisch fallen lassen ...
Dimitri und Iwan? Du bist verrückt. Das würde das Buch wirklich stark begrenzen ...

Art & Vibration
